Zweites Buch

1

Im Auktionssaal von Duval & Co. in der Potsdamer Straße wurde die

berühmte Sammlung des Barons Flottwell versteigert. Diese Versteigerung

war ein gesellschaftliches Ereignis für Berlin. Baron Flottwell,

früherer Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich, hatte in

den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren,

so daß sein ganzer Besitz schließlich unter den Hammer kam. Zugleich mit

den Herrlichkeiten Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen,

Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener

Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie angehörten,

ausgeboten.

Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten Profile einiger

Museumsdirektoren, die bekannten Gesichter von Kunsthändlern, Maklern,

ganz wie vor dem Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen

verändert. Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen, mit mächtigen

Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten Hüften, völlig neue Gesichter,

die niemand kannte. Viele Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber

nur wenig Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend,

darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte.

Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den Vitrinen glitzerten,

verwirrten die Sinne. Die Summen und Unsummen, die durch den Saal

schwirrten, steigerten die Erregung zum Fieber.

In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter Agent, der

alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit an sich riß. Er trug eine

graugrüne schäbige Perücke über den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte,

das Gesicht bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener

Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als ein Manet, ein

herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten wurde, entstand

zwischen ihm und einem bekannten Museumsdirektor ein erbittertes Duell.

Andere Liebhaber und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur die

beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der Perücke trug den Sieg

davon, und der Museumsdirektor verließ bleich und tödlich gekränkt den

Saal. Mit der gleichen Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um

das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug sich hier mit

einigen Händlern und einer Schar von Specknacken wie ein Rasender –

seine Stimme aber blieb gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm.

Auch hier blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der Kampf

um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells stand wie der

Silberschatz eines Domes auf dem Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in

den Pelzen erhoben sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten, nie

hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf um das Silber wurde

dramatisch. Mit Genugtuung sah man, daß ein Specknacken nach dem andern

niedergekämpft wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen herrlichen

Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter Herrenreiter, kämpfte

noch eine Weile um den Flottwellschen Schatz. Ihm hätte man ihn

vielleicht gegönnt, aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war

man sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen geben

mußte.

Der siegreiche Makler rückte sich die Perücke auf dem Kopfe zurecht und

wischte sich mit einem nicht ganz sauberen Taschentuch den Schweiß vom

Gesicht.

Welche Macht war hier auf dem Kampfplatz, die alles an sich riß?

Zuweilen trieb der Makler mit der Perücke ein Objekt bis zu fabelhafter

Höhe empor, um plötzlich abzuspringen. Aber das Silber? Welch eine

phantastische Summe! Wer soll es haben? Ein Unbekannter?

Ein fetter Rücken flüsterte in das knorplige Ohr seines Nachbarn: „Es

ist Schellenberg, was sagte ich Ihnen! Sehen Sie, dort steht er, jener

große Herr, der sich Notizen in den Katalog macht.“

„Unmöglich!“

„Weshalb unmöglich? Ich sagte Ihnen ja –“

Wenzel Schellenberg folgte der Auktion mit aufmerksamer, gesammelter

Miene und einem leisen gutgelaunten Lächeln. Nur zuweilen weiteten sich

seine Augen, wie die eines Spielers, der einen hohen Einsatz wagt.

Einige Reihen vor ihm stand gegen die Wand gelehnt Herr von Stolpe,

jener kleine Leutnant mit den rosigen Kinderwangen, der vor etwa drei

Jahren den Waldverkauf vermittelt hatte. Er war anscheinend eifrig in

den Katalog vertieft, und nur, wenn die Zahlen gespenstisch in die Höhe

kletterten, streifte er mit einem unauffälligen Blick Wenzels Gesicht.

Rollte Schellenberg den Katalog zusammen, so strich sich Stolpe

unauffällig übers Haar, und in dem gleichen Augenblick sprang der Makler

mit der grauen Perücke ab und überließ den andern das Schlachtfeld.

Nun ging es um die Louis-XVI.-Garnitur. Wiederum begannen die Zahlen wie

Raketen in die Höhe zu schießen. Wiederum schien ein rasender Kampf

zwischen dem Agenten mit der Perücke und einer Schar von Händlern

bevorzustehen. Die Zahlen schossen derartig in die Höhe, daß der Saal

unruhig wurde und die Frauen sich wiederum von den Sitzen erhoben.

Stolpe wurde nervös. Er blickte auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der

Auktion gar nicht zu folgen. Er stand da und blickte zwischen den Köpfen

hindurch, auf irgend jemand. Plötzlich wandte er zerstreut den Kopf,

blickte in den Katalog, hörte die quäkende, trockene Stimme des Maklers

und rollte den Katalog zusammen. Aber es war zu spät.

An den nächsten drei Objekten war Schellenberg nicht interessiert. Er

blickte wieder zwischen den Kopfreihen hindurch: Es war hier auf der

Auktion der Sammlung Flottwells, wo Schellenberg Jenny Florian

wiedersah! Vor etwa drei Wochen hatte sie ihm Stolpe flüchtig

vorgestellt. Er erkannte sie sofort wieder, an ihrem aschblonden Haar,

das sie weich und schlicht in einem bescheidenen lockeren Knoten im

Nacken trug. Ihr Profil, das er nun ruhig prüfen konnte, war klassisch

schön. Eine gewölbte ruhige Stirne, darunter ein strahlendes,

forschendes, klares Auge, das wie Perlmutter schimmerte. Das Gesicht,

fein, träumerisch, in der Tat, Jenny Florian galt nicht umsonst als eine

der schönsten Frauen Berlins. Nun fühlte sie den Blick und wurde

unruhig.

„Wer war diese blonde Dame?“, hatte Wenzel damals Stolpe gefragt.

„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin, man sagt, daß

sie sehr gut modelliert und zeichnet. Sie singt auch.“

„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte.

2

Während einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe und noch einem

jungen Herrn, den er schon irgendwo flüchtig kennengelernt hatte, auf

der Treppe plaudern. Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas

trockene Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen, Fräulein Florian?“

Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und sie ließ den Kopf,

wie sie es stets tat, wenn sie verlegen wurde, etwas auf die linke zarte

Schulter sinken. „Herr Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart,

aber sehr hell.

Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer noch kürzeren,

noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung hatte sich Wenzel in den

letzten Jahren angewöhnt, sie war fast geschäftsmäßig und schien

auszudrücken, daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den

geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er. „Ich habe

leider Ihren Namen nicht behalten.“

„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“ warf Stolpe ein.

Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die Schultern in die

Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger Lässigkeit die Hand. Er war

nicht gekränkt, daß Schellenberg seinen Namen vergessen hatte, das

konnte vorkommen. Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg

ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit, die

Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen wollte, mit der Wenzel ohne

weitere Umstände an Jenny herantrat, fand er im höchsten Grade

unpassend. Wenn irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny

plauderte, so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich im

Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr. Es war nicht

Eifersucht, denn über derartige Gefühle war Katschinsky längst erhaben,

es war die fortwährende dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne

Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß. Wenzel war groß und

stattlich, und der Glanz eines jungen, rasch und kühn erworbenen

Reichtums umstrahlte ihn.

Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um Katschinskys

Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um Verzeihung, Herr

Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher. „Ich erinnere mich nun

genau, wir trafen uns bei der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm

dies in der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder an

Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen Gefühls,

das er zuletzt im Salon der Gräfin Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin

Poppow lebte davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer

Spielergesellschaft öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin

eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede Leidenschaft,

ohne Genuß, und sich vorgenommen, den Salon der Gräfin Poppow zu meiden,

ohne daß er einen bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre sagte

ihm nicht zu.

Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich ein Russe, ein sehr

eleganter junger Mann mit einem großen Brillanten am Finger. Diesen

Brillanten hielt Wenzel für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit

Leuten zu spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß

Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln mit ihm

austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen, er wußte nicht warum.

An all das dachte er, während er sich an Jenny Florian wandte: „Haben

Sie etwas gesteigert, Fräulein Florian?“

Jenny errötete unter seinem Blick. „Oh, ich habe kein Geld!“ rief sie

aus, und nachdem sie das gesagt hatte, errötete sie ein zweites Mal.

Katschinsky richtete sich auf. Wie töricht, dachte er, muß sie ihm denn

gleich sagen, daß sie kein Geld hat? Sie wird es nie lernen, es ist zum

Verzweifeln!

„Lieben Sie diese schönen Dinge?“ fragte Wenzel weiter. Die Verwirrung

des jungen Mädchens entzückte ihn.

„Ich liebe sie leidenschaftlich!“ erwiderte Jenny. „Woher kommt es, daß

diese alten Dinge schöner sind als die unserer Zeit?“

Wenzel zuckte die Achseln. „Wer sollte heute soviel Geld haben, diese

kostbaren Dinge herstellen zu lassen? Hat aber jemand die Mittel, so hat

er sicherlich nicht den Geschmack.“

Es schien Katschinsky an der Zeit, ebenfalls etwas zu äußern, und nur um

etwas zu sagen, warf er lässig hin: „In früheren Zeiten hatte der Mensch

von Kultur die Möglichkeit, sich in den herrschenden Kunststil

einzufühlen, heutzutage aber veraltet ein Kunststil innerhalb von drei

Jahren.“ Schellenberg hörte nur mit halbem Ohr zu, und Katschinsky

schämte sich, etwas so Banales gesagt zu haben.

„Ich vermag die einzelnen Stile nicht zu unterscheiden,“ sagte Jenny.

„Ich fühle nur, das ist schön, oder das gefällt mir nicht. Haben Sie

viel gekauft, Herr Schellenberg?“

Diese Frage fand Katschinsky wiederum taktlos. Seine Augen blendeten

vorwurfsvoll. Was ging es sie an, ob Schellenberg kaufte oder nicht? Er

ahnte nicht, daß Jenny nur aus Verlegenheit diese Frage stellte.

„Einiges, einige Möbel und einige Porzellane,“ erwiderte Wenzel. „Ich

kaufe weniger, weil ich mir ein besonderes Verständnis für Antiquitäten

zuspreche, weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten, ich kaufe vielmehr,

weil ich in guten Antiquitäten eine bessere Kapitalsanlage sehe als in

zweifelhaften Effekten.“

Jenny starrte ihn verständnislos an, so sehr hatte sie seine Offenheit

verblüfft.

„In welchem Theater spielen Sie zur Zeit?“ fragte Wenzel.

Sie errötete einige Male nacheinander und legte den Kopf ganz schief.

„Ich spiele zur Zeit gar nicht,“ sagte sie hastig. „Die hiesigen

Direktoren wollen mich nicht haben.“

„Fräulein Florian beendet ihre Studien,“ kam ihr Katschinsky zu Hilfe.

„Meine Frage war nicht Neugierde, Fräulein Florian,“ fuhr Wenzel fort,

„sie war höchst eigennützig. Würden Sie sich für den Film

interessieren?“

Sofort war Jenny Feuer und Flamme. „Aber natürlich!“ rief sie.

„Nun,“ erwiderte Wenzel, indem er sich verabschiedete, „vielleicht darf

ich mir erlauben, einmal auf unser Gespräch zurückzukommen. Ich

unterhandle zur Zeit mit einigen großen Gesellschaften, aber die Dinge

sind noch völlig in der Schwebe.“

Die Auktion ging weiter.

„Sehen Sie zu, daß uns die Meißner Uhr nicht entgeht,“ raunte Wenzel

Stolpe ins Ohr.

„Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete Stolpe mit einer knappen,

unterwürfigen Verbeugung.

Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst heftiger Kampf.

Wiederum war es der frühere Herrenreiter, der ein Duell auf Leben und

Tod mit dem Agenten Wenzels ausfocht.

Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit, im Empirestil.

Das Besondere an ihr war ein wundervolles Schlagwerk, und während das

Duell zwischen den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk

plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei den ersten

Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus, und es wurde vollkommen

still im Saal. Hell, rein, in unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der

Choral: „Ein’ feste Burg ist unser Gott –“

Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme schluchzen.

Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen Dame zu, die mitten im Saal

saß und das Taschentuch vors Gesicht preßte.

Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort. Man hörte

wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer, und die quäkende, trockene

Stimme des Maklers siegte abermals.

Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen hatte, erhob sich die

alte Dame und verließ, den Schleier über das Gesicht gezogen, in

verschämter Haltung den Saal.

Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“ sagte er zu seinem

Adjutanten, „finden Sie heraus, wer diese alte Dame ist! Es interessiert

mich zu wissen, ob sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr

steht.“

„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den Hacken. Für derartige

Aufträge war er glänzend zu gebrauchen. Wenzel war kaum in sein Bureau

zurückgekehrt, als Stolpe ihm Bericht erstattete.

„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von Griesbach, Witwe

eines Landrats. Die Uhr stammt aus ihrem Besitz. Sie lebt im alten

Westen am Matthäikirchplatz. Ihre Verhältnisse sind noch leidlich

geordnet, aber sie scheint Geld zu brauchen.“

„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie werden Frau von

Griesbach persönlich die Uhr überbringen. Sie werden ihr sagen, daß wir

uns erlauben, ihr die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns

das Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später doch noch

von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“ fügte Schellenberg

hinzu, „so schön die Uhr ist, dieser sentimentale Choral würde mich

krank machen. Ich würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen

Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“

Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen Tage. Bei

Schellenberg mußte alles rasch gehen, und Stolpe war schon einige Male,

da er zur Nachlässigkeit neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel

hinausgeworfen zu werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so

fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe, die man in

diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit, keine anstrengende

Tätigkeit, keine besondere Verantwortung, fast den ganzen Tag im Auto

unterwegs, in den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm ein

hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach Stolpes Geschmack.

Dieses ganze Glück verdankte er dem Waldverkauf, den er vor etwa drei

Jahren vermittelt hatte. Allerdings – Stolpe war nicht so einfältig,

dies zu übersehen – hatte Wenzel Schellenberg mit diesem Wald ein

Vermögen verdient! Wegen irgendeiner Klausel des Vertrags hatte er mit

der Forstverwaltung prozessiert. Der Prozeß dauerte zwei Jahre, und als

Wenzel schließlich bezahlen mußte – die Mark war damals noch nicht

stabil –, zeigte es sich, daß er den ungeheuren Komplex für ein

Butterbrot erhalten hatte.

Stolpe gab seine Karte bei Frau von Griesbach ab. Ein ältliches Mädchen,

schüchtern, verblüht, empfing ihn. Sonderbar, so unsicher sich Stolpe

Wenzel und seinen Geschäftsfreunden gegenüber benahm, so sicher wurde

er, sobald er sich in seinen eigenen Kreisen bewegte. Er klappte mit den

Hacken, dienerte, schnarrte, zog die Hose an den Fingerspitzen übers

Knie, sprach ohne jede Stockung. Ein sonderbarer Auftrag! Das ältliche

Mädchen errötete, stand auf und verließ das Zimmer.

Die großen Zimmer waren kalt und hell. Schon zeigte sich eine

auffallende Kahlheit. An einigen dunklen Vierecken an der verblaßten

Tapete erkannte man, daß Bilder von der Wand entfernt worden waren.

Offenbar hatte man die Teppiche fortgenommen. Dort hatte eine Vitrine

gestanden. Die Tapete zeigte ganz deutlich das Gespenst des Schrankes.

Frau von Griesbach erschien selbst, schwarzgekleidet, in ein

Schultertuch eingehüllt, fröstelnd, mit spitzer Nase und kalkigem

Gesicht. Sie war außerordentlich erregt. Wenzels Anerbieten schien sie

tief verletzt zu haben.

