Anfangs waren die Jesuiten zu besondrem Gehorsam gegen den Papst

verpflichtet gewesen. Es war nicht weniger ihre Aufgabe gewesen, jede

Empörung im Schooße der Kirche zu unterdrücken, als die Angriffe ihrer

erklärten Feinde abzuwehren. Ihre Lehre war im höchsten Grade das, was

diesseits der Alpen ultramontan genannt worden ist und wich von der

Lehre Bossuet's eben so sehr ab, wie von der Lehre Luther's. Sie

verdammten die gallikanischen Freiheiten, den Anspruch öcumenischer

Concile auf die Beaufsichtigung des römischen Stuhles und den Anspruch

der Bischöfe auf unabhängigen Auftrag von Oben. Lainez erklärte in

Trient im Namen der ganzen Brüderschaft unter dem Beifalle der Creaturen

Pius' IV. und dem Murren der französischen und spanischen Prälaten, daß

Christus die Herrschaft über die Gläubigen dem Papste allein übertragen

habe, daß in dem Papste allein alle priesterliche Autorität vereinigt

sei und daß er allein den Priestern und Bischöfen eine geistliche

Autorität verleihen könne.[56] Viele Jahre lang hatte die Einigkeit

zwischen den Päpsten und dem Orden ungeschwächt fortbestanden. Wäre

diese Einigkeit zu der Zeit, als Jakob II. den Thron bestieg, noch nicht

zerrissen gewesen, hätten die Jesuiten sowohl als der Papst ihren

Einfluß zu Gunsten einer gemäßigten und verfassungtreuen Politik

aufgeboten, so würde die große Revolution, welche in kurzer Zeit die

ganze Gestalt der europäischen Angelegenheiten veränderte,

wahrscheinlich nicht stattgefunden haben. Aber schon vor der Mitte des

siebzehnten Jahrhunderts war die auf ihre Dienste stolze und auf ihre

Macht bauende Gesellschaft des Joches überdrüssig geworden. Es stand

eine Generation von Jesuiten auf, die lieber von dem französischen als

von dem römischen Hofe Schutz und Leitung annehmen wollte, und diese

Stimmung gewann nicht wenig an Stärke, als Innocenz XI. den päpstlichen

Thron bestieg.

Die Jesuiten waren damals in einen erbitterten Kampf gegen einen Feind

verwickelt, den sie anfangs verachtet hatten, endlich aber mit Achtung

und Furcht zu betrachten genöthigt worden waren. Gerade als sie sich auf

dem Gipfel des Glücks befanden, wurden sie von einer Handvoll Gegner

herausgefordert, welche zwar keinen Einfluß auf die Beherrscher dieser

Welt ausübten, aber stark an religiösem Glauben und an geistiger Energie

waren. Es folgte ein langer, denkwürdiger und ruhmvoller Kampf des

Geistes gegen die Macht. Die Jesuiten riefen Kabinette, Tribunale und

Universitäten zu ihrem Beistande auf und sie gaben dem Rufe Gehör. Port

Royal appellirte nicht umsonst an die Herzen und an den Verstand von

Millionen. Die Dictatoren der Christenheit sahen sich plötzlich in der

Lage von Angeklagten. Sie wurden beschuldigt, den Maßstab der

evangelischen Sittlichkeit systematisch zu dem Zwecke herabgedrückt zu

haben, um ihren eigenen Einfluß zu erhöhen, und diese Beschuldigung

wurde in einer Weise hingestellt, welche mit einem Male die

Aufmerksamkeit der ganzen Welt fesselte, denn der Hauptankläger war

Blaise Pascal. Er besaß Geistesgaben, wie sie selten einem Menschenkinde

verliehen worden sind, und die Heftigkeit seines Feuereifers hatte sich

in grausamen Kasteiungen und Nachtwachen, unter denen sein erschöpfter

Leib in ein frühes Grab sank, nur zu wohl erprobt. Sein Geist war der

Geist des heiligen Bernhard, aber die Feinheit seines Witzes, die

Reinheit, Kraft und Einfachheit seiner Rhetorik haben nie ihres Gleichen

gehabt, außer unter den großen Meistern der attischen Beredtsamkeit.

