»Komm, Hedwig -- willst du nicht mit in die Kirche?« fragte am nächsten
Morgen der Pächter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem
Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster saß und
las.
Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und blaß aus, und
auch der Pächter mißfiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die
Tracht ließ ihn altfränkisch, kleinbürgerlich erscheinen. -- Früher, in
dem Pensionat würde Hedwig über eine solche Figur gelacht haben.
Was war nur aus ihr geworden?
»Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?«
wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am
ersten Feiertag als selbstverständlich.
Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und
lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab.
»Du willst nicht?« stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben könne.
Das Mädchen tippte auf ihr Buch und schüttelte den Kopf. »Geh nur
allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute
stören mich dort.«
»Stören dich?«
»Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weißt du, der
Gott, an den ich glaube, der kümmert sich um das Singen gar nicht.«
Verständnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pächter an.
Eine tiefe Trauer zog allmählich über sein ehrliches Gesicht. -- Sie war
so schön, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so
trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut:
»Ich hab' dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht -- -- ich wußte ja
nicht, daß du -- daß du so gesonnen bist -- -- und also --« er drehte das
kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?«
Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz
unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen
Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.
Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach
Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend
etwas, was sie noch nicht kannte, -- und nun dieser schwarzgekleidete,
unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft.
Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein,
-- und -- --
»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen.
Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen.
»Wie du willst. -- Dann ruh' dich hier aus, Heting. Und wenn ich
wiederkomm', singst du wieder so schön wie gestern.«
Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die
heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle.
Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während
das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute.
In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb
ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der
Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen
Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.
Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz
gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an
Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun
-- -- -- die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen
bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge
Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.
Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum
sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere
Scheidewand aufrichte -- aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst
des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor
Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem
Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es
nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel
so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.
Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß
auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und
immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn
fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.
»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne.
Hatte es der Pastor gesprochen? -- War es ein Bibelwort? -- Er wußte es
nicht.
* * * * *
Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit
regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den
schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in
dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher
versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die
entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte
es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen
worden.
»Luft -- Licht.«
Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr
ärmlich vor.
Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und
funkelte die Landschaft. -- Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen
wie ungeheure, weiße Korallen aus.
Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen
hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu
betätigen. Ja, sie wollte ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein
kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann
hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen.
Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjäckchen geschlüpft,
hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt über den
einsamen, menschenverlassenen Hof.
»Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.«
Jedoch sie täuschte sich.
Vor dem Stall saß der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und
zitterte vor Frost oder vor Schwäche. Neben ihm hielt der Rabe seinen
beständigen Schlaf und zitterte ebenfalls.
Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.
»Alterchen,« befahl sie, »holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall
und das braune Handpferd dazu.«
Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an.
»Willen dat Fräulen utführen?« hustete er.
»Ja, und nun schnell.«
Allein der Greis hatte nicht gehört, oder wollte den Befehl nicht
ausführen. Langsam schlich er zur Seite und schüttelte den Kopf.
Das Mädchen blickte ihn an: »Was soll das heißen? Haben Sie mich denn
nicht verstanden?«
Der Alte schüttelte wieder und steckte die Hände in die Hosentaschen.
Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerüst, das im Winde
klappert.
Ein widerwärtiger Anblick.
Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den häßlichen Alten
heran und sagte scharf und bestimmt:
»Christian, es wird Zeit, daß Sie vom Hof herunter und in das
Gemeindehaus kommen. -- Verstehen Sie mich? Hier können Sie nichts mehr
leisten, dort dagegen können Sie sich ausruhen. -- Mein Schwager wird Sie
beköstigen. Wollen Sie?«
Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und
murmelte gelassen:
»Ick bliew hier. Se sünd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.«
»Was?« entgegnete Hedwig erblassend, »das wird sich finden.« Mit
schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der
sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie
rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine, blaue Schlitten bald
herausgehoben und mit dem schönen braunen Pferde bespannt.
