II

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Fjodor Ssologub

Der

kleine Dämon

Der

kleine Dämon

Roman

von

Fjodor Ssologub

Autorisierte Uebertragung aus dem Russischen

von Reinhold von Walter.

Dritte Auflage.

München und Leipzig

bei Georg Müller

1909

I

Der Festgottesdienst am Nachmittage war aus und die Kirchenbesucher

gingen auseinander. Innerhalb der steinernen, weißgetünchten Umfriedung

standen noch einige Leute unter den alten Linden und Ahornbäumen und

plauderten. Sie hatten Sonntagskleider an und blickten froh aus den

Augen. Es hatte den Anschein, als wäre das Leben in dieser Stadt ein

friedliches und freundliches, -- ja sogar ein fröhliches. Aber das

schien alles nur so.

Bei seinen Freunden stand der Gymnasiallehrer Peredonoff. Seine kleinen,

verquollenen Augen schielten verdrießlich durch die goldene Brille, und

er sagte:

»Sie selbst, die Fürstin Woltschanskaja, hat es der Warja versprochen;

das stimmt jedenfalls. Heiraten Sie ihn nur, hat sie gesagt, dann werde

ich ihm eine Inspektorstelle verschaffen.«

»Wie kannst du denn Warwara Dmitriewna heiraten?« fragte Falastoff; er

hatte ein rotes Gesicht, »sie ist doch verwandt mit dir! Gibt es so ein

neues Gesetz, daß Verwandte[1] heiraten dürfen?«

Alle lachten. Das frische, für gewöhnlich gleichmäßig schläfrige Gesicht

Peredonoffs wurde böse.

[Fußnote 1: Ein nicht wiederzugebendes Wortspiel, denn für »Schwester«

und »Cousine« gilt im Russischen ein Wort.]

»Kusine im dritten Grade,« fuhr er auf und stierte wütend an seinen

Freunden vorbei.

»Hat es die Fürstin dir persönlich versprochen?« fragte Rutiloff. Er war

groß, blaß und stutzerhaft gekleidet.

»Mir nicht, aber Warja,« antwortete Peredonoff.

»Sieh mal an, und das glaubst du?« sagte Rutiloff lebhaft. »Sagen kann

man alles. Und warum bist _du_ nicht bei der Fürstin gewesen?«

»Begreife doch, ich ging zusammen mit Warja hin, sie war aber nicht zu

Hause, nur um fünf Minuten kamen wir zu spät,« erzählte Peredonoff,

»aufs Land war sie gefahren und kommt erst nach drei Wochen zurück; ich

konnte ganz unmöglich so lange warten, mußte hierher zurück wegen der

Prüfungen.«

»Verdächtig ist es doch,« sagte Rutiloff und lachte; dabei sah man seine

angefaulten Zähne.

Peredonoff wurde nachdenklich. Die übrigen verabschiedeten sich, nur

Rutiloff blieb bei ihm stehn.

»Das ist selbstverständlich,« sagte Peredonoff, »jede könnte ich

heiraten, wenn ich nur wollte. Warwara ist nicht die einzige.«

»Natürlich, Ardalljon Borisowitsch, jede würde Sie nehmen,« bestätigte

Rutiloff.

Sie traten aus der Umfriedung heraus und gingen langsam über den

staubigen, ungepflasterten Platz.

Peredonoff sagte:

»Was nur die Fürstin sagen wird; sie wird sich ärgern, wenn ich Warwara

den Laufpaß gebe.«

»Ach was, die Fürstin,« sagte Rutiloff, »was hast du mit der zu

schaffen! Vor allem soll sie dir die Stelle besorgen, nachher kannst du

dich immer noch herauslügen. Wie stellst du dir das eigentlich vor, so

einfach ins Blaue herein, ohne jede Sicherheit!«

»Das ist richtig,« gab Peredonoff nachdenklich zu.

»So sag es auch der Warja,« beredete Rutiloff, »in erster Linie die

Stelle; weiß Gott, großes Vertrauen habe ich nicht zu der Sache. Hast du

aber die Stelle, dann heirate doch wen du willst. Nimm doch eine von

meinen Schwestern; drei sind da, wähle ganz nach Belieben. Es sind

gebildete, kluge Mädchen; ohne zu prahlen, aber so wie Warwara sind sie

nicht. _Die_ reicht ihnen nicht das Wasser!«

»So,« brummte Peredonoff.

»Freilich. Was ist an deiner Warwara? Hier, riech mal.«

Rutiloff bückte sich, pflückte ein behaartes Bilsenkraut, zerquetschte

die Blätter und die schmutzigweißen Blüten in seiner Hand, zerrieb alles

und hielt diesen Brei Peredonoff vor die Nase. Der schnitt eine

Grimasse, so unangenehm schwer war der Geruch. Rutiloff sagte:

»Zum Zerquetschen und zum Fortwerfen, das ist die ganze Warwara. _Sie_

-- und meine Schwestern! Lieber Freund, das ist ein gewaltiger

Unterschied. Fesche Mädels durch und durch, -- gleichviel welche von den

dreien, schlafen wird dich keine lassen. Dabei jung, sogar die älteste

ist dreimal jünger als deine Warwara.«

Das alles sagte Rutiloff, seiner Art nach, schnell und fröhlich,

lächelnd; -- er machte einen schwindsüchtigen Eindruck: so

hochaufgeschossen, schmalbrüstig, zerbrechlich, wie er war und unter

seinem neumodischen Hute starrte fast traurig dünnes, kurzgeschorenes

Blondhaar hervor.

»Ach geh doch, dreimal jünger ...« sagte Peredonoff teilnahmlos. Er nahm

seine goldene Brille ab und wischte an den Gläsern.

»Freilich ist es so,« sagte Rutiloff lebhaft. »Sieh nur zu und schlaf

nicht, solange ich noch lebe, sonst -- du weißt, sie haben auch ihre

Ehre, -- dann wirst _du_ später wollen, nur zu spät. Allerdings weiß

ich, daß jede von ihnen dich mit größtem Vergnügen heiraten würde.«

»Ja, hier verlieben sich alle in mich,« prahlte Peredonoff.

»Nun sieh mal, ergreife den Augenblick,« überredete Rutiloff.

»Mir kommt es vor allem auf eines an: sie darf nicht mager sein,« sagte

Peredonoff mit einem leisen Ton von Schwermut, »ich möchte eine

dickere.«

»Da kannst du ruhig sein,« sagte Rutiloff eifrig. »Sie sind schon jetzt

ziemlich rundlich. Haben sie noch nicht den nötigen Umfang, so ist das

gewiß nur zeitweilig. Wenn sie heiraten, gehen sie alle in die Breite.

Zum Beispiel die älteste: Larissa, du weißt ja, sie ist dick wie ein

gemästeter Karpfen.«

»Ich würde ja heiraten,« sagte Peredonoff, »ich bin nur bange vor dem

großen Skandal, den Warja inszenieren könnte.«

»Du fürchtest einen Skandal? Dann mach es so,« und Rutiloff lächelte

listig, »heirate gleich, heute noch, oder morgen: dann kommst du nach

Hause mit deiner jungen Frau, -- es ist so einfach. Nein -- wirklich, --

willst du, ich werde alles Nötige besorgen, zu morgen Abend,

meinetwegen? Welche willst du haben?«

Peredonoff lachte auf einmal aus vollem Halse, abgerissen und laut.

»Na, paßt es dir, -- bist du einverstanden -- ja?« fragte Rutiloff.

Ebenso plötzlich hörte Peredonoff zu lachen auf und sagte finster,

leise, fast flüsternd:

»Die Kanaille wird mich angeben.«

»Sie wird dich nicht angeben, da ist ja nichts zum Angeben,« beteuerte

Rutiloff.

»Oder vergiften,« flüsterte voller Angst Peredonoff.

»Ich sag dir doch, verlaß dich auf mich,« beredete Rutiloff, »ich werde

dir alles tadellos einrichten.«

»Ohne Mitgift werde ich doch nicht heiraten,« schrie Peredonoff böse.

Rutiloff war nicht erstaunt über den neuen Gedankensprung seines

finstren Parten.

