Georg saß mit offenem Munde da und errötete. „Sie meinen, ich?“

Lehmann nickte: „Sie meine ich, jawohl, Weidenbach. Es ist meine

Pflicht, meinen Nachfolger zu bestimmen. Sie müssen sich auf fünf Jahre

verpflichten bei der Gesellschaft, das ist alles. Das Gehalt ist gering,

aber die Gesellschaft bietet Ihnen für später große Vorteile.“

„Es ist mir nicht um Geld zu tun,“ warf Georg ein.

„Ich weiß es. Sie sind der Verständigste hier. Sie haben auch die größte

Begeisterung für die Sache, und das ist es, was die Gesellschaft

braucht: Männer, die sich für ihre Ziele begeistern! Wir können keine

ängstlichen, verzagten und mürrischen Burschen brauchen!“ schrie Lehmann

und schlug auf den Tisch, daß die Papiere sprangen. „So ist es, also

schlagen Sie ein?“

„Ich schlage ein!“

„Nun, dann wollen wir ein Gläschen zum Abschied trinken, Weidenbach,

mein lieber Kamerad,“ sagte Lehmann. Er nahm eine Flasche aus dem

Schrank und goß die Gläser voll. „Sie waren von Anfang an dabei, und Sie

haben beobachtet, wie es sich abspielt. Es gehört viel Takt dazu,

Menschenkenntnis, hier Nachsicht und dort Strenge. Sie wissen, es kommen

Menschen, verbrauchte Menschen, zu uns, die sich auf dem Pflaster krank

gelaufen haben, und ein wesentlicher Teil unserer Aufgabe besteht darin,

ihnen wieder Lebensmut einzuflößen. Deshalb müssen Sie da und dort

nachsichtig sein. Ein gutes Wort tut einem verprügelten Hund wohl, und

da und dort Strenge, und da und dort unerbittlich: hinaus mit dir.

Beobachten Sie, und wenn es nicht geht: hinaus.

Tausende, Weidenbach, Tausende von jungen Leuten wie Sie und ich

arbeiten in der Gesellschaft Neu-Deutschland, arm wie die Kirchenmäuse,

aber freudig am Werk. Die Ärzte, die Zahnärzte, die Ingenieure, die

Baumeister, Chemiker, Landwirte, Architekten, wir alle arbeiten für

einen Hundelohn, aber wir arbeiten für eine Sache. Sie kennen ja die

Parole der Gesellschaft: ‚Tod dem Hunger!‘ Sie wissen ja, diese Parole

hat Michael Schellenberg erfunden. Was er will, ist Ihnen klar, aber der

Hauptzweck, den er verfolgt, ist der, eine neue Volksgemeinschaft zu

schaffen. Warten Sie ein Jahr, warten Sie zwei Jahre, die Gesellschaft

rollt wie eine Lawine über ganz Deutschland. Bald wird dieses arme und

mutlose Land wieder zu brausen beginnen.

Und hören Sie, Weidenbach, Sie werden die Siedlung ausbauen, und Sie

werden sich aus den Leuten, die Sie haben, die besten auswählen, sie

sollen den Kern der Siedlung bilden. Menschen wie Moritz und die Mutter

Karsten und der Schlosser eignen sich prachtvoll dazu. Sie werden mit

großer Umsicht vorgehen müssen, um den Stamm zu schaffen. Man wird Ihnen

ja dann von der Zentrale erprobte Kräfte zuweisen. Und nun, gute Nacht,

Weidenbach. Morgen ist wieder ein heißer Tag. Morgen mittag werde ich

euch allen Lebewohl sagen.“

In der Mittagspause des folgenden Tages stellte Lehmann Georg als den

neuen Chef der Station vor. Dann hielt er eine kurze Ansprache, brachte

ein Hurra aus auf das Gedeihen der Gesellschaft und schwang den Hut.

Die Männer brüllten und schüttelten ihm die Hand, und nun ging er.

„Da also geht er, er war ein netter Bursche!“

19

„Was sagst du dazu, Christine?“ sagte Georg. „Ich bin Chef der Station

geworden.“

Christine hob den fieberischen Blick und lächelte leise. „Ich freue mich

für dich,“ sagte sie. Sie saß vor der Küche in der Sonne und schnitt

Kartoffeln in Scheiben, die sie in einen Topf voll Wasser fallen ließ.

Ihr zu Füßen saß der kleine Georg, in eine alte Decke eingehüllt. Frisch

und reizend blickte sein kleiner zarter Kopf aus der derben Decke.

In der Mittagspause oder am Abend nahm Georg häufig das Kind auf den Arm

und trug es durch das Lager, oder auch Moritz nahm das Kind oder

irgendein andrer.

„Ah, da ist ja der kleine Georg!“ riefen die Männer und nahmen mit

zartem Griff der rauhen Arbeitshände das kleine Händchen des Kindes. „Da

bist du ja, und wie er wächst und gedeiht.“

Das Kind gehörte dem ganzen Lager. Es war ihr gemeinschaftliches Kind.

Christine schwieg noch immer. Sie war noch so blaß wie an dem Tage, da

Georg sie ins Lager gebracht hatte. Aber dieser bläuliche Glanz in den

eingesunkenen Wangen und an den Schläfen war verschwunden. Und das

kalkige Weiß der Ohren, das Georg so sehr erschreckt hatte, denn er

befürchtete, daß Christine schwindsüchtig geworden sei, war einem zarten

Elfenbeingelb gewichen. Oder sollte er sich täuschen? Aber auch Mutter

Karsten war seiner Meinung.

„Sie sieht besser aus,“ sagte die Alte. „Und sie hustet nicht mehr so

fürchterlich in der Nacht.“

Am Tage hustete Christine selten. Auch die hektischen Flecken, die er

dann und wann in ihrem Gesicht beobachtet hatte, zeigten sich immer

seltener.

„Hast du Fieber?“ fragte er sie und nahm ihre Hand in seine Hände.

„Frierst du? Soll ich dir eine Decke umlegen?“

Christine schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem dankbaren Blick an.

Wie glücklich war er, daß dieser starre und abwesende Glanz ihrer Augen

verschwunden war. Immer hatte sie ihn angesehen, als wäre sie nicht bei

ihm, als sei sie in einer fernen unbekannten und fürchterlichen Welt.

Nun schien es, als ob ihr alter Blick langsam in die Augen zurückkehre.

Täglich machte Christines Genesung Fortschritte. Sie fing an, sich für

die Arbeit ringsum, die sie sonst kaum beachtet hatte, zu interessieren.

„Was macht ihr hier?“ fragte sie eines Tages ganz unvermittelt.

