Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, erschien, in einen
Pelz eingewickelt, im Türrahmen und putzte sich den Kneifer. „Nein, hier
ist Mohrenwitz Söhne, Öfen und Heizungsanlagen.“
„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune verzogen sind?“
Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück.
Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, als er nach Berlin
gekommen war, als Volontär begonnen. Diese Firma machte alles: Häuser,
Kirchen, Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. Hegelström
war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten Architekten Berlins.
Er hatte jahraus, jahrein gegen zwanzig Zeichner sitzen.
Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen dunklen Vorzimmer
saß ein älterer Herr, der Prokurist. Georg erkannte ihn wieder.
„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner Stimme einen
mutigen Klang gab und ungeniert näher trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei
Jahren sechs Monate lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie
Beschäftigung für mich haben.“
Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu und lächelte
hämisch. Er war schlecht rasiert und sah verwahrlost und ungemütlich
aus, wie ein verärgerter zottiger Hofhund, der auf Streit wartet.
„Beschäftigung?“ keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben
wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr Weidenbach? Oder sind Sie
hierher gekommen, um sich einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob
die Hände in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs
Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström bankerott
gemacht hat?“
„Hegelström – bankerott?“
„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die Masse, das ist
meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. Die Zehlendorfer Terrainkäufe
haben Hegelström ruiniert. Ich war immer dagegen gewesen, aber
Hegelström hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne Gnade
die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? Wo in aller Welt steckten
Sie, daß Sie das nicht wissen?“
Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen.
Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. Dann liege
auch ich auf der Straße. Sie wissen also nicht, was mit Hegelström
geschehen ist? Ganz Berlin sprach wochenlang von nichts anderem.“
„Nein, wie sollte ich es wissen?“
„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird schließlich nichts
anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. Die Zeiten sind
miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler geworden, wie
viele Architekten. Er hat einen kleinen Laden in der Kantstraße.
Besuchen Sie ihn. – Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr
Weidenbach. Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, die
Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“
„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“
„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten Sie einmal – es ist
mir so, als habe man mir etwas von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie
etwas in den Zeitungen gelesen?“
Georg wurde blutrot.
Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem Gedächtnisse
nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für das Baugewerbe, Herr
Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es gibt keine Aufträge, und die meisten
Neubauten wurden eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat
geben, ich wüßte nichts.“
Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist hämisch lachend
nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! Versuchen Sie es doch
einmal bei ihm!“
„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“
„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen zwanzig
Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu verspricht er ihnen eine Villa auf
dem Monde. Ich sehe schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen –
hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“
Bestürzt verließ Georg das Haus.
Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen sein Glück zu
versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf eine Elektrische, um nach
Charlottenburg zu fahren, wo sein Freund Stobwasser wohnte.
3
Karl Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher wie ein Schneider.
Es war ein kleiner schmächtiger Bursche mit einem schmalen Kopf, etwas
schiefem Mund und auffallend spitzer, langer Nase. Auf der
Baugewerbeschule in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler war –
hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und Holzschnitzereien die
Bewunderung der Mitschüler und selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei
Jahren war Stobwasser nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen
Weg als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge, wenn auch nur
geringe. Ein angesehener Kunstkritiker hatte lobend auf seine
Holzplastiken hingewiesen.
Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger
Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall aufgeschlagen. Dieses kleine
Loch nannte er sein Atelier. Neben der Werkstatt befand sich ein
wirklicher Stall, aus dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen
finsteren Hof hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen ließ.
Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere, krächzende Stimme
antwortete auf Georgs Klopfen. Als er in den kleinen, eisigkalten,
halbdunklen Raum eintrat, fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken
einer kleinen Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das
einzige, was Georg klar erkennen konnte.
„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers, und Nebel
dampfte aus seinem Munde.
„Ich bin es, Georg.“
Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor und richtete seine
spitze Nase auf Georg. Er bewegte den wilden Haarschopf hin und her und
vermochte kein Wort hervorzubringen.
„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus.
„Georg!“
„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die Arme in die Luft. „Du?
Weidenbach? Ist es denkbar? Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es
nicht fassen kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“
„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem leisen, bitteren
Lachen.
Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie ist es denkbar?“
rief er aus. „Wer erzählte es denn nur? Katschinsky? Die Jenny Florian?
Ich verstehe es nicht, wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht
wahr war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken! Nun, einerlei,
wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie Stobwasser mit heiserer
Stimme. „Du lebst also noch! Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im
Krankenhaus, um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen!
Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber Himmel, was für
Dinge geschehen können!“ Er streckte Georg beide Hände entgegen. „Nun,
Gott sei gelobt! Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem
Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten? Wie?“ Der Bildhauer
lachte und hustete. Glühendheiß brannten seine Hände. Er schwieg eine
Weile, während er Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß
dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich vor Freude
hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich trauerte schon um dich. Und
manchmal, es ist wahr, da habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar
ist es doch! Und da kommt er also plötzlich herein –!“
Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind deine Tiere?“ fragte
er, um von dem Thema abzulenken, das ihn peinigte. Früher war Stobwasser
stets von einer Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen,
Kakadus, Mäusen.
„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken. „Meine lieben Tiere?
Ach, es war zu kalt für sie hier, ich habe keine Kohlen. Eine Dame, eine
barmherzige Seele, hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin
ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch krank werden. Setze
dich doch, Georg. Ich war eben aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf
dem Wandbrett dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und gib
mir das Glas.“
Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und wurde von Frost
geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts kann ich dir anbieten, nicht
einmal einen Kognak. Es ist zu ärgerlich!“
„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“
Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen zum Munde und
versuchte, den heißen Tee zu schlürfen. „Ich kann es immer noch nicht
fassen, liebster Kamerad – aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du
fragst, wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach
durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den Mut trotz allem
nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei Figuren zu modellieren für die
Villa eines Seifenfabrikanten. Nun, die Figuren mißfielen leider der
Madame und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam keinen
Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie, die reichen
Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den Anwalt bezahlen. Dann
verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei, aber der Käufer zahlte nur
eine geringe Summe an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.
Die Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen. Sie
können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf jeden Schritt
horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich nie verwirklichten. Und nun
bin ich krank und liege hier. Aber nun erzähle du,“ schloß der
Bildhauer, indem er das Glas abstellte und sich in die Decken hüllte.
„Das Sprechen strengt mich an.“
„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg aus.
Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen an. „Nichts zu
erzählen, sagst du? Man sollte doch meinen! Höre, Weidenbach, wir haben
ja stundenlang über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar
geworden.“
„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach ihn Georg
verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme.
„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer und streckte
den Kopf so nahe wie möglich an Georg heran. „Es ist mir noch wie heute!
