Das Billardzimmer war dick vollgeraucht. Peredonoff, Rutiloff,
Falastoff, Wolodin und Murin -- ein Gutsherr von hünenhaftem Wuchse und
dummerhaftem Aussehen, Besitzer eines kleinen Gutes, außerdem ein
kapitalkräftiger, unternehmungslustiger Mann --, alle diese fünf hatten
das Spiel beendet und machten sich auf den Heimweg.
Es dämmerte. Auf einem schmutzigen Brettertisch standen viele geleerte
Bierflaschen. Die Spieler, welche während des Spieles viel getrunken
hatten, hatten rote Köpfe und lallten berauscht. Rutiloff war der
einzige, der wie sonst schwindsüchtig-blaß aussah. Er trank auch weniger
als die andern und hätte bei stärkerem Trinken gewiß noch blasser
ausgesehen.
Rohe Schimpfworte flogen durch die Luft. Keiner fühlte sich gekränkt:
man war eben unter Freunden.
Peredonoff hatte, wie fast immer, verloren. Er spielte schlecht Billard.
Trotzdem war sein Gesichtsausdruck unerregt finster, und nur mit Unlust
bezahlte er seine Spielschuld.
Murin rief laut:
»Feuer!«
und zielte mit einem Queue nach Peredonoff. Der schrie auf vor Schreck
und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihm war der dumme Gedanke
gekommen, Murin wolle ihn totschießen. Alle fingen an zu lachen.
Peredonoff brummte ärgerlich:
»Ich kann solche Späße nicht leiden.«
Murin tat es schon leid, daß er Peredonoff erschreckt hatte: sein Sohn
war nämlich Gymnasiast, und da hielt er es für seine Pflicht, auf alle
nur mögliche Art den Gymnasiallehrern zu Gefallen zu sein. Jetzt
entschuldigte er sich bei Peredonoff und bewirtete ihn mit Wein und
Selters. Peredonoff sagte finster:
»Meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Ich bin mit unserem Direktor
nicht zufrieden.«
»Der künftige Inspektor hat Unglück im Spiel,« schrie mit blökender
Stimme Wolodin, »schade um das Geld.«
»Unglück im Spiel, Glück in der Liebe,« sagte Rutiloff lächelnd und wies
seine angefaulten Zähne.
Wegen seines Verlustes im Spiel, dazu noch der Schreck, war Peredonoff
sowieso nicht in rechter Stimmung. Dann fing man an, ihn mit seinem
Verhältnis zu Warwara zu necken. Er rief:
»Ich werde heiraten und Warjka muß hinaus.«
Die Freunde lachten und stichelten:
»Du wirst nicht dürfen.«
»So, meint ihr? noch morgen suche ich mir eine Braut.«
»Was gilt die Wette?« schlug Falastoff vor, »ich setze zehn Rubel.«
Peredonoff tat es aber leid um das Geld; sollte er am Ende verlieren, so
hätte er zahlen müssen. Er kehrte sich ab und schwieg finster.
Am Gartentor trennten sie sich nach verschiedenen Richtungen. Peredonoff
und Rutiloff gingen zusammen. Rutiloff versuchte ihn zu bereden, sofort
eine seiner Schwestern zu heiraten.
»Ich habe alles in Ordnung gebracht,« wiederholte er, »sei ganz
unbesorgt.«
»Das Aufgebot ist noch nicht gewesen,« schützte Peredonoff vor.
»Ich sage dir doch, alles ist in Ordnung,« beteuerte Rutiloff. »Ich habe
einen Popen ausfindig gemacht; der weiß, daß ihr nicht verwandt seid.«
»Es sind keine Marschälle da,« sagte Peredonoff.
»Ach was, es sind keine da! Die Marschälle haben wir im Nu zusammen, ich
schicke einfach nach ihnen und sie werden direkt in die Kirche kommen.
Oder ich werde sie selbst holen gehen. Früher konnte man doch nicht gut,
-- dein »Schwesterchen« hätte Wind gekriegt und uns gestört.«
Peredonoff schwieg still und blickte trübselig zur Seite. Hin und her
sah man im Schatten schweigsame Häuser in träumenden, kleinen Gärtchen
mit morschen Zäunen davor.
»Warte ein wenig an der Pforte,« sagte Rutiloff überredend, »ich werde
dir jede vorführen, welche du nur magst. So hör doch, ich will es dir
gleich beweisen. Ist zwei mal zwei vier oder nicht?«
»Jawohl, vier,« antwortete Peredonoff.
»Also: zwei mal zwei ist vier, darum mußt du eine von meinen Schwestern
heiraten.«
Peredonoff war ganz erstaunt. In der Tat, dachte er, es ist so;
natürlich ist zwei mal zwei vier. Und mit Ehrfurcht blickte er auf den
klugen Rutiloff. Ich werde heiraten müssen! Mit ihm ist nicht gut
Kirschen essen.
Mittlerweile waren sie ans Rutiloffsche Haus gekommen und blieben vor
der Pforte stehen.
»Man kann doch nicht so per Gewalt,« sagte Peredonoff böse.
»Sonderling, sie warten ja nur darauf,« rief Rutiloff.
»Aber ich selber will vielleicht nicht.«
»Na ja, du willst nicht, Schlaukopf. Willst du denn dein lebelang
Junggeselle bleiben?« antwortete Rutiloff sicher, »oder willst du ins
Kloster? Oder ist dir die Warja noch immer nicht widerlich geworden?
Bedenke nur -- ihre Fratze, wenn du ihr auf einmal eine junge Frau ins
Haus führst.«
Peredonoff lachte abgerissen und kurz, aber sofort wurde er wieder
finster und sagte:
»Und außerdem, _sie_ wollen vielleicht garnicht!«
»Geh doch, wie sollten sie nicht wollen, Sonderling,« antwortete
Rutiloff. »Ich gebe dir mein Wort darauf.«
»Sie sind stolz,« sagte Peredonoff.
»Was geht dich das an; noch besser.«
»Sie machen sich über alles lustig.«
»Aber doch nicht über dich,« beteuerte Rutiloff.
»Woher soll ich das wissen.«
»So glaub mir doch, ich will dich nicht betrügen. Sie verehren dich. Du
bist doch nicht irgend ein Narr den man auslacht.«
»Ja, dir soll man glauben,« sagte Peredonoff mißtrauisch. »Nein, erst
will ich mich selbst davon überzeugen, daß sie über mich nicht lachen.«
»Merkwürdiger Mensch,« sagte Rutiloff verwundert, »wie sollten sie sich
überhaupt unterstehen zu lachen? Wie willst du dich davon überzeugen?«
Peredonoff dachte nach und sagte:
»Laß sie gleich auf die Straße herauskommen.«
»Meinetwegen, das geht,« sagte Rutiloff.
»Alle drei auf einmal,« fuhr Peredonoff fort.