„Wir bauen eine Stadt mit großen Werkstätten und Fabriken,“ erwiderte

Georg, froh erregt über ihr Interesse. „Ganz allmählich wird die Stadt

entstehen. Sie soll später fünftausend Menschen beherbergen. Und auch

dort hinten, siehst du, wo die kleinen Pünktchen hin- und hereilen, auch

dort wird eine Stadt für fünftausend Menschen errichtet.“

Christine begann zuweilen hin- und herzugehen, zerstreut und

geistesabwesend; dann stand sie still und blickte in die Sonne empor. An

den Sonntagen machten sie häufig mit Georg einen kleinen Spaziergang in

den Wald hinein, der stehen geblieben war. Aber Christine wagte sich

nicht weit von der Straße.

„Nein,“ sagte sie, „kehren wir zurück.“

Eines Tages beobachtete sie Georg, ohne daß sie ihn bemerkte, wie sie

mit dem Kinde spielte. Sie kniete auf der Erde und ließ das Kind, dessen

kleinen Körper sie mit den Händen zärtlich hielt, auf der Erde tanzen

und flüsterte ihm leise und zärtliche Worte zu. Sie lächelte dazu, und

plötzlich erkannte Georg in ihrem Gesicht Christines frühere Züge

wieder. Nun wußte er, daß sie gerettet war.

Weshalb schwieg sie? Weshalb sprach sie nicht?

Er deutete über die weite Fläche, die sich bis zu dem Gewimmel von

Glücksbrücke dehnte. Sie war nun smaragdgrün geworden, und weich und

zärtlich lag die Sonne darauf.

„Sieh, wie herrlich grün es ist!“ rief Georg aus. „Vor einem halben

Jahre war hier nichts als Sand und Gebüsch.“

Weshalb aber sprach sie nicht, weshalb schwieg sie? Sie fühlte Georgs

Blick auf sich gerichtet. Sie fühlte immer die gleiche Frage in seinem

Blick.

Eines Tages sagte sie mit einem leisen Aufseufzen zu ihm: „Bald werde

ich dir alles sagen,“ und leiser fügte sie hinzu: „und dann werde ich

wohl gehen müssen.“

„Weshalb gehen?“ fragte Georg erschrocken.

„Frage nicht, ich werde sprechen, wenn die Zeit gekommen ist.“ –

Auf der Landstraße kamen zwei Lastautos angerollt. Sie waren hoch

beladen, und es sah aus, als brächten sie einen ganzen Wald. Das waren

Bäume, Obstbäume, Sträucher, Stauden für die Gärtnereien von

Glückshorst.

Die Gärtnereien und Baumschulen bildeten das Herz aller Siedlungen.

20

Das Verwaltungsgebäude der „Gesellschaft Neu-Deutschland“ in der

Lindenstraße summte wie ein Bienenstock im Hochsommer. Tausende von

Menschen strömten täglich ein und aus. In all den hundert Abteilungen

schwirrte die Arbeit, und überall sah man fröhliche, hoffnungsfrohe

Gesichter.

Schon am frühen Morgen standen die Scharen der Arbeitsuchenden vor dem

Gebäude und warteten auf das Öffnen der Tore. Die Aufnahmesäle

vermochten kaum die Massen zu fassen. Nun da der Umbau fertig war,

konnten alle Einrichtungen mustergültig genannt werden. Die Angeworbenen

passierten die Zimmer der Ärzte, die sie sorgfältig untersuchten. Ihr

Urteil bestimmte die Tätigkeit, leichtere oder schwerere Arbeit. An die

Zimmer der Ärzte stießen Badesäle mit Duschen und Desinfektionsräume, in

denen die Kleidungsstücke der Angeworbenen gereinigt wurden. Michael

Schellenberg ging gegen Schmutz und Krankheitskeime mit allen

erdenklichen Mitteln vor.

In der Nacht aber blendete von der Fassade des Gebäudes in riesigen

gleißenden Lettern der Wahlspruch der Gesellschaft:

Tod dem Hunger!

Tod der Krankheit!

Es lebe die Kameradschaft!

Jede Nacht leuchtete diese Parole in die dunkeln Straßen hinaus, wie ein

Leuchtfeuer in die Finsternis des Meeres. Tausenden und Abertausenden

von erschöpften, ermatteten, kranken und verzweifelten Menschen hatte

dieses flammende Licht den Weg zur Rettung gewiesen.

Michael Schellenberg war es ernst mit dieser Parole: in Wahrheit, es

sollte keinen Hunger mehr geben auf Erden! Es war ja unsinnig, daß auch

nur ein Mensch hungerte, setzte man alle Kräfte richtig ein. In

Wahrheit, die Krankheiten sollten bis auf den letzten Rest bekämpft

werden, wie man Pocken und Pest niederkämpfte, sie sollten, soweit es

möglich war, völlig von der Erde verschwinden! In Wahrheit, über allen

Religionen und Bekenntnissen, über allen Rassen und Nationen sollte

versöhnend und verbindend das Weltbekenntnis der Kameradschaft thronen.

In kaum drei Jahren hatte Michael diese ungeheure Organisation

geschaffen, die heute bereits ganz Deutschland umspannte und die

Aufmerksamkeit des Auslandes und der Welt erregte. Unermüdlich und ohne

Pause war er an der Arbeit gewesen, Begeisterte um sich zu scharen,

Zögernde mitzureißen, die Zersplitterten zu sammeln, die Widerstände der

Bureaukratie zu brechen, den Argwohn und die Eifersucht politischer

Parteien, steril und ohne schöpferische Kraft, zu überwinden.

Worum aber ging es?

Es war sehr einfach. Es ging darum, dem Boden soviel an Nahrung zu

entreißen, als es möglich war. Mit allen Mitteln, die Wissenschaft und

Technik boten. Es ging um die Industrialisierung der Landwirtschaft und

des Gartenbaus. Es ging darum, alle freien und alle vorübergehend freien

Arbeitsenergien des Volkes in den Boden zu werfen. Es ging darum, alle

in Zeiten industrieller Krisen brachliegenden Arbeitskräfte nach einem

großen, einheitlichen Plan produktiv zu verwenden.

Das war – in großen Umrissen – Michaels ganzer Plan, und er hatte

besonders zu Beginn seine ganze Kraft jenem Teil des Planes zugewandt,

der sich mit der produktiven Verwendung brachliegender Arbeitsenergien

beschäftigte. Es schien unsinnig, in Perioden einer industriellen

Stagnation Abertausende von Arbeitern auf die Straße zu werfen und ihnen

eine geringe Unterstützung zu bezahlen, die sie gerade vor dem

Verhungern schützte. Es schien sinnvoll und naheliegend, mit dem Aufwand

der gleichen finanziellen Mittel die brachliegenden Arbeitskräfte

schöpferisch zu verwerten. Ein Betätigungsfeld aber gab es, das ohne

Grenzen war und nicht von der Weltkonjunktur abhing: das war der Boden!

Er gab allen Arbeit – selbst jenen, die nicht mehr ihre volle Kraft

besaßen, selbst den Alternden, und selbst jenen, die noch nicht ihre

ganze Arbeitskraft erreicht hatten, der Jugend.

