Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick vor und schreckte den
Landmann aus seinen Betrachtungen auf. Gravitätisch stieg der Kutscher
in einer reichen, silberüberladenen Livree vom Bock, und Wilms erkannte,
daß sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe, der so streng auf die
Eintreibung des Pachtgeldes bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten
müsse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig, der Kutscher schritt
vornehm an ihm vorüber, und um dieselbe Zeit verkündete ein rasches
Keuchen und Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung war Wilms an
den Schienen, die Bahnhofsglocke erklang, langsam und kreischend hielten
ein paar Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und da -- aus einem
Coupé sprang rasch und elastisch eine schlanke und dabei doch voll und
kräftig gewachsene Mädchengestalt heraus, sah sich um, und hatte mit
einem, einzigen, klaren, zielbewußten Blick den Wartenden erkannt.
»Schwager.«
Wilms horchte auf. Die Stimme tönte so frisch und hell, so
willenskräftig, beinahe, als wenn sie das Befehlen gewohnt wäre. --
Seltsam, das Mädchen war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja eine
Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr die Hand
entgegenstreckte und ein paar ungeschickte Begrüßungsworte
hervorbrachte, da leuchteten ein paar große, braune Augen erst einen
Moment forschend in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen
den Mund, und mit einer gewissen peinlichen Beklemmung mußte sich der
große ungeschickte Mann herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm
beinahe fremden Person zu küssen. Eine fröstelnde, unangenehme
Empfindung beschlich ihn dabei. -- Und diese vornehme Gestalt sollte bei
ihm die Wirtschaft führen? -- Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche
ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten, als er plötzlich von
einem jungen Herrn im Jagdkostüm angesprochen wurde, der sich ihm
lachend in den Weg stellte.
»Halt, Herr Wilms, nicht so schnell -- na, Mensch, kennen Sie Ihre alten
Freunde nicht mehr?« Dabei lüftete der Jäger vor Hedwig höflich die
grüne Mütze, während er sich seine Doppelflinte gewandt an einem Riemen
über die Schulter warf. Wie er so dastand, bildete er den Typus eines
hübschen, jungen, eleganten Aristokraten, mit seinem schwarzen
Schnurrbärtchen in dem braunen Gesicht, und mit dem lässigen,
kraftbewußten Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte ein
Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den Taschen des jungen Herrn
schnupperte ein brauner Jagdhund herum.
»Herr Fritz -- Herr Graf« -- fuhr Wilms heraus.
»Ach was,« schnitt der Weidmann ab und schüttelte dem Pächter
wohlwollend die Hand: »Sagen Sie, wie Sie Lust haben. Hier draußen
kommt's ja doch nicht drauf an. -- Habe nämlich quittieren müssen -- Papas
Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem Gut vernünftig werden soll. Als
wenn ich nicht schon so vernünftig wäre, daß es einen Hund jammern
könnte,« setzte er hinzu und wandte sich wieder an Wilms' Begleiterin.
»Gnädiges Fräulein besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?« fuhr er
liebenswürdig fort. »Auch nicht auf den Pensionsball, wo ich das Glück
hatte, mehrfach bevorzugter Tänzer zu sein -- wirklich nicht? --
Allerdings, wenn man so belagert wird.« Und wieder lüftete er freundlich
die Mütze. -- »Sind Sie denn mit Herrn Wilms bekannt, verwandt,
verschwägert, oder wie ist das?«
»Jawohl, ich bin die Schwägerin des Herrn,« gab das Mädchen höflich zu,
und doch hörte der Landmann wieder einen kühlen abweisenden Ton heraus,
der sich mehr für eine Komtesse, als für die Tochter des Rendanten
Schröder aus Grimmen schickte. Auch der junge Graf starrte ihr einen
Augenblick betreten ins Gesicht, dann schien er plötzlich an der
Unterhaltung keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah sich, ohne auf
das Mädchen weiter Rücksicht zu nehmen, nach seinem Bedienten um, und
forderte, indem er eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem
Murmeln Feuer.
»Gut -- brennt schon -- na, auf Wiedersehen, Wilms -- (er vergaß beiläufig
das 'Herr') habe die Ehre, mein Fräulein -- heda, Hektor.« Er pfiff dem
Hunde, grüßte leichthin und sprang auf den Wagen, dessen Zügel er
ergriff. Hinter ihn setzte sich der Kutscher, und mit elegantem,
unhörbarem Rollen flog das Gefährt davon.
Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog, blickte sich der Jäger
noch einmal um und spähte scharf zurück. Hedwig, die bereits neben Wilms
auf dem Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein keckes,
spöttisches Lächeln flog um ihre frischen Lippen, immer heimlich von dem
Landmann beobachtet, der in sich gekehrt neben ihr saß und kutschierte.
Scheu blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie kam das junge
Mädchen zu solchen Bekanntschaften? -- Sie schien den jungen Herrn doch
besser zu kennen, als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie ihn
so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein, das war nicht die
Person, die er brauchte, damit sie Else pflegen und ihm selbst in der
Wirtschaft helfen sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war
berechtigt gewesen. Wie sie jetzt neben ihm saß, die schlanke Figur ein
wenig vornüber geneigt, die großen, braunen Augen durstig in die sonnige
Ferne gerichtet, die Lippen geöffnet, als tränke sie die einströmende
Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein zu fremdes Wesen.
»Mein Gott, was wird Else dazu sagen?« dachte er bekümmert. »Und was sie
für einen Hut trägt, was für Handschuhe?«
Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer, der etwas Unangenehmes
rasch zu Ende bringen will, und im scharfen Trab rollte das Gefährt
dahin, ohne daß Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen
hätte.
Nur einmal fragte sie beinahe gleichgültig, immer die Augen in die Weite
gerichtet: »Ist Else noch so hübsch, wie sie war?«
Wilms biß sich auf die Lippen, die Zügel in seiner Hand lockerten sich
unwillkürlich.
Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare Stimme tönte genau so
kühl, so obenhin, so völlig uninteressiert, als hätte ihre Frage einer
ganz nebensächlichen Person gegolten.
Und das war die Schwester, die sich nach seinem armen gequälten Weibe
erkundigte?
»Ja,« fuhr er rauh heraus, »gerade noch so hübsch -- genau so -- --
allerdings spazieren gehen kann sie nicht mehr und sich putzen.«
Anklagend und beleidigt klangen die wenigen Worte, und Hedwig richtete
zum erstenmal ihren Blick forschend auf ihren Schwager. Sie schien
verwundert und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe mit
absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: »Die lange Krankheit hat wohl
viel Geld gekostet?«
Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie ein Wütender hieb er auf
die Tiere ein, im gestreckten Galopp ging's weiter.
Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im ungemütlichen Schweigen
durchfuhren sie das Dorf, bis sie endlich auf dem Pachthof anlangten.
Verträumt, verfallen, lautlos wie immer lag er da. Und diese Todesstille
lockte Hedwig das erste Wort ab.
»Merkwürdig,« murmelte sie befangen, als Wilms ihr zum Herabsteigen die
Hand bot, »das hätt' ich mir anders gedacht. Ist es hier immer so
lautlos?«
»Ja, mein Kind, immer. Aus Rücksicht für Else. Und dann ist auch heute
Sonntag.«
»Ja, so -- so, so,« wiederholte sie in sich gekehrt. Wilms sah, daß sie
noch einmal mit einem ihrer langen, klaren Blicke das Anwesen überflog.
Dann strich sie sich über die Stirn und äußerte rasch und dringend, als
ob sie dem Anblick entfliehen wollte: »Komm -- gehen wir zur Schwester.«