Er hob die Stickerei in die Höhe und fragte erregt: »Wirklich von Else?«

Ein Schatten flog über die Stirn des Mädchens, aber sie bejahte. Allein

den Ungläubigen überzeugte sie nicht.

»Hedwig -- ich glaub's nicht -- Else hat ja so feine Arbeit gar nicht

gelernt -- nicht wahr -- du -- von dir?«

Wieder schüttelte sie leise das Haupt.

»So sag's doch,« rief er dringend.

Endlich gab sie es zu: »Nun ja, es ist von mir,« gestand sie, »Else

wollte dir gern etwas Derartiges anfertigen, aber sie vermochte es noch

nicht. Da habe ich es übernommen.«

»Also auch von dir?« murmelte der Pächter mit zitternder Stimme. Eine

Weile stand er in Gedanken versunken unter dem leuchtenden Baum; ohne

ein Wort des Dankes zu sprechen. »Und ich,« überlegte er bei sich, »ich

habe gar nicht daran gedacht, diesem lieben, reizenden Geschöpf eine

kleine Freude zu bereiten. Mit leeren Händen steh' ich vor ihr, als

gehörte sie gar nicht in mein Haus! Während sie --«

Es überlief ihn heiß und kalt. Vor Beschämung wagte er gar nicht die

Augen zu erheben. Langsam und beklommen drängte es sich über seine

Lippen.

»Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von wem sind die?«

Aus ihren Augen sprühte ein spitzbübischer Funke, um ihren Mund flog ein

schelmischer Zug. -- Die seltsame Unbehilflichkeit des Mannes ergötzte

sie.

»Von wem sie sind? -- Wer weiß?«

Sie zuckte die Achseln, aber als sein verstörtes Antlitz sie darüber

belehrte, daß er sich härmte und litt, tat es ihr leid, diese

verschlossene Natur, deren tiefes Gemüt sie immer stärker und gewaltiger

anzog, verletzt zu haben.

Die Lichter brannten noch immer, es war so gemütlich im Zimmer, tiefe

Stille umgab die beiden.

Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbrüten nicht bemerkt, wie das

schöne Mädchen, nachdem sie lange auf ein Dankeswort geharrt, sich

enttäuscht abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte.

Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren Fingern ein altes

Kinderlied, das sie variierte und umbildete.

»Schlaf, Kindchen, schlaf.«

Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das tönte, wie wenn eine Mutter

ihr unruhiges Kind einwiegt. Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter

ihm vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenhütte am Strand. Ach

er sehnte sich so nach Ruhe, sein Herz war müde und wollte schlafen, so

traumlos wie damals in Mutters Schoß.

Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle Saiten brausten, wie

ein Choral tönte es jetzt, das alte Lied.

Der Pächter schauerte, unwillkürlich fiel sein Blick auf einen einfachen

Silberring, den er seiner sterbenden Mutter vom Finger gezogen und

seitdem an der Uhrkette trug. Verstohlen küßte er den Reif und trat

hinter Hedwigs Stuhl.

Und das Brausen und Donnern löste sich, der gewaltige Orgelton verlor

sich in der Ferne, wie ein süßer, gestammelter Kindergruß klang es aus.

Noch spielte sie die letzten ersterbenden Töne, da fühlte sie, wie

Wilms seine Hand auf ihr Haupt legte und leise ihr Haar streichelte. --

Sachte, sachte, eine scheue, zaghafte Liebkosung.

Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die langen Wimpern nicht auf.

Noch einmal fuhr er ihr leicht über die Flechten, dann -- ihr stockte das

Herz -- dann fühlte sie, wie er ihre Hand ergriff und sanft einen

silbernen Ring an ihren Finger schob.

»Da, Heting,« sprach er weich, »du hast so schön gespielt -- ich schenk'

ihn dir -- er is von meiner Mutter.«

Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren braunen, ernsten Augen

zu ihm empor und wollte etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie

gelähmt. Nur eine düsterrote Glut stieg ihr langsam über Hals und

Wangen.