Jene Unsummen heute verschleuderter Arbeitsenergien zusammengefaßt und

zur inneren Kolonisation nach einem großen Plane verwandt, mußten

Wohlstand und Glück erzeugen. Es gab in Deutschland heute noch fünf

Millionen Hektar Ödland. Fruchtbar gemacht, konnte es Millionen

ernähren. Fünftausend Arbeitsstunden, richtig und systematisch

angewandt, so hatte Michael berechnet, sicherten jedem Menschen

Behausung und Garten. Es schien ihm an der Zeit, daß die Menschheit den

Kampf gegen den Hunger und gegen das Elend mit derselben Sorgfalt und

demselben Aufwand an Mitteln organisiere, wie sie den Krieg

organisierte. Ein amerikanischer Automobilfabrikant hatte das Wort

geprägt: Wenn wir arbeiten müssen, so laßt uns vernünftig arbeiten! Gut,

gut. Michael Schellenberg hatte es dahin ergänzt: Wenn wir arbeiten

müssen, so laßt uns Vernünftiges vernünftig arbeiten. Das allein

erschien ihm die Wahrheit.

Es war nicht leicht, keineswegs, es war schwer, unendlich schwer, die

Probleme waren ohne Zahl. Je näher man ihnen kam, desto ungeheuerlicher

wuchsen sie in die Höhe. Aber Michael hatte nicht eine Stunde den Mut

verloren. Ein Kreis ernster und verantwortungsbewußter Köpfe hatte sich

um ihn gesammelt. Er hatte Männer gefunden, die seine Pläne förderten.

Ein Deutschamerikaner, der Bankier Augsburger, ein alter Mann, hatte

sich so sehr für seine Gedanken begeistert, daß er ihm sein ganzes

Vermögen zur Verfügung stellte. Als erst der Anfang gemacht war,

strömten ihm begeisterte Mitarbeiter von allen Seiten zu. Hunderte von

jungen Architekten, Chemikern, Technikern, Ingenieuren, Städtebauern,

Landwirten, Gärtnern, Ärzten boten ihm ihre Mitarbeit an. Er griff

freudig zu. Er benutzte alle Organisationen, die helfen konnten. Das

Rote Kreuz, die Jugendorganisationen, alles. Er sammelte die

mannigfachen Siedlungsgesellschaften und Vereinigungen, die,

zersplittert, systemlos und ohne einen großen Gesamtplan ähnliche Ziele

verfolgten. In allen Provinzen Deutschlands hatte die Gesellschaft ihre

Niederlassungen. Und die Gesellschaft wuchs täglich!

Das deutsche Volk, ermattet durch Krieg und Revolution, brauchte ein

großes Ziel, und Michael gab ihm dieses Ziel! Er blickte nicht

zurück, er wies in die Zukunft – und schon strömten ihm die

Verantwortungsvollen, die Begeisterungsfähigen, die vom

Kameradschaftsgedanken Ergriffenen zu. Die Jugend kam mit ihren

Organisationen. Die Frauen stellten sich in seinen Dienst. Die

ungeheuere Aufgabe erforderte alle Kräfte des Volkes. Selbst die

Gefängnisse zog Michael heran. Die Häftlinge strichen Ziegel, an der

Nordsee transportierten sie Schlick, vorzüglichen Dung, auf die sandigen

Ödländereien. Michael kämpfte zur Zeit dafür – die Zeitungen hallten

wider von dem Streit –, alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen

umzuwandeln.

Die Gesellschaft Neu-Deutschland erwarb Ödländereien und verbesserte

sie. Sie bezahlte mit diesem verbesserten Land ihre Arbeitskräfte und

deckte damit ihre Verpflichtungen. Aus sich selbst heraus, aus dem Boden

heraus schuf sie neue ungeheuere Werte.

Die Gesellschaft besaß heute endlose Ländereien, Wälder, Sägewerke,

Steinbrüche, Ziegeleien, Zementwerke, Fabriken, Bagger, Frachtkähne. Sie

besaß ein Arsenal von Maschinen, die sie beliebig hin und her werfen

konnte. Plan, Methode, Ersparnis war ihr Grundprinzip.

Fiebernd vor Erregung arbeitete Michael die halben Nächte hindurch. Sein

Gesicht war hager und straff geworden. Er war glühend von seinem Werke.

Unendlich und gigantisch erschien es – und doch einfach und leicht

verständlich in seinen Elementen.

Das Problem der Großstädte, ihr Ausbau, ihre Korrektur. Die

Trabantenstädte, die sie umlagerten, ähnlich in der Struktur, die

Grüngürtel, die sich um diese Stadtschaften zogen, die Gärtnereigürtel,

die sich an ihre Peripherien drängten, die Verwertung der Abfälle dieser

Städte, heute zum großen Teil sinnlos verschwendet.

Neue Städte mußten geschaffen werden, Industriesiedlungen,

Handwerkerdörfer, Gärtnereisiedlungen. Die Dampfmaschine hatte

zentralisiert, der elektrische Strom erlaubte Auflösung. Kraftwerke,

Kanäle, Schnellbahnen, Schnellautostraßen – Arbeit für Jahrzehnte, für

ein Jahrhundert, wenn man wollte, bis das ganze Land in einen blühenden

Garten verwandelt war. Die Probleme des dünnbesiedelten Ostens, des

Rheins, des Ruhrgebietes – ja, in Wahrheit unendlich ...

Gegen dreihunderttausend Heimstätten hatte die Gesellschaft bereits

geschaffen, etwa zweihundert größere und kleinere Siedlungen aller Art

und für alle Zwecke waren im Bau. Das war nur der Anfang. Michael aber

sah dieses neue Deutschland schon vor sich, wie es in das alte

Deutschland hineinwuchs, allmählich, mit jedem Tag mehr und mehr.

Zweihundert Millionen glücklicher und gesunder Menschen würde es einst

beherbergen, würde es einst Arbeit und Nahrung und Heiterkeit des

Herzens geben.

21

Die Sonne schickte sich schon an unterzugehen, da sagte Christine, nach

langem Stillschweigen, ganz plötzlich: „Und nun will ich sprechen! Nun

will ich dir alles beichten! Aber versprich mir, mich nicht zu

unterbrechen. Und versprich mir, nichts zu erwidern, wenn du alles

gehört haben wirst. Später, später – –. Beichten will ich – Gott sei

meiner Seele gnädig ...“

Christine vergrub das Gesicht in die Hände und begann:

„Damals – als das Schreckliche geschah, als ich die Waffe gegen dich

erhob, in meiner sinnlosen Eifersucht, damals war ich gewiß nicht Herr

meiner Sinne. Ich hatte dir ja nur drohen wollen. Ich wollte dir nur

Schrecken einjagen, du solltest Furcht vor mir haben. Ich wollte die

Waffe nicht abdrücken, Gott weiß es, es ist die Wahrheit. Vielleicht

wollte ich, um dich zu ängstigen, einen Schuß in die Wand feuern. Nun,

es war geschehen. Plötzlich floß Blut aus deiner Brust – und ich

verstand nichts mehr. Du beschworst mich, zu schweigen, und nahmst die

Sache auf dich. Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr ein Mensch

wie andere Menschen, ich hatte keine Freiheit mehr, ich gehörte ganz

dir. Ich war eine Leibeigene geworden, so empfand ich es.

