XII

Zur Vesper ging Peredonoff in die Kirche des Gymnasiums. Er stand hinter

den Schülern und beobachtete aufmerksam wie sie sich betrugen. Einige --

so schien es ihm, -- schwatzten, pufften einander, lachten, flüsterten

und kicherten. Er merkte sich ihre Namen. Doch waren ihrer so viele, daß

es ihm etwas schwer fiel, alle Namen zu behalten, und er ärgerte sich

über sich selber, daß er nicht daran gedacht hatte eine Bleifeder und

Papier von Hause mitzunehmen, um die Schuldigen zu notieren. Ihm tat es

weh, daß die Schüler sich so schlecht betrugen und daß niemand dieses zu

beachten schien, obgleich der Direktor und der Inspektor mit ihren

Frauen und Kindern in der Kirche waren.

In Wirklichkeit verhielten sich die Gymnasiasten still und bescheiden,

-- manche bekreuzigten sich gedankenlos, -- sie dachten vielleicht an

Dinge, welche der Kirche fernliegen, -- andere wieder beteten andächtig.

Ganz selten kam es vor, daß einer seinem Nachbar etwas zuflüsterte,

zwei, drei Worte nur, fast ohne den Kopf zu wenden, -- und jener

antwortete dann ebenso kurz und leise, oder machte nur eine kleine

Bewegung, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln oder lächelte.

Diese kleinen Unregelmäßigkeiten, die vom Gehilfen des aufsichthabenden

Lehrers gar nicht bemerkt wurden, gestalteten sich in Peredonoffs

erregter, doch stumpfer Auffassung zu Exzessen gröbster Natur. Auch wenn

Peredonoff innerlich ruhig war, verstand er nicht -- wie übrigens alle

groben Menschen -- scheinbar unbedeutende Ereignisse richtig zu werten:

entweder übersah er sie vollständig, oder er maß ihnen eine viel zu

große Bedeutung bei. Jetzt aber, wo Furcht und Erwartung ihn heftig

erregten, gehorchte ihm sein Gefühl noch weniger und ganz allmählich

wandelte sich ihm die Wirklichkeit zu einem Wahngebilde feindlicher und

böser Erscheinungsformen.

Aber auch früher, -- was bedeutete ihm sein ganzer Beruf? Doch nicht

mehr als eine umständliche Vorrichtung möglichst viel Papier

vollzuschreiben und mit gelangweilter Stimme Dinge vorzutragen, die

vielleicht einmal das Anrecht darauf gehabt hatten, lebendig genannt zu

werden.

Während seiner ganzen pädagogischen Tätigkeit hatte es Peredonoff in der

Tat nie erfaßt, -- und er hatte auch nie daran gedacht, -- daß auch die

Schüler Menschen sind, genau solche Menschen, wie die Erwachsenen. Nur

jene Gymnasiasten, denen schon der Bart keimte und die nach

geschlechtlichem Verkehr verlangten, erkannte er als gleichberechtigt

an.

Nachdem er die hinteren Reihen beobachtet hatte und viele traurige

Eindrücke gesammelt hatte, ging er ein wenig vor. Da stand rechts ganz

am Ende einer Reihe Sascha Pjilnikoff, er betete andächtig und kniete

oft nieder. Peredonoff beobachtete ihn genau, und besondere Freude

bereitete es ihm, wenn Sascha auf den Knieen lag, als wäre er bestraft,

und auf die glänzenden Altartüren schaute mit einem sorgenvollen,

bittenden Ausdruck im Gesicht mit flehenden, traurigen Augen, die von

langen, tiefschwarzen Wimpern beschattet waren. Er war bräunlich und

schön gewachsen, -- dieses konnte man besonders dann sehen, wen er so

ruhig und grade kniete, als wüßte er, daß ihn jemand scharf beobachtete.

Seine Brust war hoch und breit und Peredonoff glaubte mit Sicherheit

annehmen zu können, daß Pjilnikoff ein Mädchen sei.

