Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der
Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und
als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit
kannte.
Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen
Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer
burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er
in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß.
Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleine Dr. Rumpf die Anwesenden
mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht's?« stiefelte mitten
in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen.
In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits
verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- und
Fußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu
wachen.
Das stimmte den Arzt doch bedenklich.
Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn
ausstreckte, ermannte sich Dr. Rumpf, schritt schnell an das Bett und
küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand.
Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das
Gesicht vor Schmerz verzog.
»Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die
andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust
der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf.
Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein
schlechtes Zeichen.
»Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos
mit mir? -- Sagen Sie es -- sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie
dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.«
»So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und
bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein
Nachdenken und machte den beiden anderen eine energische Bewegung mit
dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten.
Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit
den grünen Ripsmöbeln.
Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über
das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms
schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte.
Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander
gewechselt.
Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen.
Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.
Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür
hinter sich zu.
»Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick
zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach
arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen
heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie
ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da
drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in
ihr Denken.
Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch.
»Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der
Pächter von neuem. »Ich kann's ja gar nicht mehr mit ansehen.«
»Trost? -- hm ja.« -- Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in
einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben
hatte, freundlich die Hand.
»Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?«
»Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft
fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.«
»Großer Gott -- das -- das hätt' ich nicht erwartet.«
Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach
Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das
ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.«
»Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf,
»leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen -- ich hab' mir's
längst gedacht, längst. Und dann -- --«
»Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat
aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches
geschehen, lieber Herr Doktor. Man kann es doch nicht einfach so
fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?«
In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände
gegeneinander.
»Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den
Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So
oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen
Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem
Selbstgespräch gedankenlos zu.
Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen
Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung
vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein
Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad -- ja, ja --
ganz recht -- und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.«
»In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über
die Stirn strich.
Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie
ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die
Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer Zunge konnte
er einwerfen: »Aber -- aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?«
»Ja, billig ist's nicht,« meinte Dr. Rumpf und sah den Pächter
teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu
gehen hat.«
Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die
Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen
küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem
Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief
hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich
selbst, »Kindchen, hier -- dein Vater hat es mir mitgegeben. -- Es ist
Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das
wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.«
Damit schritt Dr. Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und
fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei
Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine
Heilmethode jedesmal hinterließen. -- -- --
In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei
Menschen allein.
Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen
fest und beinahe auffordernd, als erwarte sie, der Schwager möchte sie
nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen.
Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen
Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die
Lippen fest zusammen.
Eine Demütigung sollte nun folgen -- »nur kein Geld von ihr -- nur das
nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte
hinausgehen.
Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme
dazwischen.
»Wilms -- Hedwig -- kommt zu mir.«
Beide erschraken.
Es klang so fern, so geisterhaft.
Nun mußte es geschehen.
Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und
bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem
festen Blick den Brief in die Hand.
Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes
Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch
einmal von sich.
»Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt
ihr so lange?«
»Hedwig -- was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend.
»Schnell! -- Es sind 5000 Mark -- ein Drittel meines Erbteils -- Wilms,
damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?«
»Ich kann nicht -- ich darf ja nicht, Hedwig.«
»Warum nicht?«
»Weil -- weil -- --« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel
erfaßt, das Geld weit von sich.
»Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?«
»Ja,« stöhnte er.
»Und aus welchem Grunde?«
»Weil -- --«
Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie
zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe,
weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil
dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft
und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das
sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.
»Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und
legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter.
Beide blickten sich eine Sekunde lang an.
Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am
ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm
durcheinander.
»Schlag sie nieder,« reizten die einen.
»Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern,
»umarm' sie, küss' sie.«
»Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor.
»Ich darf ja nicht!«
»Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals
hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.
Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut.
Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden
Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein
Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein
Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer
Zeit drang es stückweise hervor: »Ich nehm' es ja -- wenn du es willst --
denn du bist gut -- ja du bist gut.«
Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt
lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach
seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über
die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen.
Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er
ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen.
Hedwig stand noch immer und lächelte.
»Geh nur.«
»Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du
bist gut.«