Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließ, rückte sich

Georg auf der Holzbank zurecht, und eine Empfindung, die er lange nicht

mehr gefühlt hatte, erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er

glücklich. Trotz allem.

9

Die Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg. Hier auf dem fetten

mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen, stillen, dünnbesiedelten

Landschaft hatte sich vor zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut

Klein-Lücke gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment genommen

hatte.

Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen, schweren Händen, die

immer etwas rot waren, und einem kantigen, massiven Schädel. Er war früh

ergraut und wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein

leichtlebiger Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst des

Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz plötzlich von der

Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog. Irgend etwas hatte sich

ereignet, er sprach nie darüber. Eine Frau? Das Schicksal einer der

vielen? Wer weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und es

fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr schweigsamer wurde.

Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien, dann überhörte er sie, und

schließlich ließ man ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein

Lebenswandel ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren Jahren

war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und war furchtbaren

Zornesausbrüchen unterworfen, unter denen er mehr noch als seine

Umgebung litt. Die Maßlosigkeit der Jugendjahre schien wieder

durchzubrechen. Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal

mit der Hundepeitsche nahezu tot.

Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß, kaum vierhundert

Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet. Die Felder stachen

gegen die Äcker der Nachbargüter derartig ab, daß man glauben konnte,

der Boden sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’ und

Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft. Wenn nur eine

Schaufel am unrechten Ort stand, so begann die Stimme des Majors zu

gellen. Die Ställe! Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich.

Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst im Schelten war er

wortkarg. Er redete in einer Art von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit

zog er sich in seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände

und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er langsam seinen

Rotwein schlürfte und drei Zigarren rauchte. Nie mehr. Sein

Spezialgebiet waren Werke über Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich

den Großen, kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur

interessierte ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht durch,

aber in früher Morgenstunde war er wieder auf dem Hof.

Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten Lähmung des linken

Armes und der linken Schulter. Der Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein

einreiben, und als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche

zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“ Schließlich ging

er an einem Stock. Es war nicht Rheuma, wie er angenommen hatte, es war

eine Lähmung, die langsam aber stetig fortschritt.

Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen. Er

verwünschte sein Dasein; ohne mit der Wimper zu zucken hätte er sein

Leben für sein Land hingegeben. Während der Kriegsjahre war er

nachsichtig gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er

schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den Tischen in der

Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des Krieges konnte er nicht

verwinden. Er sprach nun überhaupt nicht mehr, zog sich völlig zurück

und vernachlässigte sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des

Friedens von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. Man

hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek, mitten in der Nacht. Es war

ein Laut, als falle ein Baum.

Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert durch ein

verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein entsetztes Kind. Das war

die Gattin des Majors. Sie hatte den dumpfen Fall gehört und wußte

augenblicklich, was geschehen war.

Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im Wesen völlig

verschieden von ihrem Gatten. Sie war verträumt und ging durch die

Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin. Sie zitierte Verse von Goethe und

Heine und las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg

hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang auch jetzt noch

zuweilen, mit einer kleinen, rührenden, etwas zittrigen Stimme. Das aber

tat sie nur, wenn sie sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten

Hände und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten Jahren

hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von ihm noch beachtet zu

werden. Er sah sie kaum mehr, auch wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß.

Nach dem Tode des Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof

verfiel.

10

Die Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten die Statur ihres

Vaters.

Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben massiven, eckigen

Schädel. Beiden war es eigentümlich, daß immer ein Lächeln auf ihren

etwas derben, gebräunten Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln,

oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel hatte die

stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des Vaters, während Michael die

sanften braunen Augen der Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen

Grundton, der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung war,

und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht tief in die Augen fiel.

Wenzel und Michael wuchsen wie junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der

Vater kümmerte sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter,

verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. Sie

zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, die man weit und breit

finden konnte. Sie ritten zu zweit, ohne Sattel, auf einem Pferde, einem

Hengst, den sonst niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug –

ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn einer der

Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten Bäume, sodaß die

Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn sie sie oben in den Wipfeln schwanken

sah. Im Alter von zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie

jagten, was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, Hasen.

Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund – genannt Isaak –

groß wie ein Kalb, ein bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem

Hunde, dessen Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der Knecht

auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die Kleider in Fetzen

gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei Meter hoch, und schossen riesige

Pfeile, die dreizöllige Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich

gegenseitig, und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere

Michael einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen hätte haben

können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit hinkte Michael ein wenig.

Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester der Mutter in die

Stadt. In dieser Stadt – einer kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie

auf den Dachfirsten reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer

Eisscholle, mächtige Prügel schwingend, durch die ganze Stadt, zur

Belustigung der Straßenjugend und zum Schrecken der Erwachsenen. Bei

einer Brücke, wo sich das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie

Gemsen, über das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf

einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu treiben. Es waren

richtige Teufel.

Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, wurde Landwirt

und Chemiker.

Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael einige Jahre in den

Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. Diese Laboratorien bildeten

einen Komplex wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der

wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. Er war

noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, als er ein Verfahren zur

Herstellung von Harnstoff erfand, das fast um ein Drittel billiger war

als die bekannten Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt bekannt. Die

Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die Erfindung zu erwerben, und

auf diese Weise fiel dem jungen Mann eine jährliche Rente von

beträchtlicher Höhe in den Schoß.

Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff sollte in dem großen

Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst praktisch angewandt werden.

Umbauten und Einrichtungen würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen.

Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, als jene große

Explosionskatastrophe eintrat, die noch in aller Erinnerung ist. Es

flogen im ganzen fünfhundert Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft,

vierhundert Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa

fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. Bei dem

Explosionsherd entstand ein Loch, in das man eine fünfstöckige

Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit hätte unterbringen können.

Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe mit dem Leben

davon. Er schlief im Junggesellenheim des Werkes und wurde am frühen

Morgen, die Explosion ereignete sich bei der ersten Morgenschicht, aus

dem Bett geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus und

zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug bekleidet,

erreichte Michael inmitten einer Lawine von Schutt das Freie. Was, um

Himmelswillen, war geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber

schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager explodiert

sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! Mauern von Staub

verdunkelten die Sonne. Die durch die Explosion zerrissenen Rohre und

Röhren, die unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der

Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine rubinrote, glasige

Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten stürzten dahin, taumelnd,

schreiend, schlugen mit dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten

kleinere Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines

Vulkans, surrten heulend durch die Luft.

Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes erinnern sich

heute noch an Michael, wie er augenblicklich handelte, dahin, dorthin

eilte, um Verschüttete, die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann

sammelte er ein Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte.

Und es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge Mensch, der

mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt in seinem Schlafanzug vor

ihnen stand, seine Anordnungen gab.

„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten befreien. Zweitens

müssen wir die Toten bergen. Drittens müssen wir sofort die Straße vom

Schutt räumen, um sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir

alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres Unglück zu

verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder aufbauen. Vorwärts,

schafft Leute! Und sofort eine Telephonverbindung!“

Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine Anweisungen, immer in

seinem verknitterten Schlafanzug. Aber niemand kam es in den Sinn,

darüber auch nur zu lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und

erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht.

Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die Schallwelle der Explosion

über ihn hinweggesprungen sein mußte, da sie ihm anders das Trommelfell

zerrissen hätte. Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige

schlaflose Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung.

Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen Versuchsgut der

Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er veröffentlichte in dieser Zeit eine

Reihe von Aufsätzen über Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die

die Aufmerksamkeit der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin

erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an, und so geschah es,

daß Michael nach Berlin kam. Aber schon nach einem Jahre drehte er

diesem Institut den Rücken zu.

Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken und

erwarb ein dreihundert Morgen großes Gut in der Nähe von Berlin –

Sperlingshof –, das er zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges

umwandelte. Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die Schellenberg

taten alles leidenschaftlich – richtete er seine Energie auf die Erde,

den Boden, der, fast unbekannt, unerforschter als die chemischen

Elemente, seine Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch

schon Tausende von Jahren bebauten.

Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und Gartenbaus, die

Michael auf Sperlingshof nicht versucht hätte. Es gab keine Maschine,

die er nicht ausprobiert hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden,

Regenanlagen, Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen, sauber

etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen. Der Boden war

schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder. Wie eine Oase lag

Sperlingshof in der kargen Landschaft. Fachleute kamen, staunten,

disputierten, kritisierten. Michael arbeitete im Schweiße seines

Angesichts. Die chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn

monatelang. Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel eine

Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte. Michael bewies,

daß die Großstädte jährlich Hunderte von Millionen an kostbaren

Nährstoffen in ihren falsch behandelten Abwässern verschwendeten.

Europa, behauptete er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter Weise

die Probleme des Landbaus vernachlässigt.

Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael. Plötzlich taten

sich – im Zusammenhang mit ihnen – ganz ungeheure Horizonte auf. In der

Einöde von Sperlingshof wurde Michael von sozialen und soziologischen

Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend für sein

ganzes Leben werden sollten.

Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine Lebensaufgabe

erblickte!

Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen. Er hatte im

Osten der Stadt ein paar Zimmer gemietet. Hier arbeitete er Tag und

Nacht, und Bücher, Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen

Tischen.

Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im ersten Winter kam Wenzel

nach Berlin, um sich eine passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel

Arbeit und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast alle Abende

zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft zugetan, obschon Michael in

seiner Entwickelung eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte.

Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete

Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten Raucheisen, dem Chef des

Raucheisen-Konzerns, dem ein großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein

deutsches Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der gegen

achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel ließ seine

Familie nachkommen, Lise und die beiden Kinder, und richtete sich

irgendwo im Westen eine luxuriöse Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen

sich die Brüder – ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im

letzten Winter nur zweimal.

11

In diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von Sperlingshof

zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. Die Pläne

reiften! Es gab viele Arbeit hier in der Stadt, und jeder Tag war

kostbar. In diesem Winter wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen,

eine Gemeinschaft der besten und verantwortungsvollsten Köpfe

Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, Arbeit in Hülle und

Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden am Tag und mehr.

Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich nach Wenzel

umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor, ihn aufzusuchen.

Merkwürdigerweise dachte er in diesen Wochen häufig an den Bruder.

Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post einen

umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt vorkam. Die Schrift

und die grünlichschillernde Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da

erinnerte er sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels war,

einer Frau von dem Busch, einer arroganten und herrschsüchtigen Dame,

der er am liebsten aus dem Wege ging.

Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon etwas ärgerlich.

Ich habe gehofft, sie würde mir für immer böse sein, wegen unseres

letzten Disputs. Sie hatten damals über Sozialismus debattiert, und

Michael, den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt

hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und Faulpelze, die sich

volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten mit ziemlicher Schärfe

bewiesen, daß sie nicht einmal wisse, was Sozialismus sei, obschon sie

ihn verdamme.

Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in ihrem Leben nichts

gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten Deckchen abgesehen. Vom frühen

Morgen bis zum späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie tat

nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten, sie verbreitete

Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen, Nizza, Italien, Marienbad. Ohne

Unterbrechung hatte sie es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat

gewesen und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen. Wovon bestritt

sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand wußte es. Sie hatte große Pläne

mit ihrer einzigen Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz

Außergewöhnliches hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt oder

einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen. Sie konnte es Wenzel

niemals verzeihen, daß er ihre Pläne zunichte machte.

