Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: „Bauen Sie Ihre Kähne so, daß
sie nicht brennen können!“
Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben Fehler gemacht
hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig angelegte Partie auf. Sofort
begannen sie ein neues Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein
Schneetreiben, aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg waren,
schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu stehen, aber als sie den
Bodensee überquerten, zeigte es sich, daß Mackentin listig und
verschlagen einen Ausweg gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch,
und Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin versuchte
verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber Wenzel kämpfte heroisch,
während die Maschine über schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge
dahinflog. Schließlich blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die
Partie remis zu geben.
„Welcher Wahnsinn!“ schrie Wenzel wütend. „Ich hatte die Partie schon
gewonnen!“
„Hahaha!“ Mackentin packte vergnügt seine Handtasche zusammen. „Und hier
ist ja schon Sankt Moritz!“ sagte er und deutete auf ein gleißendes
Gebirgsmassiv, das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen
lag. „Die Berninagruppe.“
Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft in den blendenden
Sonnenschein hinab.
„Man könnte glauben, man sei in New York!“ rief Mackentin aus, als die
Maschine an den vielstöckigen Hotels entlangstrich, deren tausend
Fenster in der Sonne funkelten.
„Und da ist Stolpe!“ Mackentin deutete auf eine winzige Gestalt, die mit
komischer Hast über das besonnte Schneefeld torkelte. „Wie er läuft!“
Sie waren angekommen.
3
Und da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos, strahlend, kupferrot
gebrannt von der Sonne. Die Haut schälte sich von seiner Nase.
„Alles in Ordnung?“ fragte Wenzel.
„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die Gunst des Portiers
mit dreihundert Franken gekauft und glücklich die Zimmer erhalten. Und
hier kommt der Schlitten!“
Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, als die Sonne hinter
den Berggipfeln verschwand. Das Berninamassiv flammte düster auf, dann
aber fiel rasch schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf
dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an Jenny ein kurzes
Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten kam er zum erstenmal wieder
frühzeitig ins Bett. Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle
zwölf Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. Als er,
wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte er geblendet die Augen
schließen.
Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und versteckt liegt,
fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, um sie in tausend blitzenden
Feuern zurückzuschleudern. Die Luft, eisig von den Gletschern und
gereinigt von den endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen
Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden Menschen in
bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen der Hotels blitzten die
Schlittschuhe, die Bobs sausten durch den in einer Schneelawine
versunkenen Hochwald, die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen
hinab. Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, in eine
Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten engbesetzter
Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die Gesichter kupferrot und schwarz
gebrannt von der Sonne. Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit.
Ein lustiger Ort, er gefiel Wenzel.
Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die schwere Tagesarbeit
zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung zusammenzubrechen, war hier eine
ausgelassene Schar von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die
nötige Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um fünf tanzte
man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester tobten. Um acht Uhr
aber waren alle die tagsüber in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich,
gereizt von den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte
Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz nach Wenzels
Geschmack.
„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte Stolpe eifrig und
führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales.
Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so erschien auch schon
Lady Weatherleigh, begleitet von ihren beiden Trabanten, die sie zu
Tisch führten.
Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. Alles an ihr
funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, Lippen, das Haar, die Schultern,
Hände. Das kühne Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte
und funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die gewohnt ist zu
siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren tiefrot gemalten, hochmütigen
Mund.
„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen. Stolpe machte ihm ein
Zeichen.
Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen Brauen, die
Kinnladen fest aufeinander gepreßt, wie bereit zum Angriff. So sah er
stets aus, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg
hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd und strahlend durch
den Saal rauschen sah und alle Leute aufblickten. Was flüchtiges Spiel
der Gedanken war, wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen
erobern, koste es was es wolle.
4
Nach Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels, ungezwungen und
keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung, die die Herren annahmen, wenn
sie vor sie hintraten. Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des
Hotels von der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde lang
auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu sammeln.
Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich vor sich zu
sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von ihren Bekannten aus Paris, London
und Berlin. Wo sie hinblickte, sah sie bekannte Gesichter.
„Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr Schellenberg?“
fragte sie, während sie lächelte und ihn mit raschem, gewandtem Blick
musterte, sein Gesicht, seine Kleidung, seine Haltung, alles im
Bruchteil einer Sekunde.
„Ich nicht, aber meine Pferde,“ erwiderte Wenzel. „Ich werde meine
Pferde hier laufen lassen, mich persönlich aber so wenig wie möglich
anstrengen.“
Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn mit ihren
Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel bereits genügend informiert.
Da war also der bekannte Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der
reichsten Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht
hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart Fairfax aus London, Inhaber der
Golfmeisterschaft von England.
„Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf dem See gemeldet,
Baron?“ wandte sich Esther an den Baron Blau.
„Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden nicht günstig,“
antwortete der Bankier gelangweilt, während er seine schwarzen runden,
melancholisch glänzenden Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf
Wenzel richtete.
Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem Scheitel und schon
etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz zu den meisten Gästen war sein
Gesicht nicht braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden
Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen. Seine Miene war
hochmütig und gelangweilt, und die nervös eingezogenen Nasenflügel
erweckten den Eindruck, als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die
Angewohnheit, zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen und sich zu
strecken, als versuche er, sich größer zu machen. Wenzels Größe schien
ihn zu verletzen, er schien sie als Anmaßung und Herausforderung zu
empfinden.
Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt Moritz gekommen, um
Sport zu treiben. Er lief allerdings jeden Vormittag eine Stunde
Schlittschuh, und zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf
der spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener Miene
seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde machte er eine
Pause, um den Rauch einer dünnen Zigarette durch die Nase zu stoßen.
Dabei sah er mißmutig den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug
schwarzweiß karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden
himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen mußte. Am Nachmittag
spielte er eine Partie Curling. Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich,
in der Größe von Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach
einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten Herren, die
diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen. Sie schabten und kehrten
das Eis mit kleinen Besen, fieberhaft, um die Geschwindigkeit des
Steines zu beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe von
Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war die ganze
Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man ihn nur wenig, jede Nacht aber
ging er als letzter schlafen.
Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann. Er war hager, noch
etwas größer als Wenzel, Körper und Kopf nichts als Haut und Knochen.
Auf seiner mächtigen Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig
schwarz gebrannt war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote
Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare standen in
eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden Schädel. Wo andere Leute
Augen haben, hatte der Major etwas wie geschmolzenes Silber.
Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu trainieren. Mit dem
Bauch auf dem niedrigen Schlitten liegend, schnellte er im Hechtsprung
über die vereisten Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er
hatte an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren Mechanismus
er während der rasenden Fahrt auslösen konnte. Wenn er dahinsauste, war
seine gebogene Nase kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt.
Am Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“. Da lag er
ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer in den ausgemergelten Händen, die
Augen auf die ihm entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte
für das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden sollte. Auf
ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr lagen noch drei Mitfahrer.
Lord Hastings, einer der berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente
die Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf seinem
Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die Tiefe fuhr. Gestern
hatten sie umgeworfen, und Lord Hastings hatte sich den Arm verstaucht.
Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, schien diese
beiden Trabanten an die Spitze ihrer Bewerber gestellt zu haben. Beide,
so erzählte man sich, hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre
Entscheidung. Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine Schlösser, seine
Minen, seine Provinz in Tunis, seine Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr
seinen Titel eines Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine
Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und seine Faust aus
Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. Er hatte kein Geld, nur
Schulden. Die beiden pflegten Esther seit zwei Jahren überall
nachzureisen, nach Ägypten, nach Monte Carlo, Paris, den französischen
Modebädern. Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu erklären.
„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Schellenberg,“
wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem er ihn lange genug ungeniert
gemustert hatte. „Wir sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele
tätig.“ Er sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer Note,
gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder Mensch aus ihm, der
sich nur seiner Stimmbänder und seines Adamsapfels bediente.
Wenzel zeigte eine erstaunte Miene.
„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen korrespondiert,“
fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. „Oder sind Sie nicht jener Herr
Schellenberg, der für die Vereinigten Staaten von Europa und für den
Frieden unter den Nationen tätig ist?“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen,
Herr Baron,“ antwortete er. „Es ist mein Bruder, von dem Sie sprechen.
Ich für meine Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien
nicht hin.“
„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte Baron Blau
enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, gelangweilten Stimme.
„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten Kreuzes und
fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther.
Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, verletzten
Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten verachte. Wie die meisten
Damen der Gesellschaft schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in
Stücke schießen ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht aus
welchem Grunde.
„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen den Völkern
möglich ist?“ wandte sich Baron Blau wieder an Wenzel, die Brauen
hochgezogen.
„Nein,“ sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln.
„So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen müssen?“
„Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben, für die sie töten
dürfen und sterben können.“
Baron Blau prallte zurück.
Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der Major keine
andere Sprache als seine Muttersprache verstand.
Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er Wenzel begeistert die
knochige Hand hin. „_Right you are! Right you are!_“ schrie er.
In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame, braun gebrannt wie
eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt: „Major Fairfax!“
Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte ihm etwas in das
knorplige Ohr. Fairfax schien aufs äußerste betroffen.
„Was sagte Peggy?“ fragte Esther voller Neugierde.
Der Major antwortete: „Peggy sagte, daß Nutcracker meine beste Zeit um
drei Sekunden unterboten hat.“ Nutcracker war der Name eines
rivalisierenden Bobs.
„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, Nutcracker geht
ganz eng herum,“ erwiderte Esther mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie:
„Ich erwarte übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es wird
ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“
Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel mit einem leisen
Triumph im Herzen. Sie kennt nicht die Eitelkeit alter Männer, die
schlimmer ist als alle Eitelkeiten. Und weiter dachte er: Vor diesen
beiden Burschen da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts!
Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt und begab sich, um die
Zeit bis zum Ball totzuschlagen, ins Billardzimmer. Esther war eine
leidenschaftliche Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese
Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung für einen ganzen
Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit allen Finessen, geschult in
den ersten Billard-Akademien von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah
zu, die Pfeife im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel
wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. Sie
liebte es, gutgewachsene und gutaussehende Männer in ihre Gefolgschaft
einzureihen.
Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, noch
verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal waren es fünf,
manchmal mehr, einige Tage waren es nur zwei gewesen, aber heute war
schon ein Neuer hinzugekommen. Eine schöne, verführerische Frau, gewiß,
aber ...
5
Auf dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen Schneemassen
– es war Neuschnee gefallen – erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt
eines kleinen, anscheinend älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort
auffiel. Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und sein Kopf
verschwand fast vollständig unter der hohen Pelzmütze. Die Füße staken
in pelzgefütterten Überschuhen. In der Hand trug der Herr einen Stock
mit eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das Leben auf
dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von Schlitten, mit buntem,
lachendem Volk beladen, zog übermütig vorüber, aber der Herr wandte
nicht einmal den Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock
auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder vorsichtig
weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten spazierte ein Diener. Am
Gang, an einer eigenwilligen, rechthaberischen Bewegung des Armes
erkannte Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener
Person!
Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, war der Herr des
Eisens und der Kohle, der Erfinder des kombinierten vertikalen und
horizontalen Trustsystems, nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte
ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen Schlitten fuhr er
zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste Sekretär schon Vorsorge
getroffen, daß niemand das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen
ertrug den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht mehr
die Blicke der Menschen.
Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen Zimmern, still wie eine
Maus. Nur zuweilen verließ er das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im
Schnee hin und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter zu sehen.
Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen zurück, der von Tag zu
Tag auf seinem Schreibtisch höher wuchs.
„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft zu. „Er wird Sie zu
sich bitten, sobald er etwas ausgeruht ist.“ Und Esther zog die
zinkgelbe Zipfelmütze über ihren wilden roten Haarschopf und legte sich
auf dem Bob zurecht.
„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich weich und lautlos
in Bewegung. Major Fairfax hielt das Steuerrad in seinen mageren,
schwarzgebrannten knochigen Händen, die Augen fest auf die glitzernde
Bahn geheftet. An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck der tödlichen
Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu,
als sie vorüberglitten.
Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen Augenblick später
verschwand er zwischen den von Schnee und Reif starrenden Bäumen.
Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur Tafel. Wenzel hatte
sich in große Gala geworfen und erwartete den Alten, einen stillen
Triumph in den Augen. Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen
Salon eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden,
zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war fahl, kreidig, von gelben
Flecken bedeckt. Er betrachtete Wenzel einen Augenblick mit seinen
lebhaften, schnellen Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand,
die beim Gruß nie einen Druck gab.
„Ich freue mich, Herr Schellenberg,“ sagte er und versuchte es mit einem
Lächeln, das freundlich sein sollte. „Sie sind noch ganz der gleiche,
Sie sind noch in dem Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel
Jahre ist es schon her? Ich aber –?“
Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte Baron Blau und
schritt hastig zur Tafel, als habe er keine Minute zu versäumen. Er tat
es ja nur seiner Tochter zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste.
Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen, etwas hohen
Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter als gewöhnlich, von besonderen
Schiffahrtsplänen im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten
und für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu gewinnen
suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen berührte, schien nicht
hinzuhören. Aber nach einer Weile schüttelte er den kleinen Kopf.
„Das Mittelmeer,“ sagte er ohne aufzublicken, „hat seit dem Kriege noch
mehr von seiner einstigen Bedeutung verloren. Es ist zu einer
nebensächlichen Pfütze geworden, in die ich keine tausend Tonnen
schicken würde.“
Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht wurde ganz
allmählich von einer eigentümlich hellen Röte überzogen. Sein dunkles
Auge brannte. Der geringschätzige Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne
abgetan hatte, hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs
geschlagen. Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem
Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. „Sie beliebten zu sagen:
nebensächliche Pfütze,“ rief er, noch immer gekränkt, aus. „Das ist doch
wohl etwas übertrieben. Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –“
Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich längst von diesem
Thema abgewandt. Wie ist es nur möglich, daß dieser Baron ein Vermögen
gemacht hat, dachte er.
Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen, wo sie den letzten
Winter zugebracht hatte. „Welch ein wundervolles, märchenhaftes Land,
Papa! Und dabei jeglicher Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es
unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten, Papa!“
„Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein Kind,“ erwiderte
Raucheisen.
Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in wenigen Stunden nach
Ägypten fliegen könne. Das war ein Vorschlag, den Esther begeistert
aufgriff. „Ja, fliegen wir, Papa!“ rief sie aus.
Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“ erwiderte er.
„Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue Generation hat diese Furcht
überwunden.“
Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.
Es schien fast, als sei er, der Kühnste von allen, dessen Wagemut kein
Zögern kannte, der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den
Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. Er sah
Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, durch die sein Blick nicht
dringen konnte. Neue Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar
schienen.
„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael konferiert,“ sagte er.
„Ihr Bruder hat diese Probleme erkannt. Er versucht in sie einzudringen.
In vielen Punkten hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine neue
Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen wir nicht auf dem
Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. Und vieles andere. Nie haben sich
die Probleme derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir
müssen Mut haben.“
Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mit
hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich.
„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete Raucheisen. „Ihre
Augen sind jünger.“ Er erhob sich, um sich zurückzuziehen. „Wir sehen
uns noch, Herr Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete.
„Ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“
Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel sprach ihn nicht
mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann gekommen war, verschwand er.
6
Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und
Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in
ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der
Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband
lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin.
Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach
sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und
sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig
auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten
selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein
gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf
umgeworfen.
Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel
wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei
ihr Tee zu trinken.
„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als er bei ihr
eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas
frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war
nachdenklich und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine
Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch
aussprechen.“
„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel verwundert und blickte
ihr in die Augen.
„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie
einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir
gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben
ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge.
Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“
Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit sich zu erheben.
„Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.“
„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles
ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine
scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir
dies?“
„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann zu erzählen.
Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von
dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen
Armen verblutete.
„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen
breitete.
„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen
Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete Wenzel und verabschiedete sich.
Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die
Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die
Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten
Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es
Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.
7
Am Morgen hatte Esther noch ein großes Programm für die Woche entworfen,
am Mittag erklärte sie, einer plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen
früh nach Paris abreisen werde.
Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und Esthers brennendroter
Haarschopf sah in der Tat kaum eine Handbreit aus den Bergen von Blumen
hervor, die man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend ihren
Triumph.
Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren Koffern. Und in einer
Ecke türmten sich die eleganten, nagelneuen Koffer des Barons Blau, der
es sich nicht nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten.
Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine Woche in Sankt
Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen gemeldet hatte. Am Morgen
standen die Schlitten bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein
zweiter für die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der beiden.
