VI.

Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits angebrochen, als Hedwig in

die Stube trat, die sie kurz vorher verlassen, ein modernes Hütchen auf

dem braunen Haar, und über der Taille ein elegantes, offenes Jackett,

das ihren vollendeten Wuchs erst recht hervorhob.

Sie streifte sich Handschuhe auf und spähte dabei aufmerksam zum Fenster

hinaus, wie nach dem Stand des Wetters.

»Du willst fort?« forschte die Kranke mit leisem Vorwurf, während eine

Wolke über ihre Stirn flog, denn die Bedauernswerte hatte bereits die

feste Überzeugung gewonnen, daß sie sich in Gegenwart ihrer Schwester

wohler befinde.

»Ja,« versetzte die Jüngere aufatmend und ohne die verborgene Rüge

sonderlich zu beachten: »Es ist heute so frisch draußen -- wirklich

prachtvoll -- überall ziehen Sommerfäden -- sieh nur -- und hier

drinnen --« sie vollendete nicht, sondern setzte rasch hinzu: »Ich bin

das Wachen doch wohl noch nicht so recht gewohnt -- und dir geht es ja

heute besser -- da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft

machen. In einer Stunde bin ich wieder zurück.«

»Aber Hedwig, wenn ich so allein --«

»Ich bringe dir auch was Schönes mit,« schnitt die andere lächelnd ab

und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte sehnsüchtig durch

die Fensterscheiben der schlanken Mädchengestalt nach, die draußen

bereits ohne sonderliche Eile mit leichten kräftigen Bewegungen über den

Hof schritt.

»Wer doch auch so --,« flüsterte die Kranke endlich, »einmal noch, nur

einmal -- --« Krampfhaft faltete sie die Hände, und ihre Seele hob sich

wieder in jenem einen brünstigen Gebete zu Gott.

Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen. Wer sie so sah, mit dem

eleganten, dünnen Sonnenschirm in der Hand, und ihrer modernen Kleidung,

der hätte kaum geglaubt, daß den braunen, blitzenden Augen dieser jungen

Dame nicht der kleinste Schaden im Strohdach einer Scheune entging.

Sie bemerkte alles. Auch für das Geringfügigste in diesem schweigenden

Gehöft schien sie ein Interesse zu empfinden.

Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer Dunst herausschlug, hockte

auf einem Prellstein ein alter, verwitterter Mann, ein greises, dürres,

zahnloses Menschenkind, das kopfwackelnd dasaß und sich zu sonnen

schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel des Alten stand ein zerzauster

Rabe auf einem Bein und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen

Schlaf versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine Besitzung

umfangen hielt.

»Alterchen,« rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte, und stampfte

leicht mit ihrem Schirm auf den Boden: »Warum sieht der Hof so schmutzig

aus?«

»He?« grunzte der Alte und hob nach Art der Schwerhörigen das Ohr. Dabei

blinzelten seine erloschenen, blöden Augen in das frische, blühende

Mädchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann zu kauen.

Das junge, kräftige Leben da vor ihm gefiel ihm augenscheinlich nicht.

Auch redete sie ihn mit zu wenig Hochachtung an, denn der alte Krischan

aß schon seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot und stand

außerdem im Rufe dunkler lichtscheuer Künste. Der Rabe galt dabei als

eine Art dienender böser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse

zu allerlei schwarzen Taten.

»Schnell -- nehmt einen Besen und fegt einmal ordentlich aus,« rief

plötzlich das schöne Mädchen dringend dazwischen. Ihr war es, als könnte

man damit alles Häßliche und Kranke, was sie hier vorgefunden, mit

starker Hand hinauskehren.

Der Alte regte sich nicht.

Sie stieß ihn an.

Da zog ein leises Grinsen über das verrunzelte Gesicht, der Mund hob an

zu schmunzeln, und ohne sich von der Stelle zu rühren, keuchte er heiser

zur Antwort:

»Arbeiten? -- ne, vörbi -- all lang vörbi -- ne, ne, min Döchting, wenn Sei

hier wat utkihren willen, denn mötens sülwst dauhn.«

»Und Sie, was treiben Sie hier?« rief Hedwig scharf dagegen. Durch ihren

Körper zuckte es. Die schlaffe Faulheit des Alten empörte sie.

»Ick? -- ick töw [Fußnote: warte] ups Starwen.«

»Aufs Sterben?«

Unwillkürlich erblaßte die Angreiferin und trat zurück. Der Alte warf

ihr einen schielenden bösen Blick nach, und der Rabe erhob sich

plötzlich und schlug krächzend und hackend mit den Flügeln nach ihr.

Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Gehöft gegen sie wehren

wollte.

Allein der neue Ankömmling war nicht von der Art, sich von derlei

unklaren Vorstellungen lange beeinflussen zu lassen.

Stolz hob sie das Haupt und ließ kühl die Worte fallen: »Ich werde mit

meinem Schwager über Sie sprechen.«

Im nächsten Augenblick wandte sie sich und eilte grußlos auf die

Landstraße hinaus.

Wie frisch und hell war es hier draußen. Über ihr das unendliche,

leuchtende Blau, vor ihr Felder und Äcker, grüne und braune Flächen, die

einen noch im reifen Schmuck der Spätsaat, die andern bereits wieder

umgepflügt, dazwischen kleine, helle Wässerchen, wie Silberbänder auf

einem bunten Tuch, Duft und Dämmer und blauneblige Wälder in der Ferne,

und über alles hinweg der über den Boden flüsternde Frühwind, der einen

kräftigen Erdgeruch mit sich führte.

Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall mit dem Alten war

bereits vergessen. Hurtig setzte sie über den Graben der Landstraße und

schlug den ersten besten Feldweg ein, der quer über ein Stoppelfeld

führte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar dunkle Punkte auf und

ab schwankten.

Wie einsam es hier überall war. Nur eine Schar Krähen hüpfte auf dem

abgemähten Boden umher, und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden

Dornbusch einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im Sonnenschein

sein kräftiges Liedchen sang. Sonst webte über allem eine heilige

wohltuende Ruhe.

Hedwig blieb stehen und ließ ihren Blick weit umherschweifen.

Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen? So allein, so

ausgesetzt unter fremden Menschen? Denn ihr herber Verstand sagte ihr,

daß auch Else ihr eine Fremde bleiben würde, eine Bedauernswerte, für

die sie sich höchstens ein unangenehmes Gefühl des Mitleids würde

abzwingen können.

Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedrücken.

Wie etwas Schattenhaftes flog es über die Heide, kam auf sie zu und

quälte und ängstigte sie.

Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der Stralsunder Pension und

zusammenzuckend empfand sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr

bisheriges Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche Stunde,

an der alle ihre Gedanken sich festgesogen hatten, so fest, daß ihr

Körper eigentlich halb träumend herumwandelte, beinahe getrennt von

einer leitenden Seele. Und sie fühlte wieder, daß sie etwas in ihrem

Leben vergessen müßte, und daß diese weite Ödnis ringsumher vielleicht

jene stumpfe Ergebenheit in ihr erzeugen könnte, nach der sie sich

sehnte.

Und merkwürdig. -- Noch sann sie diesen dunklen fernen Traum, da erweckte

sie etwas. -- Ein flüchtender Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr

zurück und setzte dann seitwärts über das Feld.

Das Mädchen lachte plötzlich hell auf.

Das frische, selbstbewußte Lachen eines kräftigen Menschen. Was brauchte

sie sich in solchen Hirngespinsten zu verfangen? Es war ja alles

vorüber, bald überhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame

verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte sie weiter; ab und zu

schlug sie mit dem Sonnenschirm spielend an die den Weg begrenzenden

Büsche, und dann verweilte sie wieder, um sich von dem säuselnden Wind

die Wangen kühlen zu lassen.

So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in Manneshöhe über ihr erhob

sich zu beiden Seiten das Feld. An den Abhängen blühten noch wilde

Rosen, ganze rotbraune Bündel von Erika sproßten dort empor, und hier

und da nickten violette Glockenblumen dazwischen.

Gedankenlos pflückte das Mädchen einen Strauß, vielleicht für die eigene

Brust bestimmt, vielleicht für Else, da hörte sie unvermutet hoch über

sich Stimmen laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen.

Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es war Wilms, den seine

Tagelöhner um eine rückständige Schuld zu mahnen schienen.

Vier bis fünf Männer redeten dort oben durcheinander.

