„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich wohl vorläufig
etwas trennen, so fürchte ich.“
„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu Boden.
„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch. „Ich will dir
etwas sagen, Michael. Du kannst vielleicht Geld brauchen, für deine
Pläne, und ich habe gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist
noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute. Zuweilen
ist es noch ein bißchen beunruhigt. Ich möchte mich sozusagen freikaufen
mit diesem Scheck, von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust
mir einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“
Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe.
„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn ich gebrauche ja das
Geld nicht für mich. Gut, gut, und nun lebe wohl!“
Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die Augen. Oh, es
hatte keiner Angst vor dem andern, und keiner wich um einen Millimeter
zurück.
„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu.
„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß. Lebe wohl!“
Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder verloren zu haben.
19
Was Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach seiner Abfahrt von Berlin
da draußen auf dem Lande erlebte, schien ihm gleich verwunderlich wie
das sonderbare Haus in der Lindenstraße.
Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm bezeichnet hatte, und
hier schickte man ihn in ein Dorf, Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde
entfernt. Die Nacht sank schon über das flache, öde Land, als Georg,
erschöpft und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei den
ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt ein. Ein junger,
breitschultriger Mann in einer gestrickten Wolljacke trat dicht an ihn
heran und blickte ihm unter den Hut.
„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen Stimme,
die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann. „Nun, so gehen wir
zusammen.“ Der breitschultrige junge Mann in der Wolljacke war munter
und gesprächig. Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit Vornamen,
aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten sei er ohne Arbeit, obschon er
sich die Beine krumm gelaufen habe. „Was willst du?“ rief er aus.
„Niemand hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind verödet.
Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da treiben sie heute keine
fünfhundert an. Da hast du es!“
„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“ fragte Georg, von der
Munterkeit des Gefährten ermutigt.
Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig gleichgültig, wenn es nur
Arbeit war. Steineklopfen oder Erde karren, einerlei, immer noch besser,
als auf der Straße zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen
einen Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes
Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte da nicht oder –?
Er schob die Mütze ins Genick und kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er
von diesem Unternehmer Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er
bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen drei Viertel in
Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was solle man tun? Besser als auf dem
Pflaster verrecken. Was bleibt uns armen Hunden übrig?“
Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine Seele weit und breit,
nicht einmal ein Hund schlug an. Das letzte Haus aber zeigte ein
matterleuchtetes Fenster. Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab.
Georg roch den Rauch von Tabak.
„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter.
„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der Schatten trat in den
Lichtschein. Es war ein noch ziemlich junger schlanker Mann, der eine
Pfeife in der Hand hielt. Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur
einen Arm hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer
Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der Teufel soll sie
holen! Was soll ich mit euch anfangen? Nun, es wird gehen, es muß gehen.
Tretet ein!“
Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein einer Talgkerze,
die auf den Tisch geklebt war, unterschied Georg eine Anzahl von
Gestalten, die auf dem Stroh lagen und offenbar schliefen. Ein großer
breitgebauter Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte sie
mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu sprechen und ohne eine
Miene zu verziehen. Einer drehte sich im Stroh herum und erwiderte
mürrisch ihren Gruß. Woher waren sie alle gekommen, und welches
Schicksal hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten
die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach Dobenwitz gefunden
hatte?
Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut: „Ich habe nur ein
Stück Brot heute abend. Ich war auf euch nicht eingerichtet. Nehmt es
aus dem Tisch! Es ist mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun
gute Nacht, Kameraden!“
Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete, die
Arbeiter zu verpflegen.
„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter und schnitt das
Brot in zwei Teile. „Hier, nimm! Wenn sie uns morgen nicht besser
füttern, laufe ich nach Berlin zurück.“
Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald schlief er ein.
Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte die zerschlagenen
Glieder aus. Hinter der Wand rasselte eine Kette, eine Kuh schnob. Das
Talglicht erlosch, und nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg
sehen, daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab ging, wie
ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus seiner Pfeife.
Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt von der frischen Luft
und ermüdet von der Reise fiel Georg in einen unruhigen Schlaf, die
ganze Nacht hindurch von schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es
als Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume, in denen
auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen hatte.
20
„Aufstehen und fertig machen zur Arbeit!“ rief die helle Stimme des
Einarmigen, und die Schläfer fuhren aus dem Stroh. „Auch dich meine ich,
Kamerad,“ fügte er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter,
Kinder!“
Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot.
„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter und stieß Georg
an.
Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner Bauernwagen mit einem
schmutzigen Schimmel. Der Wagen war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und
allerlei Gerät.
„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern zu, der auf dem Wagen
saß. „Du kennst ja den Weg.“ Und der Schimmel setzte sich in Bewegung.
Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte sich die Rotte von
Männern in Bewegung. Sie waren im ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der
langsam hinter ihnen herging, dreizehn.
Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder dampften. Es schien
dürftiger Boden zu sein. In dem schiefergrauen, riesenhaften Himmel war
ein heller Fleck von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo
hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne befinden.
Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale, schlechtgehaltene
Landstraße schnurgerade hineinführte. Offenbar war dieser Wald ihr Ziel.
Aus den Äxten und Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man
ihnen zuweisen würde.
Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der große breitgebaute
Mann mit den fiebernden Augen, der Georg am Abend aufgefallen war, ein
Zimmermann, schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben Stunde
hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren halben Stunde
schien es, als ob sie im Herzen eines unendlichen Waldes angekommen
wären. Der Einarmige befahl Halt, und der Wagen blieb stehen.
„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand rührte sich. Alle standen
sie und starrten den Wagen an. Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid
ihr denn eine Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen
abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann und verstehe keinen
Spaß!“ Aber er lachte, als er diese Warnung aussprach.
„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner hellen Stimme
zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen Straße hin und her, sog an
seiner kurzen Pfeife und lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die
Höhe gerichtet, Regentropfen auf den Augen und auf den frischen roten
Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen – ging er ein Dutzend
Schritte in den Wald und deutete auf einige eingeschlagene weiße Pfähle.
„Hier, wo die Pfosten stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er.
„Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten, Äxte!“ Plötzlich
blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie das Abholzen,“ sagte er zu
ihm. „Das Material für den Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und
wir kommen in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne hinweg:
„Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf zurück! Munter, Kinder! Arbeitet,
damit wir heute Nacht unter Dach kommen!“
Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor?
Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße auf und ab,
zwanzig Schritte vor und zwanzig Schritte zurück, und rauchte. Nur
zuweilen setzte er sich auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er
klemmte sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen hinein,
dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen die Knie, strich das
Streichholz an und setzte die Pfeife in Brand.
Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel der Wolljacke
hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine Fichte an. Die Muskeln seines
Nackens schwollen an, und schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen.
„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte ein kleiner
Krummbeiniger mit großem Schnauzbart, Schlosser seines Zeichens, und
blickte Georg hilflos an.
„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs Stelle. „Was
kümmerst du dich um Dinge, die dich nichts angehen?“
Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg die Arbeit, die Axt
in der Hand. An den eingeschlagenen Pflöcken konnte er erkennen, daß der
erste Schuppen etwa zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden
sollte. Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen von etwa
dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein dritter von der gleichen
Größe.
„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige Schlosser
hartnäckig.
„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete Georg.
Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die Kronen der hohen
Föhren und Fichten empor und schüttelte den Kopf.
Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann gab dem Bauern
Instruktionen. Er möge sofort einen Boten ins Depot schicken und sagen
lassen, er, Lehmann, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber der
Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz freundlich –,
lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn man nicht sofort die Autos
mit dem Material für den Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen.
„Radfahrer brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn das
Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte er zu dem Bauern,
„siehst zu, daß du möglichst schnell den Proviant herbringst. Meine
Leute müssen essen. Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner
laufen.“
Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was sagte ich dir!“
rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter! Höre nur, wie der kleine
Leutnant kommandiert, wir werden hier nichts zu lachen haben.“ Der
Schlächter arbeitete, daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige
Gesicht lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an der
Arbeit.
Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über den finsteren
Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen. Es waren schon einzelne
blendende Flecke sichtbar geworden, und Georg hatte gehofft, die Sonne
würde endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen. Es war
nicht niedergehender Nebel wie vorher, es regnete in dünnen Schnüren.
Und plötzlich pfiff der Wind, und es begann zu graupeln und zu schneien.
Im Augenblick war der Wald weiß.
Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die großen Hände auf den
Knien, teilnahmlos auf einer Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man
fluchte und schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte
Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und die ganze Bande holen!
Georg fühlte, wie sich sein ganzer Körper mit einer Eisschicht überzog.
Der Schlächter in seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser?
Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“
„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem nassen Boden?“
„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den Wald, damit wir hier
krepieren!“
„Und wie steht es mit dem Futter?“
Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt hin und spie aus.
„Ich bin kein solcher Narr!“ rief er aus und ging mit schnellen wütenden
Schritten davon. Bald war er außer Sicht.
„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“ lachte Moritz. „Die
Bauern werden die Hunde auf ihn hetzen!“
Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße auf. „Der
Schuppen kommt!“ schrie er laut.
Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des Schneegestöbers, kamen
zwei mächtige Lastautos mit Balken und Brettern angefahren. Auf diesen
Balken und Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in der
Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese verwegenen Burschen
schrien schon, bevor die Autos standen, und begannen augenblicklich
Balken und Bretter hinunterzuwerfen.
„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann mit
triumphierendem Lächeln.
Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen Zeichen versehen,
und die verwegenen Burschen dirigierten das Abladen.
„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“ Es konnte ihnen
nicht schnell genug gehen. Trotz des Schneegestöbers lief allen der
Schweiß vom Gesicht, und schon setzten sich die Autos wieder in
Bewegung.
„Wohin fahrt ihr?“
„Nach Glücksbrücke!“
„Geht es dort vorwärts?“
„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost kommt!“
Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck!
„Grüßt den Chef!“
Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde der Bau des Schuppens
in Angriff genommen.
„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die Stationsbeamten
schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust. Er balancierte auf der
Schulter einen schweren Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine
Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung.
Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab klar und ruhig
seine Befehle. Der Schuppen war bis ins kleinste vorgearbeitet und
brauchte nur aufgestellt zu werden.
Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit war
verschwunden. Alle griffen eifrig zu. Die Arbeit hatte plötzlich Sinn
und Ziel. Es galt ein Obdach für die Nacht zu schaffen.
In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem das Alter die Beine
krummgezogen hatte. Er war in großer Erregung. Verzweifelt ging er hin
und her und suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt er
es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn ruhig anhörte, ohne den
Blick von der arbeitenden Kolonne zu wenden.
„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu sollen wir
Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur provisorisch.“
Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es auf seiner Kiste
nicht mehr aus. Er kroch heran und setzte sich auf einen Baumstamm, um
wenigstens zuzusehen. Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen
kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken.
„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir erst gesund!“ Und den
andern schrie er zu: „In einer Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach
zusammen! Ein paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind
Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für heute. Zündet ein
Feuer an! Was für Narren seid ihr! Hier ist Holz in Fülle, und ihr
friert!“
Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf diesen Gedanken
gekommen? Einer blickte den andern an, zitternd vor Kälte und blau
gefroren.
Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es lohte mächtig in der
Dunkelheit, und eine beizende dicke Rauchwolke stieg bis in die Kronen
der Bäume empor.
„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige Schlosser, „komm
hierher und wärme dich!“
Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten sich die
bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende Äste sprangen durch die Luft,
und die brennenden Tannenzweige verbreiteten einen erfrischenden,
starken Geruch. Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden
unmöglich schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte, es
erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer.
21
Plötzlich war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende
Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken konnte, tauchte
plötzlich ein gespenstisch flammendes Pferd, ein scheinbar riesiger,
glühender Schimmel, im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit
Stroh und Proviant.
„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“ fragte Lehmann.
Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase, trat vor. Ein
Kellner, der früher, wie er behauptete, auf den großen Ostasiendampfern
Dienst gemacht habe.
„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“
Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich an mit großer
Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln, Erbsen, geräucherte Wurst.