„Leben Sie wohl, Schellenberg,“ sagte Esther lachend auf englisch zu
Wenzel. „Ich hoffe, Sie wiederzusehen.“
Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen ins Coupé bringen
lassen, einen ungeheuren Strauß, der eine ganze Ecke ausfüllte.
„Oh, hier sind ja auch noch Blumen!“ rief Esther mit der Stimme eines
erfreuten Kindes aus und nahm die Karte aus dem Bukett „Wenzel
Schellenberg!“ sagte sie. „Seht an! Wie originell!“
Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis zu dieser Minute
keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm es als selbstverständlich an. Alle
hatten ihr Blumen geschickt, natürlich auch Wenzel. Sein origineller
Gedanke, sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu bringen,
fand ihren Beifall.
Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen Plan
zurechtgelegt hatte.
Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris betrat, waren
natürlich auch diese Räume schon angefüllt mit Blumen. Die Pariser
Freunde hießen Esther willkommen. Während die Abschiedssträuße aus Sankt
Moritz auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs verwelkten,
war hier schon ein neuer Blütengarten aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen,
Tulpen, Narzissen wie durch Zauberei erstanden.
Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen, erinnerte es nicht
an den Strauß Schellenbergs, der in Sankt Moritz die Ecke des Abteils
völlig ausgefüllt hatte, wie? Genau so, die Farben, die Größe.
Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg!
„Seht an, Wenzel Schellenberg,“ sagte Esther leise und erstaunt. Sie
wurde nachdenklich, warf den Blick rasch durch das Zimmer. Irgend etwas
an dieser Sache war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte
natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler
bestellen. Er konnte die Art des Straußes und die Farbe genau
bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die Karte hierher kommen?
Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß war mit der Karte im
Hotel abgegeben worden.
Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich Esther, die
hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das sie nicht lösen konnte.
Dieser Schellenberg ist gewiß ein merkwürdiger Bursche, dachte sie, der
drollige Einfälle hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er
unmöglich die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief zu senden.
Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren neuen
Pariser Robe, eine Stunde später in den Speisesaal rauschte, wer stand
da, kupferbraun, fast schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des
weißen Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so braun, daß
die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel!
Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete, starrte auf Wenzel
wie auf eine Erscheinung. Er glaubte im ersten Augenblick, es sei
Zauberei, eine heimtückische und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei.
Und schlecht verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß. Er
hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar nicht, aber dieses
Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte unaufhörlich seine Nerven. Er
schleudert Felsen, dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu
Gewalttätigkeiten bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte in die
Ohren stopfen.
„Bei Gott, es ist Schellenberg!“ rief Esther mit heller Stimme aus,
überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand augenblicklich.
„Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,“ antwortete Wenzel lachend
und schüttelte ihr die Hand.
Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit dem nächsten Zug von
Sankt Moritz nach Zürich gefahren und von Zürich aus mit dem
Postflugzeug nach Paris gekommen. Er war schon seit heute mittag hier.
Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau zu Tisch. Seine
Stimme schwang hoch und gekränkt. Endlich hatte er gehofft, einige Tage
allein mit Esther verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen
Bobfahrer und ohne alle diese andern, die unaufhörlich Esthers
Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben Burschen da war nicht zu
spaßen. Wie hatte er das Hotel erfahren? Wie packte er alles an? Und
diese naive Zudringlichkeit, zartfühlend war er gewiß nicht.
„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“ sagte Esther.
Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht zurückgefunden. „Zum
ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter Stimme. „Ist es möglich? Und
wie gefällt Ihnen Paris?“
Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, daß Wenzel von Paris
förmlich berauscht war. „Es lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“
rief er aus, „sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst ist da
eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein Wüstensturm. Dann
erscheint eine Vision, eine Fata Morgana über der Staubwolke – eine
Moschee, schneeweiß und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht,
glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße Moschee ist
_Sacré coeur_, wie man mir später sagte. Die Staubwolke lichtet sich,
man erblickt ein Stadtviertel, und urplötzlich ist die Staubwolke
gänzlich verschwunden und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden
Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“
Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im Auto nach allen
Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel gesehen, die der Baron, ein
geborener Pariser, kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten des
Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. Eine ganze Reihe
von Industrien hatte er festgestellt, von deren Existenz der Baron
nichts ahnte.
„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem melancholischen Blick.
„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte Esther. „Es gibt
eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen und Tanzlokale, wo Sie noch das
echte Pariser Leben beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“
„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen habe, meine
Freundin. Weshalb quälen Sie mich also?“ entgegnete der Baron mit
verletzter Miene.
„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. Oh, es wird
ganz wunderbar sein, Schellenberg. Wir werden uns sehr schlicht kleiden,
manchmal wie Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte Paris
führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“
„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel.
Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er haßte diese Neigung
Esthers, durch obskure Lokale zu ziehen. Die blasse Glasur seines
Gesichtes wurde von einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen.
„Wann fangen wir an?“ fragte Wenzel in bester Laune.
„Heute, wenn Sie wollen,“ entgegnete Esther.
„Nun gut, dann heute.“
Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein. Die melancholischen
Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte er sie mit gekränkter Miene
daran, daß sie den ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun
war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf dem Rücken nach
Paris getragen hatte.
Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert von ihren Freunden,
frei machen konnte, durchstreifte sie mit Wenzel diese große,
unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse birgt als irgendeine Stadt der
Welt, die großen Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten
Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo die Zuschauer
mitspielten und Bemerkungen auf die Bühne hinaufriefen. Sie besuchten
Varietés, Tingeltangel, Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort
ging es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen. Da
Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie den
Dolmetscher.
„Es sind etwas starke Dinge,“ sagte sie.
„Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die gesund und
phantasievoll sind, hassen die Prüderie.“
Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten Bars, wo
kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen hatte, auftraten. Sie
streiften bei Nacht in den Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und
Blumen, und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe, die die
Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals hatte Wenzel sich so wohl
gefühlt. Welch eine wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien
angefüllt!
Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau, die an jedem Abend, in
jeder Stunde anders war, wirkte auf ihn wie starker Wein. Sein Blick
glitt über ihren feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum
sichtbare hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf ihrem
hellrot gemalten Mund – den er bald küssen würde, das wußte er. Sein
Blick lag auf ihren Wangen, die sie rot und braun malte, und auch diese
Wangen würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das frivole,
leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht! Sein Blick lag auf
ihren schmalen und wundervoll gepflegten Händen. Bald würde er sie in
seine Hand nehmen, um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über
ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien. Bald würde er ihn
mit seinen Küssen verbrennen. Hüte dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen
standen Wildheit und Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es
fühlte. Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie hörte, daß
seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre Miene aber blieb kühl und
undurchdringlich.
Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten kleine
Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels und das Licht der
großen Theater sie nie erlaubt hätten.
„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer Frau sah,“ sagte
Wenzel.
Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie können mich betrachten,
solange Sie wollen,“ antwortete sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie
über Ihre Entdeckungen sprechen.“
Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot gemalten Lippen zu
küssen, so unwiderstehlich, daß er Esther, als er ihr aus dem Auto half,
ohne darüber nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte.
Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit offenem Munde an
und fand keine Worte. Nie in ihrem Leben hatte ein Mann eine solche
Verwegenheit gewagt, und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen
Scheiben der Nachtportier starrte.
„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd und
zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat.
8
Einige Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. Er wartete, aber
wenn die Stunde vorüber war, in der sie sich gewöhnlich mit ihm
verabredet hatte, verließ er das Hotel, um sich in den Strudel von Paris
zu stürzen.
So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, so wahr war es
auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, ehe er den ersten Schritt zur
Aussöhnung tun würde. So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau
verzehrte, so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und schöne
Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten und deren Reize
entzückten. So war es wahr, daß Wenzel sich in jeder Minute nach dieser
Frau sehnte, so wahr war es auch, daß er in dieser gleichen Minute das
Leben in vollen Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen
Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, da war Esther
Weatherleigh, und da war Paris.
Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther mied den
Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages aber kam sie mit Baron Blau
und einem blonden, hübschen, außerordentlich sorgfältig gekleideten
jungen Herrn in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den Tisch,
als ob nicht das geringste vorgefallen wäre.
„Sie müssen mit uns speisen!“ rief sie aus. „Und hier ist Sir John, mein
früherer Gatte. Sie sehen, wir sind gute Freunde geblieben.“
Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen
Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal, ganz als sei nichts
geschehen.
Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber nach fünf Tagen war
er schon wieder in Paris.