Immer gleich eifrig antwortete er:

»Merkwürdiger Mensch; glaubst du denn, daß sie ohne Mitgift sind! Also

-- ist es abgemacht -- ja? Hör -- ich werde laufen und alles einrichten.

Nur eins, merke wohl: keinem ein Sterbenswörtchen von der Sache! --

hörst du -- keinem einzigen!«

Er schüttelte Peredonoff die Hand und eilte davon. Peredonoff blickte

ihm schweigend nach. Er dachte an die Rutiloffschen Mädchen: so lustig

waren sie, so komisch. Ein unkeuscher Gedanke wurde zu einem gemeinen

Lächeln auf seinen Lippen, -- aber nur für einen Augenblick, dann

verschwand es wieder. Eine dunkle Unruhe erfaßte ihn.

Was nur die Fürstin sagen wird, dachte er. Die da haben die Groschen,

aber keine Protektion, -- heirate ich Warwara, so erhalte ich den

Inspektorposten, später wird man mich zum Direktor ernennen. --

Er blickte dem eifrig davoneilenden Rutiloff nach und dachte

schadenfroh: Mag er nur laufen! Und dieser Gedanke gab ihm ein welkes

und schattenhaftes Vergnügen. Es wurde ihm langweilig, allein zu sein,

er drückte den Hut in die Stirn, runzelte die blonden Augenbrauen und

ging schnell nach Hause durch öde, ungepflasterte Straßen, auf denen

weißblumiges, kriechendes Mastkraut, Kresse und in Schmutz getretenes

Gras wucherten.

Jemand rief ihn schnell und leise.

»Ardalljon Borisowitsch, kommen Sie zu uns.«

Peredonoff blickte aus düstern Augen auf und sah böse über das Gitter.

Hinter einem Zaun im Garten stand Natalja Afanasjewna Werschina, eine

kleine, dürre, dunkelfarbige Person, ganz in Schwarz gekleidet und

schwarz waren auch ihre Augen und ihre Brauen. Sie rauchte eine

Zigarette aus einem kleinen dunkelfarbigen Weichselrohr und lächelte so

leichthin, als wüßte sie um Angelegenheiten, von denen man nicht

spricht, über die man aber lächelt. Weniger mit Worten, als mit

leichten, schnellen Bewegungen rief sie Peredonoff in ihren Garten; sie

öffnete das Pförtchen, trat zur Seite, lächelte bittend, fast

vertrauensvoll und bedeutete mit den Händen: Tritt doch ein, was stehst

du da.

Und Peredonoff trat ein: er fügte sich ihren magischen, lautlosen

Bewegungen. Dann blieb er sofort auf dem Kieswege stehen, auf dem

trocknes Reisig umherlag, -- und sah nach der Uhr.

»Es ist Frühstückszeit,« brummte er. Die Uhr gehörte ihm schon lange,

aber wie immer in Gegenwart anderer, blickte er voll Wohlgefallen auf

den großen, goldenen Doppeldeckel. Es war zwanzig Minuten vor zwölf.

Peredonoff entschloß sich, kurze Zeit zu bleiben. Verdrießlich ging er

auf den Gartenwegen hinter der Werschina her, vorüber an kahlen

Johannisbeersträuchern, an Himbeerbüschen und Stachelbeerstauden. Reifes

Obst und späte Blumen ließen den Garten ganz bunt erscheinen. Da waren

verschiedene Fruchtbäume, Sträucher und Laub: niedrige weitverzweigte

Apfelstämme, rundblättrige Birnbäume, Linden, Kirschen mit ihren

glatten, glänzenden Blättern, Pflaumen und Je-länger-je-lieber. In den

Hollunderbüschen leuchteten rote Beeren. Am Zaune wucherte dichtgesätes,

sibirisches Geranium: ganz kleine blaßrosa Blüten mit purpurfarbenem

Geäder. Silberdisteln reckten aus den Büschen ihre dunkelroten,

stachligen Köpfchen. Ganz hinten stand ein kleines, graues Holzhaus, ein

Einfamilienhaus, mit einem breit in den Garten vorgebauten Flur. Es sah

lieb und wohnlich aus. Hinter dem Hause konnte man ein Stückchen vom

Gemüsegarten sehen. Da schaukelten vertrocknete Mohnkapseln im Winde,

und große, gelblichweiße Maßliebchen; halbwelke Kronen gelber

Sonnenblumen nickten leise. Mitten unter Küchenkräutern streckten sich

weiße Schierlingsdolden und bleicher, purpurfarbener Storchschnabel. Da

blühte blaßgelber Hahnenfuß und niedriger Löwenzahn.

»Waren Sie im Vespergottesdienst,« fragte die Werschina.

»Ja,« antwortete Peredonoff ärgerlich.

»Eben kam auch Martha zurück,« erzählte die Werschina, »sie geht oft in

unsere Kirche. Das kommt mir so komisch vor: um wessentwillen gehen Sie

eigentlich in _unsere_ Kirche, Martha? fragte ich. Sie wurde rot und

schwieg. Kommen Sie, wollen wir uns in die Laube setzen,« sagte sie

schnell und ohne jeden Uebergang.

Im Schatten eines breitastigen Ahornbaumes stand eine ganz alte, graue

Laube, -- drei Stufen führten hinauf, -- es war nur eine bemooste Diele,

ein niedriges Geländer und sechs plumpe, geschnitzte Säulen, die das

sechsseitig abfallende Dach stützten.

In der Laube saß Martha, noch im Sonntagskleide. Es war hell, mit

Bändern verziert und stand ihr nicht. Kurze Aermel ließen ihre eckigen,

roten Ellenbogen und die großen, starken Hände frei. Martha war übrigens

nicht häßlich. Ihre Sommersprossen verunzierten sie nicht. Sie galt

sogar für recht hübsch, besonders unter den Polen, ihren Landsleuten,

und Polen gab es nicht wenige in der Stadt.

Martha drehte Zigaretten für die Werschina. Ungeduldig wartete sie

darauf, daß Peredonoff sie ansehen würde, und wie er dann entzückt sein

würde. Dieser Wunsch war in einer Miene unruhiger Liebenswürdigkeit auf

ihrem gutmütigen Gesichte zu lesen. Das hatte seinen einfachen Grund

darin, daß Martha in Peredonoff verliebt war. Die Werschina wollte sie

an den Mann bringen, denn Marthas Familie war groß. Schon vor einigen

Monaten, bald nach dem Begräbnis des altersschwachen Mannes der

Werschina, war Martha zu ihr gezogen. Sie wollte sich der Werschina

dankbar erweisen für alle erwiesene Freundlichkeit, auch für all das,

was für ihren Bruder getan wurde. Er war Gymnasiast und lebte ebenfalls

als Gast bei der Werschina.

Die Werschina und Peredonoff kamen in die Laube. Peredonoff grüßte

verdrießlich und setzte sich; er suchte sich einen Platz aus, der durch

eine der Säulen Schutz vor dem Winde bot, er wollte seine Ohren vor dem

Zugwinde schützen. Er blickte auf Marthas gelbe Schuhe, die mit rosa

Ponpons verziert waren und dachte dabei, daß man ihn zum Heiraten

einfangen wolle. Das dachte er aber immer, wenn er junge Damen sah, die

zu ihm liebenswürdig waren. An Martha sah er nur Nachteiliges, -- viele

Sommersprossen, große Hände, dazu noch die grobe Haut. Er wußte, daß ihr

Vater, ein kleiner polnischer Edelmann, sechs Werst vor der Stadt ein

Gesinde in Pacht hatte; kleine Einkünfte und viele Kinder; Martha hatte

das Progymnasium absolviert, der Sohn besuchte noch das Gymnasium und

die übrigen Kinder waren noch jünger.

»Kann ich Ihnen Bier anbieten?« fragte die Werschina.

Auf dem Tische standen Gläser, zwei Flaschen Bier, Grieszucker in einer

Blechdose und daneben lag ein vom Bier benetztes Löffelchen aus

Melchiormetall.