»Meinetwegen.«
»Und jede soll sagen, wodurch sie glaubt, mein besonderes Gefallen zu
erregen.«
»Wozu denn das?« fragte Rutiloff erstaunt.
»Da werde ich eben sehen, was sie eigentlich wollen, sonst laß ich mich
am Ende an der Nase herumführen,« erklärte Peredonoff.
»Niemand will dich an der Nase herumführen.«
»Vielleicht wollen sie mich zum Beispiel auslachen,« erklärte
Peredonoff, »laß sie nur herauskommen, wenn sie dann Lust bekommen zu
lachen, dann werde ich sie auslachen.«
Rutiloff überlegte, schob seinen Hut in den Nacken, zog ihn dann wieder
in die Stirn und sagte endlich:
»Also warte jetzt, ich will gehen es auszurichten. Sonderbarer Kauz. Du
komm inzwischen in den Hof, sonst -- der Teufel mag wissen -- kommt noch
jemand gegangen und wird alles sehen.«
»Es ist doch einerlei,« sagte Peredonoff, ging aber doch hinter Rutiloff
durch die Pforte.
Rutiloff begab sich ins Haus zu seinen Schwestern; Peredonoff wartete
unterdessen auf dem Hof.
Im Salon -- einem Eckzimmer -- mit den Fenstern zur Pforte, saßen die
vier Schwestern. Sie hatten alle dieselben Gesichter, glichen dem
Bruder, waren nett anzusehen, rosig und fröhlich. Die verheiratete
Larissa, ruhig, sympathisch und stattlich; die flinke und quicke Darja,
sie war die größte und schmächtigste von den Schwestern; die immer
lachende Ludmilla und die sich zierende Valerie, klein, zart und dem
Aussehen nach zerbrechlich. Sie naschten Rosinen und Nüsse und schienen
aufgeregt etwas zu erwarten, denn sie lachten mehr als gewöhnlich in
Erinnerung an die letzten Klatschgeschichten der Stadt und machten sich
außerdem über Bekannte und Unbekannte lustig.
Vom frühen Morgen an hatten sie sich zur Trauung bereit gehalten. Es
erübrigte, nur ein passendes Brautkleid anzuziehen und den Schleier und
die Blumen anzustecken. Von Warwara wurde überhaupt nicht gesprochen, so
als existierte sie nicht. Aber schon der Umstand, daß sie, die sich
rücksichtslos über alles und jedes lustig machten, die über alle den
Stab brachen, den ganzen Tag lang allein über Warwara kein
Sterbenswörtchen zu sagen wußten, -- schon allein dieser Umstand bewies
zur Genüge, daß ein unangenehmes Erinnern an sie wie ein spitzer Nagel
im Kopfe einer jeden von ihnen bohrte.
»Ich hab ihn hergelockt!« erklärte Rutiloff bei seinem Eintritt in den
Salon, »er steht an der Pforte.«
Ganz erregt sprangen die Schwestern auf und fingen alle mit einmal zu
schwatzen und zu lachen an.
»Da ist nur ein Haken dabei,« sagte Rutiloff und lächelte vielsagend.
»Was denn, was denn?« fragte Darja. Valerie zog ärgerlich ihre schönen,
schwarzen Augenbrauen zusammen.
»Jetzt weiß ich nicht, ob ich's sagen soll?« fragte Rutiloff.
»Nur schneller, schneller,« drängte Darja.
Etwas verlegen erzählte Rutiloff von Peredonoffs Wünschen. Die jungen
Damen fingen zu zetern an und schimpften um die Wette auf Peredonoff.
Aber allgemach wurde aus dem unwilligen Geschrei Lachen und Scherzen.
Darja machte ein finster-erwartungsvolles Gesicht und sagte:
»_So_ wartet er an der Pforte.«
Sie hatte ihn gut und drollig nachgeahmt. Die jungen Damen guckten
durchs Fenster zur Pforte. Darja öffnete das Fenster und rief:
»Ardalljon Borisowitsch! Darf man es durchs Fenster sagen?«
Als Antwort hörte man ihn brummen:
»Nein.«
Darja schloß das Fenster sofort, denn die Schwestern lachten sehr laut
und konnten garnicht mehr aufhören. Dann liefen sie aus dem Salon ins
Speisezimmer, um von Peredonoff nicht gehört zu werden.
Man verstand in diesem fröhlichen Kreise, die trübste Stimmung in Lachen
und Scherzen ausklingen zu lassen, und so manche Angelegenheit wurde
einfach durch einen Scherz gelöst.
Peredonoff stand draußen und wartete. Er war traurig, und ein
unbestimmtes Angstgefühl bedrückte ihn. Er dachte daran, fortzugehen,
aber auch dazu konnte er sich nicht entschließen. Irgendwo in der Ferne
hörte man Musik: das war wohl die Tochter des Adelsmarschalls, die
Klavier spielte. Leise und wiegend zitterten die Töne durch die dunkle,
stille Abendluft; sie stimmten traurig und ließen die Gedanken traumhaft
werden.
Peredonoffs Grübeleien hatten sich zuerst ins Erotische verloren. Er
stellte sich die Rutiloffschen Mädchen in den wollüstigsten Lagen vor.
Aber je länger er warten mußte, desto mehr fühlte er sich enttäuscht, --
warum ließ man ihn überhaupt warten! Und die Musik, die nur ganz wenig
an sein grobes, halberstorbenes Gemüt gerührt hatte, verlor für ihn
allen Reiz.
Und ringsum war es Nacht geworden, still und doch voll Flüstern und
Rauschen. Peredonoff stand innerhalb des Lichtkreises der Lampe, die im
Salon brannte, darum erschien ihm alles noch dunkler. In zwei Streifen
fiel das Licht auf den Hof und wurde breiter und breiter zum
Nachbarzaune hin, dahinter konnte man dunkle Bretterwände sehen. Im
Hintergrunde des Hofes warfen die Bäume des Rutiloffschen Gartens
unheimliche Schatten und flüsterten. Lange Zeit hindurch hörte man
irgendwo in der Nähe auf der Straße langsame, schwere Schritte.
Peredonoff fürchtete sich: während er da wartete, hätte ihn jemand
überfallen und ausrauben, vielleicht sogar ermorden können. Er drückte
sich scheu an die Wand und wartete im Schatten, um nicht gesehen zu
werden.
Mit einmal tauchten in den Lichtstreifen im Hofe lange Schatten auf, man
hörte Türen gehen, und im Flur wurden Stimmen laut.
Sie kommen, dachte er, und sachte regten sich lüsterne Gedanken über die
schönen Schwestern in seinem Hirn, -- tierische Ausgeburten einer
spärlichen Phantasie.
Die Schwestern warteten auf dem Flur.
Rutiloff ging zur Pforte und hielt Ausschau, ob niemand in der Nähe
wäre. Es war nichts zu sehen und nichts zu hören.