Schon dampfte der Kessel, und es dauerte nicht lange, so war die
Mahlzeit fertig. Die Blechgeschirre in der Hand, hockte die
Arbeitskolonne um das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die
Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und Mund.
Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die Abgezehrtheit und
Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen mit den Hungerfurchen, die
Lumpen, die den Körper bedeckten. Fast alle starrten ins Feuer, die
Gedanken weit von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren
löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen in die Höhlen, ohne
Blick, als scheuten sie sich, noch mehr zu sehen von dieser Welt. Augen,
entzündet von Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen, deren
Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und Schrecken. Und alle
starrten ins Feuer, und jedes Auge sah in der Flamme ein anderes
furchtbares Bild: bettelnde Kinder, hungernde Frauen, frierende alte
Leute, Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht, kaum daß
dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war müde, verstimmt, argwöhnisch
und ohne Hoffnung.
Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten genauer an. Da
war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen stahlblaue Augen lebenslustig
sprühten, breit, mit Muskeln bepackt, ein untersetzter Boxer. Er
lächelte vor sich hin und strich zuweilen sein kleines helles
Schnurrbärtchen, das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne
Sorge war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase einen
mächtigen Schatten über das bläulich-weiße hohlwangige Gesicht warf.
Unaufhörlich nagte er an der Lippe, als quäle ihn ein und derselbe
Gedanke. Seine pechschwarzen Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der
bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und den glühenden
Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen. Da war der kleine krummbeinige
Schlosser mit dem großen Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht
eine Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich wieder, um
Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen. Neben ihm kauerte der
alte Maurer, ein kleiner Mann, mit fahlem Greisengesicht. Seine Augen
tränten. Er hatte über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut
gestülpt, der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt hatte.
Rings um die Krempe waren noch Spuren einer Pleureuse zu sehen, die
einstmals herumgenäht war und schlecht abgetrennt wurde.
Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten alten
Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter titulierte ihn „Herr General“.
Er hatte mächtige Brauen, wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war
völlig kahl, aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust.
Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war nahezu
eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel hin und her.
Da war ein junger Mann mit einem Diebsgesicht und abstehenden großen
Ohren, die im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und ein
zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem er sich so dicht ans
Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen Stiefel dampften. Da waren
noch ein paar nichtssagende Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem
Glotzauge.
Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick zugewiesen hatte.
Jeder dieser Männer war vom Schicksal getroffen, sonst säße er nicht
hier in der Finsternis des Waldes. Die einen waren verbraucht, und die
Wirtschaft hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht
mitgekommen und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen
Krisis. So saßen sie also und starrten ins Feuer und wälzten ihr
Schicksal in ihrem Kopf hin und her, ohne es fassen zu können.
„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“ fragte der kleine
alte Maurer mit dem breitkrempigen Hut.
Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch, daß der Wald umgeschlagen
werden soll.“
„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas hier gebaut werden.“
„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es weißt!“ warf Moritz
dazwischen.
Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus. „Wer wird hier
mitten im Walde eine Kirche bauen? Du bist ja ein ganz Kluger! Mitten im
Walde!“
Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen wieder. Nur der alte
Maurer kicherte noch zuweilen: „Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er
erzählte, daß er vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg.
Aber niemand hörte zu.
Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit hatten sie alle müde
gemacht. Einer nach dem andern kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er
schlief nicht. Er blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen,
in die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein wunderbares und
herrliches Sausen ging in der Ferne durch den Wald. Stark, wie Gewürz,
hauchte die Luft aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und
faulende Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig wieder
geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche aber, das war diese
wunderbare große Stille da draußen.
Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe, und schon war er
eingeschlafen. Er erwachte einige Male in der Nacht, um immer sofort
wieder in tiefen Schlaf zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah
er plötzlich den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf einem
Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder erwachte er. Es regnete,
und durch das provisorische Dach fielen einzelne Tropfen auf sein
Gesicht. Das Feuer glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die
Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund offen, schnarchten
und röchelten. Nur der große, bleiche Zimmermann saß schlaflos mit
offenen Augen, die glänzten, wie die Augen einer Eule.
22
Am nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den Gefährten. Die
helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt. Er hörte, daß Lehmann
schalt, ohne ihn jedoch zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen
Worte galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich rasch.
„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann, „so gehen Sie doch
wieder zurück nach Berlin und lassen Sie sich von den Läusen auffressen.
Sie haben die Bedingungen der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also
nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten wollen und die
vor allem Freude an der Arbeit haben. Das ist die Hauptsache für uns.“
Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe vorüberfloß, um
sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte ihn, gut gelaunt wie immer. Er
hatte die Hosen hinaufgestülpt und stand bis an die Knie im eisigen
Wasser, während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und Rücken
wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh munter geworden,“ sagte
er lachend. „Plötzlich, siehst du, hört er auf zu schmunzeln.“
Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug, der nach Schnee
schmeckte, strich durch die Stämme, hoch oben glitten mächtige helle
Wolken dahin, ganze Gebirge von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine
dünne Lichtnadel durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der
fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein würziger
Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie auseinanderbricht, stieg
aus dem feuchten Boden. Raben krächzten über den Bäumen, und ein paar
dunkle Fittiche schwankten irgendwo gespenstisch.
Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde. Eine helle Stimme schalt.
„Spute dich: er meint uns.“
Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen, ohne jeden Zweifel. Er
befahl, ordnete an, schrie, sprang selbst zu, half mit. Riesenkräfte
schienen in seinem einen Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo,
nichts entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein Gesicht
niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt, seine Wangen waren
frisch gerötet.
Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe.
Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden Bart, und der
kleine alte Maurer mit dem Schlapphut hatten zusammen eine
Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie handhabten zusammen eine Säge und
versuchten ein dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten,
dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die Bohle
eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz ab.
Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“ sagte er. „Arbeitet
langsam, wenn euch der Atem ausgeht, aber arbeitet regelmäßig und
schwätzt nicht soviel. Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem
langen Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“
Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen Bart vor und
knöpfte zur Antwort langsam den langen Militärmantel auf. Er trug ein
zerrissenes Hemd, das nur noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und
eine alte an den Knien zerschlissene Hose.