»Werde trinken,« sagte kurz angebunden Peredonoff. Die Werschina blickte

auf Martha. Martha füllte ein Glas, rückte es zu Peredonoff und dabei

spielte auf ihrem Gesicht ein merkwürdiges Lächeln, halb erschrocken,

halb freudig. Die Werschina sagte rasch -- so, als hätte sie die Worte

ausgestreut:

»Tun Sie Zucker ins Bier?«

Martha reichte Peredonoff die Blechdose mit dem Zucker. Aber Peredonoff

sagte ärgerlich:

»Nein, das ist eine Schweinerei, Bier mit Zucker.«

»Nicht doch, es schmeckt sehr gut,« sprach eintönig und rasch die

Werschina.

»Sehr gut schmeckt es,« sagte Martha.

»Es ist eine Schweinerei«, wiederholte Peredonoff und blickte böse auf

den Zucker.

»Wie Sie wollen,« sagte die Werschina und im selben Tonfall, ohne eine

Pause zu machen, ohne jeden Uebergang redete sie von anderen Dingen:

»Tscherepin wird langweilig,« sagte sie und lachte.

Auch Martha lachte, Peredonoff blickte gleichgültig drein: er nahm

keinen Anteil an fremden Angelegenheiten, er liebte die Menschen nicht

und dachte nie anders an sie, als in Verbindung mit seinem eignen

Nutzen. Die Werschina lächelte selbstzufrieden und sagte:

»Er glaubt, ich würde ihn nehmen.«

»Er ist ungeheuer frech,« sagte Martha, nicht darum, weil sie das

dachte, sondern weil sie der Werschina etwas Schmeichelhaftes und

Angenehmes sagen wollte.

»Gestern lauerte er am Fenster,« erzählte die Werschina. »Er hatte sich

in den Garten geschlichen, als wir zu Abend speisten. Unter dem Fenster

stand eine Wassertonne; wir hatten sie in den Regen gestellt, und sie

war voll bis an den Rand. Obendrauf lagen Bretter, so daß man das Wasser

nicht sehen konnte. Er kriecht hinauf und guckt durchs Fenster. Bei uns

brennt die Lampe, so daß er uns sah, wir ihn aber nicht. Auf einmal

hören wir ein Getöse. Ganz erschreckt laufen wir hinaus. Und das war er;

direkt ins Wasser gefallen. Aber noch bevor wir hingekommen waren, hatte

er, naß wie er war, das Weite gesucht, -- und nur auf dem Wege eine

feuchte Spur hinterlassen. Und außerdem erkannten wir ihn noch an seinem

Rücken.«

Martha lachte fein und fröhlich, so wie ein gut gesittetes Kind lachen

muß. Die Werschina hatte alles schnell und eintönig erzählt, als streute

sie die Worte, -- so pflegte sie immer zu sprechen, -- plötzlich schwieg

sie still, saß ganz ruhig da und lächelte mit dem einen Mundwinkel,

dabei legte sich ihr dürres, dunkles Gesicht in lauter Falten und ihre

vom Zigarettenrauchen geschwärzten Zahnreihen waren leicht geöffnet.

Peredonoff dachte nach und auf einmal lachte er. Das war immer so. Er

verstand einen Witz nie gleich, er war schwerfällig und stumpf für neue

Eindrücke.

Die Werschina rauchte eine Zigarette nach der andern. Ohne Zigaretten

konnte sie nicht leben.

»Wir werden bald Nachbarn sein,« erklärte Peredonoff.

Die Werschina warf einen schnellen Blick auf Martha. Diese wurde ein

wenig rot, blickte in banger Erwartung auf Peredonoff und sah dann

sofort wieder in den Garten.

»Sie ziehen um?« fragte die Werschina, »warum denn?«

»Ich lebe zu weit vom Gymnasium,« erklärte Peredonoff.

Die Werschina lächelte ungläubig. Sie dachte nämlich, daß Peredonoff in

die Nähe von Martha ziehen wolle.

»Aber Sie leben doch schon seit einigen Jahren in der Wohnung,« sagte

sie.

»Außerdem ist meine Wirtin ein Aas,« sagte Peredonoff wütend.

»Wirklich?« fragte die Werschina ungläubig und lächelte schief.

Peredonoff wurde lebendiger.

»Neue Tapeten hat sie angekleistert, ganz gemeine Tapeten,« berichtete

er, »kein Stück paßt zum andern. So ist im Speisezimmer über der Tür ein

ganz anderes Muster; -- überall im Zimmer sind gewundene Linien und

Blumen, über der Tür aber glatte Streifen mit Nelken darauf. Außerdem

eine ganz andere Farbe. Wir hatten es zuerst gar nicht bemerkt, da kam

eines Tages Falastoff und lacht. Jetzt lachen alle darüber.«

»Das glaub ich, so eine Gemeinheit,« stimmte die Werschina bei.

»Wir sagen ihr nichts davon, daß wir ausziehen,« sagte Peredonoff, und

ließ dabei seine Stimme sinken. »Sobald wir eine Wohnung finden, ziehen

wir um, aber sie darf es nicht wissen.«

»Das ist selbstverständlich,« sagte die Werschina.

»Sonst macht sie uns einen Skandal,« sagte Peredonoff, und seine Augen

blickten furchtsam. »Da soll man ihr noch für einen Monat den Zins

zahlen; für so ein Loch.«

Peredonoff lachte aus vollem Halse vor lauter Freude, daß er ausziehen

würde ohne den Zins bezahlt zu haben.

»Sie wird ihn eintreiben lassen,« bemerkte die Werschina.

»Mag sie, sie bekommt nichts,« sagte Peredonoff trotzig. »Wir waren nach

Petersburg gefahren und während der Zeit stand die Wohnung leer.«

»Ja, aber die Wohnung gehörte doch Ihnen,« sagte die Werschina.

»Was ist denn dabei. Sie mußte renoviert werden; sind wir denn

verpflichtet, für eine Zeit zu zahlen, in der wir die Wohnung gar nicht

benutzen konnten? Und dann vor allem, -- sie ist unglaublich frech.«

»Na, frech ist Ihre Wirtin darum, weil Ihr ... Schwesterchen ein etwas

zu heftiges Temperament hat,« sagte die Werschina mit einer leichten

Betonung auf dem Worte »Schwesterchen«.

Peredonoff runzelte die Stirn und blickte mit halbverschlafenen Augen

stumpf vor sich hin. Die Werschina fing von andern Dingen zu reden an.

Peredonoff zog aus seiner Tasche ein Bonbon, wickelte es aus der

Papierhülle und kaute es. Zufällig blickte er auf Martha und dachte

dabei, daß sie ihn beneide, und daß auch sie gern ein Bonbon essen

würde.

Soll ich ihr geben oder nicht, dachte Peredonoff, -- nein, wozu. Oder

soll ich ihr doch geben, sonst denken sie am Ende ich wäre geizig. Sie

werden denken: er hat so viele, seine Taschen sind ganz voll.

Und er zog eine Handvoll Bonbons aus der Tasche.

»Da haben Sie,« sagte er und reichte die Bonbons erst der Werschina,

dann Martha, »es sind gute Bonbons, sie sind teuer; dreißig Kopeken habe

ich für das Pfund gezahlt.«

Sie nahmen je ein Stück. Er sagte:

»Nehmen Sie doch mehr. Ich habe viele, und die Bonbons sind gut, --

etwas Schlechtes werde ich nicht essen.«

»Danke, ich will nicht mehr,« sagte die Werschina rasch und ohne

Ausdruck.

Und dasselbe wiederholte dann Martha, nur ein wenig unsicher. Peredonoff

blickte sie mißtrauisch an und sagte:

»Wie? -- Sie wollen nicht? Da -- nehmen Sie!«

Und von dem ganzen Haufen behielt er ein Bonbon für sich, und legte alle

andern vor Martha hin. Martha lächelte schweigend und neigte ihren Kopf.

Unhöfliche Person, dachte Peredonoff, sie versteht nicht einmal zu

danken.

Er wußte nicht, was er mit Martha sprechen sollte. Er hatte kein

Interesse für sie, ebensowenig wie für einen beliebigen Gegenstand, zu

dem er weder ein angenehmes noch ein unangenehmes persönliches

Verhältnis hatte.

Der Rest des Bieres wurde in Peredonoffs Glas gegossen. Die Werschina

blickte auf Martha.

