V.

»Komm, Hedwig -- willst du nicht mit in die Kirche?« fragte am nächsten

Morgen der Pächter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem

Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster saß und

las.

Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und blaß aus, und

auch der Pächter mißfiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die

Tracht ließ ihn altfränkisch, kleinbürgerlich erscheinen. -- Früher, in

dem Pensionat würde Hedwig über eine solche Figur gelacht haben.

Was war nur aus ihr geworden?

»Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?«

wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am

ersten Feiertag als selbstverständlich.

Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und

lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab.

»Du willst nicht?« stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben könne.

Das Mädchen tippte auf ihr Buch und schüttelte den Kopf. »Geh nur

allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute

stören mich dort.«

»Stören dich?«

»Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weißt du, der

Gott, an den ich glaube, der kümmert sich um das Singen gar nicht.«

Verständnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pächter an.

Eine tiefe Trauer zog allmählich über sein ehrliches Gesicht. -- Sie war

so schön, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so

trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut:

»Ich hab' dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht -- -- ich wußte ja

nicht, daß du -- daß du so gesonnen bist -- -- und also --« er drehte das

kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?«

Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz

unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen

Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.

Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach

Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend

etwas, was sie noch nicht kannte, -- und nun dieser schwarzgekleidete,

unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft.

Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein,

-- und -- --

»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen.

Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen.

»Wie du willst. -- Dann ruh' dich hier aus, Heting. Und wenn ich

wiederkomm', singst du wieder so schön wie gestern.«

Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die

heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle.

Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während

das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute.

In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb

ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der

Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen

Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.

Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz

gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an

Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun

-- -- -- die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen

bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge

Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.

Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum

sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere

Scheidewand aufrichte -- aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst

des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor

Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem

Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es

nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel

so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.

Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß

auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und

immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn

fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.

»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne.

Hatte es der Pastor gesprochen? -- War es ein Bibelwort? -- Er wußte es

nicht.

* * * * *

Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit

regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den

schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in

dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher

versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die

entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte

es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen

worden.

»Luft -- Licht.«

Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr

ärmlich vor.

Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und

funkelte die Landschaft. -- Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen

wie ungeheure, weiße Korallen aus.

Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen

hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu

betätigen. Ja, sie wollte ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein

kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann

hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen.

Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjäckchen geschlüpft,

hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt über den

einsamen, menschenverlassenen Hof.

»Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.«

Jedoch sie täuschte sich.

Vor dem Stall saß der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und

zitterte vor Frost oder vor Schwäche. Neben ihm hielt der Rabe seinen

beständigen Schlaf und zitterte ebenfalls.

Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.

»Alterchen,« befahl sie, »holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall

und das braune Handpferd dazu.«

Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an.

»Willen dat Fräulen utführen?« hustete er.

»Ja, und nun schnell.«

Allein der Greis hatte nicht gehört, oder wollte den Befehl nicht

ausführen. Langsam schlich er zur Seite und schüttelte den Kopf.

Das Mädchen blickte ihn an: »Was soll das heißen? Haben Sie mich denn

nicht verstanden?«

Der Alte schüttelte wieder und steckte die Hände in die Hosentaschen.

Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerüst, das im Winde

klappert.

Ein widerwärtiger Anblick.

Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den häßlichen Alten

heran und sagte scharf und bestimmt:

»Christian, es wird Zeit, daß Sie vom Hof herunter und in das

Gemeindehaus kommen. -- Verstehen Sie mich? Hier können Sie nichts mehr

leisten, dort dagegen können Sie sich ausruhen. -- Mein Schwager wird Sie

beköstigen. Wollen Sie?«

Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und

murmelte gelassen:

»Ick bliew hier. Se sünd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.«

»Was?« entgegnete Hedwig erblassend, »das wird sich finden.« Mit

schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der

sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie

rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine, blaue Schlitten bald

herausgehoben und mit dem schönen braunen Pferde bespannt.