Hedwig setzte sich hinein.
»Aber der Kutscher is in die Kirche,« meinte der Junge.
»Schadet nicht -- ich fahre allein -- adieu!«
Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem
Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.
Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen
Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele
zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein
genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft.
Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude
blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder
die Hedwig von ehemals.
Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen
gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern
und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren
Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem
wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah.
Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie
ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles
vergessen, alles abschütteln.
»War sie's? -- War sie's nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen
aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,«
beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer
heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen.
Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures,
erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die
Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme
Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte
Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.
Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen
jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem
Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei
Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus
erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt.
Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat
die niedrige weißgetünchte Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen
verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter
Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor,
sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und
mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das
Meublement der verlassenen Gaststube.
Und verödet blieb sie noch eine Weile. Hätte nicht eine unsichtbare
Klingel bei Hedwigs Eintritt hell geläutet, die Krugwirte würden
überhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben.
So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren
Röcken sich zwei Kinder festklammerten, während es ein drittes, einen
Säugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas
Milch zu bringen.
Hedwig ließ sich an dem weißgescheuerten Tisch nieder, streifte sich die
Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der
Gaststube auf das blinkende Feld hinüber.
Draußen stand ihr Brauner, schüttelte sich und wieherte laut.
Das gab ihren Gedanken die Richtung.
»Am besten wär's,« überlegte sie sich, »ich bestieg wieder den
Schlitten, und dann rasch, weit fort von hier in die Stadt und von dort
wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr höre von alledem, was ich
hier zurückgelassen. O, es wäre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor -- ja
bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich
weiß nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so
ansteckend, ich wünschte, ich wäre nie dort eingekehrt. -- Warum mir das
heut wohl gerade einfällt?«
Sie stützte den Kopf in beide Hände und saß eine Zeitlang regungslos.
Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmäßig hin und
her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf
dem Hof des Hauses schienen mehrere Männer miteinander zu sprechen.
Das Mädchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die
Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich
erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch
vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gäste
beherberge.
»Nein, Fräulein, mein Mann hat bloß Besuch. Wir woll'n Pferd verkaufen.«
Damit ging sie wieder hinaus.
Aber während Hedwig an dem Glase nippte, wurde draußen wiederum die
Flurtür geöffnet, und das Mädchen hörte eine kräftige Männerstimme
sprechen.
Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts
mehr. Das laute Gespräch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie
von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch
schritt sie zur Tür und rief die Wirtin: die erschien auch
bereitwilligst mit ihrem Säugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch
den Tisch sauber.
»Nun, ist das Pferd schon verkauft?« fragte Hedwig.
»Ja, sie sind woll schon einig.«
»Wer ist denn der Käufer?«
»Je, ich kenn' ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll 'Herr Graf' zu
ihm.«
»Graf?« stotterte die andere erblassend, »vielleicht Graf Brachwitz?«
»Ja, so kann er woll heißen,« antwortete die Wirtin gleichgültig und
trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen.
»Hier, liebe Frau, hier haben Sie -- -- hier haben Sie.« Hedwigs
Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwühlte sie ihre
Taschen, ohne jedoch ihr Portemonnaie finden zu können. Wahrscheinlich
hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt überhaupt vergessen, Geld zu sich
zu stecken.
»Na, das schad't ja nich,« tröstete die Krugwirtin verwundert, »das
Fräulein schickt mich's dann.«
»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.«
Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte
hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da
schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das
Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren
Schlitten hinausführte.
Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort
draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen
würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht,
ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief
gutmütig:
»Sie, Frau Wirtin, ich hab' doch noch die paar Taler zugelegt -- wir sind
jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn's nicht wirklich eine Whalebonestute
ist. -- Na, guten -- -- --«
»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf
die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so
einzig vorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und
verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild
durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er
es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt
hatte, hinzutreten?
Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies?
Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte
Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe.
Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld
vergessen -- ja, ich -- ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte
sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch
auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer
verharrte.
Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel
Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so
eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und
die Mütze vom Kopf riß.
»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während
sie an ihm vorüberschritt.
Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann auf die Landstraße
hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog
umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er
dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten
Blechbüchse wieder zu befreien.
Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen, in der Eile überhastete sie
alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten.
Am liebsten wäre sie zu Fuß durch den Schnee davongerannt.
Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des
Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mädchens eine Zeitlang
gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich
leid, daß Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er
verwünschte sein ungestümes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren
Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem,
nahm unbeirrt von ihrem Zurückweichen dem Tiere den Trog ab, dann
faltete er die Decke und trat höflich an den Schlitten, den Hedwig
inzwischen ratlos bestiegen hatte.
»Darf ich die Decke hier hereinlegen?« murmelte er kleinlaut.
Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht
über die Füße warf.
»Keinen Kutscher?« fragte er dann erstaunt, während er ihr die Zügel in
die Hände gab.
»Nein,« versetzte sie fest, »ich fahre selbst.«
Sie hob die Peitsche.
Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des
Schlittens getreten. »Ich möchte Sie bitten -- gnädiges Fräulein, daß Sie
mir die Zügel überlassen,« bat er leise und verwirrt.
Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.
Hedwig wandte ihre großen, braunen Augen auf den hübschen Menschen. Ihr
Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen.
Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder
Stimme:
»Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich muß Ihre Begleitung
bestimmt ablehnen. -- Ein für allemal.«
»Ein für allemal?« wiederholte er.
»Vorwärts!«
Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft
auf den Griff.
Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf.
»Liebes Fräulein,« bat er dringend, »ich bitte Sie -- bitte Sie von
Herzen -- hören Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar
nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu -- -- nun ja, zu
rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im
Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natürlich nur so
lange es Ihnen gefällt, langsam zu fahren? -- Ich möchte doch gar zu gern
Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?«
Er ergriff die Zügel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so
hielt er es für Zustimmung und schämte sich nicht, zu Fuß neben dem
langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu
führen.
Hedwig selbst kam es wie eine Art Bußwanderung vor, als wenn der junge
Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demütigen wollte. Mit
Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr
ein, wie heiß und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal
geküßt hatte. Das empörte sie plötzlich wieder so ungestüm, daß sie der
Szene ein Ende zu machen beschloß.
»Was wollen Sie also von mir?« forschte sie hart.
»Endlich Ihre Verzeihung erlangen,« erwiderte der Graf treuherzig. --
»Ich schäme mich aufrichtig, daß ich so häßlich gegen Sie gehandelt
habe; Fräulein Hedwig -- gnädiges Fräulein, wollen Sie mir nicht die
Versicherung geben, daß Sie mir nicht mehr zürnen?«
»Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, daß damit unsere
Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.«
»Nie mehr?«
»Nein.«
»Und warum nicht?«
»Das wissen Sie doch -- weil es zwecklos wäre, Herr Graf.«
Sein dunkles Gesicht färbte sich höher, er sah sie voll an und empfand
wieder ihre Schönheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf
die Lehne des Schlittens.
»Sie haben recht,« gab er endlich in sich gekehrt zu, und über seine
frischen, offnen Züge legte sich ein Schatten. »Ach, Unsinn, Fräulein
Hedwig, ich muß es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander
handeln. Es ist tatsächlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut
war -- nein, werden Sie mir nicht böse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn
ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mißhandelt habe, ich
unterschätzte Sie vielleicht -- -- aber das ist es nicht allein --«
»Nun, aber?« fragte das Mädchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt
blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so
treuherzig seine Liebe gestand, die Hände ausstrecken würde, um sie vor
dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. »Nun, aber?« kam es zitternd über
ihre Lippen. »Was wollen Sie mir noch mitteilen?«
Sie wußte jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden.