„Wir sind allerdings verarmt,“ rief sie mit einer dünnen, unangenehmen

Stimme aus. „Wir sind gezwungen, ein Stück um das andere zu verkaufen,

um das Leben zu fristen. Aber das ist doch kein Grund, daß uns jeder

reichgewordene Börsenspekulant, jeder Jude –“

„Mamachen!“ unterbrach sie das ältliche Mädchen mit zärtlicher Stimme.

Wer war dieser Herr Schellenberg, der da glaubte –? Nein, sie wolle um

keinen Preis eine Gefälligkeit von einem völlig Unbekannten annehmen.

Hier aber erhob sich Stolpe, beteuerte, erklärte. Sein Chef, Herr Wenzel

Schellenberg, bekleide den Rang eines Hauptmanns, sie verkenne ihn

völlig. Es sei ihm einfach unmöglich, jemand eine geliebte Sache zu

rauben. Frau von Griesbach war plötzlich völlig umgestimmt, gerührt über

so viel Großherzigkeit. Sie willigte ein, die Uhr wenigstens noch einige

Zeit bei sich zu haben. Ihr Herz hänge an der Uhr, besonders an dem

Glockenspiel, das sie durch glücklichere Jahrzehnte begleitet habe. Die

Uhr sei ein Erbstück ihrer Familie. Ihr Vater habe sie persönlich vom

König von Sachsen bekommen. Sie vergoß sogar Tränen über Schellenbergs

Großmut.

„Nur leihweise, Sie verstehen mich, Herr von Stolpe. Herr Schellenberg

kann die Uhr jederzeit wieder abholen lassen.“

Sie ließ Wenzel eine silberne Tabakdose übersenden, um ihren Dank

auszudrücken. Anders tat sie es nicht.

Als Stolpe Schellenberg die Tabakdose aushändigte, brach er in lautes

Gelächter aus.

Am andern Tage überbrachte Stolpe die Uhr. Dazu ein großes

Blumenarrangement, das Wenzel zum Dank für die Dose sandte.

3

Wenzel Schellenberg hatte sich in dem Bureauhaus in der Wilhelmstraße im

Laufe der Jahre über alle Etagen ausgebreitet. Er hatte das Haus gekauft

und die Mieter langsam, einen um den andern, hinausgedrängt. Nun war er

dabei, zwei Etagen aufzustocken und der Fassade das rechte Gesicht zu

geben.

Wenzel Schellenberg kam wie eine Lawine daher.

Er besaß einen ganzen Park von Automobilen und ein halbes Dutzend der

edelsten Reitpferde. Er hatte die Dampfjacht einer Herzogin gekauft. Von

dem ersten Architekten Berlins, Kaufherr, hatte er sich eine Villa in

Dahlem bauen lassen. Die Villa war indessen noch nicht im Rohbau fertig,

da zeigte es sich, daß sie viel zu klein für ihn war. Er erwarb einen

Bauplatz im Grunewald, wunderbar an einem kleinen See gelegen. Hier

baute Kaufherr zur Zeit das Schellenbergsche Palais, ein Schloß

sozusagen, wie es seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr errichtet worden

war.

Wenzel hatte in den ersten Jahren gekauft und verkauft, alles, was ihm

gut schien, wo er einen Gewinn witterte. Es war nicht sein Verdienst,

daß er immer gewann. Es war der Sturz der Mark, der ihm die Reichtümer

in den Schoß warf. Er hatte Raucheisens Wort nicht vergessen, daß keine

Macht der Welt imstande sei, die Mark aufzuhalten, bevor sie nicht in

Atome zersplittert sei. Er kaufte Wälder, Schiffe, Terrain, Güter,

Bergwerke, Fabriken. Als die Ziegeleien ausgeschlachtet wurden, kaufte

er alle Ziegeleien, die er auftreiben konnte. Als die Gärtnereibetriebe

in den Glashäusern unrentabel wurden und ganze Städte aus Glas

ausgeschlachtet wurden, ließ Wenzel aufkaufen, was nur erreichbar war.

Ganze Straßenzüge in den Provinzstädten gehörten ihm. Diese Narren, die

verärgert waren durch die Schikanen der Mietgesetze und die geringen

Zinserträge, ließen sich von den Zahlen verwirren. Um die Häuser, die

Schellenberg gehörten, kümmerte er sich nicht. Es war eine besondere

Abteilung, und zwei Anwälte fochten die Legion von Prozessen aus, die

die Mieter gegen Wenzel führten.

Wenzel kaufte in Papiermark. Wenn er aber verkaufte, so forderte er

wenigstens einen Teil der Kaufsumme in Devisen. Das war gegen das

Gesetz, aber das kümmerte ihn nicht. Niemand, der nicht ein völliger

Narr war, kümmerte sich um Gesetze, die einen jeden ruinieren mußten,

der sie befolgte. Seine Verträge aber waren so entworfen, daß es auch

nicht die kleinste Masche gab, durch die man entschlüpfen konnte.

Dann kaufte er Patente und Erfindungen, die ihm aussichtsreich schienen.

In irgendeiner zweifelhaften Gesellschaft hatte er einen Patentanwalt

kennengelernt, der dem Alkohol völlig verfallen war, aber eine

ausgezeichnete Witterung für gewinnversprechende Erfindungen hatte. Er

engagierte ihn, und es war ihm völlig gleichgültig, daß der Patentanwalt

nur einen Tag in der Woche wirklich brauchbar war. Er opferte für diese

Patente viel Geld, aber eine einzige glückliche Erfindung warf ihm die

zehnfache Summe in den Schoß. Er gründete eine Fabrik in Holland, die

ungeahnte Gewinne abwarf. Von dieser Fabrik wußte überhaupt nur sein

erster Direktor, Goldbaum, sonst niemand. Sie erschien nicht in seinen

Büchern.

Wenzel schnitt niemandem die Kehle durch, um die Wahrheit zu sagen. Wenn

er erfuhr, daß ein Vertrag allzu große Nachteile für den Kontrahenten

hatte, so machte er großzügige Konzessionen. Bei Raucheisen hatte es das

nicht gegeben. Ein Vertrag war ein Vertrag, und wenn er den Kontrahenten

zermalmte.

Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke. Eine Zeitlang warf

er sich auf die Papierfabrikation. Er brachte eine große Anzahl von

Papier- und Zellulosefabriken in seine Hand. Diese Fabriken besaß er

noch heute, aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des

Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte er sich auf die

chemische Produktion geworfen, deren Hauptabsatzgebiet im Auslande lag.

In dieser Zeit hatte er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm

manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht, Michael für

seine Firma zu gewinnen. Aber Michael wies auch die phantastischsten

Angebote zurück.

Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte große Energie und eine

unverwüstliche Gesundheit. Wenzel gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete

sechzehn Stunden und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am

Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem Schlaf,

bevor es noch recht Tag war, schon wieder im Auto. In all den drei

Jahren hatte er noch nicht drei Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je

bewegter der Tag war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es

war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte, er

spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes für ihn als ein

fortwährendes Hasardieren. Wenzel hatte sogar schon seine Grabschrift in

diesem Sinne entworfen. Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier

ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“

Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte er zu jenen,

die „auf den Knopf drückten“. Die Türen sprangen auf, die Direktoren und

Beamten stürzten mit Mappen und Akten über die Korridore ...

Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine größere Anzahl

ehemaliger Offiziere, sogar ein General war unter ihnen. Alle drängten

sich an ihn heran, der Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In

allen Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde, das

Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle demütigten sich um dieses

elenden Geldes willen.

Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er hatte ein ungeheures

Vermögen zusammengerafft, eine Masse von Geld, die anschwoll, abebbte

und wieder anschwoll. Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf

Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte eine völlige

Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten. Um seine Unternehmungen

flüssig zu halten, würde er für den Übergang riesige Summen benötigen.

Man erinnert sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von

einer Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage für Wenzel.

Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen Spielers, der alles wagt,

saß er da und wartete. Zwei, drei Börsentage wartete er ab, dann aber

entschloß er sich. Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich

endlos fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz.

Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er nie vergessen. Er hatte

die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren, gewiegte und gerissene

Burschen, hatten ihn beschworen, zu warten, besonders der dicke

Goldbaum, der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen

alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf gegeben.

Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch heute mußte Wenzel

lachen, wenn er an diese Szene dachte. Und es ist wahr: Er lachte auch

damals! Denn es war ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das

Doppelte oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage hatten

die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an der nächsten Börse

aber krachte das ganze Gebäude zusammen. Innerhalb von zwei Tagen hatte

Schellenberg sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig,

er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen, dieser riesige

Konzern, schwankte in diesen Tagen. Vielleicht wäre es besser gewesen,

wenn der alte Raucheisen ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn

Minuten zu spät kam, wie?

Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die Zinssätze. Während

Tausende von Unternehmungen in dem Höllenstrudel versanken, stand

Schellenberg wie ein Leuchtturm in der Brandung.

4

Wenzel besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie lagen im Rheinland.

Schon vor längerer Zeit hatte er ein Patent erworben, das die

Herstellung farbiger Filme in großer Vollendung gewährleistete. Es waren

nicht jene Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont, wie

Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel große Hoffnungen.

Häufig hatten große Filmkonzerne eine Geschäftsverbindung mit ihm

gesucht. Aber Wenzel war bis heute nicht dazu zu bewegen gewesen, sich

an der Filmproduktion auch nur mit einem Pfennig zu beteiligen. Die

Rentabilität war nicht sicher und die Filmleute so gerissene

Geschäftsleute, daß er ihnen nur mit der größten Vorsicht begegnet war.

Die Filmindustrie war in den letzten Monaten völlig niedergebrochen. Man

wandte sich immer dringender um Kredite an Wenzel, und in den letzten

Monaten hatte ihm ein bekannter Filmkonzern verlockende Angebote

gemacht. Sein Finanzberater, der dicke Goldbaum, hatte stundenlang auf

ihn eingeredet. Aber Wenzel zögerte. Vielleicht bekam Goldbaum Prozente,

wenn er das Geschäft vermittelte? Vielleicht? Sicher bekam er sie.

Goldbaum hatte sich Reichtümer erworben, deren Quellen nicht bekannt

waren. Nun gut, weshalb nicht? Er machte Geschäfte wie jeder andere, wie

alle seine Mitarbeiter.

Als Wenzel Jenny Florian im Auktionssaal von Duval & Co. erblickte,

forschte er augenblicklich nach einer Möglichkeit, mit der schönen

Schauspielerin in Verbindung treten zu können. Während er mit ihr auf

der Treppe sprach und ihre helle Stimme und der Reiz ihres scheuen

Benehmens ihn entzückten, hatte sich dieser Wunsch in ihm verstärkt. Mit

welcher Inbrunst hatte sie, als er sie fragte, ob sie diese schönen

Dinge liebe, geantwortet: „Ich liebe sie leidenschaftlich!“ Kindliche

Begierde und Sehnsucht strahlten aus ihren Augen, während sie diese

Worte sprach. In diesem Augenblicke empfand Wenzel das Verlangen, daß

diese Frau ihm näherkommen möchte, und da fielen ihm plötzlich die

Verhandlungen mit dem Filmkonzern ein. Nur aus diesem Grunde hatte er

sie gefragt, bei welchem Theater sie zur Zeit spiele. Es traf sich

günstig, daß sie ohne Engagement war.

Schon am Tage nach der Versteigerung rief er Mackentin und Goldbaum zu

sich, um mit ihnen die Frage des Kredits an den Filmkonzern erneut zu

beraten. Goldbaum war hocherfreut, daß er auf diesen Gegenstand

zurückkam. Sein fettes, mit hellroten Bartstoppeln bedecktes Gesicht

strahlte, seine kleinen Augen blitzten listig hinter dem schiefen

Kneifer. Mackentin aber verzog mißmutig das Gesicht mit der schiefen

Nase.

„Versuchen Sie die äußersten Bedingungen zu erzielen und ziehen Sie die

Daumenschrauben tüchtig an.“ ‚Die Daumenschrauben‘, das war ein

stehender Begriff im Schellenbergschen Sprachschatz geworden. „Sehen Sie

zu, daß wir im Laufe des morgigen Vormittags eine Besprechung mit den

Herren haben können.“

„Sie wollen also wirklich diese hohe Summe daran setzen?“ fragte

Mackentin düster, zu Wenzel emporschielend.

„Ich habe meine Gründe.“

Mackentin sah Wenzel an und machte eine kleine Verbeugung. „Schön,

schön,“ erwiderte er. „Die Konferenz wird im Laufe des morgigen

Vormittags stattfinden.“

Einige Tage später erhielt Jenny Florian von der

Odysseus-Film-Gesellschaft einen äußerst höflichen Brief mit der

Aufforderung, sich sobald wie möglich im Bureau der Gesellschaft

vorzustellen. „Herr Wenzel Schellenberg hatte die große

Liebenswürdigkeit, uns auf Ihre Begabung aufmerksam zu machen.“

„Herr Wenzel Schellenberg!“

Jenny errötete. Sie las den Brief einigemal und fühlte, wie ihre Hand

eine leichte Lähmung überkam. Dann aber geriet sie in einen wahren

Freudentaumel. Sie kleidete sich hastig an und stürzte augenblicklich zu

Katschinsky.

„Sieh diesen Brief!“ rief sie aus. „Es ist die Odysseus-Gesellschaft!“

Aber Katschinsky schien über diese frohe Botschaft gar nicht so sehr

erfreut zu sein. Er nahm den Brief mit zwei Fingerspitzen auf und kniff

die Lippen zusammen. „Ah, Schellenberg,“ sagte er, leise und spöttisch

lachend, und kräuselte die Stirne bedeutungsvoll.

„Vielleicht ist es möglich, daß du ebenfalls bei der Gesellschaft

ankommst?“ Jennys Stimme schmeichelte, sie sah, daß er blaß geworden

war.

Katschinsky setzte ein verletztes Lächeln auf. „Ich brauche keine

Protektion,“ sagte er gekränkt.

„Aber nun höre zu!“ rief Jenny und warf sich aufgeregt in einen Sessel.

„Sie schreiben, ich möchte ihnen eine kleine Szene vorspielen, damit sie

wissen, wie sie mich am günstigsten herausstellen können. Was für eine

Szene soll ich spielen? Rate mir!“

Katschinsky ging nachdenklich auf und ab. „Was für eine Szene? Nun, wir

wollen darüber nachdenken. Strindberg? Willst du eine Szene aus

Strindbergs ‚Christine‘ spielen?“

„Ich weiß es nicht. Ich glaube, nicht Strindberg.“ Sie berieten hin und

her. Endlich sprang Jenny ungeduldig auf. „Wir wollen zu Stobwasser

gehen, vielleicht fällt ihm etwas ein.“

Stobwasser saß still, das Antlitz voller Sammlung, in seinem Atelier,

umgeben von seinen Papageien, Kakadus, Staren und seiner Katze, und

modellierte an einer kleinen Tierplastik. Er begriff nicht sofort, was

die beiden wollten, die ihn überfallen hatten. Dann aber glühte in

seinen dunklen Augen die Wärme auf. „Das ist ja eine herrliche Sache,

Jenny!“ rief er aus. „Ich beglückwünsche Sie herzlich!“

„Das Auge eines Finanzgewaltigen ist auf Jennys blonden Scheitel

gefallen,“ sagte Katschinsky sarkastisch.

Jennys Gesicht wurde hellrot, wie im Fieber. „Es wird dir nicht

gelingen, mir die Freude zu verderben!“ rief sie aus. Sie lachte dabei,

aber sie schämte sich für Katschinsky, der selbst vor Stobwasser seine

Eifersucht nicht verbergen konnte.

