VIII.

»Ha, ha, ganz ausgezeichnet -- ganz ausgezeichnet« schrie der Förster

Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem

Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen -- stoß mit dem Herrn

Grafen an -- -- Ihr Wohlsein, Herr Graf -- ganz großartig -- wahrhaftig. So

was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. -- Nicht

wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? -- Liebesbriefe unter das

Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension

tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko -- --«

Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor

Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen:

»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und

schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen

die letztere sich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen

Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen.

Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen.

Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen

Aristokraten.

»Mein Gott« -- schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde

Greisenköpfchen. »Die Weiber -- die Weiber -- gar nicht auszustudieren --

Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde,

jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde -- und nun

dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den

Weg läuft.«

»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der

Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die

Höhe.

Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von

Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit

Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf,

sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:

»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, -- Fräulein

Schröder,« verbesserte er sich -- »sagen können. Denn sie hat sich ja

auch in dieser Pension befunden.«

»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer

lebhaft dazwischen.

Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein

Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? -- Na, wie war's denn?«

»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt

auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.

Alles sah auf Hedwig.

Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt,

sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.

»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem

dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner

Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte

gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib

herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt

wäre.

Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert?

O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz,

überredete sich der unglückliche Mann selbst.

»Weiter nichts -- gewiß -- gar nichts weiter.«

»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine

Gedanken hinein. -- Was sie jetzt wohl antworten würde?

Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den

Grafen zum erstenmal fest ansah:

»O ja -- der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich

selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde

abgebunden.«

Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob

sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit

Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.

»Bitte, Herr Pastor -- nicht ein Pfefferkuchen gefällig? -- Nein? -- Nun

dann aber einen Apfel, -- ich werde ihn gleich schälen -- Sie erlauben.«

In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die

Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen

hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall

flüsterte sie kurzatmig und gereizt:

»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? -- Hedwig, das ist doch nur

Scherz, nicht wahr? -- Sag' das doch den Herrschaften.«

Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren

tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin,

die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und

die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in

solche Heimlichkeiten einzudringen.

Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.

Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:

»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam

betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz

aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens

nicht? -- Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten

Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«

Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand

sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich

erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte:

»Gewiß -- Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« --

»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen

wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn

begann allen sichtlich zu mißfallen.

Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu

unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor

Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er

blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.

Was das nur bedeutete?

Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie

merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich

aufrecht.

Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt

fiel ihr das auf.

Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten?

Aber was?

Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise.

Worüber?

Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender

Schmerz durchschnitt sie.

»Gott im Himmel -- Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu

sagen, »ich möchte -- du solltest -- etwas singen -- so lange habe ich

nichts gehört.« Sie schauerte zusammen.

Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark

zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke

stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für

einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die

Noten zu holen.

In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.

Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den

Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem

Lichte.

Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß.

Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem

Notenschränkchen gebückt stand und suchte.

Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen

Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen

Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen,

und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso

unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose

Roheit gegen sie verübt hatte.

Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib

ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen.

Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn

völlig besinnungslos.

»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck

nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. -- Können Sie denn

die Dummheit von damals nicht vergessen?«

Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte

Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz

vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles

an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten

sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem

Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die

Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.

War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte?

»Liebe Hedwig, wenn -- --«

»Still -- ich will das nicht --« befahl sie flüsternd und heiser.

»Aber Sie wissen ja nicht -- --«

Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück.

Was war das?

Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie

vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie

ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber

zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung,

zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie

hervor: »Nein, Sie wissen nicht -- Sie -- Sie wissen nicht, was Sie aus

mir gemacht haben -- Sie -- --«

»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen.

Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie

plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme.

Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an.

Was hatte sie nur vorgebracht? -- Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche

Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag

befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis,

das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte?

Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde

ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten

müßte.

Er begann wieder zu lächeln.

Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos

gemacht.

Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten,

oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu

werfen. Aber nichts regte sich.

Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des

künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der

seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht

aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.

»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da -- Gott sei Dank,

sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große

Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit

hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause

unsicher und gepreßt zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar

Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr

solle es nicht übel nehmen. -- Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute

war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei

Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu

ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein.

Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte

widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters

wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen

den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch

Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu

schlecht gestimmt sei.

Hedwig?

Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf

sie hin.

Wollte man sie herausfordern?

»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte

Kraft zusammenraffend.

Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken

Nebel hindurch.

Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrt war. Wie sie dann am

Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied

gesungen:

»Täglich ging die wunderschöne

Sultanstochter auf und nieder

Um die Abendzeit am Springbrunn,

Wo die weißen Wasser plätschern.«

Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes

Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller

Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor

Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig

zusammen.

Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das

Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die

Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet

und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.

Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand

in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes

Amulett umspannt hielt.

Die Last(#18231) · 第 11 / 38 题