»Leute, ich hab' euch doch gegeben, was ich hatte -- nun geduldet euch

noch die paar Tage -- ihr wißt ja, was ich inzwischen selbst alles

durchmachen mußte -- eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins

gleiche gebracht. -- Nicht wahr?«

»Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie, aber bei uns zu Haus

sieht's auch man mager aus.«

»I ne wir wollen Ihnen nicht drängen ne -- dat tun wir nich --«

»Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu uns gewesen, und werden's

woll jetzt allein nich so haben, -- bloß Frau und Kinners --«

»Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.«

Einen Augenblick trat Stille ein. Die Männer schienen stehen geblieben

zu sein, und die Lauscherin vernahm wieder, wie der Wind durch das

Heidekraut strich. Dann sagte der Pächter mit seiner tiefen treuherzigen

Stimme: »Kommt morgen abend zu mir, Leute, dann sollt ihr bestimmt euer

Geld bekommen -- so oder so.« Und in festerem Tone setzte er hinzu: »Und

jetzt geht wieder an eure Arbeit.«

»Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr. Adjüs!«

»Guten Morgen.«

Man hörte, wie sich die Tagelöhner entfernten, und etwas später bemerkte

Hedwig, daß schwere Tritte den Hohlweg herabknirschten.

Jetzt mußte er kommen. Unwillkürlich trat das Mädchen hinter den

Dornenbusch zurück, als wollte sie den Nahenden ungestört vorüberlassen.

Auch der Pächter hatte keine Ahnung von der Nähe eines fremden Wesens,

das ihn und seine Qual erforschen könnte, sonst würde er sicherlich

schnell vorübergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten Stelle

des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust und preßte mit einer müden,

schlaffen Bewegung die Hand gegen die Stirn.

Es lag soviel Müdigkeit darin, soviel verschlossenes Weh.

Jedoch kein Stöhnen quoll über die geschlossenen Lippen, lautlos, ohne

Wort verharrte die große Gestalt, es war ein Trauern, das man mit sich

und mit Gott allein abmacht, versteckt und geschützt durch die

Einsamkeit.

Kein fremdes Auge darf dergleichen erspähen.

Mit ihren kühlen, scharfen Blicken hatte Wilms' Schwägerin dies alles

erfaßt, nun sah sie, wie sich der Pächter die graue Forstjoppe strammer

zog, die Inspektormütze zurechtrückte und festen Schrittes weiterging.

Gott sei Dank. Es war auch besser so.

Bald mußte er verschwunden sein.

Und doch -- ihr Geschick zwang sie plötzlich, sich fast gegen ihren

Willen in das Schicksal dieses Mannes einzumischen.

Schon hatte er die höher gelegene Ebene erreicht.

Ein Stein löste sich von der Böschung, wo das Mädchen stand, und rollte

mit Gepolter in den Hohlweg hinab.

Wilms wandte sich ruckartig zurück.

Täuschte er sich denn nicht? Das junge, elegant gekleidete Weib dort

unten war wirklich -- ja es war Hedwig, sie mußte ihn schon früher

überrascht haben.

Die Züge des Pächters verzerrten sich, etwas Brutales stieg in ihnen

auf, und die Äderchen in seinen Augen wurden blutig.

»Wie kommst du dorthin?«

»Ich?« -- sie schlenkerte nachlässig den Schirm und kam näher -- »ich ging

ein bißchen spazieren.«

»Warum bliebst du denn nicht bei Else?«

»Weil ich es nicht länger aushielt -- das Wachen, glaube ich, hat mich zu

sehr angestrengt.«

Wilms brach los: »Und nun gehst du hier so -- so -- was machst du denn

eigentlich hier?«

Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten.

Aber in dem Mädchen war plötzlich etwas geweckt, etwas vor dem sie sich

selbst graute, und an das sie vorhin so stark gedacht hatte.

Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran und warf ihm einen

einzigen Blick zu: »Ich sagte ja, ich gehe spazieren,« kam es scharf und

trotzig hervor.

Ihre Fäuste in dem zarten Glacéleder ballten sich, ihr Körper zuckte.

Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum Sprung anschickt. Aus

ihren blitzenden Augen leuchtete die Lust, mit ihrem Bedränger zu

ringen. Brust an Brust. Um irgend etwas Unerkanntes -- Kostbares -- um

sich selbst.

Das alles war dem rohen, gutmütigen Bauer so neu, so unfaßbar, daß er

das im Zorn bebende Geschöpf vor ihm minutenlang kopfschüttelnd

anstarrte.

»Was willst du eigentlich von mir?« murmelte er endlich verständnislos.

»Ich?«

Sie erwachte plötzlich wie aus einem wohltuenden Traume und eine

brennende Röte jagte über ihre Züge.

Beide starrten sich noch immer, wie aus allen Himmeln gefallen, an.

Langsam ließ das Mädchen den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete

sich straff auf.

Ein verächtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen.

Es war wohl ihr Schicksal, überall mit den Männern im wirklichen,

körperlichen Kampfe streiten zu müssen. Dieser da schien ihr wenigstens

nicht gefährlich.

