Sie achtete nicht darauf. »Komm, Schwager, -- wenn ich dich bitte?«

Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen so heiß, so flehend, als

ob er ihr damit das Leben retten könnte, als ob ihr ganzes Dasein an

diesem einen Tanze hing.

Da schlug es auch über ihm zusammen. Weib -- Ruf -- die Furcht vor dem

Gerede, alles ging unter in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende

Wesen einmal umschlingen und forttragen zu dürfen.

Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als wollte er sie an seiner

Brust zerpressen.

»Bravo,« riefen der Forstassessor wie die Eleven und ließen ihre

Instrumente noch lauter jubeln. Und unter Geigenspiel und

Trompetenklang schwenkte er sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich

um Leben und Tod handele.

Er sah auf sie herab.

Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging stöhnend, wie wenn sie

mit jedem Schritt über spitze Messer dahinglitte, und doch lag sie eng

und voll in seinen Armen, daß er gänzlich die Besinnung verlor.

»Süßes, liebes, Heting,« flüsterte er.

Sie zuckte zusammen und schloß die Augen.

Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich hastig und kamen erst

wieder zusammen, als man aufbrach.

»Adschö auch.«

»Auf Wiedersehen.«

Die Förstersleute versprachen bald auf Wilmshus vorzusprechen. »Wenn

Ihre Frau erst zurück ist, Wilms,« meinte der Förster, »das ist doch

jetzt bald.«

»Ja, das ist bald,« bestätigte Wilms überstürzt, »das ist bald.«

Wieder saßen sie im Schlitten, der Landmann hatte ein Tuch um das

Mädchen geschlagen, daß man fast nichts von ihr sah. Dann ging es durch

den nächtigen Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam wiedertönten.

»Kling-ling -- Kling-ling.«

Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine Schulter. Ihr war so

bleischwer in allen Gliedern, der Schlaf schien sie erdrücken zu wollen.

Wie im Traum zog es ihr durch den Sinn, daß sie mit diesem Mann nicht

länger allein in einem Hause bleiben solle. Aber die silbernen Schellen

verscheuchten den Spuk gleich wieder:

»Kling-ling -- Kling-ling.«

In dem dunklen Gehöft zu Wilmshus war keine Menschenseele zu erspähen.

Schwärzer als anderswo lag die Nacht auf diesem Ort. Fürsorglich hob der

Landmann seine Schwägerin aus dem Gefährt und sie duldete es, obwohl sie

fühlte, wie seine Arme zitterten. Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem

Hause schlürfte etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen

Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen breiten Schein über den

Hof. Da machte sich Hedwig ungestüm frei.

Erst auf dem dunklen Flur vor der Tür des Wohnzimmers, wo sie in Elses

Bett schlief, erreichte der Pächter seine Begleiterin noch einmal.

Rabenschwärze herrschte hier.

Zaghaft ergriff er ihre Hand und drängte sich scheu an sie.

»Heting,« flüsterte er leise und berührte furchtsam ihre Schulter.

»Wilms, versprich mir was.«

»Alles, Heting, was du willst.«

»Dann soll Christian aus dem Hause und ins Altenheim.«

»Ja, dann soll er fort,« wiederholte Wilms ohne Überlegung. Halb betäubt

beugte er sich zu ihr hinab.

Und derselbe schlürfende Greis, den sie eben verleugnet hatten, bewahrte

die beiden, die nicht mehr gerettet sein wollten, zum letzten Male.

An der Schwelle klapperten seine hölzernen Pantoffeln, in den Flur ergoß

sich matter Lichtschimmer, eben als Hedwig, die gegen die Tür lehnte,

fühlte, daß der Boden unter ihr zittere und schwanke und daß sie in jene

Arme stürzen würde, die nach ihr tasteten.

»Gute Nacht, Wilms,« stotterte sie auffahrend.

»Ach, gute Nacht, Heting,« klagte der Pächter und starrte sinnlos auf

die Tür, die sich rasch hinter ihr schloß.

Der Alte war unterdes vorüber geschlichen und hatte seine Schlafstelle

aufgesucht. Stille, webende, undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen

wieder.

Er horchte und lauschte.

Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er stand noch wie ein Dieb

und wollte stehlen.

Dort drinnen also, dort drinnen.

Er wußte, es war unverschlossen.

Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus nach der Klinke, aber

über dem Messing, in der Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren

Mauer, liegen.

Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der Frost schüttelte ihn,

daß ihm die Zähne klapperten. Er schlug die Hände vors Gesicht und stieg

wie vernichtet und zerbrochen in seine Kammer hinauf.

Er hatte einen schlimmen Traum.

Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen, gelb und wächsern. Sie

war endlich gestorben. Fröhlich tönten Geigen und Trompeten dazu, und er

selbst hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr um den Sarg

herum und küßte sie auf den Mund. Die Leiche aber lag im Brautkleid und

öffnete die Augen und Pastor Schirmer predigte über ihr: »Wirf die Last

von dir. Sei mutig.«

Er wälzte sich im Schweiß und schrie so laut auf, daß er erwachte.

Die Last(#18231) · 第 25 / 38 题