In der Tat, sie sprach wenig, und es war ganz unmöglich, mit ihr in ein
Gespräch zu kommen, was man auch versuchen mochte. Jenny legte ihr, als
es kühler wurde, zärtlich ein Tuch um die Schultern.
Eva wich leicht mit der Schulter zurück und sah sie mit einem langen und
erstaunten, dankbaren Blick an. Sie bewegte die Lippen, aber sie sagte
nichts.
Von diesem Moment an aber fühlte Jenny, daß sie Freundinnen geworden
waren.
Am Abend ging es an Bord lauter zu als gewöhnlich. Die Herren besprachen
Geschäfte. Michael war nach Warnemünde gekommen, um seinen Bruder in
Ruhe sprechen zu können, denn er wußte, daß es in Berlin ganz unmöglich
war. Er wollte ihn für ein großes Projekt interessieren, für eine
Industriesiedlung größten Ausmaßes, die zurzeit am Mittelland-Kanal
vermessen wurde. Wenzel wich aus, aber er versprach, sich die Sache zu
überlegen.
Nach Tisch lag man in den Stühlen auf Deck. Der Abend war gekommen, und
die erlöschende Lohe des Sonnenunterganges brannte braun und gewaltig
wie der Rauch eines Vulkans. Die Jacht arbeitete mit leisem Knarren. Das
Bugwasser zischte gleichmäßig. Dieses leise Knarren und gleichmäßige
Zischen schläferte fast alle ein. Man sprach leise, oder man schwieg.
Stobwasser war schon tief eingeschlafen.
Nur Mackentin konnte sich noch nicht beruhigen. Er war mit Michael in
ein Gespräch geraten, das gedämpft, aber mit großer Leidenschaftlichkeit
geführt wurde. Jenny hörte nur dann und wann Bruchstücke des Disputs.
„Gestatten Sie mir,“ sagte Mackentin sehr höflich, mit leicht näselnder
Stimme, „Sie werden doch zugeben, daß wir Getreide billiger importieren
können, als wir es selbst zu produzieren vermögen?“
„Zurzeit gewiß,“ entgegnete Michael. „Wir werden unsere Methoden
verbessern, um konkurrenzfähig zu werden. Ich leugne nicht, daß es heute
wirtschaftlicher ist, Nähmaschinen zu exportieren und für den Erlös
Getreide einzuführen. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie Ihre Nähmaschinen
verkaufen können.“
„Aber das kann ich doch jederzeit?“
„Nein, das können Sie nicht. Sonst ständen diese Probleme gar nicht zur
Diskussion.“
Pause.
Mackentin überlegte offenbar. Dann fuhr er fort: „Nehmen wir an, daß es
Ihnen tatsächlich möglich sein wird, mit Hilfe einer ungeahnten
Bodenverbesserung und völlig neuer Methoden die Produktion so zu
steigern, daß Sie mehr Getreide produzieren, als Deutschland benötigt,
was dann?“
„Dann würde ich das überschüssige Getreide Futterzwecken zuführen und
zum Beispiel die Geflügelzucht um ein bedeutendes heben, sodaß
Deutschland keine Eier mehr einzuführen braucht.“
„Gut, gut,“ fuhr Mackentin mit etwas erregter Stimme fort. „Gestatten
Sie weiter. Nehmen wir an, Sie produzieren noch mehr Getreide und
Nahrungsmittel, mehr als Sie verwenden können.“ Mackentin gab sich noch
immer nicht geschlagen.
„Das wird kaum eintreten, aber nehmen wir es an. Dann würde ich einen
Teil des Bodens zur Anpflanzung von Hanf, Flachs und Ölfrüchten
verwenden.“
„Gut, gut, gestatten Sie weiter. Sie wollen, wenn ich Sie recht
verstand, gegen drei Millionen Pferde in Deutschland durch Motorkraft
ersetzen. Ist das Ihr Programm? Und wenn das Ihre Absicht ist, werden
Sie das Geld haben, um die großen Mengen von Benzin zu importieren, die
für den Betrieb der Maschinen notwendig sind?“
„Gewiß ist dies mein Programm. Diese drei Millionen Pferde, die nur
einige Monate im Jahr arbeiten, fressen Deutschland arm. Sie sind der
unerhörteste Luxus, die unerhörteste Verschwendung, die vorstellbar ist.
Anstatt des Hafers werde ich Kartoffeln pflanzen und den Betriebsstoff
für die Motore in meinen Brennereien herstellen, wenn es sein muß. Im
übrigen werde ich ja ganz andere Kraftquellen verwenden. Der Wind und
das Wasser werden billige Kraft liefern!“
„Dann gestatten Sie eine weitere Frage,“ fuhr Mackentin fort. „Sie
beliebten zu sagen –“
Aber Wenzel unterbrach ihn. Er lachte laut heraus und sagte, während er
aufstand: „Strecken Sie die Waffen, Mackentin, Sie werden mit ihm nie in
Ihrem Leben fertig.“
Michael ging mit Jenny auf dem Verdeck auf und ab. Er schob seine Hand
unter ihren Arm und sagte: „Ich freue mich, Fräulein Florian, daß Sie
Wenzel betreuen. Sie üben einen günstigen Einfluß auf ihn aus. Er
braucht jemanden, der sein unstetes Wesen ausgleicht. Seien Sie
nachsichtig zu ihm! In Wahrheit ist er ja nichts als ein großer Knabe.“
Und Wenzel sagte zu Jenny: „Wie gefällt dir Michael? Er ist einer der
reizendsten und sympathischsten Menschen, die es gibt. Wäre ich eine
Frau, so würde ich mich tödlich in ihn verlieben! Seine Güte ist ohne
alle Grenzen, aber er ist ein Kind. Unter uns gesagt, ich halte ihn für
einen Narren. Ich befürchte, er wird schlechte Erfahrungen machen. Schon
jetzt greift ihn die Presse heftig an.“
Rätselhaft war Eva, die Schweigsame. Sie schien ganz in sich zu ruhen,
ganz Harmonie, sie schien, in sich gesammelt, sich selbst zu genügen.
Fast wie ein edles, scheues Tier stand sie, atmete, lauschte, den klaren
Blick in die Weite gerichtet. Jenny verliebte sich in sie und küßte sie
zum Abschied auf den Mund. Schön, voller Dankbarkeit und Freude war Evas
glänzendes Auge auf sie gerichtet.
Jenny vergaß diesen schimmernden Blick nie mehr. „Zum ersten Male habe
ich mich in eine Frau verliebt,“ sagte sie lächelnd zu Wenzel.
Oh, wie herrlich waren diese Tage auf der See! Jenny war glücklich und
ohne Wunsch. Schon aber bemerkte sie Unruhe in Wenzels Gesicht.