Ich weiß heute nicht mehr, wie ich die ersten Wochen verbrachte. Ich

weiß nur, daß ich alles ohne Bewußtsein, ganz automatisch tat. Ich stand

hinter dem Verkaufstisch, legte die Wäsche vor, sprach, ich hörte einen

fremden Menschen sprechen. Alle diese Wochen hindurch betete ich

unaufhörlich – es ist wahr, Gott weiß es –, ob ich auf der Straße ging

oder im Geschäft war oder auf meinem Zimmer, unaufhörlich betete ich,

daß Gott dich dem Leben erhalten möge. Ich schloß mich in mein Zimmer

ein, ich ging nicht aus, sah keinen Menschen, ich weiß nicht, wann ich

schlief, wann ich aß, ich lebte in einer Art von Ohnmacht.

Erst als sie mir im Krankenhaus sagten, daß nun keinerlei Gefahr mehr

bestände für dein Leben, erst dann konnte ich wieder atmen. Denn bis

dahin war mir die Brust zugeschnürt gewesen, und ich konnte nur ganz

kurze Atemzüge tun, wie jemand, den schreckliche Angst verzehrt. Nun

atmete ich wieder.

Ich hatte in den ersten Wochen nicht geweint, jetzt aber weinte ich sehr

viel. Ich weinte aus Freude, daß du gerettet warst. Und jeden Tag am

Morgen und am Abend dankte ich Gott auf den Knien, daß er mein Gebet

erhört hatte. Es ist wahr, Gott weiß es.

So war es also in den ersten Wochen und Monaten. Es war Sommer, und ich

ging viel spazieren. Ich hatte mich von allen Bekannten losgesagt, und

so kam es, daß ich immer allein war. Die Menschen plauderten und lachten

und waren fröhlich. Nach diesen langen Wochen überkam mich plötzlich das

Verlangen, unter heiteren Menschen zu sein. Dieses Verlangen war gewiß

harmlos, aber so begann es.

Im Warenhaus, in der Konfektionsabteilung, arbeitete ein junges Mädchen,

ein lebenslustiges Geschöpf, voller Übermut. Sie hieß Susanna. An

Susanna schloß ich mich an, und wir gingen zusammen in die Tanzhallen,

um zu tanzen. Ich empfand es wie Sünde, daß ich tanzte und heiter war,

während du, durch meine Schuld, im Krankenhaus lagst. Aber ich konnte

nicht widerstehen. Hier nun traf ich einen Russen. Er sagte, er sei

früher russischer Offizier gewesen und lebe heute von dem Schmuck seiner

Mutter, den er über die Grenze gebracht habe. Er erzählte interessante

Dinge, war düster und immer etwas melancholisch. Das zog mich an. Er

warb um mich, aber ich widerstand. Immer aber hörte ich seine Stimme,

wenn ich allein war. Ich sah ihn dann ganz nahe vor mir. So kämpfte ich

wochenlang. Aber mein Blut konnte nicht widerstehen. Es war oft wie eine

Raserei in mir, und so geschah es also. Ich habe dich damals noch

besucht, aber ich sank vor Scham fast in den Boden, wenn ich dir die

Hand reichte. Ich verachtete mich.

Eines Tages hatte ich mich mit dem Russen wie häufig vor dem Potsdamer

Bahnhof verabredet. Er kam nicht. Ich schrieb ihm. Keine Antwort. Ich

fragte in seinem Hause nach, in dem Hause, das er mir genannt hatte, er

hatte nie dort gewohnt. Es geschah mir recht, natürlich. Ich freute mich

über diese Züchtigung.

Aber wiederum kam sie über mich, diese Raserei des Blutes, mächtiger als

alle Vorsätze, als alle Eide, als alle Gebete. Ich zitterte auf der

Straße unter den Blicken der Männer, das Blut schoß mir augenblicklich

ins Gesicht, berührte mich jemand im Vorübergehen. Wieder ging ich

häufig mit Susanna aus. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen

Mannes, eines Schriftstellers. Er sagte, er käme nur in dieses

Tanzlokal, um Studien zu machen. Er tanzte wenig, und er tanzte nicht

gut. Aber er war so witzig und verstand es, gut zu plaudern. Er lud mich

zu sich zum Tee ein, aber was soll ich weiter erzählen – ich wurde seine

Geliebte, und ich verachtete mich nun noch mehr. Nun bist du auf dem

besten Wege, sagte ich mir, von einem gehst du zum andern.

Von dieser Zeit an habe ich dich nicht mehr besucht. Den ersten Brief,

den du in dieser Zeit schriebst, habe ich noch gelesen. Die andern habe

ich ungelesen verbrannt. Ein Geschöpf wie ich durfte nicht mehr

existieren für dich. Ich hatte mich selbst aus deinem Leben gestrichen.

Und doch liebte ich dich noch, vergiß das nicht. Ich habe mich selbst

dazu verurteilt, aus deinem Leben zu verschwinden.

Eines Tages traf ich meinen neuen Freund, den Schriftsteller, vor seinem

Hause, er kam mit einem Mädchen die Treppe herab. Er blickte mich an,

ging an mir vorüber über die Straße, er kannte mich nicht mehr! Ich

schämte mich für ihn. Aber auch diese Züchtigung tat mir wohl. Ich

verdiente es nicht anders. Sie behandeln dich so, wie du es verdienst,

sagte ich mir, und trotzdem ich litt, empfand ich es als eine große

Genugtuung.

Weiter, weiter, laß mich zu Ende kommen. Was war in mich gefahren? War

mein Blut vergiftet? Ich weiß es nicht. Die Raserei des Blutes überfiel

mich, und plötzlich kam mir der Gedanke, daß es das beste wäre, wenn ich

mich, elend und verworfen wie ich war, in den Taumel stürzen würde, um

darin umzukommen.

In diesen Tagen verlor ich meine Stellung. Ich wurde entlassen. Das

kümmerte mich wenig. Ich suchte mir einen neuen Freund. Ich fand ihn. Es

war ein Gutsbesitzer aus der Provinz. Aber er langweilte mich, ich nahm

einen andern. Es war ein schüchterner Mensch, der an mir hing und seinen

letzten Pfennig für mich opferte. Ihn betrog ich. So also lebte ich nun.

Soweit war es also mit mir gekommen. Nur im Rausche der Ausschweifungen

lebte ich noch auf, sonst war ich stumpf und verzweifelt. Nie in meinem

Leben, noch wenige Wochen vorher, hätte ich es mir auch nur in einem

bösen Traum einfallen lassen, daß ich so tief sinken könnte. Ich

verstand mich nicht mehr. Wie waren die andern Frauen? Wie sind sie? Was

beschäftigt sie? Lügen sie, heucheln sie? So wie ich log und heuchelte?

