»Ha, ha, ganz ausgezeichnet -- ganz ausgezeichnet« schrie der Förster
Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem
Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen -- stoß mit dem Herrn
Grafen an -- -- Ihr Wohlsein, Herr Graf -- ganz großartig -- wahrhaftig. So
was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. -- Nicht
wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? -- Liebesbriefe unter das
Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension
tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko -- --«
Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor
Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen:
»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und
schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen
die letztere sich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen
Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen.
Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen.
Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen
Aristokraten.
»Mein Gott« -- schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde
Greisenköpfchen. »Die Weiber -- die Weiber -- gar nicht auszustudieren --
Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde,
jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde -- und nun
dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den
Weg läuft.«
»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der
Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die
Höhe.
Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von
Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit
Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf,
sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:
»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, -- Fräulein
Schröder,« verbesserte er sich -- »sagen können. Denn sie hat sich ja
auch in dieser Pension befunden.«
»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer
lebhaft dazwischen.
Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein
Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? -- Na, wie war's denn?«
»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt
auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.
Alles sah auf Hedwig.
Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt,
sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.
»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem
dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner
Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte
gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib
herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt
wäre.
Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert?
O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz,
überredete sich der unglückliche Mann selbst.
»Weiter nichts -- gewiß -- gar nichts weiter.«
»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine
Gedanken hinein. -- Was sie jetzt wohl antworten würde?
Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den
Grafen zum erstenmal fest ansah:
»O ja -- der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich
selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde
abgebunden.«
Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob
sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit
Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.
»Bitte, Herr Pastor -- nicht ein Pfefferkuchen gefällig? -- Nein? -- Nun
dann aber einen Apfel, -- ich werde ihn gleich schälen -- Sie erlauben.«
In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die
Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen
hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall
flüsterte sie kurzatmig und gereizt:
»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? -- Hedwig, das ist doch nur
Scherz, nicht wahr? -- Sag' das doch den Herrschaften.«
Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren
tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin,
die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und
die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in
solche Heimlichkeiten einzudringen.
Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.
Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:
»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam
betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz
aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens
nicht? -- Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten
Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«
Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand
sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich
erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte:
»Gewiß -- Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« --
»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen
wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn
begann allen sichtlich zu mißfallen.
Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu
unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor
Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er
blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.
Was das nur bedeutete?
Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie
merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich
aufrecht.
Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt
fiel ihr das auf.
Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten?
Aber was?
Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise.
Worüber?
Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender
Schmerz durchschnitt sie.
»Gott im Himmel -- Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu
sagen, »ich möchte -- du solltest -- etwas singen -- so lange habe ich
nichts gehört.« Sie schauerte zusammen.
Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark
zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke
stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für
einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die
Noten zu holen.
In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.
Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den
Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem
Lichte.
Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß.
Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem
Notenschränkchen gebückt stand und suchte.
Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen
Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen
Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen,
und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso
unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose
Roheit gegen sie verübt hatte.
Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib
ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen.
Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn
völlig besinnungslos.
»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck
nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. -- Können Sie denn
die Dummheit von damals nicht vergessen?«
Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte
Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz
vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles
an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten
sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem
Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die
Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.
War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte?
»Liebe Hedwig, wenn -- --«
»Still -- ich will das nicht --« befahl sie flüsternd und heiser.
»Aber Sie wissen ja nicht -- --«
Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück.
Was war das?
Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie
vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie
ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber
zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung,
zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie
hervor: »Nein, Sie wissen nicht -- Sie -- Sie wissen nicht, was Sie aus
mir gemacht haben -- Sie -- --«
»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen.
Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie
plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme.
Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an.
Was hatte sie nur vorgebracht? -- Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche
Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag
befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis,
das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte?
Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde
ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten
müßte.
Er begann wieder zu lächeln.
Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos
gemacht.
Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten,
oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu
werfen. Aber nichts regte sich.
Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des
künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der
seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht
aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.
»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da -- Gott sei Dank,
sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große
Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit
hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause
unsicher und gepreßt zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar
Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr
solle es nicht übel nehmen. -- Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute
war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei
Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu
ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein.
Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte
widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters
wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen
den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch
Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu
schlecht gestimmt sei.
Hedwig?
Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf
sie hin.
Wollte man sie herausfordern?
»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte
Kraft zusammenraffend.
Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken
Nebel hindurch.
Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrt war. Wie sie dann am
Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied
gesungen:
»Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.«
Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes
Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller
Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor
Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig
zusammen.
Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das
Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die
Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet
und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.
Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand
in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes
Amulett umspannt hielt.