und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er
ein Anliegen hatte. „Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner
Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.“
Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem
spöttischen Lächeln.
„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“
Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will nicht,“ sagte er
kurz.
„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. „Schade, ich hatte auf
dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich
viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den
breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“
Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. „Was kümmert es mich,“
sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der
breitesten Schichten an?“
„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich bleich
geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme.
„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel mit einer
unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache der Regierung und des
Parlaments und nicht die meinige!“
Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß weder die Regierung noch
das Parlament eine derartig riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch
tausend Widerstände gehemmt zu werden.“
„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, sich um eine
andere Regierung und ein anderes Parlament umtun. Was geht es mich an,
wenn sie zu indolent dazu sind?“
Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen auf den Bruder. Er
erwiderte nichts.
Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb mischst du dich in
die Angelegenheiten anderer Menschen? Sie lohnen es dir nicht! Im
Gegenteil, ich sage es dir nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die
Menschen haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die
Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“
„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, aber ich habe
auch Anhänger, die für mich durchs Feuer gehen.“
Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht, Michael. Weshalb
greift man mich nicht an, von ein paar obskuren Blättern abgesehen? Ich
will dir das Geheimnis verraten. Mein Konzern gibt jährlich
Hunderttausende für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen
kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen Bürstenabzug
eines Artikels gegen meinen Konzern oder mich zu mir. Man gibt ihnen ein
Trinkgeld und wirft sie zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht
ähnlich? Niemand wird es wagen, dich anzugreifen.“
Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange vorwurfsvoll auf
Wenzel gerichtet.
„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, Wenzel, so übt man
doch in der Öffentlichkeit lebhafte Kritik an dir. Man kritisiert deine
Passionen, deinen Aufwand, deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden.
Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand wagt es ja, sie
sind alle abhängig von dir und zittern vor deinem Zorn. Man spricht sehr
abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, und man hat die
unglückliche Jenny Florian nicht vergessen.“
Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. „Wer ist man?“
schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen schweigen! Sage ihnen, daß sie
schweigen sollen! Ich kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es
sind dieselben Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als ich
aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, ich mache diese
Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind Leute, die ihre Dienstboten wie
Leibeigene behandeln und ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem
Hause nach, erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele
Hunderttausende im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen und Renten. Und
meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, daß meine Geschäftsmethoden ebenso
gut und ebenso schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“
Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War das Wenzel? Welche
Hoffart, welche Selbstherrlichkeit in dieser lauten, gewalttätigen
Stimme! Es hatte keinen Sinn, dagegen zu kämpfen.
„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ sagte Michael. „Ich
wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz
anderen Gedanken zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du
willst uns das Darlehn also nicht geben?“
Wenzel wandte sich ungeduldig ab.
„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch
den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek
schweifen, „ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während
Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot
haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“
Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. „Weshalb richtest du
derartige Fragen an mich, Michael?“ erwiderte er, um vieles
beherrschter. „Frage doch die Regierung, weshalb sie zugibt, daß Frauen
für zehn Pfennige in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten der
Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne Bürger Milliarden
anhäufen, während Tausende in der Gosse krepieren! Frage alle diese
Menschen, aber frage doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich
für diese Gesellschaftsordnung.“
Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: „Erinnerst du
dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht hindurch über ähnliche, ja, die
gleichen Dinge debattierten? Wir sprachen, erinnerst du dich, über den
tiefen Sinn des indischen Wortes ‚_Tat tvam asi_ ...‘ Das bist du! Das
heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?“
Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten Beinen.
Dann sagte er, die Adern auf seiner Stirn schwollen an: „Das ist Wunsch,
aber nicht Wahrheit. Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und
wie sie alle heißen –“
Michael wich zurück. „Du wirst bereuen,“ sagte er mit entsetztem Blick.
„Ja, du wirst bereuen.“ Dann blickte er zu Boden, und nach langem
Schweigen fügte er hinzu: „Lebe wohl, Wenzel.“
Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel kam ihm einige
Schritte nach. „So höre doch, Michael,“ versuchte er einzulenken.
„Wir verstehen uns nicht mehr,“ erwiderte Michael unter der Tür,
schüttelte den Kopf und ging.
21
Esther Schellenberg war im Mai nach Berlin zurückgekommen und hatte ihre
Residenz im Schellenbergschen Palais im Grunewald aufgeschlagen. Tag und
Nacht knirschten die Pneus der eleganten Autos auf den Kieswegen vor der
Freitreppe. Tag und Nacht gingen die Gäste aus und ein. Der
Haushofmeister, der ehemalige Regimentskommandeur, hatte vollauf zu tun.
Fast ständig waren die Gastzimmer des Hauses besetzt. Es kamen viele
ausländische Gäste. Baron Blau betrachtete sich das Haus und sagte aus
Höflichkeit einige Schmeicheleien. Major Fairfax kam auf vierzehn Tage.
Er beachtete das Haus kaum. Er spielte vom frühen Morgen bis zur
sinkenden Nacht Tennis, mit jedermann, der gerade mit ihm spielen
wollte.
Esther hatte die Absicht, den größten Teil des Jahres im Auslande zu
verbringen und sich in Deutschland so wenig wie möglich aufzuhalten. Ein
paar Monate im Frühling und im Sommer vielleicht und ein paar Wochen im
Winter etwa, wenn das Theater- und Konzertleben Berlins sich wieder
beleben sollte.
Aber auch für diese wenigen Monate mußte Abwechslung und Zerstreuung
geschaffen werden. Für diese Zwecke schien ihr das Jagdschlößchen
Hellbronnen ganz besonders geeignet. Vielleicht ließ sich daraus etwas
machen, was ihre englischen und französischen Bekannten nicht hatten,
eine Attraktion, die die Freunde von weither anlockte. Sie plante auf
Hellbronnen Sommerfeste, Maskeraden, italienische Nächte, sie plante
alle möglichen Dinge. Man konnte gewiß recht ausgelassen in dem
Schlößchen und dem verschwiegenen Park sein, ohne irgendwie gestört zu
werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie beabsichtigte
zu diesen Festen ihre englischen und französischen Freundinnen, die sich
auf das Leben verstanden, einzuladen. Es sollte eine Sache werden, von
der man überall sprach.
„Willst du mir eine Freude machen?“ fragte sie Wenzel. „Willst du mir
Hellbronnen schenken?“
„Was bietest du dafür?“ fragte Wenzel.
Esther blickte ihn an und lächelte mit den gemalten schmalen Lippen. „Du
kannst fordern,“ erwiderte sie.
„Gut, so will ich dir Hellbronnen verschreiben lassen.“
„Ich kann damit anfangen, was ich will?“
„Natürlich.“
Schon am nächsten Tage fuhr Esther mit den Architekten Kaufherr und
Stolzer nach Hellbronnen, um ihnen ihre extravaganten Wünsche
vorzutragen. Es sollten Pavillons errichtet werden, da und dort, für die
Gäste, möglichst verschwiegen, möglichst abgesondert, mit allem
Raffinement ausgestattet. Der Park sollte wie ein Zaubergarten wirken.
Phantastische Gondeln sollten auf den Teichen fahren, Wasserkünste, die
man farbig beleuchten konnte, waren zu bauen. In einem großen Treibhaus
sollten exotische Pflanzen gezüchtet werden, die man im Sommer ins Freie
bringen konnte, um den phantastischen Eindruck zu erhöhen. Ein kleiner
Teich aber sollte, so wie er war, vollständig mit Glas überdacht werden!
Der Teich war mit ausgewählten Seerosen zu bepflanzen. Vielleicht ließ
sich der Grund so behandeln, daß das Wasser türkisblau erschien? Eine
Heizanlage war vorzusehen, damit man auch an kühlen Tagen in dem kleinen
Teich baden konnte.
Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um Vorschläge, gewiß würde
ihr selbst noch manches einfallen. Und Esther eilte wieder nach Berlin
zurück, um die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen, das
sie geben wollte. –
In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von dem die
Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in dieser gleichen Nacht starb
fern von Berlin der alte Raucheisen auf seinem Schloß Charlottenruh an
der Ruhr.
Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen, eine vorübergehende
Schwäche des Herzens. Der Arzt war ohne jede Besorgnis. Er schlief fest
und tief in seinem Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die
Nachtwache hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich zu
wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte.
Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden lang ganz
vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich und setzte sich hastig
aufrecht und lauschte. Eine matte Ampel erhellte den Raum. Ein kleines
blasses Männchen, saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen
seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht einmal so groß wie
ein Knabe, fast wie ein Kind sah er zwischen den schweren dunkeln
Vorhängen aus. Dieses Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig
vor. So saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten
mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es waren die Hände eines
Toten.
Und er lauschte.
Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad der Zeche Charlotte
Raucheisen in der Luft schwirren. In der Nacht sah er die Hochöfen
flammen ringsum, es war das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch,
wenn er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge aus den Öfen
quellen, von feurigen Männern umtanzt. Er sah Glut und Rauch am Himmel,
als lohe eine Feuersbrunst. Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen
Jahren, ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn.
Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne Ebenen. Das
waren die Siedlungen, die er für seine Arbeiterschaft geschaffen hatte.
Hunderte von Morgen Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte diese
Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften abgebildet als
vorbildliche Einrichtungen – aber niemand hatte es ihm gedankt. In jenen
Tagen, da die Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor
erschlagen, und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand im Zuge
schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf stand: „Ich bin der Blutsauger
Raucheisen.“
Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit. Es waren
Zeiten der Verwirrung, der Verirrung, längst vergangen. Alles war wie
früher.
Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den dunkelblauen seidenen
Vorhängen, da unten, da liefen die Stollen und Querschläge. Da unten
waren jetzt sechshundert Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die
Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken klingen? Und
kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit? Oh, der alte, kleine Mann
sah die Lämpchen wandern. Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett,
in siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II, von einer
Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten im Ruhrgebiet. Dieses
Flöz war der Reichtum der Zeche. Hier unten hatte der kleine, bleiche
Mann vor mehr als fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er
praktizierte, nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier
unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier herauf. War
das nicht sonderbar? Wie der Berg heute den Schall trug! Und wie die
Scharen von Lämpchen hin- und herwanderten, wie sie zwischen den
Verschlägen und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden. Und der
Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen Männer.
Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken klingen, nun
klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben ihm. Hunderttausende von
Stahlpicken hämmerten ringsum, und der kleine, bleiche Mann lächelte
verzückt. Da waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie
arbeiteten, immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten sie, und
sie arbeiteten alle für ihn.
Plötzlich aber pochte es ganz laut und deutlich gegen die Tür. Hörst du
nicht? Der kleine, bleiche Mann lächelte und sagte leise: „Herein“.
Dann sank er in das Kissen zurück, und das große, matterleuchtete Zimmer
lag ganz still, bis der Morgen kam.
Als die Scharen der Morgenschicht in den Zechenhof strömten, sahen sie
eine schwarze Fahne auf Charlottenruh. „Den alten Raucheisen hat heute
nacht der Teufel geholt!“ sagten sie und stiegen in den Förderkorb, der
klirrend in die Tiefe fegte.
Esther hatte nur wenige Stunden geschlafen, als sie die Nachricht vom
Ableben ihres Vaters erhielt. Während sie tanzte und lachte, war ihr ein
ungeheures und unübersehbares Vermögen in den Schoß gefallen.
22
Im Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle of Wight. Ein ganzes
Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, die Esthers Freunden gehörten,
kam hier zusammen. Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner großen,
luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord Tanzgesellschaften, die
bald in der ganzen englischen Sportwelt berühmt wurden.
Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin und England unterwegs.
Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von einer Reise nach
Paris und Sankt Moritz, ganz gegen ihre frühere Absicht, in Berlin.
Wiederum wimmelte ihr Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte,
verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt war, die
Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger berühmter Namen,
bekannte Politiker und Minister gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb
sich um Einladungen zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“, man
mußte als Vogel kostümiert erscheinen – war ein gesellschaftliches
Ereignis. Von dem Tanzturnier, das sie im Februar veranstaltete, sprach
ganz Berlin. Die illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der
Sieger. Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky erhalten,
heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und Bühnenkünstler.
Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine leere Stunde mehr,
keine Stunde der Langeweile. Fast jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz,
Spiel, Gelächter. Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den
Schluß der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein hätten
genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. Wenzel aber
leistete nebenher noch eine ungeheure Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers
Wunsch eine Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, wodurch
sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte.
Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, dritten Tag nach
Hellbronnen, um den Umbau und Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war
in diesen Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. Immerzu
war sie von einem Schwarm von Bewunderern und Anbetern umgeben. Wenzel
aber fühlte sich glücklich. Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den
es sich bewegte. Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles
schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. Er spielte
eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. Man drängte sich an ihn.
Politiker, Redakteure, Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine
Freundschaft. Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen
Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht zu hören. Man sah
ihn in den Salons der Gesandten und Botschafter aller Nationen, die
Presse nannte seinen Namen voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel
einer ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit!
Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. Aber zuweilen
empfand er doch etwas wie eine Art Hochachtung vor sich selbst, war er
ganz erfüllt von Befriedigung.
„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er sich manchmal,
wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel betrachtete. „Und doch ist dies
erst der Anfang! Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige Träume
berauschten ihn –.
Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im Mai – ereignete sich
ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender Vorfall, dessen Folgen
niemand voraussehen konnte.
An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, wie sie in
Berlin selten sind, begleitete Wenzel Esther in den Zoologischen Garten.
Esther schwärmte für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit
gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und kleine Bären zu
bewundern. Der schöne Tag hatte alle Welt herbeigelockt, und der Garten
wimmelte von heiteren Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich –
beinahe hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in der Nähe
des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, milchweißes Windspiel
freudig an Esther heran, beschnupperte sie, sprang winselnd und kläffend
vor Erregung an Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken.
Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner Freude äußerst
reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges Maul und rosiggeränderte
sanfte braune Augen. Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des
Tieres nicht zu erwehren.
„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht so närrisch,“
rief sie wieder und wieder aus.
Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von
Menschen.
Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, das
Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in der Menge.
„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel.
„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther lächelnd und
widmete sich wieder den jungen Bären.
Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, geringfügig, und
Wenzel vergaß ihn nach einigen Tagen vollkommen.
Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause kam und nicht
einschlafen konnte, da er überarbeitet war – Esther war heute nach
Hellbronnen gereist und kehrte erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich
wieder diese bedeutungslose Szene mit dem Windspiel ein. Er ging auf und
ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte sogar bei der Erinnerung an
diese Szene – erschien eine Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser
Sache besonderes sein? fragte er sich, indem er auf- und abging und
seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, ein Hund, der
irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber nun zerbiß er plötzlich die
Zigarre, was er zu tun pflegte, wenn er in schlechte Laune geriet.
„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte er plötzlich.
„Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche Freude dieses Windspiels!
Das Tier war ja völlig närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther
sehr häufig mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe dieses Tier
nie gesehen, weder auf einem Rennen noch sonst irgendwo. Und dann dieser
Pfiff! Warum hat der Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach,
es war auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur seinen
Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er sie fragte, nicht den
Namen dieses Bekannten? Vielleicht schien es ihr völlig gleichgültig.
Wandte sie sich nicht etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem
Bärenzwinger zu?“
Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, und es war
lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Es war nur seine
Abgespanntheit und seine Gereiztheit.
Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm zurück. Er erinnerte
sich plötzlich eines Blickes, den Major Fairfax mit Esther ausgetauscht
hatte. Dieser Blick hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um
urplötzlich wieder wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer
Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur ein Blick! Auch dieser
Blick war ganz unbedeutend und nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu
beschäftigen. Vielleicht hatte er diesen Blick völlig mißdeutet.
Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich ihm dieser
Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer des Windspiels
auszukundschaften. Wie? Nun, das würde sich finden. Er nahm eine
doppelte Dosis Schlafpulver und begab sich zur Ruhe.
Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem er erwachte, der
Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen Pfoten und dem rosigen Maul.
Ganz deutlich sah er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem
Gedächtnis malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging es, den
Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter hundert Windspielen würde
er das Tier herausfinden. Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und
nach diesem Windspiel überall Ausschau zu halten.
Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden zu sein. Wenzel
besuchte häufig den Zoologischen Garten, er war auf allen Rennplätzen,
er kam nun häufig zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste
brachten oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. Vielleicht
war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus Berlin abgereist? Endlich,
nach einigen Wochen, begann Wenzel über seine Marotte, in einer
Millionenstadt nach einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich
hatte er das Windspiel vergessen.
23
Aber plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr an den Hund
dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen Verblüffung in einiger
Entfernung dicht neben einem Herrn stehen! Er erkannte das Tier
augenblicklich wieder. Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur
gekommen, um Esther abzuholen.
Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange gesucht hatte! Eine
Täuschung war unmöglich. Der Herr trug einen silbergrauen
Sommerüberzieher und einen silbergrauen Hut. Er war nach der neuesten
Mode gekleidet, übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem
Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die Höhe sprang, und
Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich erbleichte Wenzel.
Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier gewonnen hatte,
wie war doch sein Name? Er kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in
einem Spielklub, er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. Jetzt
spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und beim Film. Er hatte
diesem jungen Mann nie Vertrauen geschenkt, vielleicht weil er
sogenannte schöne feminine Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein.
Katschinsky hieß der junge Mann.
Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen genannt?
Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den Turnierplatz, ohne
weiter nach Esther zu suchen. Er ließ ihr den Wagen zurück, mit dem
Bescheid, daß ihn ein dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe.
Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, die Bewegung
erfrischten ihn. Plötzlich begann er über seine unsinnigen Kombinationen
zu lachen.
„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir werden drei Wochen auf
die See gehen!“
Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über Wenzel gekommen. Er ging
nicht an die See. Nach einer Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht
mehr.
Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle Angelegenheiten
anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen gab er diesen Vertrauensleuten
seine Aufträge.
Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade gegen
Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus betrat, eine ganz
besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte in ihrem gepuderten und
gemalten Gesicht zu lesen. Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die
Künste der Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge der
Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie es Wenzel schien,
rätselhafter.
Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder erschien es ihm.
Je mehr er diese Frau zu ergründen suchte, desto unbekannter schien sie
ihm zu sein. In der Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem
Hause.
Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei Herren über Esther
im Teeraum des Londoner Hotels führten. Sie waren augenblicklich
verstummt, als sie bemerkten, daß er zuhörte, und behandelten ihn von
diesem Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie etwas
gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit gewesen. Sein Englisch
war nur mangelhaft, und doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden
Herren mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es lag mehr
im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, ihre Scheidung, ihr ganzes
Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis trat, war ihm bis heute völlig
gleichgültig gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über
alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug?
Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen nach London fahren
mußte. Wenzel hatte mit ihm eine vertrauliche Aussprache. Goldbaum war
klug und taktvoll genug, um sich für eine derartig schwierige Mission
besonders zu eignen.
Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, rothaarigen Schädel
verdrießlich hin und her, versprach aber endlich, sein möglichstes zu
tun und bei seinen Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“.
Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit noch größerer Unruhe
erwartete er den Bericht seiner Berliner Vertrauensleute. Esther ahnte
nicht das geringste.
Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll und vorsichtig,
eine Bemerkung über Esthers allzu große Außerachtlassung der
gesellschaftlichen Formen gemacht hatte. Er hatte damals mit Esther
gesprochen und sie um mehr Zurückhaltung gebeten.
„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, Esther,“ sagte er.
„Sie sind zum größten Teil Spießbürger, die die Dinge mit andern Augen
sehen und manches mißdeuten könnten.“
Esther warf die Lippe in die Höhe.
