Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es dort besser sein?“

„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß irgendein

Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, plötzlich für

eine Sache Unsummen stiftet. Hast du hier je so etwas gehört? Wie? Ich

bitte dich! Bei den Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem

es keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie die

Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, Michael, hier

ist kein Platz für dich, in diesem Lande und in diesem Europa!“ Wenzel

wurde dunkel vor Zorn.

„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa zu setzen!“

Michael lächelte.

„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ rief Wenzel aus,

und das Blut stieg ihm abermals ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus,

nationalistischer Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein

materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir das.“

„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener Stimme, „wenn Europa so

ist, wie du es darstellst, müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein,

diesen Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“

Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die in einem

mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte den Kopf und sagte

ruhig und mit einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns

nicht ereifern, Michael. Glaube du, was du willst, und laß mir meinen

Glauben. Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. Ich

fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese Menschen? Nein, sage ich

dir, du kennst sie nicht. Ich habe mich nun zwei Jahre mit ihnen

herumgeschlagen, und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete

sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er fletschte die

Zähne, während er die Frucht in den Mund schob. „Für diese Menschen

hier, für diese sogenannten Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld!

Geld! Besitz! Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag und

Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, ja zum Teufel, sie

selbst sind es! Geld! Und wenn der Staat dabei aus den Fugen geht!“

Wenzel lachte zornig auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So

sehen sie in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. Alle

diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, Gamaschen und

Seidenhüten, einer wie der andere. Für sie gibt es weder Umkehr noch

Rettung.“

Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur einen geringen Teil

der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte er. „Ich kenne einen ganz anderen

Teil. Ich kenne hunderte, die uneigennützig von früh bis spät in ihren

Laboratorien und Bibliotheken arbeiten.“

„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch solche Käuze hausen.

Von dir abgesehen, Michael, habe ich noch nie einen kennengelernt.“

„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für diese Gesellschaft,

wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so müßte man trotzdem versuchen,

sie vor dem Chaos zu retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und

eine neue Volksgemeinschaft anstrebt.“

Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet werden!“

rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß der Boden unter ihnen

schwankt. Sie wollen auch keinen Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte

gebrauchst du doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen

gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! Ah, sieh da,

jetzt kommen die Schnäpse.“

Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er werde ihm, Wenzel,

die Angelpunkte zeigen, um die sich diese Probleme bewegen, und sofort

werde Wenzel begreifen –

Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. Mit großer

Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden gefärbten Likören einen

Schnaps zurecht. Dann betrachtete er Michael mit einem gutmütigen,

nachsichtigen Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube,

was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß diese Probleme

gelöst werden können. Sie sind zu schwer, zu groß, zu verworren.“

„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz alledem!“ erwiderte

Michael voll Überzeugung und Eifer.

Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst du vielleicht

diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte mit den Augen.

„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an ihm, laut zu

werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein Bruder!“

Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als wolle er wieder

in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, das Michael verletzte.

Aber er tat es nicht. Er schwieg eine Weile, dann hob er das Glas und

sagte: „Nun schön, Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja

nicht unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn du hast etwas,

was zu diesen Dingen gehört. Du hast noch die Kraft zu glauben. Ich habe

diese Kraft längst nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das

Glas zum Munde führte.

In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants mit einer

Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen, ob die Herren mit den

Leistungen des Etablissements zufrieden seien.

Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen einzulösen, das

er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen zu telephonieren,“ sagte

er, indem er sich erhob. „Wirst du mich eine Minute entschuldigen,

Wenzel?“

16

Als Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt, die

Zigarre im Munde, und betrachtete ihn mit einem spöttischen, aber

gutmütigen Lächeln. „Nun, was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen

Augen blinkten.

Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete er. „Und sie läßt

dich bitten, sie anzurufen.“

„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“ Wenzels Brauen zuckten.

„Sie hat ja Zeit!“

Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und fügte leiser hinzu:

„Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren. Sie quält sich,

Wenzel! Was in aller Welt ist zwischen euch vorgefallen?“

Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte sich. „Ich

werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“ sagte er mit großer Bitterkeit

in der Stimme. Er schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir

erzählen, Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange nicht gesehen,

und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles! Ich werde dir

berichten, wie alles gekommen ist. Lange, viel zu lange sprachen wir uns

nicht.“

„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“

Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit der einen Sache

anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise, hörst du? Ich schätze sie, ich

achte sie. Ich habe sogar etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal

habe ich sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem werde ich

nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und weißt du weshalb, Michael? Ich

werde es dir offen bekennen: weil sie mir im Wege ist.“

„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist dir im Wege?

