Peredonoff ging zusammen mit der Jerschowa auf den Hof. Er murmelte:
»Ach du Aas!«
Sie schrie aus vollem Halse und war sehr ausgelassen. Dann fingen sie
auf dem Hofe zu tanzen an. Die Prepolowenskaja und Warwara gingen durch
die Küche in die Wohnstube und setzten sich ans Fenster, um zu sehen,
was auf dem Hofe vorging.
Peredonoff und die Jerschowa hatten sich umarmt und tanzten auf dem
Rasen um einen Birnbaum herum. Peredonoffs Gesicht war wie sonst --
stumpf und ganz ohne Ausdruck. Wie auf etwas Leblosem hüpfte die goldene
Brille mechanisch auf seinem Nasenrücken hin und her, ebenso das
kurzgeschorene Haar auf seinem Kopf. Die Jerschowa quiekte, juchzte,
fuchtelte mit den Händen und schwankte. Durchs Fenster rief sie Warwara
zu:
»He da, hochnasige Person, komm doch heraus, -- wollen tanzen! Oder
ekelt dir vor unserer Gesellschaft?«
Warwara wandte sich ab.
»Hol' dich die Pest,« rief die Jerschowa, »ich bin halbtot.« Sie wälzte
sich auf den Rasen und zog Peredonoff nach sich.
So saßen sie und hielten sich umarmt, dann tanzten sie wieder. Das
wiederholte sich etlichemal: bald tanzten sie, bald ruhten sie sich auf
einer Bank unter dem Birnbaum oder einfach im Grase aus.
Wolodin sah aus dem Fenster auf die Tanzenden und amüsierte sich
königlich. Er schüttelte sich vor Lachen, schnitt allerhand Fratzen,
krümmte sich, zog die Knie hoch und frohlockte:
»Das ist ein Hauptspaß, -- zum Wälzen!«
»Verfluchtes Aas!« sagte Warwara geärgert.
»Ein Aas ist sie wohl,« gab Wolodin zu und lachte, »warte nur,
vielliebste Wirtin, ich werde dir schon einen Gefallen tun. Wollen wir
auch den Saal besauen! Jetzt ist es doch egal, heute wird sie nicht mehr
herkommen. Wird sich müdehopsen auf dem Rasen und dann schlafen gehen.«
Und er wälzte sich beinah vor Lachen und sprang wie ein Schaf umher. Die
Prepolowenskaja stachelte ihn an:
»Natürlich! Pawel Wassiljewitsch, Sie müssen jenes Zimmer auch
beschmieren. Was glotzen Sie nach ihr? Und wenn sie auch kommen sollte,
dann kann man ihr einfach sagen, daß sie alles selber in der
Betrunkenheit angerichtet hat.«
Wolodin lief, hüpfend und lachend, in den Saal und machte sich daran,
die Tapeten mit seinen Stiefelsohlen zu bearbeiten.
»Warwara Dmitriewna,« schrie er, »geben Sie doch bitte einen Bindfaden.«
Warwara wackelte wie eine Ente durch den Saal ins Schlafzimmer und
brachte ein verknotetes und zerfasertes Bindfadenendchen. Wolodin machte
eine Schlinge, stellte einen Stuhl mitten in den Saal und befestigte die
Schlinge an dem Lampenhaken in der Decke.
»Das ist für die Wirtin!« schrie er, »sie muß doch was haben, woran sie
sich vor Wut aufhängen kann, wenn Sie ausgezogen sind.«
Beide Damen schrieen vor Lachen.
»Geben Sie ein Stückchen Papier!« rief Wolodin, »und einen Bleistift.«
Warwara stöberte wieder im Schlafzimmer und brachte dann einen Fetzen
Papier und einen Bleistift. Wolodin schrieb: »Für die Wirtin« und
befestigte das Papier an der Schlinge. Dabei machte er die albernsten
Bewegungen. Dann bearbeitete er wieder wie ein Rasender die Wände mit
seinen Sohlen und sein Körper flog von der Erschütterung. Sein Gejohl
und sein blökendes Gelächter füllte das ganze Haus. Der weiße Kater
hatte ängstlich die Ohren angezogen, blinzelte aus dem Schlafzimmer
herüber und wußte augenscheinlich nicht, wohin er flüchten sollte.
Endlich war es Peredonoff gelungen, die Jerschowa abzuschütteln. Er kam
allein zurück. -- Die Jerschowa war in der Tat ganz ermattet schlafen
gegangen und Wolodin empfing Peredonoff mit Schreien und Lachen:
»Jetzt haben wir auch den Saal besaut. Hurra!«
»Hurra!« brüllte Peredonoff und lachte dröhnend und abgerissen, wie aus
der Pistole geschossen.
Auch die Damen schrieen »Hurra«. Die Heiterkeit wurde allgemein.