9
Es fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen Georg auf dem Arm,
stand am Waldrand – gerade da, wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen
befunden hatten – und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde
stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich in der
Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren schmalen Schultern flatterte im
Abendwind. Endlich erblickte sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche
in der Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau mit dem
Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine lief.
„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das Kind entgegen.
Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang ihn, und
während sie vor Freude lachte, sprangen ihr die Tränen über das Gesicht.
Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum ersten Male, seit sie
nach Glückshorst gekommen waren, hatten sie sich getrennt. Diese vier
Tage aber waren Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich
halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend war sie mit dem
Kinde die Landstraße entlang gegangen, obwohl sie wußte, daß Georg erst
heute kommen konnte. Endlich war er wieder bei ihr.
„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte Georg.
„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während sie den Arm um
Georgs Schulter legte. „Ich habe alle Telephongespräche aufgeschrieben,
und – fast hätte ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus
Berlin zurückgekommen.“
„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen.
„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten am Rand.“
Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen Freudentanz auf der
Straße.
„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich noch Verbesserungen
anbringen. Was ich gesehen habe in diesen Tagen! Nun, ich werde es dir
erzählen.“
Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. Weit
auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen Fenster der
Tischlereien und Werkstätten und ganze Reihen von Arbeiterbaracken
leuchteten in die Dämmerung. Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das
Gasthaus, die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und plaudernd
von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich daneben blinzelte ein
kleines Licht. Das war der Laden des Schlächters Moritz, der noch
arbeitete. Das ruhig schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines
pensionierten Lehrers, der die Schule übernommen hatte. Und die übrigen
verstreuten Lichter, das waren die Häuser von Siedlern, die mit ihren
Familien nach Glückshorst gekommen waren. Ein Arzt, eine
Krankenpflegerin, Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf
vertreten. Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe blendender
Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in der Nacht. Das waren die
Werkstätten einer Fahrradfabrik, die sich hier niedergelassen hatte.
Eben heulte ihre Sirene in den stillen Abend.
Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst schon
geworden. Weit über die Heide greifend, erkannte man schon ihre
zukünftige Gestalt.
Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte Atem der
Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten.
Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. Sie hatte
einen ihrer jungen Hähne geopfert, blutenden Herzens, denn sie liebte
ihre Tiere, und diesen Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen
aufgezogen. Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, hatte
sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine Radieschen und
frischen, jungen Salat aufgetischt, alles aus ihrem Garten, und – eine
Überraschung für Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große,
fehlerlose Früchte.
„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt, als sie sich zu Tisch
setzten.
„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“ lachte Christine.
Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich sehe, du hast den
Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“
Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was
er alles gesehen hatte!
„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist
unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde
von allen Seiten beglückwünscht.“
Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ gewesen, wohin Michael
Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte.
„Neuland“ war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu
geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger
Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von
Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom
Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer
Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen
sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von
Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von
Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von
Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und
fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien,
Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen
sollte in „Neuland“ die Heimat finden.
Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen,
Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit
verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung
kein Ende.
„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich aus, indem er
ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.“
Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte
den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch
geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach
seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von
Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der
Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten
durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der
Siedlung mußte vorgesehen werden.
Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen
die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere
Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf
Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur
Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein
Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines
Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den
Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu
ernähren.
„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ sagte Georg
erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.“
Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu
lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete
Stadt vor sich.
„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“
„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ wiederholte
Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten.
Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig
das Kind schlief!
10
Lise Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen Riviera
verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um eine leichte Entzündung
ihrer Stimmbänder auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar
machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen auffiel, hatte
sich verloren, und als es warm wurde in Deutschland, kehrte Lise wieder
nach Berlin zurück.
Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend ihren Kindern, für
die sie nach der langen Trennung eine unsägliche Zärtlichkeit empfand.
Sie sah sich in ihrer Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie
telephonierte an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie die Post
der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt worden war. Nichts
von Bedeutung. Das unverschämte Angebot eines Konzertagenten zu einer
Tournee in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke schön. Und
hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise nahm es mit beleidigter
Miene in die Hand, während sie eine Zigarette zwischen den Lippen hin
und her schob. Sie liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte
Gesellschaften, fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht
Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen gegenüber,
der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen hatte. Man forderte sie
auf – es war gänzlich unwürdig, daß es Einrichtungen gab, die über ihre
Zeit verfügen konnten.
Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, als sie so
fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf dunkel erschien und ihre
blauen Augen grau wie dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand
und qualmte auf einem Stück Papier weiter.
Was war das?
Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das möglich? Eine
Vorladung des Gerichts zu einem Termin. Wenzel hatte die Klage auf
Scheidung eingereicht.
Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten in einem
Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das Schreiben von sich. Wie war
all das möglich? Hatte sie es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein
Brief von Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften
bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er ihr eine glänzende
Sicherstellung verspreche für den Fall, daß sie sofort in die Scheidung
willige. Weigere sie sich aber, so werde er nicht vor dem Äußersten
zurückschrecken. Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und
einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer und riß
die Kinder aus dem Bett, um sie an die Brust zu drücken und mit Küssen
zu bedecken. „Sie wollen euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die
Kinder, verschlafen und verstört, begannen zu weinen.
Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an. „Wer will uns
wegnehmen?“ fragte er, das Gesicht in Tränen gebadet.
„Nun, Papa!“
Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte wieder zu denken, es
war zuviel gewesen. Sie klingelte Michael an, und Michael ließ ihr
sagen, daß er noch etwa zwei Stunden im Bureau sein werde und sie
erwarte.
Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas nach neun Uhr, als
sie im Bürogebäude Michaels ankam. Michael saß an seinem Schreibtisch,
müde und abgespannt, und diktierte Eva Dux Briefe.
„Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,“ sagte er mit einem müden
Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das
Zimmer.
„Wie geht es mit der Stimme?“ fragte Michael. Nun aber bemerkte er Lises
außerordentliche Erregung und Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die
Tränen. Sein Gesicht verfinsterte sich.
„Die alte Sache?“ fragte er. „Weshalb könnt ihr euch nicht in Frieden
trennen?“ Diese langwierige Scheidungsangelegenheit quälte ihn tödlich.
Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung auf den Tisch.
„Lies nur, Michael, lies!“ schrie sie. „Wenzel ist ein Schurke! Ein
vollendeter Schurke!“
„Weshalb diese Heftigkeit, Lise?“ sagte Michael und runzelte ärgerlich
die Stirn. Er durchflog das Schreiben des Anwalts und die Vorladung des
Gerichts.
Nun begann Lise leise zu wimmern.
„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage es nicht
länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man die Erziehung der Kinder
nicht anvertrauen kann?“
Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will nichts fragen,“
sagte er nach einigem Nachdenken. „Es sind deine Privatsachen, die mich
nichts angehen. Ich rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne
dich in Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren Anwälten
sprechen und zu vermitteln suchen.“
„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die Tanzsäle von Paris.
Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“ rief Lise aus.
Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein.
Der telephonische Anruf ihres Anwalts weckte sie. Justizrat Davidsohn
ersuchte sie, ihn noch im Laufe des Vormittags zu besuchen.
Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, dann aber
studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er drehte sie sogar um, ob
nicht auf der Rückseite noch etwas stehe. Schließlich trommelte er mit
den behaarten Händen auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit
gesammelt, um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg contra
Schellenberg zu erinnern.
„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich, ohne jede
Vorbereitung.
„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte.
„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, daß Sie monatelang
unter genauer Beobachtung standen.“
„Das ist eine Infamie!“
„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn und schüttelte
den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt Anwälte, die vor keinem Mittel
zurückschrecken. Es fragt sich nun, wie weit die Beobachtungen auf
Wahrheit beruhen. Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera.
Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate lang einen Freund zu
Besuch gehabt hätten, der in ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen
Sie sehen, Dr. Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu,
gnädige Frau?“
Lises Augen blitzten. „Ich antworte auf diese Frage nicht!“ erwiderte
sie.
Der Justizrat lächelte nachsichtig. „Mir, Ihrem Anwalt, können Sie
getrost antworten, gnädige Frau. Sie waren etwas unvorsichtig, aber
erregen Sie sich bitte nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser
Freund habe Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus erst
am Morgen verlassen.“
„Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!“ schrie Lise.
Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. „Sie sollen sich nicht
erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges Personal. Ich habe den
Eindruck. Es sind Daten genannt.“
Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu entlassen. (Sie
entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin, die sich unter ihrem
strengen Verhör verriet. Sie gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie
noch in der gleichen Stunde hinaus.)
„Was die Kinder anbetrifft,“ so fuhr der Justizrat fort, „so ist das ja
nicht so ernst zu nehmen. Sie werden beweisen können, daß die Kinder
eine sorgfältige Erziehung genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht
sind, wenn die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.“
„Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend und eine schamlose
Lüge!“
„Ich weiß, ich weiß,“ beruhigte sie der Justizrat. „Das ist ja nicht so
schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die mein Kollege in sehr taktloser
Weise in sein Schreiben einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier,
einen Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach der Geburt
des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das Kind: Ein paar Pfund
Fleisch, und wie häßlich!“
Hier sprang Lise empört auf. „Ich habe es mit den größten Schurken und
Schuften der Welt zu tun!“ schrie sie.
Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches und bat sie mit
einer beschwörenden Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und sich nicht
zu erregen. „Das ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung
gemacht haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber daß Sie
unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre Position, ich darf offen
sprechen, keineswegs verbessert. Das Gericht könnte immerhin der Ansicht
sein, daß tatsächlich ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen
Teil erklären.“
„Wie, mich?“ unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt. „Ich werde nachweisen,
daß Wenzel die Ehe mit einem Dutzend von Frauen gebrochen hat.“
Der Justizrat schüttelte den Kopf. „Sie kennen die Gesetze nicht,
gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich, und wir müssen jedenfalls
damit rechnen. In diesem Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr
Schellenberg jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.“
„Wie?“
„Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in diesem Falle sich
dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder nicht weiter zu belassen.“
„Dann sind die Gesetze einfach Unfug!“
In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache, daß sich die
Lage leider verschlechtert habe, unleugbar, riet der Justizrat zum
Vergleich. Er werde sich bemühen, die günstigsten Bedingungen zu
erzielen.
Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von einem Vergleich
wissen. Wenzel hatte die letzte „Brücke“ abgebrochen, und diese
Bemerkung mit den „paar Pfund Fleisch“ würde sie ihm bis zu ihrem Tode
nicht verzeihen. Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es
genau, und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt schreiben.
Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene alberne Bemerkung
gemacht hatte, aber spricht nicht jeder Mensch einmal eine Roheit und
eine Dummheit aus?
Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich, und wenn er ihr zehn
seiner erwucherten Millionen auf den Tisch legen würde. Sie wisse recht
gut, weshalb Wenzel es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu
lösen, oh, recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde den
Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrat. „Wenzel
Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben und nicht Sie gegen Wenzel
Schellenberg. Wir können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht
kein Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung
aussprechen wird.“
„Nun verstehe ich gar nichts mehr!“ rief Lise verzweifelt aus. „Ich will
ja die Scheidung nicht!“
Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, so klingelte
Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond an. Er beklagte sich, allerdings mit
großer Höflichkeit, über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben.
Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit
herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um den Ausgleich
bemühen und bäte um eine Aussprache, am liebsten morgen. Kollege
Vollmond hatte am morgigen Tage keine Zeit, er müßte zu einer
Verteidigung in die Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in
Anspruch nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine
Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen gefällig zu
zeigen. Dann unterhielten sich die beiden Anwälte lebhaft über eine
Sache Ledermann _contra_ Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen,
und Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem Bankerott.
Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel nach Paris, daß seine
Maßnahmen den gewünschten Erfolg gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der
Gegenpartei sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er
eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe.
Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie, wenn nötig, die Summe!
Setzen Sie als äußersten Termin vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die
Angelegenheit mit allen Mitteln!“
11
Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die
Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt
überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und
betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn
Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern,
es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der
Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die
verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles
brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von
Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin
besteht, schönen Frauen nachzusehen.
An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden
Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren.
Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum
jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte,
freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller
Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen Sie mit mir ins
Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte
er.
Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat,
die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. „Es ist
gut,“ entschied sie. „Fahren wir.“
Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen,
das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und
Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte
das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.
Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von
Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen,
Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen
umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen
gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den
verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes
leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden.
Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster,
große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb
in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie
speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten,
und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther
blieb stehen und sog langsam die Luft ein.
„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie, und zum ersten
Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen weichen, schwärmerischen Klang.
Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, die umwachsenen
Statuen, und sogar in den Irrgarten aus Taxushecken wagte sich Esther,
obwohl es drinnen ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es
dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und Lachen den
Rückweg fanden.
Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die Stille bedrückte
sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. Sie drängte zum Aufbruch.
Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in Ordnung war.
Schweißtriefend lag der Chauffeur unter dem Wagen. Er versicherte, den
Mangel spätestens in einer halben Stunde zu beheben.
„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und augenblicklich wandte
sie sich in herrischem Ton an den Wirt und verlangte einen Wagen. Der
Wirt hatte einen Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften
mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren würden.
Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach einem Auto. Es muß
sich doch ein Auto finden lassen? Ich habe Baron Blau versprochen, mit
ihm nach dem Theater die Schokolade zu nehmen.“
Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“ sagte er.
„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie schwieg eine
Weile, während sie in dem dunklen Park hin und her ging. Plötzlich
schien es ihr, als ob sie Wenzel im Dunkeln lachen höre.
„Sie lachen?“ fragte sie verwundert.
Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. „Ich lache über
Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich muß lachen, weil Sie so
ärgerlich sind, ein paar Stunden von Paris fern bleiben zu müssen. Das
Auto ist natürlich völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur
beauftragt, diese kleine Komödie zu spielen.“
Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie eine Statue vor
Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“ fragte sie – oh, nun war sie
wirklich schlechter Laune – und die Statue schien noch schmaler und
steifer zu werden.
Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen Sie nicht die
gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie sehen ja, daß ich das Komplott
sofort selbst aufdeckte, als ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht,
länger hier zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was ich
mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in Paris immer von einem
Schwarm von Menschen umgeben, und selbst, wenn wir allein ausgehen,
befinden wir uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den Plan,
Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, zu
verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse Dinge sprechen zu können.“
Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn mit mir besprechen?“
fragte sie mit gemachtem Erstaunen. Als ob sie gar nicht ahnen könne, um
welche Dinge es sich handeln könnte.
„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort, etwas unsicher und
tastend. „Da ist dieser Baron Blau, und da ist dieser Major Fairfax, und
...“
„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther.
Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß ihre Zähne blitzten.
„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe keineswegs Lust, die
lächerliche Rolle eines Barons Blau oder eines anderen zu spielen,
Esther Weatherleigh!“
Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde zu einer
schmalen, steifen Statue.
„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich sprechen, aber es ist
vielleicht besser, wenn wir wenig Worte machen. Sie sollen sich
entscheiden, Esther Weatherleigh. Entweder ich oder einer der andern!“
Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und verletzend.
Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. Viele Monate lang hatte er
sich dieser Frau gegenüber beherrscht, und oft war es ihm nicht leicht
gewesen. Dieses Lachen aber brachte ihn außer sich.
„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel zu laut für
einen Gentleman, und trat auf die Statue zu und faßte sie an den
Schultern. Ihre nackten Arme fühlten sich wie Eis an in seinen Händen,
wie Eis, das brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher
Aufrichtigkeit gerichtet.“
„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den Kopf senkte. „Oh,
wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. Ich hasse vor allem rasche
Entschlüsse. Sie wissen sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind,
Wenzel, aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich glaube
nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“
Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie mich lieben. Ich
verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“
„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther.
„Dann werden Sie meine Geliebte!“
„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln. „Aber,“ fuhr
sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich darüber sprechen, Wenzel
Schellenberg. Ohne Bedingungen, hören Sie. Wir wollen dem Himmel die
Entscheidung überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt eine
Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine Sternschnuppe, so
versprechen Sie mir, nie wieder auf diese Dinge zurückzukommen. Gilt
das?“
„Es gilt!“
Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum Firmament
gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte gegangen, als ein
leuchtendes Meteor über das Firmament zog.
Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach Wenzel. „Sie
haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte.
12
„Da bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig lächelnd und
schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels Nacken. Ihre Augen strahlten
von einer tiefen und milden Freude.
Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich gesprochenen
Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit langer Zeit hatte er diese schöne
Stimme nicht mehr vernommen.