Stobwasser aber schob die Arbeit zur Seite und begann nachzudenken. Ja,

was sollte Jenny spielen? Es war natürlich von der größten Wichtigkeit,

daß das Debüt erfolgreich verlief. Schließlich hob er die Hände zur

Decke empor. „Himmel, eine Inspiration!“ rief er aus. „Laß uns

nachdenken, Katschinsky. Von diesen zehn Minuten kann Jennys ganze

Zukunft abhängen. Wir wollen ins Café gehen und beraten.“

Im Kaffeehaus wurde beschlossen, daß Jenny weder Strindberg noch sonst

einen Dichter spielen sollte. Sie sollte eine kleine Szene vorspielen,

die ihr schauspielerisches Talent und alle die Vorzüge ihrer Erscheinung

ins rechte Licht setzen sollte. Ja, aber was für eine Szene?

Plötzlich hatte Jenny eine Inspiration. „Ich werde folgende Szene

spielen!“ rief sie aus. „Seid still! Ich spiele einen Mannequin in einem

Modesalon. Das heißt, nicht einen Mannequin, sondern eine Wachspuppe.

Ein schöner Herr geht vorüber, die Wachspuppe erwacht langsam zum Leben.

Der Herr fühlt es, dreht sich um, nun wird sie ganz lebendig. Sie

plaudert mit dem Herrn. Da aber kommt der Abteilungschef, sie erstarrt

wieder zu einer Wachspuppe. Aber sie ist nicht an der richtigen Stelle

erstarrt. Nun muß sie sich ganz langsam zu ihrem Postament

zurückbegeben. Endlich steht sie wieder auf dem alten Platz. Wie gefällt

euch dies?“

Katschinsky schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden.

Stobwasser aber sprang begeistert auf. „Was für eine wunderbare Szene!“

rief er aus. „Sie werden Augen machen. Wenn sie Sie dann nicht

engagieren, ist ihnen nicht zu helfen!“

„Sie werden sie engagieren,“ sagte Katschinsky mit großer Bestimmtheit.

„Wieso weißt du das?“ fragte Jenny, verletzt durch seinen Ton.

Katschinsky lenkte ein. „Ich wollte sagen, wenn du die Szene gut

durcharbeitest, so bin ich überzeugt, daß du Erfolg haben wirst.“

Jenny aber hatte seine Gedanken wohl erraten. Sie erhob sich. „Ich werde

nun gehen, um gleich mit der Arbeit zu beginnen,“ sagte sie.

Katschinsky hob seinen Blick flehend zu ihr. Sie schien ihn nicht zu

bemerken.

5

Jenny hatte ihre kleine Szene „Die verliebte Wachspuppe“ bis in die

letzten Einzelheiten ausgearbeitet und hundertmal vor dem Spiegel

eingeübt.

Man empfing sie bei der Odysseus-Gesellschaft mit äußerster

Zuvorkommenheit. Sie brauchte nicht eine Sekunde zu warten. Die Türen

öffneten sich von selbst, und über lange Korridore wurde sie direkt in

das Heiligtum des Direktoriums geleitet.

Eine Sekretärin nahm sie zur Seite und übergab ihr mit geheimnisvoller

Miene einen Brief. Es war ein kurzes Schreiben Schellenbergs, der sie

ermahnte, keinerlei Vertrag zu unterschreiben, bevor er ihn nicht

gesehen habe. Er wünsche die Angelegenheit mit ihr gründlich zu

besprechen und würde sich freuen, wenn sie übermorgen die Oper mit ihm

besuchen könne, da er am Tage keine freie Minute habe.

Jenny las. Oh, sie verstand, sofort war ihr Gesicht fieberrot.

Im Direktionszimmer erhoben sich einige elegant gekleidete, beleibte

Herren, höflich, ja fast unterwürfig.

„Haben Sie sich irgend etwas ausgedacht, womit Sie uns überraschen

werden, Fräulein Florian?“ fragte einer der Direktoren.

Jenny erzählte kurz ihre Szene. Ihre Augen waren vor Angst doppelt so

groß geworden.

Man war sehr zufrieden mit dem Einfall. Dann begann sie, aber sie

spielte verwirrt und schlecht.

„Ich muß noch einmal anfangen,“ sagte sie.

„Bitte, seien Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund zur Erregung.“ Die

Herren verschwanden tief in ihren Sesseln, um sie ja nicht zu stören.

Als sie die kleine Szene schlecht und verwirrt gespielt hatte, drückten

ihr die Direktoren anerkennend die Hand. „Wir werden sehen, Fräulein

Florian. Es wird nötig sein, Sie in einer ganz besonderen Sache

herauszubringen. Sie sollen der Star unserer Gesellschaft werden. Der

Vertrag, den wir Ihnen anbieten, läuft über drei Jahre. Sie können ihn

morgen unterzeichnen.“ Unter vielen Bücklingen komplimentierten die

Direktoren Jenny hinaus. Als sich aber die Polstertür hinter Jenny

geschlossen hatte, sahen sie einander bedeutungsvoll an.

„Es ist eine Katastrophe,“ schrie der eine der wohlbeleibten Direktoren.

„Sie ist ja eine völlige Dilettantin!“

„Sie ist begabt,“ warf der Regisseur ein. „Und sie ist hübsch, ja schön.

Ihr Körper ist ohne Tadel, ihre Bewegungen sind ungekünstelt, reizvoll,

bezaubernd, rührend, voller Musik. Sie war heute verwirrt und unsicher.

Überlassen Sie sie mir. In zwei Monaten ist sie nicht wiederzuerkennen.“

„Zwei Monate! Oh! du gerechter Himmel!“

Katschinsky wurde kreidebleich, als Jenny ihm Schellenbergs Brief

zeigte. „Wirst du gehen, Jenny?“ fragte er, indem er die grauen Augen

streng auf sie heftete.

„Natürlich werde ich gehen! Ich gefährde doch nicht meinen Ruf, wenn ich

mit einem Herrn eine Opernvorstellung besuche, der guten Kreisen

angehört?“

„Aber weißt du denn, wer Wenzel Schellenberg ist? Gute Kreise?

Zugegeben, er war früher Offizier – sein Ruf ist jetzt nicht der beste.

Du weißt, daß er einer der rücksichtslosesten Ausbeuter ist, die heute

in Deutschland leben. Dazu ist er einer der bekanntesten Frauenjäger

Berlins. Er hat die Frauen zu Dutzenden. Er kauft sie, wie man Ware

kauft!“ Katschinskys Stimme bebte.

Nun war es an Jenny, blaß zu werden. „Beruhige dich,“ versuchte sie ihn

zu besänftigen, bebend unter seinen versteckten Beschimpfungen. „Ich

habe dir nie Anlaß gegeben, mich für leichtsinnig zu halten. Wie töricht

ist deine Erregung! Ich werde die Oper mit ihm besuchen, um nicht

ungefällig zu erscheinen, und das ist alles.“

„Also du gehst?“

„Ja, ich gehe.“

Krachend flog die Türe ins Schloß.

Jenny weinte. Sie warf sich auf die schmale Ottomane ihres bescheidenen

Zimmers. Dann aber erhob sie sich, wusch sich die Augen, kühlte die

Wangen mit Kölnischem Wasser.

„Soll er gehen,“ sagte sie, während sie sich eine Zigarette anzündete.

„Ja, soll er gehen! Schluß, Schluß, Schluß! Oh, wie gut es ist, daß es

zu Ende ist!“ Jetzt erst wurde sie zornig. Sie stieß mit dem Fuß auf den

Boden. „Er ist anmaßend, er ist lächerlich. Und was ist er schließlich?

Sobald ein Mann Erfolg hat, beschimpfen ihn die andern Männer! Es ist

Zeit, es ist hohe Zeit, daß ich diese Verbindung löse! Ich aber habe

gefallen,“ fuhr sie in anderem Tone fort, triumphierend, und wiegte sich

tänzelnd in den Hüften, während sie auf dem abgetretenen Teppich hin-

und herging. „Mein Engagement ist perfekt. Ich werde meinen Weg machen.

Und Schellenberg –“ Freude durchströmte sie. „Sofort werde ich an Papa

schreiben.“

Jenny Florian stammte aus Lübeck. Hier kannte sie jedermann. Sie hatte

als kleines Mädchen Gedichte vorgetragen und Blumensträuße überreicht,

wenn eine hohe Persönlichkeit ihre Vaterstadt besuchte. Mit zwölf Jahren

hatte sie bei einem Festzug in bedeutender Rolle mitgewirkt. Mit

vierzehn Jahren bekam sie einen Preis bei einem Schwimmfest. Wer sollte

Jenny Florian nicht kennen? Täglich ging sie durch die Breite Straße,

zwischen fünf und sechs Uhr, wie alle Welt. Mit sechzehn Jahren malte

und modellierte Jenny Florian. Eine Buchhandlung arrangierte eine kleine

Ausstellung ihrer Arbeiten, und die Kritiker der Zeitungen schrieben

anerkennende Aufsätze darüber. Mit siebzehn Jahren trat Jenny Florian

beim Stadttheater als Volontärin ein und feierte in einigen kleinen

Rollen Triumphe. Wer sollte also Jenny Florian nicht kennen? Man

prophezeite ihr eine große Zukunft. Sie galt als das größte Talent ihrer

Vaterstadt, und es war nicht zweifelhaft, daß sie eines Tages eine

berühmte Künstlerin werden würde. Vielleicht Malerin, vielleicht

Schauspielerin, vielleicht auch eine berühmte Sängerin? Denn es war

bekannt, daß Jenny eine wunderbare Stimme habe. Erschien sie nur auf der

Straße, so wandten sich alle Leute nach ihr um.

Es war klar, daß die kleine Stadt Lübeck nicht der Ort war, wo Jennys

große Begabung sich entwickeln konnte. Ihr Vater, ein Beamter, stolz auf

seine begabte Tochter, sandte sie zuerst auf die Kunstschule in Hamburg.

Dann aber ging sie nach Berlin, um sich ernsthaft der Bühne zu widmen.

In Hamburg, auf der Kunstschule, hatte sie Katschinsky kennengelernt,

und in Berlin hatten sie sich natürlich wieder getroffen. Katschinsky

hatte in dieser Zeit einige kleine Erfolge erzielt. Ein paar Witzblätter

brachten einige seiner Karikaturen. Bei einer Ausstellung wurde er

anerkennend von der Kritik erwähnt. Sie sah zu ihm auf. Katschinsky

begleitete sie in die Museen, er führte sie in die Theater, erzählte ihr

Interessantes über diesen und jenen Bühnenkünstler, Anekdoten, Klatsch.

Er führte sie in das Künstlercafé und zeigte ihr diese und jene

Berühmtheit. Er stellte sie jungen Malern, Architekten, Schriftstellern

vor, führte sie in verschiedenen Ateliers ein. Er war ein unschätzbarer

Mentor. Mehr als das: er liebte sie.

Nun aber war Jenny in einen großen Konflikt geraten. Schon seit einigen

Monaten hatte sie es sich vorgenommen und immer gezögert. Von Woche zu

Woche. Sie wollte sich von Katschinsky trennen! Sie entfernte sich von

ihm täglich mehr, aber er schien es nicht zu bemerken. Ihr Urteil war

rasch reifer geworden. Sie erkannte, daß sie die Persönlichkeit des

Freundes überschätzt hatte. Sie sah plötzlich seine Fehler und

Schwächen. In den Zeiten, da sie ihn zu lieben glaubte – denn in

Wahrheit hatte sie ihn nie geliebt, das wußte sie jetzt –, in diesen

Zeiten hatte sie zu ihm gesagt: „Du bist so schön wie Apollo.“ Nunmehr

aber sagte sie zu ihm: „Dein Mund ist zu weich, du hast den Mund eines

Mädchens.“ Sie hatte sein seidenes, blondes Haar geliebt, nun aber fand

sie, daß dieses Haar zu zart, zu seidig, viel zu mädchenhaft war. Noch

vor Monaten hatte sie aller Welt die Tugenden Katschinskys gepriesen. Es

gab keinen uneigennützigeren Menschen. Nunmehr aber wußte sie, daß

Katschinsky nichts war als ein Egoist, der nur an sich dachte und an

nichts anderes. Mehr als einmal mußte sie sich überzeugen, daß er sie

belog. Und nichts haßte sie mehr als die Lüge. Sie war in Verlegenheit,

er versicherte, kein Geld zu haben, aber doch ging er da und dort hin,

in dieses Café, in jene Diele. Ihr Vater sandte ihr jeden Pfennig, den

er entbehren konnte. Es war nur wenig, aber dieses Wenige teilte sie mit

Katschinsky, wenn es ihm schlecht ging. Sie vergaß es ihm nicht, daß er

einmal Geld von ihr borgte, um, wie er sagte, einem kranken Freunde

beizuspringen. Sie gab ihm das Geld und lebte eine Woche von Tee und

Weißbrot. Dann aber erfuhr sie, daß Katschinsky das Geld von ihr geborgt

hatte, um auf einen Maskenball zu gehen. Sie erfuhr es ganz durch

Zufall. Sie erfuhr aber auch durch Zufall, daß Katschinsky eine Liebelei

mit einer Verkäuferin angefangen hatte und von dem Mädchen Geld nahm.

Mehr und mehr wurde es ihr klar, daß man seinen Worten nicht vollen

Glauben schenken konnte. Oh, mehr als das, es wurde ihr klar, daß er

fast immer log. In letzter Zeit hatte er sie auch bei seinen neuen

Freunden eingeführt, wo man spielte, aber sie hatte sich vorgenommen, in

Zukunft diese Kreise zu meiden.

„Bedenklich,“ sagte sie sich, „scheinen mir seine neuen Bekanntschaften

und Ambitionen.“

Ganz allmählich war der Glanz verblaßt, in dem sie den einst

Vergötterten gesehen hatte.

An all das dachte sie, während sie an ihren geliebten alten Vater

schrieb, um ihn durch die Nachricht zu erfreuen, daß sie einen

dreijährigen Kontrakt mit einer der ersten Filmgesellschaften

abgeschlossen habe. Der Vertrag sei so gut wie perfekt. Über die

Bedingungen würde sie morgen berichten. Aber während sie schrieb –

ausführlich schilderte sie den heutigen Empfang bei der Gesellschaft,

nur den Namen Schellenberg erwähnte sie nicht –, während sie schrieb,

quälte sie dieser Konflikt, in dem sie sich befand. Ich werde mit

Katschinsky brechen, sagte sie sich. Oh, ich hätte es schon längst tun

sollen. Was wird er nun glauben? Er wird allen Leuten erzählen, daß –

Das aber war nicht alles, nein. Das allein hätte sie nicht so gepeinigt,

es kam noch etwas dazu, und das war weit fürchterlicher: Sie fühlte, daß

ihr dieser Wenzel Schellenberg nicht gleichgültig war. Ja, es war

unzweifelhaft, sie fühlte es zu deutlich. Oft schien es, als stocke ihr

der Atem, ihr schwindelte. Und dann schien es wieder, als habe man mit

einem haarscharfen Messer ihre Brust geritzt und ein Tropfen Blut fließe

über ihre Brust herunter. Es war keine Selbsttäuschung möglich: sie

sehnte sich nach diesem großen, breitschulterigen Mann mit dem etwas

derben Gesicht und dem – wie war es doch, sein Lächeln? Verächtlich,

überheblich? Sie sehnte sich nach ihm, mehr noch, sie liebte ihn, sie

wußte es, und daß sie ihn liebte, das war entsetzlich! Nicht sein Geld

liebte sie, seinen Reichtum, seine Schätze, Pferde und Automobile. Sie

wollte nicht sein Geld. Nicht einen Pfennig würde sie von ihm annehmen.

