Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt
gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen.
Es war gerade der achte Tag.
Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos
lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie
leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der
sich bereits in Dämmerung hüllte.
Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten
Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am
Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun,
leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.
Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick
lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das
Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.
»Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte die Liegende, als ihr Blick die
Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in
Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott -- so war ich
auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.«
»Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die
abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt
erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem
Krüppel -- ich ertrag's ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön,
so jung, und ich -- -- ach, in dem Bade wird's ja auch nicht besser
werden.«
Hedwig rührte sich nicht.
Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu
wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst.
Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer,
legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und
entfernte sich wortlos, wie er erschienen war.
Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine
Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um
die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können.
»Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das
Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die
Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings
entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte,
obgleich sie sich erregt hin und her warf.
»Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene
willig, indem sie die Zeitung hinlegte.
»Nein, mein Kind, noch nicht -- ich möchte, -- setze dich doch her zu mir
ans Bett, -- -- Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja
nicht mehr lange so sitzen.«
Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf
einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand.
Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester,
ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust.
Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging.
Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere
von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf
und fragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele
gelegen hätte:
»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?«
Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig
wurde.
»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich
zu pflegen --«
Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du -- von Wilms?«
fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen.
Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie
sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag
ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das
Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich.
»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang
in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.
»O ja« -- murmelte diese verwirrt -- »dein Mann macht einen braven,
rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so
aufrichtig besorgt.«
»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf. -- Dann drückte sie
sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte.
Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten
fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als
sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde.
»Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester.
»Er liebt mich noch immer. -- Aber -- aber -- o Gott, Hedwig, ich will dir
etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade
wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit
vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms -- o Gott --
verzeih' mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur
das Elend« -- wimmerte sie dazwischen -- »Hedwig, dann ist es mir
manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, -- hörst du? -- der mich zu
alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen
gehaßt habe. Und dabei -- ach, du kannst es ja nicht verstehen -- dabei
sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate
unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns
herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf.
»Nein -- nein -- nein -- ach, du mein Gott, was sag' ich nur alles -- das
ist ja alles Todsünde -- Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere --
höre nicht darauf.«
Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den
Worten des Psalms:
»Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir.
Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis.
Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? --
Erbarm' dich meiner -- Sela -- Sela.«
Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf
in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen.
Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische
Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig
zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte
sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben
erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ.
Fast eine Stunde verrann so.
Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer. Traulich dämmernd, wie
immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem
Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer
ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer
wilden, unreinen Leidenschaft.
»Unrein?«
Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre
Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo
zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so
sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen --
nein, seltsam -- beinahe lächerlich -- immer fort, und je länger desto
deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden
Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer -- mit seinem ehrlichen
Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so
schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. -- -- Und sie sagte sich in ihrem
Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und
sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms
Halse gehangen hätte, und dennoch -- und dennoch -- die Ahnung wurde immer
deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte.
Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.
Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal.
»So spät schon? -- Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie
darüber, daß sie ihn erwarte.
Da -- sie fuhr auf.
Sprach ihr zur Seite nicht etwas?
»Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und
legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so
still und sanft, mein süßes Heting.«
Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer
gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich
dumpf im Zimmer um.
»Ist Wilms noch nicht zurück?«
»Nein, noch nicht.«
»Wo fuhr er denn hin?«
»Nach Grimmen.«
»So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend -- »Erzählte er dir
das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl
viel Vertrauen zu dir?«
»Ja, ich denke.«
Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin, das Mädchen schlug ihr
die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als
bisher ausstrecken konnte.
Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang
unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die
Wangen.
Sie wußte selbst nicht warum.
»Wünschst du etwas?« forschte sie rasch.
»Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen --
Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen -- Sieh, da
möcht' ich gern wissen, mein Heting, -- du darfst es mir aber nicht übel
nehmen -- ob du -- was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?«
Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig.
Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück
und schloß die Augen. -- Es war ihr, als senke sich die Decke des
niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft,
als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. --
Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? -- Wieviel
Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an?
»Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren
Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.«
Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl
leise hin und her.
»Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und
daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel,
Hedwig, sag' mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?«
»Was ich mit ihm hatte?«
»Ja -- du mußt mich recht verstehen -- -- ach, es regt mich so auf und jagt
mir soviel Angst ein -- -- du bist ja auch noch so unerfahren -- -- diese
schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. --
Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich --«
»Was ich mit ihm hatte?«
Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln,
das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte.
Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den
Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden.
»Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlich mit spitzer,
gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?«
Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach
sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging,
die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte,
preßte auch sie in ihren Stuhl zurück.
»Willst du mir keine Antwort geben?«
»Ja,« antwortete Hedwig.