»Ich werde Bier holen,« sagte Martha. Sie erriet immer, was die

Werschina wollte.

»Schicken Sie doch Wladja, er ist im Garten,« sagte die Werschina.

»Wladislaus!« rief Martha.

»Hier,« antwortete der Knabe, sofort aus nächster Nähe, als hätte er

gehorcht.

»Bring zwei Flaschen Bier,« sagte Martha, »es steht im Flur auf der

Truhe.«

Bald kam Wladislaus fast lautlos zur Laube gelaufen, reichte Martha die

zwei Flaschen durchs Fenster und machte eine Verbeugung vor Peredonoff.

»Guten Tag,« sagte Peredonoff rauh, »wieviel Flaschen Bier haben Sie

heute ausgepfiffen?«

Wladislaus lachte gezwungen und sagte:

»Ich trinke kein Bier.«

Er war ein Junge von vierzehn Jahren, hatte so wie Martha,

Sommersprossen im Gesicht und sah ihr auch sonst ähnlich; er hatte

ungewandte, eckige Bewegungen und trug eine Joppe aus grober Leinewand.

Martha flüsterte mit ihrem Bruder. Beide lachten. Peredonoff blickte

argwöhnisch nach ihnen. Wenn man in seiner Gegenwart lachte, ohne daß er

wußte worüber, so nahm er immer an, daß man sich über ihn lustig mache.

Die Werschina wurde unruhig. Schon wollte sie Martha berufen, als

Peredonoff gereizt fragte:

»Worüber lachen Sie?«

Martha zuckte zusammen, und wußte nicht, was sie sagen sollte.

Wladislaus lächelte, blickte auf Peredonoff und errötete.

»Es ist unhöflich, zu lachen, wenn Gäste dabei sind,« betonte

Peredonoff. »Lachen Sie über mich?« fragte er.

Martha wurde rot und Wladislaus erschrak.

»Verzeihen Sie,« sagte Martha, »wir haben gar nicht über Sie gelacht;

das waren so unsere Geschichten.«

»Wohl ein Geheimnis?« sagte Peredonoff aufgebracht. »In Gegenwart von

Gästen ist es unhöflich, Geheimnisse zu besprechen.«

»Nicht gerade ein Geheimnis,« sagte Martha, »wir lachten nur, weil

Wladja barfuß ist, und nicht hereinkommen will; er geniert sich.«

Peredonoff beruhigte sich, scherzte mit Wladja und schenkte ihm ein

Bonbon.

»Martha, bringen Sie mein schwarzes Tuch,« sagte die Werschina, »und

werfen Sie einen Blick in die Küche, wie es um die Pasteten steht.«

Gehorsam ging Martha hinaus. Sie begriff, daß die Werschina mit

Peredonoff reden wollte und war froh, daß sie sich nicht zu beeilen

brauchte. Sie war etwas träge.

»Und du gehst etwas weiter,« sagte die Werschina zu Wladja, »was hast du

dich hier herumzutreiben?«

Wladja lief fort, und man hörte, wie der Sand unter seinen Füßen

knirschte. Die Werschina blickte vorsichtig und rasch auf Peredonoff. Er

saß schweigend da, blickte trübe vor sich hin und kaute an einem Bonbon.

Es war ihm angenehm, daß die beiden fortgegangen waren, -- sonst hätten

sie vielleicht wieder gelacht. Obgleich er bestimmt wußte, daß nicht

über ihn gelacht worden war, empfand er doch ein stilles Unbehagen, so

wie man noch lange nachher einen unangenehm stechenden Schmerz verspürt,

wenn man sich an Nesseln verbrannt hat.

»Warum heiraten Sie nicht?« fragte die Werschina plötzlich. »Worauf

warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch? Verzeihen Sie, wenn ich's grade

heraussage, Warwara paßt nicht zu Ihnen.«

Peredonoff strich mit der Hand über sein etwas in Unordnung geratenes,

braunes Haar und sagte unnahbar und selbstbewußt:

»Hier wird sich keine für mich finden.«

»Sagen Sie nicht,« antwortete die Werschina und lachte schief. »Hier

gibt es viele, die bei weitem besser sind, als diese Person. Und jede

wird Sie heiraten wollen.«

Mit einer energischen Bewegung strich sie die Asche von ihrer Zigarette,

als hätte sie irgendwo ein Ausrufungszeichen zu setzen.

»Jede ist mir aber noch lange nicht recht,« antwortete Peredonoff.

»Es ist ja auch nicht von jeder x-beliebigen die Rede,« entgegnete

schnell die Werschina. »Sie brauchen doch auf keine Mitgift zu rechnen,

und da wüßte ich ein feines Mädchen grade für Sie. Sie haben ja, Gott

sei Dank, ein gutes Auskommen.«

»Nein,« antwortete Peredonoff, »für mich ist es vorteilhafter, Warwara

zu heiraten. Die Fürstin hat ihr ihre Protektion versprochen. Sie wird

mir eine gute Stelle verschaffen.« Er sagte es mit trotziger Sicherheit.

Die Werschina lächelte leichthin. Ihr ganzes faltiges, dunkelfarbiges,

vom Zigarettendampf gleichsam durchräuchertes Gesichtchen drückte

herablassendes Mißtrauen aus:

»Hat sie Ihnen das gesagt, ich meine die Fürstin selber?« fragte sie,

mit Betonung auf dem Worte »Ihnen«.

»Nicht mir, aber Warwara,« gestand Peredonoff, »das ist doch ganz

dasselbe.«

»Sie verlassen sich zu sehr auf die Worte Ihres »Schwesterleins«,« sagte

die Werschina spöttisch. »Sagen Sie mal, ist sie viel älter als Sie? So

etwa um fünfzehn Jahre? Am Ende noch mehr? Sie muß doch an die fünfzig

sein.«

»Ach, gehen Sie doch,« sagte Peredonoff ärgerlich, »sie ist noch nicht

dreißig.«

Die Werschina lachte.

»Ach, wirklich,« redete sie weiter mit offenkundigem Spott in der

Stimme. »So, dem Aussehen nach ist sie viel älter als Sie. Allerdings,

es ist ja nicht meine Sache, immerhin: es täte mir leid, wenn so ein

charmanter junger Mann, wie Sie, nicht so leben kann, wie er es verdient

hätte, nicht allein seiner Schönheit wegen, sondern vor allem wegen

seiner reichen seelischen Veranlagung.«

Peredonoff blickte selbstgefällig an seiner Figur herunter. Aber sein

frisches Gesicht zeigte kein Lächeln, und es schien, als fühlte er sich

gekränkt, daß nicht alle Menschen ihm das gleiche Verständnis

entgegenbrächten, wie die Werschina. Die Werschina aber fuhr fort:

»Sie werden es auch ohne Protektion weit bringen. Wie sollen Ihre

Vorgesetzten Sie nicht richtig einschätzen! Was hängen Sie an der

Warwara? Ebenso die Rutiloffschen Damen, -- nehmen Sie keine von denen;

es sind leichtsinnige Mädchen, Sie brauchen aber eine gleichmäßige Frau.

Würden Sie doch beispielsweise Martha heiraten.«

Peredonoff sah nach der Uhr.

»Ich muß nach Hause,« sagte er und stand auf, um sich zu verabschieden.

Die Werschina glaubte, daß Peredonoff nur darum fortginge, weil sie an

einen wunden Punkt gerührt hätte, und daß er bloß aus Unentschlossenheit

im gegebenen Augenblick nicht von Martha sprechen wolle.

II

Peredonoffs Konkubine, Warwara Dmitriewna Malochina, wartete auf ihn.

Sie war unordentlich gekleidet, dafür sorgfältig geschminkt und

gepudert.

Zum Frühstück wurde Peredonoffs Lieblingsgericht, kleine Pasteten mit

Saft, gebacken. Auf hohen Absätzen lief Warwara schwerfällig und

geschäftig in der Küche hin und her. Sie beeilte sich alles fertig zu

haben noch bevor er kam. Warwara fürchtete die Langfingrigkeit ihres

Dienstmädchens, einer pockennarbigen, dicken Person, Natalie mit Namen,

-- sie hätte z. B. einen Kuchen stehlen können, -- vielleicht sogar

einige. Darum getraute sie sich nicht die Küche zu verlassen und schalt

auf die Magd; aber das tat sie gewöhnlich. Ihr faltiges Gesicht, das die

Spuren vergangener »Hübschigkeit« trug, hatte immer und unveränderlich

einen mürrisch-habgierigen Zug.