„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich, nachdem er einen

Blick in den Brief geworfen hatte, und steckte ihn in die Tasche. Erst

am Abend, als er seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant

einnahm, machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht an

Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu schaffen?

Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in schlechte, nervöse

Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen, zuweilen aber amüsierte er

sich und mußte laut auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das?

Wenzel?

Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß sie an Michaels gute

Eigenschaften glaube, während sie bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute

Eigenschaften entdecken konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine

boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe an Sie,

Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn Sie auch heute vielleicht

noch Weltanschauungen huldigen, die ich nicht billigen kann, ja, die ich

bekämpfen muß. Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche

Unverschämtheit!“ sagte Michael laut vor sich hin.)

„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem Busch fort, nachdem

sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt hatte. „Sie schreibt wenig,

ausweichend und unaufrichtig. Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen

diese Ehe eingenommen war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt. Was

könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie verkehrten nie in

meinem Hause, Sie können also nicht wissen, wer bei mir aus- und

einging, der höchste Adel und sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten

Lise und prophezeiten ihr eine große Karriere, und Professor Livonius

sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper sein. Ich

verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all das denke. Ich habe meine

Tochter Ihrem Bruder nicht gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach

geraubt, geraubt wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael

laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten. In der Tat

hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt, es war am Anfang des

Krieges, und Wenzel hatte nur fünf Tage Urlaub.)

Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über den Verfall der

Sitten kam Frau von dem Busch wieder zu ihrem Thema zurück. Ihre

schlimmsten Befürchtungen, schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise

schreibt mir, daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr

besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast alle Menschen,

von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt ist diese Alte, dachte

Michael zornig.) „Denn, wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle

seine Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus, und sie

hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten,

Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere. Aus Freundschaft und

Achtung zu unserer Familie verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein

Wunder, daß einer nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief

unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen, lieber

Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht mehr im

Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was ist mit Wenzel? dachte

Michael erschrocken über diese unerwartete Nachricht.) „Weshalb? Wissen

Sie den Grund? Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und

ausgezeichnet bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie mir

Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner Bekannten konnte

ich Positives nicht erfahren, sie machten nur Andeutungen, die mich noch

mehr beunruhigten. Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach Berlin

gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach Bremen reisen und von dort

aus nach Frankfurt am Main, wohin mich eine alte Freundin dringend

bittet. Ich hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter

habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe! Welch törichter Stolz,

sich vor seiner Mutter zu schämen. Aber ich kann mir vorstellen, daß

Lise nicht gerne über diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß

nicht, ob Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir,

daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen Ruhelosigkeit

ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht nach Hause. In ihrem heutigen

Briefe nun gesteht mir Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften

abwesend ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten Erregung

befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“

Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen und mit einem

leichten Erschrecken gelesen. Der Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu

gehen, sie auszuforschen und sodann ihr, Frau von dem Busch,

ausführlichen Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine

Nachricht.

Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt und beunruhigt

verließ er das Restaurant.

Er beschloß, Lise morgen zu besuchen.

Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich Michael auf den Weg

zu Lise. Sie wohnte draußen im Westen, in einer jener Straßen, die sich

alle gleichen, in einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle

verschieden sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor. Neben dem Lift

stand eine Bank aus weißem Marmor, auf die sich niemand setzte, weil sie

eisigkalt war. Lise aber fand Treppenhaus und Bank herrlich.

Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem Häubchen auf dem

Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter Miene. „Herr Doktor

Schellenberg! Ist es möglich?“ rief sie aus und öffnete die Tür so weit

als es möglich war.

„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“

Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. Lise übte zwei-, dreimal

die gleiche Kadenz. Sie hatte einen hohen, etwas spitzen Sopran.

„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. „Ich darf nicht stören.

Aber die Stunde muß bald zu Ende sein.“

„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat Michael.

Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte, erscholl lautes und

freudiges Geschrei der beiden Kinder. Marion, das Mädchen, das die Züge

Lises trug, wollte sich augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf

einem Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber, Gerhard – schon

jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas derben Züge der

Schellenberg –, schrie die Schwester in erregtem Tone an. „Steige nicht

aus, Marion! Du wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen!

Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht, daß dieser

Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben auf dem Kleiderschrank. In der

Hand hielt er eine Tute aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an

den Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in großer

Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und etwas vernachlässigt. In der

Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr.

„Was gibt es?“ fragte Michael lachend.

„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert ist, Onkel,“

erklärte Gerhard hastig und erregt vom Schrank herab, denn er fürchtete,

das Spiel könnte gestört werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und

tute um Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich

ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der Wind bläst – huh!“

Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während sie sich krampfhaft

an ihrem Schemel festhielt, als fürchte sie fortgeweht zu werden. In

ihrer Angst hatte sie sich das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran,

in Tränen auszubrechen.

„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael, „wenn du ins Wasser

fällst, so ziehe ich dich sofort wieder heraus!“

„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm du bist!“

„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine.

„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard.

Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und rutschte auf

einem Stuhl über den Fußboden langsam heran an Marions Schemel. Er warf

Marion unter vielen Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel

in eine Ecke. Nun waren sie angekommen.

„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind auf der Pfaueninsel.“

Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt, wild und laut

geschrien hatte, war plötzlich sanft und weich. „Weshalb kommst du so

selten, Onkel? Man sieht dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael

mit einem langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in die

Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange mit Küssen, während

sie die dünnen Arme um seinen Hals legte.

„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen, denn er fühlte,

daß der Knabe ihm nicht glaubte.

Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer Arbeit!“ sagte er und

zuckte geringschätzig die Achsel. „Auch Papa behauptet immer, er müßte

arbeiten, und dabei sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“

„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel. „Pfui, wie häßlich.