»Die Luft ist rein,« flüsterte er seinen Schwestern zu, die Hände als
Sprachrohr benutzend.
Er blieb als Wache auf der Straße stehen. Peredonoff war mit ihm
hinausgegangen.
»Sie werden es gleich sagen,« sagte Rutiloff.
Peredonoff stand gerade an der Pforte und blickte auf die Spalte
zwischen Pforte und Torpfosten. Sein Gesicht war düster, fast
erschrocken, alles Grübeln und Denken in ihm war erloschen und an Stelle
dessen war ein dumpfes, sinnliches Begehren getreten.
Darja kam als Erste an die halbgeöffnete Pforte.
»Womit könnte ich Ihr Wohlgefallen erregen?« fragte sie.
Peredonoff schwieg finster. Darja sagte:
»Ich werde Ihnen ganz besonders schöne Pfannkuchen backen, heiße
Pfannkuchen, nur: ersticken Sie nicht daran.«
Ueber ihre Schultern hinweg beeilte sich Ludmilla zu rufen:
»Ich werde jeden Morgen in die Stadt gehen, werde alle
Klatschgeschichten sammeln und sie Ihnen dann vorerzählen. Das ist
außerordentlich lustig.«
Zwischen den fröhlichen Gesichtern der beiden Schwestern zeigte sich für
einen Augenblick Valeries kapriziöses, schmales Gesichtchen, und ein
feines Stimmchen rief:
»Ich werde auf keinen Fall sagen, was ich Ihnen geben will, Sie müssen
es erraten.«
Die Schwestern liefen lachend davon. Ihre Stimmen und ihr Lachen
verklang hinter der Tür. Peredonoff hatte sich abgewandt. Er war nicht
ganz zufrieden. Er dachte: da haben sie irgendwas geschwatzt und sind
fortgegangen. Hätten sie doch lieber Zettelchen gebracht. Aber dieses
Stehen und Warten dauerte zu lange.
»Hast du sie dir angesehen?« fragte Rutiloff, »welche willst du haben?«
Peredonoff dachte nach. Natürlich, -- entschloß er sich endlich, --
nehme ich die Jüngste. Warum hätte er auch eine Alte heiraten sollen.
»Führ Valerie her,« sagte er bestimmt. Rutiloff ging ins Haus und
Peredonoff begab sich wieder auf den Hof.
Ludmilla spähte verstohlen durchs Fenster, um zu horchen, was sie
sprachen, aber sie konnte nichts hören. Jetzt tönten Schritte auf dem
Hof. Die Schwestern wurden ganz still und saßen aufgeregt und verlegen
da. Rutiloff trat ein und verkündete:
»Er wünscht Valerie. Er wartet an der Pforte.«
Die Schwestern jubelten und lachten. Valerie wurde ein wenig blaß.
»Das ist gut, das ist gut,« wiederholte sie, »ich will ihn schon gerne
nehmen, ich brauche so einen Mann.«
Ihre Hände zitterten. Sie wurde angekleidet, -- alle drei Schwestern
bemühten sich um sie. Wie immer zierte sie sich und trödelte. Die
Schwestern drängten zur Eile. Sie wünschten ihr wohl Glück, beneideten
sie jedoch im stillen. Rutiloff schwatzte unaufhörlich, fröhlich erregt.
Ihm gefiel es, wie schlau er die ganze Sache eingefädelt hatte.
»Hast du schon eine Droschke besorgt?« fragte Darja.
Rutiloff antwortete aufgebracht:
»Konnte ich denn? Die ganze Stadt wäre zusammengelaufen, und Warwara
hätte ihn an den Haaren nach Hause gezerrt.«
»Und wie sollen wir fortkommen?«
»Sehr einfach, bis zum Stadtplatz gehen wir zu Fuß und nehmen dort
Droschken. Als erste fährst du mit der Braut, dann Larissa mit dem
Bräutigam, -- aber bitte nicht alle zusammen, sonst wird es noch in der
Stadt bekannt. Unterdessen fahre ich mit Ludmilla zu Falastoff, die
fahren dann zusammen ab, und ich hole dann den Wolodin.«
Schon aus den Scherzen der Schwestern war zu ersehen, wie sehr Valerie
beneidet wurde; sie wurde gepufft und mit ihrem Trödeln und Sich-Zieren
geneckt. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sagte:
»Was wollt ihr eigentlich? sind die Trauben sauer? Wenn ihr das meint,
dann will ich überhaupt nicht.«
Und sie brach in Tränen aus. Die Schwestern sahen einander an und
versuchten sie durch Küsse und Schmeicheleien zu beruhigen.
»Was weinst du denn, Dummerchen,« sprach Darja, »wir scherzen doch nur.«
Larissa sagte in beruhigendem, zärtlichen Ton:
»Du wirst ihn schon unter den Pantoffel kriegen. Wenn er nur erst
geheiratet hat.«
Allmählich wurde Valerie ruhiger.
Peredonoff stand allein draußen und gab sich lüsternen Gedanken hin. Er
träumte von der Brautnacht: Valerie nackt, verschämt und doch fröhlich
in seiner Umarmung, so schmächtig wie sie war, so subtil ...
Das alles malte er sich aus, während er ein Bonbon nach dem andern aus
seiner Tasche zog und daran lutschte.
Auf einmal fiel es ihm ein, daß Valerie recht kokett wäre. Sie wird ja
Toilette machen wollen -- überlegte er -- und überhaupt Aufwand treiben.
Dann wird es gewiß nicht mehr möglich sein allmonatlich Geld auf die
Sparbank zu tragen, und alles Ersparte wird draufgehn. Und seine Frau
wird Launen zeigen, und -- womöglich -- nicht einen Fuß in die Küche
setzen. In der Küche werden dann die Speisen vergiftet werden, denn
Warja wird sich rächen wollen und die Köchin bestechen. Und außerdem ist
sie mir viel zu mager, dachte Peredonoff. Man weiß überhaupt nicht, wie
man sie anfassen soll. Man kann sie nicht schimpfen, man kann sie nicht
stoßen, man kann sie nicht anspucken. Sie fängt zu schluchzen an und
wird einen vor aller Welt blamieren. Nein, -- es ist unheimlich, sich
mit ihr einzulassen.
Ludmilla ist darin ganz anders. Soll ich sie heiraten? Peredonoff trat
ans Fenster und klopfte mit seinem Stock an das Fensterkreuz. Nach einer
halben Minute steckte Rutiloff seinen Kopf heraus.
»Was willst du?« fragte er beunruhigt.
»Ich habe mich bedacht,« brummte Peredonoff.
Rutiloff trat vom Fenster zurück.
»Satan rundgeborner!« murmelte er und ging zu seinen Schwestern.
Valerie freute sich sehr.