»Aber,« murmelte er widerwillig und riß an dem Zügel seines Pferdes --
»man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.«
»Sie?«
Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch
durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom
Schicksal zum Untergang bestimmt hielt.
»Und wer ist Ihre Braut?« wollte sie stammeln, aber in demselben
Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche
versetzt, das Tier zuckte in die Höhe und raste dann in voller Wut mit
dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaum hörte sie
noch, was ihr überraschter Begleiter ihr nachrief.
Mit aller Kraft riß und zerrte sie an den Zügeln, jedoch sie hatte ganz
die Gewalt über das schäumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder
schossen Bäume, Häuser und Menschen an ihr vorüber, die vorübersausende
Luft nahm ihr den Atem.
* * * * *
In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er
fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die
Landstraße hinaus.
»Da is sie fortgefahren, Krischan?« forschte Wilms betroffen -- »allein?
Saß sie nicht im Schlitten?«
Der Alte nickte und schlotterte weiter.
»Fort?« murmelte Wilms, während er in sein Haus zurückschritt. Und er
hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame große
Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mädchen nach einer Stunde
nicht zurückgekehrt war, warf er sich in seine gewöhnliche Joppe, band
den Hofhund los und wanderte die Landstraße nach Boltenhagen zu.
In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie
gefahren war. Wilms Herz zog sich zusammen. Da er das Mädchen jetzt
schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gänzlich verließ,
sobald sein Weib zurückgekehrt war?
Kurz vor Boltenhagen hörte er etwas über die Chaussee klingeln. Der
ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde größer und größer, schon vernahm er
das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.
Er sprang zur Seite.
»Halt!« rief er mit harter Stimme den Anstürmenden entgegen.
Hedwig sah ihn, hörte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie
keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter
sich austoben können, hart begleitet von der Gefahr.
Schon waren sie nahe.
»Halt,« schrie Wilms noch einmal.
Sein ganzer Kopf rötete sich. Er hielt dieses Vorübersausen für
beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute früh war sie an der Kirche
so vor ihm entflohen.
»Ich bin's, Hedwig,« brüllte er noch einmal.
Keine Antwort.
Immer näher.
Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine
gutmütigen Augen drohen, ein mächtiger Faustschlag trifft das Pferd vor
die Stirn, daß es hoch in die Höhe steigt. Der Schlitten wird
umgeschleudert und das Mädchen schlägt hart in den Schnee, wo es mit
weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als hätte sie der Blitz
getroffen.
»Wilms,« murmelt sie betäubt.
Er hob sie auf, und noch halb über sie gebeugt, gurgelte er heiser vor
Aufregung: »Hedwig, dir is doch nichts? Sag' doch, Heting, dir is doch
nichts?«
Er wußte gar nicht, was er getan hatte.
»Nein, nein -- Wilms, ich will nach Hause.«
»Ja, wir wollen nach Hause, Heting,« brachte er bestürzt heraus, »komm',
ich heb' dich in den Schlitten.« Und während er das Mädchen in das
wieder aufgerichtete Gefährt niederließ, befühlte und betastete er sie
ängstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen hätte.
»Heting, sag' mir bloß, wo bist du denn gewesen?«
Allein sie saß wie erstarrt.
»Frag' mich jetzt nicht -- ich will nach Haus.«
»Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen,« gab er
sofort nach. »Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Dann kommt es bloß vom Schreck,« tröstete er sich und sie. Er nahm
neben ihr Platz, ergriff die Zügel, und der gebändigte Braune begann
folgsam im Trabe zu laufen.
Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos saß
Hedwig neben dem Pächter und hörte auf das Läuten der Glöckchen. Nur
einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder
Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen.
Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, daß seine
Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst.
Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd
zurückgeschlagen hatte.
Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der
Faustschlag getroffen.
Was sollte daraus noch werden?
Es war ihr, als hätte er damit auch sie gebändigt.