„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer gewissen Härte in der
Stimme, die seine Beschämung verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge
tragen, daß Sie Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich
organisiert. Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher, daß man uns
in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen geschickt hat. Es wird
alles in Ordnung kommen.“
Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte. Alle staunten den
halbfertigen Schuppen an, während sie aßen.
„Ob wir es heute noch schaffen?“
Kopfschütteln. Zweifel.
„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann, der mit ihnen aus
demselben Kessel aß.
Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau und kalt, mit einem
eisigen Wind, war der Schuppen bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er
hatte zwei Fenster – nicht größer als Stallfenster allerdings, und
einige Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und eine
solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh wurde in den Schuppen
gebracht, der Kochherd, schon wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr.
Kisten wurden zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen
Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte die Zweige an die
Wand. Nun sah es in der Tat schon ganz festlich aus. Es war behaglich.
Der Wind pfiff nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine
Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt und geflickt, aber es
waren immerhin Decken, und sie waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann
sich sein Lager eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren
Notizbücher, Rollen, Pläne.
Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer! Es war ein
junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer verblaßten Schülermütze auf
dem Kopfe. Forsch und keck trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von
der frischen Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er.
„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an. „Kannst du Tabak
besorgen?“
„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen morgen auch Tabak mit.“
„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst du bezahlt,
mein Junge, am Tage?“
„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“
Wir? Wer waren diese „Wir“?
Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie hatte sich das alles seit
gestern geändert! Es zeigte sich, daß der Radfahrer in seinem Rucksack
ein Paket Zeitungen mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas
veraltete Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt vorging,
während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe hing von der Decke
herab. Das hätte von allen keiner erwartet. Man fand es nun ganz
behaglich und angenehm in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit
einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf dem Stroh, und
einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit war geschwunden, das
finstere Grübeln, der gegenseitige Argwohn.
„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du immer? Den ganzen
Tag spintisierst du! Nimm es nicht so schwer, es wird noch schlimmer
kommen. Der Teufel holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte.
Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten Rattenaugen, er nannte
sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer gesammelt. Henry, der, wie er
sagte, jahrelang Steward auf den großen Passagierdampfern war, erzählte
von seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China, als sei er erst
gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so groß wie die Hand, und von
einer Hitze, daß die Ölfarbe der Schornsteine schmolz. Er hatte in China
Hinrichtungen mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern gewesen –
lauter kleine Puppen, lauter kleine braune nackte Puppen. Er erzählte
von reichen Leuten, amerikanischen Millionären, sonderbaren Passagieren.
Da war zum Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war.
Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie war der
Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte sich in ihn, Henry.
Er könnte heute, weiß Gott, ein Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene
Frau, etwas Schrecklicheres gibt es nicht.
„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie geheiratet!“
Gelächter.
Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte sich als ein
vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel, Stare, Hühner,
Eichelhäher, Katzen und Hunde aller Größen und Rassen ahmte er nach und
erntete großen Beifall.
Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener Art
befanden. Selbst der Verstümmelte – mit dem Glotzauge –, selbst er
steuerte etwas zur Unterhaltung bei. Er war in Sibirien in
Kriegsgefangenschaft gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er
hielt die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen. Und alle,
die nie einen Wolf gehört hatten, überlief ein Schauer.
Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast augenblicklich sanken
alle in tiefen Schlaf.
Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend ging er, die Pfeife
rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke auf und ab.
23
Die Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend stürzten die
Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten die Arbeit im Walde und in der
Baracke nach Befähigung angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und das
Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung ab. Den
hochgeschossenen jungen Menschen mit den abstehenden Ohren und dem
Diebsgesicht hatte Lehmann abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er
sagte, Tagediebe und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen
verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen.
Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur Arbeit. „Vorwärts,
immer vorwärts!“ rief er. „Ohne zäheste Arbeit können wir das große Werk
nicht schaffen. Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht
sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen Spaß! Er setzt
mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“
„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann zu dem großen,
bleichen Zimmermann. „Ich werde Sie in ein Krankenhaus schicken.“
Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns flehten.
„Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich hier im Walde. Hier werde ich
gesund werden. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich
nicht in ein Krankenhaus.“
Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau verunglückt, die Hüfte
verrenkt, gar nichts Besonderes, aber seitdem war es mit ihm bergab
gegangen. Es war vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister
sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei Monate lang mit
seiner Frau und drei Kindern in einer Dachkammer ohne Fenster, bis er
erkrankte. Die Kinder gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel.
Nun, Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost – was
man hier im Walde Krankenkost nannte! –, und nach einer Woche schon sah
man ihn zuweilen langsam unter den Bäumen hin und her gehen, während er
früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei Wochen aber nahm er
schon die Axt in die Hand, aber er schwankte noch, wenn er zuschlagen
wollte.
„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm.
Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten? – ein wirklicher
Automobilomnibus auf der Landstraße heran. Alle sahen staunend von der
Arbeit auf.
„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben wir schon
Omnibusverbindung bekommen? Es wird gar nicht lange dauern, so werden
sie uns eine Untergrundbahn hierher bauen.“
Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in grauen Arbeitskutten.
Lebhaft schüttelten sie Lehmann die Hand. Es zeigte sich bald, daß einer
der Herren Arzt war und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt
eine vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie benötigen.
Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen klettern. Dem einen
wurde dieses geraten und verschrieben und dem andern jenes. Die Herren
waren außerordentlich freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre
Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem General setzte er
eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt.
„Da sind Sie ja!“ rief der junge Arzt, als er Georg erblickte. Erstaunt
erkannte Georg jenen Arzt wieder, der ihn seinerzeit in dem Haus in der
Lindenstraße empfangen hatte. Der junge Arzt schüttelte ihm herzhaft die
Hand. „Eine Freude, Sie wiederzusehen, so gut haben Sie sich erholt!“
rief er aus. „Sie haben schon etwas Farbe bekommen. Sie sehen, auch wir
kommen zuweilen aufs Land. Aber es ist leider selten, und um diesen
Außendienst reißen sich alle. Nun kutschieren wir vierzehn Tage in der
Umgebung umher, das ist unsere Erholung, sehen Sie!“
Die beiden Ärzte blieben bis zum Anbruch der Dunkelheit. Dann fuhren sie
davon, Lehmann mit ihnen.
