VI.

Und die Erkenntnis, daß sie langsam unterlag, rührte ihr ganzes Wesen

auf.

Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig völlig

erschöpft in eine Sofaecke und begann plötzlich heftig zu schluchzen.

Wilms sah bestürzt, daß all ihre Glieder bebten und zitterten wie

Grashalme, über die der Sturm rauscht.

»Heting -- liebes Heting,« murmelte er und fuhr ihr unbeholfen über das

Haar. -- »Bist du krank? -- Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?«

Immer heftiger flossen ihre Tränen. Wie ein plötzlicher Regenhusch, der

das Gewitter anzeigt.

»Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch böse auf mich von

vorhin?«

Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestürzt.

»O nein.«

Sie schüttelte den Kopf und drückte krampfhaft seine Hand.

»Wilms -- ich bitte dich, Schwager,« flüsterte sie dringend. »Geh' jetzt

hinaus und laß mich allein -- ganz allein -- nicht wahr, du tust mir den

Gefallen?«

»Natürlich, Heting, ich tu' ja alles, was du willst,« erwiderte der

Landmann. »Bloß sag' mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich

heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht für recht

hältst, dann will ich ja überhaupt nicht mehr hingehen.«

Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pächter

schritt schwer und erschüttert hinaus. Kaum hatte er die Tür hinter sich

geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrüttelt

und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen

grub.

»Schwester -- Schwester,« murmelte sie halb betäubt vor Seelenangst.

Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und

her. Und immer wieder richteten sich seine überbuschten Augen auf das

Fenster, hinter dem früher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual

bereitete. Jetzt spähte er nach der gesunden Schwester.

Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.

Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, über ihm

schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum

ragten Haus und Scheunen festgefügt wie sonst, und doch brütete der

Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, über eine der Todsünden

nach.

»Gedankensünden,« hatte der Pastor einmal gesagt, »Gedankensünden.«

Es sollte noch schlimmer kommen.

Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und händigte ihm einen Brief aus. Er

enthielt eine Einladung für den heutigen Abend zur Försterfamilie. Die

Försterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben.

Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge

Schwägerin am Nähtisch emsig mit einem Brief beschäftigt.

»An wen schreibst du, Heting?« fragte er zaghaft.

Sie blickte mit trübem Lächeln zu ihm auf. »An Else,« antwortete sie

stockend.

Der Pächter stutzte. »An meine Frau?« wiederholte er düster und blickte

zu Boden.

»Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.« Sie senkte dabei das

Haupt, schrieb noch ein paar Zeilen und übergab Wilms dann den

geschlossenen Brief zur Besorgung.

Eine drückende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der

Entfernten zwischen beiden Erwähnung geschah.

»Wann sie wiederkommt,« dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. »Ist

dir bange nach ihr, Heting?«

Es sollte gleichgültig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht.

Zitternd wandte sich das Mädchen ab und antwortete nicht.

»Nur von etwas anderem sprechen,« dachte Wilms, »von etwas anderem.« Da

erwähnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natürlich würde Hedwig

ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blässe, und sie hatte noch

eben über ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie

erregt: »Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.«

Kopfschüttelnd blieb er zurück.

Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben

Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte.

In dem gemütlichen Försterhäuschen mitten im Walde ging es hoch her.

Vielstimmiger Gesang, Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon

bei ihrer Ankunft. Der Förster hatte von der benachbarten Akademie

mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine

Geige mitgebracht zur Verschönerung des Festes. Auch des Pastors

Töchterlein war da.

In einer der braungetäfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen

brannte noch der Tannenbaum. Darunter saß das blonde Töchterchen der

Forstleute in seinem Wägelchen und streckte die Arme nach den Lichtern

aus.

Hedwig nahm das Kind in die Höhe und küßte es. Als sie sich umwandte,

stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr

ruhten.

Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: »Warum gehört mir dieses schöne

Weib nicht und dieses Kind?« Langsam fuhr er sich über die Stirn und

ging zu den Männern.

Es wurde spät.

Der Abend verfloß in lauter Fröhlichkeit.

Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer

schmiegte sich an sie, sie mußte singen. Zum Schluß spielte der

Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverständlich, daß das

Mädchen von einem Arm in den andern flog. Nur Wilms stand ernsthaft

beiseite, er hielt es für unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in

der Klinik weilte.

Stirnrunzelnd überkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfließe.

Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu

wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes

darin.

Er schüttelte den Kopf.

»Hören Sie auf, Fräulein Hedwig,« mahnte auch die Försterin, »sonst wird

es zuviel.«

Sie zog das Mädchen mit sich fort und stäubte ihr in ihrem Schlafzimmer

etwas Kölnisches Wasser ins erhitzte Gesicht.

»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte sie dabei.

»Das weiß ich nicht,« versetzte Hedwig geistesabwesend.

Die Försterin starrte sie an. Sie merkte, daß die Erregung ihres jungen

Besuches unnatürlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu

haben.

»Wissen Sie schon, daß sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?«

forschte sie gespannt.

»Ja, ich hörte schon davon,« nickte Hedwig gleichgültig und wollte

wieder zu den andern.

Die Försterin verstand nicht, was sie aus ihr machen sollte. Sie hielt

das Mädchen am Arm fest und klopfte ihr fast mütterlich die Wangen. Eine

Regung des Mitleids überkam sie für dies schöne, fiebernde Geschöpf.

Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschöpft aus den

Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es

heraus: »Fräulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen

darüber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager

in Wilmshus. -- Hören Sie?«

»Warum?« wandte sich Hedwig ruckartig um.

Sie war leichenblaß geworden, nur die braunen Augen glänzten und

funkelten wie feurige Kohlen.

»Weil,« fuhr die Frau eindringlich fort, »die Lästerzungen in der

Umgegend sich schon darüber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch

nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.«

Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut schoß ihr zum Herzen, es war ihr

so weh, daß sie laut hätte schreien mögen, denn sie fühlte, daß sie

jetzt den Scheideweg erreicht habe.

»Liebe Frau Annchen,« sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die

vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so daß ihr Gegenüber nur

mit Mühe ihre Worte verstand. »Solch müßiges Geschwätz ist mir

gleichgültig. Ich tue das, was ich für recht halte, und scheue niemand.«

Damit riß sie sich heftig los und ging in der großen Stube mitten durch

die Fröhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz

aufzufordern.

Die Försterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flüsterte

aufgeregt mit ihrem Manne.

»Heting,« sprach Wilms betreten, »ich möchte nicht gern. Solange Else

fort ist -- --«

Die Last(#18231) · 第 24 / 38 题