11. Die Andernacher Bäckersjungen.(11)

Die Andernacher, sowie die Einwohner von Bonn, schlafen lange, und des

Morgens stehen nur die Bäcker früh auf, damit das frische Brot zum

Frühstück bereit sei.

Es war einmal Krieg zwischen Andernach und Linz, darum haben sich noch

heute diese Städte nicht gern. Da die Linzer sehr gut wußten, daß die

Andernacher immer bis spät schliefen, beschlossen sie, die Stadt einmal

früh Morgens zu überfallen. Alle ihre Pläne waren sehr gut gelegt, und

sie glaubten, daß sie jetzt siegen würden. Um Mitternacht am bestimmten

Tage verließen sie Linz und gingen leise gegen Andernach zu, wo sie früh

anzulangen, und leicht ungesehen durch die unbewachten Thore der Stadt

zu dringen dachten.

Unterdessen hatten die Andernacher Bäcker ihr Brot gebacken, und als

ihre Arbeit fertig war, legten sich die Bäcker auch nieder, um ein

Morgenschläfchen zu genießen.

Als die Linzer sich der Stadt näherten, schliefen alle Einwohner fest,

außer zwei Bäckersjungen. Diese allein schliefen nicht. Sie waren leise

aus dem Backhause gegangen, denn sie hatten die Bienenstöcke des

Thorwärters auf dem Turme entdeckt, und wollten den vortrefflichen Honig

versuchen. Ohne Lärm zu machen, schlichen sie die Treppen des Turmes

hinauf, und als sie oben angekommen, stellten sie sich an, ein schönes

Stück Honig zu nehmen.

Da, auf einmal, hörten die Jungen ein kleines Geräusch (Lärm). »Ach!«

flüsterte der eine dem anderen zu. »Der Wärter kommt! Er wird uns sicher

bestrafen.«

Zitternd hörte auch der andere dem Lärme zu, und sagte nach einem

Augenblick:

»Es kann doch nicht der Wärter sein. Er war fest eingeschlafen! Er käme

die Treppen herauf. Das Geräusch kommt nicht von der Treppe! Es scheint

da draußen zu sein.«

Leise, sehr leise, denn er wollte in seinem Honigstehlen nicht ertappt

werden, schlich er zum Rande des Turmes, und sah neugierig hinunter. Da

standen die Linzer, ganz bewaffnet, und der Bäckersjunge sah, daß sie

ihre Leiter aufstellen wollten, um über das Stadtthor hinweg in die

Stadt zu steigen, die schlafenden Einwohner zu überrumpeln.

Die Bäckersjungen, welche die Gefahr sogleich begriffen hatten, standen

einen Augenblick verdrossen da.

Was sollten sie thun? Sie konnten die Einwohner unmöglich schnell genug

aufwecken, und hatten keine Waffen, um den Feind zurückzustoßen.

Auf einmal dachte der eine Bäckersjunge an die Bienenkörbe da droben. Er

winkte leise seinem Kameraden. Beide hoben dann einen Korb sorgsam auf,

trugen ihn an den Rand des Turmes, und auf einmal schleuderten sie ihn

auf die Linzer, die am Fuße des Turmes versammelt standen.

Im Fallen zerbrach der Bienenkorb in Stücke, die Bienen flogen wild

umher und stachen die Linzer, bis sie laut schreien mußten.

Während die aufgeregten Bienen das Stadtthor verteidigten, eilten die

Bäckersjungen die Treppen hinunter, liefen schnell dem Rathause zu,

zerrten an der großen Glocke, und weckten die trägen Andernacher aus

ihrem langen Morgenschlaf.

Alle liefen jetzt ans Thor, um die bedrohte Stadt zu verteidigen, aber

ihr Beistand war nicht mehr nötig, denn die Bienen hatten so wacker

gestochen, daß die Linzer sich in Eile geflüchtet hatten.

Aus Dankbarkeit ließen die Einwohner von Andernach die Bilder der zwei

Bäckersjungen aus Stein hauen, und stellten sie unter das Stadtthor, das

sie so gut verteidigt hatten. Hier kann man sie noch sehen, denn die

Andernacher haben die Heldenthat noch nicht vergessen, und sprechen oft

von dem glücklichen Einfall der Bäckersjungen.

Die Linzer kamen nie wieder, um die Stadt zu überrumpeln, und sie sagen

noch heutzutage, daß die Bienen früh Morgens wachen, während die

Andernacher ruhig schlafen.

(11) The city of Andernach on the Rhine was founded by the Romans

under Drusus. The Watch Tower of the legend was erected in the middle

of the 15th century, and restored in 1880. Linz, also on the Rhine, is

one of the fortified electoral towns. The legend here related has been

versified by Karl Simrock, the poet of the Rhine.

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Erster Teil · 第 42 / 85 题