Ganz Europa las und staunte, lachte und weinte. Die Jesuiten versuchten

zu antworten, aber ihre schwachen Entgegnungen wurden vom Publikum mit

Hohngeschrei aufgenommen. Es fehlte ihnen allerdings an keinem der

Talente und an keiner der Fertigkeiten, die dem Menschen durch

ausgezeichneten Unterricht eingelernt werden können; aber ein solcher

Unterricht kann wohl die Anlagen gewöhnlicher Köpfe entwickeln, das

angeborne Genie aber wird er eher ersticken, als entfalten. Es ward

allgemein anerkannt, daß in dem wissenschaftlichen Streite die

Jansenisten den vollständigsten Sieg davongetragen hatten. Den Jesuiten

blieb nichts weiter übrig, als die Secte zu unterdrücken, die sie nicht

widerlegen konnten. Ludwig XIV. war jetzt ihre Hauptstütze; sie hatten

seine Überzeugungen von Jugend auf nach ihren Willen geleitet und er

hatte von ihnen gelernt, den Jansenismus eben so sehr wie den

Protestantismus und noch weit mehr als den Atheismus zu verabscheuen.

Innocenz XI. dagegen neigte sich zu den jansenistischen Ansichten. Die

Folge von dem Allen war, daß sich die Gesellschaft Jesu in einer Lage

erblickte, an die ihre Gründer nie gedacht hatten. Die Jesuiten waren

dem Papste entfremdet und eng verbunden mit einem Fürsten, der sich zum

Beschützer der gallikanischen Freiheiten und zum Feinde der

ultramontanen Forderungen erklärte. So wurde der Orden in England ein

Werkzeug für Ludwig's Pläne und arbeitete mit einem Erfolge, den die

Katholiken nachher lange und bitter bereuten, darauf hin, die Kluft

zwischen dem Könige und dem Parlamente zu erweitern, die Thätigkeit des

Nuntius zu durchkreuzen, die Macht des Lordschatzmeisters zu untergraben

und die verzweifelten Pläne Tyrconnel's zu unterstützen.

So standen denn auf der einen Seite die Hyde mit der ganzen

Masse der toryistischen Anhänger der Staatskirche, Powis mit den

achtungswerthesten Edelleuten und Gentlemen von des Königs Glauben, die

Generalstaaten, das Haus Österreich und der Papst; auf der andren Seite

einige römisch-katholische Abenteurer mit zerrüttetem Vermögen und

beflecktem Rufe, unterstützt von Frankreich und den Jesuiten.

[Anmerkung 56: +Fra Paolo, lib. VII.+; +Pallavicino, lib. XVIII.

chap. 15.+]

[_Pater Petre._] Der Hauptrepräsentant der Jesuiten in Whitehall war ein

englischer Ordensbruder, der eine Zeit lang als Viceprovinzial gedient

hatte, von Jakob mit besonderer Gunst beehrt und erst kürzlich noch zum

Kabinetssekretär ernannt worden war. Dieser Mann, Namens Eduard Petre,

stammte aus einer achtbaren Familie. Er besaß einnehmende Manieren, eine

gewandte und zum Herzen dringende Redeweise, war aber schwach und eitel,

habsüchtig und ehrgeizig. Von allen bösen Rathgebern, denen der König

ein geneigtes Ohr lieh, hatte er vielleicht den größten Antheil am

Untergange des Hauses Stuart gehabt.

[_Stimmung und Ansichten des Königs._] Der starrsinnige und

herrschsüchtige Character des Königs kam Denjenigen, die ihm riethen

fest zu bleiben, in nichts nachzugeben und sich gefürchtet zu machen,

sehr zu Statten. In seinem beschränkten Kopfe hatte sich eine

Staatsmaxime eingenistet, die durch keine Vernunftgründe daraus zu

vertreiben war. Er war überhaupt nicht gewohnt, auf Vernunftgründe zu

hören. Seine Methode der Beweisführung, wenn man es so nennen darf, war

von der Art, wie man sie bei beschränkten und eigenwilligen Personen,

welche nur Untergebene um sich zu haben gewohnt sind, sehr häufig

findet. Er stellte eine Behauptung auf, und wenn verständigere Leute

sich herausnahmen, ihm zu beweisen, daß er im Irrthum war, so

wiederholte er seine Behauptung mit den nämlichen Worten und glaubte auf

diese Weise alle Einwendungen entkräftet zu haben.[57] »Ich mag keine

Zugeständnisse machen«, sagte er oft: »mein Vater machte auch

Zugeständnisse und er wurde enthauptet«.[58] Wenn es auch wahr gewesen

wäre, daß Karl I. sich durch seine Nachgiebigkeit ins Verderben

gestürzt, so würde doch jeder verständige Mann eingesehen haben, daß

eine einzige Erfahrung selbst in viel weniger verwickelten

Wissenschaften als die Staatswissenschaft ist, nicht genügt, um eine

allgemeine Regel festzustellen, daß seit Erschaffung der Welt nicht zwei

politische Experimente unter völlig gleichen Bedingungen gemacht worden

sind und daß man auf keinem andren Wege aus der Geschichte

Staatsklugheit schöpfen kann, als indem man eine große Anzahl Fälle

prüft und mit einander vergleicht. Wenn indessen der einzelne Fall, auf

den der König sich stützte, überhaupt etwas bewies, so bewies er nur,

daß der König Unrecht hatte. Es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen,