Zwei Tage vorher waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und
Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren ja in solch
ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und zwei Tage später, da kommt
Katschinsky zu mir hereingestürzt, hier herein in mein Atelier und sagt:
‚Weißt du schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie soll das
nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte sich vor und fragte
noch leiser, während seine Augen doppelt so groß wurden: „Sage mir doch,
Weidenbach, weshalb hast du es getan?“
Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend etwas.
Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen. Beschwörend
streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder, Weidenbach, ich bitte
dich! Ich will nicht mehr davon sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst
seinen Freunden nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns
unerklärlich, denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune,
damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später –“ Der Bildhauer
hustete.
„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg.
„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas Lustiges war ihm
eingefallen beim Klang dieses Namens. Er streckte die spitze Nase zur
Decke. „Ich weiß es nicht. Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft
wochenlang nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine
Holzplastik abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem habe ich ihn
nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht gehen. Er ist elegant und
vornehm geworden, verkehrt in Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich
weiß, ist er beim Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich
daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“
„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort an.“
„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat ja Verbindungen in
allen Kreisen, und ohne Verbindungen ist heute schwer etwas zu machen.
Vielleicht kannst du auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall
unterbrach Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine, Georg,
wie geht es Christine?“
Pause. Stille.
„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie scheint nicht mehr
dort beschäftigt zu sein.“
Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? Scheint? Aber stehst
du denn nicht in Verbindung mit Christine?“ schrie er vor Erregung.
Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht mehr. Meine
Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er ein, da er sich vor dem
Freunde schämte, „kamen als unbestellbar zurück.“
Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein Atem pfiff.
„Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, mit einem neuen
Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. Ich hätte es nicht für möglich
gehalten,“ fuhr er fort, während er Georg mit seinen großen, fiebernden
Augen aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen – es ist
doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich –, du hast
dir doch Christines wegen eine Kugel in die Brust geschossen,
Weidenbach?“
Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt zurück, schwieg,
blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz leise, so daß Stobwasser ihn
kaum verstehen konnte: „Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte
dich herzlich. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene
zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und immer heftigere, und
schließlich wußte ich nicht mehr, was ich tat.“
Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem Schweigen sagte er: „Welch
ein Satan, diese Christine! Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach,
und sie hörte auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie
holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, diese
periodischen Störungen machen die Frauen völlig verrückt. Sie wissen
nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine hin, Christine her. Vergiß sie,
Weidenbach – es gibt hundert Christinen!“
Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt nur eine,“
entgegnete er.
Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg lange an. „Also –
trotz alledem?“ rief er überrascht aus. „Nun, sie war ja ein
wundervolles Mädchen, diese Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches
Geschöpf, gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber gehe
jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut mir weh. Die Brust
schmerzt mich. Ich bin so glücklich, daß ich dich wiedersah, alter
Freund. Und komme bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch
bei mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu zweien hier
hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag bezahlen, ich habe ihm
geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, und vergiß nicht zu Katschinsky zu
gehen, er weiß stets Rat.“
Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. Aus dem Ziegenstall
schob sich zwischen Lumpen der Kopf der hungrigen Ziege, die Georg
kläglich nachmeckerte.
4
„Heißes Wasser nennen Sie das?“ rief Katschinsky unwillig der Wirtin zu.
Noch immer tyrannisierte er die alte gutmütige Frau. Sie ließ sich alles
von ihm gefallen. Er mochte bezahlen oder nicht, sie scharrte ihre
letzten Groschen für ihn zusammen, denn sie hatte sich in den hübschen
Jungen vergafft.
Katschinsky war eben dabei, sich zum Ausgehen fertig zu machen. Während
er sich mit dem Apparat den weichen, kaum sichtbaren blonden Flaum von
Wangen und Kinn schabte, unterhielt er sich mit Georg. Es war warm und
hell in seinem Zimmer.
„Stobwasser? Natürlich werde ich Karl besuchen,“ sagte er mit seiner
immer etwas spöttisch und hochmütig klingenden Stimme. „Aber ich will
Ihnen etwas sagen, Weidenbach. Dieser Stobwasser ist ein kurioser
Bursche. Ich bringe ihm einen Käufer, er kauft ihm eine Plastik ab,
macht eine Anzahlung, und nun schreibt ihm dieser unglückselige
Stobwasser fortgesetzt Mahnbriefe.“
„Es geht ihm nicht gut, zur Zeit, Katschinsky,“ warf Georg ein.
„Nun, wem geht es gut, frage ich? Man tut so etwas nicht, es verstimmt
den Käufer. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er Karl die Plastik
zurückgeschickt.“
„Stobwasser ist krank. Er hat nicht einmal Geld, um zu heizen.“
„Trotzdem, trotz alledem, Sie müssen zugeben, Weidenbach –“
Katschinsky hatte offenbar ganz vergessen, daß sie sich früher geduzt
hatten. Er hatte augenblicklich einen um eine Nuance förmlicheren Ton
gewählt, als sein Blick Georgs abgetragene Kleidung streifte. So schien
es Georg wenigstens.
Für Kurt Katschinsky, den Maler und Zeichner, hatte er immer Bewunderung
empfunden und sich ihm ganz von selbst untergeordnet. Einige Karikaturen
Katschinskys waren in Witzblättern erschienen. Katschinsky hatte in der
Juryfreien mit Erfolg ausgestellt, und es bestand für Georg kein
Zweifel, daß Katschinsky den Weg zum Ruhm betreten hatte.
Katschinsky war ein ungewöhnlich hübscher junger Mann. Er war blond und
trug das Haar peinlich genau gescheitelt. Er wirkte größer, als er
tatsächlich war, und auch schlanker. Er hatte große graue Augen und das
etwas zarte und blasierte Gesicht eines verwöhnten Muttersöhnchens. Er
war der Sohn einer Beamtenwitwe in Hamburg, die ihren letzten Pfennig
für ihn opferte. So kam es, daß Katschinsky stets etwas Geld hatte und
es sich leisten konnte, Jenny Florians Freund zu sein, einer jungen
Schauspielerin, die zu den schönsten Frauen Berlins zählte. Wenn diese
beiden jungen Menschen sich auf der Straße oder in einem Restaurant
zeigten, so richteten sich stets alle Augen voller Bewunderung auf sie.
„Darf ich eine Frage an Sie richten?“ fragte Katschinsky, während er
sich mit einem heißen Tuch, das die alte Wirtin gebracht hatte, das
Gesicht abtrocknete und Georg durch den Spiegel mit seinem schönsten,
liebenswürdigsten Lächeln zulächelte.
„Fragen Sie ruhig.“
„Ich meine, Weidenbach“ – der Maler puderte Wangen und Kinn mit einer
zarten flockigen Quaste – „es interessiert mich: tut es weh – das, Sie
verstehen mich?“
Georg antwortete nicht. Das Blut stieg ihm in die Wangen.