Der Omnibus mit seiner verwirrenden Einrichtung beschäftigte am Abend
alle Gemüter.
„Was für einen Wagen doch die beiden Burschen hatten! Sie haben ja
alles! Hast du gesehen, sogar eine kleine Apotheke ist eingebaut. Ihr
Leute – und sie waren nicht entfernt so grob wie die Kassenärzte.“
„Und dieser Zahnarzt! Das ist ein feiner Bursche!“
„Die Gesellschaft zahlt schlecht, das ist Tatsache, aber man muß
zugeben, daß sie für ihre Leute sorgt. Hemden, Wäsche, Socken haben sie
uns gegeben, und der General hat sogar eine gestrickte Wollweste
bekommen.“
„Man sagt, die Arbeitslosenfürsorge bezahle alles, und das Rote Kreuz
soll auch dahinterstecken.“
„Und diese Jungens, die auf ihren Rädern kommen und Botendienste tun,
sie scheinen alles überlegt zu haben und alles heranzuziehen.“
„Und doch verstehe ich es nicht,“ hub der alte Maurer wieder an und
schüttelte bedächtig den Kopf, „was wollen sie eigentlich hier bauen?“
„Was geht es dich an? Sei froh, daß du etwas zu nagen und zu beißen hast
auf deine alten Tage.“
„Man möchte es doch wissen. Sie müssen doch etwas hier wollen? Und ein
großer Schuppen soll noch kommen? Und der Plan, den Lehmann bei sich
hat?“
Georg hatte bei Gelegenheit einen Blick in den Plan werfen können.
„Soviel ich sehen konnte,“ sagte er, „soll hier eine Art Stadt gebaut
werden.“
„Eine Stadt?“
„Eine Stadt?“ Der alte Maurer lachte kindisch.
„Eine Stadt?“ Allgemeines Gelächter.
„Laß dich nicht auslachen, Weidenbach!“
Georg kam, bei Gott, in Verlegenheit, weil sie alle derart wieherten.
„Und doch – denkt, was ihr wollt. Ich habe doch den Plan gesehen,“ sagte
er. „Eine Stadt oder eine größere Ansiedelung mit großen Gärtnereien.“
„Gärtnereien!“
„Gärtnereien, sagst du?“
„Jawohl, Gärtnereien!“
Wiederum Gelächter. Was hier wachsen solle? Auf diesem Boden – nichts
als Sand!
Aber der alte Maurer mit dem Schlapphut kam Georg zu Hilfe. „Worüber
lacht ihr denn, ihr Narren?“ rief er. „Man kann auf den ersten Blick
sehen, daß ihr nie aus der Stadt herausgekommen seid und vom Boden
nichts versteht.“ Und er erzählte umständlich, mit allen Einzelheiten,
von einem Garten, den er vor zwanzig Jahren aus einem Sandhaufen
geschaffen hatte. Schon nach zwei Jahren blieben die Leute stehen, so
sah der Garten aus, und schon im dritten Jahre blühten darin die
Fliederbüsche. Im vierten Jahre aber, da kam er also eines Abends in den
kleinen Garten, und was hörte er? – Der Alte streckte die Hände in die
Höhe, rückte den Schlapphut mit den Pleureusenresten aus der Stirn und
begann zu pfeifen – tüh – tüh – tüh. „Eine Nachtigall, ihr Leute! Mein
Herz hat geschlagen, so schön sang die Nachtigall.“
Der kleine krummbeinige Schlosser machte eine verächtliche Handbewegung.
Er wußte es besser als alle.
„Weshalb zerbrecht ihr euch die Köpfe?“ fragte er. „Wie? Was sie hier
machen wollen? Geld wollen sie machen, aber nicht für uns! Es ist ja
alles aufgelegter Schwindel. Unsere Arbeitsstunden sollen gebucht
werden, und wenn du fünftausend Arbeitsstunden erreicht hast – im Laufe
der Jahre, sooft du stellungslos bist –, so sollst du einen Morgen Land
und eine Behausung bekommen. Wer soll das glauben? Es ist ja alles
Schwindel und Lüge. Ich habe es euch ja oft gesagt: Es ist Schellenberg
und kein anderer als Schellenberg. Wir werden uns schinden, und
Schellenberg wird den Profit einstreichen. Ich habe ja bei Schellenberg
gearbeitet. Er baut sich einen Palast im Grunewald, das müßt ihr gesehen
haben. Ein halbes Jahr lang habe ich dort Erde gekarrt. Schellenberg hat
sich ein Schwimmbad im Keller eingerichtet, hat man so etwas schon
gesehen? So groß wie eine Reitschule. Da sind fünfzig Zimmer und Säle,
und sogar die Diener haben Badezimmer. Da sind Ställe, Garagen, ein
Bootshaus und ein Pavillon am See. Eine Küche so groß wie eine Kaserne,
und alles aus weißen Kacheln!
Ihn aber selbst solltet ihr sehen, Schellenberg!“ fuhr der Schlosser
fort und fettete sich den Schnauzbart mit den Fingern ein. „Wenn er in
seinem Auto angefahren kommt, in einem Pelz, von oben bis unten, eine
Bärenmütze auf dem Kopf. Und immer schöne Weiber hat er bei sich, und
manchmal ist er schon am hellen Tag betrunken. Oh, man muß ihn nur
gesehen haben, dann weiß man alles. Dieser Schellenberg hat in den
letzten Jahren das Geld mit Scheffeln zusammengerafft. Niemand weiß, wie
reich er ist! Und womit? Mit Holz und im Holzhandel. Er hat zehn
Papierfabriken, ihr Leute. Es ist ja kein Kunststück bei den
Hungerlöhnen, die er uns zahlt. Und die Regierung – sie stecken ja alle
unter einer Decke – zahlt ihm noch zu, weil er die Arbeitslosen
beschäftigt. So ist es. Häuser? Eine Stadt, Gärtnereien? Laßt euch nicht
auslachen.“
In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und herein sah schüchtern
und scheu das runzlige Gesicht einer alten Frau. Auf ihrem Kopftuch
lagen einige Schneeflocken. „Bin ich hier richtig?“ sagte die alte Frau.