Peredonoff war, wie gewöhnlich, wenn er nach Hause kam, gelangweilt und

unzufrieden. Sehr laut trat er ins Speisezimmer, warf seinen Hut auf die

Fensterbank, setzte sich an den Tisch und rief:

»Warja! bring das Essen!«

Warwara brachte das Essen aus der Küche; geschwind hinkte sie auf ihren

zu engen Schuhen heran und bediente Peredonoff. Als sie den Kaffee

gebracht hatte, beugte sich Peredonoff über das dampfende Glas und roch

daran. Warwara wurde unruhig und fragte erschrocken:

»Was ist los, Ardalljon Borisowitsch? Riecht der Kaffee?«

Peredonoff blickte sie finster an und sagte böse:

»Ich rieche, ob vielleicht Gift dabei ist.«

»Aber um Gotteswillen, Ardalljon Borisowitsch!« sagte Warwara

erschrocken, »was ist dir nur, wie kommst du auf solche Gedanken?«

»Du hast da einen Gifttrank gebraut!« brummte er.

»Was soll ich davon haben, dich zu vergiften,« beteuerte Warwara, »laß

doch die Possen!«

Peredonoff roch wiederholt am Kaffee, endlich beruhigte er sich und

sagte:

»Wenn Gift dabei ist, so kann man es gleich am schweren Geruch merken,

-- man muß nur aus nächster Nähe dran riechen, so am Dampf.«

Dann schwieg er einen Augenblick und fuhr bösartig höhnend auf:

»Die Fürstin!«

Warwara wurde aufgeregt.

»Die Fürstin? Was ist los mit der Fürstin?«

»Das ist los mit der Fürstin!« sagte Peredonoff, »mag sie mir erst die

Stelle verschaffen, dann werde ich meinethalben heiraten. Schreib ihr

das!«

»Du weißt doch, Ardalljon Borisowitsch,« überredete Warwara, »daß die

Fürstin ihr Versprechen nur unter der Bedingung gab, daß du mich

heiratest. Sonst ist es ihr unbequem, sich für dich zu verwenden.«

»Schreib ihr, daß wir schon verheiratet sind,« sagte Peredonoff rasch

und freute sich über den neuen Einfall.

Warwara kam für einen Augenblick aus der Fassung, dann fand sie sich und

sagte:

»Warum lügen? Die Fürstin könnte sich erkundigen. Viel besser wäre es,

wenn du den Hochzeitstag bestimmtest. Es ist sowieso an der Zeit, daß

ich mir ein neues Kleid anschaffe.«

»Was für ein Kleid?« fragte Peredonoff verdrießlich.

»Ja, soll ich mich denn in diesen Lumpen trauen lassen?« schrie Warwara.

»Gib doch endlich mal Geld für ein neues Kleid, Ardalljon Borisowitsch.«

»Willst wohl dein Leichenhemd nähen?« fragte Peredonoff boshaft.

»Du Rindvieh, das bist du, Ardalljon Borisowitsch!« zeterte Warwara.

Plötzlich fiel es Peredonoff ein, Warwara zu necken. Er fragte:

»Weißt du, Warwara, wo ich war?«

»Na, wo denn?« fragte Warwara unruhig.

»Bei der Werschina,« sagte er und lachte.

»Eine nette Gesellschaft für dich, jawohl,« rief Warwara böse.

»Ich habe Martha gesehen,« fuhr Peredonoff fort.

»Dies sommersprossige Weib, ein Maul bis an die Ohren, so ein richtiges

Froschmaul,« sagte Warwara wütend.

»Hübscher als du ist sie jedenfalls,« sagte Peredonoff. »Ich werde sie

heiraten, was ist denn dabei?«

»Ja, heirate sie nur,« schrie Warwara. Sie wurde ganz rot im Gesicht und

zitterte vor Wut, »ich spritze ihr Vitriol in die Augen.«

»Du bist grade zum Anspucken gut genug,« sagte Peredonoff ruhig.

»Du wirst dich nicht unterstehen!« schrie Warwara.

»Doch,« sagte Peredonoff.

Er stand auf und in gleichgültigem Stumpfsinn spuckte er ihr gerade ins

Gesicht.

»Du Schwein!« sagte Warwara ziemlich ruhig, als hätte sie sein Speichel

erfrischt.

Dann wischte sie mit der Serviette über ihr Gesicht. Peredonoff schwieg.

In der letzten Zeit behandelte er sie roher als sonst. Aber auch früher

hatte er sie schlecht genug behandelt. Durch sein Schweigen ermutigt,

sagte sie lauter:

»Wahrhaftig, du bist ein Schwein; grade ins Maul hast du getroffen.«

Im Vorhause ließ sich eine blökende, schafähnliche Stimme vernehmen.

»Brüll nicht,« sagte Peredonoff, »Gäste kommen.«

»Ach ja, das ist Pawluschka,« sagte Warwara schmunzelnd.

Laut und fröhlich lachend trat Pawel Wolodin ein. Es war ein junger

Mann, der im Gesicht und in seinen Bewegungen einem Schafe auffallend

ähnlich sah: sein Haar war wollig, wie bei einem Schafe, seine Augen

vortretend und dumm, wie bei einem lebenslustigen Lamm. Es war ein

dummer, junger Mensch. Er war Tischler, hatte früher eine

Handwerkerschule besucht, und war jetzt als Lehrer seines Handwerks in

der Volksschule angestellt.

»Bruderherz, Ardalljon Borisowitsch,« rief er erfreut, »du bist zu

Hause, und schlürfst Kaffee; da bin ich grade recht gekommen.«

»Nataschka, bring einen dritten Löffel,« rief Warwara.

Man konnte hören, wie Natalie in der Küche mit dem letzten

nachgebliebenen Löffel herumwirtschaftete; alles Silberzeug wurde

verschlossen.

»Iß doch, Pawluschka,« sagte Peredonoff und man konnte merken, daß er

die Absicht hatte, Wolodin ordentlich zu füttern, »weißt du, Freund, ich

werde bald Inspektor werden, die Fürstin hat es Warja versprochen.«

Wolodin strahlte und lachte.

»Aha, der Herr Inspektor _in spe_ trinkt seinen Kaffee,« sagte er laut

und klopfte Peredonoff auf die Schulter.

»Glaubst du vielleicht, daß es so einfach ist, Inspektor zu werden?«

sagte Peredonoff, »man wird irgendwie verstänkert und dann ist es aus.«

»Was ließe sich denn zu deinen Ungunsten sagen?« fragte Warwara

schmunzelnd.

»Was weiß ich! Wenn man zum Beispiel erzählte, ich hätte den Pissareff

gelesen -- ich wäre geliefert.«

»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch, tun Sie doch den Pissareff in

irgend eine der hinteren Bücherreihen,« riet Wolodin kichernd.

Peredonoff schielte vorsichtig auf Wolodin und sagte:

»Den Pissareff, den habe ich am Ende niemals besessen. Willst du einen

Schnaps, Pawluschka?«

Wolodin reckte die Unterlippe vor, machte ein bedeutendes Gesicht, so

als verstände er es die Leute einzuschätzen und sagte, in seiner

Schafsmanier den Kopf vorbeugend:

»Zur Gesellschaft? es sei, da bin ich immer bereit; sonst, allein für

mich: keinen Tropfen.«

Auch Peredonoff war immer bereit, einen Schnaps zu trinken. Man trank

einen Schnaps und aß zum Aufbiß die süßen Pastetchen.

Auf einmal spritzte Peredonoff den Rest seines Kaffeeglases an die

Tapete. Wolodin glotzte erstaunt aus seinen schafigen Aeuglein und

blickte verwundert um sich. Die Tapeten waren schmierig und zerfetzt.

Wolodin sagte:

»Was haben Sie da für Tapeten?«

Peredonoff und Warwara grinsten.