»Es ist dein Glück, Ludmilla,« sagte sie fröhlich.
Ludmilla lachte, sie ließ sich auf einen Sessel fallen und lachte,
lachte, bis ihr der Atem ausging.
»Was soll ich ihm sagen?« fragte Rutiloff, »willst du ihn überhaupt?«
Ludmilla konnte vor Lachen nichts sagen, sie winkte nur mit den Händen.
»Natürlich will sie,« sagte Darja für sie, »sag's ihm nur schnell, sonst
sucht er das Weite ohne die Antwort abzuwarten.«
Rutiloff ging in den Salon und flüsterte durchs Fenster:
»Wart einen Augenblick; sie ist gleich fertig.«
»Aber etwas flinker,« sagte Peredonoff ärgerlich, »was trödeln sie so
lange.«
Ludmilla wurde eilig angekleidet. Nach fünf Minuten war sie fertig.
Peredonoff dachte an sie. Sie ist fröhlich und mollig. Nur eins, sie
liebt zu lachen. Würde sie ihn auslachen? Gräßlicher Gedanke. Darja ist
freilich munter, aber doch solider und ruhiger. Hübsch ist sie auch. Es
ist besser sie zu heiraten. Er klopfte wieder ans Fenster.
»Er klopft wieder,« sagte Larissa, »am Ende gilt es jetzt dir, Darja!«
»So ein Teufel,« schimpfte Rutiloff und lief ans Fenster.
»Was willst du noch?« fragte er böse, »hast du dich wieder bedacht, he?«
»Bring Darja her,« antwortete Peredonoff.
»Das will ich dir eintränken,« flüsterte Rutiloff wütend.
Peredonoff stand und dachte an Darja -- und wieder kam an Stelle des
sinnlichen Wohlgefallens ein Gefühl der Furcht. Sie ist zu lebhaft, zu
dreist, sie wird mich quälen. -- Und was steh' ich hier, worauf warte
ich eigentlich -- dachte er. -- Ich werde mich erkälten. Dort im Graben
am Straßenrand, im Grase beim Zaun hat sich jemand versteckt, der
springt plötzlich auf und wird mich ermorden! Peredonoff hatte große
Angst. Außerdem, überlegte er, bekommen sie keine Mitgift. Irgendwelche
Verbindungen nach oben hin haben sie nicht. Warwara wird bei der Fürstin
klagen. Und der Direktor ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.
Peredonoff ärgerte sich über sich selbst. Was hatte er sich überhaupt
mit den Rutiloffs einzulassen. Es war geradeso, als hätte ihn Rutiloff
behext. Ja wirklich, er muß mich behext haben. Ich muß rasch etwas
dagegen tun.
Peredonoff drehte sich wie ein Kreisel herum, spuckte nach allen Seiten
und murmelte Beschwörungsformeln. Sein Gesicht war ernst und aufmerksam,
als hätte er etwas Wichtiges vor. Dann fühlte er sich leichter und
glaubte gesichert zu sein vor Rutiloffs Zauberkünsten. Sehr energisch
klopfte er mit seinem Stock ans Fenster und flüsterte dabei:
»Wäre es nicht gut, sie zu denunzieren?«
Rutiloff steckte seinen Kopf aus dem Fenster.
»Ich will heute nicht heiraten,« erklärte Peredonoff.
»Aber was ist denn, Ardalljon Borisowitsch, alles ist schon fertig«
versuchte ihn Rutiloff zu überreden.
»Ich will nicht,« sagte Peredonoff energisch, »komm zu mir nach Hause
Karten spielen.«
»Verdammter Teufel!« schimpfte Rutiloff. »Er will nicht heiraten,«
erklärte er den Schwestern, »er hat Angst gekriegt. Aber ich will diesen
Esel schon zähmen. Er bittet mich, bei ihm Karten zu spielen.«
Die Schwestern schrieen und schalten auf Peredonoff.
»Willst du wirklich zu diesem Halunken gehen?« fragte Valerie
aufgebracht.
»Freilich, und zur Strafe werde ich ihn bespielen. Und außerdem soll er
von uns doch nicht loskommen,« redete Rutiloff und bemühte sich dabei,
sehr sicher zu erscheinen, obgleich er sich recht ungemütlich fühlte.
Die Wut der Schwestern auf Peredonoff verwandelte sich allgemach in
große Heiterkeit. Rutiloff war fortgegangen. Die jungen Damen liefen ans
Fenster.
»Ardalljon Borisowitsch!« rief Darja, »warum sind Sie so unentschlossen!
Das geht doch nicht!«
»Herr Sauerampfer!« rief Ludmilla und lachte laut.
Peredonoff war sehr unzufrieden. Seiner Meinung nach hätten die
Schwestern vor lauter Kummer weinen müssen, -- _er_ hatte sie doch
sitzen lassen. »Sie verstellen sich nur,« dachte er und ging schweigend
zum Tore hinaus. Die jungen Damen liefen an die Fenster, welche zur
Straße führten und riefen Peredonoff allerlei böse Worte nach, bis er in
der Dunkelheit verschwunden war.
V
Peredonoff fühlte sich sehr unbehaglich. Auch hatte er keine Bonbons
mehr in der Tasche, und das ärgerte und verstimmte ihn. Rutiloff redete
fast die ganze Zeit über allein, -- er sprach noch immer in Tönen der
Verzückung von seinen Schwestern. Peredonoff unterbrach nur einmal sein
Gerede. Er fragte ärgerlich:
»Hat der Stier Hörner?«
»Freilich, und was weiter?« fragte Rutiloff erstaunt.
»Na, ich will eben nicht Stier sein,« erklärte Peredonoff.
Rutiloff fühlte sich gekränkt und sagte:
»Gewiß, Ardalljon Borisowitsch, du kannst unmöglich ein Stier werden,
weil du ein komplettes Schwein bist!«
»Lüge!« grunzte Peredonoff.
»Nein, ich lüge nicht und ich kann's beweisen,« sagte schadenfroh
Rutiloff.
»Beweis' doch,« verlangte Peredonoff.
»Wart nur, ich will es schon beweisen,« höhnte Rutiloff. Beide
schwiegen. Peredonoff wartete ängstlich; er hatte einen stillen Haß auf
Rutiloff. Plötzlich fragte Rutiloff.
»Hast du einen Fünfer bei dir, Ardalljon Borisowitsch?«
»Ja, aber du kriegst ihn nicht,« antwortete Peredonoff böse.
Rutiloff lachte aus vollem Halse.
»Wie solltest du kein Schwein sein, wenn du einen Fünfer[4] hast,« rief
er vergnügt.
Peredonoff griff erschreckt nach seiner Nase.
»Du lügst,« brummte er, »ich habe keinen Fünfer, ich habe eine ganz
gewöhnliche Fratze.«
Rutiloff lachte noch immer. Peredonoff schielte ärgerlich nach ihm und
sagte:
»Du hast mich heute absichtlich an Bilsenkraut vorbeigeführt und hast
mich behexen wollen, damit ich deinen Schwestern in die Schlingen gehe.