„Ist das die Station Lehmann?“
„Hier bist du richtig,“ antwortete der Kellner.
„Immer herein, Großmutter!“ schrie der Schlächter. „Was willst du denn?“
„Ich komme hierher zur Arbeit. Ich soll euch die Küche führen.“
Die Männer blickten einander an. „Was sollst du?“ Dann brachen sie in
lautes Gelächter aus. Und sie lachten so sehr, und ihre Bemerkungen
waren so derb, daß der alten Frau die Tränen in die Augen traten. Sie
drehte sich verlegen und verletzt in ihrem abgeschabten Mantel. „Ihr
seid ein loses Volk!“ schrie sie und bewegte heftig die Arme. Am
liebsten wäre sie wieder zur Türe hinaus.
Dann aber begann sie hastig zu plappern, und ihre runzligen Lippen
schienen nicht mehr zur Ruhe kommen zu wollen. Sie erzählte ihre
Lebensgeschichte und verlor sich in Einzelheiten, die niemand verstand.
Sie war Witwe, ihr Mann, ein Schreiner, seit Jahren tot. Sie hatte ein
kleines Haus besessen und einen kleinen Garten. Und sechs Kinder hatte
sie großgezogen und vier Töchter ausgestattet. Aber durch den Krieg
hatte sie alles verloren. Und nun war sie alt und mußte wieder arbeiten.
Die Männer sahen einander an, brummten verlegen und schämten sich ihrer
derben Späße.
Der Schlächter Moritz aber hatte genug Lebensart und wußte, was sich
gehört. Er sprang auf, ging der Alten entgegen und schüttelte ihr
herzhaft die Hand. „Nun schön!“ rief er aus. „So bleibe bei uns,
Großmutter! Hoffentlich kannst du gut kochen. Wir essen hier fein auf
der Station. Wir werden dich neben den Ofen hinpacken, da hast du es
warm. Komm, gib den Mantel her. So, und jetzt gib mir einen Kuß!“ Und
wirklich wollte der Schlächter der alten Frau einen Kuß geben.
„Du bist ein loser Vogel!“ rief die Alte und stieß ihn zurück. Sie
lachte, während die Tränen auf ihren runzligen Wangen noch nicht trocken
waren. „Ei, was für ein loser Vogel ist er doch!“ und sie gab dem
Schlächter eine kleine gutgemeinte Ohrfeige.
„Ah, da hast du es, Moritz!“ schrien die Männer. Die Bekanntschaft war
geschlossen.
„Und das hier ist also deine Küche, siehst du!“
„Das ist die Küche?“ Die Alte lachte.
Ja, das sei die Küche. Ob sie ihr nicht vornehm genug sei? „Und die
Bedienung, die wir haben, wie in einem erstklassigen Hotel. He, Henry,
zeige der Großmutter, wie es bei uns hergeht.“
Henry, der Kellner, stand auf, klemmte ein schmutziges Handtuch unter
den Arm und tat, als serviere er. Einen Teller auf der Hand
balancierend, rannte er mit kurzen, schnellen, komischen Schritten von
der Küche in die Mitte des Zimmers, wo er unsichtbaren, an einer Tafel
sitzenden Gästen aufwartete. Er beugte sich vor, drehte die Platte auf
den Fingern, damit der Gast bequem abheben konnte, richtete sich auf und
schob sich neben den nächsten Gast. Sein Gesicht war von tödlichem
Ernst. Zuweilen tat er, als mache er einem zweiten Kellner, vielleicht
einem Pikkolo, Zeichen mit den Augen. Dann rannte er mit denselben
komischen Schritten wieder in die Küche zurück.
Die Männer brüllten vor Lachen, und in der Tat, Henry spielte diese
Szene mit unglaublicher Komik. Auch die Alte lachte, daß ihr die Tränen
über die Wangen liefen.
In diesem Augenblick ließ auch schon der Schlosser seine Kunst hören. Er
ahmte einen ganzen Käfig voller Hühner nach, und die Alte glaubte
wirklich eine Weile, daß in der Ecke Hühner seien.
„So also geht es bei euch zu!“ schrie sie.
„Jawohl, Großmutter, so und nicht anders!“ rief der Schlosser und gab
ihr einen derben Schlag auf die Schulter. „Wir werden dich nicht
fressen. Es wird dir gut bei uns gefallen!“
24
Den Männern, die Familie hatten, war es freigestellt, jeden Sonnabend zu
ihren Angehörigen in die Stadt zu fahren. Am Montag kehrten sie zurück.
Einzelne kamen nicht wieder. Der Arbeitsnachweis der Gesellschaft hatte
sie in ihrem Beruf irgendwo untergebracht. Den Unverheirateten aber
sollte erst nach einigen Wochen ein Urlaub gewährt werden. Es hing ganz
davon ab, wie Lehmann mit ihnen zufrieden war. Georg hatte ihn schon am
ersten Sonnabend um einen Urlaub gebeten.
„Nicht daran zu denken,“ antwortete Lehmann mit einem Lächeln. „In vier
Wochen vielleicht.“
Nun, auch vier Wochen würden wohl vergehen.
Georg hatte sich im Walde rasch erholt. Am Anfang, da zitterte sein
entkräfteter Körper unter den Anstrengungen der schweren Arbeit, und des
Morgens, wenn der Lärm der Kameraden ihn weckte, war es ihm oft kaum
möglich, sich vom Lager zu erheben. Er war in Schweiß gebadet, die Füße
trugen ihn kaum. In der zweiten Woche aber fühlte er seine Kräfte
langsam zurückkehren, und in der dritten Woche war es ihm, als ob er
seit Jahren diese schwere Arbeit verrichtete. Er war kein Riese, wie
Moritz, daran war nicht zu denken, aber immerhin, er stellte seinen
Mann.
Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr unter jedem
Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen Ostwinde einsetzten und in
den Nächten das Wasser in den Furchen der Landstraße gefror. Reif
bedeckte am Morgen den Boden und die Stämme der Bäume.
Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde zu wandern. Er hatte
das Bedürfnis, allein zu sein und sich mit seinen Angelegenheiten in
aller Stille zu beschäftigen.
Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der in einer
Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der Wald an eine sanft
geneigte Heidefläche, die nur von dünnem Gestrüpp und einigen Birken
bestanden war. Auch auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage
tätig. In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort hausten
sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie an einem Sonntag
besucht.
Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen Heide. Wie ein
Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich der Mond aus dem Rauch des
Horizonts, bald aber funkelte er herrisch hoch am Himmel und spiegelte
sich ohne Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des Kanals,
der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei und ohne jedes Hindernis
stürzte der Wind über die kahle riesige Fläche.
Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem Gram. Kein Mensch,
kein Tier. Das rote glimmende Licht der Arbeiterbaracke am Rande der
Heide war das einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste
und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo.
In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im Angesicht des kalt
blendenden Mondes wanderte Georg dahin, seinen Gedanken hingegeben.
Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine Stunde Christine
und ihr Schicksal vergessen. In den ersten Wochen hatte er versucht, die
Erinnerung an sie aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht
verlassen und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde hatte ihn
ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen, nichts wußte er, nichts.
Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles.
Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten, sich beim
Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen. (Erst hier im Walde
war ihm eingefallen, daß es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser
indessen hatte geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er
aufstehen könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit dieser Zeit
hatte er nichts mehr gehört.
Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub nach Berlin
bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden. Dazu hatte er etwas Geld
in der Tasche.
„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die stille verlassene
Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses Mädchen anfangs gar nicht
so sehr. Ich hatte mich immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt,
nicht wahr? Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt,
Tränen und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn Mädchen
zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß dieses
leidenschaftliche, von vielen begehrte und umworbene Mädchen – wo sie
auch ging, wandten sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte.
Wie sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie um mich
warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als etwas Selbstverständliches hin,
ihre Leidenschaft, ihre Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er
durchlebte in der Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war
es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie sie ihn mit
ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen kannte, quälte und
folterte. Diese ewigen Szenen! Sie lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte
über jeden seiner Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde,
seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der schönen Jenny
Florian, durfte er nicht einmal die Hand geben. Welche Qual! Sie drohte
sich ins Wasser zu stürzen, sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal
hatte er beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten,
wenn es sein mußte ...
„Und nun?“
„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg und blieb inmitten
der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit Christine in ihrer Raserei auf
mich geschossen hat, seit diesem Augenblick liebe ich sie über alle
Maßen.“
* * * * *
In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt, die Umrisse von
Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die Schuppenwand zu zeichnen. Seine
Pfeife qualmte, und sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen
strahlte vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags, als die
Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die Aufschrift, die in großen,
glänzend weißen Lettern die ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie
lautete:
Gesellschaft Neu-Deutschland!
Tod dem Hunger!
Tod der Krankheit!
Es lebe die Kameradschaft!
Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten sollte.
„Leben Sie wohl, Weidenbach!“ rief Lehmann, der seine Malerei
wohlgefällig betrachtete. „Und vergessen Sie nicht, wiederzukommen!“
„Ich komme bestimmt zurück!“ erwiderte Georg. Rasch ging er dahin. Die
Sonne blinkte, obwohl einzelne Schneekristalle in dem kalten Wind durch
die Luft trieben.
25
Die Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die elektrisch
angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen mit einem schrillen Ton vom
Grauen des Tages bis zum Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem
Gesplitter fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten
Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten Bäume, um die Äste
zu entfernen. Über die ganze Waldfläche zerstreut lagen die Leichen der
gefällten Föhren und Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz.
Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll in der Hand und
trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall war auch Georg Weidenbach, der
zu einer Art Unterführer aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab
Befehle, nahm selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der
Arbeit und vom Frost.
Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die an ihn grenzte,
war bereits von den Baracken aus sichtbar. An klaren Tagen sah man auf
der Heide kleinere und größere Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an
der Arbeit. Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten die
Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide gestanden. Meist aber
war die Heide in Dunst und Nebel eingehüllt, und man sah nichts.
Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren noch zwei große
Schuppen dazugekommen, in denen die Belegschaft, über hundert Köpfe
stark, hauste. Ein wenig abseits stand eine mächtige Baracke mit einer
Reihe großer Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie große
Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier kreischten und sangen
die Sägen. Eine Schar von Tischlern und Zimmerleuten war hier an der
Arbeit, und Martin, der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich und
elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei große Schuppen waren
noch geplant. Glückshorst sollte eine der großen Tischlereien der
Gesellschaft werden. Sie machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle
und Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer die gleichen
Maße und Größen.
In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller anfangs gehaust
hatten, befand sich heute nur noch die Küche, wo Mutter Karsten mit den
Töpfen rasselte. Bei ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem
Dorf zu ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen, die sie
schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug bei ihr sein, ohne jede
Pause ging ihr rasches Mundwerk.
Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er hatte dort eine
Pritsche mit einem Strohsack und einer Pferdedecke, einen Tisch und
einen Stuhl, wie sie in der Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch
stand das Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das Bureau
war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der Unordnung saß Lehmann,
die Pfeife im Munde, und lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war
zufrieden. Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig in
Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht und ihm eine
große Karriere prophezeit. Und darüber freute sich Lehmann. Er war
früher Offizier gewesen, lange ohne Brot und Stellung und hatte eine
Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst brauchte er
nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war alles.
An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden Morgen die Vakanzen der
Berliner Arbeitsnachweise an und musterte dann die Leute aus, die sich
für die Vakanzen meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du
bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken. Er hat Frau
und Kind in Berlin sitzen. Und dich, Moritz, kann ich hier nicht
entbehren, dich brauche ich hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge
vor, warte nur, bald sollst du es hören.“
Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die Brust und wurde rot
über das Lob. Täglich gingen Leute nach Berlin zurück, und andere
Arbeitslose kamen. Manchmal waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal
mehr.
Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen Kolonnen einreihen. Es
gab leichtere und schwerere Arbeiten, Arbeiten, die jeder Dummkopf
leisten konnte, und Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte
es gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten der
einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung dauerte keine fünf Minuten,
und schon ging es an die Arbeit.
Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt – in Berlin gewesen.
Aber seine Reise war völlig ergebnislos verlaufen. Bei den polizeilichen
Meldestellen wußte man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem
düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er hoffte, der
Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande, nähere Auskunft geben. Und
wenn nicht er, so vielleicht irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich.
Die Stunden vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es reichte
kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser, den er immer noch
hustend und frierend in seiner kalten Werkstatt vorfand.
Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich einen Brief von
Stobwasser erhielt. Seht an, das erste Wort, das Georg in die Augen
sprang, war der Name Christines. So also war es: Katschinsky hatte es
Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die Schauspielerin,
jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft als Diva engagiert, hatte vor
mehreren Wochen eine Nachricht von Christine aus Berlin erhalten.
Unglücklicherweise aber war die schöne Jenny auf Reisen, sie filmte in
Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie zurückerwartet.
So hieß es, sich gedulden.
Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg stürzte sich in die
Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich schlug sein Herz wieder
freier.
26
Der Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif, einige Frostnächte
unter dem blitzenden Mond, das war alles. Nun aber war in der Nacht
heftiger Schneefall eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft,
völlig verändert. Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig, aber
gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom Himmel herunter. Am
Morgen waren die Baracken fast einen Meter tief in den Schnee gesunken.
Auf den Bäumen hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne glitzerte.
Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute forderten eine
besondere Kolonne an, da sie bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt
waten mußten.
Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den Briefen? Die
Radfahrer können unmöglich durchkommen. Aber siehe da, schon kamen die
Boten an. Es waren jetzt sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst
mit Begeisterung versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt und bewundert.
Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen jungen Leuten, die freiwillig
Dienst taten, nicht grün waren – sie hielten sie für Mitglieder
reaktionärer Verbände –, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen
an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche Teufelskerle!
Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von den Dächern fegen, sie
bogen sich unter der Last. Aber die Arbeit erfrischte und ermunterte. So
sonderbar es war, man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter.
Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn er fegte die Straße
frei und wehte den Schnee hinunter in den Kanal.
„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist dieser Wind, denn
die Stubben müssen heraus. Wir müssen die Sprenglöcher bohren.“
Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben flogen in die Luft.
Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte und ermunterte.
Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten her. Nur jene, die erst vor
wenigen Tagen aus Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde,
verhielten sich noch still und stumpf.
An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker Tumult. In der
Tat, in keiner der Kneipen der Berliner Vorstädte, wo am Abend müde und
verbrauchte Menschen verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene
Fröhlichkeit.
Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug, Gelächter.
Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt der Gesellschaft.
Jeden Abend gab es ein lustiges Geplänkel zwischen ihm und Mutter
Karsten. Moritz faßte die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen
und sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich Hochzeit feiern?“
„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte Frau zu verspotten,
du Schlingel! Siehst du nicht meine Runzeln und daß ich keine Zähne mehr
habe. – Hier hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende
Ohrfeige.
Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war und Mutter Karsten
beistand, seht an! Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb,
aber noch gut aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen folgte
sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz begann, ihr Augen zu
machen. Schon stieß man sich an und machte Scherze.
An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche sitzen, wo er die
Kessel fegte. Die besten Bissen wurden ihm zugesteckt.
Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht war vor kurzem in
die Baracke gekommen. Er war von Beruf Schneider und spielte vorzüglich
die Mundharmonika. Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann
seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er rückte einen kleinen
steifen Hut aufs Ohr, schwang eine Gerte als Stöckchen, und wie schnell
gingen seine Füße, man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu
stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in einer Sprache,
die niemand kannte. Manchmal sah es aus, als falle er seitlich um, aber
er tänzelte graziös dahin, das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer
war stets ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten
vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit einem neuangekommenen
hageren, düsteren jungen Mann auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein
Boxer zu sein. Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort
öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, auch Moritz
nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der stärkste Mann im Lager, und er
empfand es als einen Angriff auf seine Stellung, wenn der Hagere so
unverschämt renommierte.
„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als ob du weit kämest.“
„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“
„Ah, ein Boxkampf!“
Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation war noch nie
dagewesen. Der Hagere zog den Rock aus, und Moritz schlüpfte aus seiner
gestrickten Wollweste. Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde
Georg zum Schiedsrichter erwählt.
„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“
Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig Runden, je drei
Minuten.“ Alle Teufel!
Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf nach allen Seiten
Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt wird,“ sagte er.
„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten konnte. Ungeheure
Erregung.
Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, elend
zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin aus dem Dorfe aber war
dunkelrot und warf dem Hageren wütende Blicke zu.
Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, daß die Baracke in
Wahrheit zu toben begann. Politische Gespräche waren in der Baracke
verfemt. Lehmann entließ zwei junge Burschen, die offenbar nur in der
Absicht in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu treiben.
„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien und keine
Konfessionen, und wer in dieser Beziehung nicht pariert, fliegt
augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten Befehl und verstehe in dieser
Beziehung keinen Spaß!“
An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, immer mit großem Jubel
empfangen. Drei Stunden lang wurden Filme vorgeführt, und die Männer,
die einsam im Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele,
Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten schon stark und
waren etwas zerschlissen, aber das war den Zuschauern einerlei. Den
Schluß bildeten immer Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten:
Bergwerke mit sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, wo
die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen,
Gießereien, und am Schluß erschienen stets Filme der Gesellschaft
Neu-Deutschland. Siedlungen, kaum begonnen, Siedlungen, in denen die
Häuser emporwuchsen, Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, neue
Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ...
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Es ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen für das Lager
interessierten.
Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer in einem alten Auto
an. Sie gingen zu Lehmann ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder
heraus, um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie gingen
in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder. Sie besuchten die
Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte, und schienen sich für alles zu
interessieren, auch für jeden einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit
raschem Blick ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf,
dem Kellner.