Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“

Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen.

„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du hast an Schellenberg

einen anonymen Brief geschrieben, worin du ihn vor einem gewissen Herrn

K. warnst. Von wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du

machst dich nur lächerlich!“

In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie zitterte am ganzen

Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu machen. Vielleicht steht er unten,

sagte sie sich, und wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet

nicht, bis das Licht erlischt.

13

Die großen Holzscheite flammten und krachten im Kamin. Der Schein des

Feuers blendete, und gespenstische Schatten zuckten durch den

halbdunkeln Raum.

Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny Florian! Sie wissen,

daß ich alle Phrasen und übertriebenen Worte hasse. Ich habe mir eines

Tages vorgenommen, immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu

schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was ich Ihnen sage. Sie

sind schön, und Sie wissen es. Aber Sie tun nicht, wie andere schöne

Frauen, als ob es Ihr persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus

diesem Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre Schönheit wie

etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie sind klug, aber Sie vermeiden es,

geistreich erscheinen zu wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten

sich gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks wie von der

Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf Frauen zusammen, und doch

sprechen Sie nie mit einer Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle

Leute, die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“

Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen blendeten wie die

eines Tieres, in die ein Lichtschein fällt. Auf ihren Wangen und Lippen

und Zähnen sprühten Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht

Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so selten, auch wenn sie

allein waren. In Gegenwart seiner Bekannten und Freunde aber verbarg er

sich hinter einem burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute.

Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die Knie angezogen. Sie

saß dicht am Feuer, das verwegen nach ihr züngelte. Heute mittag waren

sie in dem kleinen Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit

sollte drei Tage dauern.

„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte Jenny. Wenn sie

sprach, funkelten alle Vokale. Ihre Stimme war keusch, als schäme sie

sich zu sprechen. Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein

Freund, ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher in Ihrer

Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine Frau? Sie sind viel zarter,

als Sie ahnen lassen. Weshalb geben Sie sich oft so unempfindlich?“

Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten Kaminwände

kletterten eilige Funken.

Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam den Kopf

schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast hätten Sie mich verführt, etwas

zu glauben, nur weil es angenehm ist, sich für besser zu halten, als man

ist. Nein, Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle sind

verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem bestimmten Alter und in

gewissen Lebensverhältnissen vergehen. In Ihrer Nähe, so scheint es mir

allerdings, erwacht manche Empfindung wieder, die ich lange nicht mehr

kannte. Lieben Sie Gedichte?“

Jenny sah erstaunt auf.

Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr? Ich würde es auch

nicht wagen, sie in Berlin zu stellen. In meiner Jugend habe ich viele

Gedichte gelesen, aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist

schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den halben Faust

auswendig, er behält alles spielend. Und Sie, Jenny Florian? Sie müssen

doch den ganzen Kopf vollgestopft haben mit solchen Dingen.“

Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis.

„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf? Könnten Sie ein

Gedicht sprechen, irgendeinen Vers? Ich möchte hören, wie Ihre Stimme

dabei klingt.“

Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur sie aufgerufen. Sie

dachte kurz nach, dann faltete sie die Hände, indem sie die Spitzen der

Finger gegeneinander legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz

monotoner, inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb geschlossen:

„O gib, vom weichen Pfühle

Träumend, ein halb Gehör!

Bei meinem Saitenspiele

Schlafe! Was willst du mehr?“

Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ sie die Hände

sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus tiefem Schlaf aufgewacht.

„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen. Diesen Vers hatte

ich vergessen. Aber, wie kamen wir eigentlich auf dieses merkwürdige und

unzeitgemäße Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir ein.

Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich behalten habe. Auch

das ist nicht ganz richtig. Ich habe nur einen Vers davon behalten, und

selbst ihn könnte ich vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses

Gedicht ist für mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache

gibt. Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter auf

dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste und wahrste ist.

Es ist Heines ‚Du bist wie eine Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich

dies sage? Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch darf

dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht fortfahren. Aber, um

zur Hauptsache zu kommen. Ein ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine

in seinem Gedicht ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe ich

oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen Sie mir, ich schäme

mich jetzt schon dieser Trivialität.“

Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel tiefer und

schwieg.

Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht! Zwei Dinge hasse ich

mehr als alles auf der Welt, Hysterie und Sentimentalität. Die

hysterischen Menschen – es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als

Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen – nun sagen wir,

ertränken.“

Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“ rief sie aus;

aber doch war ein versteckter Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure

Verachtung klang aus Wenzels Stimme.

„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose Fäuste, die

zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind der Luxus einer reichen

Epoche, einer Epoche ohne Schulden. Ich spreche ganz offen. Ich möchte

nicht in den Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen zu

haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ein Gedicht zu

sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes. Ich möchte auch nicht in

den Verdacht kommen, Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen,

daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen Sie diesen

banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘ mir – aber das ist noch lange nicht

Liebe. Vielleicht bin ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem

Leben nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale

Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben kann. Ich weiß nicht, ob

ich einen anderen Menschen lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht

einmal, ob es überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben als

sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker vorliegt – bei den

Dichtern. Denn Liebe ist ja keine Wissenschaft und kann nicht chemisch

analysiert werden. Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny

Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen, die ich kenne.

Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, was man Sympathie nennt?“

Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es wird mehr werden,“

fügte sie noch leiser hinzu.

„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir Freunde werden. Aber da

ich es nicht liebe, einen Menschen zu täuschen, so will ich dir meine

Bedingungen nicht verschweigen.“

Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die Augen Jennys unter

ihm. Er mußte an Bäche denken, die er als Knabe gesehen hatte. Auf

Klein-Lücke gab es einen solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später

nie mehr diese Klarheit des Wassers?

Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für mich, denn ich

brauche die Freiheit. Ich kann in einer anderen Luft nicht leben, so bin

ich. Aber ich gewähre dir, hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich

weiß, daß es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau

sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht kannten, die in

ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei Frauen besaßen. Es sind

Lügner. Ich gehöre nicht zu jener Klasse modern denkender Männer. Ich

bin ein ganz altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und

keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu lassen. Dabei

bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß – aber nicht mehr, mehr

dulde ich nicht. So also lauten meine Bedingungen, Jenny. Nun sollst du

mir antworten.“

Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme alles an, Wenzel. Ich

kapituliere.“

„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde, daß es falsch ist,

diese Dinge, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, so furchtbar ernst

zu nehmen. Ich finde, der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß

aus dem Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen alle

bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß wie möglich zu gönnen.“

Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie. Aber schon fuhr

Wenzel fort: „Was also würdest du tun, Jenny Florian, wenn du mich

liebtest – zuviel gesagt –, wenn ich dir sympathisch wäre?“

Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage, was würde ich nicht

tun?“

So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte.

Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht bekommen.

Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie pfiff wie ein

Vögelchen. Immer schien die Sonne zu scheinen, auch wenn es regnete.

Wenn die Sonne aber schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen,

sonst so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen, ihr

Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich nur reizende,

liebenswürdige Menschen, die sie mit Freundlichkeiten überhäuften. Jenny

selbst war hilfreich, gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein

Diamant funkelt, in den das Licht fällt.

Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem. Er zeigte ihr die Villa,

die er hatte bauen lassen und die ihm zu klein geworden war, während er

baute. Er nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend, die

„Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten fertig, war in einem

modernen Barock erbaut von Kaufherr, dem begabtesten Architekten

Berlins. Maler und Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es

roch nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen Zimmern

waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort standen schon Möbel. In

einigen Wochen konnte die Villa bezogen werden. Das Badezimmer aus

rosigem Marmor entzückte Jenny.

„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel.

Jenny war begeistert. Sie hatte so etwas Herrliches nie gesehen.

„Nun, ich will sie dir schenken. Hier soll Jenny Florian wohnen.“

Jenny schrie auf. Aber schon hob sie abwehrend die Hände. „Nicht

schenken, Wenzel!“ rief sie. „Nein, nicht schenken!“ Sie wurde plötzlich

nachdenklich.

„Nun, dann wohne hier, solange es dir gefällt. Das Haus wird fertig

sein, bis du aus Italien zurückkommst.“

In den nächsten Tagen reiste Jenny mit der Filmgesellschaft nach dem

Süden. Der Zug fuhr vorwärts, aber sie fuhr in Gedanken schon wieder

zurück. Bei jedem besonderen Gehöft, bei jedem besonders aussehenden

Baume sagte sie sich: Wenn ich euch erst wiedersehen werde! Sie war

unglücklich. Aber – so sagte sie sich resigniert – es ist dein Beruf.

14

Der Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß vom Schnee, aber schon

war ein lauer Hauch des Frühlings in ihm. Ein heftiger Südweststurm

brauste seit einigen Tagen dahin.

Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am Horizont

verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten von Glückshorst

erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure Fläche, nur unterbrochen

von einem windgeschüttelten Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont

hatte. Er sollte später ein „Park“ werden.

Die Maschinen waren gekommen und hatten den Boden von Glückshorst, wo

früher der Wald stand, aufgerissen, zermalmt, umgegraben und gewalzt.

Tag für Tag zogen große Traktoren und Motorwalzen auf den

neugeschaffenen Straßen langsam hin und her. Auf dem Kanal waren

Frachtkähne angekommen, die Schottersteine und Schlacke brachten. Auf

diesen Straßen waren Scharen von Arbeitern beschäftigt. Am Kanal unten

entluden andere Gruppen die Kähne. Feldbahnengeleise zogen kreuz und

quer über das Gelände.

Lehmann kam in diesen Wochen kaum aus den Stiefeln. Ein Glück nur, daß

die Tage länger wurden. Er erhielt Schreiben über Schreiben aus Berlin,

Ingenieure kamen, das Telephon klingelte von früh bis nachts. Es war zum

Verrücktwerden. Natürlich drängten sie. Zuerst hatten sie ihn gelobt,

nun stellte es sich heraus, daß er eine ganze Woche zurück war. Lehmann

schrie und wetterte, und trotzdem er nur einen Arm hatte, hatte er sich

ein Fahrrad zugelegt. Auf diesem Fahrrad fuhr er den ganzen Tag hin und

her. Es ging ihm nicht mehr rasch genug.

