Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre, dann sind Sie frei.“

Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen. Die Kameraden

strömten herbei und umringten die Kommissare und den Verhafteten.

Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars. „Lassen Sie

ihn doch hier, Herr Kommissar, er ist doch ein wirklich guter Kamerad.“

Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln. Der Schlosser aber

nahm ein paar Zigaretten aus der Tasche und wollte sie einem der Herren

zustecken.

„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem Kommissar zu. „Drücken

Sie ein Auge zu, Herr Kommissar. Ist denn wirklich nichts zu machen?“

Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp gab dem Kellner bis

zum Auto das Geleit.

„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die Zähne zusammen. Es ist

ja nicht so schlimm!“

„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem Auto nach, bis es

verschwand.

Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und noch zwei Jahre, sagte der

Kommissar? War er ausgerückt? Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden

hatten!

An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der Baracke. Immer

wieder sprach man von den Kommissaren und dem Auto und Henry Graf, der

eigentlich Bollmann hieß.

„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich um, als sie

Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen sollen.“

„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren? Jeder Mensch hielt sie

für Bauleute. Natürlich konnte Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein

Pech!“

Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem Stöckchen und dem

kleinen steifen Hut, wie man glaubte, daß er umfalle, wie er dicht am

Boden kauerte und das Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den

linken und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu in einer

fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich? Und nun also saß er

im Kittchen.

Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika geben. Er kam

aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’ auf!“ klang es von allen Seiten.

So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte verdrießlich Karten,

um die paar Abendstunden totzuschlagen, und wickelte sich frühzeitig in

die Decken.

Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst. Da war zum

Beispiel dieser kleine alte Maurer. Man erinnert sich, er trug einen

Hut, einen großen Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er

war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei der Arbeit,

und wenn er ging, so wackelte sein hängender Hosenboden. Dieser alte

Maurer, der eines Abends von seinem Gärtchen erzählt hatte und zum

Ergötzen der Kameraden den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall

nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man bemerkte es nicht.

Erst am andern Morgen fiel es seinem Nachbar auf, daß das alte Männchen

fehlte. Nun gab es im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die

sich mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen der

Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber er, der Alte, ganz unmöglich!

Viele Wochen war er schon da.

Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte, die in den Wald

hineinführten, immer tiefer. Und dort also, an jenem Baum, da hing er.

Der Alte hatte sich erhängt.

Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand: „Alles, was ich

erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren. Ich bin zu alt, um von

vorn anzufangen. Betet für meine Seele!“

Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst wollte man ihn im

Friedhof des Dorfes begraben. Aber nach einer längeren Debatte am Abend

mehrten sich die Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren.

„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen Bauern im

Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe, und vielleicht kommt eine

Nachtigall zu ihm.“

„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der Schlosser.

„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn der Schlächter-Moritz

an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen hierherkommen, wenn es doch sogar

in Berlin Nachtigallen gibt.“

„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen kommen,“ erklärte

Georg.

So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt zwölf Uhr

kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“

Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt sogar eine richtige

Rede, wobei er heftig den einen Arm schwang. Alle fanden diese Rede sehr

schön. Er sprach davon, daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende

sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es einfach nicht

mehr ertrugen. Während die Betrüger und Spekulanten in die Höhe kamen,

hatte man ehrwürdige Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den

Dreck hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. Erst die

Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung. Sie sei spät gekommen,

aber doch nicht zu spät. „Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist

ebensogut ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein General

oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere Menschen wandeln,

als er einer war.“

Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife an, und die

Feierlichkeit war beendet.

Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft diskutiert.

Besonders die Stelle mit dem Minister und General fand Anklang, war der

Alte doch nur ein armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl

er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei, mit dem sich

auskommen ließ.

So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell verschwand er. Ein

warmer Wind kam vom Süden, und es tropfte und rieselte von den Bäumen.

In ein paar Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne schien,

und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz seine braune Strickjacke

aus, er schwitzte.

Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost aus dem Boden

vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser gierig in sich.

Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann es draußen auf der

Heide zu knattern und zu prasseln, als ob Flugmaschinen über die Erde

surrten. Eine Kolonne von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag

für Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst schleppten

sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige Bodenfräsen, die die

Erde zertrümmerten und zerschnitten, dann schleppten sie

Düngerstreumaschinen, dann Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es.

Immer sah man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die Heide

kriechen.

„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar nicht so lange dauern,

dann haben wir sie hier!“

Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den Baracken eifrig

besprochen wurde.

Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke herüber ein Auto,

das in einem ganz auffallenden Tempo dahinflog und mit einem Ruck

stehenblieb. Bisher hatte man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen,

denn die Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren

ausrangierte alte Kasten.

Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener,

breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel und ein etwas

schiefgewachsener blaubleicher Herr in einem langen Pelz.

Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in großer Eile auf sie

zuging. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und verbeugte sich! Das war

bisher noch nicht beobachtet worden, daß Lehmann so große Höflichkeit

zeigte. Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn, dann vor

dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen Gesicht. Man drückte

sich gegenseitig die Hand, und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld

geschritten. Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit

weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er schien wirklich

aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten die Baracken, die Küche, die

Tischlerei besahen sie, alles. Sie sprachen auch mit dem und jenem, der

gerade in der Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in

Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen, und mit einem

Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße hinunter.

„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere Leute! Waren es

Direktoren der Gesellschaft? Und dieser verwachsene, bleiche, alte Mann,

sah er nicht aus, als sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser

Große mit dem braunen Gesicht!“

„Wer sind die Herren gewesen?“

„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch ganz erregt war und

eifrig die Pfeife paffte.

„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das ruhige und klare Gesicht

interessiert hatte.

„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und der kleine Alte war der

Geheimrat Augsburger, ein früherer Bankier, der der Gesellschaft sein

ganzes Vermögen vermacht hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“

„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den krummbeinigen

Schlosser an. „Stundenlang hast du damit geprahlt, daß du bei

Schellenberg gearbeitet hast, ein halbes Jahr lang! Und nun war dieser

Schellenberg hier, und du hast ihn nicht erkannt.“

Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, schob die Mütze ins

Gesicht und kratzte sich hinter dem Ohr. „Es war nicht der Schellenberg,

bei dem ich arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich

aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist da. „Er kam

mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und es war doch nicht

Schellenberg.“

„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten zu prahlen,“

drohte Moritz mit seiner großen Faust. „Hörst du? Es ist eine Schande,

und was hat er uns alles vorgeschwindelt!“

Die Brüder Schellenberg · 第 10 / 20 题