Hedwig setzte sich hinein.

»Aber der Kutscher is in die Kirche,« meinte der Junge.

»Schadet nicht -- ich fahre allein -- adieu!«

Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem

Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.

Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen

Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele

zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein

genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft.

Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude

blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder

die Hedwig von ehemals.

Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen

gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern

und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren

Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem

wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah.

Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie

ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles

vergessen, alles abschütteln.

»War sie's? -- War sie's nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen

aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,«

beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer

heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen.

Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures,

erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die

Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme

Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte

Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.

Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen

jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem

Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei

Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus

erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt.

Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat

die niedrige weißgetünchte Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen

verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter

Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor,

sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und

mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das

Meublement der verlassenen Gaststube.

Und verödet blieb sie noch eine Weile. Hätte nicht eine unsichtbare

Klingel bei Hedwigs Eintritt hell geläutet, die Krugwirte würden

überhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben.

So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren

Röcken sich zwei Kinder festklammerten, während es ein drittes, einen

Säugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas

Milch zu bringen.

Hedwig ließ sich an dem weißgescheuerten Tisch nieder, streifte sich die

Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der

Gaststube auf das blinkende Feld hinüber.

Draußen stand ihr Brauner, schüttelte sich und wieherte laut.

Das gab ihren Gedanken die Richtung.

»Am besten wär's,« überlegte sie sich, »ich bestieg wieder den

Schlitten, und dann rasch, weit fort von hier in die Stadt und von dort

wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr höre von alledem, was ich

hier zurückgelassen. O, es wäre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor -- ja

bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich

weiß nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so

ansteckend, ich wünschte, ich wäre nie dort eingekehrt. -- Warum mir das

heut wohl gerade einfällt?«

Sie stützte den Kopf in beide Hände und saß eine Zeitlang regungslos.

Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmäßig hin und

her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf

dem Hof des Hauses schienen mehrere Männer miteinander zu sprechen.

Das Mädchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die

Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich

erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch

vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gäste

beherberge.

»Nein, Fräulein, mein Mann hat bloß Besuch. Wir woll'n Pferd verkaufen.«

Damit ging sie wieder hinaus.

Aber während Hedwig an dem Glase nippte, wurde draußen wiederum die

Flurtür geöffnet, und das Mädchen hörte eine kräftige Männerstimme

sprechen.

Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts

mehr. Das laute Gespräch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie

von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch

schritt sie zur Tür und rief die Wirtin: die erschien auch

bereitwilligst mit ihrem Säugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch

den Tisch sauber.

»Nun, ist das Pferd schon verkauft?« fragte Hedwig.

»Ja, sie sind woll schon einig.«

»Wer ist denn der Käufer?«

»Je, ich kenn' ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll 'Herr Graf' zu

ihm.«

»Graf?« stotterte die andere erblassend, »vielleicht Graf Brachwitz?«

»Ja, so kann er woll heißen,« antwortete die Wirtin gleichgültig und

trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen.

»Hier, liebe Frau, hier haben Sie -- -- hier haben Sie.« Hedwigs

Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwühlte sie ihre

Taschen, ohne jedoch ihr Portemonnaie finden zu können. Wahrscheinlich

hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt überhaupt vergessen, Geld zu sich

zu stecken.

»Na, das schad't ja nich,« tröstete die Krugwirtin verwundert, »das

Fräulein schickt mich's dann.«

»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.«

Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte

hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da

schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das

Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren

Schlitten hinausführte.

Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort

draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen

würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht,

ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief

gutmütig:

»Sie, Frau Wirtin, ich hab' doch noch die paar Taler zugelegt -- wir sind

jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn's nicht wirklich eine Whalebonestute

ist. -- Na, guten -- -- --«

»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf

die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so

einzig vorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und

verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild

durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er

es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt

hatte, hinzutreten?

Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies?

Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte

Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe.

Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld

vergessen -- ja, ich -- ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte

sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch

auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer

verharrte.

Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel

Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so

eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und

die Mütze vom Kopf riß.

»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während

sie an ihm vorüberschritt.

Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann auf die Landstraße

hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog

umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er

dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten

Blechbüchse wieder zu befreien.

Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen, in der Eile überhastete sie

alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten.

Am liebsten wäre sie zu Fuß durch den Schnee davongerannt.

Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des

Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mädchens eine Zeitlang

gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich

leid, daß Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er

verwünschte sein ungestümes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren

Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem,

nahm unbeirrt von ihrem Zurückweichen dem Tiere den Trog ab, dann

faltete er die Decke und trat höflich an den Schlitten, den Hedwig

inzwischen ratlos bestiegen hatte.

»Darf ich die Decke hier hereinlegen?« murmelte er kleinlaut.

Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht

über die Füße warf.

»Keinen Kutscher?« fragte er dann erstaunt, während er ihr die Zügel in

die Hände gab.

»Nein,« versetzte sie fest, »ich fahre selbst.«

Sie hob die Peitsche.

Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des

Schlittens getreten. »Ich möchte Sie bitten -- gnädiges Fräulein, daß Sie

mir die Zügel überlassen,« bat er leise und verwirrt.

Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.

Hedwig wandte ihre großen, braunen Augen auf den hübschen Menschen. Ihr

Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen.

Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder

Stimme:

»Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich muß Ihre Begleitung

bestimmt ablehnen. -- Ein für allemal.«

»Ein für allemal?« wiederholte er.

»Vorwärts!«

Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft

auf den Griff.

Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf.

»Liebes Fräulein,« bat er dringend, »ich bitte Sie -- bitte Sie von

Herzen -- hören Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar

nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu -- -- nun ja, zu

rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im

Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natürlich nur so

lange es Ihnen gefällt, langsam zu fahren? -- Ich möchte doch gar zu gern

Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?«

Er ergriff die Zügel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so

hielt er es für Zustimmung und schämte sich nicht, zu Fuß neben dem

langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu

führen.

Hedwig selbst kam es wie eine Art Bußwanderung vor, als wenn der junge

Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demütigen wollte. Mit

Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr

ein, wie heiß und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal

geküßt hatte. Das empörte sie plötzlich wieder so ungestüm, daß sie der

Szene ein Ende zu machen beschloß.

»Was wollen Sie also von mir?« forschte sie hart.

»Endlich Ihre Verzeihung erlangen,« erwiderte der Graf treuherzig. --

»Ich schäme mich aufrichtig, daß ich so häßlich gegen Sie gehandelt

habe; Fräulein Hedwig -- gnädiges Fräulein, wollen Sie mir nicht die

Versicherung geben, daß Sie mir nicht mehr zürnen?«

»Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, daß damit unsere

Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.«

»Nie mehr?«

»Nein.«

»Und warum nicht?«

»Das wissen Sie doch -- weil es zwecklos wäre, Herr Graf.«

Sein dunkles Gesicht färbte sich höher, er sah sie voll an und empfand

wieder ihre Schönheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf

die Lehne des Schlittens.

»Sie haben recht,« gab er endlich in sich gekehrt zu, und über seine

frischen, offnen Züge legte sich ein Schatten. »Ach, Unsinn, Fräulein

Hedwig, ich muß es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander

handeln. Es ist tatsächlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut

war -- nein, werden Sie mir nicht böse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn

ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mißhandelt habe, ich

unterschätzte Sie vielleicht -- -- aber das ist es nicht allein --«

»Nun, aber?« fragte das Mädchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt

blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so

treuherzig seine Liebe gestand, die Hände ausstrecken würde, um sie vor

dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. »Nun, aber?« kam es zitternd über

ihre Lippen. »Was wollen Sie mir noch mitteilen?«

Sie wußte jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden.