Da begann Katschinsky zu lachen. „Ach, es fehlte noch, daß Sie mir böse
sind, lieber Freund. Es interessierte mich. Ich werde es ja nie tun, ich
hätte gar nicht den Mut dazu. Und einer Frau wegen – ach, du lieber
Himmel!“ Er goß eine Essenz ins Haar und zog sorgfältig den Scheitel.
Dann legte er den Kragen an und knüpfte mit großer Sorgfalt die Binde.
Er schien für eine Weile die Anwesenheit Georgs ganz vergessen zu haben.
Katschinsky war stets gut gekleidet gewesen, und doch staunte Georg über
die Eleganz des modischen Anzugs, den er heute trug. Die Hosen, an den
Hüften weit geschnitten, waren tadellos gebügelt. Dazu trug Katschinsky
Seidenstrümpfe und Lackschuhe. Die Krawatte war aus schiefergrauer
schwerer Seide.
„Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ sagte Georg – und
er schämte sich des heimlichen Gedankens, daß Katschinsky ihm vielleicht
aus der Verlegenheit helfen könnte. Die Wärme des Zimmers hatte Georg
aufgetaut. Seine Stimme wurde leichter, sein Benehmen freier.
„Der Schein trügt,“ erwiderte Katschinsky, indem er kokett den Kopf über
die Schulter drehte und spöttisch lächelte.
„Sie haben gewiß Erfolge? Stobwasser deutete es an.“
Katschinsky prüfte mit einem Handspiegel die Zähne, wobei er das Gebiß
von den Lippen entblößte. Seine Zähne waren vorbildlich schön,
regelmäßig, schneeweiß. „Erfolge!“ rief er aus und lachte leise. „Es ist
eine sonderbare Art von Erfolgen!“
„Haben Sie viel gearbeitet?“
Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte er und polierte
sorgfältig die Nägel, „ich habe fast nichts gearbeitet, seitdem wir uns
nicht mehr gesehen haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine
ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen, Weidenbach,
aber ich hatte nie eine große Energie. Wozu auch? Im übrigen habe ich
nicht die geringste Begabung.“
„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief Georg erstaunt aus
und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal.
Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose Glaube an sein
Können, der so deutlich aus Weidenbachs Lachen klang, hatte seiner
Eitelkeit geschmeichelt. Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er,
„ich habe es einmal geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein
Talent habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht haben. Ich
müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt mir die Energie.“
„Was tun Sie also?“
Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher Junge,
Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände mit Puder einrieb. „Es ist
möglich, daß Sie einmal ein großer Künstler werden, gerade weil Sie so
einfach und aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen. Meine
Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die sie mir hinterließ,
verkauft. Für den Erlös habe ich mir Garderobe angeschafft. Ich tat das
nur aus Eitelkeit, aber es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste
war, was ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach, daß
es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern gibt, die elegant
gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel, elegante Schuhe –, und man weiß
nicht, wovon sie leben. Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre
Gesichtsfarbe ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern auch
nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm spazieren und
trinken in den Hallen der vornehmen Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben
all diese jungen Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht
verraten. Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn Sie sich so
kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie die Möglichkeit, in ihre
Geheimnisse einzudringen.“
„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den Maler ungeduldig und
sah ihn mit einem neugierigen Blick an.
„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein eitles, zynisches
Lächeln umspielte seinen schönen Mund. „Das ist nicht so leicht gesagt.
Nun, wir leben, und wir leben nicht schlecht. Können Sie tanzen,
Weidenbach, gut tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele, um
fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar Schritte, man wird
Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und Liköre servieren, und wenn Sie
besonders gute Figur machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden
erfahren, daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit einer hübschen
Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden Tadel gekleidet ist, ganz
umsonst zu Abend speisen kann.“
„Ist es möglich?“ fragte Georg.
„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die Verblüffung dieses
armen, abgehetzten, bleichen, vom Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen
bereitete. Er schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am
Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf und ab zu gehen,
und in seinem Gang drückten sich Befriedigung über die tadellose
Kleidung und jenes Wohlbehagen aus, das eine sorgfältige Toilette
bereitet. Sein schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen
Lächeln, während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften, knüpft
Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und dort eine hübsche Dame,
die einen in ihr Haus einlädt. Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl
sein. Und dann, das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge
von Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen
zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen, wenn man es
versteht. Aber, um ehrlich zu sein, Weidenbach, darin bin ich noch
Dilettant. Ich habe einen Freund, früherer Offizier der russischen
Garde. Oh, der versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die Hand,
so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach, so lebt man
also. Und wenn man so leben kann, weshalb soll man sich anstrengen?
Kunst – wer will heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer
versteht etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“
Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen und blickte Georg
nachdenklich an. „Es gibt übrigens noch etwas, womit man mühelos Geld
verdienen kann!“ rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert,
aus. „Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für Sie!“
In Weidenbachs Augen erwachte Hoffnung.
„Ja, mein lieber Junge, ich glaube, ich habe es gefunden! Am Ende sind
Sie zu mir gekommen, weil Sie Geld brauchen und sich sagten, Katschinsky
hat vielleicht etwas. Aber Weidenbach, Sie brauchen nicht zu erröten, um
Himmelswillen. Ich kann Ihnen nur dies sagen,“ Katschinsky zeigte
lächelnd seine schönen Zähne, „es gibt in der Welt nichts Törichteres,
als vor einem Katschinsky zu erröten. Aber, um es nicht zu vergessen.
Diese eine Sache, die vielleicht etwas für Sie wäre! Kokain!“
„Kokain,“ flüsterte Georg enttäuscht.
Katschinsky lachte laut auf. „Ja, Kokain!“ rief er aus. „Sie scheinen
wenig begeistert zu sein, und die Sache ist doch so einfach. Sie
versuchen Kokain aufzutreiben. Sie werden schon Leute finden, die Kokain
haben, und wir könnten dann zusammen arbeiten. Für die Abnehmer sorge
ich. Was sagen Sie dazu?“ Katschinsky lachte laut und fröhlich.
„Das ist nichts für mich,“ stammelte Georg. „Ich bin nicht für solche
Dinge geschaffen. Ich habe dazu nicht die geringste Begabung.“
Katschinsky betrachtete ihn mit einem leisen Bedauern in den grauen
Augen. „Schade, sehr schade,“ sagte er dann leise. „Ich befürchte, daß
Sie es nicht leicht haben werden, Weidenbach. Nein, Sie sind nicht für
solche Dinge geschaffen, das sehe ich. Sie sind nur für die Arbeit
geschaffen. Sie werden ewig arbeiten, und die andern werden den Nutzen
von Ihrer Arbeit haben und Sie auslachen?“
„Nun, so lassen Sie sie lachen. Meinetwegen, wenn ich nur Arbeit habe,“
antwortete Georg, indem er sich erhob. Der Zynismus Katschinskys widerte
ihn plötzlich an. „Sie sind nicht böse, Katschinsky, daß ich Sie
besuchte?“
„Böse, wieso? Ich versäume ja nichts. Ich gehe hier auf und ab und warte
auf einen telephonischen Anruf. Ich muß wissen, wo heute abend gespielt
wird, und dann, sehen Sie, habe ich eine Verabredung im Bristol.“
„Und Jenny, Jenny Florian?“ fragte Georg, schon den Hut in der Hand.