Nun beschloß Peredonoff endgültig, heute noch nach der Vesper in die

Pension zu gehen, wo Pjilnikoff lebte.

* * * * *

Man ging aus der Kirche. Den Leuten fiel es auf, daß Peredonoff nicht

wie sonst einen Hut, sondern seine Dienstmütze mit der Kokarde trug.

Rutiloff fragte lachend:

»Warum renommierst du neuerdings mit der Kokarde, Ardalljon

Borisowitsch? Da kann man sehn, wie ein Mensch die Beförderung zum

Inspektor erstrebt.«

»Müssen die Soldaten jetzt vor Ihnen Front machen?« fragte Valerie mit

geheuchelter Einfalt.

»Was für Dummheiten!« sagte Peredonoff böse.

»Du begreifst auch gar nichts,« sagte Darja, »doch nicht die Soldaten!

-- Die Schüler werden jetzt Ardalljon Borisowitsch viel höher achten als

früher.«

Ludmilla lachte. Peredonoff beeilte sich, von ihnen Abschied zu nehmen,

um ihren boshaften Bemerkungen zu entfliehen.

Um Pjilnikoff aufzusuchen, war es noch zu früh und nach Hause wollte er

nicht. Peredonoff ging durch die dunklen Straßen und überlegte, wo er

noch etwa eine Stunde zubringen könne. Es gab so viele Häuser, in

manchen brannte Licht, und aus den geöffneten Fenstern hörte man hie und

da Stimmen. Die heimkehrenden Kirchgänger gingen durch die Straßen und

man hörte, wie Pforten und Türen aufgetan und wieder zugeschlagen

wurden. Ueberall lebten fremde, feindlich gesinnte Leute, und manche von

ihnen brüteten vielleicht gerade über einem Anschlag gegen ihn -- den

Lehrer Peredonoff.

Vielleicht wunderte sich dieser oder jener bereits darüber, daß

Peredonoff zu so später Stunde allein durch die Straßen ging und wohin

er ging. Es schien Peredonoff, als würde er von jemand, der hinter ihm

herschliche, beobachtet. Ihm wurde unheimlich. Er beschleunigte seine

Schritte und ging ziellos weiter.

Er dachte daran, daß wohl in jedem Hause so mancher gestorben war. Und

alle, die in diesen alten Häusern an die fünfzig Jahre gelebt hatten,

sie alle waren gestorben. An einige von den Verstorbenen konnte er sich

noch erinnern.

Wenn ein Mensch stirbt, so sollte man sein Haus gleich verbrennen,

dachte Peredonoff traurig, sonst ist es zu unheimlich.

Olga Wassiljewna Kokowkina, bei der der Gymnasiast Sascha Pjilnikoff in

Pension lebte, war die verwitwete Frau eines Rentmeisters. Ihr Mann

hatte ihr eine Pension und ein kleines Haus hinterlassen; das Haus war

ihr zu groß, und so vermietete sie zwei bis drei Zimmer. Sie liebte es,

besonders Gymnasiasten als Pensionäre zu haben, und es hatte sich so

gefügt, daß immer nette und bescheidene Jungen, die fleißig arbeiteten

und den Gymnasialkursus auch absolvierten, bei ihr gewohnt hatten. In

den andern Schülerpensionen war es meist anders; da lebten oft junge

Leute, die von einem Gymnasium ins andere geschickt wurden und daher

über eine nur mittelmäßige Bildung verfügten.

Olga Wassiljewna war eine ältere Dame; sie hielt sich sehr gerade, war

groß von Wuchs und mager, hatte ein freundliches Gesicht, bemühte sich

aber, es in strenge Falten zu legen. Sascha Pjilnikoff war ein netter,

wohlerzogener Junge. Die beiden saßen am Teetisch. Heute war die Reihe

an Sascha den Saft zu liefern, den er von zu Hause mitgebracht hatte und

den man zum Tee zu essen pflegte. Daher fühlte er sich gewissermaßen als

Gastgeber, bewirtete eifrig Olga Wassiljewna, und seine schwarzen Augen

blitzten dabei vor Freude.