Was sagst du da? Wer sagt dir, daß Papa Tag und Nacht in den Weinstuben

sitzt?“

„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die Lippen.

Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit Marion zusammen eine

Schokoladenstange verspeisen. Sie aß an einem Ende und er am andern, bis

sie mit den Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie zusammen

spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael ihnen entrissen wurde,

sobald die Gesangsstunde zu Ende war.

„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir spielen? Wir wollen den

Mont Blanc besteigen, willst du?“

„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd zu. „Wie geht das:

den Mont Blanc besteigen?“

Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont Blanc. Onkel, man muß

auf den Schrank klettern, und ich fürchte mich.“

„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief der Knabe und

stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend Meter, was ist schon dabei?“

Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn ich in deiner Nähe

bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh zu, ich werde dich an der Hand

führen, und es wird dir nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was

schadet es, so fällst du in meine Arme.“

Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen. Ein Tisch

wurde an den Schrank geschoben und auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An

den Tisch wiederum wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit

einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit einem Stock

bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug mit dem Stock Stufen in das

Eis, er ließ Warnungen ertönen, so daß Marion zu zittern anfing.

Schließlich aber ging alles gut ab, und alle drei waren oben.

In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür und sagte, während sie

in lautes Lachen ausbrach: „Die Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie

sofort der gnädigen Frau melden.“

12

Das Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den Korridor eilte.

Michael stieg mit Marion auf dem Arm vom Mont Blaue herab und begab sich

in die Diele.

Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen hörte er die erregte

Stimme seiner Schwägerin. Sie zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit

bestürzter Miene durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine

Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster Erregung

und blickte Michael mit zornigen Augen an.

„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob das zögernde

Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie dem Herrn, was ich Ihnen

sagte: Ich will nichts mehr mit den Schellenberg zu tun haben!“

Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts. Er griff mit

einer bedauernden Geste nach Hut und Mantel. „Nun, dann lebe wohl,

Lise,“ sagte er und zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht

aufdrängen.“

In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in die Diele und

riefen: „Michel! Michel!“

Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ herrschte sie

die Kinder an.

Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte er. Wie tief muß

Wenzel sie verletzt haben, daß sie so außer sich ist! In großer Erregung

stieg er die Treppe hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises

ohne jede Erwiderung eingesteckt hatte.

Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie mit einer rasenden

Stimme in das Stiegenhaus hinein: „Ich will das Schellenbergsche Gesicht

nicht mehr sehen! Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß

das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war!

Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen und der

weißen Marmorbank erreicht, als das junge Dienstmädchen nachgestürzt

kam. „Die gnädige Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet

vielmals, sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen Zorn schon

wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, fügte sie

entschuldigend und erklärend hinzu: „Die gnädige Frau ist außer sich.

Ihr Herr Bruder hat schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“

Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie streckte ihm erregt die

Hand hin, ihre Augen standen voll Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie

aus. „Ich bin in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir

doch nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl gewesen und

verstehst alles.“

„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael mit gerunzelter Stirn.

„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen Sie Tee, Anna!“ Sie

schrie das Dienstmädchen an, um ihre Beschämtheit zu verbergen.

Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit neigen und

Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen Formen zu verlieren. Ihre sanften

Wangen waren voll und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die

Augen, die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, waren von

zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein heller, lockerer, etwas

unordentlicher Haarschopf wippte über der Stirn.

Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den Diwan, der dicht

neben dem Flügel stand. Das Zimmer war voll von Notenblättern und

Büchern, in ziemlicher Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer

lachsroten Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in

grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm und langen

schwarzen Quasten stand neben dem Flügel.

„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte Lise, nur um etwas zu

sagen. So lächerlich es war, versuchte sie dem Dienstmädchen, das den

Tee servierte, nach dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in

bester Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. „Das

Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer in Heringsdorf mit den

Kindern und Major Puchmann und seiner Frau.“

Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem kleinen,

glucksenden Lachen, solange das Mädchen im Zimmer war.

Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, als sie erregt nach

Michaels Hand tastete und mit hilflosem Blick fragte: „Hast du Wenzel

gesehen?“

„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte Michael. „Ich habe

ihn nicht gesehen und wollte euch heute besuchen.“ Er sprach etwas

unsicher und stockend, es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief

von Lises Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in der

Welt, ist mit Wenzel?“

Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging ein paar Schritte,

während sie die Zigarette zwischen den Lippen zernagte. „Was mit Wenzel

ist?“ fragte sie. Sie blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht?“

„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr von Wenzel. Es ist

alles merkwürdig. Daß er nicht mehr bei Raucheisen tätig ist, weißt du

wohl? Der alte Raucheisen hat ihn entlassen.“

„Entlassen?“

Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen, jedenfalls

ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und irgend etwas muß ja wohl

vorgefallen sein. Ich habe mit einigen Freunden Wenzels gesprochen, die

bei Raucheisen arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann

gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Denn es gehen Gerüchte, Michael! Aber die Herren machten nur Ausflüchte.

Sie sagten nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei

Raucheisen aus.“

Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen.

„Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen gefallen,“ sagte er.

