VII.

Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des

Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden.

Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man

sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit

verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen

Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der

berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen.

Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung

kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte

selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung

zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit

Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von

Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert

waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des

Pächters abzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte

herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis

gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim

zurückzuführen.

So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis

sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.

Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich

gefühlt. -- Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre.

Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch

auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht

unbegleitet aufbrechen lassen wollen -- »es schicke sich nicht,« hatte er

geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort.

Die Uhr schlug.

Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich

nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott

gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei

eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund

eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und

das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand.

Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.

Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte

läuten können.

Ganz verlassen -- ohne jede fremde Hilfe.

Sie begann sich zu ängstigen.

Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch

rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig

Ungewohntes.

Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her -- dann

hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.

Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich

die Blasen platzen -- -- aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt,

ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den

Hof gesprengt -- -- ein Pferd wieherte hell und anhaltend -- ein kurzer

Stimmwechsel -- --

Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die

überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in

Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine

kurze liebenswürdige Verbeugung.

Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der

Lodenjoppe troff das Wasser herunter.

»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze -- »ich weiß, es

ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit

hineinbringe. Nicht wahr? -- Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?«

»Nein -- nein -- leider« -- Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu

erheben -- »mein Mann und meine Schwester sind fort -- aber wer -- -- mit

wem habe ich denn --?«

Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten,

wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des

Reiters daran verhindert.

»Oh« -- meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte --

»ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir

doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. -- Aber dieses

niederträchtige Wetter draußen -- Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie

eine Morchel -- und da dacht' ich, Herr Wilms würde mich wohl ein

Stündchen bei sich aufnehmen. -- Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der

Sohn natürlich -- Ihr Mann kennt mich ganz genau -- vielleicht haben auch

Sie schon von mir gehört -- -- ist's wirklich erlaubt? Sie sind zu

liebenswürdig.«

Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der

Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte

dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen.

»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen

Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen

die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf

Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? --

Oder falle ich Ihnen lästig?«

»O -- bewahre,« hüstelte die Kranke.

Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie

es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab

behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie

hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und

jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor

ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.

Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig

suffisant, als Else ihm mitteilte, daß sie als Mädchen stets gesund

gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.

»So? -- hm« -- der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise:

»Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. -- Ich bin auch prinzipiell

dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu

gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides

in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? -- hm« -- -- -- er

schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig

gegen ein Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer

umzusehen. Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an

langweilig zu werden.

»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen

wollen?«

»Nein -- nein -- bewahre -- lassen Sie sich nur nicht stören -- wir

plaudern ja hier ganz vorzüglich. Hm -- ein recht gemütliches Zimmer --

ein bißchen groß -- -- ja -- sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch,

als wenn ich neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen

hätte. Oder schon wieder abgefahren?«

»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester

Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.«

»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche

junge Dame -- also, Ihre Schwester? -- Na ja, die Ähnlichkeit ist

unverkennbar« -- hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener

verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. -- »Ein

Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt --

nicht wahr?«

»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich

geschmeichelt.

Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer

zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen

blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses

Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles

suchen wolle. -- Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« -- fuhr

er gleichgültig fort: »Wir kennen uns -- oberflächlich natürlich nur,

denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne

zusammengebracht -- das können Sie sich doch denken.«

»Ach -- der Herr Graf scherzen nur --«

»Durchaus nicht -- man erzählt die schauderhaftesten Geschichten von mir

-- -- na hier wird es ja auch bald losgehen und -- --«

Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? -- Dort draußen

fährt ein Wagen über die Chaussee -- zwei feste Traber übrigens, jetzt

lenken sie über die Brücke -- das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein

Schwester sein.«

»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.«

»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es

nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch

Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.«

Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte

ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte.

»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch

hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür

richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten

mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf -- seit -- seit

langer Zeit.«

»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,«

meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen

Seufzer der Kranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr

Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei

sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. -- Ich habe

doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.«

* * * * *

Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie

waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem

gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf

den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes,

weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen

Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken

jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben

Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen

Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen

Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in

der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn

in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von

der ängstlichen Vorstellung lösen zu können, was dieser Besuch wohl

bedeute.