Von dem großen Arbeitertrupp abgesondert, arbeitete ein kleines Häufchen

Männer, das Georg Weidenbach befehligte. Der General mit seinem langen

Bart war in dieser Gruppe und der krummbeinige Schlosser, der vorgab,

seinerzeit bei Wenzel Schellenbergs großem Neubau gearbeitet zu haben.

Sie schleppten Meßstangen und Meßbänder, visierten, maßen und schlugen

Pflöcke ein. Georg trug einen zerknitterten, zerweichten und

beschmutzten Plan unter dem Arm. Er hatte den Auftrag erhalten,

Glückshorst zu vermessen.

„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ schrie ihm Lehmann durch den

Sturmwind zu. „Diese Burschen in Berlin glauben, wir können hexen! In

drei Tagen sollen die Kähne mit dem Baumaterial kommen! Was sagen Sie

dazu. Es ist einfach verrückt!“

An diesem Abend blies der Wind so heftig, daß die freiwilligen

Postfahrer, diese Kolonne frischer Jungen, kaum auf ihren Rädern

vorwärtskamen. Von dieser Gruppe der Radfahrer löste sich einer los und

erkämpfte sich durch den Sturm den Weg bis zu Weidenbach. Er überbrachte

Georg einen Brief.

Ein Brief! Noch immer zitterte Georg, wenn er einen Brief erhielt.

Er klemmte den Plan unter den Arm und musterte im sinkenden Tageslicht

die Aufschrift: es war ein Brief von Stobwasser. Es war schon so düster,

daß Georg kaum mehr imstande war, den Brief zu lesen. Aber eines

verstand er doch sofort: der Brief enthielt eine Angabe über Christines

Aufenthalt! Georg erbleichte. Er war so erregt, daß er gute zehn

Schritte zur Seite trat. In dem Briefe war die Rede davon, daß Christine

sich an Jenny Florian mit einer Bitte gewandt hatte. Jenny Florian,

unterrichtet von Stobwasser, hatte dem Bildhauer augenblicklich

Mitteilung gemacht. Berlin, im Norden, irgendwo da draußen, die Spur war

also gefunden! Dann folgten lange Betrachtungen über das wirtschaftliche

Elend der jungen Künstler in Berlin. Georg las nicht weiter.

Ohne ein Wort zu sagen, verließ er seine Arbeitsgruppe und begab sich

raschen Schrittes zu den Baracken, zuletzt lief er. In Lehmanns Bureau

war Licht. Außer Atem, bleich und in größter Erregung, trat Georg ein

und bat um einen sofortigen Urlaub von zwei Tagen. Noch heute abend

wollte er nach Berlin.

„Aber zum Teufel mit Ihnen!“ schrie Lehmann. „Sind Sie toll geworden?

Gerade jetzt?“ Plötzlich aber hielt er inne. Sein Blick war auf Georgs

Gesicht gefallen. „Aber was ist mit Ihnen?“ fragte er voller Teilnahme.

„Wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! Was ist passiert?“

„Es hat sich nichts Unglückliches ereignet,“ sagte Weidenbach, und das

Blut kehrte langsam in sein Gesicht zurück. „Im Gegenteil, etwas

Glückliches oder vielleicht etwas Glückliches, es ist noch nicht ganz

sicher.“

„Um so besser,“ erwiderte Lehmann. „Natürlich, wenn es sein muß, müssen

Sie fahren, das sehe ich ein, so fatal es ist. Sie wollen also zwei Tage

Urlaub haben. Vielleicht können Sie es früher schaffen? Ich werde

unterdessen Ihre Arbeit mit übernehmen. Kommen Sie in einer Stunde zu

mir, zu einer längeren Besprechung. Daß Sie heute abend noch gehen, hat

ja keinen Sinn.“

Aus den Fenstern der Tischlerei strömte helles Licht. Unter eines dieser

Fenster stellte sich Georg, um Stobwassers Brief nochmals und aufmerksam

zu lesen. Ohne Zweifel, er hatte recht gelesen, Christines Spur war

gefunden, nicht ihre Adresse, aber doch wenigstens eine Spur! Und

endlich fand Georg auch die Sammlung, den Brief Stobwassers zu Ende zu

lesen.

