Und die Erkenntnis, daß sie langsam unterlag, rührte ihr ganzes Wesen
auf.
Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig völlig
erschöpft in eine Sofaecke und begann plötzlich heftig zu schluchzen.
Wilms sah bestürzt, daß all ihre Glieder bebten und zitterten wie
Grashalme, über die der Sturm rauscht.
»Heting -- liebes Heting,« murmelte er und fuhr ihr unbeholfen über das
Haar. -- »Bist du krank? -- Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?«
Immer heftiger flossen ihre Tränen. Wie ein plötzlicher Regenhusch, der
das Gewitter anzeigt.
»Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch böse auf mich von
vorhin?«
Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestürzt.
»O nein.«
Sie schüttelte den Kopf und drückte krampfhaft seine Hand.
»Wilms -- ich bitte dich, Schwager,« flüsterte sie dringend. »Geh' jetzt
hinaus und laß mich allein -- ganz allein -- nicht wahr, du tust mir den
Gefallen?«
»Natürlich, Heting, ich tu' ja alles, was du willst,« erwiderte der
Landmann. »Bloß sag' mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich
heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht für recht
hältst, dann will ich ja überhaupt nicht mehr hingehen.«
Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pächter
schritt schwer und erschüttert hinaus. Kaum hatte er die Tür hinter sich
geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrüttelt
und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen
grub.
»Schwester -- Schwester,« murmelte sie halb betäubt vor Seelenangst.
Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und
her. Und immer wieder richteten sich seine überbuschten Augen auf das
Fenster, hinter dem früher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual
bereitete. Jetzt spähte er nach der gesunden Schwester.
Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.
Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, über ihm
schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum
ragten Haus und Scheunen festgefügt wie sonst, und doch brütete der
Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, über eine der Todsünden
nach.
»Gedankensünden,« hatte der Pastor einmal gesagt, »Gedankensünden.«
Es sollte noch schlimmer kommen.
Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und händigte ihm einen Brief aus. Er
enthielt eine Einladung für den heutigen Abend zur Försterfamilie. Die
Försterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben.
Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge
Schwägerin am Nähtisch emsig mit einem Brief beschäftigt.
»An wen schreibst du, Heting?« fragte er zaghaft.
Sie blickte mit trübem Lächeln zu ihm auf. »An Else,« antwortete sie
stockend.
Der Pächter stutzte. »An meine Frau?« wiederholte er düster und blickte
zu Boden.
»Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.« Sie senkte dabei das
Haupt, schrieb noch ein paar Zeilen und übergab Wilms dann den
geschlossenen Brief zur Besorgung.
Eine drückende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der
Entfernten zwischen beiden Erwähnung geschah.
»Wann sie wiederkommt,« dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. »Ist
dir bange nach ihr, Heting?«
Es sollte gleichgültig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht.
Zitternd wandte sich das Mädchen ab und antwortete nicht.
»Nur von etwas anderem sprechen,« dachte Wilms, »von etwas anderem.« Da
erwähnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natürlich würde Hedwig
ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blässe, und sie hatte noch
eben über ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie
erregt: »Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.«
Kopfschüttelnd blieb er zurück.
Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben
Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte.
In dem gemütlichen Försterhäuschen mitten im Walde ging es hoch her.
Vielstimmiger Gesang, Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon
bei ihrer Ankunft. Der Förster hatte von der benachbarten Akademie
mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine
Geige mitgebracht zur Verschönerung des Festes. Auch des Pastors
Töchterlein war da.
In einer der braungetäfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen
brannte noch der Tannenbaum. Darunter saß das blonde Töchterchen der
Forstleute in seinem Wägelchen und streckte die Arme nach den Lichtern
aus.
Hedwig nahm das Kind in die Höhe und küßte es. Als sie sich umwandte,
stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr
ruhten.
Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: »Warum gehört mir dieses schöne
Weib nicht und dieses Kind?« Langsam fuhr er sich über die Stirn und
ging zu den Männern.
Es wurde spät.
Der Abend verfloß in lauter Fröhlichkeit.
Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer
schmiegte sich an sie, sie mußte singen. Zum Schluß spielte der
Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverständlich, daß das
Mädchen von einem Arm in den andern flog. Nur Wilms stand ernsthaft
beiseite, er hielt es für unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in
der Klinik weilte.
Stirnrunzelnd überkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfließe.
Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu
wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes
darin.
Er schüttelte den Kopf.
»Hören Sie auf, Fräulein Hedwig,« mahnte auch die Försterin, »sonst wird
es zuviel.«
Sie zog das Mädchen mit sich fort und stäubte ihr in ihrem Schlafzimmer
etwas Kölnisches Wasser ins erhitzte Gesicht.
»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte sie dabei.
»Das weiß ich nicht,« versetzte Hedwig geistesabwesend.
Die Försterin starrte sie an. Sie merkte, daß die Erregung ihres jungen
Besuches unnatürlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu
haben.
»Wissen Sie schon, daß sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?«
forschte sie gespannt.
»Ja, ich hörte schon davon,« nickte Hedwig gleichgültig und wollte
wieder zu den andern.
Die Försterin verstand nicht, was sie aus ihr machen sollte. Sie hielt
das Mädchen am Arm fest und klopfte ihr fast mütterlich die Wangen. Eine
Regung des Mitleids überkam sie für dies schöne, fiebernde Geschöpf.
Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschöpft aus den
Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es
heraus: »Fräulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen
darüber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager
in Wilmshus. -- Hören Sie?«
»Warum?« wandte sich Hedwig ruckartig um.
Sie war leichenblaß geworden, nur die braunen Augen glänzten und
funkelten wie feurige Kohlen.
»Weil,« fuhr die Frau eindringlich fort, »die Lästerzungen in der
Umgegend sich schon darüber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch
nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.«
Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut schoß ihr zum Herzen, es war ihr
so weh, daß sie laut hätte schreien mögen, denn sie fühlte, daß sie
jetzt den Scheideweg erreicht habe.
»Liebe Frau Annchen,« sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die
vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so daß ihr Gegenüber nur
mit Mühe ihre Worte verstand. »Solch müßiges Geschwätz ist mir
gleichgültig. Ich tue das, was ich für recht halte, und scheue niemand.«
Damit riß sie sich heftig los und ging in der großen Stube mitten durch
die Fröhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz
aufzufordern.
Die Försterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flüsterte
aufgeregt mit ihrem Manne.
»Heting,« sprach Wilms betreten, »ich möchte nicht gern. Solange Else
fort ist -- --«