Es läutete, -- und gleich darauf erschien Peredonoff im Speisezimmer.

Die Kokowkina war erstaunt über den späten Besuch.

»Ja, ich wollte mir mal unsern Jungen ansehn,« sagte er, »wie er hier

lebt, was er treibt.«

Die Kokowkina bot Peredonoff ein Glas Tee an; er lehnte ab, denn es war

ihm darum zu tun, den Jungen unter vier Augen zu sprechen und darum

wünschte er im stillen, daß man mit dem Teetrinken bald zu Ende käme.

Endlich war es so weit; man ging in Saschas Zimmer, aber die Kokowkina

blieb und redete ohne Ende. Peredonoff fixierte Sascha, und der schwieg

trotzig.

Nichts wird herauskommen bei diesem Besuch, dachte Peredonoff ärgerlich.

Die Magd bat die Kokowkina, für einen Augenblick herauszukommen. Sie

ging. Sascha blickte ihr traurig nach. Seine Augen wurden matt und die

langen Wimpern schienen das ganze Gesicht zu beschatten. Die Gegenwart

dieses vergrämten Menschen war ihm äußerst peinlich. Peredonoff setzte

sich neben ihn, legte den Arm ungeschickt um seine Schultern und ohne

den Gesichtsausdruck zu verändern, fragte er:

»Nun Sascha, haben Sie heute brav gebetet?«

Sascha blickte verschämt und ängstlich auf Peredonoff, wurde rot und

schwieg.

»Warum antworten Sie denn nicht?« erkundigte sich Peredonoff.

»Ja!« sagte Sascha nach langer Pause.

»Sieh mal an, was für rote Backen du hast,« sagte Peredonoff. »Du bist

ein Mädchen, gesteh es nur? So ein Schlingel!«

»Ich bin kein Mädchen,« sagte Sascha und ärgerte sich über sein

bisheriges trotziges Schweigen. Mit klingender Stimme fragte er: »Worin

sollte ich einem Mädchen ähnlich sehn? Ihre Gymnasiasten sind schuld

daran und necken mich so, weil ich nicht gemeine Worte in den Mund

nehmen will: aber ich werde auf keinen Fall nachgeben und habe auch gar

keinen Grund, Schweinereien zu reden, und außerdem gehört das nicht zu

meinen Gewohnheiten.«

»Die Mama bestraft dich dann?« fragte Peredonoff.

»Ich habe keine Mama,« sagte Sascha, »meine Mama ist schon lange tot;

ich habe eine Tante.«

»Na also die Tante wird dich bestrafen?«

»Natürlich wird sie mich bestrafen, wenn ich Schweinereien rede. Das ist

doch nicht gut!«

»Woher soll es aber die Tante erfahren?«

»Ich will ja selber nicht,« sagte Sascha ruhig, »die Tante kann es weiß

Gott woher erfahren. Ich könnte mich zum Beispiel versprechen.«

»Welche Kameraden von Ihnen gebrauchen unanständige Worte?« fragte

Peredonoff.

Sascha wurde wieder rot und schwieg.

»Na -- sagen Sie's doch,« bestand Peredonoff auf seinem Wunsch, »Sie

sind verpflichtet, es mir mitzuteilen, da gibt es kein Verheimlichen.«

»Ach -- niemand,« sagte Sascha verlegen.

»Aber Sie haben sich doch eben noch beklagt!«

»Ich habe mich nicht beklagt.«

»Ja -- wie können Sie das nur leugnen,« sagte Peredonoff böse.

Sascha fühlte, daß er elend in die Falle gegangen war. Er sagte:

»Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich von einigen Kameraden Mädchen

genannt werde. Aber klatschen will ich nicht.«

»Oho, warum denn nicht?« fragte Peredonoff wütend.

»Es ist nicht anständig,« sagte Sascha und lächelte gezwungen.

