5. Das Wiedersehen.

Die Gräfin saß allein in ihrem Garten auf einer Bank und weinte. Der

Einsiedler ging zu ihr hin und sagte:

»Gute Frau, warum weinen Sie?«

»Ich weine, weil mein Mann heute nach Hause kommt!« schluchzte die arme

Frau.

»Lieben Sie Ihren Mann denn nicht?« fragte der Einsiedler erstaunt.

»Ja wohl! Über alles liebe ich ihn! Aber er kommt glücklich nach Hause,

er denkt seinen Sohn zu finden, und hier ist kein Sohn mehr!«

»Ist der Knabe tot?« fragte der Einsiedler.

»Nein, er wurde vor sechs Jahren entführt!« sagte die arme Mutter.

»Vielleicht ist er Räuber geworden, denn ich habe kein Wort von ihm

gehört, und ich hätte doch viel Geld gegeben, um ihn wieder zu haben.«

»Ach, vielleicht finden Sie das Kind noch!« sagte der Einsiedler. »Hören

Sie, schöne Frau, ich kenne ein Kind, das wie Ihr Knabe sehr jung

gestohlen wurde. Es wohnte sechs Jahre lang in einer Höhle, es war bei

bösen Männern, aber Gott war auch da. Gott hat das Kind aus dem Berge

geführt. Ich habe den Knaben seinem glücklichen Vater wiedergegeben.«

»Ach,« schluchzte die schöne Frau, »wie froh die armen Eltern sein

mußten. Was sagte die Mutter, als sie ihr Kind wieder sah?«

»Das kann ich noch nicht sagen,« antwortete der Einsiedler. »Die Mutter

weiß noch nicht, daß ihr Kind gefunden ist.«

»Ach, guter Einsiedler, gehen Sie schnell, sagen Sie es der armen

Mutter!«

Der Einsiedler blieb still stehen und sagte:

»Danken Sie Gott, gute Frau, Er hat Ihnen viel Gutes gethan!«

Da verstand die Gräfin, daß sie die glückliche Mutter und daß ihr Kind

gefunden sei.

Nach kurzer Zeit kam der Ritter mit dem kleinen Heinrich, und die Freude

war groß im Schlosse von Eichenfels.

Am Abend, als die Eltern alles gehört hatten, sagte der Einsiedler:

»Und jetzt, Ritter von Eichenfels, sollten Sie die Räuber gefangen

nehmen lassen!«

»Das habe ich schon gethan!« sagte der Ritter. »Diesen Morgen früh sind

meine Soldaten fortgegangen. Sie werden den Berg umringen, dann werden

einige Soldaten in die Höhle gehen, und sie werden Räuber und Beute

hierher bringen. Ach, da kommen sie ja schon!«

Sie gingen alle hinaus und sahen die Soldaten, welche die Räuber

führten. Die Räuber waren alle festgebunden, und vier Wagen voll Beute

folgten ihnen. Sie waren sehr erstaunt, den kleinen Heinrich da zu

sehen.

Der Ritter sagte: »Die Räuber haben gestohlen und gemordet, sie müssen

des Todes sterben! Nur der Jüngling da soll nicht sterben, denn ich weiß

von meinem Sohne, daß er nie stehlen wollte, und daß er ehrlich werden

wollte. Er soll dem kleinen Heinrich dienen, und hier in meinem Schlosse

soll er lernen, ein ehrlicher Mann zu werden.«

Der Graf und die Gräfin von Eichenfels belohnten den Schäfer, der

Heinrich gefunden hatte, und, da der Einsiedler weder Gold noch Silber

nehmen wollte, ließen sie ihm eine Einsiedelei bauen.

Heinrich wurde groß, aber er vergaß nie die Höhle und die Jahre, die er

im Berge verlebt hatte. Er vergaß auch nicht, was der gute Einsiedler

ihm gelehrt hatte, und oft sagte er zu seinen Kindern:

»Ach, die Welt ist wunderschön, und dem Schöpfer von allem, dem guten

Gott, sollten wir jeden Tag danken, daß wir nicht in Finsternis leben

müssen, sondern die Sonne und die schöne Natur immer genießen können.«

(9) One of the stories in the popular collection of Canon Christopher

Schmid, the German writer, who was born in 1768 and died in 1854.

These stories were so well liked by all children, that they were

translated into French for the royal children in 1842. Only a mere

outline of the story is given here, as the worthy Canon was very

discursive, and used these stories mainly as a vehicle for his

religious instructions.

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Erster Teil · 第 40 / 85 题