daß, wenn Karl dem Kurzen Parlamente, welches im Frühjahr 1640

zusammentrat, aus freiem Antriebe nur die Hälfte der Zugeständnisse

gemacht hätte, die er wenige Monate später dem Langen Parlamente machte,

er als ein mächtiger König gelebt haben und gestorben sein würde. Auf

der andren Seite kann es nicht im geringsten bezweifelt werden, daß,

wenn er sich geweigert hätte, dem Langen Parlamente irgend ein

Zugeständniß zu machen, und er zur Vertheidigung des Schiffsgeldes und

der Sternkammer die Waffen ergriffen hätte, er Hyde und Falkland neben

Hollis und Hampden in den feindlichen Reihen gesehen haben würde. In

Wahrheit aber würde er gar nicht im Stande gewesen sein zu den Waffen zu

greifen, denn es würden sich keine zwanzig Kavaliere seiner Fahne

angeschlossen haben. Nur seinen ausgedehnten Zugeständnissen verdankte

er die Unterstützung der großen Masse von Kavalieren und Gentlemen, die

so lange und so tapfer für seine Sache fochten. Doch es wäre ganz

umsonst gewesen, Jakob diese Dinge vorzustellen.

Außerdem war sein Geist noch in einem andren unseligen Irrthum befangen,

den er sich nicht nehmen ließ, bis er ihn ins Unglück gestürzt hatte. Er

glaubte steif und fest er könne thun was er wolle, die Mitglieder der

Staatskirche würden nach ihren Grundsätzen handeln. Es war, wie er

wußte, von zehntausend Kanzeln herab gepredigt und von der Universität

Oxford feierlich erklärt worden, daß selbst eine so fürchterliche

Tyrannei wie die der verderbtesten Cäsaren den Widerstand der

Unterthanen gegen die königliche Autorität nicht rechtfertige, und er

war schwach genug, hieraus den Schluß zu ziehen, daß die ganze

Hauptmasse der toryistischen Gentlemen und Geistlichen sich geduldig von

ihm ausplündern, bedrücken und verhöhnen lassen würde, ohne nur die Hand

gegen ihn zu erheben. Man sollte es kaum für möglich halten, daß ein

Mann, der sein fünfzigstes Lebensjahr zurückgelegt hatte, noch nicht

dahinter gekommen war, daß die Menschen zuweilen etwas thun, obgleich

sie es als unrecht erkennen. Jakob brauchte nur in sein eignes Herz zu

blicken, um hinreichende Beweise dafür zu erhalten, daß selbst ein

starkes religiöses Pflichtgefühl den schwachen Menschen nicht immer

abhält, trotz aller göttlichen Gebote und auf die Gefahr der

furchtbarsten Strafen hin, seinen Leidenschaften zu fröhnen. Er mußte

wissen, daß er, obgleich er den Ehebruch für eine Sünde hielt, dennoch

ein Ehebrecher war; aber nichts vermochte ihn zu überzeugen, daß ein

Mensch, der den Aufruhr laut für sündlich erklärte, je einmal im

Nothfalle selbst ein Aufrührer werden konnte. Die Kirche Englands war

seiner Ansicht nach ein passives Opfer, das er ohne die mindeste Gefahr

nach Gutdünken mißhandeln und quälen konnte, und er sah seinen Irrthum

nicht eher ein, als bis die Universitäten Anstalt trafen, aus ihrem

Silbergeschirr Geld schlagen zu lassen, damit sie die Kriegskasse seiner

Feinde unterstützen konnten, und bis ein lange Zeit durch seine

Loyalität ausgezeichneter Bischof den Priesterrock abwarf, das Schwert

um die Lenden gürtete und das Commando eines Insurgentenregiments

übernahm.

[Anmerkung 57: Ganz dieselbe Methode befolgte auch seine Tochter

Anna, und Marlborough sagt, sie habe das von ihrem Vater gelernt.

