Philippsburg wurde einmal während eines Krieges von den Franzosen
belagert. Viele Bomben flogen hin und her, und obgleich die
Reichstruppen in der Festung waren, gedachten die Franzosen, sie dennoch
überrumpeln zu können.
Der Kommandant wachte Tag und Nacht, damit die Franzosen keine
unbewachte Stelle finden würden, und zahlreiche (viele) Schildwachen
waren überall auf den Mauern aufgestellt. Es waren mehrere Rekruten
unter den Reichstruppen, und unter diesen war auch ein sehr einfältiger
junger Mann.
Als die Reihe an ihn kam, Schildwache zu stehen, stellte ihn der
Hauptmann (Offizier) an einen sehr unbedeutenden Ort, und dachte bei
sich selbst:
»Nun, der Feind wird nur an der anderen Seite Angriffe machen. Hier kann
man diesen einfältigen Jüngling wachen lassen, denn die Stelle könnte
eben so gut unbewacht bleiben.« Dennoch sagte der Hauptmann streng:
»Sehen Sie, Junge, hier ist Ihr Posten. Hier müssen Sie ohne Aufenthalt
auf- und abgehen, und wenn jemand die Schanze (Mauer) hinaufzusteigen
sucht, sollen Sie ihn sogleich hinunterstürzen.«
Nachdem er diesen Befehl gegeben, entfernte sich der Hauptmann, und der
Jüngling ging langsam auf und ab, wie ihm befohlen war.
Die Franzosen, welche die schwach behütete Stelle entdeckt, und einen
kecken Plan gemacht hatten, um die Festung zu überrumpeln, kamen jetzt
mit ihren Leitern und wollten geräuschlos (ohne Lärm) hinaufklettern.
Als der Rekrut an das ihm bezeichnete Ende seines Ganges kam, drehte er
sich langsam um, und schritt wieder die Mauer entlang. Da sah er auf
einmal einen Kopf über die Mauer herauftauchen, und sah zwei schwarze
Augen und einen sehr spitzigen Schnurrbart. Seiner Pflicht getreu, stieß
der Rekrut den Mann hinunter, und dieser fiel lautlos in den Graben,
während der Rekrut seinen Weg ungestört fortsetzte.
Ein zweiter Franzose wollte jetzt hinaufklettern, und sein Kopf tauchte
über die Schanze auf, als der Rekrut wieder an die Stelle kam. Da der
junge Soldat denselben schwarzen Schnurrbart, und dieselben schwarzen
Augen sah, dachte er:
»Der Kerl da ist wieder hinaufgeklettert!« und er nahm sein Bajonet und
stieß ihn wieder hinunter.
Da der Hauptmann ihm geboten, ohne Aufenthalt auf und ab zu gehen, blieb
er keinen Augenblick still, und ging wieder die Mauer entlang, ohne
einen Blick über die Schanze zu werfen.
Als er sich zum drittenmal umdrehte, und wieder an denselben Ort kam,
sah er wieder zwei schwarze Augen auftauchen.
»Ei,« dachte der Rekrut, »der Franzose ist doch zu keck! Schon zweimal
habe ich ihn hinuntergestoßen, und da ist er schon wieder! Er ist ja wie
eine Katze!« und diesmal stieß er ihn noch heftiger hinunter.
Dennoch blieb der Rekrut keinen einzigen Augenblick still, sah weder
über die Schanze hinweg, noch rief er den anderen Schildwachen zu,
sondern ging ungestört seines Weges. Als er zum viertenmal dahin kam,
sah er wieder einen Kopf auftauchen und stieß den Mann wieder heftig
zurück. So ging es auch zum fünften, sechsten, siebenten, achten,
neunten und zehntenmal, und der Rekrut wurde immer böser und stieß immer
heftiger.
Als er zum elften und zwölftenmal zwei schwarze Augen und einen
schwarzen Schnurrbart auftauchen sah, dachte er noch ärgerlicher als
zuvor:
»Ach, wird der Franzose seines ewigen Kletterns nie müde werden? Ich bin
des Stoßens müde! Schon zwölfmal habe ich ihn hinuntergestoßen.
Hoffentlich wird er nicht wiederkommen!«
Der Rekrut ging jetzt ungestört auf und ab, denn die erschrockenen
Franzosen waren fortgelaufen.
Endlich kam der Hauptmann wieder, um die Schildwache abzulösen, und
fragte nachlässig:
»Ist nichts zu rapportieren?«
»Nein, nichts,« erwiderte der Rekrut langsam. »Ich bin hier ohne
Aufenthalt auf- und abgegangen, wie Sie befohlen, Herr Hauptmann.
Niemand ist gekommen, außer einem Franzosen mit blassem Gesichte. Er
hatte zwei kohlenschwarze Augen und einen spitzigen Schnurrbart. Er hat
dort über die Mauer klettern wollen, und da Sie doch gesagt hatten, daß
ich jeden zurückstoßen sollte, der hinaufzuklettern suchte, habe ich ihn
rasch hinuntergestoßen. Der Kerl wäre so gern über die Mauer gekommen,
daß ich ihn zwölfmal habe zurückstoßen müssen!«
Der Hauptmann, der diesem Bericht erstaunt zugehört hatte, sah jetzt
über die Schanze hinweg in den Graben hinunter, wo nicht nur ein
Franzose, sondern ein Dutzend derselben tot lagen am Fuße einer langen
Leiter. Der dumme Rekrut hatte zwölf Franzosen getötet, und ganz
unbewußt die Festung allein gegen einen Angriff verteidigt.
Als der Kommandant der Festung dieses hörte, sagte er: »Ich habe
feierlich versprochen, jedem Soldaten einen Gulden zu geben für jeden
Franzosen, den er von den Mauern hinunterstoßen würde. Obgleich dieser
Rekrut behauptet (sagt), daß er nur einen Franzosen zwölfmal
zurückgestoßen, soll er zwölf Gulden bekommen, denn zwölf Feinde liegen
am Fuße der Leiter tot. Ich muß auch hinzufügen, daß es mir gar lieb
wäre, wenn alle meine Rekruten meine Befehle ebenso pünktlich ausführen
würden.«
(12) The old fortress of Philippsburg on the Rhine was besieged by the
French on sundry occasions, and finally surprised by them in 1800.
Karl Simrock has written an amusing poem about the occurrence related
in this tale.