„Laß dich doch von den Leuten nicht beschwätzen, Lise.“

Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und wurde immer

erregter und geriet nahezu wiederum in den früheren Zustand der

Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich bin doch nicht irgendeine kritiklose

Person, Michael. Es ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei

Raucheisen vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel ohne

jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause gegangen ist!“

„Er hat dein Haus verlassen?“

Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe nicht, wie ich das

alles ertragen habe. Oh, diese Schmach und Schande, mich hier sitzen zu

lassen mit den Kindern. Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr

nur anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen sie nicht

glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich hätte irgendeine

Liebschaft angefangen? Meine Verwandten, die alle hohe Beamte und

Militärs sind, korrekt bis in die Fingerspitzen – für die es so etwas

einfach nicht gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“

„Ich verstehe nicht –“

„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie sich Mühe gab,

sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf dem Diwan Platz. „Höre zu,

Michael. Über ein Jahr war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor

sieben, jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand er auf,

und er machte sich selbst das Frühstück in der Küche, denn ich konnte

dem Mädchen doch nicht zumuten, so früh aufzustehen. Zwischen sieben und

neun Uhr abends kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte,

Gesellschaften. Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem Vierteljahr

hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt. Ich atmete auf, denn die

Jahre während des Krieges, die ich bei Mama zubrachte, waren nicht

leicht gewesen.“

„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“

„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem Eifer und einer

Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt. Er war lieb und reizend zu

mir. Obwohl er den ganzen Tag arbeitete, war er abends in den

Gesellschaften noch in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in

Falten. „Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig, er

schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins Haus, die mir nicht

sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin, einen früheren Oberleutnant

der Fliegertruppe?“

„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich hörte seinen Namen.“

„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen. Wie eine Ratte.

Dann kam noch ein früherer Leutnant. Seinen Namen habe ich vergessen.

Sie schlossen sich in Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und

plauderten.“

„Spielten sie?“ fragte Michael.

„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut, und Wenzel hatte

seine Periode. Du weißt, daß er Perioden hat, wo er trinken muß.“

„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte Michael mit einem

breiten Lächeln.

„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte, Geschäfte.

Davon verstehst du nichts. Warte!‘ Dann kam er oft nach Mitternacht nach

Hause und noch später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab

Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms. Das sage ich

dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt die verkrampfte Hand vor Michaels

Gesicht. „Wenn ich herausbekomme, daß er mich schon damals mit

Frauenzimmern hintergangen hat, dann soll es ihm leid tun!“

„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter. Vielleicht

spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er hatte ja früher zuweilen

diese Leidenschaft. Urteile doch nicht so hart.“

„Du verteidigst ihn?“

„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften. Kann ein

Mensch denn nicht Leidenschaften haben?“

Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb? Mit welcher

Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie sich – „meinetwegen auch

Leidenschaften – solange andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast

du recht, Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte. Denn

zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit jener unangenehmen Geste

auf den Tisch, die er hat, wenn er viel Geld besitzt.“

Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender sind mir

lieber als Geizhälse, Lise.“

„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“ lenkte Lise

ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch nachsichtig urteile – nach

allem, was geschehen ist? Nun höre weiter. Schließlich blieb Wenzel

ganze Nächte weg. Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus

schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich machte ihm Vorwürfe.

Er erwiderte nur, er habe zu arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn

ich wußte, daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung war.

Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er gar nicht mehr bei

Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie ein Wort darüber gesagt.“

Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich peinlich sein.

Verstehst du nicht, Lise?“

Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren. Er kam

nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er einen Boten mit Geld. Das ist

alles, was ich von ihm höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht!

Wenn es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder nehmen und

mich ins Wasser stürzen.“

„Lise!“ Michael lächelte.

Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke, Michael, daß alle

meine Verwandten hohe Beamte und Militärs sind!“

Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht böse, Lise,“ sagte

er, „es langweilt mich, immerzu von deinen Verwandten zu hören. Wir

Schellenberg sind auch kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht

lächerlich –“

„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt. „Ah, ein

Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“ Sie stand auf, erregt,

feindselig.

Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“ sagte er. Und

sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken. „Höre, Lise, sprich

jetzt offen: Was, in Teufels Namen, ist vorgefallen?“

Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: „Ich weiß

nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. Wenzel – es sind nur

Gerüchte, man trug es mir zu – soll eine Unterschlagung begangen haben.

Raucheisen wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem Tag auf den

andern.“

Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! Aber Lise, laß dir

doch so etwas nicht weismachen! Eher würde Wenzel sich eine Kugel durch

den Kopf schießen. Ich kenne ihn ja.“

Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch nicht gerade eine

Unterschlagung, Michael. Vielleicht war es nur eine Inkorrektheit.

Jedenfalls – wir sind arm und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute

in Deutschland obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten

Namen.“

„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“

Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich weiß es nicht,

nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem Mackentin zusammen ist. Sie machen

irgendwelche Geschäfte.“

„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, wo wohnt er?“

Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß gar

nichts. Ich habe den Boten, der das Geld bringt, schon hier

hereingenommen und ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht

seine Wohnung angibt.“

„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, Lise, so war er

immer. Immer hatte er so einen kleinen theatralischen Zug an sich. Und

wie lange hast du ihn nicht mehr gesehen?“

„Drei Monate.“

„Wie?“

„Drei Monate.“

Michael sprang auf.

„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie Lise. „Und jetzt

ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte sie.

„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“

Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. Aber –“ Sie

dachte nach, und plötzlich hob sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke

erhellte ihre Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du

wirst gehen und Wenzel suchen.“

„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“

„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, begeistert von

ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst du ihn unbedingt zu finden

wissen. Du wirst Erkundigungen einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen

... Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, da sind

einige kleine Kaffeehäuser und einige kleine Weinstuben, wo viele

Börsenmenschen und Geschäftsleute verkehren. Dort soll Wenzel verkehren.

Gehe nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, so daß er

aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und wenn du ihn findest, so erzähle

ihm, was ich dir gesagt habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich

auf den Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen.

Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen.

„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn gefunden hast, so sage

ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren soll. Es ist mir schließlich

einerlei, was meine Verwandtschaft denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise

schlang ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf an seiner

Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz allem liebe. Es ist mir

auch gleichgültig, was er getan hat. Ich werde ihm alles verzeihen. Sage

ihm das.“

Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, geleitete ihn hinaus.