-- +Vindication of the Duchess of Marlborough.+]

[Anmerkung 58: Wie zur Zeit des Prozesses der Bischöfe sagte Jacob

beständig zu Adda, alles Unglück Karl's I. sei +»per la troppa

indulgenza«+ über ihn gekommen. Depesche vom 29. Juni (9. Juli)

1688.]

[_Sunderland bestärkt den König in seinen Irrthümern._] In diesen

unseligen Täuschungen wurde der König arglistigerweise durch einen

Minister bestärkt, der Exclusionist gewesen war und sich noch immer

einen Protestanten nannte, den Earl von Sunderland. Die Beweggründe und

die Handlungsweise dieses grundsatzlosen Staatsmannes sind oft irrig

dargestellt worden. Er wurde bei seinen Lebzeiten von den Jakobiten

beschuldigt, daß er schon vor dem Regierungsantritte Jakob's eine

Revolution zu Gunsten des Prinzen von Oranien hervorzurufen beabsichtigt

und daß er zu dem Ende eine Reihe von Gewaltmaßregeln gegen die

staatliche und kirchliche Verfassung des Reichs anempfohlen habe. Diese

grundlose Fabel ist bis auf unsere Tage von unwissenden Schriftstellern

nacherzählt worden. Aber kein gut unterrichteter Geschichtsforscher,

welches auch seine vorgefaßte Meinung sein mochte, hat sich entschließen

können, daran zu glauben, denn es liegt durchaus kein Beweis dafür vor,

und einsichtsvolle Männer würden sich kaum durch irgend einen Beweis

überzeugen lassen, daß Sunderland absichtlich Schuld und Schande auf

sich lud, um eine Veränderung herbeizuführen, durch die er offenbar

unmöglich etwas gewinnen konnte und durch die er in der That nachher

unermeßlichen Reichthum und Einfluß verlor. Auch ist nicht der mindeste

Grund zu einer so sonderbaren Annahme vorhanden, denn das Wahre liegt

klar auf der Hand. So krumm auch die Wege dieses Mannes waren, das

Gesetz, welches sie ihm vorzeichnete, war sehr einfach. Sein Verfahren

muß dem abwechselnden Einflusse der Habgier und der Furcht auf einen für

diese beiden Leidenschaften sehr empfänglichen und mehr scharfsichtigen

als weitsehenden Geist zugeschrieben werden. Er wollte mehr Macht und

mehr Geld haben. Mehr Macht konnte er nur auf Unkosten Rochester's

erlangen, und das klar vorliegende Mittel zur Erreichung dieses Zweckes

war, daß er das Mißfallen des Königs an Rochester's gemäßigten

Rathschlägen nährte. Geld war am leichtesten und am reichlichsten vom

Hofe von Versailles zu erlangen, und Sunderland eilte, sich diesem Hofe

zu verkaufen, er hatte keine heiteren und anständigen Laster, gegen Wein

und Frauenschönheit war er sehr gleichgültig; aber er besaß eine

zügellose, unersättliche Begierde nach Reichthum. Eine maßlose Spielwuth

beherrschte ihn und war durch ungeheure Verluste nicht vermindert

worden. Er war der Erbe eines großen Vermögens, hatte lange Zeit

einträgliche Ämter bekleidet und kein Mittel gescheut, wodurch er sie

noch einträglicher machen konnte; aber sein Unglück am Spieltisch war so

groß, daß seine Güter von Tag zu Tag mit immer neuen Schulden belastet

wurden. In der Hoffnung, sich aus seinen Verlegenheiten zu reißen,

verrieth er Barillon alle gegen Frankreich gerichteten Pläne, die im

englischen Kabinet geschmiedet worden waren, und gab zu verstehen, daß

in solchen Zeiten ein Staatssekretär Dienste leisten könne, welche gut

zu bezahlen von Ludwig sehr weise gehandelt sein würde. Der Gesandte

sagte seinem Gebieter, daß sechstausend Guineen die kleinste

Gratification sei, die man einem so einflußreichen Minister anbieten

könne. Ludwig willigte ein bis zu fünfundzwanzigtausend Kronen zu gehen,

was ungefähr so viel als fünftausendsechshundert Pfund Sterling war. Man

kam überein, daß Sunderland jährlich diese Summe erhalten und dagegen

seinen ganzen Einfluß aufbieten sollte, um die Wiedereinberufung des

Parlaments zu hintertreiben.[59]