„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen des Kopfes.
„Ich tue, was ich will, du weißt es, und kümmere mich nicht um die
Menschen.“
Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und ausweichend.
Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine Reise Bericht. Wenzel
empfing ihn in seinem Arbeitszimmer und gab den Auftrag, niemanden
vorzulassen. Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen
Angelegenheiten. „Nun, und die andere Sache?“ fragte Wenzel und wurde
dunkelrot, da er sich schämte.
Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. Klatsch, Geschwätz
und Gerede hätten ihm seine Freunde zugetragen, nichts sonst, nichts
Positives, keine einzige positive Tatsache.
Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man über Esther rede. Auch
das interessiere ihn. Er bitte ihn als Freund.
Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches über die Ehe
Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. Es sei da nicht alles so
glatt und einfach gegangen. Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So
erzählte man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein Verhältnis gehabt
habe. Sie habe vier Wochen mit ihm zusammen in einem ägyptischen Hotel
gewohnt – behaupten die bösen Zungen. Man habe auch die Namen von
anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das sei einfacher Klatsch,
wie er in jeder Gesellschaft üblich sei.
Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die Hand. „Ich hatte
bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er. „Dieses Geschwätz kümmert mich
natürlich nicht im geringsten.“
Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders aus. Er
erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden Herren, die über
Esther tuschelten und deren Gespräch er unterbrach. Damals im Teeraum
des Londoner Hotels. Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß
Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit in Venedig
auffing –, da saßen andere gutaussehende junge Männer. Vielleicht
lachten sie im geheimen über ihn, während er feierlich neben Esther an
der Tafel saß.
Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten Tage verließ
einer seiner Agenten mit dem Londoner Flugzeug Berlin.
Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts Positives.
Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte irgendwo in Frankreich. Also
hieß es sich gedulden.
Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. Es war sein
Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen
abzugeben, und so berichtete er ausführlich über alles, was er in
Erfahrung gebracht hatte.
Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber wurde mit
Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch in London wußte, daß Sir Weatherleigh
als Gentleman die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal zu
vermeiden.
Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine Schuld Esthers in der
Höhe von zwanzigtausend Pfund eingelöst habe und daß seine Beziehungen
zu ihr, wenn auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien.
Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an zu ahnen, wer Esther
war.
Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner Verheiratung
geschehen war, ging ihn nichts an. Es war ihm nicht gleichgültig,
keineswegs, aber er hatte nicht das Recht, darüber zu richten. Esther
hatte nie die Tugendhafte und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie
heuchelte nicht.
Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre Pflichten verletzt
haben sollte! Er sagte wehe – mehr wollte er nicht sagen.
Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. Er blieb seinem
Hause möglichst fern. Seine Unruhe wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war
seit einer Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, so oder
so.
Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. Wenzel verschloß die
Türen. Der Vertrauensmann zog ohne große Einleitung ein Notizbuch aus
der Tasche und legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz
auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf Uhr das Haus
betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag um sechs Uhr das Haus
betreten, um einhalb acht Uhr verlassen, am Sonntag nach dem Theater das
Haus um elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen.
Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler sehr
bekannten Namens aufmerksam. Er werde auch diese Spur verfolgen, wenn
Herr Schellenberg es befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch
keineswegs sicher. –
Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem Stein gehauen.
„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang ruhig und völlig
unverändert. Seine Hände aber zitterten so stark, daß er sie unter der
Tischplatte verbarg. Plötzlich funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie
mich belügen, Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich
überzeugen, ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“
Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg können sich
überzeugen.“
24
Eine ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen sein Büro
nicht eine Minute. Er arbeitete an einer Neuorganisation des
Schellenberg-Konzerns, die die Verwaltungskosten um ein Drittel
vermindern sollte. Ein ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie
die Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen
erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu werfen: Das Mietsauto
stand an der Ecke.
Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr, kam der Anruf des
Vertrauensmannes.
Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die Straße, um das
Mietsauto an der Ecke zu besteigen. Straße, Nummer, warten, bis ich
Order gebe, zwanzig Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt
es wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz rabiat zu
sein.
Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß regungslos im Wagen,
die Augen auf das bezeichnete Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine
kleine Villa in Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der
Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich vollenden,
dachte Wenzel und hielt den Blick auf das Haus geheftet. Die Gedanken
jagten. Er rauchte eine Zigarette nach der andern und wartete. Eine
Stunde verging. Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel in eine
Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen still, sie bewegten sich nur
noch um kleine Nebensächlichkeiten. Wer diese Villa wohl gebaut hatte?
Welche Gagen ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen zu
können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer Seite? Dort an der Ecke
stand der Vertrauensmann, las die Zeitung und aß eine Banane. Er
verabscheute ihn.
Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine Dame erschien. Sie
trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen Hut und ein dünnes, weiches
Cape der gleichen Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt
hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde aber sofort ins
Haus zurückgerufen. Die Dame verließ das Haus, unauffällig, sorglos, so
wie täglich in jeder großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser
Stunde verlassen.
Aber diese Dame trug seinen Namen.
Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang, dann nahm sie ein
Mietsauto und fuhr davon.
Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem Wagen. Der Agent
ging vorüber und wandte das Gesicht gegen die Scheibe. Dann befahl er
dem Chauffeur, ihn in sein Büro zurückzufahren.
Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein Gericht, keine
Zeugenschaft.
Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch
unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann fuhr er nach dem Grunewald
zurück.
Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn war böse gerunzelt.
Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft vor seiner schlechten Laune.
„Die Damen sind im chinesischen Zimmer.“
Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem Charakter, keineswegs
chinesisch, aber es wurde so genannt. Es war ganz gekachelt,
ultramarinblau, die Decke vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen
Raum zur Dämmerstunde.
Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie sprachen englisch und
französisch. Zwei Freundinnen waren seit gestern auf Besuch gekommen.
Die Frau eines englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft
frisiert, mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine quecksilberige
pechschwarze Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war und sich bei
Esther versteckte. Die Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest
in Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Man
wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers Empfangssalon aus sah
Wenzel in das chinesische Zimmer. Der Rauch der Zigaretten hatte unter
der Decke eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet.
In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht, und gleich
danach trat die Gestalt eines jungen Mannes ein. Wenzel erkannte
Katschinskys Stimme.
„Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,“ sagte Esther, fast
gleichgültig, fast gelangweilt.
„Ich hatte im Ausland zu tun,“ erwiderte Katschinsky. „Ich bin seit
einigen Tagen wieder hier, finde aber erst heute eine freie Stunde.“
„Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und Madame Georgette Leblanc
aus Paris.“
Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
„Oh, welch schamlose Komödie!“
Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der Luft liegt.
Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte unter seinem
Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und ließ bestellen,
daß man ihn nicht zu Tisch erwarten solle. Er habe dringende Geschäfte
zu erledigen.
Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem Sekretär
bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in seinem halbdunklen
Arbeitszimmer hin und her, immer hin und zurück, und wiederholte immer
von neuem: „Oh, welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war sein
ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.
Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel finster und stumm
rasend und halblaut redend in seinem Zimmer hin und her. Von unten
herauf erklangen zuweilen Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr
Gäste gekommen zu sein.
Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen gekommen. Sie wird
mich und sie und alle erschlagen! Oh, welche Infamie!
Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern und Frauen,
die in seinem Hause verkehrten, immer einen ganz merkwürdigen und
sonderbaren Ausdruck gehabt. Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht
ganz zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, die
Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, gutgewachsenen
Männer, Major Fairfax, Baron Blau, und plötzlich schien es ihm, als
säßen sie alle herausfordernd da und blickten ihn mit kaltem Spott in
den Augen an.
Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie entsetzlich
schamlos war das alles! Sie hat mich in den Schmutz gezogen und, was
weitaus furchtbarer war – furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich
dem Spott und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, diese
Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten sie nicht toll lachen
über ihn? Er wollte es nicht anders, er hatte, was er wollte. Alle
wußten, was sich ereignen würde, nur er nicht.
„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den Schmutz tritt!“
knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen, ich werde mich furchtbar
rächen!“
Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er wußte es. Er
hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer Freiheit nicht Schranken
gezogen, durch ihr Geschlecht und die Gebote der Gesellschaft? Aber
vielleicht gab es diese Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie
ebenso maßlos im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher
Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? Eine fremde Frau,
unbekannt wie ein unbekanntes Tier, dessen Eigenschaften niemand kennt.
Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein Schicksal. Von unten
herauf drang Gelächter. Der Flügel. Man tanzte.
„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder und wieder aus,
mit verzerrten Zügen.
Es war eine furchtbare Nacht.
25
Vor dem Gebäude der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ drängten sich
unübersehbare Scharen von Arbeitslosen, Kopf an Kopf. Ihr Geschrei
erfüllte die Straße.
„Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!“
Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen.
Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen der Entmutigten. Er
erklärte, daß die Gesellschaft in den letzten Wochen Abertausende
eingestellt habe, daß sie aber vorläufig über keine weiteren Mittel
verfüge. Er werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat
vorsprechen.
Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den Zechen häuften
sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl von Hochöfen war bereits
ausgeblasen worden. Der Export war auf ein Minimum herabgesunken.
Jahrelang hatte er tauben Ohren gepredigt.
Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer: „Gib uns Arbeit!
Komm heraus, Schellenberg!“
Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben wurden eingeworfen.
Die Polizei schritt ein.
Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch die Fenster
eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die Verzweifelten zur Ruhe zu
bringen. Gestern erschien ein Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger
gebärdete. Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war
aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt nicht zu
gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder eingestellt zu werden, oder
er werde das Gebäude in die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und
vier kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit einem
Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein. Er war Steinträger,
ein krummbeiniger, breitschulteriger Bursche mit rotem Schnauzbart und
schwammigem Trinkergesicht. Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und
an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen!
Und in der Tat, er kam wieder.
