In Düsseldorf am Rheine wohnte einmal ein Künstler. Er war sehr
geschickt, so geschickt, daß der Kurfürst ihm sein Reiterbild in Erz
gießen hieß. Der Künstler war sehr froh, und arbeitete Tag und Nacht.
Endlich war das Reiterbild fertig und Meister Grupello, der Künstler,
stellte es auf dem Marktplatze auf.
Als es ganz fertig war, kam der Kurfürst Johann Wilhelm, mit allen
seinen Höflingen, um es zu besehen.
Der Künstler ließ die Hülle fallen, damit alle das Reiterbild sehen
konnten. Der Kurfürst, erstaunt über die Schönheit dieses Bildes,
reichte dem Künstler die Hand und sagte freundlich:
»Nun, Herr Grupello, das haben Sie sehr gut gemacht. Mein Bild ist sehr
schön. Es ist wirklich tadellos! Sie sind ein großer Künstler, und das
Bild macht Ihnen große Ehre!«
Der Künstler war über dieses Lob höchst erfreut, aber die Höflinge, die
schweigend (ohne ein Wort zu sagen) dagestanden, waren eifersüchtig. Der
Fürst hatte ihnen nie so freundlich die Hand gegeben, und hatte sie noch
nie so gepriesen, und sie dachten alle:
»Wie können wir diesen stolzen Künstler demütigen?«
Da der Fürst sein Bild tadellos gefunden, konnten sie nichts daran zu
tadeln finden, aber endlich sagte der Eine:
»Ja, Herr Grupello, das Bild des Kurfürsten ist wirklich tadellos. Das
Pferd dagegen ist nicht ganz richtig. Sehen Sie, der Kopf ist ein wenig
zu groß, er ist nicht ganz natürlich!«
»Nein,« sagte der Zweite, »das Pferd ist nicht so gut gelungen (so
schön) wie der Reiter. Sehen Sie doch den Nacken an, Herr Grupello!«
»Ja, und der rechte Fuß da ist auch nicht richtig,« sagte der Dritte.
Der Vierte lobte das Bild auch; aber er tadelte den Schwanz des Pferdes.
Der Fünfte fand auch etwas an dem Pferde zu tadeln, und, nachdem sie
alle ihre Meinung ausgesprochen, sagte der Künstler zu dem Kurfürsten:
»Herr Fürst, Ihre Höflinge sind mit meinem Werke nicht ganz zufrieden,
Sie tadeln dies und jenes an dem Pferde. Wollen Sie mich gütigst noch
einige Tage ungestört an dem Bilde arbeiten lassen?«
»Gewiß, Herr Grupello,« erwiderte der Kurfürst freundlich. »Thun Sie was
Sie wollen.«
Der Künstler ließ eine Plankenwand um das Reiterbild aufschlagen, und
als die Höflinge vorübergingen, hörten sie den Schall des Hammers.
»Ach,« dachten sie alle zuversichtlich. »Ich habe dem Künstler einen gar
guten Rat gegeben. Das Pferd war gar nicht gelungen. Er hat es selbst
gesehen, und jetzt ändert er es. Dank meinem Kunstsinn wird das Bild
wirklich tadellos sein.«
Als die bestimmte Zeit vorüber war, kamen Kurfürst und Höflinge, um das
Reiterbild ein zweites Mal zu beschauen. Die hohe Plankenwand war
verschwunden, und als die Hülle wieder fiel, sprach der Kurfürst wieder
seine Freude daran aus. Dann rief er die Höflinge, einen nach dem
anderen, und fragte sie nach ihrer Meinung darüber.
Der Erste, der den Kopf getadelt hatte, sagte jetzt vergnügt: »Ach, Herr
Kurfürst, das Bild ist jetzt ganz tadellos, und sehen Sie doch den Kopf
des Pferdes an, jetzt ist er nicht mehr zu groß, sondern ganz
natürlich.«
Der Zweite sagte: »Ja, das Reiterbild ist jetzt ganz tadellos. Der
Nacken des Pferdes ist jetzt sehr graziös.«
Der Dritte sagte: »Seitdem Sie den rechten Fuß geändert, Herr Grupello,
ist Ihr Bild tadellos.«
Alle waren jetzt höchst zufrieden, und der Kurfürst sagte es dem
Künstler, der schweigend dagestanden.
»Herr Grupello, alle diese Herren sind jetzt mit Ihrem Werke zufrieden
und alle loben Ihre Änderungen an dem Pferde.«
»Herr Kurfürst,« erwiderte der Künstler gelassen, »ich bin recht froh,
daß alle mit meinem Bilde so zufrieden sind, aber ich muß gestehen, daß
ich nichts daran geändert habe. Ein Gußbild kann nicht geändert werden.«
»Dennoch habe ich Sie tüchtig hämmern hören!« erwiderte der Kurfürst
erstaunt. »Worauf schlugen Sie denn?«
»Auf den Ruf Ihrer Höflinge, Herr Fürst, die das Bild nur aus Eifersucht
tadelten, und der, denke ich, ist jetzt ganz vernichtet!«
Die Höflinge konnten kein Wort erwidern, und schlichen alle fort.
Das Reiterbild steht noch heute mitten auf dem Marktplatze von
Düsseldorf, wo es jedermann bewundern kann.
(10) Düsseldorf, a town on the Rhine not very far from the Dutch
frontier, is the center of an Art School founded by the Elector John
William. The equestrian statue of this prince was cast by Grupello in
1711. The poet Smets has versified this legend. For English version
see the author's "Legends of the Rhine."