„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut, mit etwas
gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, die ihn ergriffen
hatte, als er Jenny, zarter, etwas schmaler im Gesicht, eilig die Treppe
herabkommen sah. Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen.
Er küßte sie herzhaft auf den Mund.
Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er sollte sehen, daß
sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte.
Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah ganz so aus, als
habe sich unterdessen nicht das mindeste ereignet und solle alles
bleiben wie früher.
Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er früher nicht getan
hatte. Sie besuchten Gesellschaften, Theater, Rennen, zumeist aber
speisten sie in Jennys Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für
alles, was Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete
jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, die sie früher nie
bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, um nachdenklich und unruhig im
Zimmer hin- und herzugehen.
„Woran denkst du?“ fragte sie.
Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage keine Antwort.
Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh gehört,
natürlich. Sie wußte, daß ihn diese Frau mehr als andere beschäftigte,
aber es ging doch wohl nicht an, seine Unruhe auf diese Frau
zurückzuführen. „Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd.
Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen.
„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny weiter. „Ich
verstehe nichts von Geschäften und möchte mit dir auch nicht über
Geschäfte sprechen. Aber vielleicht hast du geschäftliche Sorgen? Man
sprach in Berlin davon, daß du große Verluste in einer Francsspekulation
erlitten hast.“
Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie lächerlich klein
ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe in der Tat anfangs einen
tüchtigen Lappen Haut hängen lassen. Ich habe dir von einem Bekannten
erzählt, einem Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug,
auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc würde gestützt
werden und steigen. Man soll nie auf einen Bankier hören, und so habe
ich eine ziemliche Summe verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später
aber behauptete dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und diesmal
handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine Verluste mehr als
wettgemacht. Das ist die ganze Sache meiner Francsspekulation.“
Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. Er sandte Jenny
Blumen und einen Gruß. Geschäfte! Drei Tage später kam er wieder zurück.
Er blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten war Wenzel
fast ununterbrochen in D-Zügen und Flugzeugen unterwegs: Paris, London,
Trouville, Ostende. Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten,
desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich von Monat zu
Monat beobachten. Was früher fast nie vorkam, ereignete sich jetzt
häufig: Wenzel war schlechter Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur
dumme Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel früher
ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige Explosion, eine
Eruption von Zorn und Galle, und einige Minuten später hatte er seinen
früheren Gleichmut wiedergefunden. Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem
Gesicht und schwieg.
Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer Arbeit. Oh, sie
arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast immer abwesend war. Sie
übte, schulte, lernte, studierte, beobachtete. Ihr letzter Film, „Der
Roman einer Tänzerin“, hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging
um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, aber schon
hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie wollte zur Bühne gehen und nur
noch zuweilen filmen. Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und
als Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst sollte sie zum
ersten Male auftreten, und man tat alles, um das Debüt zu einem Erfolg
zu gestalten. Jenny erzählte von den Proben.
Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit
ihm großen Verdruß bereite. Eines Abends aber kam er in strahlender
Laune zu Jenny, nachdem er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er
brachte einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto war
buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt.
„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er, in jenem
übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher her kannte. „Wir wollen
tafeln. Endlich hat diese unleidige Scheidungsgeschichte ein Ende
gefunden.“
Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle.
In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel bat am
Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und erklärte ihm ohne alle
Umstände: „Lise Schellenberg ist von der Reise zurückgekehrt. Sie werden
dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in
Ordnung gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier ist das
Telephon, fangen Sie an.“
Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem ans Telephon.
Und nun wollte er seine ganze Kunst beweisen, während Wenzel mit dem
finsteren Blick und starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen
Willen durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben.
Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten Entschuldigung,
daß er es nochmals wage, Frau Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch
weniger als der Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises
Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden Kinder am Herzen
liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! Er berichtete also, daß
Herr Schellenberg eine Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines
Gerichtsbeschlusses zur sofortigen Herausgabe der Kinder.
„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon
wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht
ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den
schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch
auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als
letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt.
Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise
Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde
sich das Schicksal erfüllen.
Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann
versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen
die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von
fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in
einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte
Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen
roten Heller.“
Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer
geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten
Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen.
Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr
Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.
Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme
im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich
sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich
sagte er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu
Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin
nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird,
aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in
meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß geworden.
Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte
sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem
Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen
durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten
Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins.
13
Wenzel hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden herzoglichen
Hauses gekauft, eine wunderbare Goldschmiedearbeit italienischen
Ursprungs, Perlen, Diamanten und Smaragden. Sein Einkäufer für
Antiquitäten hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den Schmuck
nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. Es war ein Schmuck, der
selbst die verwöhnte Tochter des alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus
Gesicht zuckte an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals war
kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen.
Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, daß sie
beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, saß er bleich
und still wie ein Leichnam. Sein ganzes Lebenswerk, seine Zechen,
Kokereien, Walzwerke, Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen
Augen in den Abgrund versinken.
„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein Wort für Raucheisen,
das eine größere Verachtung ausgedrückt hätte. Er streckte die
totenbleiche Hand aus, um zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein
Finger zu schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach einer
Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter seines Hauses,
Justizrat Barenthin, bei ihm. Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen
keine Geheimnisse. Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig
auszustrecken. Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine Aussprache
mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen die Mitteilung
überbringen zu können, daß Wenzel Schellenberg auf einer Gütertrennung
der beiden Ehegatten bestehe.
Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, zwei Jahre währen,
sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, und ich kenne meine Tochter. Aber
den Gedanken, daß Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen
„Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können. Das fühlte er.
14
„Wenzel ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und ungläubig sah Jenny
Stobwasser an.
Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder hier. Und Stobwasser
berichtete, daß in der letzten Zeit fieberhaft in der Villa im Grunewald
gearbeitet werde, um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten
Beschlag fertig zu machen.
„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“ versuchte Jenny
Wenzel zu entschuldigen.
Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: Weshalb
kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er nicht an? Sie hatte natürlich von
Wenzels beabsichtigter Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie,
dieser Gedanke bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte
sein, wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu heiraten.
Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn er nur der gute Kamerad blieb,
der er bisher gewesen war. Mehr wollte sie nicht.
Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie hörte nichts von ihm.
Eines Tages aber, es ging schon auf den Herbst, überbrachte der kleine
Stolpe einen Brief von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung
aushändigen durfte.
Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny erbleichend. Sie
war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen wartete vor der Tür, um sie ins
Theater zur Probe zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht
Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten.
Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft den Brief.
„Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie sie. Sie überflog das Schreiben.
Wieder wich das Blut aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur
Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage zu bringen, und
ließ beim Theater die Probe absagen wegen einer plötzlichen
Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den Hut ab, zog den Mantel aus und begann
in ihren Räumen auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde drei
Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte nur den Kopf. Sie
unterbrach ihre Wanderung nicht. Um sechs Uhr übergab man ihr die Karte
von Hauptmann Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon die
Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei ihr vorsprechen werde, um
„alles Weitere“ mit ihr zu ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit
der Hand ab und setzte ihre Wanderung fort.
Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht auf. Das Abendessen
war serviert, aber Jenny schüttelte wiederum nur den Kopf, ohne ihre
Wanderung zu unterbrechen. Es war schon tief in der Nacht, als sie sich
auskleidete. Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, und
wieder ging sie hin und her. Der Tag begann zu grauen, und plötzlich sah
sie wieder Wenzels Brief im Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte
sie sich auf einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. Aber
sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört ihre Wanderung
wieder auf.
Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das Telephon
klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen neuen Versuch, sie zu
sprechen, das Theater rief an.
„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten.
Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her.
Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine
Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr
fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen –
einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen,
Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie
sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All
diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das
Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige
Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann
sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von
ihm.
Dieser Brief!
Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr
als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen,
um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser
fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und
zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er
„sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle“ – störte sie ihn?
„Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ...
Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie
zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte
vergiften können.
Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt,
überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte
Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser
Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu
hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat
noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete
Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war.
„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie und reichte ihm
Wenzels Schreiben.
Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen
Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine
Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er
schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf.
„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich hätte Schellenberg eine
solche Roheit niemals zugetraut.“
„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, die Stirn
zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. „Diese Frau hat ihm die Sinne
verwirrt.“
Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte
ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum
Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber
Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei
nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein
Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in
Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.
Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem
Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr
verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf.
Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva
konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde.
„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny.
Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie
eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich
ihr unmerklich über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, das
Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“
Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht
arbeiten.
Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe
Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung
auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen.
Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich
ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn
Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin
bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er
begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete
ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung,
die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich
Mackentin zurück.
15
Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang,
und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand
so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los
wäre.
Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, und schließlich
war es an den Tag gekommen, daß einer der Finanzdirektoren der
Gesellschaft größere Unterschlagungen begangen hatte. Es handelte sich
um nahezu eine halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen wieder
über die Gesellschaft herfallen würden!
Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft nicht. Einige
Blätter wiederholten ihre Forderung, daß die Gesellschaft, die zwar in
enger Fühlung mit der Regierung, aber völlig unabhängig arbeitete,
endlich unter die Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche
Zeitungen gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches und
der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. Ein Blatt schrieb: Der
Sündenlohn der arbeitenden Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen
verpraßt!
„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend. „Wir, die wir nicht
einen Heller besitzen, wir, die wir unsere ganze Arbeit gemeinnützigen
Zwecken widmen, wir verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars.
Herrlich! Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“
Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das allergrößte
Vertrauen entgegengebracht.
„Wie kann ein Gesicht so lügen?“
Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab Michael. Häufig
mußte er in diesen Tagen an Wenzel denken, der ihm diese Feindschaft
schon vor Jahren prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in
Deutschland, die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten.
Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, die eine
Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. Und in der Tat zwang
Michael sie durch die Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden
zu verbessern und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. Auch
diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft betrachtete ihn mit
argwöhnischen Blicken. Man las voller Neid die Statistiken der
Gärtnereien der Gesellschaft, die Statistiken der technisch betriebenen
Großlandwirtschaften. Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge nicht
gönnten, Neidische, die alles besser wußten.
„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu kamen noch die etwas
peinlichen Geschichten seines Bruders, seine Scheidung, die viel Staub
aufgewirbelt hatte, und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck.
Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, verantwortlich
für die Handlungen seines Bruders. Sie deuteten an, daß das Vermögen
Wenzels zum großen Teil aus Geschäften stamme, die er mit der
Gesellschaft Neu-Deutschland machte.
Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die Verluste, die die
Gesellschaft durch die Unterschlagung erlitten habe, von Freunden der
Gesellschaft gedeckt werden würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß
Wenzel, der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig sein
würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht einmal eine Antwort.
Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet und
überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. Nunmehr betrachtete er
alle Angriffe ruhiger.
Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte er sich voller
Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: die Gesellschaft
Neu-Deutschland wuchs von Monat zu Monat. Es gab keine Provinz, keine
Landschaft, keine große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele
der Gesellschaft erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands
Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet vor:
die Kanäle, die die einzelnen Ströme verbinden mußten, die
Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen einander näher
bringen sollten, die Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die
Wasser- und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit für zehn,
zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß würde das Land erstehen, und
allerorts hatte man eifrig und begeistert mit der Ausführung des Planes
begonnen. Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael zu.
Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten Straßen und Kanäle. Die
Frauenorganisationen hatten ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt.
Es gab keinen Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten,
keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles dank der Fürsorge
der Frauen.
Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft getreu – dem
Hunger und dem Elend entgegen, und überall belebte sich das erstorbene
Gefühl der Kameradschaft.
Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten organischen
Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland Aufsehen erregt. Kommissionen
kamen, das wachsende Werk zu besichtigen.
Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft „Neu-Europa“
gegründet. Ähnliche Grundsätze, angewandt entsprechend den Bedürfnissen
der einzelnen Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten
reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen aus, ohne
jede Geheimnistuerei berichtete man gegenseitig über die Fortschritte
des Gartenbaues, der Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue
Maschinen und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker – war es nicht
einleuchtend? – würden ein zufriedenes Europa schaffen, das es heute
nicht gab. Die Zölle würden fallen, die Schranken der Grenzen würden
fallen, das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen
Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika würde Europa früher oder
später gezwungen werden, eine Planwirtschaft für ganz Europa
einzuführen, sollte es nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals
werden.
War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so waren nur noch zwei,
drei Schritte zu den Vereinigten Staaten Europas! Und sie würden kommen,
morgen, übermorgen ...
Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. Bis in die späte
Nacht hinein saß Eva Dux über das Stenogrammheft gebeugt.
„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael.
Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte, wurde in Millionen
von Exemplaren in allen Sprachen verbreitet. In unzähligen Versammlungen
hatte er, von Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen
Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute für ihre Armen
aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, so gäbe es heute schon keinen
Hunger und kein Elend mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer
Tag würde über Europa emporsteigen.
Der Tag war nahe!
„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael, und Eva Dux schrieb
mit fliegenden Händen.
Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften ihn mit
rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger er gewann, desto größer wurde auch
die Schar seiner Feinde.
16
Knirschend hielt das pechschwarzglänzende Auto, das neu war wie ein
Nagel, der aus der Maschine fällt, auf dem breiten Kiesweg vor der
Schellenbergschen Villa im Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf
der breiten Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender
älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, stürzte eifrig die
Treppe herab zum Wagen.
Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie betrachtete
aufmerksam das Palais, aber man konnte deutlich ihre Enttäuschung auf
dem etwas blassen, gemalten Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen
gespitzt, während sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais
etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. Besonders aber
enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie hatte riesiggroße Bäume erwartet,
wie in den englischen Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich,
unbedeutend, ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, neue
Bäume, mit einem Wort. Dazu war es Herbst, und die meisten Bäume hatten
das Laub schon abgeworfen, so daß Park und Garten einen etwas kläglichen
Eindruck machten.
Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers Beifall. Ihre
kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, da war Geschmack,
Kostbarkeit, Pracht, alles von der Hand eines Meisters angeordnet. Nicht
überladen die Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie –
ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut in England sehen lassen.
Man konnte seine Freunde einladen, ohne ihre Kritik fürchten zu müssen.
Sie bewunderte den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche Arbeit,
welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek mit den Abertausenden
von Bänden und tausend alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in
Entzücken. Ihre Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten
lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, in
Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes Kunstwerk. Wenzels
Architekten, Kaufherr und Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt.
Esther aber liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in
Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine weiße Marmortreppe
hinabführte, begeisterte sie wiederum. Vor ihrem Schlafzimmer aber
sollte eine helle Glasveranda angebracht werden, mit bequemen
Korbsesseln und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, daß
die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt würden, wie sie
es bei Freunden in England gesehen hatte. Verschiedene Moose und
Steinpflanzen in den Ritzen.
Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen.
Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am zweiten Abend aber
lud Wenzel den alten Raucheisen zu Tisch. Es war eine ganz kleine
Gesellschaft. Nur Mackentin, Michael und Eva Dux waren eingeladen.
Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und Prunk des Hauses. Er
warf kaum einen Blick in die Bibliothek und beachtete auch die
gestickten Wände des Speisesaals nicht, obschon ihn Esther darauf
aufmerksam machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit
aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack eingerichtet als das
Schloß Charlottenruh des alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft
war mit Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack.
Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich nicht der Gesellschaft
angehörte. Sie saß still und wagte kaum die Speisen zu berühren und trug
zwei falsche Perlen in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied es
der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, Eva Dux auch nur
eines Blickes zu würdigen.
Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch Wenzels
schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn geworden. Seine warmen,
leuchtenden Augen gefielen ihr und die weiche Linie seines Mundes.
Welche Ruhe, trotz einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht
lagerte. Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter waren.
Sie unterhielt sich während des ganzen Abends fast ausschließlich mit
ihm. Er war ihr sympathisch – und doch beschloß sie, seine Gesellschaft
in Zukunft zu meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von
Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde dieser Mann, wenn
er die Macht hätte, überall Kartoffeln und Getreide anbauen und Parks
und Golfplätze verbieten, vielleicht auch die Blumengärten, aus deren
Blüten man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft nicht
mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie erblickte in ihm einen
Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, und ihre Abneigung wuchs
mit jeder Minute, die sie mit ihm heiter und klug verplauderte.
Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne Frau, sagte er
sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. Sie ist nicht nach meinem
Geschmack. Möge Wenzel mit ihr glücklich werden.
„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva.
Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant und
geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles Vertrauen schenken.“
Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England zurück. Mitte Dezember
sollte die Hochzeit in London stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie
wollte alle ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen
hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen Reise. In
Wahrheit hatte er aufgeatmet: wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin
stattfand.
Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag, ihn vom zehnten
Dezember an in Nizza zu erwarten, und die „Kleopatra“ stach sofort in
See.