»Ich wollte einmal mit dir über deine Verhältnisse sprechen,« begann sie

kurz und herb.

Er stand so groß und kräftig, und doch so ungeschickt vor ihr.

O, wie sie es reizte, diesen ungebärdigen Riesen ihre Macht fühlen zu

lassen.

»Über meine Verhältnisse?« wiederholte der Pächter, kalter Schweiß trat

ihm auf die Stirn.

»Da hast du also vorhin alles mit angehört, wirklich alles?«

»Ja, ich weiß, daß du dich in Geldverlegenheit befindest.«

Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen, die Brust des Mannes

hob und senkte sich, als wollte sie etwas von sich abwälzen, den Kopf

schob er stierartig vor, die Zähne knirschten mechanisch übereinander.

Dann stürzte es aus ihm heraus.

»Und du -- -- was hast du dich da rein zu mischen, du freche Dirn? -- -- --

Was geht dich das alles überhaupt an? Nein, nein, du mußt fort, -- aus

dem Haus -- heute noch.«

Schrie und brüllte er dem Mädchen wirklich all diese Schmähungen ins

Gesicht? Nein, ach nein, matt und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur

durchs Gehirn, über die halbgeöffneten Lippen aber quoll dumpf und

heiser:

»Was geht dich das an? -- Was soll das alles? Wozu drängst du dich in

meine Angelegenheiten? Was?«

»Wozu? -- Weil ich mir Klarheit über die Menschen verschaffen will, bei

denen ich von jetzt an leben soll.«

»Willst -- du denn wirklich bei uns bleiben? -- Hedwig -- aber -- aber du

-- du paßt ja gar nicht hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit --

du solltest lieber wieder gehen.«

Unwillkürlich hatten beide den Weg von neuem aufgenommen und schritten

nebeneinander über die leere Heide.

Der Mann in sich zusammengesunken, das Mädchen schlank aufgerichtet und

geschmeidig, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den Begleiter

heftend.

Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin: »Ja, ja, du solltest

gehen.«

Da faßte Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen hinein.

Es waren die Bewegung und die Manier, wie sie sie drüben in der

aristokratischen Tanzstunde in der alten Hansastadt gelernt hatte.

Stirnrunzelnd ließ es Wilms geschehen, innerlich jedoch empörte ihn dies

elegante Gebaren, obgleich es sich leicht und anmutig genug ausnahm.

»Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich?« fragte sie plötzlich

und ließ ihre klugen braunen Augen fest auf ihm ruhen.

Ihr Arm drückte noch gegen den seinen, so daß sie sein Erschrecken

merken mußte. Den ehrlichen Mann brachte die Lüge, die nun gebraucht

werden sollte, in gänzliche Verwirrung.

»Ich -- nein, -- was denkst du, -- ich habe nichts gegen dich.«

»Und Else?«

»Meine arme Frau wohl auch nichts -- bloß --«

Er stockte und über seine offnen Züge breitete sich wieder jene große

Verlegenheit.

»Bloß -- nun also?«

»Nun, du bist uns wohl nur zu sehr überlegen« -- stammelte er. »Du hast

soviel Bildung genossen -- drüben in der feinen Pension -- Else und ich,

wir sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen Einkünfte, du

hast es ja selbst gehört, das wird dir doch auf die Dauer nicht

gefallen.«

Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen Glieder fühlen

konnte, und flüsterte rasch und mit einem Ausdruck der Teilnahme: »Aber

ich möchte ja so gern meine Kräfte für euch einsetzen, ich bin stark,

Schwager, und möchte euch gern helfen.«

»Wirklich?« fuhr er auf und wandte sich voll zu ihr. »Das willst du in

der Tat?«

Sie nickte und sah ihn ernst an. »Und wieder ein bißchen Ruhe und

Gemütlichkeit bei euch verbreiten. Das fehlt doch bei dir?«

Der Pächter entgegnete nichts, aber er seufzte tief auf und schaute in

sich gekehrt auf den Waldessaum, dem sie jetzt zustrebten.

Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr interessiert fort:

»Früher warst du doch selbst gewiß viel heiterer?«

»Ja früher« -- wiederholte der Landmann, tief Atem holend -- »früher -- da

mag's wohl so gewesen sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging

ich auch oft mit Else über das Feld -- --«

»Wie jetzt?« warf sie rasch dazwischen.

Wilms ließ einen scheuen Blick über sie fortgleiten und löste seinen Arm

ungeschickt von dem ihren. »Ja, mein Kind, beinahe so,« äußerte er

gedrückt. Und nach einer Pause setzte er fast abfällig hinzu: »Du siehst

ihr eigentlich gar nicht ähnlich.«

»Nein,« bestätigte seine Begleiterin.