Ich habe schon an einer Hexe genug, da soll ich gleich drei auf einmal
heiraten.«
»Wie du merkwürdig bist,« sagte Rutiloff, »wie kommt es denn, daß das
Bilsenkraut mir nichts anhaben konnte?«
»Du kennst die Gegenmittel,« sagte Peredonoff, »vielleicht hast du mit
dem Munde geatmet und die Nase zugehalten, oder vielleicht hast du
irgendwelche Zaubersprüche dagegen gesagt; ich kenne sowas nicht, wie
man sich vor Zauberei zu schützen hat. Ich bin kein Schwarzkünstler. Ich
war die ganze Zeit im Banne des Bilsenkrauts, bis ich mich dagegen
sicherte.«
Rutiloff lachte.
»Was hast du denn getan«, fragte er.
Aber Peredonoff schwieg bereits.
»Warum hast du dich an die Warwara gekettet?« sagte Rutiloff. »Glaubst
du etwa, es wird dir gut gehen, wenn du durch ihre Vermittlung eine
Stellung bekommst? Sie will dich begaunern.«
[Fußnote 4: Der Fünfer ist eine große russische Kupfermünze. Der
abgeflachte Rüssel des Schweines erinnert daran; daher der Vergleich.]
Peredonoff verstand das nicht.
Sie hat ihren eigenen Vorteil im Auge -- dachte er, -- sie wird es doch
besser haben, wenn sie mit einem höheren Beamten verheiratet ist und
mehr Geld bekommt. Mit andren Worten: sie ist ihm zu Dank verpflichtet,
nicht er ihr. Und in jedem Fall ist es mit ihr bequemer zu leben, als
sonst mit irgend einer Person.
Peredonoff hatte sich an Warwara gewöhnt. Sie erschien ihm
begehrenswert, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil es ihm zum
Bedürfnis geworden war, sie zu quälen. Eine ähnliche Frau hätte er nicht
einmal auf Bestellung bekommen.
Es war spät geworden. In Peredonoffs Wohnung war noch Licht, die hellen
Fenster stachen grell von der dunklen Straße ab.
Am Teetisch saßen Gäste: die Gruschina -- Warwaras alltäglicher Gast --,
Wolodin, die Prepolowenskaja, ihr Mann Konstantin Petrowitsch, ein
stattlicher Vierziger; er war sehr schweigsam, bleich und hatte schwarze
Haare. Warwara hatte sich schön gemacht -- sie trug ein weißes Kleid.
Man trank Tee und plauderte. Wie gewöhnlich, wenn Peredonoff lange
ausblieb, fühlte sich Warwara beunruhigt. Wolodin hatte fröhlich
meckernd berichtet, Peredonoff wäre zusammen mit Rutiloff gegangen. Ein
Grund mehr um Warwaras Unruhe zu steigern.
Endlich erschien Peredonoff und Rutiloff. Sie wurden mit Gelächter und
dummen, zotigen Scherzen empfangen.
»Wo ist der Schnaps?« herrschte Peredonoff Warwara an. Sie sprang auf,
lächelte schuldbewußt und brachte eilig den Schnaps in einer
grobgeschliffenen Karaffe.
»Prost«, brummte Peredonoff.
»Warte doch, die Magd bringt den Imbiß gleich,« sagte Warwara, »he,
Faultier, etwas flinker,« rief sie in die Küche.
Aber Peredonoff hatte den Schnaps schon eingeschenkt. Er murmelte:
»Man soll noch warten! Die Zeit wartet nicht.«
Man trank und aß dazu kleine Saftpasteten.
Zur Unterhaltung der Gäste hatte Peredonoff nur Schnaps und Karten
bereit. Zum Kartenspiel war es noch zu früh, -- man hatte den Tee noch
nicht getrunken, -- also blieb der Schnaps.
Unterdessen war der Imbiß gebracht worden, so konnte man weiter trinken.
Die Magd hatte beim Hinausgehen die Tür nicht geschlossen. Peredonoff
wurde unruhig.
»Ewig ist die Tür sperrangelweit auf«, schimpfte er.
Er fürchtete den Zugwind, -- man hätte sich erkälten können. Daher war
es in der Wohnung stets dumpf.
Die Prepolowenskaja nahm ein Ei.
»Prachtvolle Eier,« sagte sie, »wo kaufen Sie ein?«
Peredonoff antwortete:
»Das sollen Eier sein! Auf unsrem Gut gab es eine Henne, die legte
tagaus tagein zwei große Eier.«
»Große Herrlichkeit,« antwortete die Prepolowenskaja, »als wäre das was
Besonderes, auch ein Grund zum Protzen! Wir hatten im Dorf eine Henne,
die legte täglich zwei Eier und ein Achtel Butter dazu.«
»Akkurat wie bei uns,« sagte Peredonoff, ohne den Witz zu begreifen.
»Was andere Hühner konnten, konnte unsre Henne erst recht. Unsere Henne
war sehr ergiebig.«
Warwara lachte.
»Dumme Witze«, sagte sie.
»Die Ohren faulen ab von solchem Unsinn,« sagte die Gruschina.
Peredonoff sah sie wütend an und gab erbittert zur Antwort:
»Wenn sie faulen, täte man gut, sie abzureißen.«
Die Gruschina wurde verlegen.
»Sie werden gleich ungemütlich, Ardalljon Borisowitsch; immer sagen Sie
sowas!« meinte sie schüchtern.
Die andern lachten mitleidig. Wolodin zwinkerte mit den Augen, runzelte
die Stirn und erklärte:
»Wenn Ihre Ohren faulen, so muß man sie abreißen, sonst wäre es ja
komisch, wenn sie verfaulen und hin und her schlenkern.«
Wolodin zeigte mit den Händen, wie die verfaulten Ohren hin und her
schlenkern würden. Die Gruschina schrie ihn an:
»Sie schwatzen alles nach! Was eigenes wissen Sie nicht zu sagen.«
Wolodin fühlte sich gekränkt und entgegnete mit Würde:
»Ich kann wohl, wenn ich nur will, Marja Ossipowna, da wir aber dabei
sind, uns in größerer Gesellschaft angenehm zu unterhalten, so sehe ich
keinen Grund, warum ich nicht dem Scherze eines anderen beipflichten
sollte. Sollte Ihnen das nicht passen, so tun Sie, was Sie wollen. Wie
Sie uns begegnen, so begegnen wir Ihnen.«
»So ist es recht, Pawel Wassiljewitsch,« ermunterte ihn lachend
Rutiloff.
»Pawel Wassiljewitsch steht immer seinen Mann,« sagte die
Prepolowenskaja und lächelte spöttisch.