Lise?“

„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr Wenzel mit einem

feindseligen Klang in der Stimme fort. „Sie ist mir im Wege! Sagt das

nicht genug? Auch ich habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau

wie du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz anderer. Und

bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege. Das ist alles! Übrigens,“

unterbrach er sich, „von diesen Plänen wirst du später erfahren. Du hast

ja mit Lise gesprochen. Was hat sie dir über mich gesagt?“

Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er vermied es, dabei

den Bruder anzusehen.

Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet. „Und? Und du

verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht Vorwürfe gemacht? Hat sie

nicht diese Geschichte mit Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest

du! Hat sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt

hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen wir es offen: ein bißchen

ehrlos?“

„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“

Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich kennen, und sie

sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche – mich decken, für den

Fall, daß irgend etwas vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den

Gedanken gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes getan

hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen. Irgend etwas müsse da

vorgefallen sein! Nun, du hast ja gehört, wie weit sie schließlich

gegangen ist. Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt,

daß ich ein Defraudant sei.“

„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins Wort.

Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur Seite. „Nun, lassen wir

das, es ist nicht wesentlich. Soll sie behaupten, was sie will. Sollen

die Leute glauben, was sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir

völlig einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß ich

Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so weit gekommen, daß ich

auf das Urteil meiner Mitmenschen keinen Wert mehr lege.“

Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß mit Wenzel

vorgegangen sein?

„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel, seine Erregung

beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege. Das ist die ganze Erklärung.

Ich kann sie nicht brauchen. Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die

Ehe geschaffen, Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du

weißt, ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür

geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder zurückzubringen!“

„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus.

„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und ich habe mir

vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig zu sprechen. Du sollst dann

urteilen. Du magst mich dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich

habe vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet.

Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam erschöpft nach Hause.

Lise pflegt lange liegen zu bleiben und nach Tisch eine Stunde zu ruhen.

Da ist es natürlich kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein.

Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen,

hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. Das alles kostete

Kraft und vor allem Geld. Ich schaffte das Geld herbei, und das Geld

zerrann in Lises Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht

zu wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen

lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. Sie hat eine

sehr hübsche Stimme, und du weißt ja auch, daß ein ‚berühmter

Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit hat, daß sie Primadonna an der Scala von

Mailand werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer haben

unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. Aber wenn eine Frau

einen Beruf hat, so ist dieser Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles

dreht, Haushalt, Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich

auftreten. Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige Erfolge

gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte den Agenten, den

Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, mit einem Worte, alles. Das

Kleid für die Konzerte kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu

die Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. Zwei Stunden vor

dem Konzert ist sie vollständig heiser. Der Agent fleht. Und schließlich

steht sie strahlend auf dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen,

aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! Ich gebe dir

einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten solltest, so heirate nie

eine Frau mit einem Beruf, und vor allem, heirate nie eine Sängerin.

Heirate überhaupt nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest ja

nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, du

heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, alles.

Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts gegen sie sagen,

aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag an ihrer Anschauung, daß sie

mich langsam an Händen und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es

waren keine Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne

Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben Menschen, die

auch nicht einen Bindfaden um den kleinen Finger vertragen, und zu

diesen gehöre ich. Verstehst du jetzt, Brüderchen?“

Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann er dann

nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg finden lassen sollte. Vergiß

nicht, da sind auch deine Kinder.“

Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. Zuweilen habe

ich Sehnsucht nach den beiden Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch

Kinder sind solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln

abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner Erklärung nicht

befriedigen kann. Du hast noch immer nicht begriffen, daß es unmöglich

ist, unter diesen Verhältnissen einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft

eines Mannes braucht.“

Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. „Was für ein Weg ist

das, von dem du immer sprichst?“ fragte er.

„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt eine neue Flasche

bestellen. He, Kellner!“

17

Die neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze einer Zigarre ab

und steckte sie umständlich in Brand. Dann legte er die Hand auf den Arm

Michaels.

„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber meine Geschichte mit

Raucheisen erzählen.

Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich habe es dir einmal

geschildert. Raucheisens Sohn – er war der einzige Sohn des alten

Raucheisen, Otto, und da ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady

Weatherleigh, die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet

hat –, also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr in einem

Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und starb in meinen Armen.

Der alte Raucheisen wünschte Näheres zu hören, und da er einer der

Gewaltigen Deutschlands war, so schickte man mich hin, um Bericht zu

erstatten. Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht

gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne. Nun, Raucheisen

entließ mich mit den Worten, daß er mir jederzeit zur Verfügung stände,

wenn ich einmal irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen

Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er, ‚ich bin Ihnen

für immer verpflichtet‘. Schön, schön.

Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße. Vier Jahre lang hatte

ich den Buckel hingehalten, die Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es

so schön hieß, und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte

und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten. Aber Lises

Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ‚Um Himmels willen, wie

kannst du, nie, niemals!‘ Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie

ja, diese eingebildete Närrin!

Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau, die mit ihrem

Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert. Irgendwo würde sich ja wohl

Beschäftigung für mich finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und

überall war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich hörte

nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in herrlichen Stellungen.

Ja, zum Teufel, wie waren sie zu diesen herrlichen Stellungen gekommen?

Sie saßen die letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen

und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen zur Industrie

anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen sagen, kein Wort, um Gottes

willen, mißverstehe mich nicht, aber sie haben eben diese

Beziehungen anknüpfen können, und diese Beziehungen haben sich

schließlich prachtvoll verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum

Beispiel Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung der

Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie sind heute in leitenden

Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften. Das sind, mein lieber

Freund, die guten Beziehungen. Auf deine Gesundheit!

Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig wußte und

konnte wie die andern, so kam ich nirgends an. Schließlich, nachdem

Lises Briefe immer jämmerlicher wurden und immer flehender, schließlich

tat ich das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als das

Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich wandte mich an den

alten Raucheisen. Du kannst meine Gründe verstehen, weshalb ich es nicht

gerne tat. Sein Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür

sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich gab ich

auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten, daß ich bisher in

allen Punkten nachgegeben habe – nun, das ist jetzt zu Ende.

Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten Erstaunen

antwortete er mit wendender Post. Drei Tage später war ich mit einem

glänzenden Gehalt engagiert. Ich sage offen: glänzend, denn meine

Leistungen waren anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens

Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr mußte ich anwesend sein.

Um sechs Uhr steht Raucheisen auf. Es kommt der Masseur, der Friseur,

der Bademeister. Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor

sieben sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach sieben

trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre harren auf das

Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben zu erinnern, zu notieren, wir

sind lebendige Terminkalender. Wir führen Unterhandlungen mit den

einzelnen Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten

Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem Wort.

So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So lange, mein lieber

Michael, dauerte es also, bis ich begriff – kannst du dir denken, was

ich begriff –?“

Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort: „Du kannst es dir

nicht denken, Michael, also will ich es dir offen sagen – bis ich

begriff, daß ich ein vollendeter Narr war! Wie alle andern Sekretäre und

Direktoren, die sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen

Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden es nie begreifen.“

„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte Michael.

Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“ erwiderte er, indem

er die Gläser auffüllte. „Das sollst du gleich erfahren. Ein Narr war

ich und dazu noch ein unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner

Vorstellung hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert und

sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu plaudern, mit einem

etwas geheuchelten Interesse zwar, aber immerhin mit einem menschlichen

Ton in der Stimme. Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist

natürlicher? –, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte. Und doch,

dieser Otto Raucheisen hat mich durch und durch mit Blut getränkt, und

ich mußte ihm Mut zubrüllen, weil er so schreckliche Angst vor dem Tode

hatte. Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für Raucheisen

ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er sah mich von dieser Zeit an

kaum noch an. Er hatte eine leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach

nur so leise, um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der

Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte Mann, etwas

zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem Leberleiden, eine gelbe,

mattglänzende Glatze mit Wölbungen und Buckeln. Du hast ihn nie

gesehen?“

„Nein.“

„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen. Tiefe

Augengruben, eine Hakennase, breite, satte Lippen mit tiefen Rissen. Die

Unterlippe ist besonders breit und besonders satt. Aber vielleicht ist

das mit dem Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein Kopf sei

in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen öffnet, so sieht man

kleine Zähne, Puppenzähne, und seine Augen sind wie kleine grüne

Glaskugeln, scharf und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist

jemand, glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile, so mußt

du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn! Das war er also: Johann

Karl Eberhard Raucheisen, dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und

ein Fürstentum über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er das

horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit zehn Jahren war er

zum vertikalen Prinzip übergegangen. Erst hatte er nur Eisen und Kohle.

Dann produzierte er alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und

heute hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern. Der

Konzern ist so groß, daß niemand imstande ist, ihn mit allen seinen

Verzweigungen zu überblicken – aber Raucheisen tut es! Ich habe heute

noch die größte Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten

Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“

„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“

„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und unser Verkehr vollzog

sich ohne jede Reibung. Langsam aber begann ich den alten Mann zu

hassen. Ich haßte seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich

zusammengezogen, ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine

menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete dieser alte

Mann vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Es galt, dieses große

Werk zu verwalten. Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und

langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte, sondern das Werk

ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen Maschinerie geworden, die er

aufgebaut hatte. Ich fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten

Dingen. Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier. Und ich

begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente, dieses Werk zu

verwalten, sondern daß es sein einziges und wahres Ziel war, Geld

zusammenzuraffen. Und das ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen

hatte, haßte ich ihn noch mehr!

Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen, daß er wie ein

Rasender aufkaufte, mit Krediten der Reichsbank, die er mit entwertetem

Gelde zurückzahlte. Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast

umsonst. Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen Teil

seines Vermögens einsetzte, wagte einer der Finanzdirektoren

einzuwerfen, daß doch der Tag kommen könne, da die Mark plötzlich

steigen werde. Raucheisen schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte

nur sehr selten und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und dann

sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse. ‚Die Mark wird

sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘ sagte er. ‚Es gibt keine

Macht der Welt, sie aufzuhalten, ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun

höre, Michael, seit wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln

sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe danach meine

Finanzpolitik eingerichtet.‘“

„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“

„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff ich es, und

dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht spekulierte er auf das

Fallen der Mark. Während ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag,

während wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser alte

Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren Untergang Geld zu

machen.

So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte. Einmal geschah es, daß

ich zehn Minuten zu spät kam. Er blickte auf die Uhr und sagte, ohne

mich anzusehen: ‚Sie sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der

Wagen wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr, und dieses

Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche Vorwürfe. In diesem

Augenblick fühlte ich ganz das Entwürdigende meines Automatendaseins.

Ich fühlte die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar

selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben

scheint.

Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals – verstehe mich

recht –, schon damals begann ich meine Maßnahmen zu treffen. Ich hatte

es satt, mich täglich beleidigen und demütigen zu lassen. Der Haß trat

mir in die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber siehst du, er

beachtete mich ja gar nicht.

Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam fünfzehn Minuten zu

spät. Nun mußt du wissen, daß ich fast anderthalb Jahre bei Raucheisen

war und im ganzen acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte

Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er ausströmte. Am

nächsten Tage wurde ich in eine andere Abteilung versetzt. Er hatte kein

Wort gesprochen, er hatte sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte

allen Kränkungen die Krone auf.

Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück. In dieser Abteilung

hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr Sammlung, und ich konnte meinen

Schlachtplan ausarbeiten. Nun sollst du weiter hören, und es wird dir

Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern ein Glas schicken!“

Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant gekommen und hatte

zu konzertieren begonnen. Wenzel beorderte den Kellner und ließ der

Kapelle Erfrischungen schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und,

schon spielten und sangen die Russen das Wolgalied.

„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre zu, dieses Lied

berauscht mich, und ich höre es immer in meinen Ohren, seitdem ich

unterwegs bin.“

Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen, daß er Lise

versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch Nachricht zu geben. „Willst

du ihr nicht irgendein gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat

Michael den Bruder.

Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht mehr auf, der

Wein hatte ihn schon versöhnlicher und milder gestimmt. Aber er blieb

halsstarrig. Michael wagte einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am

Apparat so außerordentlich erregt gewesen, daß er aufs äußerste

erschrocken sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben

würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe gedroht, sich aus dem

Fenster zu stürzen.

Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte sich jedoch, sein

Atem ging schwer. „So soll sie sich meinetwegen aus dem Fenster

stürzen!“ sagte er, und sein Mund war hart und brutal. „Möchten doch

alle Menschen in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen feigen

Drohungen quälen!“

Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort sagen, um sie zu

beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie morgen anrufen wirst.“

„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder etwas ruhiger.

18

Schweren Herzens forderte Michael die Verbindung. Es gab nichts

Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen zu müssen. Lieber Himmel,

was sollte er der unglücklichen Lise nur sagen? Er würde ihr also

erzählen, daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel

versöhnlicher gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen werde, um ihr

über alles zu berichten, daß er – aber, siehe da, Lise war gar nicht zu

Hause.

„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen.

„Sie ist nicht zu Hause?“

„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst gegen zwölf Uhr

zurück.“

Michael atmete auf.

Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war aufgestanden und

trank der russischen Kapelle mit einer begeisterten Geste zu.

„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu. Er hatte leuchtende

Augen. „Welch ein Lied, Michael! Höre doch.“

Die Kapelle spielte das Lied abermals.

„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael, als die Kapelle

geendet hatte.

Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So sind die Frauen!

Man darf sie nicht zu ernst nehmen. Ach, wir wollen sofort eine neue

Flasche bestellen. He, Kellner!“

„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael, nachdem der Kellner

die neue Flasche gebracht hatte. „Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge

in deinen Ohren, seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das?

Ein merkwürdiger Ausdruck!“

Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs bin. Du mußt

nämlich wissen, daß ich schon seit Monaten unterwegs bin!“

„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du? Was hast du vor?“

„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit einem Worte sagen!“

Wenzel sah Michael mit starren, glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs,

ein Raucheisen zu werden,“ sagte er dann.

Die Brüder Schellenberg · 第 6 / 20 题