An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der Regierung und
Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der Michael eingeladen war. Er
sollte seine Pläne vortragen.
Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig die Treppe hinab,
so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung begleitete, kaum zu folgen
vermochte.
Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude durch einen
Nebenausgang zu verlassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die erste
Stufe des Nebenausgangs gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die
linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn mit einem
schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange gegen die Schulter
gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe gefallen. In dieser Seitenstraße
waren nur wenige Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem
Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der neben dem Wagen
gestanden hatte, sich auf einen Mann stürzte und ihn zu Boden warf.
Sofort sammelten sich Menschen an.
„Er hat auf Schellenberg geschossen,“ schrie der Chauffeur und deutete
auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht des Mannes, den er zu Boden
geschlagen hatte. Es war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der
gestern Rache geschworen hatte.
Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der Knall war im Lärm der
Straße verhallt.
Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand noch immer und
begriff nicht. Er spürte immer noch den heftigen Schmerz an der
Schulter.
„Bist du getroffen?“ fragte Eva, die Augen geweitet in Angst und
Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht. Michael schüttelte den Kopf, er
vermochte kein Wort zu erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer
stärker spürbar.
„Oh, du blutest ja!“ rief Eva aus, und sie nahm ihr kleines Taschentuch
und schob es hastig unter seine Weste. Erregt versuchte Eva ihn wieder
ins Gebäude zurückzudrängen.
Endlich vermochte Michael zu sprechen. „Es ist nichts,“ sagte er. „Was
kann es sein? Was wollte er?“ schrie er dem Menschenknäuel zu, der sich
um den Steinträger ballte.
Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr nachmittags.
Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, die mit den
feuchten Blättern durch die Straßen rannten.
„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser schießt auf
Schellenberg!“
Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein Arbeitsloser habe
auf den bekannten Volkswirt und Chemiker Michael Schellenberg, den
Gründer und Leiter der Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein
Revolverattentat verübt. Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu
lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. Der Zustand
des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen ließe, zu Besorgnissen
keinen Anlaß.
Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der Attentäter war ein
Steinträger namens Heinecke, ein notorischer Trinker, der schon
wiederholt mit den Gerichten in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen
waren verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für geistig
minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats waren höchst unklar.
Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die Waffe in die Hand
gedrückt. Schon hatten Reporter seine häuslichen Verhältnisse untersucht
und allerdings konstatieren müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers
und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter großen feuchten
Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend hausten. Ein andermal
erklärte Heinecke, er habe sich an Schellenberg rächen wollen. Er habe
bei der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen
Hungerlohn gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. Dabei besitze
Schellenberg ein Palais im Grunewald, einen Palast mit hundert Sälen und
einen Rennstall, alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine
tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter hat den
Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem Bruder, dem Industriellen und
Geldmann Wenzel Schellenberg, verwechselt!
Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. Es ist ein und
dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. Schließlich sagte er, er
habe geschossen, um ins Zuchthaus zu kommen. Es sei ihm nur noch die
Wahl zwischen dem Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch
nicht finden konnte.
Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger Trinker.
Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten,
lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein zerschmetterte, war
noch in der Nacht entfernt worden. Michael Schellenberg werde in wenigen
Wochen, wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten,
wiederhergestellt sein.
Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am Abend zu leichtem
Fieber steigerte. Das war alles. Sein allgemeines Befinden war
vorzüglich. Schon am dritten Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen
zu werden, um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte aber
widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß auf den
Patienten sie kannten, und so mußte Michael wohl oder übel in der Klinik
bleiben. Die Kommissare kamen, um ihn zu vernehmen.
„Lassen Sie den armen Teufel laufen,“ sagte Michael. „Es ist ein Opfer
der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte Tat ist nicht der Akt eines
einzelnen, die Verzweiflung von Abertausenden von Arbeitslosen fand
darin ihren Ausdruck.“
Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und die Temperatur so
befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten, täglich zwei Stunden lang
die Berichte seiner Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich
sofort um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer.
Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden.
Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen. Wie ein
Racheengel erschien er bei einer großen Zahl seiner Unternehmungen, nur
in Begleitung von Mackentin und Stolpe. Seine Miene war kalt und
finster, und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem Blick.
Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied. Nein, Wenzel
Schellenberg war nicht der Mann, der hohe Gehälter bezahlte dafür, daß
man sich auf die faule Haut legte. Sie täuschten sich. Er brauchte
schöpferische Köpfe, die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge
hatten.
Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael Kenntnis erhalten.
Er kaufte in Hannover eine Zeitung, bevor er in den Kölner Schnellzug
einstieg. Es war am Morgen nach dem Attentat. „Sehen Sie her,
Mackentin!“ rief er Mackentin erbleichend zu. „Was ist das?“
Augenblicklich erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen und
ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte Wenzel alle Zeitungen
zusammen. „Lesen Sie, Mackentin,“ sagte er mit einem verstörten Lächeln.
„Eigentlich hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas mit
Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.“ Tagelang sah
Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels Blicken.
Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich günstiger, und
Wenzel schien ruhiger zu werden. „Es ging noch einmal vorüber, Gott sei
Dank!“
Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs zur Klinik.
Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die Michael erregen konnten.
Infolgedessen mußte Wenzel sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu
sprechen. Eva fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich
eine Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter, die Züge
hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen, täglich zweimal
telephonischen Bericht zu geben. Sie versprach es gern. Wenzel schien zu
leiden.
Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte ihm einige
Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber die Ärzte hielten ihn noch in der
Klinik fest, da sich zuweilen in der Nacht geringes Fieber eingestellt
hatte. Sie gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich
keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte.
Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer auf und ab.
„Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir immer zurückstellen
mußten, Eva. Da ist zum Beispiel dieser Plan mit den schwimmenden
Werkstätten, die überallhin leicht transportiert werden können. Willst
du schreiben, Eva?“
Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie erinnerte dann,
daß der Termin des Preisausschreibens bereits überschritten war.
Auch damit war Michael einverstanden.
Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein Preisausschreiben
veröffentlicht. „Verbesserungen und Vorschläge zum Bebauungsplan der
Lüneburger Heide.“ Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte
hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und es war nur
selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern eine große Anzahl
seiner Mitarbeiter befand. Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten
erfreute Michael. Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte sich, daß
einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der Öffentlichkeit völlig
unbekannter Mann, die beste Arbeit geliefert hatte. Er hieß Georg
Weidenbach und war der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe
von Berlin.
Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen. Ein
schmächtiger junger Mann mit blondem Haar, gebranntem Gesicht und
strahlenden Augen trat in sein Zimmer.
„Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,“ sagte Michael zu ihm und
schüttelte ihm die Hand. „Ich werde Ihnen die Leitung einer Abteilung
übergeben. Halten Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus
der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.“ Er betrachtete Georg
aufmerksam. „Wo habe ich Sie schon gesehen?“ fragte er dann.
Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine jetzige Frau mit
nach Glückshorst nehmen zu dürfen.
„Oh, Sie sind es!“ entgegnete Michael. „Ich erinnere mich noch deutlich.
Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie sehen um vieles besser aus
als damals.“
Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt entlassen hatten,
rief er Weidenbach nach Berlin. Er führte Georg persönlich in die
Abteilung ein, deren Chef er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume.
„Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!“ rief er ihm zu.
Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder nach Berlin
zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst verstört irrte, wie ein
Hund, der seinen Herrn verlor.
Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem kleinen Georg nach Berlin
gekommen, um die Wohnung einzurichten, die ihnen die Gesellschaft
überwiesen hatte. Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden
Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und Nacht nähte sie an den
Vorhängen. Aber endlich war es soweit, und das kleine Einweihungsfest
konnte stattfinden. Es prasselte und krachte in Christines kleiner
Küche.
Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs früherer Chef in
Glückshorst, man erinnert sich? Er brachte eine Flasche Burgunder mit.
Dann kam der Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei,
berstend von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten seiner Kunst.
Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier am Nollendorfplatz hatte. Er
brachte einen schwarzen Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte.
Er brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die Türe ging.
„Da seid ihr ja wieder!“ schrie er außer sich vor Freude und umarmte die
Freunde.
26
Wenzel war in dieser Zeit fast immer in Geschäften unterwegs. Nur
zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage nach Berlin zurück. Er wohnte
in seinem Hause im Grunewald, lebte aber völlig zurückgezogen. Er
arbeitete.
Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren Plänen für das
Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt. Das Fest sollte eine ganze Woche
dauern, von Sonntag zu Sonntag. Ein junger Dichter hatte „Drei Szenen
aus dem Leben Casanovas“ geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden
Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky führte die Regie. Esther
hatte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war
vollauf beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern,
Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen, sie lachte und ereiferte
sich – es fiel ihr gar nicht auf, daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei,
drei Tage zurückkam, auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu
Gesicht bekam.
Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit, mit der Esther
ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn er auf wenige Minuten in
ihrem Freundeskreis erschien, machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz
allem, Unrecht tun?
Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen Mackentins scheu und
unsicher wurde. Ah, kein Zweifel, er täuschte sich nicht, das war nicht
der alte Mackentin. Es war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er
wich seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien etwas zu
verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede.
„Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren? Was geht hier
vor?“ drang er in ihn.
Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an der Zigarre. „Oh,
nichts,“ erwiderte er, während er Wenzels Blick auswich. „Oh, nichts,
gar nichts oder fast nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es
Ihnen als Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer
großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl ich doch von
Geschäften nichts verstehe und Ihnen sogar häufig Schaden zufügte.“
Und endlich fiel Mackentin wieder in jenen Ton, den er bei
Unannehmlichkeiten wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender
Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und gut, ohne viele
Umstände erklärte Mackentin, er halte es für seine Pflicht, Wenzel daran
hinzuweisen, daß der Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit
damit prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe habe es
ihm vor einigen Tagen mitgeteilt.
Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die Farbe von Blei, das
lange an der Luft liegt. Er faßte sich indessen rasch, es ging nun zu
Ende. Er nahm Mackentin das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine
längere Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den Augen, als
er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer verließ.
An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin im Automobil. Ein
Narr! Welch ein Narr! Fast wäre er an sich irre geworden. Dieses Stück,
das man spielen wollte, diese „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“,
hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit! Es traten ihm
fast die Tränen in die Augen, aus Trauer über ein solches Ausmaß von
Naivität und Borniertheit. Der Dichter dieses Stückes wohnte bei
Katschinsky. Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines Tages, in
einer totalen Verdunkelung seines Gehirns, hatte er sich folgendes
Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter des Stückes wohnt bei Katschinsky,
dem Regisseur. Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest.
Vielleicht ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt,
debattierten, ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich alles ganz
einfach, lächerlich einfach erklärte – während er sich die Brust mit
beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte
ihn der Keulenschlag mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich
schlagen, wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst.
Dieser Bursche überhaupt, dieser „Regisseur“! Wie? Er erinnerte sich,
wie lange war es her? Es war damals, als er die Geschichte mit Jenny
Florian hatte. Am Anfang. Damals erhielt er einen anonymen Brief: „Hüten
Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen! Rache für Jenny
Florian!“ Er zeigte diesen Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen
Brief geschrieben.
Seht an! Seht an!
Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel klopfte an die Scheiben,
und der Wagen hielt.
„Wohin fahren Sie?“
„Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen haben,“ antwortete der
Chauffeur.
Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann sich. „Es schien
mir, als führen Sie falsch.“ Wieder fegte der Wagen durch Schmutz und
Regen. Es wurde Nacht. Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig.
In Warnemünde lag die Jacht.
Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es regnete und der Wind
fegte. Die Scheinwerfer des Autos blendeten über Glasveranden. Sie
schienen in eine Stadt von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk,
gegenüber vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien wie
verlassen.
Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht, und Wenzel zuckte,
wie geschlagen, zusammen, so oft der Chauffeur in die Nacht
hineinbrüllte: „Halloh, Esther Schellenberg!“ Nichts regte sich. Endlich
fand der Chauffeur einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und
endlich zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes
Gesicht.
„Schlaft ihr alle?“ schrie Wenzel zornig, und in diesem Augenblick wurde
die Jacht lebendig. Licht flammte auf, Schritte eilten. Der Kapitän war
nicht an Bord. Wenzel befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht
segelfertig zu machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen, in
das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der Wind trillerte in den
Tauen. Schon saß Wenzel in der Kajüte, und plötzlich fühlte er sich
freier und stiller. Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn
verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser!
Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel Kognak goß, dann
zündete er sich eine Zigarre an und ging auf und ab. Fast hatte er seine
ganze Schmach und Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach
einer Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd, in den
Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht.
„Machen Sie keinen Unsinn,“ unterbrach er den Kapitän, einen früheren
U-Bootführer, namens Wittgenstein. „Wir sind unter uns Kameraden, und es
ist doch völlig einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen.
Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es plötzlich in Berlin
nicht mehr ausgehalten. Ich brauche etwas frische Luft. Wir werden einen
Schlag in die See machen. Sind Sie bereit?“
Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer geschickt habe,
es werde wohl eine geraume Weile vergehen.
„Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!“ rief Wenzel gutgelaunt aus. „Wir
werden essen und trinken.“
Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das andere hinunter. „Ich
bin zur Zeit mit den Nerven fertig, Wittgenstein!“ rief er lachend aus.
„Sehen Sie, wie meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die See.
Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es ist schlechtes
Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe gebracht. Geben Sie jedem
eine Flasche von diesem Bordeaux und ein paar tüchtige Schnäpse!“
Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau loswarf und die Jacht
klatschend gegen die See ankämpfte. Wittgenstein hatte wegreffen lassen,
was möglich war, es war schweres Wetter.
„Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?“
„Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar ist es hier auf der See!“
Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als die dänische Küste in
Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs auf Bornholm.
„Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,“ sagte er. „Ich will nur
nicht in die Nähe von Menschen kommen.“ Am Nachmittag schlief er ein,
und am Abend begann er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht
war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie dahin.
Wenzel war laut und ausgelassen. „Was würden Sie sagen, Wittgenstein,“
schrie er dem Kapitän zu, „wenn ich einen Menschen totschlüge?“ Eine See
brach zischend über das Deck.
„Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß nicht tun.“
„Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es eines Tages.“
Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän. „Hören Sie,
Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken. Wie wäre es, wenn
wir zwei eine Schmugglerfirma aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach
Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer Beruf für zwei alte
Kriegsleute, wie wir es sind!“ Und Wenzel brach in ein lautes Gelächter
aus.
Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein. Er war bemüht, so
wenig wie möglich zu trinken, so sehr ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und
nüchtern blieb er während der ganzen Fahrt.
Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen Regenböen in der
schweren See dahin. Dann endlich war es auch für Wenzel genug. Sie
steuerten nach Warnemünde zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um
sich augenblicklich zu Bett zu legen.
27
Wenzels Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf.
Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas war geschehen, etwas
Schreckliches, und er war entflohen. In einem Schnellzug jagte er dahin.
Die Scheiben klirrten, schwankend ging er durch den Zug in den
Speisewagen. Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette blutig
war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke um sich, und kehrte
durch den schwankenden Zug in sein Abteil zurück. Da sah er zu seinem
Schrecken, daß seine Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er
hatte gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich wußte er
ganz deutlich, daß er auf der Flucht war und daß er den Führer des Zuges
bestochen hatte, möglichst dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in
der er ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender
Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und hier lag ein Dampfer,
der eben zur Abfahrt fertigmachte. Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die
Luft erbebte. Eben waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen,
schon wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang es Wenzel
noch, an Bord zu kommen.
Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer fuhr brüllend und
tutend dahin, und der Wald rauchender Schornsteine versank. Sicherheit,
Ruhe, kein Mensch konnte ihn mehr einholen.
Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem Frackhemd ein
kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich immer mehr vergrößerte. Schon
blickten ihn viele Augen argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend,
schlüpfte rasch in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da
waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren von blutigen
Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn niemand mehr zu beachten.
Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit zog er durch das
Meer. Ein Strom, breit und kochend wie der Rhein, war das Kielwasser.
Niemand schenkte Wenzel besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der
seine Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine
Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche Blutspuren zeigte.
„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester Laune den Kapitän, als
er den Speisesaal betrat. Auch der Kapitän hatte sein alltägliches
Gesicht aufgesetzt. Anfangs schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit
prüfenden Blicken.
„Sie sind seekrank.“
Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“ trug. Ein
sonderbarer Name.
Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und mehr schien der Dampfer
auszusterben. Es war nur noch ein einsamer Steward an Deck, und auf der
Brücke ging ein einsamer Offizier hin und her.
„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen Offizier auf der
Brücke empor.
Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Und der
Dampfer raste dahin, die Maschine bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten
aus den drei Schornsteinen.
Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der
Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an
Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein
Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar
raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel
stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine
unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen
des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen
suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe.
Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene
des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar
zu tuten.
Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen:
„Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“
In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. „Ich habe
geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ Er betrachtete seine
Hände. Was war es doch mit meinen Händen?
Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen.
Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er
war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß
ein Kellner vor ihm stand.
„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er.
Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er
sich in Warnemünde befand.
28
Auf den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen nach Sperlingshof
gegangen, um sich völlig zu erholen. Dann nahm er seine Arbeit in Berlin
wieder auf. Sonderbar, in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit
gehabt, sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob ihm die
Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. Die Zeiten waren
indessen nicht danach, daß man sich hinlegen konnte, wenn man müde war,
oder schlafen, wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging
auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in einer Sitzung
einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen.
Ganz plötzlich hatte ihn starkes Fieber überfallen. Eva rief
augenblicklich die Ärzte.
Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der längst verheilte
Wundkanal schien sich aus irgendeinem Grunde wieder entzündet zu haben.
Ein leiser Schmerz stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten
Tage war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. Diese
Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe Fieber aber blieb
bestehen.
Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich kann doch nicht wegen
des bißchen Fiebers wochenlang im Bett liegen!“ rief er aus.
Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein. Sie wich Tag und
Nacht nicht von seinem Lager. Wann schlief sie? Michael wußte es nicht,
denn immer war sie gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte,
legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte ihn.
Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf seiner Haut knisterten
Funken, und zuweilen brauste es in seinem Hirn.
Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen in einer Zeit, da
jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein Blut kochte, und ungeduldige,
gebieterische, rasche Gedanken jagten durch seinen Kopf.
Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe zu übersehen!
Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit mußte
überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte waren noch mehr zu
beachten. Er brauchte Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern
ließ sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden,
vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele verfaulten
jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden im Jahre nutzlos weggeworfen, weil
die Stiele abbrachen. Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei
einer solch ungeheuren Organisation das Wichtigste.
„Versuche zu schlafen,“ bat Eva und legte ihm eine kalte Kompresse auf
die Stirn.
Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden Augen an.
„Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,“ sagte er.
Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken ihn überrannten?
Man mußte die Verpflegung verbessern und die Bekleidung. Man mußte
besondere Arbeitsschuhe und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben in
Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres als Dünger für das
Ödland benutzten? Man mußte besondere Waggons konstruieren zum Transport
des Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und wie ging es in
der Lüneburger Heide? Wer leitete dort die Arbeiten? Er hatte den Namen
vergessen.
Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger Heide würde
zehn Jahre dauern. Weshalb hatte ihm die Regierung verweigert, die
Strafgefängnisse aus Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er
Arbeitskräfte brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch
immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen in
Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts. Er hatte seit
vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten über die Fortschritte des Kanals
Hannover-Elbe. Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das
Notwendigste unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am
Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen in
Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren? In vierzehn Tagen sollte
der Kongreß der Wasserbautechniker stattfinden. Würde er bis dahin
genesen sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel an den
Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien für die Schulen,
welch ein wichtiges Thema! Welch ein wichtiges Kapitel die Sommerschulen
im Freien! Die Probleme waren ohne Zahl.
