12. Der Rekrut auf Philippsburg.(12)

Philippsburg wurde einmal während eines Krieges von den Franzosen

belagert. Viele Bomben flogen hin und her, und obgleich die

Reichstruppen in der Festung waren, gedachten die Franzosen, sie dennoch

überrumpeln zu können.

Der Kommandant wachte Tag und Nacht, damit die Franzosen keine

unbewachte Stelle finden würden, und zahlreiche (viele) Schildwachen

waren überall auf den Mauern aufgestellt. Es waren mehrere Rekruten

unter den Reichstruppen, und unter diesen war auch ein sehr einfältiger

junger Mann.

Als die Reihe an ihn kam, Schildwache zu stehen, stellte ihn der

Hauptmann (Offizier) an einen sehr unbedeutenden Ort, und dachte bei

sich selbst:

»Nun, der Feind wird nur an der anderen Seite Angriffe machen. Hier kann

man diesen einfältigen Jüngling wachen lassen, denn die Stelle könnte

eben so gut unbewacht bleiben.« Dennoch sagte der Hauptmann streng:

»Sehen Sie, Junge, hier ist Ihr Posten. Hier müssen Sie ohne Aufenthalt

auf- und abgehen, und wenn jemand die Schanze (Mauer) hinaufzusteigen

sucht, sollen Sie ihn sogleich hinunterstürzen.«

Nachdem er diesen Befehl gegeben, entfernte sich der Hauptmann, und der

Jüngling ging langsam auf und ab, wie ihm befohlen war.

Die Franzosen, welche die schwach behütete Stelle entdeckt, und einen

kecken Plan gemacht hatten, um die Festung zu überrumpeln, kamen jetzt

mit ihren Leitern und wollten geräuschlos (ohne Lärm) hinaufklettern.

Als der Rekrut an das ihm bezeichnete Ende seines Ganges kam, drehte er

sich langsam um, und schritt wieder die Mauer entlang. Da sah er auf

einmal einen Kopf über die Mauer herauftauchen, und sah zwei schwarze

Augen und einen sehr spitzigen Schnurrbart. Seiner Pflicht getreu, stieß

der Rekrut den Mann hinunter, und dieser fiel lautlos in den Graben,

während der Rekrut seinen Weg ungestört fortsetzte.

Ein zweiter Franzose wollte jetzt hinaufklettern, und sein Kopf tauchte

über die Schanze auf, als der Rekrut wieder an die Stelle kam. Da der

junge Soldat denselben schwarzen Schnurrbart, und dieselben schwarzen

Augen sah, dachte er:

»Der Kerl da ist wieder hinaufgeklettert!« und er nahm sein Bajonet und

stieß ihn wieder hinunter.

Da der Hauptmann ihm geboten, ohne Aufenthalt auf und ab zu gehen, blieb

er keinen Augenblick still, und ging wieder die Mauer entlang, ohne

einen Blick über die Schanze zu werfen.

Als er sich zum drittenmal umdrehte, und wieder an denselben Ort kam,

sah er wieder zwei schwarze Augen auftauchen.

»Ei,« dachte der Rekrut, »der Franzose ist doch zu keck! Schon zweimal

habe ich ihn hinuntergestoßen, und da ist er schon wieder! Er ist ja wie

eine Katze!« und diesmal stieß er ihn noch heftiger hinunter.

Dennoch blieb der Rekrut keinen einzigen Augenblick still, sah weder

über die Schanze hinweg, noch rief er den anderen Schildwachen zu,

sondern ging ungestört seines Weges. Als er zum viertenmal dahin kam,

sah er wieder einen Kopf auftauchen und stieß den Mann wieder heftig

zurück. So ging es auch zum fünften, sechsten, siebenten, achten,

neunten und zehntenmal, und der Rekrut wurde immer böser und stieß immer

heftiger.

Als er zum elften und zwölftenmal zwei schwarze Augen und einen

schwarzen Schnurrbart auftauchen sah, dachte er noch ärgerlicher als

zuvor:

»Ach, wird der Franzose seines ewigen Kletterns nie müde werden? Ich bin

des Stoßens müde! Schon zwölfmal habe ich ihn hinuntergestoßen.

Hoffentlich wird er nicht wiederkommen!«

Der Rekrut ging jetzt ungestört auf und ab, denn die erschrockenen

Franzosen waren fortgelaufen.

Endlich kam der Hauptmann wieder, um die Schildwache abzulösen, und

fragte nachlässig:

»Ist nichts zu rapportieren?«

»Nein, nichts,« erwiderte der Rekrut langsam. »Ich bin hier ohne

Aufenthalt auf- und abgegangen, wie Sie befohlen, Herr Hauptmann.

Niemand ist gekommen, außer einem Franzosen mit blassem Gesichte. Er

hatte zwei kohlenschwarze Augen und einen spitzigen Schnurrbart. Er hat

dort über die Mauer klettern wollen, und da Sie doch gesagt hatten, daß

ich jeden zurückstoßen sollte, der hinaufzuklettern suchte, habe ich ihn

rasch hinuntergestoßen. Der Kerl wäre so gern über die Mauer gekommen,

daß ich ihn zwölfmal habe zurückstoßen müssen!«

Der Hauptmann, der diesem Bericht erstaunt zugehört hatte, sah jetzt

über die Schanze hinweg in den Graben hinunter, wo nicht nur ein

Franzose, sondern ein Dutzend derselben tot lagen am Fuße einer langen

Leiter. Der dumme Rekrut hatte zwölf Franzosen getötet, und ganz

unbewußt die Festung allein gegen einen Angriff verteidigt.

Als der Kommandant der Festung dieses hörte, sagte er: »Ich habe

feierlich versprochen, jedem Soldaten einen Gulden zu geben für jeden

Franzosen, den er von den Mauern hinunterstoßen würde. Obgleich dieser

Rekrut behauptet (sagt), daß er nur einen Franzosen zwölfmal

zurückgestoßen, soll er zwölf Gulden bekommen, denn zwölf Feinde liegen

am Fuße der Leiter tot. Ich muß auch hinzufügen, daß es mir gar lieb

wäre, wenn alle meine Rekruten meine Befehle ebenso pünktlich ausführen

würden.«

(12) The old fortress of Philippsburg on the Rhine was besieged by the

French on sundry occasions, and finally surprised by them in 1800.

Karl Simrock has written an amusing poem about the occurrence related

in this tale.

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Erster Teil · 第 43 / 85 题