So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke

endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit

hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt

haben.

»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms.

Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben

ihm verharrte.

»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die

Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen

und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen -- na ängstigen Sie

sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast

werden Sie los.«

»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu

sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von

ihrem Stuhl aus.

»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? --

Abgemacht -- dann bleibe ich. -- Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich

noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten

gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. -- Guten

Abend, mein liebes Fräulein -- alle Wetter, ich wage gar nicht mehr 'Du'

zu sagen. Oder darf ich es doch noch?«

So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und

hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.

Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische

Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer

Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die

Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen,

gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und

beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver

Koketterie gefallen wollte.

Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen

darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch

einen Sitz für Hedwig herbei.

Wo sie nur bleiben mochte?

»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der

Mägde.

»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.«

»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt

auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie

uns so lange auf? Ich versteh' das gar nicht -- der Herr Graf kennt sie

doch auch.«

»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der

Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige

Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.«

»So geh doch,« drängte die Kranke erregt.

Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe

hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit

der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig

eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht.

Ihre Tür stand offen.

Es war so seltsam still dort drinnen.

Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?

Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen

Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben.

Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag

hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem

benahm.

Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?

Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher.

In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige

Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das

Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und

ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch,

ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte

die Gestalt der Bewohnerin auf.

Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt

haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz

und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und

eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte.

Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes

Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine

Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte

preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr.

Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie

unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er

der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken,

während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes

Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten.

Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen -- damals in den Stunden des Glücks --

aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer

Schönheit.

Seine Lippen bebten.

Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort

drinnen.

Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze

Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.

»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird -- das arme Weib,« --

war sein erster, unwilliger Gedanke, -- dann wartete er noch ein paar

Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein

verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer

schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. -- Langsam wandte

sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort.

»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?«

»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.«

»Mich? -- Ja, ich wollte mich erst ein wenig säubern nach dem

schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. -- Sind denn unsere Gäste schon

alle versammelt?«

»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen,

Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich

danke dir dafür, mein Kind. Und -- und Herr von Brachwitz befindet sich

ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?«

»Ja, ich sah ihn.«

»Sag' einmal -- Hedwig -- gehört denn der Herr zu deinen Freunden?«

»Nein.«

»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?«

»Ja -- nein -- das heißt, ich kenne ihn näher.«

»Sieh -- ich will mich nicht 'rein mischen -- es geht mich ja nichts an --

aber -- er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?«

»Auch das.«

Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr

eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit

ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie

langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?«

»Nein -- nie.«

»Nie?«

Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in

dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut.

Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff

sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes

Haar.

Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie

die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen

Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener

lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in

seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er

nachgrübelte, und der ihn anwiderte.

»Hedwig« -- -- murmelte er unwillkürlich.

»Ja, Schwager,« antwortete sie leise.

Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her.

»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.«

Die Sprache versagte dem kräftigen Manne.

Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich

in die Herzensangelegenheiten dieses Mädchen drängen wollte, und doch --

eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die

Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem

innigen Gefühl gesprochen werden könnte -- oder ob -- das Blut stieg ihm

dabei in die Stirn -- ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.

»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?«

»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach.

Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die

Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus,

so daß völlige Dunkelheit entstand.

Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf

die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum

hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit:

»Lassen wir doch den Grafen. -- Er ist eine häßliche Erinnerung für mich,

die ich gern abschütteln möchte. -- Übrigens« -- lachte sie leicht --

»brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager -- eine

ganz alltägliche Dummheit. -- --«

Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und

Treppe einhülle. Mühsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht

beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine

wohltuende Wärme von ihr ausströme.

Da stieß sie einen leichten Schrei aus.

Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach

dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab.

Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.

Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte

sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe

und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von

Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird

es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht

ernsthaft Rücksprache zu nehmen.«

Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. -- »Ja, ja,«

stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. -- Seine Schuldenlast, die

ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen,

Mißernte und die hohe Pacht -- alles zusammen stürzte plötzlich wieder

auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.

Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten

Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs

Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht.

Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte

ihr dann schweren Trittes.

Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden

Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit

mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband,

das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin

abstach.

»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann

strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.

Die Last(#18231) · 第 10 / 38 题