Sie wollte nicht seine Pferde und Automobile, was gingen sie die an? Er

protegierte sie. Sollte er nicht das Recht haben, sie zu protegieren?

Zugegeben, daß der Vertrag mit der Odysseus-Gesellschaft ohne seine

Vermittlung niemals zustande gekommen wäre. Er wollte ihr gefällig sein.

Konnte sie es ihm verbieten? Katschinsky aber hatte stets nur an sich

gedacht, und selbst jetzt empfand er nichts als Eifersucht, weil sie

Erfolg hatte.

Aber am entsetzlichsten war es, daß nicht ihr Herz allein erregt war,

auch ihre Sinne. Was würde werden? Was würde geschehen? Er würde es ihr

sofort ansehen, auf den ersten Blick. „Ratet mir, was soll ich tun?“

„Mein lieber, geliebter alter Seehund,“ schloß Jenny den Brief. Seehund

war ihr Kosename für den Vater, der, mit seiner Glatze, seinen runden

Augen und seinem hängenden Schnauzbart tatsächlich eine gewisse

Ähnlichkeit mit einem Seehund hatte. „Mein geliebter alter Seehund,

morgen schreibe ich mehr. Es gehen hier große Dinge vor. Ich fühle es,

daß ich glücklich sein werde!“

Dies schrieb sie, es floß von selbst aus der Feder, während die Qual sie

zerriß. Mochte es stehen bleiben.

Sie verschloß den Brief und trug ihn zum Kasten. Dann ging sie langsam

durch die Straßen, um nachzudenken, um sich zu sammeln, um das heiße

Gesicht zu kühlen. Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen und

wiederholte immer die gleichen Worte: „Was soll geschehen? Er wird es

mir sofort ansehen! Ich werde nicht in die Oper mit ihm gehen. Ich werde

abschreiben.“ Sie blieb stehen und fragte sich: Wann? Ist es übermorgen?

Das sind noch achtundvierzig Stunden weniger zwei, also sechsundvierzig

Stunden. Sie ging nach Hause und zeichnete auf einen Briefbogen

sechsundvierzig Quadrate, und wenn eine Stunde vergangen war, strich sie

ein Quadrat aus.

Sie las, aber die Zeit stand still, die Uhr stockte, sobald sie sich

über das Buch beugte. Sie ging auf und ab.

Gut? Nein, sein Gesicht ist nicht gut, aber es ist etwas Gutes darin.

Und dann ist etwas Furchtbares darin. Seine Stimme ist oft so laut.

Immer verschwendet er Kraft, auch wenn er spricht. Wenn man in den

Sternen lesen könnte –! Sie trat ans Fenster und blickte über die

dunkeln Giebel. Keine Sterne, nichts. Aber was war das? Was kam da

zwischen den Schornsteinen hervor? Sie erschrak. Was war das? Licht,

gleißendes Licht stieg in die Höhe, verzehrte die finstern Schornsteine,

breitete sich aus zu einem gleißenden Tor. Es war der Mond.

„Darf man dieses Anzeichen günstig nennen, ohne die Götter zu erzürnen?“

fragte sich Jenny und legte sich nieder, den Glanz des Mondes in der

Brust. Als sie am Morgen erwachte, konnte sie acht weitere Quadrate

ausstreichen.

An diesem Vormittag kam Katschinsky zu ihr, verstört, bleich, die Augen

gerötet, mit zuckendem Mund, schweigsam. „Was ist geschehen, um Gottes

willen?“ fragte sie bestürzt.

Er stand und blickte starr auf den Briefbogen mit den unverständlichen

Quadraten. „Meine Mutter ist gestorben,“ sagte er. „Ich muß heute nach

Hamburg fahren.“

Sie umschlang ihn und preßte ihren Kopf gegen seine Brust. „Armer, armer

Freund,“ sagte sie. „Tröste dich.“

Er sah sie an. „Wirst du auch jetzt noch in die Oper gehen?“ fragte er.

„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich werde abschreiben.“ Aber sie wußte,

daß sie log. Schwache Menschen, Eifersüchtige muß man belügen, um Ruhe

vor ihnen zu bekommen. Sie freute sich, daß er wegfahren mußte. Oh, wie

weit weg war sie schon von ihm.

6

Langsam wurde die Überzahl der dunklen Quadrate erkennbar. Nun waren es

nur noch vierundzwanzig Stunden. Nur um einige Stunden totzuschlagen,

ging sie in ein Caféhaus, obwohl sie diesen Abend am liebsten allein

verbracht hätte. Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig auf und begann

mit den Vorbereitungen ihrer Toilette für den Abend. Ihre Garderobe war

armselig, fast wäre sie verzweifelt. Dann aber begann sie mit ihren

geschickten Händen zu arbeiten. Sie stürzte aus dem Hause, kaufte

Kleinigkeiten, Handschuhe, und am Abend fand sie, daß sie ganz annehmbar

gekleidet war. Schellenberg brauchte sich ihrer ganz gewiß nicht zu

schämen. Am Nachmittag kam ein Bote mit der Nachricht, daß der Wagen um

ein Viertel nach sieben vor dem Hause warten würde. Genau ein Viertel

nach sieben Uhr verließ sie ihr Zimmer. Der Wagen stand da. Aber zu

ihrer Enttäuschung fand sie nicht Schellenberg, sondern den kleinen

Stolpe vor dem Wagen stehen. Sie verlor fast die Besinnung.

Mein Gott, wie entsetzlich! sagte sie sich. Wie kann man sich nach einem

Menschen so wahnsinnig sehnen!

Stolpe überbrachte Wenzels Entschuldigung. Herr Schellenberg sei noch in

einer sehr wichtigen, gänzlich unerwarteten Konferenz und könne zu

seinem Bedauern erst später in die Oper kommen. Stolpe sei beauftragt,

ihr vorläufig Gesellschaft zu leisten.

Nun, das ging an. Jenny atmete wieder, während sie den Schmerz einer

leichten Kränkung zu verwinden suchte. Auch nicht die dringendste

Konferenz hätte ihn abhalten dürfen. Schon aber urteilte sie milder.

Augenblicklich, sie hatte kaum Platz genommen, überschüttete sie Stolpe

mit einem Schwall von Worten. „So geht es bei uns Tag für Tag, Fräulein

Florian,“ seufzte er, indem er sich in die Ecke des Autos fallen ließ

und nach Luft rang. „Von sieben bis acht ritten wir schon unsere Stunde

im Tiergarten ab, Galopp, Springen, anders geht es bei Schellenberg

nicht. Dann Konferenzen bis elf Uhr. Um elf Uhr im Flugzeug nach

Leipzig. Mittagessen: zwei Eier im Glas, einen Mokka, einen Kognak. Um

fünf Uhr zurück, geschlafen im Flugzeug, wieder Besprechungen und

Konferenzen. Ich habe gewiß nichts zu lachen. Sechzehn bis siebzehn

Stunden bin ich täglich im Dienst, und so geht es Tag für Tag, auch am

Sonntag. Es ist mir unbegreiflich, wie Schellenberg das aushält. Was

gibt man eigentlich in der Oper?“

Jenny hatte aufmerksam auf sein Geschwätz gehört. Alles interessierte

sie, was Schellenberg betraf, alles. „Man gibt ‚Figaros Hochzeit‘,“

antwortete sie lächelnd. „Sie wissen es nicht?“

„Nein, ich bitte um Verzeihung, Fräulein Florian, woher sollte ich es

wissen? Ich wurde ja erst vor einer Viertelstunde zu diesem allerdings

sehr, sehr angenehmen und ehrenvollen Auftrage kommandiert. Haben Sie

übrigens den Vertrag der Gesellschaft mitgebracht? Nun, dann ist es gut.

Ich atme auf. Schellenberg befahl mir, Sie daran zu erinnern. Und hier –

ich bitte um Verzeihung – sind die Blumen, Kamelien. Schellenberg hat

sie in Leipzig gekauft, und ich hätte sie beinahe vergessen. Er hat sie

mir ans Herz gelegt, Fräulein Florian. Loben Sie mich, wenn er fragen

sollte, ob Sie mit mir zufrieden waren. Er war heute schon sehr

ungnädig! Nein, ich habe ein schweres Brot, glauben Sie mir.“

Jenny richtete die Augen hell auf Stolpe. „Weshalb arbeitet Herr

Schellenberg so angestrengt?“ fragte sie. „Kann er sich nicht irgendwie

entlasten?“

„Es ist mir gewiß unverständlich,“ erwiderte der kleine Herr von Stolpe.

„Ich weiß es nicht. Entlasten, sagen Sie? Entlasten? Gänzlich unmöglich.

Er macht alles selbst. Der Drang zur Tätigkeit ist bei ihm wie eine

Krankheit. Eine ganze Bibel von Depeschen schleudert er am Tage hinaus.

Am Abend aber, sollte man annehmen, sinke er tot um. Aber nein, weit

gefehlt, am Abend wirft er sich in Gala, und dann geht es los: Theater,

Gesellschaften, Spiel. Es ist mir rätselhaft, wann er schläft. So geht

es nun schon drei volle Jahre. Unverständlich. Dabei ist er immer in

prächtiger Laune. Sie werden ja sehen, Fräulein Florian. Ein sonderbarer

Mensch ist Schellenberg, ein ganz sonderbarer Mensch! In meinem ganzen

Leben habe ich einen solchen Menschen noch nicht kennengelernt. Wenn ich

ihn auch zuweilen verfluche – ich würde umsonst für ihn arbeiten. Er hat

Format, sehen Sie, das ist es. Format! Alles an ihm ist groß,

schrankenlos, ohne Grenzen.“ Während der ganzen Fahrt schwärmte Stolpe

von Wenzel Schellenberg. Er bewunderte ihn.

Und Jenny lauschte! Sonderbar genug, dieser unbedeutende Stolpe, dieses

rotbäckige, mit den Absätzen knallende Nichts, bei dessen Anblick sie

früher die Brauen hochzog, war ihr plötzlich fast sympathisch geworden.

In der Oper verwandelte sich Stolpe in einen schweigsamen Lakai, der

steif hinter ihr saß. Nur in den Pausen wagte er leise und devot nach

ihren Wünschen zu fragen. „Eine Erfrischung, Fräulein Florian? Ein Glas

Sekt?“

Kurz vor Beginn des Schlußaktes wurde die Tür geöffnet, und Wenzel trat

in die Loge. Stolpe verschwand ohne Abschied, wie ein Schatten. Wenzel

begrüßte Jenny, bat um Entschuldigung, und kaum hatte er neben ihr Platz

genommen, als das Orchester schon wieder einsetzte.

Jenny geriet in große Erregung. Ihre Brust flog. Sie suchte sich zu

beherrschen, vergebens. Sie fühlte Wenzels Blick, der prüfend, ohne jede

Hast über sie glitt. Diesen Blick, der sie bei jedem andern Mann empört

hätte, sie empfand ihn als Lust. Der Blick tastete über ihr Profil, über

ihr Haar, über ihren Nacken, über ihre Arme, und sie begann unter diesem

Blick zu zittern. Welche Macht hat er über mich, wer wird mir beistehen?

Dann aber spürte sie diesen Blick plötzlich nicht mehr. Wenzels Atem

ging ganz leise und auffallend regelmäßig. Sie blickte zur Seite und

sah, daß er die Hand vor die Augen gelegt hatte, als ob er schlafe. Und

in der Tat, während Mozarts Musik dahinrauschte und das ganze Haus mit

Zauber, Wundern und Wohlgerüchen erfüllte, schlief Wenzel Schellenberg

still in seinem Sessel.

Jenny versuchte ihm böse zu sein. Ihre Wangen wurden noch schmaler, ihr

Blick unglücklich und verletzt. War es, auch wenn man die größte

Nachsicht übte, nicht der Gipfel der Taktlosigkeit: erst kam er nicht,

und dann schlief er ein? Nie hätte ein anderer Mann das gewagt! Sie

versuchte bitterböse zu werden – aber sie vermochte es nicht! Er

schläft, er ist müde, dachte sie, sonst nichts, und lächelte.

Der Beifall weckte Wenzel. Er rieb sich die Augen und starrte auf die im

Applaussturm sich verneigenden Sänger wie auf eine Schar von Narren.

„Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Fräulein Florian, daß ich

schlief,“ rief er aus und lachte. „Anfangs hörte ich noch die Musik, und

dann schlief ich plötzlich ein. Ich war furchtbar müde. Ist es zu Ende?“

Seine Aufrichtigkeit söhnte sie wieder vollends mit ihm aus. Ihre

schönen Augen lächelten Verzeihung.

Schellenberg hatte ein erlesenes Souper in einem stillen, feierlichen

Restaurant bestellen lassen – in dem gleichen Restaurant, wo er vor

Jahren mit Michael soupierte.

Es gibt Menschen – so dachte Jenny Florian –, die man nie kennenlernt,

die sich verhüllen, verschleiern, mit ihrem Willen oder gegen ihre

Absicht. Dumme, eingebildete, überhebliche unglückliche Wesen. Wiederum

gibt es Menschen, die sich erst nach Jahren langsam erschließen, und es

gibt Menschen, sie sind selten, mit denen man in der ersten Minute

vertraut ist. Das sind die Ehrlichen, Einfachen, Reichen, die sich nicht

scheuen, die Türe weit aufzumachen. Zu diesen Menschen, so schien es

Jenny, gehörte Wenzel Schellenberg. Er machte keine Redensarten,

versuchte nicht zu fesseln, geistreich zu erscheinen, vorzutäuschen, er

posierte nicht, er war schlicht und einfach und gerade. Nach einer

kurzen Befangenheit hatte Jenny das Gefühl, als ob sie Wenzel schon

jahrelang kenne.

Zum erstenmal wagte sie ihm voll ins Gesicht zu sehen, zum erstenmal sah

sie ihn wirklich. Dieses Gesicht war breit, derb, fast etwas bäurisch,

aber fest und groß. Die Haut war rissig, braun, wie Leder. Die Augen

hingen wie unregelmäßige Scherben darin. Und es war sonderbar, es schien

Jenny, als sähe sie in diesem Augenblick zum erstenmal wirklich ein

menschliches Gesicht. Alles, was sie sich früher über das menschliche

Antlitz gedacht hatte, schien Vorurteil und Nachempfindung. Nun also

begann es, nun trat sie ins Leben ein, nun sah sie das Gesicht des

Menschen, wie es wirklich ist – ohne Beschönigung.

„Haben Sie Mut, Fräulein Florian?“ fragte Wenzel, die grauen Augen,

deren Blick etwas kalt schien, fest auf sie gerichtet.

Diese undurchsichtige Frage erschreckte Jenny. „Mut? Wozu Mut, Herr

Schellenberg?“ fragte sie, den schmalen Kopf verlegen zur Seite geneigt.

„Mut, dem Leben in die Augen zu sehen?“

„Oh, ich weiß nicht, ob ich diesen Mut habe. Vielleicht –?“

„Ich hoffe es, obschon dieser Mut in unserer Zeit selten geworden ist.