„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du eine Beschäftigung

hast. Vielleicht komme ich auch bald zu dir hinaus. Uns allen hier, die

wir die Fahne der Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache

Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem Preise! Katschinsky

hat sich in den Film gerettet und scheint eine Zukunft vor sich zu

haben. Allen andern aber geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von

bekannten Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um den

andern verkauften und verpfändeten, um das nackte Leben zu fristen. Eine

junge Geigerin, Meisterschülerin eines berühmten Virtuosen, spielte

jeden Abend für zwei Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer

zeichnete für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern. Die guten

Theater brechen zusammen, die Filme und Revuen triumphieren. „Was soll

werden?“ rief Stobwasser aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um

uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst in diesem Lande

zugrunde gehen –?“

15

Im Morgengrauen ging Georg zur Station, und kurz nach Mittag sprang er,

in äußerster Erregung, aus dem Zug, um sich augenblicklich nach dem

Norden der Stadt zu begeben. Die kleine Kutscherkneipe, die Christine in

ihrem Briefe angegeben hatte, war ohne Mühe zu finden. Hier sollte der

Bote Jennys sich an ein Fräulein Pauline wenden und sagen, er käme von

Fräulein Florian.

Fräulein Pauline war ein üppiges, schlechtgelauntes Mädchen, das, die

Haare noch ungeordnet, mit schmutzigen Händen hinter dem Schenktisch

Gläser spülte. Sie gähnte und betrachtete Georg voller Argwohn, obschon

er sich Mühe gab, eine gleichgültige, uninteressierte Miene zu zeigen.

„Also Sie kommen von Fräulein Florian?“ fragte Pauline wiederum gähnend.

Und nach einigen argwöhnischen Blicken fügte sie hinzu: „Nun,

hoffentlich bringen Sie ihr etwas Gutes, sie kann es brauchen. Die Alte

hat ihr schon die Schuhe weggenommen, so verschuldet ist sie. Gehen Sie

Nummer dreiundzwanzig, im Seitenflügel drei Treppen, Agent Lederer.“

Das also war Christines Adresse! Georg taumelte die Straße entlang, und

bei Nummer dreiundzwanzig blieb er stehen. Wie oft, hundertmal hatte er

dieses Haus in seinen Träumen gesehen! Aber es sah noch erschreckender,

bedrückender aus, als seine Visionen es ihm zeigten.

Ein schmutziger Torweg, rechts eine übelriechende Roßschlächterei, links

ein leerer, verstaubter Laden mit zerbrochenen Scheiben. Der Torweg

wimmelte von krank aussehenden Kindern mit greisenhaften Gesichtern.

Verwahrloste Weiber, in Fetzen gehüllt, gingen aus und ein. Halb von

Sinnen, betäubt von dem Gestank der Roßschlächterei, gemartert von dem

Gedanken, daß Christine in einer derartigen Hölle hausen sollte,

kletterte Georg die schmale Treppe empor. Auch diese Treppe starrte von

Schmutz und war erfüllt von den üblen Gerüchen der Ausgüsse und

schmutziger Küchenlöcher. Und wieder Kinder, krank, verkommen, auf

dünnen verkrümmten Beinen, Lumpen, hustende Frauen und hier und da das

fahle Gesicht eines Mannes mit finsterer Miene. Das ganze Haus bebte von

Geschrei, Lärm und zugeschlagenen Türen. Es schien von Hunderten von

Familien bewohnt zu sein, die die große Stadt ausgestoßen hatte, damit

sie hier verkamen. Ein dickes Frauenzimmer, ein gewaltiger Klumpen

Fleisch, in zerrissener Jacke, ging an ihm vorüber und stieß ihn derb

an, während sie ihn mit frechen verquollenen Augen musterte und lachte.

Georg war gestärkt durch den langen Aufenthalt im Freien. Die Arbeit

hatte ihn gestählt. Er war an manches gewöhnt, und doch begann er in

dieser Höhle des Elends zu zittern.

„Mut! Mut! Vorwärts!“ rief er sich zu.

Vor einer mit einem Schild „Lederer, Agent“ bezeichneten schmutzigen Tür

angelangt, nahm er seine ganze Kraft zusammen und klopfte einmal,

zweimal. Dann lauschte er angestrengt, ob sich drinnen etwas rege. Und

während er lauschte, schien der Lärm des Hauses sich zu verzehnfachen.

Endlich wurde der Riegel zurückgeschoben, und die Tür öffnete sich. Ein

junger Mensch, fast noch ein Knabe, mit stechenden, frechen Augen

erschien. Sein Gesicht war fahl, glänzend, als sei es mit Schweiß

bedeckt. Er trug keinen Kragen, sein Hemd war schmutzig.

„Sie wünschen?“ fragte der junge Mann frech und kurz. Neben ihm tauchte

argwöhnisch das Gesicht einer aufgedunsenen Frau mit grauen, wirren

Haaren auf. Sie war klein, dick, zwischen den Augen hatte sie eine lange

Narbe, als habe man ihr einmal mit dem Beil das Gesicht gespalten.

Nun gilt es, dachte Georg, der beinahe die Besinnung verlor. Er

verbeugte sich höflich und sagte, daß er von Fräulein Florian käme und

Fräulein Christine März einen Brief zu übergeben habe.