„Wie geht es Jenny Florian? Ist sie noch in Berlin?“
Katschinsky erbleichte. Er blieb augenblicklich stehen. Seine Augen
schillerten böse, und sein hübscher, knabenhafter Mund wurde plötzlich
hart und herrisch. Dieses Gesicht würde Georg nie vergessen. Es war
hochmütig und kalt und verriet allzu deutlich, daß Katschinskys
freundliches und liebenswürdiges Benehmen nur Verstellung war.
„Sie sollen Jennys Namen nie mehr aussprechen!“ herrschte Katschinsky
Georg an, und wie ein eigensinniges Kind stieß er mit dem Schuh auf den
Boden. Sofort aber sah er ein, daß er Georg verletzt hatte, und er
versuchte es wieder gutzumachen. „Verzeihen Sie,“ sagte er mit ruhigerer
Stimme, obwohl die Worte noch zitterten. „Vergeben Sie mir, daß ich
erregt wurde. Aber sooft ich an Jenny denke, könnte ich rasend werden.
Sie hat Karriere gemacht, Weidenbach. Sie fährt in einem wunderbaren
Mercedeswagen, und Sie sollten einmal sehen, wie sie lächelt, wenn sie
mich grüßt, ganz als sei ich ihr einmal auf einer Gesellschaft so
nebenbei vorgestellt worden. Jenny Florian, ich will Ihnen eines
verraten, Weidenbach, ist eine Frau, die es weit bringen wird! Sie ist
die gewandteste Schauspielerin auf der Bühne des Lebens, die es gibt.
Auf der Bühne versagte sie. Sie wissen, daß sie es versuchte. Sie
versucht es jetzt mit dem Film, wir werden ja sehen, wie weit sie kommt.
Allerdings – in diesem Falle steht eine Finanzmacht hinter ihr. Im Leben
aber, das muß man zugeben, spielt sie ihre Rolle wunderbar! Sie spielt
nur gegen sehr hohe Gage. Und sie wird jedes Engagement sofort brechen,
wenn Sie ihr mehr bieten können.“ Katschinskys Gesicht war während der
letzten Worte – er deklamierte etwas – wieder erbleicht. Seine Lippen
bebten. In seinen hellgrauen Augen funkelte ein kalter böser Glanz.
In diesem Augenblick schrillte das Telephon.
„Hier ist der Anruf,“ sagte Katschinsky erregt und reichte Weidenbach
flüchtig die kühle Hand.
„Leben Sie wohl, Weidenbach,“ sagte er, ohne Georg anzusehen, und eilte
an den kleinen Schreibtisch, wo das Telephon stand.
5
Georg stieg langsam die Treppe hinab. Er hat sich ja sogar die Lippen
gefärbt! dachte er. Er roch nach Essenzen, Puder und Zahnwasser des
Malers.
Das also war Katschinsky, vor dem er sich neigte, dachte Georg, während
er, verwirrt von dem Besuch, zur Station der Untergrundbahn eilte. Wenn
er mit den Zügen Glück hatte, so konnte er noch vor Geschäftsschluß am
Alexanderplatz sein. Enttäuschung und Traurigkeit bemächtigten sich
seiner. Was war aus Katschinsky geworden? Was machte diese Zeit und
diese Stadt mit den Menschen? Ein Verräter, ein Abtrünniger, ein
Schamloser. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er Katschinsky
geliebt hatte und zwei Jahre lang um seine Freundschaft warb. Und wie
erregt er wurde, als er Jennys Namen nannte? Wie er sie sofort
beschimpfte. Was war geschehen? Nun, er würde ihn nicht wiedersehen,
lebe wohl!
Gerade noch zur rechten Zeit erreichte Georg das Warenhaus. Die
Verkäufer und Verkäuferinnen, erschöpft von der trockenen verbrauchten
Luft, warfen schon Blicke auf die Zeiger der Uhren. Der Chef der
Personalabteilung aber, ein kleiner runder Herr, hatte eigentlich schon
Schluß gemacht und empfing Georg mit einer verdrießlichen Miene. Er zog
die Brauen zusammen und sah nun wahrhaft vergrämt und verzweifelt aus.
„Ich bin ja eigentlich kein Auskunftsbureau, junger Mann,“ rief er aus,
„aber immerhin – Christine März, sagen Sie? Nun, einen Augenblick. März,
Christine – sie hat vor drei Monaten die Firma verlassen und wohnte
damals –“ Er schrieb die Adresse nieder und reichte Georg den Zettel mit
den Fingerspitzen, als klebe Schmutz daran. Es war eine etwas verrufene
Straße.
Georgs Gesicht aber leuchtete. Augenblicklich machte er sich auf den
Weg, und blitzschnell, wie ein Mensch, dem die Verfolger auf den Fersen
sind, schoß er durch die Menge, die in der Zeit des Geschäftsschlusses
die Straßen überschwemmte. Außer Atem und mit Schweiß bedeckt erreichte
er das bezeichnete Haus. Er blieb stehen und sah sich dieses Haus an.
Sofort schüttelte er, enttäuscht und niedergeschlagen, den Kopf.
Die Adresse war vom August, und jetzt war man im November. Es war recht
gut möglich – ja es war sicher, er fühlte es – daß Christine nicht mehr
in diesem Hause wohnte. Immerhin, vielleicht würde man ihm Auskunft
geben können.
Und während er langsam und etwas zaghaft auf das Haus zuging, quälten
ihn wiederum die alten Gedanken, die ihn seit drei Monaten marterten:
Weshalb hatte sie plötzlich keine Nachricht mehr gegeben? Hatte sie
Berlin verlassen? O nein, er fühlte, daß sie in der Stadt war! War sie
gestorben? O nein, er fühlte, daß sie lebte! War sie krank? Lag sie in
irgendeinem Krankenhaus? Vielleicht. Unmöglich, gänzlich unmöglich war
es ja, daß sie ihn verlassen haben könnte, ohne ein Wort. Hatte er nicht
Beweise ihrer Liebe und Leidenschaft, wie? Gab es größere Beweise als
das, was Christine getan hatte?