Warwara hatte ein Stück Brot geschnitten und behielt das Messer in der
Hand, während sie auf Wolodins scherzhafte Bemerkungen horchte. Die
Messerklinge funkelte. Peredonoff lief es kalt über den Rücken, -- wie,
wenn sie ihn plötzlich niederstoßen würde. Er rief:
»Warwara, leg das Messer fort!«
Warwara zuckte zusammen.
»Was schreist du so,« sagte sie und legte das Messer beiseite. »Wissen
Sie, er sieht immer Gespenster,« erklärte sie dem schweigsamen
Prepolowenskji. Der strich sich den Bart und machte Miene, etwas zu
sagen.
»Das kommt vor«, begann er mit traurig-weicher Stimme, »ich hatte einen
Bekannten, der fürchtete sich vor Nadeln. Ihn plagte die Angst, jemand
würde ihn stechen und die Nadel würde in seine Eingeweide dringen. Und
stellen Sie sich vor, jedesmal wenn er eine Nadel sah, zitterte er ...«
Hatte er einmal angefangen zu reden, so hörte er nicht auf und erzählte
immer wieder dasselbe mit kleinen Aenderungen, bis ihn jemand
unterbrach, um auf ein anderes Thema zu kommen. Alsdann hüllte er sich
wieder in tiefes Schweigen.
Die Gruschina gab dem Gespräch eine Wendung ins Zotige. Sie erzählte von
der Eifersucht ihres verstorbenen Mannes, und wie sie ihn hintergangen
hätte. Dann berichtete sie von einem Klatsch über irgendeine
hochstehende Persönlichkeit und seine Maitresse. Diese hätte einmal auf
der Straße ihren Liebhaber getroffen. Ganz laut ruft sie ihm zu: Guten
Tag, Jeannot! -- Das auf offener Straße! -- erzählte sie.
»Ich werde gegen Sie Anzeige erstatten«, sagte Peredonoff ärgerlich,
»wie darf man sich unterstehen, über Leute von Rang solche Geschichten
zu verbreiten!«
Die Gruschina murmelte erschreckt:
»Ich kann nichts dafür, man hat es mir so erzählt. Ich erzähle es nur
weiter.«
Peredonoff schwieg erbost, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und
trank seinen Tee aus der Untertasse. Er dachte bei sich, daß es im Hause
eines künftigen Inspektors nicht statthaft wäre, unehrerbietig über hohe
Beamte zu reden. Er ärgerte sich über die Gruschina. Auch Wolodin kam
ihm verdächtig vor: merkwürdig oft nannte er ihn Herr Inspektor _in
spe_. Einmal hatte ihm Peredonoff schon gesagt:
»Du beneidest mich wohl, mein Bester! Du wirst es nicht zum Inspektor
bringen, ich wohl.«
Hierauf hatte Wolodin entgegnet, -- und er gab seinem Gesicht ein
überzeugendes Aussehen:
»Jedem das Seine, Ardalljon Borisowitsch -- Sie sind Spezialist auf
_diesem_ Gebiet, ich auf _meinem_.«
»Denken Sie nur, Nataschka ist von uns direkt zum Gendarmerieoberst in
Dienst gegangen,« berichtete Warwara.
Peredonoff fuhr auf; verstört blickte er um sich.
»Du lügst wieder!« sagte er halb fragend.
»Nanu, warum soll ich lügen,« antwortete Warwara, »geh zu ihm hin und
frag ihn doch.«
Diese unangenehme Neuigkeit wußte auch die Gruschina zu bestätigen.
Peredonoff geriet ganz aus der Fassung. Sie würde ihn denunzieren, der
Gendarmerieoberst würde sich das merken und gelegentlich dem Ministerium
Bericht erstatten. Wie fatal!
Peredonoffs Auge blieb an einem Bücherregal haften, welches über der
Kommode hing. Da standen einige gebundene Bücher: dünne Bändchen von
Pissareff und etwas dickere -- »Vaterländische Memoiren«. Peredonoff
erbleichte und sagte:
»Diese Bücher müssen fort, sonst werde ich denunziert.«
Früher hatte Peredonoff diese Bücher zur Schau gestellt, um damit seine
liberale Gesinnung zu zeigen, -- in der Tat war er vollständig
gesinnungslos und hatte nicht die geringste Lust, irgend einem Problem
nachzugehen. Außerdem _standen_ diese Bücher nur bei ihm, er las sie
garnicht. Es war schon lange her, daß er ein Buch zur Hand genommen
hatte -- zum Lesen hatte er keine Zeit, -- aber auch Zeitungen ließ er
nicht kommen, die Tagesneuigkeiten erfuhr er aus Gesprächen. Im übrigen
gab es für ihn eigentlich nichts Wissenswertes, denn nichts in der Welt
interessierte ihn. Ueber Zeitungsabonnenten machte er sich lustig, es
wären Geldverschwender und Tagediebe. Man hätte glauben können, daß ihm
jede Minute kostbar war.
Er ging zum Bücherbrett und flüsterte:
»Das ist bezeichnend für unsere Stadt, alles wird hinterbracht. Hilf
doch, Pawel Wassiljewitsch,« sagte er zu Wolodin.
Wolodin erhob sich. Er machte ein ernstes, verständnisvolles Gesicht und
nahm behutsam die Bücher, welche Peredonoff ihm reichte. Sich selbst
behielt Peredonoff einen kleinen Bücherpacken, Wolodin gab er den
größeren und ging in den Saal. Wolodin hinter ihm her.
»Wohin wollen Sie den Plunder verstecken, Ardalljon Borisowitsch?«
fragte er.
»Das wirst du sehen,« antwortete Peredonoff verdrießlich.
Die Prepolowenskaja fragte:
»Was schleppen Sie da eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?«
Im Fortgehen antwortete Peredonoff:
»Streng verbotene Bücher. Wenn man die sieht, werde ich denunziert.«
Im Saal kniete Peredonoff vor dem Ofen nieder, legte die Bücher auf den
Boden -- Wolodin tat dasselbe -- und schob ein Buch nach dem andern
durch die schmale Ofentür. Wolodin kniete hinter ihm und reichte die
Bücher. Dabei suchte er den sinnenden, verständigen Ausdruck in seinem
Schafsgesicht zu wahren, indem er seine Lippen vorstreckte und seine
rundgewölbte Stirn in Falten legte.