»Das tun wir so, um die Wirtin zu ärgern,« sagte Warwara, »wir werden

bald ausziehen. Aber sprechen Sie nicht davon.«

»Ganz famos,« rief Wolodin und lachte ausgelassen.

Peredonoff ging dicht an die Wand heran und bearbeitete sie mit seinen

Absätzen. Wolodin folgte seinem Beispiel und begann auszuschlagen.

Peredonoff sagte:

»Wenn wir umziehen, machen wir es immer so; bedrecken einfach die Wände,

-- mag sie ein Andenken haben.«

»Was für wunderbare Muster Sie da hereingebracht haben,« rief Wolodin

begeistert.

»Irischka wird die Augen aufreißen,« sagte Warwara und lachte trocken

und boshaft.

Und alle drei stellten sich an die Wand, spuckten sie an, zerfetzten die

Tapete und bearbeiteten sie mit ihren Stiefelsohlen. Dann wurden sie

müde und gingen befriedigt an ihre Plätze.

Peredonoff bückte sich und nahm den Kater auf den Schoß. Der Kater war

dick, weiß und garstig. Peredonoff quälte ihn, zerrte ihn an den Ohren,

am Schwanz und schüttelte ihn am Halse. Wolodin lachte sehr fröhlich und

sagte Peredonoff, was sich noch alles anstellen ließe.

»Blasen sie ihm in die Augen, Ardalljon Borisowitsch; streicheln sie ihm

das Fell gegen den Strich.«

Der Kater prustete und bemühte sich, loszukommen, aber er wagte nicht

die Krallen zu zeigen, dafür kriegte er entsetzliche Prügel. Endlich

wurde diese Unterhaltung Peredonoff langweilig, und er warf den Kater in

die Ecke.

»Hör mal, Ardalljon Borisowitsch, was ich dir sagen wollte,« begann

Wolodin. »Den ganzen Weg über dachte ich daran, es nicht zu vergessen,

nun habe ich es fast ausgeschwitzt.«

»Was denn?« fragte Peredonoff gelangweilt.

»Ich weiß, du ißt gerne Süßigkeiten,« sagte Wolodin fröhlich, »da ist so

ein süßes Gericht, na, du wirst dir die Finger lecken.«

»Ich kenne alle süßen Gerichte,« sagte Peredonoff.

Wolodin setzte eine gekränkte Miene auf.

»Vielleicht,« sagte er, »freilich kennen Sie alle süßen Gerichte, welche

in Ihrer Heimat gegessen werden, aber wie sollten Sie alle die süßen

Gerichte kennen, die in meiner Heimat gekocht werden, denn Sie waren

doch niemals in meiner Heimat?«

Und zufrieden mit seiner überzeugenden Darlegung, lachte Wolodin und

meckerte.

»In deiner Heimat werden krepierte Katzen gefressen,« sagte Peredonoff

böse.

»Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete Wolodin mit

pipsender, lachender Stimme, »das ist vielleicht in Ihrer Heimat so, daß

man krepierte Katzen zu essen pflegt; darüber wollen wir nicht streiten,

aber doch: Jerli's haben Sie sicher nicht gegessen.«

»Nein, die hab ich nicht gegessen,« gestand Peredonoff.

»Das ist was ganz Besonderes,« erklärte Wolodin, »wissen Sie, was

Kutja[2] ist?«

»Wer sollte das nicht wissen,« sagte Warwara schmunzelnd.

»Also merken Sie auf: Kutja aus Weizen, mit Rosinchen darin und Mandeln

und mit Zucker, -- das sind Jerli's.«

Und Wolodin berichtete ausführlich, wie in seiner Heimat Jerli's

zubereitet würden. Peredonoff hörte ihm gelangweilt zu. »Was will der

Pawluschka eigentlich, will er zu meinem Leichenschmaus Kutja essen?«

Wolodin machte einen Vorschlag:

»Wenn Sie wollen, daß es richtig zubereitet wird, so geben Sie mir das

nötige Material, und ich werde Ihnen Jerli's kochen.«

»Das wäre: den Bock zum Gärtner machen!« sagte Peredonoff mürrisch. Er

wird Gift dazuschütten, dachte er bei sich.

[Fußnote 2: Ein Gericht aus Graupen oder Reis mit Honig und Rosinen,

welches bei einer Totenfeier zum Einsegnen in die Kirche gebracht und

später gegessen wird.]

Wolodin fühlte sich wieder gekränkt.

»Wenn Sie glauben, daß ich bei Ihnen Zucker klemmen will, Ardalljon

Borisowitsch, so irren Sie, Ihren Zucker brauche ich nicht.«

»Wozu die Albernheiten,« unterbrach Warwara, »Sie wissen doch, er hat

seine Launen. Kommen Sie nur und kochen Sie.«

»Dann mag er es selber fressen,« sagte Peredonoff.

»Warum denn das?« fragte mit gekränkter, zitternder Stimme, Wolodin.

»Darum, weil es eine Schweinerei ist.«

»Wie Sie wünschen, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Wolodin und zuckte die

Achseln, »ich wollte es Ihnen recht machen, aber wenn Sie nicht wollen,

dann tun Sie eben, was Sie wollen.«

»Und wie hat dich der General abfahren lassen?« fragte Peredonoff.

»Was für ein General?« fragte Wolodin zurück und wurde rot. Ganz

beleidigt schob er die Unterlippe vor.

»Wir haben doch davon gehört,« sagte Peredonoff.

Warwara schmunzelte.

»Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Wolodin lebhaft, »Sie

haben davon gehört, ja freilich, aber es könnte sein, daß Sie nicht das

Richtige gehört haben. Ich will Ihnen erzählen, wie sich die ganze Sache

verhalten hat.«

»Also los,« sagte Peredonoff.

»Das war vorgestern,« erzählte Wolodin, »grade um dieselbe Stunde, wie

eben. Sie wissen, daß die Werkstatt in unserer Schule renoviert wird.

Nun, bitte merken Sie auf, kommt Weriga zusammen mit unsrem Inspektor

zur Besichtigung. Wir arbeiten grade in einem der hinteren Zimmer.

Schön. Ich kümmere mich gar nicht darum, weswegen der Weriga eigentlich

kommt; was er da zu suchen hat, geht mich nichts an. Freilich, ich wußte

ja, daß er Adelsmarschall ist; immerhin hat er gar keine Fühlung zu

unsrer Schule, -- aber daran will ich nicht rühren. Mag er kommen, wenn

er Lust hat. Wir störten sie nicht, und arbeiteten so ganz gemächlich.

Auf einmal treten die beiden bei uns ein, und der Weriga, -- ich bitte

das zu beachten, -- behält seine Mütze auf.«

»Damit wollte er dir seine Mißachtung bezeigen,« sagte mürrisch

Peredonoff.

Ganz erfreut griff Wolodin diese Bemerkung auf: »Nun sehen Sie, außerdem

hängt noch in unsrer Stube ein Heiligenbild, und wir alle waren ohne

Kopfbedeckung; er hingegen kommt herein, wie ein Heide. Also ich

erlaubte mir, zu bemerken, leise und ehrerbietig: Exzellenz, sage ich,

haben Sie die Güte, ihre Mütze abzunehmen, darum, sage ich, weil hier

das Heiligenbild hängt. War das nicht recht gesagt?« fragte Wolodin und

rollte die Augen vor.

»Sehr gewandt, Pawluschka,« bemerkte Peredonoff, »das war gut

getrumpft.«

»Natürlich,« pflichtete Warwara bei, »so was darf man nicht dulden. Sie

sind ein fixer Kerl, Pawel Wassiljewitsch!«

Wolodin fuhr mit der Miene eines schuldlos Gekränkten in seiner

Erzählung fort:

»Und daraufhin geruhte er nur zu sagen: Schuster, bleib bei deinem

Leisten, -- kehrte mir den Rücken und ging. Das ist die ganze

Geschichte. Weiter nichts!«

Wolodin fühlte sich immerhin als Held. Peredonoff gab ihm zur Beruhigung

ein Bonbon.

Dann kam noch ein Besuch: Sophja Jefimowna Prepolowenskaja, die Frau

eines Unterförsters. Sie war dick, hatte ein gutmütig-listiges Gesicht

und segelnde Bewegungen. Auch sie wurde genötigt, mitzuessen.