Er trat deshalb der jesuitischen Cabale bei und wußte den Einfluß

derselben so geschickt zu benutzen, daß er zum Nachfolger Halifax' in

der hohen Stellung eines Lordpräsidenten ernannt wurde, ohne deshalb den

viel einflußreicheren und einträglicheren Posten als Staatssekretär

aufgeben zu müssen.[60] Er sah jedoch wohl ein, daß er nie hoffen konnte

einen überwiegenden Einfluß bei Hofe zu erlangen, so lange er noch für

ein Mitglied der Staatskirche galt. Ihm war jede Religion gleich, und er

pflegte in Privatzirkeln oft von den heiligsten Dingen mit einer

empörenden Geringschätzung zu sprechen. Er beschloß daher, dem Könige

das Vergnügen und den Ruhm zu verschaffen, eine Bekehrung zu Stande

gebracht zu haben. Die Sache mußte indessen mit Vorsicht und Geschick

angegriffen werden. Niemand ist völlig gleichgültig gegen die Meinung

seiner Nebenmenschen, und wenn sich auch Sunderland aus der Schande

wenig machte, so fürchtete er doch das Schimpfliche eines öffentlichen

Abfalles. Er spielte seine Rolle mit seltener Gewandtheit. Der Welt

zeigte er sich als Protestanten; im königlichen Kabinet nahm er die

Miene eines ernsten Wahrheitsforschers an, der schon fast dahin gebracht

war, sich für römisch-katholisch zu erklären, und in Erwartung weiterer

Erleuchtung vorläufig schon geneigt war, den Bekennern des alten

Glaubens jeden in seiner Macht stehenden Dienst zu leisten. Jakob, der

nie sehr scharfsichtig, in religiösen Dingen aber völlig blind war, ließ

sich trotz Allem, was er von menschlicher Schurkerei, der Schurkerei der

Höflinge im Allgemeinen und der Schurkerei Sunderland's im Besonderen

erfahren hatte, zu dem Glauben verlocken, daß die göttliche Gnade das

falscheste und verstockteste aller menschlichen Herzen gerührt habe.

Viele Monate lang wurde der schlaue Minister am Hofe für einen

hoffnungsvollen Katechumenen gehalten, ohne daß er deshalb in den Augen

des Publikums als Renegat erschien.[61]

Er machte den König in Zeiten darauf aufmerksam, daß es zweckmäßig sein

dürfte, einen geheimen Ausschuß von Katholiken zu bilden, der in allen

die Interessen ihres Glaubens berührenden Angelegenheiten Rath zu

ertheilen habe. Dieser Ausschuß versammelte sich bald in Chiffinch's

Privatwohnung, bald in den amtlichen Gemächern Sunderland's, der,

obgleich dem Namen nach noch Protestant, an allen ihren Berathungen

Theil nahm und bald ein entschiedenes Übergewicht über die anderen

Mitglieder erlangte. Jeden Freitag speiste die jesuitische Cabale bei

dem Staatssekretär. Bei Tafel herrschte eine sehr freie Unterhaltung und

die Schwächen des Fürsten, den die Verbündeten zu leiten hofften, wurden

dabei nicht geschont. Dem Petre versprach Sunderland den Cardinalshut,

Castelmaine eine glänzende Gesandtschaft in Rom, Dover ein einträgliches

Commando in der Garde und Tyrconnel eine hohe Stellung in Irland. So

durch die stärksten Bande des Interesses mit einander verbunden, gingen

diese Männer ans Werk, die Macht des Schatzmeisters zu stürzen.[62]

[Anmerkung 59: Barillon, 16.(26.) Nov. 1685; Ludwig an Barillon,

26. Nov. (6. Dec.) In einem höchst interessanten Schriftstück, das

1687 so gut als gewiß von Bonrepaux verfaßt wurde und sich jetzt

in den französischen Archiven befindet, wird Sunderland

folgendermaßen geschildert: +»La passion qu'il a pour le jeu, et

les pertes considérables qu'il y fait, incommodent fort ses

affaires. Il n'aime pas le vin; et il haït les femmes.«+]

[Anmerkung 60: Aus dem Geheimrathsbuche geht hervor, daß er seinen

Präsidentenposten am 4. Dec. 1685 antrat.]

[Anmerkung 61: Bonrepaux ließ sich nicht so leicht täuschen als

Jakob: +»En son particulier il (Sunderland) n'en professe aucune

(religion), et on parle fort librement. Ces sortes de discours

seroient en exécration en France. Ici ils sont ordinaires parmi un

certain nombre de gens du pais.«+ Bonrepaux an Seignelay, 25. Mai

(4. Juni) 1687.]

[Anmerkung 62: +Clarke's Life of James the Second, II. 74, 77.