Warwara stand an der Tür und sah zu. Sie lachte und sagte:
»Du bist ein ganzer Narr!«
Aber die Gruschina verwies ihr das:
»Nein, Warwara Dmitriewna. Sagen Sie nicht, die größten
Unannehmlichkeiten können entstehen, wenn da was herauskommt. Vergessen
Sie nicht, er ist Lehrer am Gymnasium. Die Vorgesetzten fürchten sehr,
die Lehrer könnten den Schülern revolutionäre Ideen beibringen.«
Man hatte den Tee getrunken und machte sich ans Pochspiel; alle sieben
setzten sich an den Kartentisch im Saal. Peredonoff spielte sehr eifrig,
aber ohne Erfolg. Bei jedem zwanzigsten Stich verlor er und mußte
zahlen; Prepolowenskji hatte das größte Glück. Er spielte mit seiner
Frau zusammen. Sie hatten bestimmte Zeichen verabredet, Hüsteln, Klopfen
und verständigten sich so über die Karten, welche sie in der Hand
hielten.
Peredonoff hatte heute gar kein Glück. Er beeilte sich, seine Einsätze
zurückzugewinnen, allein Wolodin zögerte im Gegenspiel und bemühte sich,
seine Karten zu halten.
»Pawluschka, sag an,« rief Peredonoff ungeduldig.
Wolodin fühlte sich im Spiel als gleichberechtigte Persönlichkeit, er
machte ein bedeutendes Gesicht und sagte:
»Wie meinst du das eigentlich, freundschaftlich oder wie?«
»Freundschaftlich, freundschaftlich,« entgegnete Peredonoff gedankenlos,
»sag nur schneller an!«
»Es sei denn, ich bin wirklich erfreut, von Herzen erfreut,« redete
Wolodin und lachte froh und dumm, während er sein Spiel ansagte, »du
bist ein Prachtmensch, Ardascha, und ich habe dich sogar aufrichtig
lieb. Freilich hättest du es nicht freundschaftlich gemeint, so wäre es
ein ander Ding. Weil du es aber freundschaftlich meinst, so bin ich
hocherfreut. Zur Belohnung gebe ich dir ein Aß,« sagte Wolodin und
spielte Trumpf.
Peredonoff hatte in der Tat ein Aß, aber nicht Trumpf, daher verlor er
wieder. Geärgert sagte er:
»Du gabst mir ein Aß, aber ich kann's nicht brauchen, du betrügst,«
brummte er, »ich brauchte Trumpf und was hast du mir gegeben? Was fang
ich mit Pik-Aß an?«
Rutiloff wurde witzig:
»Freilich, wozu brauchst du ein Aß, du bist ja selber ein Aas.«
Wolodin meckerte und kicherte:
»Der Inspektor _in spe_ macht eine Wandlung durch: Aß, Aß, Aas.«
Rutiloff schwatzte in einem fort, er erzählte Klatschgeschichten und
Anekdoten recht zweifelhaften Inhalts. Um Peredonoff zu ärgern,
versicherte er, daß die Gymnasiasten sich schlecht betrügen, besonders
jene, welche nicht im Internat lebten: sie rauchen, trinken Schnaps und
stellen jungen Mädchen nach. Peredonoff glaubte das. Und die Gruschina
bestärkte ihn in diesem Glauben. Solche Geschichten bereiteten ihr ein
besonderes Vergnügen: sie hatte nämlich nach dem Tode ihres Mannes die
Absicht gehabt, eine Pension für 3-4 Gymnasiasten einzurichten. Der
Direktor hatte ihr hierzu die Konzession nicht erteilt, trotz
Peredonoffs Fürsprache, -- denn die Gruschina stand in schlechtem Ruf.
Nun begann sie eifrig jene Frauen zu schmähen, welche Gymnasiasten in
Pension hatten.
»Sie bestechen den Direktor,« erklärte sie. »Solche Frauen gehören zum
Gesindel,« sagte Wolodin mit Nachdruck, »beispielsweise meine Wirtin.
Als ich das Zimmer mietete, wurde vereinbart, sie hätte mir jeden Abend
drei Glas Milch zu liefern. Schön, einen Monat, den zweiten, war alles
in Ordnung.«
»Hast du dich nicht besoffen?« fragte Rutiloff lachend.
»Warum sollte ich mich besaufen?« entgegnete Wolodin gekränkt. »Milch
ist ein vorzügliches Nahrungsmittel. Außerdem hatte ich mich daran
gewöhnt, jeden Abend drei Glas zu trinken. Plötzlich werden mir nur zwei
Glas gebracht. Warum denn so? frage ich. Die Magd antwortet: Anna
Michailowna -- sagte sie -- läßt vielmals um Entschuldigung bitten, aber
ihre Kuh -- sagt sie -- gäbe jetzt weniger Milch. Was geht mich das an!
Ich halte mich an meinen Kontrakt. Gesetzt den Fall, ihre Kuh gibt
überhaupt keine Milch mehr, soll ich dann ohne bleiben? Nun, sage ich,
wenn keine Milch da ist, so sagen Sie Anna Michailowna, daß ich um ein
Glas Wasser bitte. Ich habe mich gewöhnt, drei Glas zu trinken, zwei
Glas sind mir zu wenig.«
»Pawluschka ist ein Held,« sagte Peredonoff, »erzähl' doch deine
Geschichte mit dem General.«
Wolodin kam dieser Aufforderung bereitwillig nach. Allein diesmal wurde
er ausgelacht. Gekränkt streckte er seine Unterlippe vor.
Während des Abendessens betranken sich alle vollständig, sogar die
Frauen.
Wolodin machte den Vorschlag, die Tapeten noch ein wenig zu bearbeiten.
Alle freuten sich: unverzüglich ließen sie das Essen stehen, machten
sich an die Arbeit und amüsierten sich wie die Tollen. Die Tapeten
wurden bespuckt, mit Bierresten begossen, man warf Papierpfeile, deren
Spitzen mit Butter beschmiert waren, an die Wände, man schleuderte
kleine Teufelchen, die aus gekautem Brot geknetet wurden, an die Lage.
Dann beschloß man, auf gut Glück Fetzen aus der Tapete zu reißen -- wer
die längsten Streifen zog, gewann. Bei diesem Spiel gewannen die
Prepolowenskjis anderthalb Rubel.
Wolodin verlor. Infolgedessen und auch wohl infolge seiner Betrunkenheit
wurde er plötzlich wehmütig und klagte seine Mutter an. Er machte ein
vorwurfsvolles Gesicht und sprach, aus irgend einem Grunde mit der Faust
zur Erde weisend:
»Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht? Was hab ich
doch für ein elendes Leben! Sie ist nicht meine Mutter, sie hat mich nur
in die Welt gesetzt. Denn eine echte Mutter sorgt für ihr Kind, meine
Mutter hat mich zur Welt gebracht und noch im zartesten Alter in
Kronsinstitute gesteckt.«
»Dafür haben Sie etwas gelernt und Sie können sich unter Menschen sehen
lassen,« sagte die Prepolowenskaja.
Wolodin senkte seine Stirn, wackelte mit dem Kopfe und sagte:
»Nein, nein, was ist an meinem Leben dran, -- es ist ein Hundeleben.
Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht?«
Plötzlich mußte Peredonoff an die Jerli von gestern denken.
