Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch
frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr,
und erfrischend rieselte der Regen auf sein entblößtes Haupt.
Merkwürdig. -- Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Gehöft
gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, daß all sein
Hab, Häuser und Scheunen, Ställe und Gerätschaften, Menschen und Vieh
wie von einem drückenden Traum befangen wären.
Es zerfiel und zerbröckelte alles, es wurde morsch und verging. -- Und er
selbst?
Erschreckt fuhr er auf.
Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine beträchtliche
Spalte. Ungehindert floß der Regen hindurch und machte ihm die
Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn
nicht bemerkt.
Früher war er als der werktätigste Landwirt Vorpommerns bekannt
gewesen; er allein wußte, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach
die goldigen, Nahrung bringenden Körner abzugewinnen; jetzt stand es
anders. -- Es ging bergab mit ihm.
Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei Rädern. Das vierte
gebrochen daneben. -- Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte?
Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gefährt träge dahin, Wilms rief ihn
laut an; aber der Mann wußte von nichts, und schon wollte ihn der
Landwirt mit einem kräftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die
Kranke, und beinahe flüsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu
holen.
Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mütze auf und
schritt schwerfällig die Landstraße entlang. Zu beiden Seiten dehnten
sich seine Felder.
Auf das braunschollige Ackerland rauschte hörbar der Regen, und nur
allmählich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht
wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten
Männer und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder,
als hätte sie der Boden eingesogen.
»Wie steht's mit den Kartoffeln, Karl?« fragte Wilms endlich einen
jungen, flachsköpfigen Burschen, der tiefgebückt die gesammelten Knollen
in einen Korb warf.
»Der Herr weiß ja -- der Regen -- es dauert schon zu lang.«
»Ja, ja« -- Wilms ballte die Fäuste, und in sein ernstes, ehrliches
Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermüdet
auf einen eisernen Pflug niederließ, der auf dem kotigen Acker herumlag,
da hätte man ihn für einen alten, gebrochenen Mann halten können. Und er
zählte doch erst zweiunddreißig Jahre und stand in der Blüte der Kraft.
Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es
war, als ob sie ein häßliches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit
wackelndem Kopf -- eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten -- die
Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn.
Er sank immer tiefer in sich zusammen und ließ seine Leute schaffen, was
sie wollten.
Da klang Wagengerassel die Landstraße herab. Ein elendes, ächzendes
Gefährt näherte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem
Stoppelbart, und in den Stoppeln saß ein sehr rotes, verschwollenes
Gesicht, aus dem ein Paar wässerige Äuglein und eine Hakennase lustig
hervorlugten. Der Ankömmling hieß »Herr Rosenblüt«, klimperte im
Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer
in dem Landstädtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. -- Ein
gesetzter, umgänglicher Mann.
Heute zeigte sich der Viehhändler indes sehr aufgeregt. Er schritt
gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor
ihm auf.
»Herr Wilms,« begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin
und her. »Was soll das heißen? -- Was ist denn geschehen -- bei Ihnen zu
Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...«
»Doch nicht meine Frau?« stammelte Wilms und sprang auf -- »nicht wahr? --
So sagen Sie's doch,« wiederholte der unglückliche Mann heiser.
»Nein, nein, nicht Ihre Frau -- ich meine bloß -- -- es ist da einer von
den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf
meinen Wagen« -- und leise setzte er hinzu: »Was wollen Sie erst einen
Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.« Bald
knarrte und ächzte das Fuhrwerk auf Wilms' Gehöft zu, und Herr
Rosenblüt saß neben dem Besitzer und starrte ihm ängstlich ins Gesicht,
bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten.
Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu
um.
Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und
unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit
zu Zeit einen ängstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf
und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren.
Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksicht auf die leidende Frau
gewöhnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerhört,
erschreckte alle förmlich.
»Da is uns' Herr,« sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des
Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerfällig
näher, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken
sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn
perlten große Tropfen. Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den
Beamten, mit ihm in die nächste Scheuer zu kommen. -- Nur nicht hier --
hier könnte man die Kranke stören, sie dürfte ja von nichts wissen; das
könnte ihr den Rest geben. »Ich bitt' Sie, kommen Sie mit mir -- ein
paar Schritte.«
Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssige Zeitvergeudung.
Er knöpfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er
prüfend überflog, und während er sich dazu wohlgefällig und amtswürdig
seinen militärischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: »Beauftragt
vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen -- Zahlung der rückständigen Pacht
vom 1. April -- 3600 Mark -- -- nicht eingegangen -- hm -- vorzunehmende
Zwangspfändung.«
»Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig?« warf der Viehhändler
dazwischen.
Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte
sich vor dem Besitzer auf:
»Können Sie zahlen, Herr Wilms?« fragte er prompt.
»Nein.«
»Na, dann muß ich anfangen. Nehmen Sie's nicht übel.«
»Aber -- wenn Sie mir nur -- nur bis morgen Zeit lassen wollten,« stöhnte
Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. »Nur bis morgen -- ich
könnte mich ja noch an jemanden wenden. -- Ich hatte in der letzten Zeit
mit meiner Frau so viel -- aber es ist doch vielleicht noch möglich.«
»Tut mir leid -- strenge Ordre.« Der Gerichtsvollzieher knöpfte dabei
seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht.
»Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,« befahl er kurz. »Wo haben Sie die
Schweine?«
»Dann zeig dem Herrn, Jochen.« Wilms hatte es tonlos gesprochen und
wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehhändler hatte er nicht mehr
die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und
trat in das Zimmer seines Weibes.