So war der Winter hingeschwunden.
Der Schnee schmolz. Frühlingsstürme bogen und peitschten die Pappeln der
Landstraße, in allen Lachen spiegelte sich blendender Sonnenschein, an
den Birkenbüschen begann es grün zu schimmern, und an einem frischen
Morgen vernahm Hedwig, die barhäuptig auf dem Hof stand, rauschenden
Flügelschlag vor ihren Ohren, so daß sie danach ausschauen mußte.
Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben das Dach und suchten ihr
Nest.
Das Mädchen, das ganz sonnenüberglänzt dastand, legte die Hand vor die
Augen und blickte hinauf. Ja, es wurde wahr, der Frühling zog wieder ins
Land. Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Gehöft.
Und noch immer war Else nicht zurückgekehrt.
Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer trat wieder etwas dazwischen,
Monate wurden daraus. Wenn Hedwig dem Pächter nicht noch einmal von
ihrem Erbteil vorgestreckt hätte, er hätte die Pension der letzten
Wochen nicht bestreiten können. Zumal er jetzt alles Vorhandene zur
Saatzeit brauchte. Das zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber
Hedwig hatte ihm die Summe aufgedrängt, ungeduldig, stürmisch. Da hatte
er sie genommen. Sie gehörten ja zusammen, das Gedächtnis an Else wurde
jetzt seltener. Zwar langten wöchentlich Briefe von der Kranken an, die
von einer immer fortschreitenden Besserung berichteten, doch diese
Mahnungen hatten das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter
Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen allmählich unpersönlich und
verfloß.
Dafür hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander angeschlossen.
Wilms blickte auf die stillen Wintertage als auf die glücklichsten
seines Lebens zurück. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt
zurückeilte. Alles war wieder fest, gemütlich, geordnet. Auch hatte er
die Wintermußestunden benutzt, um von ihr zu lernen. Da hatten sie
zusammen unter der großen Stehlampe gesessen und die modernen Bücher
gelesen, die Hedwig kommen ließ. Selbst seine politischen Ansichten
wurden durch sie geklärt. Und allmählich begann er mit anderen Augen auf
Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische Gottesfurcht, die in dem
Höchsten einen Schergen sieht, einen kleinlichen Späher und Topfgucker,
entschwand ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer fing er an,
nach dem Muster der Geliebten für sich selbst Gutes und Böses zu
unterscheiden. Der schüchterne Mann erwachte, er erhob sich wie aus
einer Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische Luft wehte
überall, dem Starken gehörte überall auch das Recht.
Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen.
Und Hedwig liebte ihren Schüler. In dem reichen Geben und sich Mitteilen
vergaß sie, daß sie sich nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur
fand Befriedigung.
Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die Förstersleute mit ihren Eleven,
dann Pastor Schirmer mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von
Boltenhagen, sehr oft der schmeerbäuchige Kreisphysikus aus Grimmen. Nur
die Frau Pastorin hielt sich zurück. Hedwig fragte nicht nach ihr und
suchte nach keinem Grunde.
Dann wurde musiziert und gesungen, häufig auch getanzt oder ernsthafte
Gespräche geführt, und alle fühlten sich von dem klugen, liebenswürdigen
Mädchen angeregt. Wilms wurde allmählich stolz auf sie.
Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom Hofe entfernt worden. Das
hatte sich jedoch nicht so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache
zu vielem Verdruß.
»Wat soll ick?« hatte der Greis gefragt, als Wilms ihm seinen Entschluß
ein wenig zögernd eröffnete. »Wo soll ick hen?« Dabei hob er das taube
Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe.
»Ins Altenheim. Da wirst du's gut haben.«
»Ne,« hauchte der Alte und kaute widerwärtig mit dem stoppelbewachsenen
Kinn: »Ick bünn nu all' fifuntwintig Johr up dit Flag. -- De Fru hett mi
verspraken, dat ick hier starwen künn.«
Wilms wurde ungeduldig. »Meine Frau is aber jetzt fort,« rief er heftig.
»Sei ward äwer wedderkamen,« grinste der Alte und lachte kauend.
Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte auch darin recht. Es wurde dem
Tauben kurz und entschieden ein Termin zum Abzug gestellt.
Gelassen hörte der Greis die Entscheidung an.
Aber als der Tag herangekommen war, war der Alte nirgends zu finden.
Knechte und Mägde suchten ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine
Schlafstelle war leer, schon munkelten die Leute, daß der Alte, den
niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen sei. Da entdeckte Dörthe,
die Obermagd, ein Zeichen. Sie hörte über sich krächzendes
Rabengeschrei, und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste Vogel
des Vermißten in die offene Luke des Heubodens flog.
Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen im warmen Heu, lag
er und wehrte sich halb blödsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm
brachte ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter und
lieferte beides im Altenheim ab. Dort wurde er krank und man dachte an
seinen Tod. Allein in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege
und unter der Obhut der Ärzte. Und bald sah man ihn täglich die
Landstraße hinunterschlottern, bis nach Wilmshus, wo er sich auf einen
Grabenstein setzte und ins Gehöft hineinstarrte.
Das konnte ihm niemand verwehren, die Straße war frei. Wenn Hedwig
vorüberkam, schüttelte er sich und grinste in sich hinein.
»Er wird mir noch mal das Haus über dem Kopf anstecken,« murmelte Wilms
einmal ingrimmig.