»Warten Sie nur, ich werde mit dem Direktor sprechen und dann wird man

Sie zum Reden zwingen,« sagte Peredonoff schadenfroh.

Sascha blickte auf Peredonoff und seine Augen funkelten zornig.

»Nein, bitte Ardalljon Borisowitsch, tun Sie das nicht,« bat er.

Seine Stimme klang abgerissen und hart, so daß man heraushören konnte,

wie schwer ihm das Bitten wurde und daß er lieber freche, drohende Worte

gerufen hätte.

»Nein, ich werde es sagen. Dann werden Sie mal sehen, was das heißt,

Schweinereien zu verheimlichen. Sie hätten sofort klagen sollen. Warten

Sie nur, es wird Ihnen schlimm gehen.«

Sascha war aufgestanden und spielte ganz eingeschüchtert an seinem

Gürtel. Die Kokowkina erschien.

»Ein wohlerzogenes Kind haben Sie da!« sagte Peredonoff böse, »nichts zu

sagen!«

Die Kokowkina erschrak. Eilig ging sie zu Sascha, setzte sich neben ihn

(denn wenn sie erregt war, zitterten ihre Beine) und fragte ängstlich:

»Hat er was Schlimmes getan, Ardalljon Borisowitsch?«

»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Peredonoff mit verhaltener Wut.

»Ja, was gibt es denn, Saschenjka, was hast du getan?« fragte die

Kokowkina und berührte Saschas Ellbogen.

»Ich weiß nicht,« sagte Sascha und weinte.

»Was ist dir nur, was gibt es denn, warum weinst du?« fragte die

Kokowkina.

Sie legte ihre Hand auf des Knaben Schulter, zog ihn an sich und

bemerkte gar nicht, daß ihm das unbequem war. Er war stehen geblieben,

hielt das Taschentuch vor die Augen und schluchzte. Peredonoff erklärte:

»Man lehrt ihn im Gymnasium Schweinereien zu reden und er will nicht

sagen, wer das tut. Er darf das nicht verheimlichen. Sonst lernt er doch

selber alle Gemeinheiten und wird die andern in Schutz nehmen.«

»Aber Saschenjka, Kind, wie konntest du nur! Darf man denn das? Schämst

du dich garnicht!« sagte die Kokowkina verwirrt und ließ den Jungen los.

»Ich habe nichts Schlimmes getan,« schluchzte Sascha, »dafür neckt man

mich grade, daß ich niemals häßliche Worte sage.«

»Wer tut denn das?« wiederholte Peredonoff seine Frage.

»Niemand tut das,« rief Sascha verzweifelt.

»Sehen Sie, wie er lügt!« sagte Peredonoff; »er muß gründlich bestraft

werden. Er muß sagen, wer der Schuldige ist, sonst kommt die ganze

Schule in Verruf und uns sind die Hände gebunden.«

»Verzeihen Sie ihm doch, Ardalljon Borisowitsch,« sagte die Kokowkina;

»er kann doch seine Kameraden nicht angeben? Denken Sie nur, wie sehr

man ihm das verübeln würde.«

»Er ist dazu verpflichtet,« sagte Peredonoff böse, »nur so läßt sich was

dagegen tun, nur so können wir die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.«

»Die Jungen werden ihn verprügeln,« sagte die Kokowkina unsicher.

»Sie werden es nicht wagen. Wenn er feige ist, dann mag er es mir im

Vertrauen sagen.«

»Lieber Junge, sag's ihm im Vertrauen. Niemand wird erfahren, daß du es

gesagt hast.«

Sascha schwieg und weinte. Die Kokowkina zog ihn an sich, umarmte ihn

und flüsterte ihm lange etwas ins Ohr. Er schüttelte nur den Kopf.

»Er will nicht,« sagte die Kokowkina.

»Ruten muß er kriegen, dann wird er schon wollen,« sagte Peredonoff

zornig, »bringen Sie mir eine Rute. Ich will ihn zwingen zu reden.«

»Aber wofür denn!« rief Sascha.