„Versuche doch zu schlafen,“ bat Eva.
„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen Fieber zu heilen,“
antwortete Michael und schüttelte den Kopf.
29
„Bald!“ sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte Esther nach, die
in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt, über den Korridor schritt
und sich von der Zofe in den Abendmantel hüllen ließ.
Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden, seitdem er wieder in
Berlin war. In seinem Bürogebäude zitterte man, wenn man ihn von weitem
sah. Wenzel war laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte
sich daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich anhörte.
Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken. Die Abteilungsvorsteher
näherten sich auf Zehenspitzen seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn
umwölkt, die Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich
und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört, wenn er laut
und ärgerlich wie früher gewesen wäre. Häufig streifte ein forschender
Blick Mackentins Wenzels kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete
er? Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er wußte, daß
etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging.
Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende wieder in den
Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes. Er saß immer allein. Er
vertrug keine Gesellschaft. Er spielte auch nicht mehr Schach.
Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie häufig kam es vor,
daß Wenzel um zwei, um drei Uhr nachts sein Büro betrat, um stundenlang
auf- und abzugehen. Worüber grübelte er?
Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet. Wie sonderbar, Wenzel
schien gut gelaunt wie früher. Er plauderte und scherzte, als sei nichts
geschehen, als brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache.
Aber Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die Verstellung
heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und häufig beobachtete er Wenzels
Augen, wenn er Esther nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen!
Sie waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden war ein
Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach.
Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach, Billard und Karten.
Sie rauchten, das Weinglas zur Seite, als habe sich nicht das mindeste
ereignet. Aber wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein
kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner, er spielte
wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau, daß alles nur Verstellung war.
Dieses schlechte Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere.
Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte, lud er Mackentin
zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob er ihn brauche, vielleicht um
die Ruhe zu bewahren, vielleicht um seine Rolle durchzuspielen.
Worüber grübelte er?
Gestern abend hatten ihn zwei Angestellte des Konzerns in einem kleinen
Café am Alexanderplatz zufällig gesehen. Was tat er dort? Er, Wenzel,
der sonst Tag und Nacht in seinem Auto herumjagte, benutzte fast nie
mehr seine Privatwagen. Der Chauffeur besprach sich mit Mackentin. Er
fand Herrn Schellenberg auffallend verändert. Mackentin zuckte die
Achseln und lächelte.
„Er ist überarbeitet,“ sagte er. „Das ist alles. Er hat mehr Sorgen als
wir.“
Häufig ging Wenzel viele Stunden spazieren. Dann geschah es, daß er oft
laut vor sich hinsprach.
„Es muß geschehen,“ sagte er. „Es gibt nur diese eine Lösung.“
Ja, damals auf der Jacht, als er auf der Ostsee herumjagte, war ihm
diese Lösung eingefallen. Es gab keine andere. Er hatte es dem alten
Raucheisen nie vergessen können, daß er ihn tadelte, weil er zehn
Minuten zu spät kam. Was sollte er nun tun, da man seinen Namen in den
Schmutz trat?
„Es wird wohl so sein müssen!“ sagte Wenzel laut zu sich, während er
unter dunklen Bäumen dahinging. „Es gibt nur diese eine Lösung! Das
Schicksal hat gesprochen. So wahr ich lebe, mein Leben hätte keinen
Zweck mehr. Es wäre verächtlicher als das eines Jagdhundes. Man wird
mich verstehen, und alle werden begreifen, daß es eine andere Lösung
nicht gab.“
Und so oft er Esther nachblickte und der harte Glanz in seine Augen
trat, dachte er und sagte er: „Bald! Bald!“
Und Esther? Sie tänzelte dahin, sie lachte, sprühte von witzigen
Bemerkungen, bewegte sich in ihrem Hofstaat, in Konzerten, Theatern,
Gesellschaften. Ihre Beschäftigung bestand darin, das Programm für jeden
Tag zu entwerfen und es zu absolvieren. Sie ahnte nichts, sie wußte
nicht, daß er, Wenzel, ihren Tod beschlossen hatte ...
30
Nein, es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er wiederholte es
sich tausendmal am Tage und tausendmal in der Nacht. Er oder sie, etwas
anderes gab es nicht. Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein
Wenzel Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt, es
gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines Lebens überschreiten
durfte. Was weiter geschah, darum kümmerte er sich nicht.
Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten betrachtete er
ihn. Wenn man ihm einen Ausweg angeben würde, so wollte er ja gern
diesen Ausweg wählen. Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm
einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach Südamerika gehen, in
die Wälder des Amazonenstromes, wo ihn niemand fand, niemand kannte,
aber das war keine Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm
folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne. Er würde auch
nicht eine Sekunde vergessen können, daß diese Frau seine Würde und
Selbstachtung, alles, was er war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab
keinen Ausweg, es gab nur diese eine Lösung.
Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag und Nacht. Er war
wie ein Mensch, der unter einer Felsplatte begraben liegt und nicht mehr
atmen kann. Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen können –
und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh doch zu, alles andere ist
völlig einerlei, sagte er sich. Er war wie ein Mensch, dem man
andauernd, Tag und Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte
Besudelung würde erst von diesem Moment an aufhören.
Nein, es gab keine andere Lösung!
Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe, wie er seinen
Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde nicht leugnen, gewiß nicht,
aber er war kein gewöhnlicher Totschläger. Er konnte Esther auf die
Jacht locken und ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in
Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen, in ihrem
Schlafzimmer, um ihren letzten Blick, den Blick des letzten Erschreckens
zu sehen.
Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet aus England
Besuch. Drei Herren, ein älterer und zwei jüngere, und zwei Damen.
Vielleicht waren die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? Wer
weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen Gäste ein großes Fest.
Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest sollte sie noch
erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung ihrer
Gäste spiegeln, noch einmal sollte sie sich den Blicken der Männer
preisgeben dürfen. Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das
Leben bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, erschlagen,
höchst einfach, genau so, wie man einen Hund erschlägt.
„So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!“
Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. Die
Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen färbten sich wieder, seine
Stimme schien wieder ihren alten Klang zu bekommen.
Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, den das
freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er ließ sich täuschen.
31
Das Fest kam heran.
Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt. Schultern, Arme, Roben,
Lackschuhe und Fräcke quollen aus den Autos. Es kamen Minister und
Diplomaten, Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die
neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen, es kam die
Presse. Die Photographen waren schon durch einen Seiteneingang in das
Haus geschlichen und lauerten. Es kamen Leuchten der Wissenschaft und
berühmte Namen der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und
vom Film.
Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel hatte ihn recht
gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen hatte! Vollendet spielte Wenzel die
Rolle des Gastgebers. Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber
er übersah Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst nicht.
Es waren gegen zweihundert Personen geladen. Das ganze Haus strahlte vor
Licht. Wie ein gleißender Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle
fluteten die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten darin
Esther wie eine Fürstin, die empfängt.
Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot gefärbt, um ihre
Freunde und Freundinnen zu überraschen. Sie trug ein silbergraues, ganz
dünnes Kleid, das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen
Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung ihrer Schenkel allen
Blicken preisgab.
Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde sie es ahnen, so
würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen fallen, um nur ja diese Welt
voller Musik und Glanz, voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig
wechselnder Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen.
Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt.
Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt und eine Tasse Kaffee.
Er betrachtete seine Hände. Sie waren ruhig, sie bebten nicht. Ja,
vollendet spielte er seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten
über Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit einem
Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über die Schwierigkeiten
ihres Berufes. Und da, in irgendeinem Winkel, entdeckte er den Bildhauer
Stobwasser. Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm in ein
stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über seine Tiere, ob er noch
den Papagei habe, der singen konnte: Wer will unter die Soldaten, der
muß haben ein Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser, der
einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe trug, in
Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig lachte Wenzel. Dann
unterhielt Wenzel sich mit ihm über einen Brunnen, den er für seinen
Garten gern besäße. Er habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich
diesen Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte ganz
konfuse Pläne.
Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor einer älteren, über und
über bemalten Dame, die eine flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah
Wenzel mit noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig, dachte
er.
Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser, die Reihen der Diener.
Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es
war natürlich viel leichter, ein Regiment zu kommandieren.
„Weshalb sind Sie so aufgeregt?“ fragte ihn Wenzel und legte ihm
beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,“ stammelte der
Haushofmeister. „Ich bitte um Ihre Nachsicht!“
Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen auf. Welch ein
ungeheurer Lärm! Die Stimmen der Damen schwangen, mitten darin Esthers
Lachen. Musik brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello.
Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit ihm sprechen, aber
der Bildhauer war plötzlich verschwunden. Er wich Wenzel aus, er
fürchtete sich vor ihm. Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz
zu ergründen, war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg
irrsinnig geworden war. Man wird es morgen in den Zeitungen lesen, sagte
er sich und verließ das Haus, ihm graute.
Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und Fräcke, Vorhemden,
Roben, dünnen Seidenstrümpfe, nackten Schultern und Arme flossen
durcheinander. Wenzel sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast
ausschließlich mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen waren.
Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so würde sie mir zu
Füßen fallen, nur um diese Welt nicht verlassen zu müssen, wo man tanzt.
Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen gewechselt. Die Musik
verstummte. Die Photographen verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener
hielten die Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den Kiesweg
ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen in einem Winkel rasch zwei
Gläser Sekt, er atmete auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die
im Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe empor. Die
Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große Saal dunkel, und der
graue Tag blickte durch die hohen Fenster. Wenzel blickte Esther nach,
wie sie in ihren Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer
nur durch den Korridor getrennt.
32
Nun lag das ganze Haus in Finsternis. Wenzel saß in seinem dunklen
Zimmer und lauschte, er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern,
lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, die ihrem
Mann durchgebrannt war, dann wurde es ganz still.
Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer schleicht durch
das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe und horchte. Er hatte sich
umgezogen. Er trug einen Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu
Esthers Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz still, nichts
regte sich. Er stand eine Weile und atmete. Sein Atem ging ruhig und
gleichmäßig. Hier kannte er jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden
Gegenstand, alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit
eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen Salon. Auf dem
Fußboden stand ein blühender Busch. Aber es war kein Busch, es waren
riesige Dahlien in einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben
stand eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte,
Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser kleinen Kommode stand
ein schwerer Bronzeleuchter, eine italienische Arbeit, Menschenleiber,
männliche und weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen
Leuchter nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. Dann stellte
er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode zurück. Es würde wohl besser
mit den Händen geschehen. Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen
Seitenspiegel starrte ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein
Gesicht. Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig die Tür
zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie weit. Die Tür machte nicht
den geringsten Laut. Wunderbar war alles in diesem Hause gearbeitet. In
Esthers Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, er wußte,
daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte.
Nun war es also so weit ...
Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine Muschel geformt
war, wie eine breite Muschel, in der gut vier Menschen schlafen konnten.
Das Bett war silbern bemalt.
Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr
einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher,
Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete
gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und
betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen
schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich.
Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die
Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein
kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz
erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder
lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes.
Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und
verließ das Zimmer.
Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen.
Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich
einen kleinen Schwips gehabt haben müsse.
Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen
Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo
er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß
er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.
Was war geschehen?
33
Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war
geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas
Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es
nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück.
Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die
Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch
nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel.
Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der
Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht
war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er
erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in
der Hand gehalten zu haben.
„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen,
Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt.
Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden.
Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?“
Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre an, deren Spitze
er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. „Sie scheinen noch zu
schlafen, Schellenberg!“ rief er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der
Preis von Brandenburg wird heute gelaufen.“
Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste Pferd seines
Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet.
„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und mühsam ein Gähnen
unterdrückte. Er hatte alles vergessen. Ein Teil dieser Nacht war in
seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit
dem Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame die Perlenkette
gerissen – sonst wußte er nichts mehr.
Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte von dem
herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein Fest so gut gelungen. Die
Gäste waren des Lobes voll. Und Mackentin erzählte eine schnurrige
Geschichte: Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein
Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette Leblanc einen
Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings schien Frau Esther
Schellenberg ihn aufgehetzt zu haben – aber Wenzel schien zu schlafen,
er hörte gar nicht zu.
Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. Er hörte und sah
nichts. Kühl und teilnahmslos sah sein Gesicht aus. Aber sein Blick
suchte etwas.
In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine ungeheure Erregung.
Die gelbe Schellenbergsche Jacke flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag
sicher in Front, als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber
verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich stehen.
Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung versetzt. Die
sichere Favoritin war geschlagen.
„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin, „Spaßvogel wurde
angehalten!“
Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. Sein Blick suchte,
und plötzlich hatte er gesehen, was er suchte. Er wußte nicht, was er
tat und was er wollte. Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von
Freunden, mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren da, die
englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des gestrigen Festes.
Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, die ihrem Mann durchgebrannt
war, Violet Taylor, mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund.
Wenige Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler
Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. Wenzel sah ihn eigentlich
nicht. Erst als er auf Esther zuging und Esther plötzlich im Lachen
innehielt und ihn mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in
den Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der
leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte Wenzel die
Richtung und ging auf Katschinsky zu. Er hatte es nicht beabsichtigt,
plötzlich stand er vor ihm. Immer noch lächelte der Schauspieler.
In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky und erbleichte. Seine
Nasenspitze wurde schneeweiß, ein kleines Eiterbläschen.
Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer ruhigen, klaren
Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte er: „Wenn man mit einer Dame
eine Liebschaft hat, junger Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“
Dann hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky zu Boden.
Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. Dann ging Wenzel, ohne
jemanden anzublicken, ruhig seines Wegs.
Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor?
Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.
34
Plötzlich hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas müden, steifen
Beinen aus dem Wagen. Er befand sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich
hatte er dem Chauffeur diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz
verließ und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die Landschaft,
durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet.
Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens betrat.
Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen Wünschen. Er
wünschte nichts. Schweigsam, mit einem Gesicht, dessen Züge sich nicht
veränderten, auch wenn er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer
Stunde meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in das
Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes Fleisch. Den Wein
berührte er nicht. Dann kehrte er wieder in das Kaminzimmer zurück und
saß still auf dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in
diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen hatte. Damals
flammte das Feuer im Kamin, und noch heute war der Glanz ihrer blonden
Haare in der Luft und ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der
Gedanke an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war das Leben: man
tötete, oder man wurde getötet. Erst tief in der Nacht, als die
Erinnerung an diese Frau mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein
leises Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich
gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, wenn er über die letzten
Jahre blickte, er hatte manchen Menschen niedergeworfen, daß er sich
nicht mehr erhob. Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell
und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten ihn
unwiderstehlich vorwärtsgetrieben?
Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, ein für allemal. Dieser
Faustschlag in das Gesicht eines lächerlichen Wichtes hatte ihn in das
eigene Gesicht getroffen! Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? Der
gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, kümmerte ihn noch
weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. Vielleicht würde sich
Katschinsky in seiner Schmach töten? Was ging es ihn an? Aber, wie
lächerlich, er würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf
einige Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und nichts war
geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie sie war, würde den
Faustschlag längst vergessen haben. Und Esther? Er hatte sie vor aller
Welt gezüchtigt und entblößt. Nun, sie würde nach London oder nach Paris
reisen, nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen und
neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste Skandal in ihrem Leben,
und ihre Freunde würden rasch alles vergessen. Die Scheidung, das war
eine Formalität, die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm.
Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg war nicht mehr.
Er selbst hatte sich gerichtet. Der alte Wenzel Schellenberg war dahin.
Vielleicht glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch
existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. Vielleicht hatte
ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen ihn vernichtet?
Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er mußte sich erheben,
furchtbar. Ein Faustschlag, war das alles? Er hatte ein Insekt
zertreten. Das kleine kindliche Lachen einer Frau, die träumte, hatte
ihm Furcht eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn
ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen Schmach
versunken. Was dann geschah, diese lächerliche Szene – tausend
verächtliche Menschen hätten ebenso handeln können. Zu seiner Schmach
hatte er noch die Lächerlichkeit gefügt.
Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau mit den gemalten
Wangen hatte über ihn triumphiert. Sie, der einzige Mensch, hatte ihn
besiegt, sagen wir es offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt
hatte. Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit und
Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie wohl spöttisch die Lippen,
wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg dachte, der in seiner
lächerlichen Eifersucht einem Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht
schlug wie ein Fuhrknecht.
Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen kam. Als der Tag
graute, ging er durch den Park. Pavillons, Treibhäuser, Brücken,
Baumaterial. Eine Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte
den Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er fuhr nach
Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? Trotzdem er kein geringes
Vermögen besaß, war er jetzt ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See.
Wittgenstein konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein
fremder Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er kam nicht an Deck.
Er saß unten in der Kajüte und brütete vor sich hin, und plötzlich gab
er den Befehl zur Rückkehr. Auch hier an Bord waren die folternden und
quälenden und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob selbst die
Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß er ein verächtlicher, zu Boden
getretener, in den Schmutz gezogener Mann war, den man erniedrigen
konnte, ohne daß er sich wehrte.
„Leben Sie wohl, Wittgenstein,“ sagte er, als er sich verabschiedete, zu
dem Kapitän. „Es hat sich manches geändert, und es wird sich noch vieles
ändern. Ich brauche die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken,
so wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde zuschicken,
sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie wohl, vielleicht können Sie
doch noch den Spiritusschmuggel anfangen.“ Und Wenzel versuchte es mit
einem gequälten Lächeln.
Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war krank geworden.
Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er besuchte ein großes Gut
in Mecklenburg, das ihm vor Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners
zugefallen war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb er drei
Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach kaum mit dem Verwalter.
Aber nachdem er sich gründlich ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich,
als habe er einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er frisch und
voller Entschlußkraft.
„Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich bin in voller Fahrt
gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,“ sagte er. „Dieses ganze Leben
war unsinnig. Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier bin
ich wieder, ich kehre um.“
Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen konnte, woher man
auch kommen sollte.
Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut kannte und diese letzte
Irrfahrt mitgemacht hatte, aus dem verfallenen Gesicht seines Herrn
wieder die alten Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte
Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter als sonst freilich.
„Wir fahren nach Berlin zurück,“ befahl Wenzel. „Aber auf dem Rückweg
werden wir meinen Bruder auf seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie
kennen den Weg?“ Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael sich
zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte.
Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf Sperlingshof. Man wollte
den Verwalter benachrichtigen, der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo
Michael sich zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während er
wartete, ging er auf dem Gut hin und her. Wie eine saftstrotzende Oase
lag Sperlingshof in der armseligen Landschaft. Trotz aller
Versprechungen, die er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach
Sperlingshof gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, Fleiß,
Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, die
Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in denen Pflanzen zu Versuchszwecken
wuchsen, standen in Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen.
Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen Haaren und
gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam herbei und begrüßte Wenzel mit
bestürzter Miene.
„Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in Berlin ist?“ fragte
er. „Er ist krank, sehr krank, Sie wissen es nicht?“
„Krank? Er ist wieder krank?“
„Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.“
Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend kam er in der Stadt
an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft in der Lindenstraße sagte man
ihm den Namen des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier, in
der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot dem Chauffeur
höchste Eile.
Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte ihn durch einen
matterleuchteten Gang und bat ihn, sich in einem Wartezimmer zu
gedulden. Einen Augenblick später trat der Arzt ein.
„Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,“ sagte der Arzt.
„Seien Sie ganz leise.“
Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders betrat, übersah er mit
einem Blick alles.