Peredonoff rief:
»Pawluschka, komm tanzen!«
»Los, Ardalljoscha,« antwortete dummerhaft kichernd Wolodin.
Sie tanzten unter der Schlinge und beide warfen ihre Beine plump in die
Luft. Der Fußboden zitterte unter Peredonoffs schweren Tritten.
»Ardalljon Borisowitsch beliebt zu tanzen,« bemerkte die Prepolowenskaja
und lächelte.
»Es lohnt nicht davon zu sprechen; bei ihm ist alles Laune,« antwortete
Warwara mürrisch, aber sie fand Gefallen an Peredonoff.
Es war ihre aufrichtige Ueberzeugung, daß er hübsch und flott wäre.
Selbst das Dümmste was er tat, schien ihr nachahmenswert.
Sie fand ihn weder ekelhaft, noch lächerlich.
»Wollen wir der Wirtin die Totenmesse singen!« schrie Wolodin. »Geben
Sie ein Kissen!«
»Was der sich alles ausdenkt!« sagte Warwara und lachte.
Sie warf aus dem Schlafzimmer ein Kissen mit schmutzigem Leinwandbezug
heraus. Das Kissen wurde auf die Erde gelegt, es sollte die Wirtin
vorstellen, und sie sangen mit wilder, schreiender Stimme die
Totenmesse. Dann wurde Natalie gerufen. Sie mußte die Drehorgel spielen,
während alle vier unter albernen Bewegungen, die Beine hochwerfend, eine
Quadrille tanzten.
Nach dem Tanze kam Peredonoff in Geberlaune. Eine düstre, trotzige
Begeisterung leuchtete matt aus seinen verschwommenen Augen. Er fühlte
sich von einer fast mechanischen Sicherheit beherrscht, -- vielleicht
infolge der anstrengenden Muskelbewegung. Er zog seine Brieftasche
hervor, zählte einige Scheine ab und warf sie Warwara zu mit
selbstgefälliger, stolzer Miene.
»Da hast du, Warwara,« rief er, »näh dir das Hochzeitskleid.«
Die Geldscheine flatterten zu Boden. Warwara sammelte sie schnell auf.
Diese Art und Weise beschenkt zu werden, kränkte sie nicht. Die
Prepolowenskaja dachte wütend bei sich: »Das wollen wir noch abwarten,
wer siegen wird«, und lächelte perfid. Wolodin kam natürlich nicht
darauf, Warwara beim Geldsammeln behilflich zu sein.
Bald ging die Prepolowenskaja. Im Vorhause traf sie mit einem neuen
Besuch zusammen; es war die Gruschina.
Maria Ossipowna Gruschina war eine junge Witwe und hatte ein
frühzeitig-welkes Aussehen. Sie war schlank, -- und ihre trockene Haut
hatte sich ganz in kleine, sozusagen staubbedeckte Fältchen gelegt. Ihr
Gesicht war nicht unsympathisch, dafür ihre Zähne schmutzig und schwarz.
Sie hatte schmale Hände, lange spinnartige Finger und unsaubre Nägel.
Wenn man sie flüchtig anschaute, sah sie nicht grade schmutzig aus,
machte aber den Eindruck, als scheute sie das Wasser und würde darum
gelegentlich zusammen mit ihren Kleidern ausgeklopft. Man konnte sich
leicht vorstellen, daß eine Staubwolke bis an den Himmel aufgewirbelt
wäre, wenn man sie mit einem Bambus zwei-, dreimal bearbeitet hätte. Die
Kleider schlotterten an ihr in geknüllten Falten, so als wären sie eben
erst aus einem sehr fest verschnürten Packen, in dem sie lange
zusammengepreßt gelegen hatten, genommen worden. Die Gruschina lebte von
einer Rente und erwarb sich den übrigen Unterhalt durch kleinere
Kommissionsgeschäfte und durch Geldverleihen gegen Obligationen. Sie
redete gewöhnlich recht unbescheiden und suchte Herrenbekanntschaft, um
einen Gatten zu finden. Ein Zimmer in ihrem Hause war ständig an
irgendeinen unverheirateten Beamten vermietet.
Warwara begrüßte die Gruschina sehr erfreut: sie hatte irgend ein
Geschäft mit ihr. Die Gruschina und Warwara fingen auch gleich an, über
Dienstboten zu sprechen und kamen so ins Schwatzen herein. Der
neugierige Wolodin setzte sich zu ihnen und horchte. Peredonoff saß
einsam und verdrossen am Tisch und verknüllte mit den Händen einen
Zipfel des Tischtuchs.
