Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des
Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden.
Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man
sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit
verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen
Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der
berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen.
Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung
kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte
selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung
zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit
Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von
Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert
waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des
Pächters abzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte
herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis
gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim
zurückzuführen.
So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis
sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.
Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich
gefühlt. -- Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre.
Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch
auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht
unbegleitet aufbrechen lassen wollen -- »es schicke sich nicht,« hatte er
geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort.
Die Uhr schlug.
Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich
nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott
gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei
eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund
eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und
das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand.
Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.
Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte
läuten können.
Ganz verlassen -- ohne jede fremde Hilfe.
Sie begann sich zu ängstigen.
Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch
rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig
Ungewohntes.
Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her -- dann
hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.
Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich
die Blasen platzen -- -- aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt,
ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den
Hof gesprengt -- -- ein Pferd wieherte hell und anhaltend -- ein kurzer
Stimmwechsel -- --
Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die
überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in
Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine
kurze liebenswürdige Verbeugung.
Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der
Lodenjoppe troff das Wasser herunter.
»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze -- »ich weiß, es
ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit
hineinbringe. Nicht wahr? -- Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?«
»Nein -- nein -- leider« -- Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu
erheben -- »mein Mann und meine Schwester sind fort -- aber wer -- -- mit
wem habe ich denn --?«
Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten,
wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des
Reiters daran verhindert.
»Oh« -- meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte --
»ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir
doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. -- Aber dieses
niederträchtige Wetter draußen -- Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie
eine Morchel -- und da dacht' ich, Herr Wilms würde mich wohl ein
Stündchen bei sich aufnehmen. -- Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der
Sohn natürlich -- Ihr Mann kennt mich ganz genau -- vielleicht haben auch
Sie schon von mir gehört -- -- ist's wirklich erlaubt? Sie sind zu
liebenswürdig.«
Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der
Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte
dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen.
»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen
Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen
die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf
Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? --
Oder falle ich Ihnen lästig?«
»O -- bewahre,« hüstelte die Kranke.
Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie
es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab
behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie
hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und
jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor
ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.
Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig
suffisant, als Else ihm mitteilte, daß sie als Mädchen stets gesund
gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.
»So? -- hm« -- der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise:
»Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. -- Ich bin auch prinzipiell
dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu
gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides
in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? -- hm« -- -- -- er
schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig
gegen ein Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer
umzusehen. Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an
langweilig zu werden.
»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen
wollen?«
»Nein -- nein -- bewahre -- lassen Sie sich nur nicht stören -- wir
plaudern ja hier ganz vorzüglich. Hm -- ein recht gemütliches Zimmer --
ein bißchen groß -- -- ja -- sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch,
als wenn ich neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen
hätte. Oder schon wieder abgefahren?«
»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester
Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.«
»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche
junge Dame -- also, Ihre Schwester? -- Na ja, die Ähnlichkeit ist
unverkennbar« -- hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener
verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. -- »Ein
Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt --
nicht wahr?«
»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich
geschmeichelt.
Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer
zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen
blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses
Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles
suchen wolle. -- Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« -- fuhr
er gleichgültig fort: »Wir kennen uns -- oberflächlich natürlich nur,
denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne
zusammengebracht -- das können Sie sich doch denken.«
»Ach -- der Herr Graf scherzen nur --«
»Durchaus nicht -- man erzählt die schauderhaftesten Geschichten von mir
-- -- na hier wird es ja auch bald losgehen und -- --«
Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? -- Dort draußen
fährt ein Wagen über die Chaussee -- zwei feste Traber übrigens, jetzt
lenken sie über die Brücke -- das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein
Schwester sein.«
»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.«
»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es
nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch
Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.«
Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte
ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte.
»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch
hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür
richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten
mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf -- seit -- seit
langer Zeit.«
»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,«
meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen
Seufzer der Kranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr
Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei
sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. -- Ich habe
doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.«
* * * * *
Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie
waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem
gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf
den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes,
weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen
Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken
jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben
Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen
Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen
Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in
der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn
in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von
der ängstlichen Vorstellung lösen zu können, was dieser Besuch wohl
bedeute.