Die Kokowkina stand auf und umarmte ihn.

»Jetzt hast du genug geheult,« sagte sie freundlich, aber ernst,

»niemand tut dir was zuleide.«

»Wie Sie wünschen,« sagte Peredonoff, »in diesem Fall muß ich mit dem

Direktor sprechen. Ich wollte die Sache unter uns abmachen, und es wäre

für ihn vorteilhafter gewesen. Ihr Saschenjka ist wohl auch mit allen

Hunden gehetzt. Wir wissen noch nicht, warum er eigentlich >Mädchen<

genannt wird, -- vielleicht hat es seinen ganz besonderen Grund.

Vielleicht ist er es, der das Laster ins Gymnasium bringt.«

Peredonoff verließ das Zimmer und die Kokowkina begleitete ihn hinaus.

Sie sagte vorwurfsvoll:

»Wie können Sie nur den Jungen mit solchen Sachen in Verlegenheit

bringen. Es ist nur gut, daß er Ihre Worte gar nicht begreift.«

»Adieu, adieu,« sagte Peredonoff böse, »ich werde mit dem Direktor

sprechen. Der Sache muß man auf den Grund kommen.«

Er ging. Die Kokowkina kehrte zurück, um Sascha zu trösten. Er saß

traurig am Fenster und sah auf den Sternenhimmel. Seine schwarzen Augen

blickten schon wieder ruhig, doch seltsam traurig. Die Kokowkina

streichelte seinen Kopf ohne ein Wort zu sagen.

»Ich bin selbst schuld daran,« sagte er, »ich habe mich verschwatzt, und

er hält jetzt fest daran. Er ist so grob. Kein einziger Schüler liebt

ihn.«

* * * * *

Am darauffolgenden Tage bezogen Peredonoff und Warwara endlich ihre neue

Wohnung. Die Jerschowa stand an der Pforte und schimpfte nach Kräften

auf Warwara, und diese suchte ihr in nichts nachzustehen. Peredonoff

hielt sich hinter dem Möbelwagen versteckt.

In der neuen Wohnung mußte ein Priester gleich beim Einzug ein

feierliches Gebet verrichten. Denn Peredonoff hielt es für unerläßlich,

seinen strengen Glaubensstandpunkt auch nach außen hin zu zeigen.

Während der feierlichen Handlung wurde mit Weihrauch geräuchert, und der

schwere Geruch versetzte Peredonoff in eine bedrückte, fast feierliche

Stimmung.

Etwas sehr Merkwürdiges beunruhigte ihn nicht wenig. Von irgendwoher kam

plötzlich ein eigenartiges, ganz unbestimmbares graues Tierchen

gelaufen, ein gespenstisches, flinkes Tierchen. Es schien zu grinsen,

zitterte und drehte sich immerfort um Peredonoff herum. Wenn er die Hand

danach ausstrecken wollte, glitt es geschwind hinter die Tür oder unter

einen Schrank und dann war es gleich wieder da, dieses graue, wesenlose,

gespenstische Geschöpf und zitterte und machte Männchen.

Als die feierliche Handlung ihrem Ende entgegenging, besann sich

Peredonoff und flüsterte eifrig Beschwörungsformeln. Das unheimliche

Tier aber zirpte ganz leise, leise, rollte sich zusammen und verschwand

hinter der Tür. Peredonoff atmete erleichtert auf.

Wie gut, wenn es für immer verschwunden wäre. Aber vielleicht lebt es

ganz in dieser Wohnung, irgendwo unter dem Fußboden und dann wird es

wiederkommen und wird ihn quälen. Peredonoff schauerte.

Warum gibt es diese dämonischen Wesen? dachte er.

Als das Gebet zu Ende war, und als die Gäste sich schon verabschiedet

hatten, mußte Peredonoff immer noch daran denken, wo das gespenstische

Tier sich versteckt haben könnte. Warwara war zur Gruschina gegangen; da

machte sich Peredonoff auf die Suche und durchwühlte alle ihre Sachen.