Hinterlistig bemerkte sie zu Wolodin:

»Sagen Sie doch, Pawel Wassiljewitsch, man sieht Sie ja recht oft bei

Warwara Dmitriewna?«

»Sie entschuldigen,« antwortete Wolodin, »ich bin keineswegs zu Warwara

Dmitriewna, sondern zu Ardalljon Borisowitsch gekommen.«

»Haben Sie sich verliebt?« spottete die Prepolowenskaja.

Alle wußten, daß Wolodin nach einer Braut mit größerer Mitgift suchte.

Er hatte schon oft angehalten, aber immer Körbe bekommen. Der Scherz der

Prepolowenskaja schien ihm unpassend zu sein. Mit bebender Stimme und in

seiner Wut ganz einem gekränktem Schafe gleichend, sagte er:

»Wenn ich mich verliebt haben sollte, Sophja Jefimowna, so geht das

keinen Menschen was an, ausgenommen mich und das betreffende Mädchen:

Sie hingegen sind in Ihrer Art und Weise zudringlich.«

Aber die Prepolowenskaja ließ nicht locker.

»Passen Sie nur auf,« sagte sie, »wenn Warwara Dmitriewna sich in Sie

verlieben wird, wer soll dann für Ardalljon Borisowitsch die süßen

Pastetchen backen?«

Wolodin reckte die Lippen vor, zog die Augenbrauen hoch und wußte nicht,

was er antworten sollte.

»Seien Sie doch nicht so schüchtern. Pawel Wassiljewitsch,« fuhr die

Prepolowenskaja fort, »warum sollten Sie nicht heiraten? Sie sind jung,

Sie sehen gut aus.«

»Aber vielleicht will Warwara Dmitriewna nicht,« sagte Wolodin und

kicherte.

»Wie sollte sie nicht«, antwortete die Prepolowenskaja, »Sie sind zu

unrechter Zeit bescheiden.«

»Aber wenn ich selber nicht wollen sollte,« sagte Wolodin ganz verlegen.

»Vielleicht ist es so, daß ich ein fremdes Schwesterchen gar nicht

heiraten will. Vielleicht gibt es in meiner Heimat irgend eine

heranwachsende Nichte zweiten Grades für mich.«

Schon fing er an zu glauben, daß Warwara nicht abgeneigt wäre, ihn zu

nehmen. Warwara wurde böse. Sie hielt Wolodin für einen ausgemachten

Esel; zudem hatte er ein viermal geringeres Einkommen als Peredonoff.

Die Prepolowenskaja ihrerseits wollte Peredonoff an ihre Schwester, eine

fette Popenwitwe, verkuppeln. Darum bemühte sie sich auch, Peredonoff

und Warwara zu entzweien.

»Warum wollen Sie mich verkuppeln,« fragte Warwara ärgerlich, »besorgen

Sie doch lieber die Heirat zwischen Pawel Wassiljewitsch und Ihrer

jüngsten Schwester.«

»Ich werde ihn Ihnen doch nicht abspenstig machen,« entgegnete scherzend

die Prepolowenskaja.

Die Scherze der Prepolowenskaja hatten dem langsamen Gedankengang

Peredonoffs eine andere Richtung gegeben. Die Erinnerung an die Jerli

war ihm fest haften geblieben. Was hatte Wolodin für einen Grund, von

dieser Speise zu erzählen? Peredonoff liebte es nicht, zu grübeln. Im

ersten Augenblick glaubte er alles, was man ihm sagte. So glaubte er

auch, daß Wolodin in Warwara verliebt wäre. Er überlegte so: sie wollen

mich umgarnen, dann, -- wenn es dazu kommt, daß ich in einer anderen

Stadt Inspektor werden soll, werden Sie mich unterwegs mit diesen Jerlis

vergiften, und an meine Stelle tritt dann Wolodin; man wird mich

beerdigen, und Wolodin wird Inspektor. Wahrhaftig! schlau haben sie sich

das ausgedacht.

Plötzlich hörte man im Vorzimmer Lärm. Peredonoff und Warwara

erschraken: Peredonoff richtete seine zusammengekniffenen Augen starr

auf die Tür, Warwara schlich zur Tür, die in den Saal führte, öffnete

sie ein wenig, blickte hinein, und dann kehrte sie ebenso leise auf den

Fußspitzen, mit den Händen balancierend und verlegen lächelnd zum Tisch

zurück. Aus dem Vorzimmer hörte man schrilles Rufen und Schreien, so als

wäre dort eine Prügelei. Warwara flüsterte:

»Es ist die Jerschicha -- vollständig betrunken --, Natascha läßt sie

nicht herein. Aber sie drängt mit aller Gewalt in den Saal.«

»Was sollen wir tun?« fragte Peredonoff ängstlich.

»Wir müssen in den Saal gehen,« entschied Warwara, »damit sie nicht

herkommt.«

Man ging in den Saal, und die Türe zum Speisezimmer wurde geschlossen.

Warwara ging ins Vorhaus. Sie hoffte im stillen die Hauswirtin dort

aufhalten zu können oder sie in die Küche zu expedieren. Aber das

niederträchtige Weib drängte nur so in den Saal herein. Sie stemmte ihre

Fäuste in die Seiten, blieb an der Schwelle stehen und begann als erste

allseitige Begrüßung zu schimpfen. Peredonoff und Warwara bemühten sich

um sie und versuchten sie auf einen Stuhl in der Nähe des Vorhauses und

weitab vom Speisezimmer festzunageln. Warwara brachte ihr aus der Küche

auf einem Teebrett Bier, Schnaps und Pasteten. Allein die Hauswirtin

setzte sich nicht, aß nichts und drängte mit Gewalt ins Speisezimmer;

nur die Türe konnte sie nicht finden. Sie war ganz rot im Gesicht,

zerzaust, schmutzig und roch schon von weitem nach Schnaps. Sie brüllte:

»Nein, du mußt mich an deinen Speisetisch führen. Warum bringst du mir

das Essen auf einem Teebrett. Ich will ein Tischtuch vor mir haben. Ja

-- ich bin die Hauswirtin! Du mußt mich in Ehren bewirten. Du -- sieh

mich nicht so an, weil ich besoffen bin. Dafür bin ich ein ehrliches

Weib! ich bin meinem Manne rechtmäßig angetraut.« Warwara lächelte

gemein und feig. Sie sagte:

»Das wissen wir schon.«

Die Jerschowa blinzelte Warwara an, lachte heiser und schwippte frivol

mit den Fingern. Sie wurde immer dreister und frecher.

»Seine Schwester?« schrie sie, »wir kennen das, -- schöne Schwester das!

Warum besucht dich die Frau des Direktors nicht? He! -- warum?«

»Du, brüll mal nicht,« sagte Warwara.

Aber die Jerschowa zeterte noch lauter:

»Was hast du mir zu befehlen? Hier in meinem Hause kann ich tun, was ich

will. Wenn es mir paßt, so werfe ich euch gleich hinaus, um euren

Dunstkreis loszusein. Ich will euch aber eine Gnade erweisen: lebt wie

ihr wollt, aber wagt es nur euch aufzuspielen!«

Wolodin und die Prepolowenskaja hatten sich indes ganz bescheiden an ein

Fenster gedrückt und verhielten sich still. Die Prepolowenskaja

schmunzelte ein wenig, schielte ab und zu auf das keifende Weib, stellte

sich aber so, als blickte sie auf die Straße.

Wolodin saß da mit einer Miene gekränkter Erhabenheit.

Die Jerschowa wurde für eine Zeit menschenfreundlich, grinste fröhlich

in trunkenem Mut, klopfte Warwara auf die Schulter und sagte

freundschaftlich:

»Du -- hör mal, was ich dir sagen will --, du mußt mich an deinen

Speisetisch führen und mich gebildet unterhalten. Du mußt mir etwas

Süßes zum Essen geben, du mußt deine Hauswirtin ehrenvoll bewirten! ja,

das mußt du, du mein liebes Mädchen.«

»Da hast du Pasteten,« sagte Warwara.