Die kleinlichen gesellschaftlichen Maßstäbe haben die Menschen im

allgemeinen zu einem erbärmlichen Gesindel gemacht. Ich kenne Leute, die

Angst davor haben, ihre Miete nicht bezahlen zu können, die das Urteil

ihres Portiers fürchten, die bei dem Gedanken zittern, gelegentlich,

wegen irgendeiner Sache, ein paar Wochen eingesperrt zu werden. Ja, so

lächerlich sind diese Menschen in diesem Zeitalter geworden. Klein und

ekelhaft – ich verabscheue sie! Wissen Sie, was es bedeutet: Mut zu

haben, dem Leben in die Augen zu sehen? Es bedeutet den Mut zu haben,

unter Umständen auch zugrunde zu gehen. Diesen Mut müssen Sie haben,

Fräulein Florian. Sie wissen, daß auch der wilde Tiger sich wie eine

Katze zu Füßen des Bändigers legt, wenn er nur Mut hat.“

„Ich habe entsetzliche Angst vor Tigern!“

„Um so größer muß Ihr Mut sein, Fräulein Florian. Denn Sie haben es ja

im Leben nicht mit Tigern zu tun, sondern mit Menschen. Der Tiger ist

gewiß eine achtunggebietende Erfindung des Schöpfers. Aber er könnte

noch schrecklicher sein. Zum Beispiel, wenn er imstande wäre, sein Gebiß

mit der Tatze herauszunehmen und meilenweit nach seinem Opfer zu

schleudern. Das alles aber kann der Mensch, der weitaus schrecklicher

ist als der Tiger. Er opfert für seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, seine

Genußsucht, ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mitmenschen, für

seinen Wahnsinn Millionen, was auch dem wildesten Tiger nicht in den

Sinn käme.“

„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“

„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch wird sich demütig

zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie nur Mut haben. Und Sie werden

diesen Mut haben. Auf Ihre Gesundheit!“

Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam ihre Wangen mit einem

zarten Orangehauch, der Wenzel entzückte. Es ist ein Rot, wie es

Ziegelsteine abfärben, dachte er.

„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er fort, „weil sie feige

sind! Es wird sich also darum handeln, Fräulein Florian, daß Sie alle

Ihre Fähigkeiten steigern und meistern. Sie haben viele Talente,

erwidern Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich gestehe

es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre Talente interessiere.

Ich selbst bin ohne jede Begabung, wenn man es nicht eine Begabung

nennen will, daß jemand mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von

Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine Kunst für Kinder

und Schwachsinnige, nicht mehr. Um so mehr ziehen mich Menschen mit

Talenten an. Endlich also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die

eine Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens. Später

brauchen Sie weder mich noch den Teufel! Ihr ganzes Dasein muß auf die

Pflege und Schulung Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es

ausartet, mißverstehen Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen

filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen. Ein paar Jahre

zähester Arbeit – hören Sie! –, und die Welt liegt zu Ihren Füßen, ich

weiß es.“

Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos an sie?

Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen beginnen wir,

Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß Sie auch tanzen? Schön, damit

werden wir anfangen. Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden

Lehrer für Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach

einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann. Sie werden

täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht. Meine Pferde stehen sich die

Beine lahm im Stall. Sie werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten

Hotel oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese Dinge sind

nicht unwesentlich und spielen eine größere Rolle, als Sie vielleicht

ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt sein, Sie werden sich disziplinieren.

Ohne Disziplin ist nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies,

dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner Leitung

anvertrauen?“

Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche Kraft

des Willens, und sie begann plötzlich Wenzel Schellenbergs Erfolge zu

begreifen.

„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu sein –“ Plötzlich

änderte Wenzel den Ton. „Da fällt mir ein,“ sagte er, „wo ist der

Vertrag der Filmgesellschaft? Darf ich ihn sehen? Man kann nie

vorsichtig genug sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es ist gut

so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film, den Sie spielen, ein

besonderes Honorar erhalten und dazu ein Fixum. Werden Sie mit

zweitausend Mark im Monat reichen?“

„Aber gewiß.“

„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde als Ihr Wächter

hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit dem Schwert. Ich glaube nicht

an die Liebe, Fräulein Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und

schätze sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute

Kameraden werden.“

7

Lise war den ganzen Tag sehr erregt. Am Abend um sechs Uhr sollte Frau

von dem Busch in Berlin eintreffen. Trotzdem Lise sich schon am frühen

Nachmittag fertig gemacht hatte, sich förmlich „abhetzte“ – trotzdem kam

sie zehn Minuten zu spät auf den Bahnhof. Zu ihrem großen Glück mußte

der Zug einige Minuten Verspätung gehabt haben. Die Reisenden strömten

gerade über den Bahnsteig.

Lise sah die Mutter neben dem Waggon stehen, eingehüllt in Mantel und

Pelzkragen. Ihr Hut hatte einen zu breiten Rand. Dazu trug sie einen

Schleier. Frau von dem Busch liebte es, sich für die Reise extravagant

zu kleiden: etwa wie eine etwas schrullenhafte englische Millionärin.

Einige Jahre zurück, aber kostbar im Material.

Frau von dem Busch winkte mit dem Schirm. Diese Bewegung erschien Lise

ungnädig und ungeduldig.

„Da bist du ja, Mamachen!“ rief Lise aus und stürzte in die Arme der

Mutter. „Verzeihe, daß ich mich verspätet habe, aber das Auto hatte eine

Panne.“ Sie log zu ihrer Entschuldigung, obwohl es gänzlich unnötig war.

„Oh, dieses Berlin!“ seufzte Frau von dem Busch, die mit großer

Aufmerksamkeit ihr Handgepäck im Auge behielt. „Hier, Träger Numero

zweiundvierzig, nehmen Sie das Handgepäck. Vergiß die Nummer nicht,

Lise.“

„Welch häßliches Wetter du mitgebracht hast, Mamachen.“ Es schneite in

dicken Flocken. Aber die Flocken zerrannen sofort wieder auf dem

Pflaster.

Endlich war das Gepäck verstaut und sorgfältig nachgezählt.

„Gott sei Dank, das wäre überstanden,“ sagte Frau von dem Busch, und

ihre Stimme wurde klar und sicher. „Die Ankunft ist immer das

Schlimmste. Wie geht es zu Hause, Lise? Ja, mein Kind, ich bin gekommen,

um deine Angelegenheiten etwas in die Hand zu nehmen.“

„Ich freue mich, daß deine Erkältung vollkommen verschwunden ist,

Mamachen,“ lenkte Lise ab. Sie wollte nicht, daß ihre Mutter schon im

Wagen von diesen unerquicklichen Dingen spreche.

„Es war nicht eine Erkältung, Lise. Es waren zwei und dazu das Rheuma.

Der Winter war sehr schlecht.“

Wieviel Gepäck sie mitgebracht hat, dachte Lise. Wie lange wird sie

bleiben wollen?

Die beiden Kinder, Gerhard und Marion, empfingen die Großmutter im

Treppenhause. Sie hatten länger als eine halbe Stunde vor der Tür

gewartet. Als sie die Großmama erkannten, stießen sie ein lautes,

freudiges Geheul aus.

„Aber so tobt nicht so, ihr Wildfänge,“ besänftigte sie Frau von dem

Busch. „Was sollen die Leute sagen? Kommt erst herein!“ Sie herzte und

küßte die Kinder, und ihr sonst etwas frostiges Gesicht strahlte

glücklich. Sie errötete vor Freude. „Da sieht man euch endlich wieder,

und wie reizend sie euch herausgeputzt haben.“

Das Mädchen gab sich den Liebkosungen der Großmutter vollkommen hin. Sie

schmiegte sich mit ihrem ganzen Gewicht in ihre Arme und wäre

herabgestürzt, hatte man sie nicht festgehalten.

Gerhard dagegen war zurückhaltend und scheu. Er wand sich abwehrend, so

gut es ging, ohne daß es allzusehr auffiel, in den Armen der Großmutter.

Er liebte es nicht, von ihr abgeküßt zu werden. Wo sie ihn küßte,

entstand ein nasser Fleck, und das haßte er. Sie hat ja einen

Schnurrbart, dachte Gerhard. In der Tat, Frau von dem Busch hatte einige

dünne Härchen auf der Oberlippe, die für gewöhnlich aber niemand

beachtete.

„Lege doch erst ordentlich ab, Mamachen.“

Frau von dem Busch trug noch den Mantel. Nur den Pelzkragen hatte sie

abgeworfen. Ihr Hut saß etwas schief von den Liebkosungen der Kinder.

„Ich kann mich nicht satt an ihnen sehen!“ rief sie aus. „Marion hat

genau solche hübsche rote Backen, wie du sie hattest, Lise. Jede ein

Apfel. Gerhard sieht nicht so wohl aus. Das ist ein ganz anderes

Gesicht,“ sagte sie zögernd, und Gerhard, der sie nicht verstand, aber

ahnte, daß diese Worte nichts Angenehmes bedeuteten, sah sie mit einem

argwöhnischen Blick an.

Frau von dem Busch stopfte den Kindern Schokolade in den Mund. „Und du,

wie heißt du?“ wandte sie sich plötzlich an das Zimmermädchen.

„Ich heiße Marie,“ antwortete das Mädchen und lachte. Das Mädchen lachte

nur, weil Frau von dem Busch sie duzte.

„Weshalb lachst du? Bei mir sollte ein Mädchen es sich einfallen lassen,

so zu lachen. Bringe eine Nadel und einen Faden, siehst du nicht, daß

eine Masche von Marions Strumpf rinnt. Oh, diese Mädchen von heute haben

keine Augen im Kopf.“

Gerhard mußte der Großmutter die französische Grammatik bringen und ihr

zeigen, wie weit er bereits in den Lektionen gekommen war. „Und, wie

sagt man: Hier bin ich, Gerhard?“ fragte sie. Gerhard wußte wohl, wie

man sagte, aber er empfand es beleidigend, daß man ihm alberne Fragen in

dieser herrischen Form vortrug, und so antwortete er nicht. Seine grauen

Augen glänzten abweisend, es waren Wenzels Augen. Zudem entdeckte die

Großmutter Eselsohren in der Grammatik, und sie versprach Gerhard, ihm

morgen zu zeigen, wie man ein Buch einbindet.

„Ein stolzes, eigenwilliges Kind, Lise,“ sagte die Großmutter. „Aber

schon ist die große Begabung des Vaters unverkennbar.“

Lise staunte.

Endlich war die Begrüßung zu Ende. Frau von dem Busch hatte die

Reisekleidung abgelegt. Sie küßte Lise, sah ihr lange und zärtlich in

die Augen, und dann begaben sich die beiden Frauen in das Speisezimmer.

„Ich habe gleich decken lassen, Mamachen.“

„Oh, wie gut, ich bin ordentlich hungrig. Ja, es war höchste Zeit, daß

ich wieder einmal nach Berlin kam, um mit dir über all die Dinge zu

sprechen.“

„Wollen wir zuerst essen, Mamachen?“ fragte Lise und zerknitterte die

Stirne.

Nach Tisch aber – nachdem die Kinder zu Bett gebracht worden waren – gab

es für Frau von dem Busch kein Halten mehr. „So,“ sagte sie und lehnte

sich in den Sessel zurück, und Lise wußte, daß die Mutter nunmehr von

dem wichtigen Thema nicht mehr abzubringen war. „Also,“ begann Frau von

dem Busch, „ihr zankt euch noch immer?“

„Zankt?“ Lise sah die Mutter verständnislos an.

„Zankt, ja. Ihr seid beide Kinder. Auch Wenzel, Gott, was für ein Kind

er ist, ein wilder Junge, der dumme Streiche macht. Aber man muß zugeben

– und ich habe es ja auch nie geleugnet –, daß er viele gute

Eigenschaften hat. Zum Beispiel, er ist kühn, mutig, entschlossen, das

ist eine Eigenschaft, die nicht alle Männer, ja, die wenigsten, haben.

Dabei ist er ja eigentlich gutmütig –“

Lises Gesicht flammte. „Mama,“ unterbrach sie die Mutter, sofort erregt.

„Du scheinst die Situation, die du ja zur Genüge kennst, absichtlich

verkennen zu wollen.“

„Absichtlich? Ich bitte recht herzlich, mein Kind.“

„Ja, absichtlich. Du weißt sehr gut, daß es zwischen mir und

Schellenberg aus ist, ein für allemal zu Ende.“

Frau von dem Busch lächelte nachsichtig. „Das sind nur Worte, Lise,“

entgegnete sie. „Ich habe Eheleute gekannt, die dreimal geschieden

wurden und sich immer wieder heirateten. Wenzel ist eine schrankenlose

Natur, er mußte sich austoben. Ich bin überzeugt, daß er jetzt schon

anderer Meinung geworden ist. Jedenfalls werde ich den Versuch machen –“

Lise machte Miene aufzustehen. „Ich habe es dir hundertmal wiederholt,

Mama,“ sagte sie mit eigensinnig zerknitterter Stirn. „An eine

Aussöhnung ist nicht zu denken. Wenigstens was meine Person betrifft,

nie, niemals. Und auch Schellenberg –“

Zärtlich griff Frau von dem Busch nach Lises Hand. „Ich meine es ja nur

gut mit dir,“ fuhr sie fort, „wir können doch über all diese Dinge ruhig

und offen sprechen. Deshalb bin ich ja nach Berlin gekommen. Man hört so

viel. Neulich war Oberst von Carlowitz aus Berlin bei mir. Was er alles

erzählte! Dieser Wenzel, wer hätte es gedacht, soll ja eine ganz

fabelhafte Karriere gemacht haben! Wer hätte ihm das zugetraut? Oberst

von Carlowitz sagte, Wenzel sei einer der fabelhaftesten Köpfe von

Berlin. Das heißt, ich will offen sagen, an Wenzels großen Fähigkeiten

habe ich ja nie gezweifelt.“

Lise verzog die Lippen. „Es quält mich, Mama,“ sagte sie.

„Aber ich verstehe nicht, wieso soll es dich denn quälen? Man muß über

all diese Dinge ruhig sprechen können. Der Zeitpunkt einer Aussöhnung

scheint dir also noch nicht gekommen zu sein? Das ist schade, sehr

schade. Ich hätte es begrüßt. Oberst Carlowitz erzählte, daß Wenzel sich

in geradezu blendenden Verhältnissen befindet. Er sprach von ungeheuren

Reichtümern.“

Gequält preßte Lise die Hände an die Schläfen. „Oh, Mama, ich will

nichts von diesen Reichtümern. Ich will nichts von diesem

zusammengescharrten Geld!“

Frau von dem Busch öffnete erstaunt den Mund. „Wie töricht du bist!“

rief sie aus. „Du bist ja immer noch seine gesetzmäßige Frau! Wie gut

ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin. Du bist eine Künstlerin,

eine Idealistin, du verstehst es natürlich nicht, deine Interessen

wahrzunehmen.“

„Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe,“ erwiderte Lise gelangweilt.

„Du bist zufrieden? Und Oberst von Carlowitz erzählte, vielleicht

übertreibt er, daß Wenzel vor kurzem die Jacht einer Großherzogin

gekauft habe!“ Frau von dem Busch wollte alles, jede Einzelheit wissen,

sie war ja nur zu diesem Zwecke nach Berlin gekommen.

Lise wiederholte, daß sie nichts Neues zu erzählen habe. Sie hatte ja

über alles bereits hundertfach schriftlich und mündlich berichtet. Das

war die Wahrheit. Bis auf jene Dinge, die Lise absichtlich verschwieg,

war Frau von dem Busch in alles eingeweiht.

