So war das Fest herangekommen.
Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pächter, er möchte das große
Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.
Mürrisch und verdrießlich, wie er sich sonst nie gegen das Mädchen
betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und
indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen
für den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf,
sie rief ihre getreue Dörthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen
Türen.
Unterdessen saß Wilms in seiner Kammer und schrieb an Else einen Brief.
Heiß und dringend flehte er sein Weib an, zurückzukehren, sobald es ihre
Gesundheit nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf ihre Rückkehr, wie
auf ein Fest. Überall fehle sie ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach,
wenn sie doch erst da wäre. -- Ganz am Schluß erwähnte er auch Hedwig.
Sie führe das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit, aber sein armes,
geliebtes Weib könne sie natürlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da
er es schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine Adern.
»Gelogen -- gelogen,« tönte es deutlich vor seinen Ohren. Hastig schloß
er das Schreiben, und saß dann stundenlang in dem immer dunkler
werdenden Raum.
Er wußte, daß Hedwig unten einen Christbaum schmücke. Für seine Leute
natürlich, suchte er sich einzureden. Jedoch gleichviel. Bald würde sie
nach ihm schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen, großen
Freude. »Und er sollte dann mit ihr zusammen unter den flimmernden
Lichtern stehen?« grübelte er, »und dann allein sein mit dem Mädchen,
während der Baum seinen kräftigen Tannengeruch verbreitete und die
Flämmchen darauf hell und aufrecht in die Höhe züngelten? Würden dann
nicht die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn gestern bis zum
Wahnsinn gepeinigt? -- Nein, nein -- nur das nicht mehr. -- Wie wäre es,
wenn er sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo anders
zubrächte, vielleicht beim Pastor?«
Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um und tappte leise über
die dunkle Treppe nach unten. Er durchschritt den Hausflur, da öffnete
sich die Tür des großen Zimmers, eine Gestalt trat heraus.
Wilms fuhr zusammen und blieb unwillkürlich stehen. Die Dunkelheit
verhinderte ein Erkennen.
Unsicher näherte sich Hedwig dem Schweigenden.
»Du willst noch ausgehen, Schwager?«
»Ja.«
»Jetzt?«
»Ja, ich hab' noch einen notwendigen Gang.«
»Aber doch jetzt nicht,« drängte das Mädchen und faßte leicht seinen
Mantel. »Ich wollte dich ja gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am
Heiligen Abend nicht allein lassen?«
Der Pächter wand sich hin und her, je mehr sie ihn bat, desto qualvoller
glaubte er sich gefoltert: »Mir macht das ja aber alles keine Freude,
Hedwig,« brachte er hervor. »Mich peinigt das geradezu.«
»O -- nein, nein,« widersprach sie und ergriff seine Hand.
Das verwirrte ihn immer heftiger.
»Hedwig, ich kann's nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und
ich allein davon ausgeschlossen sein soll. Laß mich lieber fort, mein
Kind, ich will --«
Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen.
»Dazu bist du ja viel zu gut,« sagte sie weich und mitleidig, wie
selten ein Mensch zu dem Unglücklichen gesprochen. »Willst du mir denn
auch die ganze Freude rauben?«
»Dir auch?«
»Ja natürlich -- für dich haben wir doch den Baum geputzt.« Immer noch
ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen riß sie jetzt
hastig die Tür auf.
Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und
übergoß das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle.
Groß, dunkelgrün, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum
mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast,
unzählige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des
Gehöfts, Männer und Frauen, alle sonntäglich gekleidet, daß der Herr des
Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber
hatte Hedwig zwei kleine Mädchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten
gehörten. Sie hielten rote Papierrosen in den Händen und sangen mit
schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schloß:
»Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«
Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und
in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er
sich nicht länger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte
bitterlich.
Und die Hofleute nickten einander zu und stießen sich heimlich an, als
wüßten sie, was ihren Herrn bedrücke.
Aber nur wenige Sekunden ließ sich Wilms so übermannen. Dann richtete er
sich auf und sah auf das Mädchen, das alles nur für ihn angeordnet
hatte. Das Licht flutete über ihre braunen Haare, ihre großen Augen
hingen fest und fragend an den seinigen. Sie stand noch immer dicht
neben ihm.
»Ich dank' dir, Hedwig,« sagte er einfach und preßte ihre Hand mit
verzweiflungsvoller Glut. »So schön haben wir in Wilmshus Weihnachten
noch nie gefeiert.« Er ließ sie voranschreiten und folgte ihr dann in
die Stube.
Freudig erregt saß der Pächter nachher in seiner Sofaecke und verfolgte
Hedwig, wie sie jedem der Hofangehörigen ein kleines Geldgeschenk
überreichte, das Wilms für seine Leute bestimmt hatte, und für sich
selbst außerdem noch eine Aufmerksamkeit hinzufügte. Dörthe bekam eine
Schürze, der alte Krischan einen Tabaksbeutel, die beiden kleinen
Mädchen küßte Hedwig und band ihnen seidene Halstücher um.
Hierauf allgemeines Knixen und Handschütteln.
»Ich dank' auch, Herr -- schönen Dank auch, Fräulen -- ne es is auch gar
zu viel -- so was hätt' ich mich nich vermutet -- Herrje und was die
Leinwand schön is.«
Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging mit ihnen.
Wieder saß der Pächter allein und blickte träumerisch in die ruhig
brennenden Lichter hinüber.
Da flog die Tür noch einmal auf: »Julklapp,« rief es und dann noch
zweimal »Julklapp -- Julklapp.«
Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da nur Hedwig so frisch und
hell rufen konnte, so wußte der Landmann, daß die drei Geschenke für ihn
bestimmt seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder zurückkehren würde,
aber als er allein blieb, öffnete er die Schachteln. In der ersten fand
er eine Kiste feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der
letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem mit Seide ein Kranz
blauer Veilchen gestickt war. Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran
befestigt, darauf stand »von Else«.
War es möglich?
Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in die Hand. Und diesen
wundervollen leuchtenden Kranz sollte sein armes Weib mit ihren
zitternden Fingern hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn.
Aber wer sonst?
Hinter ihm näherte sich etwas, ein leises Knistern wurde hörbar, Wilms
kehrte sich um und sah in das liebenswürdige Gesicht Hedwigs.