Vielleicht hat Warwara es in die Tasche gesteckt und mitgenommen? dachte

er, viel Platz braucht es nicht. Es kriecht in die Tasche und wird dort

warten, bis seine Zeit gekommen ist.

Besonders eins von Warwaras Kleidern erregte seine Aufmerksamkeit. Es

war ganz mit Spitzen und Bändern benäht und förmlich dazu geschaffen, um

etwas darin zu verbergen. Peredonoff betrachtete es lange und

untersuchte es, dann schnitt und riß er mit Hilfe eines Messers die

Tasche heraus und warf sie in den Ofen, und dann zerschnitt und

zerfetzte er das Kleid in lauter kleine Stücke. Dumpfe, absonderliche

Gedanken marterten ihn und eine hoffnungslose Verzweiflung zerriß sein

Herz.

Warwara kehrte bald zurück. Peredonoff machte sich noch mit den

Kleiderfetzen zu schaffen. Sie dachte, er sei betrunken und schimpfte

ihn. Peredonoff hörte lange zu, endlich sagte er:

»Was bellst du, Bestie! Du versteckst vielleicht einen Teufel in deiner

Tasche, und ich muß wissen, was hier vorgeht.«

Warwara schäumte. Peredonoff war mit dieser Wirkung zufrieden; er suchte

eilig nach seiner Mütze und ging ins Gasthaus Billard spielen. Warwara

lief ihm ins Vorhaus nach und während Peredonoff seinen Mantel anzog,

schrie sie:

»Du selber trägst einen Teufel in deiner Tasche! Ich habe überhaupt

keine Teufel. Woher sollte ich ihn nehmen; etwa aus Holland unter

Nachnahme verschreiben!«

* * * * *

Der recht jugendliche Beamte Tscherepin -- just derselbe, von dem die

Werschina erzählt hatte, unter welch merkwürdigen Begleiterscheinungen

er durch die Fenster ihres Hauses gelauert hatte, -- machte der

Werschina den Hof, seit sie Witwe geworden war. Sie war nicht abgeneigt,

ein zweites Mal zu heiraten, doch erschien ihr Tscherepin zu

unbedeutend. Tscherepin war infolgedessen sehr aufgebracht. Er ging mit

Freuden auf Wolodins Vorschlag ein die Pforte am Hause der Werschina mit

Teer zu beschmieren.

Er war einverstanden, aber hinterher kamen die Bedenken. Wie, wenn man

ihn ertappte! Das wäre peinlich, er gehörte doch immerhin zum

Beamtenstande. Er beschloß, andere Personen mit dieser Angelegenheit zu

betrauen. So kam es, daß er zwei Halbwüchslinge zweifelhaften Rufes mit

je 25 Kopeken bestach und bei gutem Erfolg ihnen eine Gratifikation von

je 15 Kopeken zusicherte; -- in einer dunklen Nacht war die Sache

geschehen.

Hätte jemand im Hause der Werschina nach Mitternacht ein Fenster

geöffnet, so hätte er hören können, wie Leute barfuß über das Pflaster

liefen, wie sie ganz leise flüsterten -- und dann ein merkwürdig weiches

Geräusch, als würde der Zaun einer Reinigung unterzogen; dann ein leises

Klirren, dieselben Füße laufen eilig davon, immer schneller, immer

schneller, in der Ferne ein unterdrücktes Lachen und lautes Hundegebell.

Aber niemand hatte ein Fenster geöffnet. Und am Morgen ... Die Pforte,

der Gartenzaun, die Umfriedung des Hofes, alles war mit gelblichbraunem

Pech besudelt. An der Pforte standen, ebenfalls mit Pech geschrieben,

unanständige Worte. Alle Vorübergehenden staunten und lachten; die

Neuigkeit verbreitete sich schnell, und viele Neugierige strömten

herbei.