»Aber,« murmelte er widerwillig und riß an dem Zügel seines Pferdes --

»man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.«

»Sie?«

Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch

durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom

Schicksal zum Untergang bestimmt hielt.

»Und wer ist Ihre Braut?« wollte sie stammeln, aber in demselben

Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche

versetzt, das Tier zuckte in die Höhe und raste dann in voller Wut mit

dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaum hörte sie

noch, was ihr überraschter Begleiter ihr nachrief.

Mit aller Kraft riß und zerrte sie an den Zügeln, jedoch sie hatte ganz

die Gewalt über das schäumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder

schossen Bäume, Häuser und Menschen an ihr vorüber, die vorübersausende

Luft nahm ihr den Atem.

* * * * *

In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er

fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die

Landstraße hinaus.

»Da is sie fortgefahren, Krischan?« forschte Wilms betroffen -- »allein?

Saß sie nicht im Schlitten?«

Der Alte nickte und schlotterte weiter.

»Fort?« murmelte Wilms, während er in sein Haus zurückschritt. Und er

hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame große

Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mädchen nach einer Stunde

nicht zurückgekehrt war, warf er sich in seine gewöhnliche Joppe, band

den Hofhund los und wanderte die Landstraße nach Boltenhagen zu.

In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie

gefahren war. Wilms Herz zog sich zusammen. Da er das Mädchen jetzt

schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gänzlich verließ,

sobald sein Weib zurückgekehrt war?

Kurz vor Boltenhagen hörte er etwas über die Chaussee klingeln. Der

ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde größer und größer, schon vernahm er

das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.

Er sprang zur Seite.

»Halt!« rief er mit harter Stimme den Anstürmenden entgegen.

Hedwig sah ihn, hörte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie

keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter

sich austoben können, hart begleitet von der Gefahr.

Schon waren sie nahe.

»Halt,« schrie Wilms noch einmal.

Sein ganzer Kopf rötete sich. Er hielt dieses Vorübersausen für

beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute früh war sie an der Kirche

so vor ihm entflohen.

»Ich bin's, Hedwig,« brüllte er noch einmal.

Keine Antwort.

Immer näher.

Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine

gutmütigen Augen drohen, ein mächtiger Faustschlag trifft das Pferd vor

die Stirn, daß es hoch in die Höhe steigt. Der Schlitten wird

umgeschleudert und das Mädchen schlägt hart in den Schnee, wo es mit

weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als hätte sie der Blitz

getroffen.

»Wilms,« murmelt sie betäubt.

Er hob sie auf, und noch halb über sie gebeugt, gurgelte er heiser vor

Aufregung: »Hedwig, dir is doch nichts? Sag' doch, Heting, dir is doch

nichts?«

Er wußte gar nicht, was er getan hatte.

»Nein, nein -- Wilms, ich will nach Hause.«

»Ja, wir wollen nach Hause, Heting,« brachte er bestürzt heraus, »komm',

ich heb' dich in den Schlitten.« Und während er das Mädchen in das

wieder aufgerichtete Gefährt niederließ, befühlte und betastete er sie

ängstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen hätte.

»Heting, sag' mir bloß, wo bist du denn gewesen?«

Allein sie saß wie erstarrt.

»Frag' mich jetzt nicht -- ich will nach Haus.«

»Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen,« gab er

sofort nach. »Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Dann kommt es bloß vom Schreck,« tröstete er sich und sie. Er nahm

neben ihr Platz, ergriff die Zügel, und der gebändigte Braune begann

folgsam im Trabe zu laufen.

Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos saß

Hedwig neben dem Pächter und hörte auf das Läuten der Glöckchen. Nur

einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder

Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen.

Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, daß seine

Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst.

Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd

zurückgeschlagen hatte.

Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der

Faustschlag getroffen.

Was sollte daraus noch werden?

Es war ihr, als hätte er damit auch sie gebändigt.

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