Die guten Geister, die mich bisher begleitet hatten, sie hatten mich

verlassen, und ich war verloren. Ich fühlte es damals schon, nicht mehr

lange konnte es dauern, und ich mußte umkommen.

Ich habe nicht mehr gekämpft, ich hatte dazu keine Kraft mehr. Nur den

Genuß wollte ich, die Betäubung. Einmal stieß ich plötzlich auf Jenny

Florian. Es war auf einer Untergrundbahnstation. Gott war gnädig, es war

düster hier. Sie konnte nicht sehen, wie ich aussah, sie konnte nicht

sehen, daß ich blaß wurde wie der Tod. Sie fragte nach dir, und ich

erzählte ihr, du seiest gestorben. Diese Lüge fiel mir in dieser Sekunde

ein, und ich zögerte nicht, sie auszusprechen. Es war ja jetzt

schließlich alles einerlei, und auf eine Lüge mehr oder weniger kam es

nicht an.

In dieser Zeit aber geschah das Furchtbarste. Plötzlich hatte ich

untrügliche Beweise, daß ich Mutter werden sollte. Ich nahm auch dies

als Züchtigung des Himmels hin, und ich sagte mir, daß ich nun das Ende

noch rascher herbeiführen müsse. Ich wollte das Kind nicht zur Welt

bringen, auch das gestehe ich. Dieses süße Kind, das ich nun liebe wie

nichts auf der Welt, es würde heute, wäre es nach meinem Willen

gegangen, nicht leben. Hier muß ich dir sagen, daß ich nicht annahm, daß

es dein Kind sei. Ich ging zu einem Arzte, um ihn zu bitten, mir zu

helfen. Aber er wies mich ab, er versicherte mir, daß ich schon im

vierten Monat schwanger sei. Unfaßbar, unbegreiflich! Und plötzlich

erhellte mich ein Gedanke: dann war es ja dein Kind!

Aber dieser kurzen Helligkeit folgte im nächsten Augenblick die tiefste

Finsternis. Nun war ja alles nur um so fürchterlicher, um so

schrecklicher geworden. Es gab nun keinen Ausweg mehr, es blieb mir nur

das eine übrig, mich selbst zu vernichten.

Schließlich aber kam das Kind doch zur Welt. Ich wollte es zuerst

ermorden, denn was sollte das Kind mit einer solch verworfenen Mutter?

Dann aber weinte ich über das Kind. Sollte es gehen, wie es ging. Ich

war halb von Sinnen, völlig ratlos. In dieser Zeit wandte ich mich an

Jenny Florian. Ich widerrief meine Lüge, daß du gestorben seiest. Ich

sagte ihr, daß ich mich unwürdig fühle, noch deine Freundin zu heißen.

Ich bat sie um Geld, da ich in großer Not war. Ich beschwor sie,

niemandem etwas zu sagen. Sie hielt Wort.

Kurz nach der Geburt des Kindes wurde ich krank. Ich fieberte stark. Der

Arzt sagte, meine Lunge sei angegriffen und ich müßte sofort in ein

Sanatorium. Ich lachte ihm ins Gesicht. Nun also war es soweit, nun

würde es rasch gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, wenn ich merkte,

daß es mit mir zu Ende ging, Jenny Florian dein Kind zu schicken.

Aber es ging nicht so rasch, wie ich dachte. Ich wurde nur schwächer und

immer schwächer. Meine Freunde wandten sich von mir ab und überließen

mich der Not. So wie ich es verdiente. Rasch sank ich in das tiefste

Elend. Schließlich konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich hatte auch nicht

einen Pfennig mehr. Die Wirtin verkaufte meine Kleider, das bißchen

Schmuck, das ich besaß. Nun war ich in die Hölle gekommen, wo ich

hingehörte. Der Vater stellte mir nach, der Sohn stellte mir nach. In

der Nacht lag ich schlaflos, in Schweiß gebadet. Schließlich schrieb ich

wieder an Jenny Florian, da ich völlig verzweifelt und ganz von Sinnen

war – und da kamst du!“

Nun war die Sonne vollkommen untergegangen, und es war dunkel geworden.

Furchtbar und erschreckend standen schwarze Wolkenhaufen über der Heide.

„Das also bin ich,“ schloß Christine. „Nun weißt du, wer ich bin. Sprich

nicht!“ schrie sie und hielt sich die Ohren zu. „Sprich nicht! Erwidre

nichts! Nach Worten sollst du mir antworten!“

„Wir wollen vergessen,“ sagte Georg trotz ihres Verbotes. „Wir wollen

alles vergessen, was gewesen ist. Wir wollen vorwärtsblicken und nicht

zurück.“ Er wies auf das Kind, das in Christines Schoß schlief, und zog

sie leise an sich.

Da begann Christine zu schluchzen, sie weinte und schrie laut wie ein

Tier.

22

In diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen das

Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern in Schwierigkeiten befände.

Niemand wußte, wo und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da.

Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum, der

Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken wegen größerer

Kredite verhandelte. Es war auch eine Tatsache, daß plötzlich große

Aktienpakete des Konzerns angeboten wurden. Die Papiere aller

Unternehmungen des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren

innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes.

Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera.

Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein Palais im Grunewald,

das noch nicht einmal ganz fertig war, zum Verkauf anzubieten – ein

Objekt von so enormem Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde.

Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene Jacht einer

früheren Großherzogin, nach England verkauft sei. Die Papiere des

Konzerns gaben noch weiter nach.

Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn noch nie in so

heiterer Laune gesehen.

Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo Wenzel nicht

zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein Rennen, wo man ihn nicht

gesehen hätte. Fast immer erschien er in der Gesellschaft Jenny

Florians. Ihr zarter Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt,

Geschmeide funkelte an Händen und Nacken.

Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten sie mit einem

Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es bei ihm zu krachen beginnt, so

stürzt alles in einer Nacht zusammen.“

Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht in die Augen. Was

war das? Ein unbekannter Käufer trat plötzlich an der Börse auf und

kaufte riesige Pakete der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der

nächsten Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie stiegen in

einer Woche ohne jede Stockung und kletterten schließlich über ihren

alten Kurs.

Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und schob sie mit einem

breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich, war es zu glauben, tauchte auch

Goldbaum, der lange Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im

Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als sei nichts

geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände.

Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das Wenzel selbst

eingeleitet hatte?

In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des Herrn von Kühne.

Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz hervorragendes Material. Einen

früheren bekannten Herrenreiter hohen Adels engagierte er als Trainer.

Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem Rennen. Jenny hatte

sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen. Die Jacke war gelb, die Ärmel

rotweiß gestreift. Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen

Farben mitten im jagenden Rudel gut erkennen.

Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im Traum daran dachte,

sein im Grunewald neuerbautes Palais zu verkaufen. Weshalb er aber

plötzlich alle Arbeiten eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten

den Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen zu

verhandeln und die Rechnungen abzuschließen – das wußte nur Schellenberg

allein.

Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies sich als

Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach der Wahrheit,

plötzlich nach England gefahren. Der Kapitän hatte den Auftrag, die

Jacht nach Hull zu bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In

verschiedenen Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord Beaverbrook

als Käufer der Jacht genannt werde. Nach einigen Wochen aber erhielt der

Kapitän in Hull die Order, das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern.

Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen. Weshalb

aber hatte er sie nach Hull geschickt? Und in seinem neuen Palais im

Grunewald wimmelte es wieder von Handwerkern.

Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny hinaus in den Grunewald,

um den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. War er verhindert, so

fuhr Jenny allein, denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“

ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd durch die

Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand. Die Maler und Handwerker

grüßten freundlich von den Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen

Menschen, die gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch,

sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte.

Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter Gediegenheit. Das

kostbarste Material, die teuersten Edelhölzer waren verwendet worden zu

Türen, Wandbekleidung und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren die

Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien. Zwanzig Arbeiterinnen

hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen gestickt. Marmor, Bronze,

Brokat, die Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek, in Ausmaß

und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen Gemächern standen

Möbel, Berge von Kisten. Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für

Antiquitäten, Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer,

jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell. Was Jenny am

meisten interessierte, waren die Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die

Zimmer für die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die

männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller, mit dem

letzten Raffinement ausgestattet. Und hier lag, erst halb fertig, das

Schwimmbassin des Hausherrn, fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit.

Es war von Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem Marmor zu

erreichen.

Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende Idee! „Es ist mir

etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie. „Darf ich Vorschläge machen?“

„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“

Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“ sagte sie,

„sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer Keramiken zusammenbringen, und

räumen Sie ein bißchen auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch

nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber sehen Sie zu, daß

es nicht so unordentlich aussieht.“

„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die spitze Nase in die

Luft. „Sie sollen bedient werden, Jenny.“

„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf und ein Uhr.“

Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen, Kakadus, Papageien,

Fasanen, Reiher, Flamingos. Die Tiere waren seine Spezialität. Er

brannte und glasierte seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten

Ofen, der in der Ecke stand.

Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten, die zum größten

Teil verkauft waren, zum größten Teil aber bei den Händlern standen,

zusammenzuholen.

Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an.

Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte sich linkisch

und ungeschickt und viel zu tief. Er hatte sich irgendwo einen langen

Gehrock ausgeliehen, der ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen,

und wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot vor

Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er beim Rückwärtstreten über

seine Katze stolperte. Unruhig rückten die Tiere in ihren Bauern hin und

her, und der Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer will

unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“

„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an.

„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern wünschte,“

sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen Kakadu nicht anzusehen, er

ist direkt schlecht.“

Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art, Ihre Werke zu

empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser brennt die Arbeiten selbst,“

erklärte sie.

Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser, wie ein Führer in

einem Museum, auf den verstaubten und verräucherten Brennofen in der

Ecke. „Ja, ich brenne sie selbst, hier in diesem Ofen!“

Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle Werke des

Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die Schnitzereien. Am meisten

schienen ihn aber die lebenden Tiere, Stobwassers Modelle, zu

interessieren.

„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich. „Wir sehen

uns bald wieder, Herr Stobwasser.“

Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte.

„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“ sagte er, als die

beiden gegangen waren. Und er drohte dem Papagei mit der Faust. „Und du,

wie kannst du dein dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und

noch dazu ein früherer Hauptmann.“

Er war völlig verzweifelt.

Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen, ihren Einfall vor:

Sie dachte es sich hübsch, wenn das Schwimmbassin mit Keramiken

Stobwassers geschmückt würde. Es würde lustig und reizend aussehen,

vielleicht kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine Skizze

zu machen.

„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern. Sehr gut aber gefiel

mir sein Wandleuchter. Erinnerst du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem

Architekten gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen

Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht. Wenn Stobwasser

diese Wandleuchter machen könnte? Varianten seines Entwurfes?“

Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft. Als Wenzel am

nächsten Vormittag mit Jenny eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste

voller Ton, mitten in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel,

krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war fast feindselig.

Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny nach dem Grunewald zu fahren

und sich das Schwimmbassin anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht

gekachelt. Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für den oberen

Korridor übernehmen könne, in der Art dieses Leuchters dort in der Ecke.

Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht für einen Pfennig

Aufträge.

„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er.

„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich bestelle sie hiermit

und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“

Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, stand Stobwasser

immer noch mit offenem Munde da, die spitze Nase gegen die Tür

gestreckt.

„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die Beine begannen ihm

zu zittern. Er mußte sich in den Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar

nicht fassen.

„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender Mensch,“ sagte Wenzel zu

Jenny. „Ich liebe diese einfachen Menschen, die etwas können. Sie sind

so selten bei uns.“

23

Es war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen zu sehen war,

wo seine Pferde liefen. Herr von Kühne hatte im vorigen Jahre und in

diesem Frühjahr mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber

es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in Wenzels Besitz

zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude war. Sie waren nicht mehr

krank. Sie husteten nicht mehr. Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der

Hengst ‚Kardinal‘, ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne

schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes Rennen gegen hohe

Klasse.

„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken und lachte laut

auf.

In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem Rudel und zog in

einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe Jacke blitzte in der Sonne. Die

Tribünen waren stumm vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny

klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf Wenzels Rat

hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt.

Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden Siege. „Wird

Ihnen bei all diesem Glück nicht zuweilen etwas unbehaglich,

Schellenberg?“ fragte er.

„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“ erwiderte Wenzel.

Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen, da Wenzel sie

vernachlässigte. Kaum daß er einmal anklingelte oder die Zeit fand, ihr

ein Wort oder eine Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast

sechs Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt, in

die Maschine diktiert. Und in diesem Brief war nur die Rede von einem

Kampf, den er mit einem Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im

Tiergarten gegen die Bäume rennen wollte.

In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren schien, wäre sie

am liebsten geflohen. Fliehen! Aber wohin? Sie wußte, daß sie nie

fliehen konnte, es war unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte

sie, daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten sich an Wenzel

heran, wohin er auch kam. Viele blendete sein Erfolg, sein Reichtum.

Andere bestach sein Aussehen, seine weißen Zähne, seine Kraft und seine

unverwüstliche Laune.

Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause in Dahlem saß.

Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht –, daß Wenzel zwei oder drei

Wohnungen in verschiedenen Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte.

Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons. Obwohl sie sich

die Ohren mit beiden Händen zuhielt, unterließ man es nicht, ihr alles

mögliche zuzuflüstern. Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen

daraus, ihr derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem

kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben, die täglich

ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder mit frecher Geste vortrug.

Die Musik war von einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das

kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte dieses

Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte die Sängerin nunmehr aus, und er

habe dem eifersüchtigen Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die

Frau gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie dann der

Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister, völlig rasend, habe

auf Wenzel geschossen, ohne ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit

einer Ohrfeige zu Boden geschlagen.

Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft war dieser Klatsch,

wie unverständlich! Jenny hatte den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er

aus der Schule plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in

große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und stampfte sogar

mit dem Fuße, was sie sonst nie tat. Stolpe beteuerte, aber sie wußte,

woran sie war.

Das war natürlich alles Klatsch, und doch war manches an diesem Klatsch

wahr. Ob nun diese Geschichte von der Sängerin und ihrem Freund, dem

Kapellmeister, sich tatsächlich so zugetragen hatte, das wußte Jenny

nicht. Aber diese Sängerin existierte, und ohne Zweifel hatte Wenzel

Interesse für sie! Er selbst zeigte sie ihr. Sie besuchten ein Varieté

im Westen, und plötzlich trat eine freche kleine Person auf, anzusehen

wie ein Straßenmädchen aus dem Osten. Sie sang im Berliner Dialekt mit

einer schrillen Stimme, aber mit so großer Leidenschaft, daß sie das

Publikum hinriß. Ihre Augen funkelten und drohten, während sie sang und

sich frech in den Hüften wiegte. Sie sang zuerst zwei Dirnenlieder, dann

trug sie mit rasenden Blicken und fanatisch schriller Stimme ihr

Revolutionslied vor, das mit den Worten begann: „Wartet, wenn der Tag

kommt, wartet, wenn mein Tag kommt! Dann wird meine Fahne wehn!“ Ihr Haß

und ihr Fanatismus schienen so echt, daß das Publikum, das aus reichen

Nichtstuern und reichen Damen bestand, stumm und erschrocken dasaß.

„Wie gefällt sie dir?“ fragte Wenzel und forschte mit dem Blick in ihren

Augen.

Jenny erbleichte und erwiderte nichts. Sie haßte diese Frau. Sie

schüttelte die kleine Faust, als sie allein war, und Tränen der Wut

stürzten in großen Tropfen aus ihren Augen. Oh, wie sie diese Person

haßte! Sie nannte sich geschmackvoll Fritzi Frettchen!

In den letzten Wochen, es war heißer Sommer geworden, gefiel ihr Wenzels

Aussehen nicht mehr. Sein braunes Gesicht schien plötzlich etwas fahler

geworden zu sein. Seine Augenlider schienen wie mit grauem Puder

bedeckt. Er selbst gab zu, daß er sich zurzeit in einer „höllischen

Fahrt“ befände, bald aber werde er „die Geschwindigkeit vermindern“. Er

trank in diesen Wochen Sekt, immer Sekt. Seine Hände zitterten.

„Schenke mir dieses Glas,“ bat Jenny zärtlich und legte die Hand um

seinen Hals.

„Dein Wille geschehe!“ sagte er. „Aber es schadet mir ja nichts,

beunruhige dich nicht. Es ist eine Periode, sie wird vergehen. Ich bin

überarbeitet und schlafe zu wenig. In der vergangenen Woche habe ich im

ganzen – laß sehen –, im ganzen dreißig Stunden geschlafen. Eine Nacht

gar nicht. Es gibt Leute, die für Geld wachen. Schade, daß es nicht

Leute gibt, die für Geld schlafen. Ich wäre ein guter Kunde. Die Welt

ist noch recht unvollkommen. Habe noch etwas Geduld mit mir! Warte nur,

bis der erste August kommt, dann gehen wir an das Meer.“

Käme doch dieser erste August bald! Endlich wurden die Vorbereitungen

für die Sommerreise getroffen. Man wollte drei Wochen mit der Jacht auf

der Ostsee segeln. Wenzel wollte nur Stolpe und Mackentin mitnehmen und

Stobwasser einladen.

„Und dann habe ich noch diese Fritzi Frettchen eingeladen, du erinnerst

dich, diese kleine freche Person. Sie soll uns vorsingen.“

Jenny blickte zu Boden. Ihre Wimpern zitterten. Sie sagte leise: „Dann

bleibe ich zu Hause.“

„Wenn du ein Ultimatum stellst,“ sagte Wenzel lachend, „dann werde ich

diese Fritzi Frettchen wieder ausladen. Sie wird es verwinden.“

Mackentin wollte seine Frau mitbringen, eine geborene Baronin

Biberstein, eine stille, etwas korpulente Dame, die Jenny bemutterte.

Dagegen hatte Jenny nichts einzuwenden. Sie lachte in sich hinein. Diese

Frau Mackentin war ganz ungefährlich.

Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. Goldbaum erkrankte,

und Wenzel konnte nicht reisen, bevor Goldbaum die Geschäfte übernahm.

Dieser fürchterliche fette Goldbaum, der von früh bis nachts Speisen in

sich hineinschlang. Gewiß hatte er sich den Magen verdorben. Mitte

August endlich fuhren sie ab. Stolpe war am Tage vorher mit dem Gepäck

vorausgefahren. Am nächsten Morgen rasten sie mit dem hundertpferdigen

Wagen nach Warnemünde, wo die Jacht lag.

Stobwasser, der neben dem Chauffeur saß, liefen die Tränen aus den Augen

bei der scharfen Fahrt, und wenn er das Gesicht zur Seite drehte, so bog

der Wind seine lange Nase um. Die Luft heulte und schrie.

Wenzel machte es ein knabenhaftes Vergnügen, in diesem Höllentempo

dahinzujagen. Jenny aber war froh, als sie wohlbehalten in Warnemünde

eintrafen.

24

Da lag die Jacht „Kleopatra“, dunkelblau gestrichen, glatt wie Seide.

Zehn Matrosen standen in Reih und Glied an Bord, und der Kapitän

begrüßte sie. Jenny klopfte das Herz, als sie das Schiff betrat. Sie

hatte es sich nicht so groß vorgestellt. Alles war blitzblank und

wunderbar, und der Mast, welch eine Höhe! Ein kleiner Dampfer schleppte

sie an der Mole und am Leuchtturm vorbei hinaus ins Meer. Es wehte nur

eine leichte Brise, der Tag war herrlich. Die Segel stiegen in die Höhe,

der kleine Schlepper warf los, und es ging dahin. Schon aber ertönte das

Gong, und der Steward bat zu Tisch. Die Tafel war herrlich geschmückt,

Blumen, kostbares altes Silber.

„Ein wahres Glück, daß diese Großherzogin ihr Silber nicht im Krieg

abgeliefert hat, wie es der Patriotismus vorschrieb!“ rief Wenzel

lachend auf. „Sonst würden wir heute nicht dieses schöne Silber hier

haben!“

Zauberhaft schön erschienen Jenny diese Tage. Sie glitten dahin, wie das

Schiff durch die See glitt. Tag ging in Nacht über und Nacht in Tag.

Unwirklich und unirdisch erschienen sie wie der Dunst auf dem Meere und

die hellen Nächte unter dem Sternenhimmel.

Sie fuhren, und die Leuchtfeuer blitzten am Horizont.

„Was ist das für ein Feuer, Wenzel?“

„Das ist das Feuerschiff Gjedser, Jenny. Das ist Langeland, Kiels Nor.“

Einmal lagen sie am späten Abend in einer völligen Windstille in der

Nähe einer dänischen Insel. Das Meer floß wie geschmolzenes Blei dahin.