Orig. Mem.+; +Sheridan MS.+; +Barillon, March 19.(29.) 1686.+]

[_Treulosigkeit Jeffreys'._] Es waren im Kabinet zwei protestantische

Mitglieder, welche an dem Kampfe keinen thätigen Antheil nahmen.

Jeffreys wurde um diese Zeit von einer schmerzhaften inneren Krankheit

gequält, die sich durch Unmäßigkeit verschlimmert hatte. Bei einem

Gastmahle, das ein reicher Alderman einigen Regierungshäuptern gab,

waren der Lordschatzmeister und der Lordkanzler dermaßen betrunken, daß

sie sich fast splitternackt auskleideten und nur mit Mühe abgehalten

werden konnten, auf einen Schildpfahl zu klettern, auf dem sie die

Gesundheit Sr. Majestät ausbringen wollten. Der fromme Schatzmeister kam

mit dem bloßen Skandale davon, der Kanzler aber bekam einen heftigen

Anfall seines Übels. Eine Zeit lang glaubte man sein Leben sei in

ernster Gefahr. Jakob zeigte sich sehr beunruhigt durch den Gedanken an

den Verlust eines Ministers, der sich so gut in ihn zu schicken wußte,

und sagte, in gewissem Sinne mit Recht, daß ein solcher Mann nicht

leicht zu ersetzen sei. Als Jeffreys wieder genesen war, versprach er

beiden streitenden Parteien seine Unterstützung und wartete es ab,

welche von ihnen sich als siegreich erweisen würde. Einige merkwürdige

Beweise von seiner Doppelzüngigkeit sind noch vorhanden. Wir haben schon

erwähnt, daß die ehemals in London sich aufhaltenden zwei französischen

Agenten sich in den englischen Hof getheilt hatten. Bonrepaux verkehrte

beständig mit Rochester, Barillon mit Sunderland. In einer und derselben

Woche erfuhr Ludwig durch Bonrepaux, der Kanzler sei ganz befreundet mit

dem Schatzmeister, und durch Barillon, der Kanzler habe sich mit dem

Sekretär[63] verbündet.

[Anmerkung 63: +Reresby's Memoirs+; +Luttrell's Diary, Feb. 2.

1685/86+; Barillon, 4.(14.) Feb., 28. Jan. (7. Feb.); Bonrepaux,

25. Jan. (4. Feb.)]

[_Godolphin und die Königin._] Der vorsichtige und schweigsame Godolphin

that sein Möglichstes, um neutral zu bleiben. Seine Ansichten und

Wünsche waren allerdings für Rochester; aber sein Amt nöthigte ihn,

beständig in der Nähe der Königin zuzubringen, und daher wollte er

natürlich nicht gern auf gespanntem Fuße mit ihr stehen. Man hat in der

That Grund zu glauben, daß er mit einer romantischeren Zuneigung an ihr

hing, als sie gewöhnlich in dem Herzen ergrauter Staatsmänner Platz

findet, und Umstände, deren Erwähnung jetzt nöthig wird, hatten sie

gänzlich der jesuitischen Cabale in die Arme geworfen.[64]

[Anmerkung 64: Dartmouth's Note zu Burnet I. 621. In einer

zeitgenössischen Satyre heißt es von Godolphin:

»Mit staatsklugem Kopf er sich in Alles schickte,

Wenn man ihm Muff und Handschuh nicht entrückte.«]

[_Liebeshändel des Königs._] Der König stand trotz seines unfreundlichen

Charakters und seiner ernsten Haltung doch nicht viel weniger unter der

Herrschaft weiblicher Reize, als ehedem sein lebhafterer und

liebenswürdigerer Bruder. Allerdings fragte Jakob nicht viel nach der

Schönheit, durch die sich die begünstigten Damen Karl's auszeichneten.

Barbara Palmer, Eleonore Gwynn und Louise von Quérouaille gehörten zu

den schönsten Frauen ihrer Zeit. Jakob hatte schon in früher Jugend um

der unschönen Gesichtszüge der Anna Hyde willen seiner Freiheit entsagt,

war unter seinen Rang herabgestiegen und hatte sich dadurch das

Mißfallen seiner Familie zugezogen. Zum großen Ergötzen des Hofes hatte

er sich bald von seiner simplen Gemahlin durch eine noch simplere

Geliebte, Arabella Churchill, abziehen lassen. Seine zweite Gemahlin

hatte häufig Ursache, sich über seine Unbeständigkeit zu beklagen,

obgleich sie zwanzig Jahr jünger als er und von Gesicht wie von Gestalt

nicht häßlich war. Aber die stärkste von allen seinen unerlaubten

Neigungen war die, welche ihn an Katharine Sedley fesselte.