„Und versprich mir eins, Michael, sobald du ihn findest, so gib mir

Nachricht. Rufe mich an. Schwöre es mir!“

Michael schwor.

13

Michael verließ Lises Haus in großer Beunruhigung. Die ehelichen

Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In allen Ehen gab es

Differenzen, und in der Ehe seines Bruders hatten sich schon in den

ersten Jahren schwere Verstimmungen eingestellt. Zweimal war Lise schon

durchgegangen.

Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen über das

veränderte Wesen seines Bruders. Wenzel war nie ein leichtsinniger

Mensch gewesen, wenn er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte.

Er machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation er sich auch

befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus trug ihn über alle

Schwierigkeiten des Daseins hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal

nicht aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging immer, um

die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus hatte Wenzel den

Krieg durchgemacht. „Was soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht

schießen sie mir einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig

gleichgültig. Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat, Wenzel

trug kaum einige Schrammen in all den vier Jahren davon.

Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen pflegte. Der eine war

der große Teufel Kohol, der Alkohol, der zweite war der Teufel Karo, der

Karobube. Unter den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel

in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol verfuhr noch

glimpflich mit ihm. Schlimmer war es, wenn er dem Spielteufel verfiel.

Er spielte dann Wochen hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse

stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht hatte.

„Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue Augen!“

Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine „zwei Teufel“ wieder

Gewalt über ihn bekommen? Er schickte Lise Geld, also mußte er entweder

im Spiel gewinnen oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was tat er?

Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und Stolz. Er würde eher

verhungern als seine, Michaels, Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt,

wirklich schlecht ging.

Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er verlor die Stellung

bei Raucheisen, machte Geschäfte mit einem Bekannten, schickte Geld –

aber mied Lises Haus. Was war das?

Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, und doch hatte

er noch vor einer Viertelstunde über die merkwürdige Zumutung seiner

Schwägerin lächeln müssen.

„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch dahinschritt. „Ich

könnte eher eine Stecknadel in einem Haufen Spreu finden. Aber trotzdem

tausend gegen eins steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann

solch einen Einfall haben.“

Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu sämtlichen Weinstuben

und Restaurants in der Nähe des Gendarmenmarktes zu fahren.

Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten Verwunderung

auf die Spur seines Bruders. Der Oberkellner, an den er sich wenden

wollte, kam ihm rasch, mit diensteifriger Miene, mit den Worten

entgegen: „Herr Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“

Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. Der

Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die frappante Ähnlichkeit

sofort aufgefallen sei. „Ich dachte im ersten Augenblick, der Herr

Hauptmann selbst trete ein.“

Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten könne?

Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, so verabredete er

sich zu einer Partie Schach mit Herrn Hauptmann Mackentin, und zwar,

wenn ich mich nicht täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp.

Thielscher ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt bei der

Börse.“

Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael und kroch,

angeregt von dem Abenteuer, ins Auto.

14

In der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde im Spielsaal des

Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen Gesicht da und starrte auf

das Schachbrett, eine tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war

leidenschaftlicher Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel

faszinierte ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von Gewalten,

deren Stärke mit jeder Änderung der Position wechselte. Tag und Nacht

konnte er vor dem Schachbrett sitzen, und noch nach Wochen war er

imstande, besonders interessante Partien aus dem Gedächtnis

nachzuspielen.

Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit schmalem, hohem Kopf und

grauen Schläfen. Die Nase dieses Herrn stand auffallend schräg im

Gesicht. Im Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung

der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im Gesicht zu stehen

schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen mit einem leisen Lächeln in

Wenzels steinernes Gesicht. Er hatte dunkle, rasche, kluge und

verschlagene Augen. (Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch

saß in respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett ein

junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem Scheitel und jugendlich

roten Bäckchen, wie ein kleiner Leutnant in Zivil.

Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus noch ziemlich

dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg dicker Zigarrenrauch empor. Die

Börse war heute außerordentlich lebhaft und fest gewesen. Die meisten

Effekten waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte. Die

Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen nach.

Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen Wermut und

biß die Spitze einer großen Zigarre ab, ohne die Augen auch nur einen

Moment vom Schachbrett zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden

Nase hob zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ ein

kleines Lachen hören.

„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie überschätzen die

Stellung dieses Springers, und ich werde es Ihnen beweisen. Die Partie

wird aber noch zwei Stunden dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen,

wenn Sie nichts dagegen haben, Mackentin.“

Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer kleinen

Verbeugung sein Einverständnis.

Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der bescheiden nebenan

saß und sich augenblicklich etwas steifer aufrichtete, als Schellenbergs

Blick auf ihn fiel. „Und nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist

eine Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante Sache.

Was meinen Sie, Mackentin?“

„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin und erzählte mir von

der Angelegenheit. Ich dachte sofort, daß Sie Interesse dafür haben

würden.“

„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu kaufen wäre? Wie

groß, sagten Sie?“

Der junge Mann rückte etwas näher und begann mit etwas dünner,

knabenhafter Stimme über den Wald zu berichten: es war ein Wald in der

Nähe der Oder, soundso groß, der Wald gehörte dem Staat. Die

Forstverwaltung hatte beschlossen, den Wald abzuholzen und das Terrain

unter Umständen zu verkaufen, konnte sich aber nicht entschließen, die

vorliegenden Angebote zu akzeptieren. Ein Vertreter des

Raucheisen-Konzerns habe lange Unterhandlungen geführt, zuletzt aber

seien alle Unterhandlungen gescheitert.

„Der Vater meines Vetters bekleidet eine einflußreiche Stellung in der

Forstverwaltung,“ warf Mackentin ein.