Die Werschina ging erregt im Garten auf und ab, rauchte, lächelte noch

schiefer als sonst und brummte böse. Martha kam garnicht zum Vorschein,

blieb im Hause und weinte. Marie, die Magd, war bemüht, das Pech

abzuwaschen und zankte mit den neugierigen, spottenden Leuten, die

gekommen waren das seltsame Schauspiel zu betrachten.

* * * * *

Noch am selben Tage hatte Tscherepin Wolodin die Namen der Täter

genannt. Wolodin hatte es sofort Peredonoff weitererzählt. Sie beide

kannten die Jungen, die schon wegen ihrer Streiche berüchtigt waren.

Als Peredonoff zum Billardspiel ging, suchte er unterwegs die Werschina

auf. Es war ein trüber Tag. Die Werschina und Martha saßen im Salon.

»Man hat Ihre Pforte mit Pech besudelt --« begann Peredonoff.

Martha wurde rot. Die Werschina erzählte hastig, wie sie am Morgen

aufgestanden wären und bemerkt hätten, daß die Leute über ihren Zaun

lachten, und wie Marie dann das Pech abgescheuert hätte. Peredonoff

sagte:

»Ich weiß, wer es gemacht hat.«

Die Werschina blickte ihn an und verstand nicht.

»Woher wissen Sie das?« fragte sie.

»Ich habe so meine Quellen.«

»Wer ist es denn, sagen Sie doch,« fragte Martha erregt.

Sie sah ganz häßlich aus, denn ihre Augenlider waren vom vielen Weinen

rot und geschwollen. Peredonoff antwortete:

»Schön, ich will es sagen, darum bin ich auch hergekommen. Diese

Halunken müssen exemplarisch gezüchtigt werden. Sie müssen mir nur

versprechen, daß Sie keinem verraten werden, wer Ihnen die Namen genannt

hat.«

»Ja, warum denn eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?« fragte die

Werschina erstaunt.

Peredonoff schwieg bedeutungsvoll, dann sagte er wie zur Erklärung:

»Es sind solche Schufte, daß sie mir den Hals umdrehen würden, wenn sie

hören sollten, daß ich sie angegeben habe.«

Die Werschina versprach zu schweigen.

»Und Sie dürfen auch nicht sagen, daß Sie es von mir haben,« wandte er

sich an Martha.

»Gut, gut, ich werde schweigen,« rief Martha schnell; denn es lag ihr

daran, die Namen der Uebeltäter zu erfahren. Es schien ihr, daß man sie

zu einer schimpflichen, harten Strafe verurteilen mußte.

»Nein, schwören Sie lieber,« sagte Peredonoff vorsorglich.

»Also, bei Gott, ich werde keinem ein Wort sagen!« beteuerte Martha,

»sagen Sie nur schneller wer es war.«

Hinter der Tür aber horchte Wladja. Er war froh, daß er nicht ins

Gastzimmer gegangen war: man hätte ihn sonst zum Stillschweigen

verpflichtet, so konnte er es aber jedermann weitererzählen. Und er

lächelte vor Freude, daß sich ihm hier eine Gelegenheit bot an

Peredonoff Rache zu nehmen.

»Etwa um ein Uhr nachts ging ich gestern durch Ihre Straße nach Hause,«

erzählte Peredonoff; »plötzlich höre ich, jemand macht sich an Ihrer

Pforte zu schaffen. Erst dachte ich, es wären Diebe. Was soll ich

anfangen! Aber schon höre ich, wie sie fortlaufen und gerade auf mich

los. Ich drückte mich an die Wand, daß sie mich nicht bemerken konnten.

Aber ich habe sie erkannt. Der eine hatte einen Maurerpinsel, der andere

einen Eimer. Es waren berüchtigte Schurken, die Söhne des Schlossers

Ardejeff. Während sie vorbeilaufen, höre ich, wie der eine zum andern

sagt: >Die Nacht war nicht umsonst. 55 Kopeken haben wir verdient.<

Schon wollte ich einen packen, aber ich fürchtete mich, weil sie mir die

Fratze mit Pech besudelt hätten, und außerdem hatte ich neue Kleider

an.«

* * * * *

Kaum war Peredonoff gegangen, so begab sich die Werschina zum

Polizeichef, um zu klagen.

