Der Nachmittag war im Verdämmern. Auf dem Hof webten bereits graue
Schatten und krochen an den Wänden der Scheunen empor, aber in dem
Krankenzimmer brannte eine große schöne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk,
das noch nie benutzt war, und das jetzt eine strahlende, gemütliche
Helle verbreitete.
»Hier muß es doppelt licht sein,« hatte die jüngere Schwester gemeint
und dann die Staatslampe einfach von der Glasservante heruntergenommen
und sie instand gesetzt.
Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem Bett und sah mit
blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen hinein, während sie die Hand der
Schwester, die neben dem Lager saß, mit ihren schmalen Fingern fest
umspannt hielt.
In der Mitte der Stube, vor dem großen Tisch, hatte Wilms Platz genommen
und beugte sich eifrig über ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten
vernachlässigt war. Nur langsam und schwerfällig vermochte der große
Mann zu rechnen, aber es tat ihm schon unsäglich wohl, endlich einmal
Klarheit in seine Verhältnisse bringen zu können. So mühte er sich fort,
und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und lauschte zu den beiden
Frauen hinüber.
Dort drüben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam, nicht aus der Bibel.
Die neue Pflegerin hatte sofort erklärt, es sei nicht zweckmäßig, einer
Leidenden etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig wisse und zudem
auch ihre Gedanken stets auf Tod und Vergänglichkeit hinweise. -- Nein,
etwas Neues, Heitres müsse gewählt werden, und sofort war sie in ihr
Dachstübchen hinaufgeeilt, um das Versprochene zu bringen. -- Als sie
nach einiger Zeit zurückkehrte, hatte sie auch die Kleidung gewechselt.
-- Ein schwarzes Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken
Körper und ließ sie noch kräftiger und selbstbewußter als bisher
erscheinen. Lächelnd setzte sie sich an das Lager und begann vorzulesen.
Es war die von einem modernen, schwedischen Satyriker verfaßte
Geschichte eines jungen Mädchens, das mit zwei Liebhabern zugleich
tändelt, um schließlich eine Geldheirat einzugehen, in die sie als
einzige Aussteuer die beiden Verlassenen als Hausfreunde mit
hineinbringt.
Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht. -- Sie hatte sich in
ihren Kissen aufgerichtet und folgte den feinen Spöttereien mit
befriedigter Verwunderung. Zuweilen huschte sogar ein schwaches Lächeln
über ihr blasses Gesicht.
Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches Zeichen herbeigesehnt, und
jetzt schien die Ärmste ihr Leiden beinahe vergessen zu haben.
Unwillkürlich verfing sich auch der Landmann in den liebenswürdigen
Worten, die von Hedwigs Lippen so frisch und hell hinabströmten. Er
stützte das Haupt und sah aufmerksam zu ihr hinüber. -- Und doch --
während er mit Behagen auf ihren lebendigen Vortrag hörte, nagte sich
leise wieder jene unerklärliche Abneigung gegen das Mädchen in sein
ehrliches Gemüt hinein, die er nicht bannen konnte, die ihn förmlich
verfolgte.
Schon wie sie dasaß, tief in ihren Stuhl zurückgelehnt, daß alle Formen
des jugendfrischen Leibes einen Kampf gegen das einengende Gewand
führten, so ungebunden, so ohne Rücksicht auf ihn, als ob er gar nicht
vorhanden wäre, den Kopf zur Seite geneigt und auf ihren Zügen all jenen
wechselnden, prickelnden Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der
Inhalt des Buches wiederspiegele, -- das gehörte alles nicht hierher,
nicht in die pommersche Krankenstube hinein, das war etwas Unreines,
Unerträgliches. -- Und jetzt empfand er auch, wie frech und unpassend das
war, was sie las.
Die Röte stieg ihm in die Stirn. Schwerfällig erhob er sich, ging
mehrmals im Zimmer auf und ab, und räusperte sich endlich stark:
»Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufhören?« Und da geschah das
Unerwartete.
»Nein,« -- Else fröstelte und schüttelte unwillig den Kopf: »Du mußt auch
immer stören,« beklagte sie sich. -- »Laß uns doch unser Vergnügen. Ich
bin ja so froh, daß ich endlich ein wenig Abwechslung finde.« -- Und
wieder drückte sie der Schwester die Hand.
Das auch noch.