Als Lise eingesehen hatte, daß Wenzel auf keinen Fall mehr zu ihr

zurückkehren würde, hatte sie sich, wenn auch unter Qualen, damit

abgefunden. Sie spielte zuerst die Rolle der verkannten, verlassenen

Frau. Sie war auch in der Tat viele Monate wirklich unglücklich. Sie sah

plötzlich alle guten Eigenschaften Wenzels im hellsten Lichte

erstrahlen. Aber die Zeit ging, die guten Eigenschaften verblaßten, und

die schlechten Eigenschaften traten hervor. Nunmehr sah sie nur noch die

schlechten Eigenschaften Wenzels, und sie sah ein, daß ein Mensch wie er

„nicht zu ihr paßte“. Das anfängliche Unglück aber hielt sie nicht ab,

ihr Leben wenigstens äußerlich in den gewohnten Formen fortzuführen. In

ihrem Salon gingen Damen und Herren aus und ein. Man kam zum Essen, wann

man wollte, zum Tee. Man konnte zu Lise Schellenberg immer kommen, immer

gab es Umarmungen und Küsse. Es verging fast kaum ein Tag, an dem nicht

drei, vier Besuche dagewesen wären. Zweimal in der Woche spielte ein

Quartett, jeden Tag war Gesangsstunde, dazu Konzerte, Theater,

Einladungen aller Art. Als es mehr und mehr bekannt wurde, daß Wenzel

Reichtümer erwarb, beobachtete Lise, daß das Interesse an ihrer Person

sich wesentlich erhöhte. Man betrachtete sie aufmerksam, und ihre

Freundinnen begannen auf diese Veränderung hinzuweisen. „Lise, man hört

Dinge –“ Aber Lise richtete sich sofort überempfindlich auf und machte

weiteren Ausführungen mit einem Blick ein Ende. „Sprechen wir nicht

davon, kein Wort mehr.“

Es lag nicht in Wenzels Natur, geizig zu sein. Er hatte kein Arg gegen

Lise im Herzen. Im Gegenteil, er wußte, daß er sie tief verletzt hatte.

Da waren ja auch seine beiden Kinder, und es lag ihm daran, daß sie eine

vorzügliche Erziehung genossen. Lises Ansprüche aber wuchsen von Monat

zu Monat.

Michael fungierte in diesen Jahren als Vermittler zwischen dem Bruder

und Lise. Wenzel, der klare Verhältnisse liebte, hatte ihr durch Michael

und den Anwalt mehr als einmal die Scheidung vorgeschlagen und ihr

glänzende Vorschläge in materieller Hinsicht gemacht. Oft war Lise nahe

daran gewesen, anzunehmen. Aber seit sein Reichtum notorisch geworden

war, setzte sie allen Vorschlägen ein eigensinniges Nein entgegen.

Sie kaufte Wäsche, sie kaufte Kleider und Schuhe, sie kaufte Hüte und

Pelze, aber die Rechnungen ließ sie alle Wenzel zustellen. Er befahl,

daß sie bezahlt werden sollten, daß man aber den Firmen mitteilte, daß

er nicht mehr für die Schulden seiner Frau aufkäme. Er fing an mit

einzelnen Firmen zu prozessieren. Lise ging zu anderen Firmen, und

wieder kamen Stöße von Rechnungen.

„Es tut mir leid, daß sie mich zu anderen Schritten zwingt,“ sagte

Wenzel mit einem bösen Lächeln. Er übergab die Angelegenheit einem

seiner Anwälte. Und die Richter, die beim Anblick dieser Rechnungen kaum

die Sprache zurückfanden, entmündigten Lise.

Als der Anwalt Lise diese Nachricht mitteilte, wurde Lise zum erstenmal

in ihrem Leben wirklich ohnmächtig. Drei Tage lang schwankte sie

kreidebleich durch die Wohnung. „Ich hätte nicht gedacht, daß er ein

Schuft ist,“ sagte sie. „Das ist die furchtbarste Enttäuschung, ich

hielt ihn nur für leichtfertig.“

Natürlich hatte Lise der Mutter diese beschämende Sache mit der

Entmündigung nie mitgeteilt. Sie hatte ihr nur angedeutet, daß sie mit

Wenzel prozessiere, da er die Rechnungen – Schuhe, Kleider, Wäsche für

die Kinder – beanstande.

Und über diesen Prozeß, der nach Lises Darstellung noch immer nicht

beendet war, geriet Frau von dem Busch an diesem Abend abermals in helle

Erregung.

„Wie gut ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin, um nach dem Rechten

zu sehen, Lise!“ rief sie aus. „Die Anwälte machen mit dir natürlich,

was sie wollen. Morgen werde ich zu Justizrat Davidsohn gehen. Er ist

ein alter Freund von Papa. Und dann noch etwas. Weißt du, Lise, wozu ich

mich entschlossen habe, jetzt in dieser Minute?“ Frau von dem Busch

hatte sich vor Erregung erhoben und blickte Lise mit einem kühnen Blick

an.

„Wozu, Mama?“ fragte Lise.

„Ich werde morgen zu Wenzel gehen! Ja, ich werde es tun!“

„Er wird dich nicht einmal empfangen, Mama,“ entgegnete Lise mit einem

spöttischen Lächeln.

Schon funkelten die Augen der alten Dame zornig. „Oh, er wird es nicht

wagen, mich abzuweisen,“ sagte sie und ballte die kleine, bleiche Faust.

8

Lise gab sich alle Mühe, der Mutter den Aufenthalt in Berlin so angenehm

wie möglich zu machen. Frau von dem Busch wollte nur eine Woche in

Berlin zubringen, um sich hierauf in ein Sanatorium zu begeben.

Wahrscheinlich in den Weißen Hirsch bei Dresden. Ihre Nerven waren

angegriffen und ihr Darm geschwächt. Überhaupt fühlte sie sich noch

nicht ganz erholt.

Die Damen besuchten Theater, Konzerte. Lise gab Einladungen. Die Wohnung

wimmelte von Menschen. Das berühmte Quartett spielte, Lise sang. Ein

Lohndiener mit weißen Handschuhen reichte den Tee. Frau von dem Busch

saß mit ihrer weißen Haarkrone, umringt von Damen und Herren, und

strahlte vor Entzücken. Man sagte ihr Schmeicheleien über ihr Aussehen,

über Lise und Lises Stimme. „Hören Sie doch, dieser Ton!“ Sie war eine

noch schöne Frau, mit roten Wangen. Besonders schön waren ihre

gepflegten, mit Ringen geschmückten Hände. Ihr linkes Augenlid war etwas

gelähmt und bedeckte das Auge um eine Kleinigkeit mehr als das rechte.

Das gab ihrem Gesicht den Ausdruck großer Nachdenklichkeit und

geheimnisvoller Verschwiegenheit.

Die Woche war längst vorüber, aber Frau von dem Busch traf noch nicht

die geringsten Anstalten abzureisen. Wie lange bleibt sie noch? fragte

sich Lise. Sie liebte die Mutter aufrichtig, aber sie ertrug ihre

Gegenwart nach einer Reihe von Tagen nur schwer.

„Herrlich ist es bei dir in Berlin, Liebling,“ sagte Frau von dem Busch

und tätschelte Lises volle, weiche Wangen. An den Vormittagen

„arbeitete“ sie im Haushalt. Das heißt, sie beschäftigte die Mädchen.

Die Gardinen wurden gewaschen, die Türen und Fenster abgeseift. Die

Garderobe wurde nachgesehen, die Wäsche. Dann wurden die Fußböden

gewichst. Frau von dem Busch selbst rührte keinen Finger. Sie erledigte

am Schreibtisch ihre umfangreiche Korrespondenz und erschien nur alle

fünfzehn Minuten. Ihre Dispositionen waren indessen so klar, daß niemand

zu widersprechen wagte.

An einem Vormittag aber verschwand sie geheimnisvoll. Lise wußte sofort,

was dies zu bedeuten hatte. Sie war zu Wenzel gegangen! Sie kannte den

Eigensinn der Mutter und war der Ansicht, daß ihr eine kleine Demütigung

nicht schaden würde.

Es muß gesagt werden, daß Frau von dem Busch nicht nur die Interessen

ihres Kindes verteidigen wollte; auch ihre Neugierde trieb sie zu

Wenzel. Da hatte sie nun unaufhörlich die verschiedensten Gerüchte und

Legenden vernommen – sie war ja vor zwei Jahren schon einmal in Berlin

gewesen –, aber gerade im letzten Jahre hatten diese Legenden eine

phantastische Färbung angenommen.

Das Haus in der Wilhelmstraße wimmelte von Menschen. Ein

Paternoster-Werk stieg auf und ab. Menschen sprangen heraus, schlüpften

hinein. Der Lift stieg lautlos in die Höhe. Ein Diener nahm ihre Karte

höflich und wohlerzogen entgegen und öffnete ihr die Tür eines kleinen,

luxuriös eingerichteten Wartesalons. Nicht ein Stäubchen! Hier konnte

Lise lernen.

Und das gehörte alles ihm, den sie – in ihrem Zorn, als er Lise

entführte – einen „gemeinen Verbrecher“ genannt hatte, einen „dummen

Jungen, der noch nicht trocken sei hinter den Ohren“ – das war nun

allerdings viele Jahre her und durch ihre Erregung erklärlich. Sie

bereute.

Zuerst kam ein junger Mann mit roten Bäckchen ins Zimmer, dem man sofort

die gute Erziehung anmerkte. Er klappte mit den Absätzen, verbeugte

sich, bat um eine Sekunde Geduld. Dann kam ein sehr distinguiert

aussehender Herr mit einer schiefen Nase, ein Hauptmann mit einem

unverständlichen Namen, der höflich ersuchte, sich noch eine Minute

gedulden zu wollen. Frau von dem Busch war nahe daran, Wenzel alle seine

Sünden zu vergeben.

Dann aber kam etwas zur Tür herein, etwas Massiges, Schwammiges, das

über den Kneifer schielte, rot wie eine Rübe, einen kleinen roten

Scheitel auf der Glatze, rote Bartstoppeln auf den feisten Backen.

Goldbaum. Er verdarb den ganzen guten Eindruck.

„Mein Name ist Goldbaum, gnädige Frau,“ sagte die rote Rübe und nahm in

einem Sessel Platz. „Ich bearbeite die privaten Angelegenheiten des

Herrn Schellenberg. Ich bitte, gnädige Frau, Ihre Wünsche zu äußern –“

Frau von dem Busch aber verlangte Herrn Schellenberg persönlich zu

sprechen. Die Masse schwankte, erhob sich, beteuerte, daß es schwer sei,

außerhalb der Reihenfolge – und der Rothaarige verschwand.

Man sagte mir ja, sonderbare Elemente, dachte Frau von dem Busch. Es ist

natürlich manches wahr daran.

Da kam der kleine rotbäckige Leutnant mit den guten Manieren wieder und

führte sie direkt in Wenzels Arbeitszimmer.

Frau von dem Busch hatte sich vorgenommen, um der „Sache ihres Kindes zu

dienen“, auf Wenzel einfach zuzugehen, als sei nichts geschehen, und ihm

zu sagen, daß zwischen den Menschen – aber der Blick Wenzels, der sich

hinter einem großen Schreibtisch höflich erhob, belehrte sie sofort, daß

bei diesem Burschen ein solcher Ton ganz und gar nicht am Platze sei.

Sie breitete nicht die Arme aus, wie sie es beabsichtigt hatte, von

ihrer ganzen einstudierten Rolle blieb nur ein harmloser Ton der Anrede,

dessen Unverfrorenheit Wenzel verblüffte.

„Ich bin in Berlin, Wenzel,“ sprudelte sie hervor, „und ich mußte dich

sehen, um dir guten Tag zu sagen und dich zu beglückwünschen. Wie du

aussiehst, prächtig. Etwas voller bist du geworden. Nicht dieses

Gesicht, Wenzel – wir haben uns zuweilen gestritten, ich weiß es. Aber

wir sind ja nur Menschen, und du bist klug genug, um zu vergessen.“

„Ich vergesse nichts! Ich vergesse niemals!“ fiel ihr Wenzel brüsk ins

Wort. Sein Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick. Dann bat er

sie mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. Seine Augen waren kalt,

hart und ohne jede Gnade.

„Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Frau von dem Busch,“ sagte er

hierauf, indem er die Augen ruhig und leidenschaftslos auf das Gesicht

seiner Schwiegermutter heftete. „Was wollen Sie?“

Wenzel war der alten Dame vom ersten Augenblick an überlegen. Er war,

nachdem er sich von der ersten Verblüffung erholt hatte, völlig ruhig,

sachlich, geschäftsmäßig, während sie vor Erregung bebte.

„Ich bin gekommen, Wenzel,“ sagte Frau von dem Busch, die plötzlich ihre

Sicherheit verloren hatte, „um mit dir die geschäftlichen

Angelegenheiten Lises zu ordnen.“

„Sie sind geordnet,“ erwiderte Wenzel kühl und höflich. Er schob Frau

von dem Busch eine Mappe mit Rechnungen und einen Kontoauszug hin. „Hier

sind die Abrechnungen, und hier sind die Rechnungen, die ich für Ihre

Tochter bezahlt habe.“

Frau von dem Busch setzte ihm mit vielen Worten auseinander, daß es

seine Pflicht sei, Lise und seine Kinder seinem Vermögen gemäß zu

unterhalten.

„Ich tue es,“ erwiderte Wenzel erstaunt. „Aber Sie werden zugeben, daß

es natürlich Grenzen gibt. Ich habe keine Lust, sechzehn Stunden zu

arbeiten, um die Launen Ihrer Tochter zu befriedigen. Ich habe auch

keine Lust, alle die Folgen der schlechten Erziehung zu tragen, die Sie

Ihrer Tochter angedeihen ließen.“

Frau von dem Busch sah ihn mit einem beleidigten Blick an. „Sie sind

herzlos und grausam!“ schrie sie außer sich. Ihr Gesicht war vor

Erregung so weiß geworden wie ihr Haar.

„Nun, so will ich lieber herzlos als schwachsinnig erscheinen,“

erwiderte Wenzel. „Aber ich bitte Sie, mich jetzt zu entschuldigen.“ Er

erhob sich und wies auf einen älteren, weißhaarigen Herrn, sehr schlank,

der soeben eintrat. „Darf ich Ihnen Herrn General von Simmern

vorstellen, der Ihnen zur Verfügung stehen wird?“

Es zeigte sich indessen, daß auch dieser würdige alte Militär die

Interessen Wenzels vertrat.

„Ich muß offen bekennen,“ sagte der weißhaarige General, „daß sechzig

Paar Schuhe in einem Jahr und zweihundert Paar Seidenstrümpfe doch

immerhin –“

Frau von dem Busch unterbrach ihn. „Darf ich bitten, ich möchte mit

meinem Schwiegersohn persönlich verhandeln.“

„Herr Schellenberg ist nicht mehr im Hause.“

Bleich, mit hektischen Flecken im Gesicht, verließ Frau von dem Busch

das Haus. Sie nahm ein Auto und fuhr sofort zu Justizrat Davidsohn,

einem Anwalt, den sie von früher her kannte und zu dem sie das größte

Vertrauen hatte.

„Er ist taktlos und brutal!“ schrie sie im Auto, rasend, außer sich.

Davidsohn bat sie, sich zu beruhigen und ihm in aller Ruhe den Fall

auseinanderzusetzen.

„Ich bitte Sie, ohne jegliche Schonung vorzugehen,“ ermahnte sie den

Anwalt.