Wie eine gewöhnliche Mietskaserne im Osten sah das Haus aus, ebenso
verwahrlost, dunkel und finster wie die Häuser ringsum. Neben dem
Toreingang war eine Kneipe. Zwei bezechte Kutscher standen darin, kleine
Schnapsgläschen in der Hand. Hier trat Georg ein und fragte nach der
Adresse des Schlossers Rusch. Rusch? Das sei richtig hier. Im dritten
Hof, parterre.
Die Höfe waren klein und eng, eigentlich nur Lichtschächte. Es brannten
winzige Laternen, und die Wände sahen wie mit Schimmel bedeckt aus. Da
und dort glomm ein trübes Licht, der Geruch schlechten Fettes, mit dem
gekocht wurde, drang aus den Türen. Aus dem dritten Hof kam eine kleine
Frau, ein Tuch über den Kopf geschlagen. Georg beugte sich vor, um unter
das Tuch blicken zu können: das kleine bleiche Gesicht einer älteren
Frau, die still und lautlos weinte.
Der dritte Hof war der kleinste. Er war ganz dunkel, und das Regenwasser
plätscherte aus irgendeiner durchlöcherten Rinne mitten auf den Hof
herab. Zwei Parterrefenster des Hofes zeigten hinter herabgelassenen
fleckigen Vorhängen mattes Licht.
Diesen Vorhängen tastete sich Georg entgegen. Sofort roch er, daß er an
der rechten Stelle war. Er roch die Werkstatt eines Schlossers. Noch
einen anderen Geruch unterschied er – den Geruch von Kerzen.
Die Türe zur Wohnung des Schlossers war nur angelehnt, und Georg lugte
durch den Spalt. Sein Herz schlug so sehr, daß es ihm nicht möglich
gewesen wäre, jetzt irgendein Wort zu sprechen. Drinnen glitzerte es –
was war es doch? – Kerzenlicht, wie ein Christbaum. Er hatte in der
Erregung die Tür berührt, so daß der Spalt sich vergrößerte. Da sah er,
daß in der Stube, der Werkstatt des Schlossers, die Leiche einer dicken,
behäbigen Frau aufgebahrt lag. Zu beiden Seiten des fahlen, gutmütig
lächelnden Gesichts standen zwei flackernde Kerzen. Er hörte ein
gurgelndes Schluchzen und dann ein lautes Räuspern. Ein Schatten reckte
sich über Wände und Decke, und eine laute, rauhe Stimme sagte: „Ist
jemand hier?“
„Ich bitte zu verzeihen, daß ich störe,“ stammelte Georg, und schon
näherte sich die Gestalt der Türe.
Ein großer breitschultriger Mann stand vor Georg. Seine Augen waren
verweint. Er hatte sich offenbar mit den schmutzigen Fäusten die Augen
ausgerieben, so daß dicke schwarze Ringe um die Augen lagen, wie eine
phantastische Brille.
„Was wollen Sie?“ fragte der Mann unwirsch und heftete den Blick scharf
und funkelnd auf Georg.
„Ich komme sehr ungelegen,“ erwiderte Georg leise. Der Blick dieses
Mannes erschreckte ihn. „Ich wollte eine Auskunft haben.“ Er fragte, ob
Christine März noch hier wohne?
Das Gesicht des Schlossers nahm einen verächtlichen Ausdruck an. „Die!“
knurrte er. Oh, die sei schon lange, lange nicht mehr hier. „Aber was
wollen Sie von ihr, junger Mann? Wollen Sie etwa die Schulden bezahlen,
die diese Person hinterlassen hat? Sie ist noch zwei Monate Miete
schuldig.“
Georg stammelte eine Entschuldigung und wich zurück.
Der Schlosser Rusch trat aus der Türe und rief ihm nach: „Es ist noch
eine Pappschachtel von dieser Person hier, mit alten Lumpen! Vielleicht
wollen Sie die Pappschachtel haben? Ich werde sie Ihnen bringen.“
„Ich will nichts,“ erwiderte Georg, indem er in den Torweg eilte.
„Nun, so warten Sie doch!“ polterte Rusch. „Weshalb gehen Sie so rasch.
Warten Sie doch! Es ist ja alles nicht so schlimm gemeint. He, Sie!“
Bei der Kneipe, die am Ausgang des Torwegs zur Straße lag, holte ihn der
Schlosser ein. Nun erst bemerkte Georg, daß der Schlosser mit dem
beschmutzten Gesicht betrunken war.
„Sie wollten nach Christine fragen?“
„Ja.“
„Nun, ich werde Ihnen von Christine erzählen.“
„Sie wollten?“
„Ja, kommen Sie.“ Er drängte Georg mit dem Eigensinn eines Betrunkenen
in die Kneipe. „In aller Gemütlichkeit,“ fuhr er fort, indem er Georg
auf einen Stuhl schob, „in aller Gemütlichkeit wollen wir sprechen.
Bringe zwei Kognak, Anton!“ schrie er dem hemdärmeligen Wirt zu. „Ja,
Christine – ein feines Kerlchen, ein apartes Kerlchen, aber –“
„Ich wollte Sie ja nicht erschrecken und beleidigen, mein Herr,“ wandte
er sich wieder an Georg und schob ihm ein Glas Branntwein hin. „Es war
nicht meine Absicht. Sie haben gesehen, daß meine Frau dahinten tot
liegt, und aus diesem Grunde bin ich bei jeder Gelegenheit gleich so
außer Rand und Band.“ Er goß sich den Kognak in die Kehle und nötigte
Georg zu trinken. „Trinken Sie, junger Mann, damit Sie Farbe bekommen.
He Anton! Auch Christine liebte es, zuweilen ein Gläschen zu trinken.
Sie war garnicht so zimperlich.“
„Christine?“ unterbrach ihn Georg verwundert.
„Ja, Christine. Am Abend, da tranken sie zuweilen ein Gläschen zusammen,
Ihre Christine und sie, die nun dahinten liegt.“ Rusch deutete mit dem
Daumen hinter sich.
„Einmal nun, sehen Sie, da stieg sie in eine Droschke ein – und hast du
nicht gesehen – auf der andern Seite fiel sie wieder hinaus. Und wir
lachten, hahaha! Alles lachte. Was ist dabei, wir haben alle unsere
Schwächen.“
„Christine fiel aus der Droschke?“
„Aber nein, nein. Sie fiel aus der Droschke, sie, die nun dahinten
liegt. Trinken Sie doch, trinken Sie aus, damit ich sehe, daß Sie mir
nichts nachtragen.“
Georgs Augen brannten. Seit wann Christine nicht mehr bei ihm wohne?
Der Schlosser dachte nach. Er kniff das beschmierte Gesicht zusammen.
„Seit wann?“ erwiderte er. „Lassen Sie mich nachdenken? Ja, seit wann?
He, Anton, erinnerst du dich? Diese kleine Schwarze, weißt du, die
soviel lachen konnte.“
„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg, bemüht, sein
Erstaunen zu verbergen.