»Ich will keine Pasteten; ich will dasselbe essen, was die Herrschaften

essen,« schrie die Jerschowa, fuchtelte mit den Händen und lachte selig,

»so süßes Backwerk essen die Herrschaften -- ach, so süß!«

»Ich habe kein Backwerk für dich,« antwortete Warwara. Sie wurde

mutiger, weil die Hauswirtin lustig geworden war, »schau mal, man gibt

dir Pasteten, dann mußt du sie essen.«

Plötzlich hatte die Jerschowa die Tür zum Speisezimmer entdeckt. In

toller Wut heulte sie auf:

»Gib den Weg frei, du Schlange!«

Sie stieß Warwara zur Seite und stürmte zur Tür. Man konnte sie nicht

mehr aufhalten. Mit vorgebeugtem Kopf, die Fäuste geballt, brach sie

krachend die Türe auf und stürzte ins Speisezimmer. In der Nähe der

Schwelle blieb sie stehn, sah die beschmierten Tapeten und stieß einen

gellenden Pfiff aus. Sie stemmte die Arme in die Seiten, stellte den

einen Fuß verwegen vor und schrie wie eine Rasende:

»Also ihr wollt wirklich ausziehen!«

»Keine Spur, Irina Stepanowna, -- wir denken nicht daran, sei doch nicht

närrisch.«

»Wir werden gewiß nicht ausziehen,« bestätigte Peredonoff, »wir haben es

hier so gut.«

Die Wirtin hörte nicht, kam der bestürzten Warwara immer näher und

fuchtelte mit den Fäusten vor ihrem Gesicht. Peredonoff zog es vor,

hinter Warwaras Rücken zu bleiben. Er wäre gerne fortgelaufen,

andererseits war es interessant zu sehen, wie die Wirtin und Warwara

sich prügeln würden.

»Ich werde dir auf den einen Fuß drauftreten, am andern ziehn und dich

in zwei Hälften reißen!« schrie die Jerschowa wutentbrannt.

»Was fehlt dir nur, Irina Stepanowna,« beruhigte Warwara, »hör doch auf,

wir haben Gäste.«

»Zeig' sie mal, deine Gäste,« brüllte die Jerschowa, »deine Gäste kann

ich gerade brauchen.«

Schwankend taumelte die Jerschowa in den Saal. Mit einem Mal änderte sie

vollständig ihre Art zu reden und ihre Umgangsformen, verbeugte sich

tief vor der Prepolowenskaja, so tief, daß sie fast hinfiel und sagte

bescheiden:

»Gnädige Frau, liebe Sophja Jefimowna, verzeihen Sie mir, denn ich bin

ein besoffenes Weib. Aber eins muß ich Ihnen sagen, hören Sie bitte. Sie

besuchen diese Leute hier, aber wissen Sie auch, was die da von Ihrer

Schwester gesagt hat? Noch dazu wem? Mir -- der besoffenen Frau eines

Schusters! Und warum? Damit ich es allen weitererzählen soll, sehen Sie

-- darum!«

Warwara wurde dunkelrot und sagte:

»Nichts habe ich dir gesagt.«

»Du hast nichts gesagt? Du ekliges Ungeziefer!« tobte die Jerschowa, mit

geballten Fäusten an Warwara herantretend.

»Jetzt schweig aber still,« murmelte Warwara verlegen.

»Nein, ich werde nicht stillschweigen,« schrie die Jerschowa schadenfroh

und wandte sich wieder an die Prepolowenskaja. »Daß sie, -- Ihre

Schwester nämlich, -- ein Verhältnis mit Ihrem Manne unterhält; sehen

Sie, das hat sie mir gesagt, dieses verworfene Weib!«

Sophjas böse und verschlagene Augen blitzten zu Warwara hinüber. Sie

stand auf und sagte mit gezwungenem Lachen:

»Ich danke untertänigst, das habe ich nicht erwartet.«

»Du lügst«, quiekte Warwara wütend.

Die Jerschowa grunzte böse, stampfte mit dem Fuß auf und machte eine

abwehrende Handbewegung. Dann wandte sie sich sofort wieder an die

Prepolowenskaja:

»Und was der Herr dort von Ihnen sagt, allergnädigste Frau! Sie hätten

sich früher herumgetrieben und dann später geheiratet. Da sehen Sie, was

das für gemeine Leute sind! Spucken Sie Ihnen einfach ins Maul, liebste

gnädigste Frau, Sie sollten nicht mit diesem niederträchtigen Pack

verkehren.«

Die Prepolowenskaja wurde rot und ging schweigend ins Vorhaus.

Peredonoff lief ihr nach und rechtfertigte sich:

»Sie lügt, glauben Sie ihr nicht. Nur einmal habe ich in ihrer Gegenwart

gesagt, daß Sie dumm seien, und das sagte ich nur aus Wut. Weiter habe

ich -- weiß Gott -- nichts gesagt, alles hat sie gelogen.«

Die Prepolowenskaja antwortete ruhig:

»Lassen Sie doch, Ardalljon Borisowitsch, -- ich sehe doch, daß sie

betrunken ist; sie weiß ja nicht, was sie schwatzt. Nur eins: warum

gestatten Sie, daß so was in Ihrem Hause vorkommt?«

»Ja, sehen Sie,« antwortete Peredonoff, »was soll ich mit ihr anfangen?«

Die Prepolowenskaja war verwirrt und ärgerlich. Sie zog ihre Jacke an.

Peredonoff kam nicht darauf ihr zu helfen. Irgendetwas murmelte er noch,

aber sie hörte ihn nicht. Dann kehrte Peredonoff in den Saal zurück. Die

Jerschowa begann ihm in schreiendem Tone Vorwürfe zu machen.

Warwara lief auf den Flur hinaus, um die Prepolowenskaja zu versöhnen:

»Sie wissen doch, was er für ein Dummkopf ist, -- er weiß ja nicht, was

er sagt.«

»Ach lassen Sie doch; warum beunruhigen Sie sich?« antwortete auch ihr

die Prepolowenskaja. »Ich weiß doch, was so ein betrunkenes Weib alles

schwatzen kann.«

Die Haustür mündete auf einen Hof. In dichter Menge wuchsen dort am

Hause hochaufgeschossene Brennesseln. Die Prepolowenskaja lächelte kaum

merklich und der letzte Schatten von Unzufriedenheit schwand von ihrem

rosigen, vollen Gesicht. Sie wurde wieder liebenswürdig und höflich. Für

die Kränkung wollte sie auch ohne sich zu zanken Rache nehmen.

Beide gingen zusammen in den Garten, um dort die Szene mit der Wirtin

abzuwarten.

Fortwährend blickte die Prepolowenskaja auf die Nesseln, die auch im

Garten reichlich am Zaune wucherten. Endlich sagte sie:

»Wie viel Nesseln Sie haben! Haben Sie Verwendung dafür?«

Warwara lachte und sagte:

»Nanu, was sollte ich damit anfangen?«

»Wir haben nämlich keine,« sagte die Prepolowenskaja, »und wenn es Ihnen

nicht weiter leid tut, so will ich mir einige Handvoll ausraufen.«

»Ja -- aber wozu denn?« fragte Warwara verwundert.

»Ach, ich brauche sie halt,« sagte die Prepolowenskaja und lächelte

vielsagend.

»Liebes Herz, sagen Sie bitte -- wozu?« flehte Warwara neugierig.

Die Prepolowenskaja neigte sich dicht an Warwaras Ohr und flüsterte:

»Wenn man sich mit Nesseln abreibt, so wird man nicht mager. Das machen

die Nesseln, daß meine Genitschka so rundlich ist.«

Es war überall bekannt, daß Peredonoff die dickeren Frauen bevorzugte,

die mageren hingegen verschmähte. Warwara war ganz betrübt, daß sie

schlank war und immer mehr abmagerte. Was tue ich, um recht viel Fett

anzusetzen? -- das war eine ihrer größten Sorgen. Ueberall fragte sie:

»Wissen Sie nicht ein Mittel?« Und die Prepolowenskaja glaubte sicher,

daß Warwara sich jetzt nach ihrem Rezept mit Nesseln abreiben, und auf

diese Weise sich selber strafen würde.

Der kleine Dämon · 第 1 / 36 题