»Aha,« dachte er bei sich, »er klagt seine Mutter an, warum sie ihn
geboren hätte, er will eben nicht mehr der Pawluschka von früher sein.
So ist es, so ist es: er beneidet mich. Vielleicht geht er schon jetzt
mit dem Gedanken um, Warwara zu heiraten und in meine Haut zu kriechen,«
so dachte Peredonoff und blickte wehmütig auf Wolodin.
Könnte man ihm doch eine Frau verschaffen?
* * * * *
Im Schlafzimmer, als es schon spät in der Nacht war, sagte Warwara zu
Peredonoff:
»Du denkst wohl, all die jungen Weiber, welche dir nachstellen, sind
schön, weil sie jung sind? Sie sind alle Plunder, ich bin schöner als
sie alle.«
Eilig entkleidete sie sich und entblößte mit einem niederträchtigen
Lächeln auf den Lippen ihren leicht geröteten, schlanken, schönen,
elastischen Körper.
Obwohl sie vor Trunkenheit taumelte und obwohl ihr tierisch-wollüstiger
Gesichtsausdruck jeden lebensfrohen Menschen abgestoßen hätte, so muß
doch zugestanden werden, daß sie einen wunderschönen Körper hatte, einen
Körper so zart, wie man ihn bei Nymphen zu denken liebt und an diesen
Körper schien eine böse Fee den Kopf einer gemeinen Dirne gezaubert zu
haben. Und dieser prachtvolle Leib war für die zwei betrunkenen,
schmutzigen Leute nur ein Mittel, um ihre viehische Lust daran zu
stillen.
So pflegt es oft zu sein und wahrhaftig in unsrem Zeitalter scheint die
Schönheit dazu bestimmt, niedergetreten und mißachtet zu werden.
Peredonoff lachte tierisch, wie er seine Freundin nackt vor sich stehen
sah.
Die ganze Nacht über träumte er von nackten Frauenleibern.
* * * * *
Warwara glaubte, daß die Einreibungen mit Nesseln, welche sie auf den
Rat der Prepolowenskaja anwandte, erfolgreich gewesen wären. Es schien
ihr, als sei sie plötzlich voller geworden.
Alle ihre Bekannten fragte sie:
»Nicht wahr, ich nehme doch zu?«
Und sie dachte im stillen, daß Peredonoff sie nunmehr unbedingt heiraten
würde; er mußte doch sehen, wie sie dicker wurde, und dann würde er
außerdem den gefälschten Brief erhalten.
Peredonoff war lange nicht so hoffnungsfreudig. Er war überzeugt, daß
der Direktor ihm feindlich gesinnt wäre -- und in der Tat der Direktor
des Gymnasiums hielt Peredonoff für einen trägen und unfähigen Lehrer.
Peredonoff seinerseits dachte, der Direktor gäbe den Schülern
Instruktionen, ihn zu mißachten, -- das war natürlich Peredonoffs eigene
grundlose Erfindung. Immerhin festigte das in Peredonoff die
Ueberzeugung, er habe sich vor dem Direktor in acht zu nehmen. Aus
Bosheit machte er sich des öfteren in den höheren Klassen über seinen
Vorgesetzten lustig, und einer ganzen Reihe von Schülern gefiel das.
Jetzt, wo Peredonoff den Plan hatte, Inspektor zu werden, wurde ihm
dieses unfreundliche Verhalten des Direktors doppelt unangenehm.
Gesetzt den Fall, die Fürstin legte sich ins Mittel, so schlägt ihre
Protektion die Ränke des Direktors nieder. Immerhin schien das Spiel
nicht ungefährlich.
Außerdem glaubte Peredonoff in den letzten Tagen noch anderen Leuten
begegnet zu sein, welche ihm nicht wohlwollten und nur zu gerne seine
Hoffnungen auf den Inspektorposten zerstört hätten.
Zum Beispiel Wolodin: nicht umsonst redet er immer wieder vom Inspektor
_in spe_. Auch hat es Fälle gegeben, daß Menschen sich einfach fremde
Namen beilegten und ganz lustig in den Tag hineinlebten.
Freilich, so direkt sich in Peredonoffs Rolle hereinzufinden, dürfte dem
Wolodin schwer fallen, doch war Wolodin trotz seiner Dummheit in seinen
Einfällen unberechenbar. Und es ist ratsam, sich vor einem bösen
Menschen in acht zu nehmen.
Ferner die Rutiloffs, die Werschina mit ihrer Martha, schon aus Neid
Parteigenossen, alle sind sie froh ihm zu schaden. Wie ließ sich das
anstellen? Sehr einfach, man schwärzt ihn bei den Vorgesetzten an und
erklärt, er sei ein unzuverlässiger Mensch.
So kam es, daß Peredonoff sich um zweierlei sorgte; erstens mußte seine
Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben sein, und zweitens mußte er
sich vor Wolodin schützen, indem er ihm eine reiche Heirat vermittelte.
Eines schönen Tages fragte er Wolodin:
»Willst du -- ich werde für dich bei Fräulein Adamenko anhalten? Oder
trauerst du noch um Martha? Ein Monat dürfte doch genügt haben, deinen
Gram zu stillen.«
»Warum soll ich um Martha trauern,« antwortete Wolodin, »ich habe ihr
einen ehrenvollen Antrag gemacht, wenn sie aber nicht will, so ist das
nicht meine Schuld. Ich werde auch eine andere kriegen, oder sollte sich
tatsächlich keine einzige Braut für mich finden? Gott, so was kriegt man
doch an jeder Straßenecke.«
»Ja, aber die Martha hat dich doch abgekorbt,« neckte Peredonoff.
»Ich weiß nicht, was für einen Bräutigam sie erwartet,« sagte Wolodin
beleidigt. »Hätte sie wenigstens eine große Mitgift, aber so --! .. Sie
hat sich in dich vernarrt, Ardalljon Borisowitsch.«
Peredonoff gab ihm einen Rat:
»An deiner Stelle würde ich ihre Pforte mit Teer beschmieren.«[5]
Wolodin kicherte, beruhigte sich aber gleich und sagte:
»Wenn man mich klappt, so wird es Unannehmlichkeiten geben.«
[Fußnote 5: Bedeutet, daß in dem betr. Hause ein Mädchen lebt, das noch
zu haben ist. Im Bilde: die Männer sollen am Teer kleben bleiben.]
»Du brauchst es ja nicht selber zu tun; miete dir doch irgend jemand,«
sagte Peredonoff.
»Bei Gott, es wäre eine gerechte Strafe,« sagte Wolodin begeistert,
»denn wenn sie nicht eine richtige Heirat eingehen will, indessen aber
bei Nacht junge Leute durchs Fenster in ihr Zimmer läßt, -- so hört doch
alles auf. Solche Menschen haben weder Schamgefühl noch Gewissen.«