Warwara beklagte sich bei der Gruschina über ihre Natalie. Die Gruschina
schlug ihr eine andere Magd vor, die sie sehr zu loben wußte, eine
gewisse Klawdija. Man beschloß, gleich hinzufahren an den
Ssamorodina-Bach. Dort lebte sie nämlich bei einem Akzisebeamten, der in
diesen Tagen in eine andere Stadt versetzt worden war. Warwara zögerte
nur noch des Namens wegen. Ratlos fragte sie:
»Klawdija? Aber wie soll ich sie denn rufen? Etwa Klaschka?«
Die Gruschina riet:
»Rufen Sie sie doch einfach Klawdjuschka!«
Warwara gefiel das. Sie wiederholte:
»Klawdjuschka, djuschka!« und lachte heiser. Es muß nämlich bemerkt
werden, daß man die Schweine in unserer Stadt »Djuschki« zu nennen
pflegt. Wolodin grunzte und alle lachten.
»Djuschka, Djuschenka,« flüsterte Wolodin zwischen lauten Lachanfällen.
Er machte ein dummes Gesicht und reckte die Lippen vor.
Dann grunzte er und betrug sich so lange läppisch, bis man ihm sagte,
daß er langweilig würde. Dann fühlte er sich gekränkt und stand auf, um
sich neben Peredonoff zu setzen. Just wie ein Schaf beugte er seine
rundgewölbte Stirn vor und stierte andauernd auf das befleckte
Tischtuch.
Warwara beschloß gleich auf dem Wege zum Ssamorodina-Bach Stoff für ihr
Hochzeitskleid zu kaufen. In die Kaufläden ging sie immer zusammen mit
der Gruschina; die half ihr beim Treffen der endgültigen Wahl und bei
dem unvermeidlichen Feilschen.
Als Warwara von Peredonoff fortschlich, stopfte sie in die tiefen
Taschen der Gruschina für deren Kinder allerlei Leckerbissen, süße
Pastetchen und Bonbons. Die Gruschina erriet, daß Warwara ihrer Dienste
dringend bedürfe.
Warwara konnte nicht weit gehen wegen ihrer zu engen Schuhe mit den
hohen Absätzen. Sie wurde rasch müde. Daher benutzte sie gewöhnlich eine
Droschke, obwohl die Entfernungen in unserer Stadt nur geringe waren. In
letzter Zeit war sie besonders häufig bei der Gruschina gewesen. Das
hatten die Droschkenkutscher schon gemerkt: ihrer gab es nicht viele,
vielleicht an die zwanzig. Wenn Warwara einstieg, fragten sie garnicht
mehr, wohin sie fahren sollten.
Sie setzten sich in den Wagen und fuhren zu den Herrschaften, bei denen
Klawdija diente, um sich nach ihr zu erkundigen. Die Straßen waren fast
durchweg mit Schmutz bedeckt, obwohl es schon gestern abend aufgehört
hatte zu regnen. Nur selten ratterte die Droschke über kurze,
gepflasterte Straßen, dann versanken die Räder wieder im zähen Schmutz
grundloser Wege. Umso mehr zitterte ununterbrochen Warwaras Stimme,
begleitet vom teilnehmenden Geschwätz der Gruschina.
»Mein Gänserich war schon wieder bei Marfuschka,[3]« erzählte Warwara.
[Fußnote 3: Kosename für »Martha«.]
In teilnehmender Empörung antwortete die Gruschina:
»Sie suchen ihn einzufangen. Will es gerne glauben. Das wäre just ein
Ehemann für dieses Mädel, die Marfuschka. So einen kann sie sich im
Traume wünschen.«
»Ich weiß wirklich nicht, was ich anfangen soll,« klagte Warwara, »er
ist jetzt so widerhaarig, -- gar nicht zu sagen wie. Glauben Sie, es
wirbelt mir im Kopf. Fällt es ihm ein, zu heiraten, dann kann ich auf
die Straße gehen.«
»Nicht doch, liebste Warwara Dmitriewna,« beruhigte die Gruschina,
»glauben Sie das nicht. Nie wird er eine andere heiraten als Sie. Er hat
sich doch an Sie gewöhnt.«
»Manchmal geht er in der Nacht aus, dann kann ich nicht einschlafen,«
erzählte Warwara, »Gott weiß, vielleicht läßt er sich irgendwo trauen.
Manchmal sorge ich mich die ganze Nacht. Alle haben es auf ihn abgesehen
-- die drei Rutiloffschen Stuten, -- sie hängen sich ja an jeden, -- und
Jenkja mit der gedunsenen Fratze.«
Noch lange klagte Warwara, und aus ihrem ganzen Gespräch ersah die
Gruschina, daß sie eine besondere Bitte auf dem Herzen hatte, und schon
im voraus freute sie sich auf eine neue Einnahme.