„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte, scherzte, erzählte
Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen. Sie wollte ja zum Theater gehen.
Sie erzählte immer Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär
zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum Theater gehen. Oder
zum Kino.“
Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken. „Auch Sie
wissen nicht, wo Christine hingezogen ist?“ fragte er.
Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich
zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen. „Lassen Sie mich
nachdenken, mein Herr,“ antwortete er. „Mir scheint – eines Tages
verschwand sie – ich weiß es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“
Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak.
„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser in Georg. „Sind
Sie Künstler? Christine erzählte immer, daß sie mit Künstlern verkehre.
Auf Ihre Gesundheit! He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an den
Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt da hinten, und die Tür
steht offen. Sie trägt noch den Ring an der Hand. Hier in diesem Hause
lebt solch ein Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser
Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal einen verflixten
Burschen, der erzählte mir, er brach in einer Villa im Grunewald ein,
und plötzlich, was sieht er: einen toten Juden, der aufgebahrt liegt.
Aber das hat ihn nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen
Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier.
Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“ fuhr er berauscht
fort, rückte näher und legte die schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören
Sie, noch eine Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie
sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie nicht einmal in
der Zeitung.
Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der jüngste, aber vor
zwanzig Jahren, da hätten Sie mich kennen sollen. Da war ich ein toller
Kerl. Ich hatte da ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie
ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank, nur so groß,
sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin. Aber wie die Frauen so
sind, sie wollte Schuhe aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit
grauem Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz hatte, dann
wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so ging es immer fort. Und wie
es mit den Schuhen war, so war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete
damals in einer Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus,
alle die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen sich
wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann ging Mariechen zu einem
andern, denn die Männer liefen alle hinter ihr her.
Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören Sie weiter, und Sie
werden staunen. In der Fabrik arbeitete ein Kollege. Er war ein
einfacher Schlosser, aber wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie
glauben, er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich. Er
hieß Roth.
Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte: Höre, Rusch, willst du
viel Geld verdienen? Ich sagte, warum nicht, denn Mariechens Geburtstag
war nahe, und ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche.
Mariechen hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen waren so
schön, und wenn sie sprach, diese schöne Stimme, und wenn man mit ihr
tanzte, und alle verdrehten die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie
nicht dreimal im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen kurz
erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es ist lange her, und es
ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser Roth ging durch verschlossene
Türen, genau so wie der Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir
arbeiteten also zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren
vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine lange Weile. Aber
nun hören Sie, nun kommt das Interessante. Wir gingen ja nun viel aus
und tanzten, Roth, Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir,
wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler ist verreist,
bei dem ich das elektrische Licht repariert habe. Hast du Courage? Ich
sagte, weshalb nicht. Wir gingen tags vorher um das Haus, und Roth
zeigte mir ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen, und
wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein. Morgen abend, sagte
Roth, morgen abend ist Neumond, da wollen wir die Sache machen.
Aber nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessante. Eine Straße vorher
verließ mich Roth und sagte mir, in genau einer Viertelstunde wirst du
nachkommen. Es ist jetzt ein Viertel vor zwölf Uhr. Komme du Punkt
zwölf. Ich komme Punkt zwölf. Das Fenster wird langsam aufgemacht, und
ich steige ein. Wissen Sie, mein Herr, was nun passierte?“
„Nein,“ sagte Georg, der nur aus Höflichkeit zuhörte. „Wie sollte ich es
wissen?“
Rusch lachte, daß seine dicke Zunge zwischen den Bartstoppeln sichtbar
wurde. „Sofort ergriffen mich zwei Paar Arme. Ich war der Polizei in die
Hände gefallen. Haben Sie in Ihrem Leben so etwas gehört?“
„Also hatte Roth Sie verraten?“
„Er hatte mir eine Falle gestellt, und ich war in diese Falle gegangen.
Er und Mariechen wollten mich loshaben, und so ließen sie mich
hochgehen.
Nun, ich bekam zwei Jahre, und ich schwieg.
Aber ich sagte mir, wenn ich herauskomme, seid ihr beide verloren. Und
als ich herauskam, sehen Sie, mein Herr, da kaufte ich mir ein Messer
und einen Revolver, und ich sagte mir, wartet nur ihr beiden, wo ich
euch auch finde! Aber es war schwer sie zu finden. Ich arbeitete am
Tage, abends aber besuchte ich immer eine Reihe von Tanzlokalen. Und nun
hören Sie, Herr, nun kommt das Interessanteste.“ Rusch goß sich ein
neues Glas hinunter. „Nun kommt das Interessanteste, mein Herr. Eines
Abends komme ich in ein kleines Tanzlokal in Treptow. Es war nicht sehr
voll, und plötzlich, wen sehe ich? Roth und Mariechen. Ich gehe auf sie
zu, und was glauben Sie? Ich hatte die Hände in den Taschen und hatte
den Revolver und das Messer bereit. So kam ich also auf sie zu. Roth riß
sofort aus. Aber Mariechen, was glauben Sie, was sie tat? Mariechen fiel
in die Knie und schrie so jämmerlich, wie ich nie einen Menschen
schreien hörte. Und dabei hob sie die Arme in die Höhe. Und was glauben
Sie, was geschah? Ich vergaß meinen ganzen Zorn und alle Eide, die ich
geschworen hatte. Ich hob Mariechen auf und sagte, aber Mariechen, was
gibt es denn zu brüllen? Und sie weinte und schluchzte, und ich
beruhigte sie. Da wurde sie endlich ruhig, und sie sagte, sie werde
jetzt wieder bei mir bleiben. Denn sie liebe mich viel mehr als diesen
Roth. Das tat sie auch, mein Herr. Und sehen Sie, solche Dinge gibt es
auf der Welt.“
Plötzlich hob Rusch die beiden großen Fäuste in die Luft und brüllte:
„Und nun ist sie tot, Mariechen! Nun liegt sie da hinten und ist tot!
Mariechen! Mariechen!“ Er schlug sich mit der Faust auf den Kopf.
„Nun, Rusch, beruhige dich,“ sagte der Wirt. „Du wirst es schon
verwinden.“
„Und nun ist Mariechen tot!“ brüllte Rusch nochmals.
Georg erhob sich, um zu gehen.
„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser, „bleiben Sie bei
mir. Ich muß einen Menschen haben, mit dem ich reden kann. Ich werde Sie
nicht mehr mit meinen Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer
Christine sprechen.“
Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit seiner Frau
ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen gebacken – ah, fein! Dann aber
habe sie ihre Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei
öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer und habe sie
ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer, dunkler gekommen, vielleicht
ein Russe. Er kam immer in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise
...
Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden, daß der Schlosser
ins Leere griff, als er mit den beiden Fäusten nach ihm langte.
