Lächelnd griffen die Herren zu den Karten, die Zigarren wurden
entzündet, und bald fielen die bekannten Worte:
»Tourné? -- Solo? -- Pastor, zeigen Sie mir Ihre Karten nicht.«
Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam wandelte sie im
Garten herum, der Mond stand voll am Himmel und beleuchtete die schmalen
Pfade. An einem blühenden Rotdorn wandte sich das Mädchen und blickte in
die helle Laube zurück. Da saßen die drei unter den weißen und blauen
Fliederbüschen, schlürften den guten Wein und spielten munter fort.
Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit.
»Und das hast du geschaffen,« wollte es in Hedwig auftönen, aber sie
sprach es nicht aus, nur ein Gefühl der Ruhe und des Stolzes überkam
sie.
Unhörbar öffnete sie die Gartentür, ging leise über den schweigenden
Hof, bis sie die Einfahrt an der Landstraße erreicht hatte.
Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren. Vieles hatte sich
seitdem geändert.
Ausruhend blickte sie die Landstraße hinunter. Dort atmete alles
tiefste Stille, zwischen den Stämmen der Pappeln spann sich blaugraue
Dämmerung, nur die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterlaß.
Da tönte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde wieder still, aber dann
-- von einer Biegung der Chaussee hörte man deutlich Peitschenklang und
das Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf.
Hedwig trat zurück. Kam das Gefährt nicht aus Boltenhagen? Wohin ging so
spät noch eine Equipage? Sollte in der gräflichen Familie jemand krank
geworden sein?
Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des Gehöftes, wo das
Mädchen stand.
Hedwig begann das Herz zu schlagen.
Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unförmlicher Kopf heraus und
eine belegte Stimme rief: »Fräulein Schröder? Sind Sie's, Fräulein
Schröder? Ich bin's, Rosenblüt aus Grimmen, Sie wissen schon, ein guter
Freund von Ihrem Herrn Vater.«
Hedwig trat an den Schlag heran und reichte dem Geschäftsmann die Hand.
Verwundert fragte sie, ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie
hätte.
Der Händler wiegte den Kopf: »Wissen Sie's denn noch nicht? Das heißt
wieso sollen Sie's wissen?« wiederholte er sich selbst. »Da hab' ich
heut den Kreisarzt getroffen, Rumpf -- behandelt mir auch wegen mein
Steinleiden, macht ümmer faule Witze, sagt ümmer 'Se müssen's aushalten
Herr Rosenblüt, Sie sind eben 'n steinreicher Mann.'«
»Ja, aber Herr Rosenblüt -- --«
Der Händler besann sich: »Da hat mir der Kreisarzt aufgetragen, Ihnen
'ne Überraschung zu machen. Nu, wissen Sie's noch immer nicht? Ihre Frau
Schwester ist zurück -- bei Ihrem Herrn Vater -- und morgen wird sie hier
ankommen.«
»Wer ist zurück?« fragte Hedwig ganz leise.
»Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich sag' Ihnen, so gesund,
wie Sie und ich. Kann mir denken. Es ist ne große Freude für Sie. Na,
grüßen Sie mir den Herrn Wilms -- ich lass' ihm gratulieren. -- Gute
Nacht, Fräulein Schröder.«
»Ich danke Ihnen auch bestens,« sagte Hedwig und reichte ihm die Hand.
Der Wagen rollte weiter.
»E seltsam ruhiges Mädchen,« dachte der Händler, während er sich in die
Kissen zurückdrückte. »Sie bleibt sich immer gleich -- in Freud und
Leid.«
Hedwig ging langsam über den Hof zurück und betrat wieder den Garten.
Lange stand sie hinter der erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos
einen Zweig des weißen Flieders ab. Drinnen hatten die Herren die Karten
zusammengeschoben, sie stießen noch einmal zum Abschied mit den Gläsern
an und der Förster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und summte
vor sich hin:
»Im Wald und auf der Heide,
Da such ich meine Freude.