So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke
endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit
hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt
haben.
»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms.
Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben
ihm verharrte.
»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die
Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen
und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen -- na ängstigen Sie
sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast
werden Sie los.«
»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu
sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von
ihrem Stuhl aus.
»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? --
Abgemacht -- dann bleibe ich. -- Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich
noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten
gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. -- Guten
Abend, mein liebes Fräulein -- alle Wetter, ich wage gar nicht mehr 'Du'
zu sagen. Oder darf ich es doch noch?«
So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und
hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.
Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische
Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer
Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die
Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen,
gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und
beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver
Koketterie gefallen wollte.
Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen
darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch
einen Sitz für Hedwig herbei.
Wo sie nur bleiben mochte?
»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der
Mägde.
»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.«
»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt
auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie
uns so lange auf? Ich versteh' das gar nicht -- der Herr Graf kennt sie
doch auch.«
»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der
Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige
Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.«
»So geh doch,« drängte die Kranke erregt.
Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe
hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit
der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig
eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht.
Ihre Tür stand offen.
Es war so seltsam still dort drinnen.
Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?
Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen
Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben.
Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag
hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem
benahm.
Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?
Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher.
In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige
Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das
Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und
ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch,
ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte
die Gestalt der Bewohnerin auf.
Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt
haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz
und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und
eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte.
Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes
Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine
Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte
preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr.
Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie
unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er
der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken,
während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes
Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten.
Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen -- damals in den Stunden des Glücks --
aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer
Schönheit.
Seine Lippen bebten.
Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort
drinnen.
Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze
Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.
»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird -- das arme Weib,« --
war sein erster, unwilliger Gedanke, -- dann wartete er noch ein paar
Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein
verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer
schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. -- Langsam wandte
sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort.
»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?«
»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.«
»Mich? -- Ja, ich wollte mich erst ein wenig säubern nach dem
schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. -- Sind denn unsere Gäste schon
alle versammelt?«
»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen,
Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich
danke dir dafür, mein Kind. Und -- und Herr von Brachwitz befindet sich
ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?«
»Ja, ich sah ihn.«
»Sag' einmal -- Hedwig -- gehört denn der Herr zu deinen Freunden?«
»Nein.«
»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?«
»Ja -- nein -- das heißt, ich kenne ihn näher.«
»Sieh -- ich will mich nicht 'rein mischen -- es geht mich ja nichts an --
aber -- er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?«
»Auch das.«
Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr
eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit
ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie
langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?«
»Nein -- nie.«
»Nie?«
Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in
dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut.
Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff
sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes
Haar.
Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie
die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen
Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener
lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in
seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er
nachgrübelte, und der ihn anwiderte.
»Hedwig« -- -- murmelte er unwillkürlich.
»Ja, Schwager,« antwortete sie leise.
Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her.
»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.«
Die Sprache versagte dem kräftigen Manne.
Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich
in die Herzensangelegenheiten dieses Mädchen drängen wollte, und doch --
eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die
Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem
innigen Gefühl gesprochen werden könnte -- oder ob -- das Blut stieg ihm
dabei in die Stirn -- ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.
»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?«
»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach.
Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die
Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus,
so daß völlige Dunkelheit entstand.
Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf
die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum
hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit:
»Lassen wir doch den Grafen. -- Er ist eine häßliche Erinnerung für mich,
die ich gern abschütteln möchte. -- Übrigens« -- lachte sie leicht --
»brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager -- eine
ganz alltägliche Dummheit. -- --«
Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und
Treppe einhülle. Mühsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht
beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine
wohltuende Wärme von ihr ausströme.
Da stieß sie einen leichten Schrei aus.
Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach
dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab.
Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.
Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte
sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe
und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von
Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird
es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht
ernsthaft Rücksprache zu nehmen.«
Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. -- »Ja, ja,«
stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. -- Seine Schuldenlast, die
ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen,
Mißernte und die hohe Pacht -- alles zusammen stürzte plötzlich wieder
auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.
Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten
Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs
Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht.
Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte
ihr dann schweren Trittes.
Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden
Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit
mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband,
das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin
abstach.
»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann
strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.