„Endlich,“ keifte die aufgedunsene Frau. „Wir werden froh sein, wenn wir

sie endlich los sind. Bringen Sie Geld?“

„Ja, ich bringe Geld.“

Der junge Mensch wies Georg in einen schmalen, dunklen, übelriechenden

Korridor. Georg, fast von Sinnen, konnte sich später niemals mehr an

Einzelheiten erinnern. Aber er erinnerte sich, daß folgendes geschah:

Er klopfte an irgendeine Tür, und irgendeine ferne, fremde, unwirkliche

Stimme sagte: „Herein!“ Es war nicht Christines Stimme. Es war ein

fremdes, verwahrlostes Mädchen, das in einer armseligen Kammer auf einem

niedrigen, schmalen Eisenbett saß und einen zerrissenen Strumpf stopfte,

blaß, schwindsüchtig, mit großen, glühenden Augen. Fast wie eine

Wahnsinnige sah sie aus. Sie heftete die großen, glühenden, schwarzen

Augen auf ihn, regungslos ... auch die Hände, die Strumpf und Nadel

hielten, blieben ganz in der gleichen Haltung. So saß sie und staunte

ihn an, wie eine Wachsfigur. Wie lange? Georg konnte es niemals sagen.

Aber er erinnerte sich, daß er ganz plötzlich auf dieses fremde,

regungslose Mädchen, das ihn anstarrte, zuschritt und vor ihr in die

Knie fiel: es war doch Christine.

Er streckte in seiner Verzweiflung die Hände nach ihr aus. „Bist du

krank, Christine?“ fragte er, aber er hörte nicht einmal selbst seine

Stimme.

Christine saß ohne jede Bewegung, blickte ihn mit fiebernden Augen an,

ohne Regung. Er flüsterte ihren Namen, aber sie regte sich nicht. Er

stammelte verwirrte Fragen in seiner Seelenangst. Sie schwieg. Er griff

nach ihrer Hand, sie zog die Hand zurück. Fast wäre er verzweifelt. Nie

in seinem Leben erlebte er solch fürchterliche Minuten. Er war dankbar,

daß er sich später nicht mehr an die Einzelheiten erinnerte; nur ein

Entsetzen blieb in seinem Herzen zurück, unauslöschlich und für immer.

Ein Gesicht an der Türe schreckte ihn auf, ein Gesicht, das ein Axthieb

gespalten hatte, mit einem großen und einem kleinen Auge, das große

gespenstisch, geisterhaft, das kleine tierisch und frech. Eine grelle

Stimme keifte und zeterte: daß sie zu arm sei, fremde Leute zu

unterhalten und daß sie beabsichtigt habe, Christine heute vor die Tür

zu setzen. Dies und ähnliches keifte die Stimme, noch heute hatte Georg

ihren entsetzlichen Klang im Ohr.

Nun aber, nun ereignete sich das Überraschendste, etwas gänzlich

Unerwartetes – und gerade diese Überraschung, es gibt kein Wort dafür,

gab Georg augenblicklich, auch das ist merkwürdig, die Klarheit der

Sinne zurück. Von diesem Augenblick erinnerte er sich wieder an jede

Einzelheit.

Christine lächelte plötzlich – oder besser gesagt – sie machte den

Versuch, zu lächeln. Ein krankes Lächeln breitete sich langsam über ihr

Gesicht aus. Dann wandte sie sich mit einer ganz langsamen, unsagbar

zärtlichen Bewegung zu dem Kopfkissen des armseligen Bettes, schlug die

Decke zurück: und Georg erblickte plötzlich den Kopf eines kleinen

Kindes. Mit einer zärtlichen Bewegung nahm Christine mit beiden Händen

das in einen Lappen gewickelte Kind und streckte es ihm entgegen.

„Hier ist es,“ flüsterte sie.

„Was ist das?“ stammelte Georg.

„Es ist dein Kind,“ flüsterte Christine, und wieder versuchte sie zu

lächeln.

„Mein Kind?“ schrie Georg. „Wie ist das möglich? Wie soll ich das alles

verstehen?“ Und er stürzte sich auf das Kind, nahm es aus Christines

Händen und drückte es gegen die Brust.

Das Gesicht an der Türe lachte schallend.

Von diesem Augenblick an war Georg wieder völlig Herr seiner Sinne. Er

beschwor Christine, mit ihm zu kommen. Sie begann zu zittern. Ihr Blick

irrte voller Angst zur Türe.

„Nimm mich fort von hier!“ flüsterte sie, leise, voller Furcht, die Alte

könne es hören. Da wandte sich Georg gegen die Türe und trat auf die

Alte mit dem gespaltenen Gesicht zu.

„Ich verlange eine Erklärung!“ rief er. „Was geht hier vor? Was bedeutet

das alles?“

Die Alte keifte. Sie überschüttete Georg mit Schmähungen, sie

beschimpfte Christine mit den unflätigsten Worten. Sie hätte nichts

dagegen, daß er die „Dame“ mit sich nähme – oh, ganz im Gegenteil –,

aber erst hieße es bezahlen. Schulden, Geld – zweihundert Mark, eine

Unsumme! Zweihundertfünfzig Mark! Unmöglich!

Christines Blick, das in Lumpen gehüllte Kind – Georg stürzte aus dem

Hause wie von Peitschenhieben vorwärts getrieben.