Da wurde plötzlich seine Hand, die noch liebkosend auf ihren Haaren

ruhte, drückend und schwer, als ob sie sich in Eisen verwandele.

Hedwig hätte aufschreien mögen, so schmerzte es sie.

»Was ist dir, Schwager?«

Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts; es war nur

unheimlich, die hervorquillenden Augen zu sehen, die unverwandt auf das

Bett starrten. Ganz zufällig war der Blick des Pächters über das

reinlich zugedeckte Lager geglitten und da, -- da wurde eben seine Hand

so schwer, als würde sie Eisen.

In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert, blaß und streckte die

Arme nach dem Manne aus, der ihre Schwester streichelte.

»Wilms,« rief Hedwig entsetzt und sprang auf. Ihre kräftige Stimme

verscheuchte den Spuk.

»Ja, ja -- Hedwig -- willst du etwas?«

»Um Gottes willen, Schwager -- was ist dir? -- fühlst du dich krank?«

»Nein -- ich? bewahre -- mir war nur so -- seltsam. -- Ich glaubte -- es

ist lächerlich -- mir kam es vor, als läge Else mit einemmal dort drüben

in ihrem Bett,« murmelte er einfach, und doch mit hervorbrechendem

inneren Entsetzen.

»Else?« stammelte das Mädchen.

Beide starrten sich an, beide versuchten ein Lächeln zu erzwingen, aber

die Furcht schüttelte sie, wie wenn ein kaltes, graues Gespenst zwischen

ihnen stände.

Das war das erstemal, daß es sie auseinander trieb.

Der Landmann faßte sich zuerst. »Wollen ein Ende für heute machen,«

ermannte er sich kurz -- »es ist schon spät -- gute Nacht, mein Kind.«

Sie reichten sich wie immer die Hände. Die Finger des Mädchens waren

eiskalt. Dann trat Wilms an den Baum und löschte die Lichter aus.

Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichgültig sah Hedwig zu, wie ein

Flämmchen nach dem anderen unter seinen Fingern erstarb, zuletzt

brannten nur noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes.

»Gute Nacht,« murmelte Wilms noch einmal, dann hatte er das Zimmer

hastig verlassen.

Hedwig war es, als müßte sie ihm nacheilen, sich in seine Arme werfen

und Schutz suchen, Hilfe gegen die Traumgestalt dort in dem Bette, das

auch sie jetzt aufnehmen sollte.

Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte, wenn es neben ihr läge und

sie mit dürren, weißen Armen umfing, um sie zu würgen!

»Warum?«

»Weil du denselben Mann begehrst, der mir gehört -- mir.«

Einen leisen Angstschrei stieß Hedwig aus.

»Gib mir den Ring,« klagte es neben ihr weiter. »Er gebührt dir nicht!«

»Licht -- Licht.«

Mit zitternden Händen entzündete Hedwig die große Stehlampe und blickte

sich um. Rings lag alles friedlich und still, alles in den traulichen

Schein der Lampe getaucht. Jetzt lächelte Hedwig und setzte sich an den

Tisch, aber es war ein müdes, herzzerreißendes Lächeln, und als das

Mädchen den Reif an ihrem Finger fühlte, war es ihr, als ob er sie

stäche.

»Weißes Silber bedeutet Tränen, sagen die Leute,« dachte sie.

Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und ließ noch einmal die Finger

über die Tasten eilen. Leise drangen die Töne durch das Haus, und Wilms,

der oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand preßte und den Schlummer

herbeiflehte -- ihn umschmeichelte plötzlich die liebe, alte Melodie, das

Lied, mit dem ihn seine Mutter schon eingesungen hatte:

»Schlaf, Kindchen, schlaf.«

Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er fand keine Ruhe mehr,

sondern dachte unausgesetzt an das wunderbare, schöne Weib, dem er den

Silberring geschenkt.

So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus.

Die Last(#18231) · 第 22 / 38 题