35
Viele Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. Endlich unterlag auch
die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche Konstitution. Und nun war
Michael schon drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die Pfleger
mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, er wollte weg von
hier. Er habe keine Zeit zu versäumen.
Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von Hungernden, die durch
die Riesenstädte marschierten, ohne einen Laut zu sprechen, ohne einen
andern Vorwurf als den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er
Hunderttausende von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. Er sah
Hunderttausende von alten Menschen, die auf der Straße niederfielen vor
Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, in denen Tausende
zusammengepfercht, Leib an Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die
Hölle des Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den
Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten würde. Dies alles
sah er in diesen Fiebernächten, da er mit riesigen Kräften mit den
Pflegern rang.
Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede Bewegung. Er atmete
leise. Er tat keiner Fliege mehr etwas zuleide. Die Pfleger konnten
ruhig schlafen. Er war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt
höher gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das
Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede und Glück lagen
auf seinen fahlen, lächelnden Lippen. Nun sah er nicht mehr die Stätten
des Elends, er sah gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte
durch die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden. Und er sah
die Saat sprießen und wachsen.
Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das Brot, das im Winde
wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen, die blühende Länder durchzogen,
er sah blühende Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der
Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner, starker Männer,
die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel gesunder Kinder. Er sah Städte,
die von Arbeit fieberten, er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit
Gütern. Und da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in
Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte ihn
Glückseligkeit.
Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte ihre schmale Hand
vor die Augen.
Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn senkte sich die
Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei goldenen Ähren – auf dem
Verwaltungsgebäude in der Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber
jagten die riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes und
blendeten hinaus in die Nacht:
Tod dem Hunger!
Tod der Krankheit!
Es lebe die Kameradschaft!
36
Still, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem zu
verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium. Er schickte den
Wagen fort und ging langsam durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende.
Er fühlte ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden war,
um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn gerunzelt ...
Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors Gesicht – fast hätte er
geschluchzt. Michael – er hatte ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder
war. Nein, es war etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog.
Der Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich aus dem
Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut hatte. Nun eilte Wenzel
dahin. Dies war der Keulenschlag, mit dem ihn das Schicksal
niederschlug.
Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte nicht, er
schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof und wartete auf einer Bank des
Wartesaals geduldig auf den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um
fünf Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg ein. Ohne
jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und den folgenden Tag, und
endlich erreichte er die Station, wo er aussteigen mußte.
Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft, das
niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend Morgen, das er für fast
nichts erwarb. Es hieß Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war
seine Absicht gewesen, sich dahin zu begeben.
Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen Station verließ.
Bald war er einsam in der Dunkelheit auf der Landstraße und schritt
tüchtig aus. Gegen Mitternacht erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte.
Er rief. Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster fuhr
der Kopf eines alten Weibes.
„Was wollen Sie?“ rief sie unwirsch und keifend.
„Ich bin Schellenberg,“ erwiderte Wenzel.
Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie wunderbar war es, in
eine Gegend zu kommen, wo man seinen Namen nicht kannte!
„Ich bin der Besitzer des Gutes.“
Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer Weile kam ein vom
Alter krummgezogener Knecht aus dem Hause, der wußte, daß das Gut vor
Jahren an einen Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos
stand der Knecht.
„Was wollen Sie hier?“ fragte er. „Das Gutshaus ist ja abgebrannt.“
Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen Dunkelheit konnte
Wenzel etwas wie eine langgestreckte Ruine zwischen den Bäumen
entdecken. Man roch noch den Brand.
„Ich will hier auf dem Gute leben,“ sagte Wenzel.
Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an und bat ihn,
einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute. Nebenan lag ein größeres
Gebäude, in dem früher der Verwalter wohnte.
„Es ist aber nicht in Ordnung,“ sagte der Knecht.
„Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,“ erwiderte Wenzel. „Schlafen Sie,
und stören Sie mich nicht.“
So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht, und groß gingen die
Gestirne über ihn dahin. Der Morgen graute. Ketten rasselten im Stall,
ein Hahn krähte, Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib
nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen deutlich die Umrisse
der Gebäude, Stallungen und auch der niedergebrannten Ruine des Gutes.
Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr zufrieden. Hier
würde er bleiben. Die Alte setzte ihm heiße Milch auf den Tisch, und
daneben legte sie ein Stück Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben.
37
Die Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere Stube des
Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und einen wackligen Stuhl. Auf eine
Kiste stellte sie ein Waschbecken und einen Krug mit Wasser.
So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig verfallen. Das Gras
wuchs auf dem Hof, die Äcker waren verwahrlost, die Wiesen versumpft.
Nur ein ganz geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern
durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im Stall standen vier Kühe und
zwei alte Pferde. Das Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine,
langgestreckt, mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem,
verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das verbrannte Holzwerk
lagen genau noch wie am Tage nach der Feuersbrunst.
Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in seinem kleinen,
primitiven Zimmer. Am Tage sah man ihn wenig, in den Nächten aber saß er
bis zum grauenden Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus.
Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es sah aus, als bewachten
beide die Ruine.
Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr anordne. Wenzel
schüttelte den Kopf.
„Später,“ sagte er. „Wir werden sehen.“
Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des Gutshauses
aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel, Karre und Axt schaufelte
er und schleppte mit mächtigen Armen, und bald war sein Gesicht vom
Schweiß überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die Nacht
hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd angenommen. Aus den
Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker, und bald wimmelte es auf dem Hof
von Zimmerleuten, Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel mitten
unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die Handwerker staunten über
ihn. Nie hatten sie solch einen Arbeiter gesehen.
Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen. Er telephonierte nach
Berlin. Einige Tage später traf Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette
Goldbaum strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter
Gesundheit wiedersah.
„Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin, Schellenberg,“ sagte
er. „Wir vermissen Sie an allen Ecken und Enden. Diese letzten Wochen
waren eine höllische Arbeit.“
Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht
zurück,“ sagte er, und er gab Goldbaum den Auftrag, seinen gesamten
Besitz allmählich zu liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende
und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders hätte er seinen
Besitz um jeden Preis unbedenklich losgeschlagen. Und er gab Goldbaum
ferner den Auftrag, Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne. Es
sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen.
„Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen Ländereien
übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen Sie.“
Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden, wie es liegt und
steht.
Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener Mann mit ernster,
gesammelter Miene, bescheiden, höflich. Einer jener sachlichen
anspruchslosen Menschen, wie sie mehr und mehr auftauchten, die nichts
für sich wollten, sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren
Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel die Gesellschaft
Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er erbeten hatte. Der junge Mann
lebte beinahe eine Woche auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack
in einer leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage, vom frühen
Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er das Gelände, den Boden, die
sumpfigen Wiesen, die schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von
Wasservögeln wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen großen
Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe Holz war ein großer
Plan des Gutes Schwarzlake genagelt. Daran arbeitete der junge Mann bis
in die späte Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der Weiher,
Straßen. Ein Kanal.
„Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,“ sagte der junge Mann. „Ich
werde Ihnen Ingenieure und Landwirte schicken, sobald ich nach Berlin
zurückkehre.“
„Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr Weidenbach,“ erwiderte
Wenzel.
Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses, der
Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein neuer Stall sollte angelegt
werden. Am Abend aber saß er beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan
von Schwarzlake. In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen. Wo
heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo das Wasser in den
Wiesen stand, sollten die Herden weiden. Eine richtige kleine Stadt aber
hatte Wenzel entworfen. Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis
zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg tragen. Nicht
seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders war sie gewidmet.
Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten, die den
Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm, daß eine Dame angekommen sei und
ihn zu sprechen wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster
in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht wieder. Da kam
die Dame schon. Es war Eva Dux. Ruhig und still, mit einem herzlichen
Leuchten in den Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem
letzten Wiedersehn nicht das geringste ereignet.
„Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,“ sagte Eva. „Ich habe
die letzten Wochen damit zugebracht, Michaels Papiere zu sichten. Ich
habe sie Ihnen mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.“
Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe, Notizen,
Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch am gleichen Abend begann Eva ihm
Stück für Stück vorzulesen und zu erläutern.
„Und dies hier,“ sagte Eva, „schrieb er in den letzten Tagen seiner
Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß es geschrieben haben, wenn ich
schlief.“
Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen hingeworfen. Sie
waren nur für Eva lesbar.
„Lesen Sie, lesen Sie,“ bat Wenzel.
Und Eva las:
„Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird es sein und nicht
anders. Der große Tag wird kommen, und er ist nicht mehr ferne.
So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie zusammen, alle
Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer Flotte von Schiffen, die die
weiße Flagge zeigen. Und man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des
Meeres versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden
jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden, daß der Augenblick
des großen und ewigen Weltfriedens gekommen ist.
Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze und Kriegsgerät zu
Pyramiden häufen und verbrennen, und die weiße Flagge wird im Winde
wehen.
So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben, und der Mensch,
gleich welcher Farbe und welcher Rasse, wird sich bewegen können auf
dieser Erde, wo er will.
So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen Völkern gehören und
nach Bedarf verteilt werden.
So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller Nationen, die
Jünglinge werden hinausziehen in die Welt und künftigen Geschlechtern
die Wohnstätten bereiten. Sie werden die Urwälder des Amazonenstromes
und die Urwälder des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie werden
die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten mehr geben.
So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben zwischen den Völkern,
keinen Egoismus der Nationen wird es mehr geben, keine Bedrücker und
keine Unterdrückten, welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird
die Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der sein, der
die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die menschliche
Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung werden die Maschinen
gebaut werden, diese ungeheuren, unvorstellbaren Maschinen der Zukunft,
zur Befreiung der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft und Kunst
werden blühen. Und die Weisheit wird höher im Range stehen als Reichtum
und Geburt.
Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene Paradies
wiederum gefunden haben werden, nach tausendjährigen Qualen und
tausendjährigen Verirrungen.
Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter sein. Es wird
keinen Hunger und kein Elend mehr geben, und die Kameradschaft wird die
Religion aller Menschen sein.