Am Horizont stand violetter Dunst, fast wie fernes Land sah es aus. Kein

Lüftchen regte sich. Die Nacht kam, sie gingen vor Anker. Deutlich hörte

man die Stimmen von der Insel herüber zur Jacht klingen, den Laut einer

Glocke.

„Was ist das, Wenzel?“

„Das ist Vieh, das auf der Weide ist.“

„Aber horch, nun kommen sie gerudert.“

In der Tat schien es, als höre man Ruder knarren. Sie spähten hinaus in

die Dunkelheit, allein nichts war zu sehen. Die ohne jede Bewegung

ruhende See verstärkte zehnfach jeden Laut, wie eine empfindliche

Membrane. Nun schien ein blendender Berggipfel, unheimlich gezackt, am

Horizont aufzutauchen. Ein Eisberg, der im Lichte glänzte. Aber es war

der Mond, der groß und feierlich emporstieg. Wenn Jenny zum Firmament

emporblickte, so erschauerte sie, es schien ihr, als seien Tausende

lichter Augen überirdischer Wesen auf sie gerichtet.

„Ich bin glücklich,“ sagte sie und schmiegte sich an Wenzel.

„Es ist schön,“ entgegnete Wenzel. In ihrer Nähe, in der Stille des

Meeres fand er wieder jene Schlichtheit des großen Knaben, die sie an

ihm so sehr liebte – wie damals in Hellbronnen. „Die reichen Leute sind

alle Heuchler!“ fuhr Wenzel fort. „Sie sagen nicht: Geld gibt Freude,

Gesundheit, Genuß. O nein, sie sagen: Das Schönste auf der Erde ist

Arbeit, Pflichterfüllung. Nun, ich lüge nicht! Ich liebe dieses Leben!

Und all das ist gekommen, weil ein alter Mann glaubte, mich als Automat

behandeln zu dürfen, weil er mich bezahlte. Weil ein alter Mann mich

rügte, als ich zehn Minuten zu spät kam. Das ist meine Rache!“

Gegen Morgen hörte Jenny das Schiff knarren und das Wasser gegen die

Schiffswände klatschen. Die „Kleopatra“ war wieder unterwegs.

Das Wetter war fast immer schön. Nur einmal kamen sie in ein furchtbares

Gewitter, das Jenny ihr ganzes Leben lang nicht vergessen würde. Eine

mächtige, schiefergraue Wetterwand stand senkrecht über dem Meer,

zerrissen von einem rasend zuckenden Netz von Feuer. Der Donner dröhnte

wie eine ferne Schlacht. In diese graue, von Blitzen zerfetzte

Wetterwand glitt die „Kleopatra“ langsam hinein, einem kleinen

Fischereihafen entgegen. Auf dem Lande brannte ein Gehöft, das der Blitz

entzündet hatte.

Wenzel saß auf der Reling und starrte aufmerksam und gespannt in das

Netz der Blitze. Sein Kopf war vorgebeugt, seine Augen glänzten, und

sein Mund war halb geöffnet, alles an ihm war Spannung und geballte

Kraft. Es sah aus, als bereite er sich stumm auf den Kampf mit dem

Gegner vor.

Jenny war in Schweiß gebadet. Sie zitterte vor Hitze, Erregung und

Angst.

„Weshalb fahren wir in das Gewitter hinein?“ fragte sie. „Ich ängstige

mich.“

Wenzel lachte. „Es hat noch nie ein Blitz in ein Schiff eingeschlagen

oder nur selten. Sonst würde auch ich Angst haben und umkehren.“

„Weshalb schlägt der Blitz nicht in ein Schiff ein?“

„Frage die Gelehrten. Sie werden dir ein Märchen erzählen.“

Jenny sagte etwas, aber der Donner nahm ihre Stimme fort.

Wieder starrte Wenzel in das Netz von Blitzen, die Stirn gerunzelt, zum

Angriff bereit.

„Was denkst du, Wenzel?“ fragte Jenny. Es regnete vereinzelt große

Tropfen, die wie harte Taler auf das Deck prasselten.

„Es ist schade,“ erwiderte Wenzel und ballte die Fäuste „Es ist schade,

daß man nicht ewig leben kann! Alles besitzen – und ewig leben! Kraft,

Gesundheit! Und dich!“

Er hob Jenny auf den Arm und trug sie über das Deck hinunter in die

Kajüte. Sie zitterte.

„Wir wollen die Götter versuchen! Wir wollen sehen, ob sie Kavaliere

sind!“

25

So kreuzten sie Tag für Tag. Zuweilen blieben sie einige Tage bei einem

Seebad liegen. Farbig der Strand, ein Gewimmel von Flaggen. Gäste kamen

an Bord, und es ging laut her bis spät in die Nacht. Jenny war froh,

wenn sie die Küste mieden.

Jeden Morgen und Abend badeten sie im Meer, wenn die See es erlaubte.

Das Schiff lag bei. Eine der Jollen wurde herabgelassen, und sie

schwammen um die Jacht herum.

Besonders Stobwasser entpuppte sich als ein großer Schwimmer. Sonst sah

man ihn, von den Mahlzeiten abgesehen, nur selten. Immer schlief er,

irgendwo zusammengerollt wie ein Igel. Seit er, zusammen mit Weidenbach,

in der kleinen thüringischen Stadt die Kegel aufgesetzt hatte, genoß er

auf dieser Reise die ersten Tage des Ausruhens, der Erholung und

Sorglosigkeit.

„Kleopatra“ ging nach Kopenhagen, nach Schweden. Sie lief bestimmte

Häfen an, um die Post abzuholen. Dann kehrte sie wieder nach Warnemünde

zurück. Goldbaum wurde erwartet und Michael Schellenberg mit seiner

Freundin Eva Dux. Sie sollten drei Tage an Bord bleiben.

Jenny freute sich. Sie hatte eine aufrichtige Zuneigung zu Michael

gefaßt. Eva Dux kannte sie noch nicht.

Als die Jacht anlegte, standen die drei bereits am Kai. Der dicke

Goldbaum kletterte mühsam die Treppe empor und betrachtete argwöhnisch

das Schiff. Er mißtraute dem Meer. „Man ist zu sehr in Gottes Hand,“

pflegte er zu sagen.

Eva Dux war eine schmale, zierliche junge Dame, knabenhaft, mit einem

sehr schlichten, offenen Gesicht und großen dunkelblauen Augen. Sie war

sehr scheu und bekannt für ihre Schweigsamkeit. Sie war Michaels erste

Sekretärin und genoß den Ruf, ebenso unermüdlich arbeiten zu können wie

Michael selbst.

„Wie gefällt Ihnen das Meer?“ fragte Jenny, als die Jacht wieder die

offene See gewonnen hatte und das Land versank.

Die Brüder Schellenberg · 第 13 / 20 题