Es klang scharf und herb.

Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den Waldpfad ein.

Es war ein weitgedehntes Kieferngehölz, mit regelmäßig ausgehauenen

Wegen, die schnurgerade wie schmale Chausseen den Wald durchschnitten

und sich in Dämmerung zu verlieren schienen.

Die Wipfel der Bäume waren in helles Sonnenlicht getaucht und wiegten

sich in dem leisen Luftzug hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll

den Stämmen. Von fern hörte man das eintönige Geräusch der fällenden

Axt. Und laut und stark schrie ein Häher in der Luft.

Die beiden einander so fremden Menschen waren schon weit in den

einsamen, schlummernden Wald eingedrungen, da begann Hedwig unvermutet

von neuem das Gespräch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die

dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr ganzes Wesen schien

von einem festen Entschluß beherrscht zu sein.

»Wohin gehst du jetzt?« forschte sie kurz.

Und gerade diesen Ton konnte der Landmann nicht vertragen. Mißmutig

schüttelte er den Kopf und schien nichts vernommen zu haben.

Sie blieb plötzlich stehen.

Er wandte sich unwillig zurück und winkte, aber sie rührte sich nicht

von der Stelle.

In dem enganliegenden Jäckchen, dem modischen Hut und ihrem blühenden

Gesicht darunter, nahm sie sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten

Kiefern.

»Wohin du gehst, möchte ich wissen?«

Und merkwürdig, ihr Blick traf so fest und ernst den seinen, sie standen

sich wieder so dicht gegenüber, daß es dem Manne peinlich wurde.

»Zum Förster,« gab er nach, und unwillkürlich murmelte er hinzu: »Ich

will ihm Heu verkaufen.«

»Du brauchst das Geld wohl für die Tagelöhner von vorhin. Nicht wahr?«

Wie sie das riet. Wie praktisch das Mädchen dachte, es tat dem leidenden

Manne ordentlich wohl, daß sie das Rechte getroffen.

»Ja, ja,« brachte er voller Angst hervor, »wenn er es nur kaufen

möchte.«

Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des Mädchens glitt ein

hochmütiger Zug. »Er wird schon,« entgegnete sie bestimmt, »hat er eine

Frau?«

»Ja, jung verheiratet.«

»Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu bestimmen suchen.

»Ach ja, Hedwig, das wäre -- sehr schön -- von dir --« stotterte er mit

niedergeschlagenen Augen.

Ein heißes Gefühl stieg in ihm auf, etwas wie Dankbarkeit, etwas wie die

Lust, sich anzuschließen an ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch

-- große Schweißtropfen der Scham perlten ihm dabei auf der Stirn. Sie

bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen. Ohne Widerspruch ließ er

es geschehen, daß sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit

ihr dann stürmisch in ungewöhnlicher Hast vorwärts.

Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen ebbte das Blut, er sah

sie an und merkte, wie ihre Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem

strömte ihm frisch entgegen.

Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die er suchte, die

Schwester seines armen, geliebten Weibes, die ihm Trost bringen wollte.

Wie jugendfrisch und kräftig sie war.

»Hedwig, du fragtest vorhin -- -- --«

»Nach deinen Verhältnissen, ja.«

»Ich -- ich -- Hedwig -- wenn ich nur Vertrauen -- --«

Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen, übermächtig. Er vergaß,

wer sie war, er ergriff ihre Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit

stammelnden stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen Gemüt dieser

verschlossenen Seele offenbarte er sich, entlastete er sich von dem

überschweren Druck, schüttete er all sein Weh vor dem schönen Mädchen

aus.

Und wahrlich, sie war schön.

Denn während er sprach, hob sich ihre Gestalt, ihre Glieder schienen

sich zu dehnen, üppiger zu werden, und während er von der rückständigen

Pacht erzählte, von der achttägigen Frist, die ihm der Handelsmann in

Grimmen gelassen, von seiner vollständigen Zerrüttung, da war es, als ob

sie mit gieriger Lust all diese Mühsal auf ihre Schultern zöge, um sie

fortan allein und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte, sah er

sie an und erschrak.

Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer seiner Erzählung hatte er sie

an sich gepreßt, als ob er sie umfangen wollte.

Entsetzt, erwachend, fuhr er zurück.

»Dort -- dort ist das Forsthaus,« stammelte er.

Die Last(#18231) · 第 9 / 38 题