Ich bin ein Jägersmann,
Ich bin ein Jägersmann.«
Fröhlich klang die Weise in die Nacht hinaus. Und der kleine Pastor, der
nicht viel vertragen konnte, schob seinen Arm unter den des Sängers und
murmelte undeutlich:
»Lieber Freund -- Sie -- Sie begleiten mich nach Hause, nicht wahr?«
»Natürlich -- wird besorgt werden, Herr Pastor,« lachte der Förster mit
einem Seitenblick, »wird alles pünktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms,
grüß die kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter, wenn ich jung
wär -- wenn ich jung wär --«
»Gute Nacht.«
Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen bis zur Einfahrt das Geleit,
und noch auf der Chaussee konnte man den Förster das Jägerlied singen
hören.
Heiter begab sich Wilms in den Garten zurück. Als er in die Laube trat,
fand er Hedwig dort, die am Tisch saß und den Kopf in die Hand stützte.
Er stockte.
»Heting, du? -- Ich glaubte, du wärst schon zu Bett gegangen?«
»Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.«
»Wirklich? -- Das ist schön. -- Na, da komm, Heting, wir trinken noch ein
letztes Glas zusammen. -- Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen
angestoßen. -- Willst du?«
Er setzte sich ihr gegenüber und schob ein volles Glas vor sie hin, aber
sie verhielt sich so regungslos, sie hatte das Haupt so trübe gesenkt,
daß Wilms sie befremdet anstarrte.
»Heting, du bist doch nicht etwa krank?« stotterte er.
»Nein, nein, Schwager --« sie richtete sich auf und lächelte ein wenig.
»Ich habe dir sogar etwas sehr Gutes mitzuteilen.«
»Sehr Gutes? -- Und dabei siehst du so traurig aus?«
»Traurig?« entgegnete sie verwirrt, und plötzlich überzog eine tiefe
Blässe ihr Gesicht. Wilms sah, wie ihre Hände sich zitternd bewegten.
»Die Frühlingsluft wohl -- ich habe Kopfschmerzen -- ich freue mich auch
so sehr -- Wilms, Else ist nach Grimmen zurückgekommen und morgen trifft
sie hier ein.«
Der Landmann ließ sein Glas niedersinken und tat einen tiefen Atemzug.
Da erzählte sie ihm alles. »Und,« schloß sie unsicher, »sie soll ganz
hergestellt sein. -- Gottlob.« Aber sie vermied es, ihn anzublicken.
Wilms regte sich. »Gottlob,« murmelte er mechanisch. Dann reckte er
sich, legte sich die Hand vor die Stirn und schritt wortlos in den
Garten hinein. Seine Gestalt bückte sich dabei, als ob er etwas trüge.
Nach einiger Zeit kehrte er langsam zurück. In seinem Gesicht zuckte es,
wie er seinen Platz ihr gegenüber wieder einnahm. Die gutmütigen blauen
Augen schienen ganz überbuscht. Er reckte die Hand aus und ergriff die
ihrige.
»Ich dank' dir auch für alles, Heting, was du an mir getan hast,« sprach
er mit zitternder Stimme und umklammerte krampfhaft ihre Finger, »auch
dafür, Heting, daß du wieder ein bißchen Zufriedenheit in mein Haus
gebracht hast. -- Ich hab' mich so wohl gefühlt --« murmelte er leise und
aus seinem Auge drang ein großer, schwerer Tropfen hervor: »Gott geb's,
daß alles so bleibt.«
Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand hernieder und blieb unbewegt
so liegen, daß er ihre goldbraunen Flechten im flüchtigen Glanz des
Windlichtes schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner Haut.
Die Brust des Mannes hob sich immer mühsamer. Sanft zog er seine Hand
zurück.
»Wollen's uns nich noch schwerer machen, Heting,« sagte er mit
Aufbietung aller Kräfte. »Es is ja so nich leicht. -- Komm, Heting,
wollen darauf anstoßen, daß wir immer gute Freunde bleiben, so wie
heut.«
Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand sie vor ihm, als sie
das Glas ergriff, aber ihre Augen hingen an den seinen, so dringend, so
unabwendbar, so gewaltig ernst, daß er beinahe davor erschrak.
Die Bibel hat ein Wort für diese Liebe: »Feurig, wie die Flamme des
Herrn und stark, wie der Tod.«
Die Gläser klangen zusammen, sie sahen sich noch einmal in die Augen,
dann reichten sie sich die Hände und gingen schweigend in das Pachthaus
zurück.