Etwas Unverständliches murmelte der Pächter vor sich hin, heftig wollte
er erwidern, aber die Gewohnheit, sein Weib unter allen Umständen zu
schonen, war stärker. Mühsam bezwang er den aufsteigenden Zorn und
verließ mit starken Schritten das Zimmer.
Als er die Tür schloß, hörte er das Mädchen wieder laut und fröhlich
weiterlesen.
Ein paar Stunden lief er draußen in der Dunkelheit umher, immer die
gerade Chaussee entlang, und suchte seinen Unmut abzuschütteln.
Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe und Unfrieden ins Haus. Er
hatte es ja voraus gewußt. -- Das Mädchen paßte eben nicht in den
beschränkten Kreis. Ob es nicht das beste wäre, sie wieder zum Gehen zu
veranlassen? -- Er seufzte -- -- das durfte man leider nicht wagen. -- Und
dann, wie gleichgültig und verächtlich sie ihn selbst behandelte. Das
Achselzucken und das über ihn Fortsprechen. Er galt dem Fräulein eben
nur als »Bauer«.
»Ha -- ha!« Unvermittelt blieb der Pächter stehen und atmete tief auf. --
Ihn bedrückten ja ganz andere Sorgen, als dieses fremde Mädchen. Wie
konnte er es nur einen Augenblick vergessen?
Die Schuldenlast -- die entsetzliche Schuld. Acht Tage Frist hatte er, in
dieser Zeit mußte er 1200 Taler schaffen, sonst gehörte sein ganzes
Inventar dem Juden. Aber woher? -- woher?
Laut stöhnte er auf, und so heftig packte ihn wieder die Verzweiflung,
daß er eine Pappel der Chaussee umklammerte und den starken Stamm
schüttelte und stieß, bis eine Wolke dürrer Blätter auf ihn herunter
raschelte.
Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles war dunkel und
still. Nur die raschen Blätter dort oben begannen wieder durcheinander
zu rauschen.
War das nicht, als ob ein Mensch spräche?
Hedwigs Stimme -- deutlich vernahm er sie wieder in der Höhe lesen,
lachen und kichern.
Der Einsame zuckte zusammen und horchte um sich. -- Ja, es war etwas
krank in ihm, es schmerzte ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr
ihn das Bewußtsein, daß die kranke Frau zu Hause, die er so
leidenschaftlich, so tief, so gramerfüllt liebte, ihn zum Schwächling
gemacht, daß dieses blasse, abgezehrte Weib seine Kraft gestohlen, daß
es täglich sein Blut aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen,
genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als Knabe gelernt, daß
er den Verfallenen die Adern aufbeiße.
»Gott schütz' mich -- Elsing -- Elsing, was ist mir nur?« stammelte Wilms
und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn -- »nach Hause -- nach
Hause.«
Er lief, er stürmte dahin, bis er mit keuchender Brust den öden,
schlummernden Hof erreicht hatte. Auf den Zehen schlich er dann durch
den Flur und öffnete geräuschlos das Zimmer.
Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem Halbdunkel, aus dem die
unruhigen Atemzüge der Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke
Gestalt und kam unhörbar auf den Eindringling zu.
Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger auf die Lippen und
raunte kurz:
»Sie schläft -- ich werde heute bei ihr wachen.«
»Du?«
»Ja.«
»Du? Nein, das -- das will ich nicht.«
Das Mädchen beugte sich plötzlich vor, daß er ihren Atem fühlte.
»Und warum nicht?«
Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und blieben erstaunt und
fragend aneinander hängen. Da rollte die Uhr; die Liegende regte sich,
und dann -- Wilms trat zurück und murmelte müde:
»Meinetwegen.«
Damit schloß er die Tür, um sich draußen leise über die knarrende Treppe
nach jener Kammer unter dem Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft
genächtigt hatte.
Und so gleichgültig und abgespannt fühlte er sich, daß er sich selbst
gar nicht die Frage vorlegte, warum er dem Mädchen nachgegeben.
Oben in der kahlen, weißgetünchten Stube entkleidete er sich schnell,
und bald lag er ausgestreckt in dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte
Ruhe finden zu können.
Die niedrige Decke drückte ihn beinahe auf den Kopf, und immer wieder
hob er das Haupt und lauschte auf das Ächzen und Pfeifen des Windes, der
klagend über das Dach strich.
Es klang ebenfalls wie das Stöhnen eines gefolterten, riesenhaften
Leibes.