[_Katharine Sedley._] Diese Dame war die Tochter des Sir Karl Sedley,

eines der glänzendsten aber sittenlosesten Schöngeister der

Restauration. Die Schamlosigkeit seiner Schriften wird nicht durch

besondere Eleganz und Lebendigkeit der Sprache aufgewogen; aber der

Zauber seiner Conversation wurde selbst von ernsten Männern, die seinen

Character nicht achteten, anerkannt. Es wurde als eine besondere Gunst

betrachtet, im Theater neben ihm zu sitzen und sein Urtheil über ein

neues Stück zu hören.[65] Dryden hatte ihm die Ehre erzeigt, ihn zu

einer Hauptperson in dem Gespräch über dramatische Dichtkunst zu machen,

Sedley's Lebenswandel war von der Art, daß er selbst zu jener Zeit

Ärgerniß erregte. Einmal zeigte er sich nach einem schwelgerischen

Gelage ohne eine Spur von Kleidungsstück auf dem Balcon eines Gasthauses

unweit Coventgarden und haranguirte das vorübergehende Volk in einer so

unanständigen und gottlosen Sprache, daß er deshalb gerichtlich

verfolgt, zu einer schweren Geldbuße verurtheilt wurde und vom

Gerichtshofe der Kings Bench einen sehr nachdrücklichen Verweis

erhielt.[66] Seine Tochter hatte seine Talente und seine Schamlosigkeit

geerbt. Körperliche Reize besaß sie nicht, außer einem Paar blitzender

Augen, deren Glanz jedoch Männern von wirklich feinem Geschmack frech

und unweiblich vorkam. Von Gestalt und Gesicht war sie hager. Karl fand

zwar Gefallen an ihrer Unterhaltung, lachte aber über ihre Häßlichkeit

und sagte die Priester müßten sie seinem Bruder als Bußmittel empfohlen

haben. Sie wußte sehr wohl, daß sie nicht hübsch war und scherzte selbst

über ihre Häßlichkeit. Sonderbarerweise aber schmückte sie sich trotzdem

sehr gern und machte sich oft lächerlich, wenn sie mit Schönpflästerchen

beklebt, geschminkt, in brüsseler Spitzen gekleidet, von Diamanten

strahlend und alle Reize eines achtzehnjährigen Mädchens affectirend, im

Theater erschien.[67]

Welcher Art ihr Einfluß auf Jakob war, ist nicht leicht zu erklären. Er

war nicht mehr jung und ein religiöser Mann, oder wenigstens bereit, für

seine Religion Anstrengungen und Opfer aufzuwenden, vor denen die

meisten von Denjenigen, die man religiös nennt, zurückschrecken würden.

Es muß auffallend erscheinen, daß irgend welche Reize im Stande waren,

ihn zu einem Lebenswandel zu verleiten, den er als höchst strafbar

betrachtet haben muß; und in diesem Falle konnte man nicht einmal

begreifen, wo der Reiz lag. Katharine selbst war erstaunt über die

Heftigkeit seiner Leidenschaft. »Meine Schönheit kann es nicht sein«,

sagte sie, »denn er muß doch sehen, daß ich eben nicht schön bin; und

mein Geist kann es auch nicht sein, denn er hat nicht genug, um zu

bemerken, daß ich welchen habe.«

Zur Zeit seines Regierungsantritts machte das Gefühl der auf ihn

lastenden neuen Verantwortlichkeit den König besonders empfänglich für

religiöse Eindrücke. Er faßte und äußerte viele gute Vorsätze, sprach

öffentlich mit großer Strenge von den gottlosen und ausschweifenden

Sitten der Zeit und versprach privatim der Königin und seinem

Beichtvater, daß er Katharine Sedley nicht mehr sehen wolle. Er ersuchte

seine Maitresse schriftlich, die Gemächer, die sie in Whitehall

bewohnte, zu verlassen und ein Haus am St. James Square zu beziehen, das

auf seine Kosten prachtvoll für sie eingerichtet worden war. Zu gleicher

Zeit versprach er ihr einen hohen Jahrgehalt aus seiner Chatulle. Die

kluge, energische, unerschrockene und sich ihrer Macht bewußte Katharine

aber weigerte sich das Feld zu räumen. Schon nach wenigen Monaten raunte

man sich zu, daß Chiffinch's Dienste wieder in Anspruch genommen würden

und daß die Maitresse häufig durch die verborgene Thür aus- und eingehe,

durch welche Pater Huddleston die Hostie an Karl's Bett gebracht hatte.