„Schellenberg?“ fragte der Justizrat. „Welcher Schellenberg? Es gibt

zwei Schellenberg.“

„Wenzel Schellenberg.“

„Oh, Wenzel Schellenberg! Berichten Sie weiter, gnädige Frau. Es gibt

noch Michael Schellenberg, von dem die Zeitungen so häufig sprechen.“

Frau von dem Busch trug ihre Angelegenheit mit allen Einzelheiten vor.

Der Anwalt betrachtete sie mit aufmerksamen Augen, aber er hörte nur mit

halbem Ohre hin. Er dachte an den Schriftsatz, den er in dem Prozeß

Bergenthal & Co. noch in dieser Stunde diktieren mußte. Nur dann und

wann warf er eine zerstreute Frage dazwischen.

„Hat Ihre Tochter eine Mitgift in die Ehe eingebracht?“

„Mitgift? O nein. Mein Mann war ein hoher Verwaltungsbeamter, er liebte

es, ein Haus zu führen und legte großen Wert auf Kleidung. Es war seine

Pflicht. Er diente nur dem Staat. Es war ihm unmöglich, Reichtümer zu

sammeln. Damals waren die Beamten ganz anderer Art, Sie wissen es.“

„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Ich wollte nur Klarheit. Hätte

Ihre Tochter eine Mitgift bekommen, so wäre es vielleicht möglich

gewesen, zu beweisen, daß Herr Schellenberg sein Vermögen auf Grund

dieser Mitgift erworben hat. Gewiß, es wird alles geschehen, was in

meiner Macht steht. Es ist selbstverständlich, daß Ihre Tochter

Ansprüche und Rechte hat. Und wir werden diese Ansprüche und Rechte zu

wahren wissen. Schellenbergs Vermögen wird heute schon auf viele

Millionen geschätzt. Wir werden ihn zwingen, einige seiner Millionen

herauszugeben.“ Das Gesicht des Anwalts rötete sich flüchtig vor

Erregung. Er sprach, stand auf, ging hin und her, versprach, erweckte

große Hoffnungen, er redete sich in Eifer. Und doch dachte er, während

er sprach, ausschließlich an den Schriftsatz von Bergenthal & Co. Vor

zehn Minuten hatte er genau so erregt vor Bergenthal gesprochen.

Ganz begeistert verließ Frau von dem Busch das Bureau des Anwalts.

Es ist gut, daß ich gekommen bin und die Angelegenheit in die Hand

genommen habe, sagte sich Frau von dem Busch, als sie in das Auto stieg.

Lise allein wäre nie zurechtgekommen. Millionen, hatte er gesagt. Es

wäre wirklich ein Glück, wenn diese kleinliche Rücksichtnahme auf jeden

Pfennig endlich aufhören würde. Lise würde sie noch segnen.

Frau von dem Busch gab sich Träumereien hin, während sie durch die von

Menschen überfluteten Straßen rollte. Sie war zum Beispiel noch nie in

Ägypten gewesen. Und bei ihrer Neigung zur Bronchitis wäre für sie das

ägyptische Klima im Winter gewiß eine Wohltat.

9

Jenny speiste mit Wenzel im Hotel Eden.

„Haben Sie schon an die neue Wohnung gedacht, Fräulein Florian?“ fragte

Wenzel.

„Nein,“ erwiderte Jenny, und sie errötete. Es schien ihr, als klänge

Wenzels Stimme streng und rügend. Du mein Gott, sie konnte solch rasche

Entschlüsse nicht fassen. „Ich habe zur Zeit noch mit meiner Garderobe

zu tun. Das läßt sich in meiner alten Wohnung besser bewerkstelligen.“

„Dann trifft es sich sehr gut,“ fuhr Wenzel erfreut fort. „Ich war

vorgestern hier im Hotel mit einem schwedischen Geschäftsfreund. Er

hatte hier zwei Zimmer und ein Schlafkabinett und ein Bad, eine wirklich

reizende Wohnung, die auf den Tiergarten hinausgeht. Der Schwede ist

abgereist, und ich habe diese kleine Wohnung für Sie gemietet.“

Jenny betrachtete ihn mit großen Augen, dann schüttelte sie den Kopf.

„Hier im Eden? Aber, du lieber Himmel, das ist mir viel zu teuer.“

„Sie bekommen die Wohnung sehr billig, Fräulein Florian,“ entgegnete

Wenzel. „Ich bin mit dem Direktorium gut bekannt. Aber nun kommen Sie

gleich mit, ich werde Ihnen die Wohnung zeigen. Ich bin gewiß, daß Sie

davon entzückt sein werden.“

In der Tat, die Räume waren herrlich. Besonders das Bad entzückte Jenny.

In alle Räume hatte Wenzel große Blütensträuße stellen lassen. Jenny

sagte kein Wort, sie errötete tief. Das war ihr Dank.

Als Katschinsky aus Hamburg zurückkam und erfuhr, daß Jenny ins Eden

gezogen war, wurde er blaß wie ein Toter. Das luxuriöse Logis schien ihm

mehr zu verraten als alles andere. Augenblicklich machte er sich auf,

Jenny zu besuchen. Oh, sie war sehr vornehm geworden. Man mußte sich bei

ihr anmelden lassen, bevor man empfangen wurde.

Als Katschinsky die Tür des kleinen Salons öffnete und Jenny erblickte,

erschrak er, so schön war sie. Nie hatte er sie so schön gesehen. Sie

trug ein Kleid, das er nicht kannte. Ihre Haltung war sicher und ruhig,

voll natürlichen Stolzes. Sie ging wie ein Reh.

Sie stand am Fenster und wandte ihm ganz langsam den sanft schimmernden

Blick zu, mit einem leichten, etwas verlegenen Lächeln in den

Mundwinkeln, als ob sie sagen wollte: Ah, da bist du ja wieder, du

hättest noch länger wegbleiben sollen. Nein, nie war sie so schön

gewesen. Er hatte alle Linien ihres Gesichtes und ihres Körpers in

diesen beiden Wochen in Hamburg mit sich herumgetragen, den Glanz ihrer

Augen und den unbegreiflichen Reiz ihres sanften Gesichtes. Und doch war

sie viel, viel schöner, als er sie in seinen Gedanken gesehen hatte.

Aber als Jenny Katschinsky durch die Tür kommen sah, war ihr erster

Gedanke der gewesen, daß sein Gesicht zu zart, zu unmännlich, zu

weichlich, ja weibisch war.

Katschinsky nahm Platz, schlug die Beine übereinander und stützte das

Kinn in die Hand.

Er kann keine Bewegung machen, ohne zu posieren, dachte Jenny. Früher

hatte sie häufig gesagt: sein wunderbar gebauter und trainierter Körper

zeigt immer schöne Linien, er kann gar keine häßliche Bewegung machen.

„Wie war es in Hamburg?“ fragte Jenny.

Welche Gleichgültigkeit lag in ihrer Stimme. Er kam von der Beerdigung

seiner Mutter, und sie fragte: Wie war es in Hamburg? Offenbar hatte sie

vollkommen vergessen, daß seine Mutter gestorben war.

Jenny errötete nun. Die Taktlosigkeit ihrer albernen Frage kam ihr zum

Bewußtsein.

Katschinsky erzählte von seiner Reise. Er spielte den Gleichgültigen und

Unbeteiligten, den Freund, der tief gekränkt, aber zu stolz und

großmütig ist, um sich diese Kränkung merken zu lassen.

Jenny bemerkte, daß er sich vollkommen neu eingekleidet hatte. Strümpfe,

Schuhe, alles war völlig neu und modern. Es fiel ihr ein, daß seine

Mutter ein kleines Vermögen besessen hatte.

„Und wie steht es mit der Odysseus-Gesellschaft?“ fragte Katschinsky.

„Hast du abgeschlossen?“

„Ja, ich habe abgeschlossen.“

„Die Bedingungen gut?“ fuhr Katschinsky mit großer Gleichgültigkeit

fort.

„Ja.“

Dann verließ Katschinsky das Thema, obwohl er doch ein Recht gehabt

hätte, Näheres über die Bedingungen zu erfahren. Er ging.

Am nächsten Nachmittag aber kam er wieder. Jenny sah es sofort seinen

Augen an, daß er heute nicht die Rolle des Gleichgültigen spielen werde.

„Ich bin gekommen, dich zu einem Spaziergang abzuholen,“ sagte er in

munterem Tone, als habe es nie eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben.

„Wir wollen etwas gehen, und dann möchte ich mit dir Stobwasser

besuchen.“

Jenny schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ antwortete sie. „Willst du

Tee haben? Um sechs Uhr kommt der Regisseur zu mir. Ich habe zu

arbeiten.“

„Nun, wenigstens eine halbe Stunde, er kann ja ruhig etwas warten. Mache

mir die Freude, Jenny.“ Er haschte nach ihrer Hand und versuchte sie zu

berühren. Er wußte wohl, welche Macht er früher über sie besessen hatte.

Sobald er sie nur berührte, verlor sie alle Kraft und war ohne jeden

Widerstand. Aber Jenny wich ihm aus und wiederholte nur, daß sie zu

arbeiten habe, daß sie aber gern mit ihm ein halbes Stündchen beim Tee

plaudern wolle.

Sie klingelte, und sofort erschien der Kellner. „Wenn Herr Doktor

Brinkmann kommt, so sagen Sie ihm, daß ich ihn erwarte.“

Sie will mir beweisen, daß ich ihr gleichgültig geworden bin, dachte

Katschinsky.

Als Jenny den Tee eingoß, wobei sie ihren schlanken Körper leicht

zurückneigte, während sie mit einem Finger den Deckel der Teekanne

festhielt, wurde Katschinsky von einer Art Raserei ergriffen. Seine

Vorsätze, sich zu beherrschen, waren wie weggeblasen. Er erhob sich

bleich. Sein Atem ging hörbar vor Erregung.

Jenny, die Teekanne in der Hand, schlug das Auge groß und abwehrend zu

ihm auf. Aber dieser Blick, der ihn zurückdrängte, verstärkte nur noch

seine Erregung. Er nahm eine Zigarette vom Tisch, preßte sie zwischen

den zuckenden Fingern und fragte, während er versuchte, die Zigarette

anzuzünden: „Wie weit bist du mit ihm, Jenny? Ich wäre dir dankbar, wenn

du aufrichtiger wärest. Bist du schon die Seine geworden?“ Seine Brauen

flogen auf und ab.

Jenny wich zurück. „Was für ein Ton ist das?“ fragte sie leise und

erbleichte. Nie war sie schöner, als wenn sie bleich wurde.

Katschinsky geriet noch mehr in Erregung. „Ich habe nie gedacht, daß du

so feige bist, Jenny!“ rief er.

„Ich gebe keine Antwort auf eine solche Frage,“ erwiderte Jenny, und ihr

Auge glühte auf.

„Du weißt so gut wie ich, daß er ein Halsabschneider ist!“ schrie

Katschinsky rasend.

Jenny streckte zur Abwehr die Hände aus. „Pfui, pfui! Ich will es

nicht!“ rief sie und stampfte zornig mit dem Fuße auf.

„Jedermann weiß es, also weißt du es auch.“ Katschinsky brachte erregt

einige Fälle vor, die man sich von Wenzel Schellenberg erzählte.

Sie ließ ihn nicht aussprechen. „Gehe, gehe,“ sagte sie. „Du bist

ungerecht, ich will dich nicht hören, wenn du so sprichst.“

Katschinsky lenkte ein. „Du brauchst mir nur meine Frage zu beantworten,

und ich gehe – für immer,“ sagte er, und sein Blick grub verzweifelt in

ihren Zügen. Seine grauen Augen glänzten böse, sie funkelten vor Haß.

Ja, er haßte sie, Jenny, ebensosehr wie er sie liebte. Aber mehr als

sie, tödlich haßte er jenen Abenteurer, der diese Frau mit seinem Gelde

gekauft hatte, er haßte ihn um so mehr, je weniger er die Möglichkeit

hatte, ihm irgendwie beizukommen. Aber er würde sich rächen, eines

Tages, oh, keine Angst, die Stunde der Rache würde kommen. Tag und Nacht

würde es für ihn, Katschinsky, keinen anderen Gedanken mehr geben.

In diesem Augenblick klopfte es, und Doktor Brinkmann, der Regisseur,

trat ein.

Katschinsky stand bleich, mit zitternden Lippen. Eine Sekunde lang hatte

er geglaubt, Schellenberg werde kommen.

Jenny aber fand augenblicklich die Sicherheit zurück. Sie begrüßte Dr.

Brinkmann und machte die Herren bekannt. Während sie den Tee servierte,

plauderte und klingelte ihre Stimme heiter durch den Salon.

„Herr Katschinsky hat es schon beim Film versucht, aber er fand nicht

die richtige Anerkennung. Ich glaube aber, daß er sehr große Begabung

hat. Sie sollten ihn sich einmal näher ansehen, Herr Doktor Brinkmann.“

Dr. Brinkmann blinzelte mit den Augen und betrachtete Katschinsky

aufmerksam, wie ein Händler, der ein Pferd betrachtet. „Oh, vorzüglich,“

sagte er, „das Äußere ganz vorzüglich,“ und er traf mit Katschinsky eine

Verabredung.

Welche Torheit habe ich begangen, dachte Jenny. Aber nur um rasch ein

Gesprächsthema zu finden, war sie auf diesen Gedanken verfallen.

Katschinsky küßte ihr artig die Hand, lächelte, verbeugte sich und ging.

10

Für Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit und Vergnügen.

Dazwischen eingeschoben ein paar Stunden Schlaf. Er befand sich

unausgesetzt in einer Art Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den

Abenden und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch

Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber er zog die

leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge, die lachen machten, die

ihn sättigten, ein Rausch von Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge

verschob er auf später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht mehr

die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im Rennen zurückfalle,

wie alle, und dann habe ich immer noch Zeit genug, mich mit diesen

Dingen zu beschäftigen. Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh,

er liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches Tempo

haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren Musik dahinfegte. Eine

rumänische Zigeunerkapelle, die er in einer Bar entdeckt hatte, mußte

bei seinen Einladungen aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß

er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese Lieder soll man

spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben – sollte! Denn ich sterbe

nicht!“

Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch, herauszufinden, wo

in Berlin „etwas los war“. Irgendeine besondere Varieténummer,

irgendeine Tänzerin, die gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein

Clown, über den man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit.

„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie müssen sich mehr

umtun.“

Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit Bällen balancierten,

wurde er fast böse. Stolpe klopfte die Theater in den Vororten und im

Osten ab. Da gab es zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken,

etwas Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches, etwas

außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine Tänzerin oder Sängerin, die

Schellenberg interessieren konnte.

Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren die offiziellen,

bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde mit ihren Frauen

erschienen. Das war notwendig, aber Schellenberg langweilten diese

Abende maßlos. Dann gab es die intimen Einladungen für seine Freunde,

bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde. Die Gesellschaften

währten bis zum frühen Morgen, und es ging hoch her.

Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel die Lust an, ein

Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu geben. Der leuchtende Himmel,

den er über den Häuserschluchten glühen sah, verlockte ihn. Stolpe

schrieb die Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die

Vorbereitungen zu treffen.

Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz besondere Bewandtnis.

Es war ein altes Jagdschlößchen, und Mackentin hatte vor dem Kriege bei

einem Manöver einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier

gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß Baron Müncheberg,

der Besitzer von Hellbronnen, das Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel

kaufte es, ohne es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die

Zeit fand, es zu besichtigen, war er entzückt.

Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten eines alten

Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr als hundert Jahren geschaffen.

