Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt. Mit der linken Hand
hatte sie die Bibel umklammert, die rechte fingerte nervös an der Wand,
und ihre krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster gerichtet.
Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof, das Knarren der Torflügel, das
jetzt laut werdende Grunzen der Schweine, alles störte sie. Sie war ganz
aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte, forschte sie
atemlos nach dem Grund all dieses Lärms. -- -- Ja der Grund --
Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten? Konnte er gestehen, daß
man jetzt den besten Teil seines Besitztums forttriebe, daß andere
Trümmer bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn
zusammenbrechen würden, um ihn, den starken, kräftigen Mann, der nun
schon seit Jahren, wie gelähmt, an dieses Bett geschmiedet war, so fest,
daß alle Bewegungsfähigkeit gehemmt schien? -- Merkwürdig, ihm war es,
als wäre sein Weib gesünder, als er; und er selbst gebrochen,
ausgezehrt, kraftlos, ein toter Mann, der in dem großen Lehnstuhl hockte
und vor sich hinstarrte.
»Was hantieren sie denn dort draußen so laut?« klagte das Weib und
klappte nervös mit dem Deckel der Bibel -- »soll denn gar nicht ein
bißchen Rücksicht auf mich genommen werden, Wilms?«
Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen die arme Frau, war sein
einziger Gedanke. -- Der Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen.
»I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufhören.«
»Ja, aber was machen sie denn?«
»Ach, Rosenblüt ist bloß da und -- und kauft mir Vieh ab.«
»Der Jude?« rief die Kranke und richtete sich auf. -- »Sieh -- sieh da,«
stotterte sie und zeigte gerade aus, »da steht er vor dem Fenster -- und
guckt hinein, gerade auf mein Bett.« Entsetzt fiel sie zurück und zog
die Decke hoch, so daß sie nicht mehr bemerken konnte, wie Rosenblüt mit
allerlei Grimassen ihren Mann hinauswinkte. »Wilms, ich kann den Juden
einmal nicht leiden -- was hast du auch immer mit ihm. Immerfort was. Der
Herr Pastor sagt auch, daß du dich zuviel mit ihm abgibst.«
»Still, Elsing, ich hab' schon manch gutes Stück Geld an dem Mann
verdient.«
»Ach wo -- die betrügen ja alle. Du verstehst bloß die Wirtschaft nicht.«
-- Das war ein böses Wort.
Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner Brust. Draußen winkte Herr
Rosenblüt immer energischer.
»Ich muß jetzt aber doch einen Augenblick auf den Hof, Elsing,«
ermunterte sich der Mann endlich.
»Schon wieder?«
Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff seine Hand: »Du bist
ja eben erst hereingekommen. -- Und dann -- mir ist immer so wohl, wenn du
bei mir bist, sobald du mich aber allein läßt, dann überfällt mich
wieder die schreckliche Angst -- du weißt ja -- als ob mir was auf der
Brust säße« -- sie keuchte -- »nicht wahr, du bleibst?«
Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem hohen Lehnstuhl zusammen. Das
war das Bild seines Lebens. -- Die Last zog an ihm und zog ihn abwärts.
Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter. Wie es mit der
Wirtschaft stünde? -- Doch gut? Und der Pastor hätte ihr eine Annonce
gebracht, in der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer
angepriesen würde. 150 Mk. »Nicht wahr, das ist nicht zu viel? -- Das
erübrigst du doch für deine Frau? Du hast mich doch lieb? Nicht wahr?« --
Und dann kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und gesund in ihrem
Hauswesen herumgesprungen wäre, und wie furchtbar verliebt Wilms sich
als junger Ehemann gebärdete. Hinter jeder Tür, wo es die Leute nicht
sehen konnten, hätte er um einen Kuß gebettelt. »Ach, küsse mich noch
einmal so. -- Ich bin doch eigentlich noch so jung.«
Halb betäubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, daß
er für nichts mehr das volle Verständnis besaß.
Da wurde an die Tür geklopft. Erst leise, dann energisch, und
schließlich trat Herr Rosenblüt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in
der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich
umschlungen haltenden Gatten ließ ihn einen Moment verstummen, eine Art
Rührung zuckte in den Zügen des Händlers auf, dann aber drängte die Zeit
gar zu gewaltig, und er räusperte sich stark: »Guten Morgen -- Frau Wilms
-- ich bitte um Entschuldigung -- wie geht es Ihnen? -- aber es ist die
höchste Zeit, Herr Wilms -- ich muß mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der
Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.«
Die fremde Stimme traf Else wie ein Schuß.
»Großer Gott, wer ist das?« stammelte die Kranke, als sie den
Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und
über ihr Gesicht flutete eine brennende Röte: »Was will er hier? --
Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Geschäften da? Warum gehst du mit
dem Herrn nicht in die Wohnstube?«
Es war ein unfreundlicher Gruß, und Herr Rosenblüt stand wie
angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm faßte und begütigend
aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der Händler soweit gefaßt, daß er
energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte:
»Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich
Ihnen, verehrte Frau.« Aber Wilms ließ ihn nicht, und mit vielen Bitten
und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tür, in
deren Mitte ein großes, ovales, durch eine Gardine verdecktes
Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen
einfache grüne Ripsmöbel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und
mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein großer, tapetenüberklebter
Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polsterstühle nieder, stützte
seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Geschäftsfreund nach
dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als
ob der Geist des Mannes auf düsteren Irrpfaden wandele. Und dieses
Gebrochensein, dieses vollständige Einschlafen einer ehemals großen
Kraft erschütterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat
er auf ihn zu. Dann berührte er mit seinem Stock die Schulter des
Sitzenden, und während er ihm nun unaufhörlich leise auf die Achsel
schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag,
aber Wilms hörte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges,
mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frührotschimmer, ein
aufblitzendes Licht. -- Herr Rosenblüt war über die Pfändung empört. --
Der Beamte hätte gewiß das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft
gezogen, die schönsten Stücke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht
weiter existieren konnte. Seine Entrüstung war zu ehrlich, es sprudelte
nur so aus ihm. -- »Was soll das heißen? -- Daran verdient der Graf ja ein
Heidengeld? -- Die besten Tiere -- Kunststück. -- Wilms, wissen Sie was?
Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafür die
gepfändeten Stücke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht
an mich zurückerstatten können, dann, nun dann gehört alles mir. -- Das
ist 'ne Spekulation. -- Ich bin ein Geschäftsmann -- das ist 'n Geschäft --
wollen Sie?«
»Ja, ja.« O, es war ja dem Verschmachtenden, als hätte ihm eine
freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung
gereicht. Er fühlte förmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig
durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. -- Acht Tage Zeit --
noch eine ganze Woche? -- Ja, bis dahin mußte ja Rettung kommen, irgend
woher, gleichviel, jedenfalls war vorläufig die entsetzlichste Last von
seiner Seele gewälzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte
sich rasch.
»Ja, alter Freund, natürlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden,
geben Sie her.«
Der Händler jedoch hielt noch einen Augenblick mißtrauisch inne.
»Herr Wilms, nehmen Sie mir's nicht übel, ich habe noch eine Bedingung.«
»Ach wohl wegen der Zinsen?«
»Bewahre -- das wird sich schon finden, versteht sich, Zinsen auch. Nein,
es betrifft etwas anderes, aber das sag' ich Ihnen später. Jetzt gehen
Sie raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger da draußen ab. --
Vorwärts.«
Damit zählte er eine Anzahl Kassenscheine auf den Tisch. Wilms griff
danach und schritt ohne ein weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der
Vollzugsbeamte in dem Viehstall sein Werk gerade beendet hatte.
In wenigen Minuten hielt der Überraschte die fragliche Summe in der
Hand, schrieb noch im Stehen eine Quittung, schüttelte Wilms die Hand,
sprang auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter.
Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie ein verfließender, böser
Traum. Wilms und Rosenblüt standen unter dem morschen Tor und blickten
dem entschwindenden Gefährt nach. Als es jedoch hinter dem Tannenschlag
in einer Senkung der Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der
Händler vor seinem ernsten Geschäftsfreund auf, steckte die eine Hand in
die Tasche und klapperte mit seinem Stock an den Stangen des Zaunes hin
und her.
»Hören Sie mal, alter Freund,« begann er endlich unruhig und spie vor
sich hin. »Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange.
Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann müssen Sie sich wieder
ausschließlich um Ihre Wirtschaft kümmern. -- Und das können Sie nur,
wenn Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen. 'ne Pflegerin,
oder so was Ähnliches. Es gibt ja Krankenschwestern genug. Auch kann ich
mich ja mal in Grimmen danach umsehen.«
Wilms strich mit der Hand über die Stirn. Das, was er eben vernommen,
klang wie eine eherne Anklage in ihm fort. »Ja, ja,« murmelte er halb
für sich, »ich habe ja auch schon daran gedacht -- aber es geht doch
nicht.«
»Geht nicht?«
Herr Rosenblüt fing an, sich zu ärgern.
»Ja, warum denn nicht?«
»Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden will. -- Ich muß ihr den
Willen tun, dem armen, gequälten Weib.«
»Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte kommen. -- Und ja --
hören Sie mal« --
Der Redende richtete sich plötzlich auf und schlug dem Hofbesitzer
energisch auf die Schulter -- »Donnerwetter, da fällt mir etwas ein.
Wilms, Ihre kleine Schwägerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund
zurückgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen steigen, als sie in
das Haus Ihres Schwiegervaters ging. Ein strammes Ding, so groß« -- Herr
Rosenblüt zeigte eine gigantische Höhe -- »die nehmen Sie sich -- die wird
hier schon Ordnung schaffen. Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in
Grimmen mit dem Alten ein paar Worte reden. -- Na also?«
Wilms war gepackt. Fest starrte er den Händler mit seinen überbuschten,
blauen Augen an und sann nach. Zwar kannte er die jüngere Schwester
seiner Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die kleine Hedwig
ein sechzehnjähriges, schweigsames scheues Mädchen gewesen, dem er nicht
viel Beachtung geschenkt hatte. Ja, er besann sich, daß ihr eigentümlich
lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal verdrossen, aber doch -- --
der praktische Händler hatte offenbar das Rechte getroffen.
Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden. Und vor allen Dingen:
er wurde frei, frei und unbehindert für sein mühseliges Gewerbe. -- Noch
einen Augenblick schwankte er, noch einmal überflog er kurz das Fenster
der Krankenstube, dann erklärte er dem Händler entschlossen, daß er
seinen Rat befolgen würde. Noch heute sollte ein Brief an den
Schwiegervater des Landmanns, den alten Rendanten Schröder zu Grimmen,
abgehen.
»Bravo! -- ein Mann ein Wort, Herr Wilms,« mahnte der Kaufmann dringend,
als er seinen harrenden Wagen bestieg, »nicht wahr?«
Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt:
»Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblüt.«
»Und wenn ich wiederkomm', sieht es hier anders aus,« rief der
Scheidende zurück, dann ein Händedruck, und auch der zweite Wagen rollte
davon.
Wilms aber stand mitten auf der Landstraße und sah ihm nach.
Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und
sinnend schritt er in sein Haus zurück.