16

In Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt ein.

Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor Stobwasser noch

auf sein Pochen antworten konnte. Er stürzte in die Werkstatt und

prallte zurück: Ein junges, nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa.

Stobwasser stand und modellierte eifrig.

„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen Hände flogen. „Helfen

mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer in den Hof hinaus und erzählte wirr,

atemlos, unzusammenhängend.

Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden Frau, und

Stobwasser verstand sofort alles.

Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt, und dachte

nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte er. „Die Hauptsache ist nur, daß

du dich beruhigst, Weidenbach.“

„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem abwesenden Lächeln.

Er zitterte am ganzen Körper. Er strich sich über das Gesicht, und seine

Hand war so naß, als habe er sie in Wasser getaucht.

Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich anziehen,“ sagte er zu

dem Modell, und sie gingen.

„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder zu laufen begann.

„Wir wollen es bei Katschinsky versuchen. Oh, wie ich meine Armut

verfluche!“ schrie er laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet

es? Aber – oh, wie ich meine Armut verfluche!“

Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen Erfolgen beim Film

wohnte er in einer großen Pension im Westen. Unglückseligerweise hatte

er Besuch. Er kam in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden

keuchenden Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn stand. Er trug

einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide und schwarze Hausschuhe aus

Lackleder.

„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel der Diele

nieder. Aber augenblicklich stand er wieder auf. „Zweihundertfünfzig

Mark!“ rief er aus. „Ich habe keinen Pfennig, nur Schulden!“

„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser.

Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die Lippen zu einem

spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine so große Summe herbeischaffen?“

fragte er. „Sagt doch selbst.“

„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir werden es

verpfänden!“

Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der Tür zu. „Ich habe

leider keine Zeit mehr,“ sagte er hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“

„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky die Tür schon

geschlossen hatte.

Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn.

„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet Stobwasser und

stürzte die Treppe hinab.

Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete Damen und

Herren still in Klubsesseln saßen, mißbilligte der Portier ihre Eile und

Hast. „Es ist dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor.

Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page machte sie darauf

aufmerksam, daß Fräulein Florian Besuch habe. „Herr Schellenberg ist

soeben gekommen,“ verkündete er voller Ehrfurcht.

„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“ sagte

Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und scheu an Jennys Tür. Nach

geraumer Weile verschwand er.

Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny heraus auf den Flur. Sie

hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und ging mit leichten,

tänzelnden Schritten, aber ganz langsam, auf die beiden zu.

„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln. „Und wer ist das?

Sind Sie es, Weidenbach?“

„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig.

Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte den Kopf,

blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie. „Ich habe kein Geld. Es ist

fast Monatsende. Aber wartet, es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“

Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie in ihr Zimmer

zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und hob triumphierend

drei Geldscheine in die Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus.

„Oh, Weidenbach, wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können!

Grüßen Sie Christine.“

Schon stürzten die beiden die Treppe hinab.

„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg.

Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen hatte, war er schon

wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“ rief er dem grauhaarigen Weib mit

der gespaltenen Stirn zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn

wischte.

Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind nur

zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr als dreihundert Mark!“

keifte sie. „Wir haben uns barmherzig erwiesen, und das ist nun der

Dank!“

Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang die Faust und

machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen. Stobwasser hatte ihn nie so

gesehen. „Wir geben nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist

alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit drohender Gebärde.

Und nun willigte die Alte ein, daß Christine die Wohnung verlassen

könne.

Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande war, die Treppe

hinabzugehen. Georg nahm sie auf den Arm und trug sie hinunter.

Stobwasser kam hinterher mit dem Kinde, das in einen alten Lappen

gewickelt war. Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen

Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab.

Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt.

„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief Stobwasser vergnügt

aus und rieb sich die Hände. „Ich heize nur, wenn ich Modell habe.“

Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr, das durch die

Werkstatt führte, zu krachen begann. Er kochte Tee. Dann stürzte er aus

dem Hause, um das Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar

ein Viertel Schinken besorgte Stobwasser.

„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt aus, und auf seinen

Wangen erschienen rote Flecke vor Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß

ihr bei mir übernachtet, wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon

zurechtfinden. Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“ sagte er,

während er den Tisch abräumte, einige Zeitungen über die schmutzige

Tischplatte breitete und das Abendbrot servierte.

Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser hatten sie genötigt,

sich auf Stobwassers Bett auszustrecken. Da also lag sie nun, bleich und

still, die fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer

Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her, wenn Georg eine

Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten verquält, und wenn er sie

berühren wollte, so ging ein Zittern über ihren ganzen Körper.

Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht. Die Vögel

sprangen neugierig in ihren Käfigen hin und her. Der Kakadu knarrte und

streckte den Kopf durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen

Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze Katze aber saß auf

dem Bettpfosten und starrte mit ihren großen grünen Augen unaufhörlich

auf das kleine Kind. Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte

ihm die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches

Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In dieses Gesicht hatte das

Schicksal Furchen und Linien geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre

gealtert schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still und

sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein.

Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer rauchte seine Pfeife,

und nur zuweilen flüsterten sie einige Worte.

„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise.

„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“

„Nun, es wird alles gut werden.“

„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem Kinde?“ Georgs Augen

glänzten. „Mein Kind!“

„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete Stobwasser voller

Überzeugung. „Ein außerordentlich schönes und genial aussehendes Kind!“

Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine eigenen Gedanken.

17

Früh am nächsten Morgen begab sich Georg in das Bürohaus

„Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine Bitte vorzutragen, Christine

und das Kind nach Glückshorst mitnehmen zu dürfen.

Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien nahezu beendet zu sein.

Es wimmelte von Menschen. Boten und Beamte eilten hin und her. In den

Vorhallen standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die Arbeit

suchten.

Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört hatte. „Es ist

unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung ist ja erst im Bau. Ich würde es ja

gerne tun, mißverstehen Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch ein

Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich oft verzweifle?

Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich täglich hundertmal. Das Elend

strömt zu diesem Hause herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir

bis an die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg oder einen

seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent telephonierte.

Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen und wollte

wegfahren. Welch ein Verhängnis! „Folgen Sie mir,“ sagte der Referent

eilig. „Vielleicht treffen wir ihn noch.“

Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die Treppe herab. Er

schien es sehr eilig zu haben. Der Referent trat auf ihn zu und trug ihm

in aller Kürze Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging

rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm in die Augen und

blieb eine Sekunde stehen.

„Handelt es sich um Sie?“ fragte er.

„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst bitten –“

Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“ sagte er und

runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium. Kommen Sie mit mir. Sie

können mir ja unterwegs den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob

er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen fuhr ab.

Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael ihn mit klaren

prüfenden Augen anblickte.

„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte. „Nehmen Sie

Fräulein März und das Kind getrost mit nach Glückshorst. Und werden Sie

recht glücklich,“ fügte er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er

klopfte ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus.

Rasch machte Georg für Christine und das Kind die allernötigsten

Einkäufe, und dann fuhren sie ab.

Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt, daß

er, Georg, nie eine Frage an sie richte. Sie selbst werde ihm einst

alles erzählen.

Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine Weile standen sie

verlegen auf der Straße. Der Wind blies. Christine hielt das in eine

Decke gehüllte Kind auf den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht

und übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter Karsten. „Was

für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus und hob das Kind in die Höhe,

um das Geschlecht festzustellen. „Ein Knabe! Wie heißt er?“

„Er heißt Georg,“ sagte Christine.

„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter Karsten dann zu

Georg. „Aber wir werden sie schon herausfuttern.“

Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die Tür, dann

überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber die Männer regten sich

nicht im geringsten darüber auf. Eine Frau, ein Kind, was war weiter

dabei?

„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“ sagte Lehmann.

„Morgen früh fangen wir mit den Häusern an.“

18

Es war kaum richtig Tag, da rief Lehmann schon zur Arbeit. Fünfhundert

Häuser sollten vorläufig in Glückshorst errichtet werden, und die

Gesellschaft hatte Lehmann wissen lassen, daß sie keinen Spaß verstehe.

Kein Wunder, daß der Einarmige etwas erregt war und zur Eile antrieb.

Bauplätze, Straßen, alles war genau vermessen und durch Pflöcke

gekennzeichnet. Als die Sonne über dem Walde heraufkam, wimmelte es

schon von Arbeitergruppen im Gelände. Georg führte jene Gruppen, die den

Grund der Häuser aushuben. Siebzig Zentimeter tief und siebzig

Zentimeter breit mußte der Boden für die Grundmauern ausgehoben werden.

Bis auf wenige Gebäude waren die Häuser alle gleich groß. Sie waren zehn

Meter lang und viereinhalb Meter breit. Georgs erste Arbeitsgruppe trug

besondere Meßlatten mit sich; ihre Aufgabe bestand darin, den Grundriß

des Aushubs mit dem Spaten genau vorzuzeichnen. Die zweite Gruppe hob

die Erde bis zur vorgeschriebenen Tiefe aus, und der dritten

Arbeitsgruppe lag die Aufgabe ob, die Arbeit der früheren Gruppen

sorgfältig nachzuprüfen und auszugleichen. Vom Kanal aus hatte Georg die

Arbeit aufgenommen, und schon am Nachmittag wurden Geleise für die

Karren gelegt, die das Baumaterial von den Kähnen herauf befördern

sollten, und schon am nächsten Morgen wurde mit dem eigentlichen Bau

begonnen. Die Arbeit war ganz ähnlich eingeteilt, wie die des Aushubs

der Erde. Jede Kleinigkeit war vorgesehen und vorbereitet. Die

Betonmischmaschine des Schleppkahns begann zu arbeiten, und schon

rollten die Karren über das Gelände, die die Betonmassen zu den

Baustellen beförderten. Aus Brettern gefügte Gehäuse wurden in die

Ausschachtungen gesetzt und mit Beton vollgeschüttet. So ging es von

Haus zu Haus. Und während oben die Arbeitsgruppen noch beschäftigt

waren, die Erde auszuheben, wurden unten am Kanal bereits die

Grundmauern gestampft.