Der Polizeichef Mintschukoff schickte einen Schutzmann nach Ardejeff und

dessen Söhnen.

Die Jungen traten keck herein; sie dachten, daß man sie wegen früherer

Streiche zur Rechenschaft ziehen wolle. Der alte Ardejeff hingegen war

von vornherein davon überzeugt, daß seine Söhne wieder irgend eine

Schweinerei begangen hatten. Der Polizeichef erzählte Ardejeff, was

seinen Söhnen zur Last gelegt wurde. Ardejeff murmelte:

»Ich kann mit den Jungen nicht fertig werden. Tun Sie mit ihnen, was

Ihnen recht erscheint; ich habe meine Fäuste an ihnen lahmgeschlagen.«

»Wir sind ganz unschuldig,« sagte der ältere, Nil mit Namen, ein

zerzauster rothaariger Bursche.

»Alles wälzt man auf uns, wenn so was passiert,« sagte der jüngere

weinerlich, er hieß Ilja, war auch zerzaust, aber blond; »einmal haben

wir was Schlimmes getan und da wird alles auf uns geschoben.«

Mintschukoff lächelte süßlich, schüttelte den Kopf und sagte:

»Gesteht lieber!«

»Keine Spur,« sagte Nil grob.

»Keine Spur? Wer hat euch denn 55 Kopeken für die Arbeit gegeben, he?«

Das verwirrte die Jungen. Daran erkannte Mintschukoff, daß sie die

Schuldigen waren, und er sagte der Werschina:

»Natürlich sind sie es gewesen!«

Aber die Jungen leugneten auch jetzt noch. Man schleppte sie in eine

Kammer und gab ihnen eine Tracht Prügel. Da gestanden sie. Aber den

Namen des Auftraggebers wollten sie nicht verraten.

»Wir selber haben es uns ausgedacht.«

Man prügelte sie umschichtig, mit Muße; schließlich sagten sie,

Tscherepin hätte sie bestochen. Dann überantwortete man sie ihrem Vater.

Der Polizeichef sagte zur Werschina:

»Nun haben wir sie gezüchtigt, soll heißen: der Vater hat sie

gezüchtigt, und Sie wissen nun, wer Sie beleidigt hat.«

»Das laß ich dem Tscherepin nicht durchgehen,« sagte die Werschina; »ich

werde ihn verklagen.«

»Dazu kann ich nicht raten,« sagte Mintschukoff bescheiden, »lassen Sie

die Sache auf sich beruhen.«

»Nein,« rief die Werschina, »diese Gemeinheit darf nicht ungestraft

bleiben. Auf keinen Fall!«

»Vor allen Dingen haben wir keine Indizien,« sagte der Polizeichef

ruhig.

»Wie nicht! Die Jungen haben doch gestanden.«

»Das ist ganz einerlei. Vor dem Richter werden sie leugnen, und dort

wird man sie nicht prügeln.«

»Wie können sie leugnen? Die Schutzleute waren doch Zeugen,« sagte die

Werschina schon etwas weniger sicher.

»Was sind das für Zeugen! Wenn man einem Menschen das Fell über die

Ohren zieht, so gesteht er alles, auch Dinge, die er nie getan hat. Es

sind natürlich Halunken, und man hat sie streng bestraft; durch das

Gericht werden Sie aber sicher keine Genugtuung erhalten.«

Mintschukoff lächelte süß und blickte die Werschina ruhig an.

So ging sie denn höchst unzufrieden davon, kam aber nach einigem

Nachdenken zum gleichen Resultat, daß es nämlich sehr gewagt wäre

Tscherepin zu verklagen, und daß dadurch nur überflüssiges Gerede und

ein großer Skandal entstehen würden.

Der kleine Dämon · 第 9 / 36 题