„Sie deuteten es mir an,“ unterbrach ihn Wenzel. „Also Raucheisen kam

nicht zum Ziel?“

„Nein, er hat zu wenig geboten.“

Wenzel lächelte spöttisch: „Raucheisen bietet immer zu wenig. Ich kenne

ihn. Sagten Sie nicht, daß der Wald an die Oder grenzt?“ Er nahm ein

Notizbuch aus der Tasche und begann sich Notizen zu machen. „Fünfhundert

Hektar, sagten Sie?“

„Der springende Punkt, Schellenberg,“ warf Mackentin mit leicht

schnarrender Stimme ein, „der springende Punkt scheint mir der zu sein:

Die Forstverwaltung will das Terrain nur abgeben, wenn es zu Zwecken

verwandt wird, die der Allgemeinheit der ganzen Provinz sozusagen

wiederum zugute kommen.“

„Ich verstehe, Mackentin,“ erwiderte Wenzel mit einem leisen Lachen.

„Wann kehren Sie zurück, Herr von Stolpe?“

„Ich werde morgen zurückfahren.“

„Fahren Sie morgen mit Ihrem Vetter, Mackentin, und sehen Sie sich den

Wald an.“

„Sehr wohl.“ Mackentin verbeugte sich.

„Sehen Sie zu, ob das Gelände sich zu Industrieanlagen eignet, und

klopfen Sie dann bei den hohen Herren an. Sagen Sie“ – wieder erschien

das leise Lächeln auf Wenzels Lippen –, „sagen Sie, wir beabsichtigen

auf dem Gelände große Industrieanlagen zu schaffen, die den Handel der

Provinz günstig beeinflussen würden. Wenn man den Wunsch haben sollte,

sich zu beteiligen, so sei dagegen natürlich nichts einzuwenden.“

„Ausgezeichnet, sehr wohl.“

„Vielleicht können Sie auch vorschlagen, daß wir ein Stickstoffwerk auf

dem Gelände errichten, das den ganzen Osten mit Stickstoff versorgen

soll. Machen Sie ein ausführliches Exposé, so daß wir völlig fertige

Vorschläge unterbreiten können. Wir können später ja immer noch tun, was

wir wollen. Und was die Zahlungen anbetrifft, drei bis sechs Monate

Ziel.“

„Sehr wohl,“ antwortete Mackentin.

„Und Sie, Herr von Stolpe,“ wandte sich Wenzel an den jungen Mann mit

den roten Bäckchen und sah ihm mit einem klaren, festen Blick in die

Augen. Sein Gesicht erschien in diesem Augenblick fast hart. „Was

fordern Sie als Provision für den Fall, daß das Geschäft perfekt wird?“

Der junge Mann wurde tiefrot.

Wenzel lachte laut heraus: „Man sieht, daß Sie aus der Provinz kommen.

Geschäft ist Geschäft!“

Hier griff Mackentin ein. „Mein Vetter verlangt natürlich keine

Provision, lieber Schellenberg,“ sagte er. „Er wäre dagegen glücklich,

wenn er eine Anstellung hier in Berlin bekäme.“

„Schön! Entwerfen Sie den Vertrag, Mackentin. Ich bitte Sie, Herr von

Stolpe. Worte kann man vergessen. Die Welt schwankt in diesen Tagen.“

Die beiden Herren erhoben sich.

„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas spät werden. Und

noch etwas – einen Augenblick – es fiel mir etwas ein – noch etwas,“

wiederholte Wenzel zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des

Kaffeehauses. Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher geworden,

als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen. Irgend etwas hatte ihn

verwirrt, und doch wäre er nicht imstande gewesen zu sagen, was es war.

Diese Gesichter, die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle.

Seit zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie saßen in

den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken, der Filmgesellschaften,

stürzten sich mit ihren Aktentaschen in ihre Autos hinein. Sie waren

immer auf der Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit,

arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der Nacht in

irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen von ihnen sah man es

bereits deutlich an, daß sie nicht mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf

auskamen. Die trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch der

Konferenzzimmer hatten sie vernichtet.

Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut, jede, er kannte

ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich aber war unter ihnen eine

Gestalt von völlig verschiedener Haltung aufgetaucht. Von einer

gelassenen, ruhigen, sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur

dann und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin und her eilenden

Kellnern undeutlich sah, absorbierte auf eine völlig rätselhafte Art

seine Aufmerksamkeit so vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und

plötzlich stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei Jahren

um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht der Ruhe und

Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen und feinen Lächeln. In der Tat,

es war sein Bruder.

„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich freudig erschreckt.

In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit einem frohen Lächeln

auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“ rief Michael erfreut aus und drückte

Wenzels Hand.

„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel, und sein dunkles

Gesicht wurde vor Erregung um eine Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen

von ihm erzählt. Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die

Luft geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist, weiter nicht

geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen Leuchten unseres

Landes.“

„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin mit einer etwas

steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl informiert. Ihr Bruder erzählte

häufig von Ihnen.“

„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte.

„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man selten findet unter

Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Doktor

Schellenberg.“

„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem die beiden Herren sich

verabschiedet hatten. Erst jetzt schien ihm das Merkwürdige dieses

Zusammentreffens aufzufallen.

„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“

Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte er. „Ich

verstehe.“

Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders hatte Michael

erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung vorgegangen war. Wenzels

Gesicht hatte früher stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt.

Dieses Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen, der Blick

kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht das leichte, gutmütige,

spöttische Lächeln von früher, es war ein flüchtiges, zerstreutes

Lächeln, das urplötzlich wieder erstarrte.