6
Die Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg Unterschlupf
gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen konnte er
die Dachkammer nicht mehr bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in
aller Frühe aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten
ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht kamen.
Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß der Boden unter
seinen Füßen einbrach, rang er seinem erschöpften Körper die letzten
Kräfte ab. Er wehrte sich.
Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er unterwegs. Treppauf,
treppab. Er holte seine Papiere hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie
andere Stellungslose las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch
nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner blassen Hoffnung
entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit jedem Tag nahm er den Kampf mit
neuer Zähigkeit auf. Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat
vor, fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick wurde
tapfer.
Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters denken, die man
ihm einmal erzählt hatte. Dieser Kapellmeister kam völlig unbekannt und
ohne einen Pfennig in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am
Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister waren
plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der ersten Operndirigenten
Deutschlands.
Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück nicht ebenfalls
zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es ihm wie jenem
Kapellmeister ergangen. Er sprach bei einem der ersten Architekten
Berlins vor, zu dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien
nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte
Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. Eine Fabrik war abgebrannt
und sollte so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Siehst du,
dachte Georg, und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man
wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. Eine Fabrik
mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit er – aber ein hagerer,
glatzköpfiger Herr trat ins Wartezimmer, streifte seinen dünnen,
abgeschabten Mantel mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den
Kopf. So war es also nichts.
Nun, wenn nicht hier, so anderswo.
Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine Dienstleistung, eine
Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. Aber man mußte einen schnellen
Blick und rasche Beine haben. Die Konkurrenz lauerte.
Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen der Heilsarmee
und zwei Küchen eines großen Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und
Männern, elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe an und
schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man einen Napf heißer
Suppe, es war nicht viel, aber es war doch etwas. Neugierige umdrängten
die Küchen. Einmal kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen.
Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky auf dem Bilde
sehen, während er in einer vornehmen Diele den Tee schlürfte?
Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot lohte der Himmel
zwischen den schwarzen Häusern. Ein Zufallsquartier, Wartesäle der
Bahnhöfe, Asyle. Georg hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo
man für ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. Hier lag
Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den Gängen lagen die
erschöpften Leiber. Man mußte über sie wegsteigen. Die Ausdünstungen
dieser zusammengepferchten, mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den
Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. Da lag er also mit
offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, röchelten und stöhnten. Manche
schrien wirr im Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder
durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein wollüstiges
Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten knurrte. So war es in dieser
Stadt, deren Straßen am Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden.
Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem jungen Mädchen, einem
Kind eigentlich noch, mit dünnen Beinen und kleiner, unentwickelter
Brust. Auch sie lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden
lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe an ihn heran,
so daß er ihren mageren Körper spürte, und flüsterte lüstern: Schlafen
Sie? Sie zupfte ihn behutsam am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er
regte sich nicht, seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt.
Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos warf er sich von
einer Seite auf die andere. Bald zitterte er vor Frost, bald glühte sein
Körper wie im Fieber. Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt
grollte zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn das
Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch schien die große
Stadt zuweilen zu reißen – arm, reich, elend, gesund, Untergang,
Auferstehung. Mittendurch: Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude,
Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner dünnen Decke
hustete. Er dachte an Katschinsky, und er sah den Maler elegant und
lächelnd in irgendeinem Spielklub sitzen, wo das Licht von Decken und
Wänden blendete. Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und
überheizter Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis.
Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken Autos
dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, ausgeschlafenen
Menschen füllen – noch aber war es Nacht, und noch war die Stadt düster
und schrecklich. Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten
Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die Wächter einer
Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen Schutzmann erschossen. Und so
geschah es in jeder Nacht.
Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. Dann saß er die
ganze Nacht aufrecht.
7
An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig
finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der
Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen
überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren
dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre
Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten
Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem
Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte
der Husten bis zum Boden.
Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten Hände in den
Hosentaschen, vertraten sich die Füße und warteten. Sie sprachen wenig.
Nur einzelne schrien erregt, redeten von ihren hungernden Weibern und
Kindern, fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften,
die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde waren die Arbeitsnachweise
schon wieder geschlossen, so gering war die Zahl der offenen Stellen.
Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone der
Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten sich über die tausend
Straßen der Stadt, die sie müde, stumpfe Verzweiflung im Herzen,
durchzogen. Was hatten sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden
Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu schleppen?
Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt hereingebrochen.
Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher waren bis zum Bersten angefüllt
mit Waren, die die Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis
tief hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die Schiffe die
Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente der farbigen Völker.
Die Händler saßen auf ihren Ballen und warteten. Erst wenn diese
ungeheuren Lager der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine
Besserung erwartet werden.
Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still in den Häfen. Die
Kohlenberge der Zechen häuften sich zu Gebirgen, und täglich schwoll das
Heer der Arbeitslosen mehr und mehr an.
Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei Wochen lang, war
Georg mit dem Morgengrauen vor den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne
den geringsten Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten
sich. Oft schwankte er beim Gehen.
Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu verbringen. Die
Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, gottlob. Zufällig hatte er einen
kleinen Platz entdeckt, der auffallend windgeschützt war. Hier kauerte
er auf seiner Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken
kauerten andere Schatten.
Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare huschen
durch die Schatten, Dirnen standen bei den Laternen, das Täschchen in
der Hand. Es kamen Betrunkene, die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine
Sekunde kam die Stadt während der ganzen langen Nacht zur Ruhe. Und nun
kam auch jener langsam knirschende Schritt wieder, den man von weitem
schon erkannte. Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald
der langsame Schritt in der Ferne verklang.
Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der schwarzen Stadt. In der
Ferne, irgendwo, rauschten die Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur
feinklingend in der stillen Nacht.
In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei Jahren aus der
kleinen thüringischen Provinzstadt nach Berlin gekommen, die Augen
fiebernd von Träumen, das Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt
der Kühnheit und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. Hier
würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf dem Bahnhof aus dem
überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit blitzte aus den Bogenlampen,
die so stark und mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend und
gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. Die ganze erste Nacht
war er durch diese Stadt gewandert, seinen Träumen hingegeben. Etwas wie
Triumph lag in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde.
Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war eine Witwe, eine kleine
fleißige Frau, die noch früher aufstand als die Hühner und noch spät in
der Dunkelheit bei ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch,
fegte und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde abgesparten
Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten.
Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er
im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit
umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei
Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot
ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen
Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden.
Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein
Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die
Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend
unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden
und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es,
zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser,
Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter
baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein
schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die
Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten,
Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause
bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag
hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum
kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen,
Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber.
Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an
Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche
Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf
bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg
Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen,
welche Ausschweifungen der Phantasie!
Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah
seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der
kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen
Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen
Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von
seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen,
wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in
Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen
müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne.
Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes,
während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz
erbebte.