»Nun also -- ich bitte dich.«
»Ganz einfach, Else. -- Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann --«
»O Gott -- und?«
»Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche
Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei
lockere Tändeleien anzuknüpfen.«
»Aber mit dir -- Hedwig -- mit dir?«
»Mit mir?«
»Ja.«
Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses
schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung
empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin, dann
aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen:
»Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen -- weiter nichts.«
»Weiter nichts?«
Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann
raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke,
zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen,
Neid und Bewunderung glühenden Augen an.
»Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie
beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist
verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen,
goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie
die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem
verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm
das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß.
»Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die
Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische
Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?«
Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß.
Else bemerkte es.
»Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt
rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben.
»Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?«
»Er ist einfach frech gewesen.«
»Frech? -- Großer Gott -- Hedwig, dreh' dich doch um -- dann -- dann
durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen -- wenn ich das
gewußt hätt' -- -- Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?«
»Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber.
Es klang wie von zusammengepreßten Lippen.
»Hedwig, du sollst dich umdrehen. -- Ich will dich sehen können,« schrie
die Kranke mit durchdringender Stimme.
Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende,
so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die
Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck
und achselzuckend auf das Bett zuschritt.
»Heting, mein Liebling,« flüsterte sie, »beruhige mich doch. Weiter ist
zwischen euch nichts vorgefallen?«
»Nichts,« entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend.
»Siehst du, daß du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst
nimmst? Hier trink' deine Medizin.«
»Nein, laß noch -- Heting -- wirklich weiter nichts? -- Weiter nichts?«
War es möglich?
Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte plötzlich halb besinnungslos um
eine Entgegnung und hob ihren mageren Körper weit in die Höhe.
Eine Pause entstand.
Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein
verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und
gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was
soll denn noch alles vorgefallen sein? -- Komm', Else, du mußt deine
Medizin nehmen.«
So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es
wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms
nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde
gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den
Torweg rollen.
»Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte
vergeblich.
Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die
Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer
hinaufgestiegen.
»Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf,
daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten
aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte.
Und siehe -- eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn
verschwunden.
Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig
vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden
Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem
Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus.
Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben
anvertraut hatte.
»Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?«
Es war eine grobe Beleidigung -- auch für den Landmann. Aber das fühlte
er nicht.
Er nickte und hockte und das Herz drückte ihm etwas weh und wund.
»Ob sie sich wohl gewehrt hat?« dachte er müde.
Ein Ächzen seines Weibes schob sich dazwischen. Er beugte sich leise zu
ihr hinüber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand über Wange
und Hals.
Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschöpf, das dort
oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich
vielleicht sehnte und verlangend die weißen Arme nach dem Verführer
ausstreckte.
Halb betäubt vor Müdigkeit sank sein mächtiges Haupt endlich schwer auf
die Kissen, so daß Else davon erwachte und zärtlich ihre Arme um seinen
Nacken schlang.
Und mit irrer Sehnsucht und verlöschendem Bewußtsein preßte er seine
Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und stöhnte in
verzweifelter Seelenqual tief und markerschütternd auf.
* * * * *
Aber als die Wünsche des unglücklichen Mannes scheu in das
Dachkämmerchen drangen, wo er das schönere jüngere Weib auf seinem Lager
ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein
geistiges Auge die Mauern hätte durchdringen können.
Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd, und streckte die
weißen Arme aus. Aber nicht nach dem Verführer, nein, nach etwas
anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte.
Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst
unerklärlich, warf sie sich herum, stützte den Kopf in die weichen Hände
und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel
empor. Über das Strohdach, dicht über ihr säuselte der Nachtwind. Sie
hörte das heimliche Geräusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und
ihr war es, als schlüge wieder die heiße, glühende Stimme des jungen,
frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da -- da
stieg es wieder herauf -- da sah sie von neuem das ganze Bild jener
unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester
so sorglich verborgen hatte.
Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor
Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen
Eindringling mit Küssen überdeckt wird, -- das vor Scham nur leise Bitten
hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die
Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, -- wehrt mit
verzweifelter, glühender, endlich siegreicher Kraft gegen einen
Angriff, von dem sie ahnt, daß er ihr etwas Kostbares, Höchstes rauben
muß! Großer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? -- Was!! Sie wirft
sich nieder und preßt ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja
täglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht
sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaßten heran, wie das
hungrige Meer dort drüben nahe der Insel, das gegen die Felsblöcke
schlägt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie
zu küssen, zu umarmen und zu ersäufen.
»Großer Gott!« -- Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht
ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drüben gelernt von ein
paar schwedischen Mitschülerinnen, welche ihr all jene Bücher geborgt
haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer
der Leidenschaft immer wilder in die Höhe peitschen.
Jetzt schäumt's und brandet's. Hui, der Sturm pfeift.
Großer Gott -- Großer Gott.
Und dann stößt sie die Decken von sich, daß der Mond ihre weißen Glieder
küßt, und weint bitterlich.
Frühlingsschauer!
Zweites Buch.