17
Welke Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind blies, der Regen
klatschte gegen das Haus, die Tage wurden kürzer. Immer noch waren alle
Vorhänge in Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah,
zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst in ihren Zimmern
hin und her, ohne jede Ruhe. Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht.
Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte Hauptmann
Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus vom ersten November an zur
Verfügung stelle. Also war heute der letzte Tag, und heute würde es
geschehen.
„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, daß er morgen über das
Haus verfügen könne,“ sagte Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht
mehr hier sein.“
Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, während sie durch
die Zimmer ging oder müde in irgendeinem Sessel kauerte. Alles war
vorbereitet. Den Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat
entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde morgen das Haus
verlassen. Nur noch der Hausverwalter wohnte in seinem Gartenhaus
nebenan.
Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! Sie schlüpfte in ein
gelbseidenes Kimono, das sie liebte, und schritt durch die Zimmer, mit
einem fernen, leisen Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie
stehen und starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und hell
geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte ihm das und
jenes. Sie lächelte über seine Antworten, mit etwas schiefgezogenen
Lippen.
Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“ Oder sie sagte:
„Weshalb gehst du schon? Bleibe doch noch etwas hier. Ach, diese ewigen
Konferenzen!“ Und sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne.
Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau
heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob
du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine
Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles
sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben
würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.“
Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit
etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine
Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig.
Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter
Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen,
harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen
immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.
Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im
Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch?
„Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange
völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand.
Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich?
Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und
wie er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.“ Jenny
lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe.
„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie.
Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es
war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten
darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran
lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener
Menschen, die morden konnten?
Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als
sie im Auto zur Oper fuhren, man gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du
dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief
dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, in allem, was er
tut, hat er Format,“ – sagte er das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum
erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene
Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt.
Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.
„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte
Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht
bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich
zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton
deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte
waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie
gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen
liebst.“
Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die
Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen
Zimmers auf.
„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn,
nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten
Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem
sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne,
schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was
tat ich mit ihr?“ Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich
des Traumes nicht mehr entsann.
„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, „du
mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ und sie verschränkte die
Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als
ob sie im Theater spräche:
„O gib, vom weichen Pfühle,
Träumend, ein halb Gehör!
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe! Was willst du mehr?“
Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit einer leisen,
wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“
und ging in das Badezimmer.
Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem Marmor. Das
Bassin war versenkt, es führten zwei Stufen hinunter. In Nischen standen
Waschtische, und in einer Nische stand eine Bank.
Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte sie sich um und
blickte zur Nische.
„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend. Ja, da saß er!
Wie oft saß er auf dieser Bank und sah zu, wie sie badete. Überall im
Hause war er, man konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er
am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte seinen Augen.
Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, dünn und zart wie die Blätter
einer Rose.
Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. „Sieh nur zu,
Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann saß sie eine Weile still, und
wieder sprach sie, aber diesmal ganz leise.
„Schlafe! Was willst du mehr?“
Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun sieh zu, wie ich
schlafen gehe, Wenzel.“
Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es
Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und
schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken
Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm
triumphierend.
„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, fiebrisch lächelnd, und
ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins
Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im
Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote
Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun
genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange
still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war
plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte.
„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich es? O Gott, nein,
ich will es nicht tun.“
Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber es ist ja niemand
im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor
der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal
fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich
gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den
verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte
furchtbar.
„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte zu Boden. „Hilf
mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!“
Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf
den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff
fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael,
der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell?
Da schwand ihr das Bewußtsein.
18
Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und
nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz
mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für
Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken
verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm
natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.
Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr verlangte Mackentin
den Hausverwalter. Eine Viertelstunde später, während er gequält und von
bösen Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles.
Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier Tagen zur
Berichterstattung nach London zu kommen. Er nahm indessen schon am
nächsten Vormittag das Londoner Postflugzeug und kam nach einer
stürmischen Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei Wenzel
und wurde augenblicklich vorgelassen.
Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. Er lag in
einem Sessel, die langen Beine behaglich von sich gestreckt, und ließ
sich vom Barbier rasieren, während ein junges, zartes Mädchen seine
Hände manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und Parfüms. Ein
feuchtes Handtuch war zum Glätten der Haare wie ein Turban um Wenzels
Kopf gebunden.
Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde mich ergebenst zum
Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner Stimme einen alltäglichen Klang zu
geben.
Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den Spiegel zu. „Ich
habe Sie erst übermorgen erwartet, Mackentin. Sie sehen ja so bleich
aus. Nehmen Sie Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“
„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte Mackentin und
nahm Platz.
Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch der Friseur.
Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus dem Sessel, um
Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim ersten Blick in Mackentins
Gesicht erkannte er deutlich, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen
sein mußte. Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als
gewöhnlich.
„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage früher gekommen sind?“
fragte er, seine Unruhe verbergend, und seine Haltung wurde straffer.
„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin. Und er
berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit und Knappheit. Diesen
militärischen Ton pflegte er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war.
Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine
blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf
Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die
Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder.
Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die
Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin
rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er
tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren
Blick zu Boden geheftet.
Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah
aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere
Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer
Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein.
Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört.
Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn
gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in
die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem
neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine
Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so
grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.
Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und
Zylinder.
Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck,
wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte
Wenzel. „Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“
„Sehr wohl.“
Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred
Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft.
Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner
Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus,
als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine
halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine
natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb
starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen
sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte.
Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte
sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch.
„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und diktierte bis vier
Uhr morgens Briefe.
„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen
Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum Abschied zu Mackentin.
„Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste
Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen
seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld,
Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr.
Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte
zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!“ –
19
Esther war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt und oft
wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die Robe für die Trauung, die
Reisekleider, die Wäsche bei einer ersten Firma in Paris in Auftrag
gegeben. Aber nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande,
ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es nicht vorwärts, obschon sie
in jeder Woche einige Boten nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther
ein, daß die Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es ging
nicht anders.
Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja eigentlich gar
keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? fragte sie sich hundertmal in
jenen Tagen, da sie in schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie
jetzt nicht mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all ihren
Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. Sie mußte wohl oder übel
konsequent bleiben, aber –.
Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand gefeiert. Klein, mit
eingefallenen Zügen, fahlen Lippen und krankem Blick saß der alte
Raucheisen bei der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte
er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, zurück.
Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während des ganzen Tages, und
immer kehrte dieser Gedanke wieder. Alle andern hätte er entbehren
können. Er empfand Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als eine
Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese Major Fairfax, Baron Blau
und die andern? Ihre rasierten, gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter
langweilten ihn.
Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit dem Nachtschnellzug
nach Paris. Hier nahmen sie den Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza
lag in der hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die
„Kleopatra.“ Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. Das Boot,
das die beiden an Bord brachte, war mit weißen Rosen geschmückt, ebenso
das Fallreep. Die Matrosen standen in Gala, lustig flatterten die bunten
Wimpel der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, fröhlich und
heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit alles
entgegennimmt, was man ihm bietet.
Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem Wind zog die Jacht in
die glitzernde Bai hinaus. Erst jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den
Namen der Jacht geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“ las,
stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese Aufmerksamkeit
entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem Augenblick glücklich.
Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. In Korsika und
Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht ging nach Sizilien, von da nach
Ägypten. Hier war die Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm
sie wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta und die
griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere Station. Hier war es
schon heiß. Die Glyzinen blühten, die Orangenblüten dufteten, die Palmen
setzten ihre dottergelben, fetten Blütentrauben an, und schon trieben
die Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen
Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge glühten in der
Sonne. Es war eine frohe und glückliche Woche an Bord.
Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther ein, und sie gab den
Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm direkten Kurs auf Venedig. Hier, am
Lido, wollte Esther einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in
Deutschland.
In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. Baron Blau kam aus
Paris, um ihr die Hand zu küssen, Major Fairfax streckte seinen braunen
hageren Körper im Sande. Es kamen englische und französische Freunde in
ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. Sie hatte sich
von einem Pariser Künstler phantastische Badekostüme, Umhänge und Mäntel
entwerfen lassen, die den Neid aller Frauen erregten.
Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, daß Esther in
ihnen weitaus nackter erschien, als wenn sie unbekleidet gegangen wäre.
Jede Linie ihrer Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres
etwas mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar.
20
Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas
voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem
Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der
Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten.
Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er
dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen
von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor
Lebensfreude und Glücksgefühl.