Das aber war nicht alles, es gab in diesem Park Wandelgänge,

Taxushecken, romantische Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine

kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das Jagdschlößchen

spiegelte sich in einem stillen, kleinen See, der drei kleine Inseln

hatte. Auf diesen Inselchen waren Pavillons errichtet, und zwei der

Inseln waren durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander

verbunden.

Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons von seinem Architekten

Kaufherr instandsetzen lassen.

Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte bis heute noch

keiner der Gäste vergessen. Wochenlang sprach man davon. Eine

Schauspielertruppe hatte auf der kleinen Naturbühne einige Szenen aus

dem „Sommernachtstraum“ gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“,

das wäre ja langweilig gewesen. Ein Feuerwerk lohte über dem See.

Kurzum, es war unvergleichlich. Gegen zweihundert Gäste waren anwesend.

Zu diesem Herbstfest sollte etwa nur ein Dutzend Gäste geladen werden,

nur der intimste Freundeskreis. Sie wurden in einigen Automobilen

verfrachtet und trafen mit dem sinkenden Abend in Hellbronnen ein. Schon

empfing sie die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Zigeunermusik.

Jenny war entzückt von Hellbronnen. „Es ist ja wie ein verwunschenes

Schloß,“ sagte sie.

„Ich will Ihnen Hellbronnen zeigen,“ sagte Wenzel, nahm sie ohne viele

Umstände unter dem Arm und führte sie fort.

Das Fest selbst enttäuschte Jenny. Sie fühlte sich nicht wohl bei all

diesem Lärm, bei all diesem lauten Gelächter, bei dieser rasenden Musik

und bei den Scherzen der Gesellschaft. Es waren die intimen Freunde und

Bekannten Schellenbergs, zwei mit ihren Frauen, die einen leichtsinnigen

Ton liebten, die andern zumeist mit Freundinnen, eleganten Geschöpfen,

eine Kollegin von ihr darunter und eine sehr bekannte und sehr schöne

Tänzerin, berüchtigt durch ihre Skandale. Unter den Herren befanden sich

einige bekannte Bankiers, die Söhne reicher Eltern, ohne Tadel

angezogen, ohne Tadel der Scheitel, die Hände, aber blasiert und

langweilig. Sie erzählten Witze, die Jenny schon alle im Kaffeehaus

dutzendmal gehört hatte. Welche Leere.

Die Mahlzeit war verschwenderisch. Es gab reichlich zu trinken, und

selbst die Damen wurden rasch ausgelassen. Die Tänzerin stieg auf den

Tisch und tanzte zwischen den Gläsern und Blumen. Ihr Erfolg war groß.

Wenzel hob sie vom Tisch und drückte sie an die Brust. Und als Jenny

dies sah, zerriß es ihr das Herz. Sie litt fast unaufhörlich an diesem

Abend. Wenzel bevorzugte sie. Wenzel stellte sie in den Mittelpunkt der

Gesellschaft, aber doch fuhr ihr jeder seiner freien, offenen Blicke,

die er einer anderen Frau zuwarf, wie ein Messer ins Herz, ja wie ein

Messer, das auf beiden Seiten geschliffen ist und sehr spitz, so fühlte

sie es. Aber sie liebte sein Lachen. Nie hatte sie ihn so lachen gehört.

Er lachte ausgelassen wie ein Knabe.

Nach dem Abendessen wurde es vor den Fenstern plötzlich hell wie bei

einem Brande. Wenzel hatte riesige Pechfackeln am Seeufer aufstellen

lassen. Sie brannten alle zur gleichen Zeit. Feuerströme wälzten sich in

dem stillen Wasser. Es sah herrlich aus, fast erschreckend. Man

beglückwünschte Wenzel zu dieser Idee.

„Man muß ja etwas sehen,“ sagte er. „Was sollen wir mit dieser Nacht

anfangen, und wie schauerlich finster ist es doch auf dem Lande.“

In einem Boot fuhr die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Musik

davon. Die Gesellschaft verteilte sich in vier kleine Boote, und man

ruderte zu den Inseln. Wenzel half der Tänzerin beim Aussteigen. Er

legte seine große knochige Hand um ihren schlanken Körper, und wieder

litt Jenny. Großer Gott, sagte sie sich, hoffentlich ist es bald zu

Ende.

In den Pavillons gab es Kaffee, Liköre und Schleckereien. Die Damen

fröstelten, die jungen Bankiers stülpten den Rockkragen in die Höhe und

sagten: „Es ist kalt, Schellenberg!“

„Nun gut, so fahren wir zurück. Fahrt voraus.“

„Wollen Sie hier bleiben, Schellenberg?“

„Ihr werdet schon sehen!“

Die Boote stießen ab, und alle wunderten sich, was Schellenberg

unternehmen werde.

In diesem Augenblick aber sprang Wenzel von der japanisch anmutenden

Brücke aus im Hechtsprung ins Wasser und schwamm hinter den Booten her.

Er lachte und prustete. „Ich will euch nur zeigen, daß es nicht kalt

ist!“ schrie er. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich wie ein Pudel,

der aus dem Wasser steigt.

Jenny zitterte am ganzen Körper. Sie trat dicht an Wenzel heran,

berührte seinen nassen Ärmel und sagte: „Sie werden sich erkälten,

kleiden Sie sich sofort um.“

Schellenberg lachte, aber mitten im Lachen brach er ab und sah Jenny in

die Augen. Der Ton, in dem sie ihre Bitte aussprach, hatte ihn betroffen

gemacht. Jenny war ganz bleich. „Ich gehorche!“ rief er und verschwand

schnell im Hause.

Es wurde getanzt, gelacht, getrunken. Oh, Jenny war glücklich, als sie

wieder in Berlin war.

11

Jenny hatte ihre Arbeit längst voller Eifer aufgenommen. Es war

eigentlich das erstemal in ihrem Leben, daß sie voller Fleiß, Hingabe

und Ausdauer arbeitete. Die Möglichkeit, die ihr geboten wurde, war

ungeheuer selten, ein wahrer Glücksfall, und sie wußte, daß es an ihr

lag, sie zu nützen.

Wenzel hatte ihren Tag eingeteilt, ihr Instruktionen gegeben, und sie

folgte ihnen. Sie nahm Unterricht bei einem Tanzmeister und begann ganz

von vorn mit der alten Ballettschule. Erst ging es sehr schwer, dann

machte sie rasch Fortschritte, und ihr Lehrer war zufrieden.

Wenzel hatte ihr seine Reitpferde zur Verfügung gestellt, und sie nahm

Reitunterricht. Jeden Morgen ritt sie im Tattersall. Sie fühlte sich

leicht und frisch, war entzückt von dem Glanz der Pferde, ihren guten

Augen und ihrem Geruch. Und es kam der Tag, da sie mit Genugtuung die

völlige Beherrschung ihres Körpers verspürte. Sie fühlte jede Bewegung,

jede kleinste Muskel. Sogar das Gehen auf der Straße war ihr ein Genuß,

sie empfand es fast als Wollust.

Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann war eine

schlichte, immer begeisterte Seele von einer grenzenlosen Geduld und

Güte. Wenn er mit ihr arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte,

ließ wiederholen. Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß, zu

gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann sie vor dem

Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen lernen, wie sie sich gefilmt

ausnahm. Die ersten Aufnahmen hätten Jenny fast entmutigt. Doktor

Brinkmann hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen. Nun

begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder Schritt, jede

Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein. Doktor Brinkmann selbst malte

ihr das Gesicht, wie die Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war

keine Hast mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen, das Auge

glänzte und flammte leidenschaftlich.

„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut aus. (Sie ahnte

nicht, daß er ein besonders hohes Honorar von Wenzel für seine Arbeit

erhielt.)

Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen Spielfilm in

Italien aufnehmen lassen.

Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete, sie

fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte sie irgendein

Lichtspieltheater, um zu beobachten, zu lernen. Langsam schien sich ihr

auch diese schwierige Kunst zu erschließen.

Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen –, um die Stunden

und Tage zu töten, da sie Wenzel nicht sehen konnte. In den Theatern,

Bars und Weinstuben, die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner

Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche

Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war glücklich, wenn er

allein mit ihr speiste. Dann aber verging der Abend so schnell, und wenn

sie allein war, überfiel sie die Qual der Trennung von neuem mit

schrecklicherer Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen. Er bat

sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei Stunden am Apparat, sie

stampfte mit den Füßen vor Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich

Stolpe, Mackentin, Goldbaum oder sonst jemand.

Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft mit

Katschinsky, was war das gewesen? Nichts. Nun aber fühlte sie zum

erstenmal in ihrem Leben, was Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe

keine Freude ist, sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust

wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes zu denken. Sie

schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte diese Briefe nicht ab. Sie

fürchtete sein Lächeln, und auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr

als Sentimentalität.

In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich gegen ihre

Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der Einsamkeit der schlaflosen

Nächte zeichnete sie sich sein Bild, und sie übertrieb alle seine

Eigenschaften. Sie machte ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger,

brutaler, herzloser, sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf,

aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein anderer

Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch von Wärme auf sie

eindrang, ein Freund, der seine Freundschaft eher verbarg als zeigte,

der fürsorglich war und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte.

Oft schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen verschlang,

und in der gleichen Minute erschien er ihr wie ein großer Knabe, der

herzlich lachte und dem man nicht böse sein konnte.

Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg? Sie versuchte

ihn zu ergründen, vergebens.

Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie man es nennen

wollte, war geschehen. Es gab für sie kein Zurück mehr. Wie zitterte

sie, wenn sie seinen Schritt hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür

hereinkam! Er hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf

zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein wären. Sie

sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur noch die eine Frage: Wann?

Aber Wenzel hatte nie Zeit.

12

Eine Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky. Zu spät kam die

Reue über sein Benehmen bei seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er

selbst war es gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten,

abgebrochen hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann, er wußte es

genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen anzugreifen. Wie furchtbar,

wie ehrlos, wie erbärmlich war all das gewesen. Es war so rasch und

unverständlich gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen

konnte.

Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht peinigten ihn. Er ertrug

das Leben nur, wenn er die Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen

zu sehen. Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie. Im

luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte er Jenny auf: um

hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen, sobald er auch nur einen Ärmel

ihres Mantels sah. Wenn dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig

gebaute Auto vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch

seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er war

ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und wann, das würde sich

finden.

War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige Erleichterung. An der

Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag zugeworfen wurde, erkannte er

Schellenberg. Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es

wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar, all diese

funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen, die ihn anfunkelten, die

in der Nacht aus der Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm

entlangflogen. Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak wie vor

Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen die beiden bösen Lampen

herangeflogen. Nun war sie zu Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer

erloschen.

Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub, eine Diele, eine

Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes Lächeln auf seinem schönen

Munde, mit einem hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken.

Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts. Schnell war er sehr

berauscht. Er schritt, wirre Worte hervorstoßend, oft weinend durch die

finsteren Straßen und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So

ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er berauscht

war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder vorbrachte und an die er im

trunkenen Zustande nahezu selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß

er eine Geliebte gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön,

und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede Nacht mit

allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit, daß er bei den Dirnen

weinte, wenn er seine Geschichte erzählte.

Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung.

Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr wollte er sich rächen.

Er entwarf Pläne. Vielleicht würde er ihr schönes Gesicht mit einer

Säure übergießen, aber schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“

Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener Regisseur, jener

Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat eine Unterredung, wie er es

versprochen hatte, gewährt. Er hatte ihn in einigen Statistenrollen

verwandt, um ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts

mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter mir stehen

keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er von Doktor Brinkmann einen

Brief mit der Bitte, sich so bald wie möglich bei ihm einzufinden.

„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor Brinkmann ganz

offen. „Sie haben es auch nie behauptet, daß Sie etwas können. Sie sind

ja kein Schauspieler. Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer

Tochtergesellschaften dreht einen Film, und Sie sollen darin eine der

Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich selbst.

Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu denken.“

Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich unverwendbar.

Bald aber ging es. Man brauchte in diesem Film einen gutaussehenden

jungen Mann, der sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade

die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche Benehmen

Katschinskys waren es, was der Regisseur suchte.

Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die Maske gemacht hatten,

zeigte es sich, daß Katschinsky mit seinem schmalen Gesicht, seinen

etwas schrägstehenden Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich

außerordentlich gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ

schöner junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte. Die

Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag. Der Erfolg machte

Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, und er fand

wieder etwas Halt. Er hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig

versuchte er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht

mehr, er erbleichte nicht mehr.

Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er Jenny in die

Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus dem Boden gewachsen. Sie

hielt den Schritt an und betrachtete ihn mit erschrockenen, hilflosen

Augen.

Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte die Farbe,

dann zog er den Hut und begrüßte Jenny, als sei nichts vorgefallen.

„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit seinem hübschesten

Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren, wie konnte ich dir eine

solche Szene machen, es ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife,

Jenny, daß ich toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als

Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine Ansicht war.“ Schon

lächelte er leichtsinnig und fröhlich. „Es ist viel besser, daß wir gute

Kameraden sind, Jenny. Findest du nicht auch?“

„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny und nahm seine Hand.

„Du bist ein törichter Junge gewesen.“ Sie gingen nebeneinander her und

plauderten wie gute Freunde.

Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky erwies ihr

Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen und Bücher. Sie sah seine

Bemühungen, alles wieder gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann

und wann besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den

Filmateliers zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer

gleichmäßig kameradschaftlich.

Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser im Café gewesen –

änderte er plötzlich den Ton. Sie gingen durch eine dunkle,

menschenleere Straße. Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn

zart an sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung zu

verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das Bedürfnis, dir

alles zu gestehen, was geschehen ist.“

Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm. Dieser leichte Druck

seiner Hand verletzte sie – obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur

aus Nachsicht duldete sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und

nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte.

Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er trank, bis er

sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen die Geschichte erzählte

von seiner schönen Geliebten, die an der Grippe gestorben sei.

Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie ein Tier, das sich

bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren Arm frei und trug Sorge, daß

auch ihr Gewand ihn nicht berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach,

hervorstieß, stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von ihm.

Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie hätte Lust gehabt zu

laufen, aber sie wußte, daß er ihr dann nachgelaufen wäre, und sie

wollte vor den wenigen Menschen, die diese Straße passierten, jegliches

Aufsehen vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten und

beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe ich dich, Jenny, so

maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen Körper nicht vergessen! Verstehe

mich doch, fühle es doch!“

Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in ihrem Herzen gab

es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das kameradschaftliche Gefühl, das sie

für ihn noch gehegt hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich

kalt, feindselig. Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein

schwacher Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schlecht

gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere Verabredung

vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen.

„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich aus,

„sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und er fragte sie bebend, ob sie ihn

nicht wenigstens ein bißchen lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn

erhalte.

Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise, aber mit

einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du weißt es, ich liebe einen

andern.“

„Liebst du ihn wahrhaftig?“

„Dreimal wahrhaftig!“

Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die Fäuste. „Dann

ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er.

Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. In der Nähe des

Hotels blieb Jenny stehen und sah Katschinsky mit klaren, forschenden

Augen ins Gesicht. „Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es

gibt boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, er möge ein

Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte eines berüchtigten Abenteurers

geworden.“ Jenny heischte Antwort.

Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht gewichen, selbst seine

immer roten Lippen waren fahl geworden wie die eines Toten.

„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es schon vergessen. Ich

habe diesen Brief einmal in der Nacht geschrieben, als ich getrunken

hatte. Ich erinnere mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh,

wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich wage

nicht, dich zu bitten, mir auch dies zu verzeihen!“

Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: „Auch dies will ich

dir noch verzeihen.“

Die Brüder Schellenberg · 第 11 / 20 题