Hedwig redete ihm das aus.
Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der Zwischenzeit ein großes Fest
gefeiert worden. Die Braut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen
einen Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vorüberfahren, und der
Bräutigam, der neben der Erwählten saß, hatte sie ernst und ehrerbietig
gegrüßt. Er wandte sich noch einmal nach ihr um. Am Abend sprühte ein
prächtiges Feuerwerk herüber. Leuchtkugeln und Raketen zischten durch
die winterstille Luft, und Wilms, der neben Hedwig am Fenster lehnte,
kehrte sich ihr beklommen zu, wie wenn er ihre Augen ergründen wollte.
Aber sie lächelte wehmütig und sah ihn groß und ehrlich an. Da beruhigte
sich der Ängstliche wieder.
Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird ein Geizhals und fürchtet
das Gewonnene wieder zu verlieren.
Das Schönste aber, was Hedwig dem öden Besitztum gewonnen hatte, war der
Garten hinter dem Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen
Feldern weilte, hatte sie mit Dörthe von der jahrelangen Verwilderung
Besitz ergriffen. Beete wurden gegraben, mit heimischen, wie
ausländischen Blumensaaten bepflanzt, Gänge abgesteckt, Rasenteppiche
angelegt. Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward beschnitten, die
verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken zu ordentlichen Grenzen
gerundet, das schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederbäumchen
vorgenommen. Hedwig ließ eine dünne Laube zurechtschlagen und die
Stämmchen rings herumsetzen. Der gute Gärtner im Himmel gab seinen Segen
dazu, er ließ seinerseits in linden Nächten warmen Regen träufeln, und
als die Störche auf dem Schindeldach des Pachthauses erschienen, da
hatten sich die Zweige zusammengeschlossen, da bildeten weiße und blaue
Fliederbüsche ein duftendes Dach, und an hellen Mondscheinabenden sahen
die Zugeflogenen den Pächter und seine junge Begleiterin in der Laube
sitzen und hörten, wie sie beide zusammen heitere und traurige Weisen
sangen.
Solche Töne waren hier selten vernommen worden.
Der Flieder streute seine Blüten über sie, und vom blühenden Apfelbaum
quoll ein wundervoller Duft herüber, der Storchvater klapperte im Traum
leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber unten klopfte das Herz
heiß und voll und sie schwiegen noch immer.
* * * * *
Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig und der kleine Pastor Schirmer
saßen in der Fliederlaube und schwatzten über dies und das. Ein
Windlicht leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht, daß selbst
der winzige geistliche Herr mit seinen spärlichen Silberlocken
barhäuptig saß.
Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang. Ein paar Zweige
wurden zurückgeschoben, die mächtige Gestalt des Försters wurde
sichtbar.
»'n Abend meine Herrschaften,« rief er fröhlich und schüttelte allen die
Hand. »Sie haben hier ein schönes Plätzchen -- wahrhaftig. -- 'n Abend
Fräulein Hedwig, Ihnen bring' ich was ganz Besonderes mit --« er
schnalzte mit der Zunge -- »hier.«
Dabei reichte er dem Mädchen ein starkes Bündel grüner Kräuter herüber.
Die strömten einen würzigen Duft aus.
»Waldmeister?« sprach Hedwig überrascht.
»Richtig -- meine Frau hat ihn selbst gepflückt. Er blüht in diesem Jahr
so prächtig, daß -- --«
»Daß man ihn nicht umkommen lassen darf,« ergänzte die junge Wirtin
anmutig, »wie wär's, Herr Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle
zusammen brauten? Sie haben doch nichts dagegen?«
»Dagegen?« schrie der Weidmann und sah sich so triumphierend um, als
hätte er eben ein gutes Werk zustande gebracht. »Deshalb habe ich ihn ja
gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der Küche, Fräulein Hedwig? --
Herrje, wenn meine Frau das wüßte, daß ich mich jetzt noch mit Kochen
abgebe. Aber das soll auch ein Schlückchen werden, passen Sie mal auf,
Herr Pastor, was da rauskommt.«
Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit erschien Hedwig wieder
mit einer großen Terrine, hinter ihr der Förster, der noch eine Flasche
Rheinwein unter dem Arm trug. »Wenn's zu dünn sein sollte,« erklärte er
augenblinzelnd.
Aber es war nicht zu dünn.
Sie ließen die Gläser klingen, rötlich spiegelte sich das Windlicht in
dem gelben Naß, fein läutete der silberne Ton in die Maiennacht hinaus.
»Schön,« rief der Förster und legte sich befriedigt die Hände auf den
Leib, »sehr schön.«
»Ich dank' dir, Heting,« sprach Wilms mit einem langen bewundernden
Blick und hob das Glas.
Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und nickte nachdenklich
lächelnd: »Die Bibel hat einen Trinkspruch dafür, meine Freunde,« sagte
er vor sich hin und faltete die Hände um das Glas. »Psalm 65 -- 11, 12
und 14.«
»Jawohl,« sagte der Förster beifällig, »sehr schön.« Er hielt bereits
beim dritten Becher und man wußte nicht, ob er den passenden Vers oder
Hedwigs gelungene Bowle so sehr bewundere. Dann zog er ein Päckchen der
Stralsunder Fabrik hervor und sprach halb bittend, halb verschämt: »Ein
Skätchen?«