Klawdija gefiel. Die Frau des Akzisebeamten hatte sie gelobt. So wurde
sie denn engagiert und man sagte ihr, sie hätte noch am selben Abend zu
erscheinen, da der Akzisebeamte schon heute abreisen mußte.
Endlich langten sie bei der Gruschina an. Sie lebte in ihrem eigenen
Häuschen, ziemlich unordentlich, zusammen mit ihren drei kleinen Göhren.
Die waren zerzaust, dreckig, dumm und bösartig wie begossene Welpen. Die
eigentliche Aussprache folgte erst jetzt.
Warwara begann zu erzählen: »Mein Ardalljoschka, der Dummkopf, verlangt,
ich soll wieder an die Fürstin schreiben. Was soll ich ihr denn so mir
nichts dir nichts schreiben; entweder wird sie überhaupt nicht
antworten, oder etwas antworten, was nicht in meinen Kram paßt. Die
Freundschaft ist nicht von weitem her.«
Die Fürstin Woltschanskaja, -- Warwara hatte gelegentlich als
Schneiderin für einfachere Arbeit bei ihr gearbeitet, -- hätte
Peredonoff allerdings nützlich sein können: ihre Tochter war nämlich an
den Geheimen Rat Tschtepkin verheiratet, ein Mann, der im Schulressort
viel zu bedeuten hatte. Schon im vorigen Jahre hatte sie an Warwara als
Antwort auf ihre Bitten geschrieben, daß sie für Warwaras »Bräutigam«
ein gutes Wort einzulegen nicht gewillt wäre; anders verhielte es sich,
wenn sie heiraten würde, dann könnte sie vielleicht gelegentlich ein
Wörtchen zu seinen Gunsten fallen lassen. Peredonoff hatte jener Brief
nicht befriedigt: damit war eigentlich nur eine unbestimmte Hoffnung
gegeben, es war aber nicht direkt gesagt, daß die Fürstin ganz unbedingt
Warwaras Manne den Posten eines Inspektors verschaffen würde. Um diese
Ungewißheit zu klären, waren sie kürzlich nach St. Petersburg gefahren.
Warwara hatte die Fürstin aufgesucht und dann führte sie auch Peredonoff
hin, hatte aber diesen Besuch mit Absicht so lange hinausgeschoben, bis
sie die Fürstin nicht mehr zu Hause trafen: Warwara begriff, daß sich
die Fürstin im besten Fall auf den Rat beschränken würde, sie möchten so
bald als möglich heiraten, vielleicht noch einige unbestimmte
Versprechungen hinzufügen würde, daß sie bei Gelegenheit ein gutes Wort
einlegen wolle, kurz -- Versprechungen, die Peredonoff keineswegs
genügen konnten. So beschloß denn Warwara, Peredonoff die Fürstin nicht
zu zeigen.
»Ich verlasse mich felsenfest auf Sie,« sagte Warwara, »helfen Sie mir,
teuerste Marja Ossipowna.«
»Wie soll ich Ihnen denn helfen, liebes Herz?« fragte die Gruschina,
»Sie wissen doch, Warwara Dmitriewna, daß ich für Sie bereit bin, alles
zu tun, was in meiner Kraft liegt. Soll ich Ihnen vielleicht wahrsagen?«
»Ich weiß doch, was an Ihrer Wahrsagerei dran ist,« sagte Warwara
lachend, »nein, ganz anders müssen Sie mir helfen.«
»Wie denn?« fragte in freudig-reger Erwartung die Gruschina.
»Ganz einfach,« sagte schmunzelnd Warwara, »schreiben Sie einen Brief an
mich, als käme er von der Fürstin. Fälschen Sie ihre Handschrift; ich
werde ihn dann Ardalljon Borisowitsch zeigen.«
»Aber was denken Sie nur, Teuerste! Das geht doch nicht,« beteuerte die
Gruschina und stellte sich empört, »wenn die Geschichte herauskommt, was
soll dann aus mir werden?«
Warwara ließ sich durch diese Antwort keineswegs aus der Fassung
bringen, zog einen verknüllten Brief aus der Tasche und sagte:
»Da habe ich Ihnen gleich den Brief der Fürstin als Mustervorlage
gebracht.«
Die Gruschina sträubte sich lange. Warwara sah klar, daß die Gruschina
ihr Einverständnis geben würde, daß sie nur für diesen Dienst mehr
beanspruchen wolle. Warwara ihrerseits wollte gerade weniger zahlen. Und
nur ganz allmählich erhöhte sie den Bestechungspreis, versprach
verschiedene kleinere Geschenke, ein altes Seidenkleid, und endlich sah
die Gruschina ein, daß Warwara in keinem Fall mehr geben würde. Klagende
Worte ergossen sich aus Warwaras Munde. Die Gruschina tat, als wäre sie
nur aus Mitleid bereit, die Sache zu übernehmen und nahm den Brief.