Lehmann hatte gegen zweihundert Arbeiter zur Verfügung, dazu war noch

eine Gruppe gelernter Bauarbeiter gestoßen, die diese Arbeit in anderen

Siedlungen schon hundertfach ausgeführt hatte. Mit der Gleichmäßigkeit

und Präzision einer Maschine bewegten sich Lehmanns Arbeitsgruppen über

das Baufeld. Nicht die geringste Störung entging ihm, nicht der

geringste Aufenthalt. Der Schweiß lief den Männern übers Gesicht.

Unnötig zu sagen, daß der Schlächter-Moritz, dieser Berg von Muskeln, in

diesen Tagen wahre Wunder verrichtete. Es war in der Tat unbegreiflich,

mit welcher Schnelligkeit er sich in die Erde einwühlte. Später übergab

ihm Lehmann die Kolonnen, die die Betonmassen einstampften, und nun

hörte man Moritz vom frühen Morgen bis zum späten Abend brüllen. Nichts

ging ihm schnell genug.

Schon aber schob sich auf dem stillen Kanal ein neuer eiserner Kahn

heran, der weiteres Material brachte. Es waren Zementrahmen, aus denen

die Hauswände zusammengestellt wurden, ganz ähnlich den Abmessungen des

früheren Holzfachwerks. Diese Rahmen waren etwas über zwei Meter hoch

und einen Meter breit. Eine Type von Rahmen enthielt eine Öffnung für

die Türe, eine andere Type Ausschnitte für die Fenster.

Alles war Typ, alles war Norm, jede noch so unscheinbare Einzelheit. Die

Gesellschaft baute Häuser, wie man Fahrräder oder Automobile serienweise

fabriziert.

Es begann das Aufrichten und Ausloten des Rahmenwerks, das

Zusammenfügen. Diese Zementrahmen für die Außenwände und die Querwand,

die jedes Haus in zwei Räume teilte, wurden in besonderen über das ganze

Land verstreuten Zementfabriken der Gesellschaft hergestellt. Das

Ausmauern des Rahmenwerkes aber war eine Arbeit, die selbst jeder Laie

leicht unter der Anleitung eines geschulten Vorarbeiters ausführen

konnte. Die Maschine preßte die Mauersteine aus dem Material, das sie an

Ort und Stelle vorfand.

Ein neuer Kahn kam den Kanal herauf. Er brachte Holz, Balken, Bretter.

Schon sah man reihenweise die Skelette von neuen Gebäuden stehen.

Während die Häuser aus der Erde wuchsen, erkannte man deutlich Straßen,

Nebenstraßen und die Abmessung der Gärten.

Die Zimmerleute kletterten in den Dachgestühlen. Die Äxte blitzten, und

es dröhnte von allen Seiten. Es kamen Ingenieure aus Berlin zur

Inspektion und gingen wieder. Lehmanns Gesicht strahlte vor Freude. Die

Stadt wuchs empor. Täglich sah man, wie sie sich ruckweise aus dem Boden

hob.

Immer noch kämpfte der Schlächter-Moritz seinen heroischen Kampf mit den

Betonmassen vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.

„Wollen Sie hier eine Schlächterei errichten?“ fragte ihn Lehmann eines

Tages.

Der Schlächter warf sich in die Brust: „Ich?“ erwiderte er, während er

sich mit dem bloßen Arm den Schweiß vom Gesicht strich. „Ich habe kein

Geld, ich habe kein Kapital.“

„Das wird sich alles finden. Wenn Sie wollen, Moritz, ist die Sache

abgemacht.“

Das Wetter war in den letzten Wochen herrlich gewesen. Es wehte ein

würziger, lauer Wind, und die Sonne wärmte schon gehörig.

Wenn man nun gegen Glücksbrücke blickte, wo es ebenfalls von

Arbeiterhaufen wimmelte und ganze Häuserreihen aus dem Boden wuchsen,

wenn man etwas schräg gegen das Licht blinzelte, so sah man, daß die

riesige weite Heide von einem grünen Hauch übersponnen war: die Saat kam

heraus.

Eines Abends ließ Lehmann Georg in dringender Angelegenheit zu sich

rufen. Georg fand ihn in angeregter Laune, mit roten Backen. Seine

Pfeife paffte doppelt so heftig wie gewöhnlich.

„Nun ist also dieser Brief gekommen!“ rief er Georg entgegen und lachte

fröhlich.

„Welcher Brief?“

„Setzen Sie sich, Weidenbach. Die Stunde des Abschieds hat geschlagen.

Meine Arbeit hier ist zu Ende. Ich bin auf einen schönen und

interessanten Posten aufgerückt, und nun richte ich die Frage an Sie:

Weidenbach, wollen Sie der Chef dieser Station werden?“

Die Brüder Schellenberg · 第 12 / 20 题