„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig. Höre, wir haben uns

lange nicht gesehen, wir werden einen herrlichen Abend zusammen

verbringen und einander ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde

dich in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der Koch war

früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“ Mit einer scheuen

Zärtlichkeit legte er Michael den Arm um die Schulter, während sie das

Kaffeehaus verließen.

15

Wenzel war offenbar hocherfreut über das unerwartete Wiedersehn mit dem

Bruder. Während sie gingen, legte er den Arm noch fester um Michael.

Sein verschlossenes Gesicht löste sich, seine Augen glänzten.

„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ rief er aus,

nachdem sie in der Ecke eines kleinen, feierlichen Restaurants Platz

genommen hatten. „Was für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht

für die schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, Kellner,

wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich einen erlauchten Gast

mitgebracht habe?“

Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte er, diensteifrig,

den Notizblock in der Hand, in einer Haltung, die Achtung vor dem hohen

Trinkgeld ausdrückte. Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte

der Küchenchef mit seiner hohen weißen Mütze.

„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“

„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ warf Michael

ein.

„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. Oderkrebse,

sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas aus dem Auge, das er zum Studium der

Speisekarte eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du?

Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich mit den beiden

Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, von der Oder, in ganz

besonderer Angelegenheit. Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“

„Ein halbes Dutzend?“

Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein Dutzend

natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe gekocht, und dazu, hören

Sie, ein Glas von dem alten Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du

mußt wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller eines

bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. Kostbarkeiten!

Diese Leute waren noch Kenner, das muß man sagen. Also mit den Krebsen

bist du einverstanden?“

„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich allerdings keine

Krebse mehr gegessen.“

„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. Sie können

einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte er sich an den Kellner, der

mit einer Verbeugung verschwand. „Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel

fort. „Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein Tropfen nur,

herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh hier, Michael, Forellen,

Bachforellen. Wie wäre es damit?“

„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael.

„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt ja erst. Nun kommen

die schweren Kaliber. Alles Bisherige war nur leichtes Schützenfeuer, um

den Feind zu reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen

Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, Michael.

Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. Sodann eine Schwadron Schnäpse.

Zuletzt Kaffee – aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich

ein Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? So, das

wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich in den Sessel zurück. „Du

lebst wohl sehr bescheiden auf Sperlingshof, Michael?“

„Ich lebe wie ein Bauer.“

„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus dem Backofen kommt!

Es ist wunderbar, wie ein Bauer zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem

leichten Seufzer fort. „Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es

langweilig, sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es nichts

mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, Lärm, Abwechslung – ah,

da sind ja die Krebse schon! Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die

Reliquie eines Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen.

Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von Sperlingshof und deinen

Plänen! Du hast gewiß noch die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel

zeigte sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein Auge zu.

„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit vor mir!“

erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich dabei, den

Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche Enttäuschung, viel begeisterte

Zustimmung –“

Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ sagte er und

zerriß knackend einen Krebs.

„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“

„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten, Michael. Du hast deine

Ansichten – ich die meinen. Ich bin zur Zeit etwas skeptisch allen

derartigen Dingen gegenüber. Ich sehe die Menschen mit andern Augen an –

aber nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen. Hörst du –

über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute zehn Stunden lang gesprochen

und bin etwas abgespannt. Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“

Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit, seine Versuche,

sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten, und die Röte färbte ihm das

Gesicht. Er konnte nicht von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“

sprechen, ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden.

Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören schien.

„Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“ fragte er.

Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir gesagt, daß du in

den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes zu verkehren pflegst.“

„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig an einer Krebsschere.

Er schwieg eine Weile. „Und so hast du dich also auf den Weg gemacht?“

fragte er dann spöttisch.

„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich es auch scheinen

mag.“

Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas fertigbekommen. Aber

sprich weiter. Ich interessiere mich für all diese Versuche, wenn ich

auch wenig oder nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf

mechanische Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“

Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den Boden auf fünfzig

Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen zerschnitt, so daß der Boden

rigolt wurde, besser als es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom

Pfluge gar nicht zu sprechen.

„Sehr interessant!“

Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet waren, die

landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen, zu verfünffachen. „Ich

habe zum Beispiel eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich

beregnet wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine gewöhnlich

bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen hervorbringt.“

Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“ sagte er. „Du

läßt den Weizen auf der flachen Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das

Gras zu stehen?“

„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“

Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein ausgezeichneter

Wirtschafter!“ rief er aus.

„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“

„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe von all

diesen Dingen nicht das geringste.“

„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht, Wenzel? Du hattest

es ja versprochen.“

Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen, ja,“ sagte er.

„Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles versprochen im Frühjahr und

Sommer? Aber siehst du, ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich

von Berlin weggewesen, es sei denn in Geschäften.“

„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten konntest. Vieles

würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder, meine Kalt- und

Warmhäuser. Es ist eine ungeheure Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich

habe die überraschendsten Erfolge erzielt, eine fast tropische

Vegetation.“

Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch? In dieser

fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste! Ah, seht an!“

„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht auf die Goldwage.

Tropisch mag ja etwas übertrieben sein. Höre weiter.“

Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu sprechen. Die Synthese

von Industrie und Landwirtschaft. Industrialisierung des Landbaus. An

Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft

für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der

Nation. Systematische produktive Verwendung freiwerdender oder

brachliegender Arbeitskräfte ...

Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken.

Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große Plan“ Michaels – er

erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. „Ich fürchte sehr,“ unterbrach

er Michael, der immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich

trügerischen Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr

interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir geben, Michael,

und der kostet dich nichts. Wenn du soweit bist – wenn! –, dann sieh zu,

daß du dich möglichst schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in

diesem Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden für

Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort bezahlt machen!“

Die Brüder Schellenberg · 第 5 / 20 题