8
Mitten im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg plötzlich stehen. Er
runzelte die Stirn – dachte nach. Welcher Gedanke war ihm doch soeben
durch den Kopf geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser.
Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen?
Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als Knaben im
„Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. Hatte Stobwasser ihn nicht
aufgefordert, ihn zu besuchen, hatte er ihm nicht seine Kammer
angeboten? Schon begann Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen
Schritten blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser in der
eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. Unmöglich konnte
er ihm zur Last fallen.
Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die Mutlosigkeit, und
er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Es gab keine andere
Rettung mehr. Zwei Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis
er endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in dem
Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte die Ziege den Kopf
aus ihrem Stall. Schon wollte er an Stobwassers Türe pochen: da hörte er
drinnen eine Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, es
war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß bedeckte seine Stirn,
als habe er ein Verbrechen begehen wollen.
Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst.
Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen jener
Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, die noch einiges Mitgefühl
haben, nicht gerne begegnen. Es gab viele, die den Anblick jener elend
aussehenden Menschen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, nicht
mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die Feisten, die Krieg und
Revolution prächtig überstanden hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu
bringen. Mit eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn
hindurch, ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos vorüber, die
sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren Villen brachten. Sie blieben
sogar vom Anblick der Elenden und den hündischen Blicken der Bettler
verschont.
Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah, seht an, sagte er
sich, ein Rückfall!
Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige, dem es so erging.
Es waren viele, viele, da draußen im Osten, unter den Arbeitslosen und
Armen litt jeder zehnte Mensch an diesem Übel.
In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und sein Schritt immer
müder, sah er einmal ganz plötzlich Katschinsky. Fast hätte er ihn
übersehen. Es war in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit
einem jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt schnell die
Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen, um in ein Auto zu
steigen. Er trug einen herrlichen mausgrauen Mantel und einen grauen
Plüschhut. Der Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft.
Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte er ihn erkannt?
Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg beobachtete, wie er nervös
in den Wagen kroch.
In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz Unverständliches,
etwas, was Georg, wenn er sich dessen erinnerte, nie begriff. Plötzlich
sprang er mit zwei, drei wilden Schritten auf das Auto zu, um an die
Scheibe zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab. Gottlob.
Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die Lippe: so ging
es nicht weiter, nicht einen Tag länger. Ein Entschluß, ein Entschluß!
Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch die Straßen auf. Da
aber erwachte ein Gedanke in seinem Kopf. Weshalb war er nicht schon
früher auf diesen Gedanken gekommen?
Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für Obdachlose, wo er
zuweilen übernachtete, einen kleinen, alten Bettler kennengelernt hatte,
der, in eine Wolke von Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte.
Dieser Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen sogar im
Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften Firma, einem
Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose beschäftige. Diese Firma sollte
sich in der Lindenstraße befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen,
da es in ein großes Gerüst eingehüllt sei.
„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist es nichts, aber
für Sie ist es vielleicht etwas, junger Mann. Fragen Sie getrost nach
einem Herrn Schellenberg. Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging
also in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser Herr
Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben, kam zufällig die Treppe
herunter. Was glauben Sie? Er schenkte mir sofort fünf Mark und befahl
seinen jungen Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine
Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin und meldest dich da
und da.“
„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht.
„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist nichts für mich, ich
bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen. Ich habe ganz einfach die
Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“
Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig, daß Georg sie für
eine Phantasie des Schnapses halten mußte. Aber jetzt, in diesem
Augenblick, da er der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich:
Und doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg
wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er konnte ja nachsehen,
wie? Es kostete ja kein Geld! Er befand sich in dieser Minute beim
Wittenbergplatz, und es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur
Lindenstraße.
Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in dieser Sekunde
noch, auf den Weg zu machen. Wenn es auch schon spät am Tage war,
vorwärts. Und sofort begann er auszuschreiten.
Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er, keuchend und
in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte. Ja, nun hatte ihn wieder
jegliche Hoffnung verlassen. Das Geschwätz eines Säufers.
Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich ein Haus, das
ganz in Gerüststangen eingehüllt war. Es roch nach Kalk und Nässe. Das
Erdgeschoß war mit einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf
stand mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit! Tretet
sofort ein! Jede Auskunft!“
Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war hell erleuchtet.
Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und übermüdet:
„Bedaure, es ist geschlossen.“
In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem langen Arbeitskittel,
wie ihn Architekten und Maler bei der Arbeit tragen, über den Korridor
und warf einen Blick auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im
Begriff, in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen und
sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war schneeweiß, die
Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen darin fieberten ohne Blick und
Gedanken.
„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein Herr,“ sagte der
junge Mann und lächelte liebenswürdig. Er blickte zu Boden, dachte nach
und winkte dann mit dem Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was
ich für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem Pförtner
zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand, hören Sie!“ Und zu
Georg gewandt, fuhr er fort: „Wir haben in den letzten Tagen fünftausend
Leute angenommen und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen Pfennig
Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann zu bezahlen. Aber treten Sie
ein. Ich sehe, Sie sind leidend, und ich will sehen, was ich für Sie tun
kann.“
Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm mit einer solch
schlichten Freundlichkeit gesprochen wie dieser junge Mann.
„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“ wagte Georg zu fragen.
Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar einen kleinen
Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen Sie sprechen?“ sagte er
leise, mit dem Ausdruck äußersten Erstaunens. „Haben Sie besondere
persönliche Empfehlungen an Herrn Schellenberg?“
„Nein, nein,“ stotterte Georg.
Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich, Herrn Schellenberg zu
sprechen, ganz unmöglich. Herr Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am
Tag, und ich selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede
Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah Georg prüfend ins
Gesicht und sagte nach einer Weile: „Gehen Sie in dieses Zimmer. Man
wird Ihnen unsere Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles
Gute!“
Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen. Er war geneigt,
Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen, und es konnte ihm völlig
gleichgültig sein, was dieser Unternehmer Schellenberg bot. Man
informierte ihn, daß er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und
wies ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an.
Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als er sich
zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte. Vielleicht
träume ich, vielleicht ist es das Fieber? Vielleicht ist es das Ende?
Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung ein.
Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem Erstaunen noch immer
auf der gleichen Pritsche. Es war also kein Traum, keine Gaukelei des
Fiebers gewesen. Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand,
mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer kleinen Stadt
in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle zu melden.
Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle fuhr, beugte er
sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals zu sehen, durch die er
wochenlang wie ein Hund, der seinen Herrn verlor, geirrt war.
Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken von Dampf stiegen aus
der Stadt empor und hüllten ganze Viertel in dichten Dunst.
„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu, um in Wirklichkeit
durch eine Geste seine Erregung zu verraten – breitete er in Gedanken
die Arme gegen die Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“
Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen Meer von steinernen
Würfeln verborgen war, streckte ihm die Arme entgegen und erwiderte:
„Ich warte auf dich. Komm! Ich liebe dich noch immer!“