„Ja, ein Raucheisen!“
Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos an. „Ist es
wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was heißt das, ein Raucheisen zu
werden?“
„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer von jenen kleinen
Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern ein wirklicher Raucheisen.
Wenn er es vermocht hat, weshalb soll ich es nicht können? In dieser
Zeit des wirtschaftlichen Chaos ist alles möglich.“
Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe nicht, was für
einen Sinn soll es haben, was für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht
selbst –“
Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt du, was das bedeutet?
Es bedeutet absolute und letzte Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um
es kurz zu sagen, auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf
drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und die Autos fahren vor.
Ich habe keine Lust mehr, als Automat behandelt zu werden und andern
Leuten den Narren zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge,
Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“
Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“ fragte er. „Kann
dies einen Lebensinhalt bilden?“
„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin kein ägyptischer
Pharao.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir sagen: Es ist
einerlei, wie lange und auf welche Weise ich lebe – in meiner Pyramide
werde ich ewig leben. Aber ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot
bin, ist alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein ewiges
Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in dieser Zeit muß alles
vollendet sein. Alle denken so, heute, mehr oder weniger bewußt. Daher
unsere Eile – Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese
fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum Rand, Michael,
dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich Geld, so habe ich alles: Freiheit,
Gesundheit, die Erde, die Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist
Unsinn.“
Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den Kopf. „Wie
töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig. „Wenzel! Sprachst du
nicht selbst vorhin voller Verachtung –?“
„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der Mensch haben, und wenn
es auch nicht gerade ein erhabenes Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist
meine Philosophie, und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht,
das ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für eine Idee zu
begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden, keinen Glauben an die
Menschen mehr.“
„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“
„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir blieb. Oh, ich
verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit, Grausamkeit, Eitelkeit, ihren
Geiz, ihre Habsucht, Albernheit und ihren schmutzigen Egoismus zur
Genüge kennengelernt. Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale.
Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie diese Zeit und
diese Welt, in der alles bankerott geworden ist, Glaube, Wissenschaft,
alles.“
„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein. „Keineswegs ist
der Glaube bankerott. Fühlst du nicht, daß in allen Herzen ein neuer
Mystizismus erwacht? Und die Wissenschaft? Der Materialismus ist
bankerott, nicht sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche
eingetreten, die glänzender sein wird als alle vergangenen.“
„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben. Aber du kannst mich
nicht überzeugen! Du kannst rufen, so laut und so lange du willst, ich
höre und verstehe dich nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der
einzige Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was ich
sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein Toter. Er steht
nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch.
Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das Michael erschütterte,
es war der verzweifelte, zynische Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun
bedaure ich es noch mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land
besucht hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken gekommen.“
„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke, mein Ziel reizt mich
ebenso, wie dich das deine reizt. Es lockt, und ich kann nicht mehr
widerstehen. Es ist zu spät, Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst
du? Ich bin auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen! In
die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß, daß es kein großes Ziel
ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, wer weiß es?
Komm, und nun sollst du etwas sehen, Michael!“
Hastig brach Wenzel auf.
Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte Limousine.
„Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer fast knabenhaften Freude über
Michaels verblüfftes Gesicht.
„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael.
„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“
Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße. „Folge
mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam Michael hinterher. An einer Tür
stand nichts geschrieben als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und
Wenzel führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume voller
Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war völlig neu. Man roch noch
Lack und Farbe.
„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit einem fröhlichen
Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor einer Woche bezogen. Vorher
hauste ich in ein paar Löchern in einem Hof, ganz im Geheimen,
sozusagen.“ Wenzel öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr
bescheiden eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle
stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das hier sind meine
Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig, Bruder, vorläufig nur. Wir
wollen sehen, ob ein Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich
bitte dich herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken,
bevor die große Reise weitergeht.“
Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“ fragte er den
Bruder. „Was für eine Firma hast du? Wie hast du dies alles geschaffen?“
Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte Michael nicht
gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen begonnen. „Was ich
tue?“ fragte er und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab.
„Ich kaufe, ich verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines
viertausend Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen. Es war
Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem Grunde nicht
abgenommen hatte. Ich erfuhr es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung.
Ich verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen zu
haben. So fing es an.“
„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael.
Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich hatte Kredit. Damals
war ich ja noch bei Raucheisen. Es gab Bankfirmen, die auf meine
Vermittlung, Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine einzige
Information von meiner Seite konnte ein kleines Vermögen bedeuten.“
„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“
„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem Raucheisenkonzern
benutzt, wie andere ihre Verbindungen benutzten. Es ist vielleicht nicht
vollkommen – wie soll ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese
feinen Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines
Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum an einen
Holländer zu verkaufen. Es war ein großes Geschäft, das mir die nötige
Anfangsgeschwindigkeit gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig
Geld ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen, Michael,
und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses Bergwerk Raucheisen
angeboten war. Raucheisen zögerte. Ich kam ihm zuvor und ließ das
Bergwerk rasch durch meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen
nicht mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich entlassen,
ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und so ging es weiter. Ich
lieh Geld und arbeitete damit, ganz wie andere es machen, ganz wie
Raucheisen es macht. Zur Zeit spezialisiere ich mich auf
Papierfabriken.“