Die protestantischen Minister des Königs hofften wahrscheinlich, die

Verblendung ihres Gebieters für dieses Weib könne ihn von der weit

gefährlicheren Verblendung heilen, die ihn antrieb, ihre Religion

anzugreifen. Sie besaß alle die Talente, die sie befähigen konnten, mit

seinen Gefühlen und seinen Gewissensscrupeln Scherz zu treiben und ihm

die Schwierigkeiten und Gefahren, in die er sich kopfüber stürzte, mit

den grellsten Farben auszumalen.

[Anmerkung 65: Pepys, 4. Oct. 1664.]

[Anmerkung 66: Pepys, 1. Juli 1663.]

[Anmerkung 67: Siehe Dorset's satyrische Verse auf sie.]

[_Intriguen Rochester's zu Gunsten der Katharine Sedley._] Rochester,

der Vorkämpfer der Kirche, bemühte sich, ihren Einfluß zu vergrößern.

Ormond, der gewöhnlich als die personificirte Sittenreinheit und

Hochsinnigkeit des englischen Kavaliers betrachtet wird, unterstützte

ebenfalls diesen Plan. Selbst Lady Rochester schämte sich nicht, das

Ihrige dazu beizutragen und zwar in der abscheulichsten Weise. Ihre

Aufgabe bestand darin, die Eifersucht der beleidigten Gemahlin auf eine

ganz unschuldige junge Dame zu lenken. Dem ganzen Hofe fiel die Kälte

und Härte auf, mit der die Königin dem armen Mädchen begegnete, auf

welche der Verdacht geworfen war, aber die Ursache der üblen Laune Ihrer

Majestät war ein Geheimniß. Eine Zeit lang wurde die Intrigue glücklich

und unentdeckt fortgesponnen. Katharine sagte dem Könige oft keck ins

Gesicht, was die protestantischen Lords des Geheimen Raths nur in den

zartesten Ausdrücken leise anzudeuten wagten. Seine Krone, sagte sie,

sei in Gefahr, der alte kindische Arundell und der großsprecherische

Tyrconnel würden ihn ins Verderben führen. Es ist leicht möglich, daß

sie durch ihre Liebkosungen noch das erreicht haben würde, was dem

vereinten Zureden der Lords und Gemeinen, des Hauses Österreich und des

heiligen Stuhles nicht gelingen wollte, hätte nicht ein sonderbarer

Unfall die ganze Gestalt der Dinge verändert. Jakob beschloß in einem

Anfalle von Zärtlichkeit, seine Geliebte zur Gräfin von Dorchester zu

erheben. Katharine erkannte die ganze Gefährlichkeit eines solchen

Schrittes und lehnte die gehässige Ehre ab. Ihr Geliebter aber beharrte

darauf und drückte ihr selbst das Diplom in die Hand. Endlich nahm sie

es unter einer Bedingung an, welche ihr Vertrauen auf ihre Macht und

seine Schwäche beweist. Er mußte ihr das feierliche Versprechen geben,

nicht daß er sie nie verlassen, sondern nur daß er ihr in diesem Falle

seinen Entschluß selbst ankündigen und ihr eine Abschiedszusammenkunft

gewähren wolle.

Sobald die Nachricht von ihrer Erhebung bekannt wurde, kam der ganze

Palast in Aufruhr. Das heiße italienische Blut kochte in den Adern der

Königin. Stolz auf ihre Jugend und ihre Reize, auf ihren hohen Rang und

ihre makellose Tugend konnte sie sich nicht ohne tiefen Schmerz und Zorn

um einer solchen Nebenbuhlerin willen verlassen und beleidigt sehen.

Rochester, der sich vielleicht erinnerte, wie geduldig sich Katharine

von Braganza nach kurzem Widerstreben darein gefügt hatte, die Maitresse

Karl's höflich zu behandeln, hatte erwartet, daß auch Marie von Modena

nach ein wenig Murren und Schmollen so fügsam sein werde. Aber dem war

nicht so. Sie versuchte es gar nicht, die Heftigkeit ihrer empörten

Gefühle vor den Augen der Welt zu verbergen. Tag für Tag bemerkten die

Höflinge, welche herbeikamen, um sie speisen zu sehen, daß die Schüsseln

unberührt von ihrer Tafel wieder abgetragen wurden. Im Beisein

sämmtlicher Minister und Gesandten ließ sie ihren Thränen freien Lauf,

und zum Könige sprach sie mit wilder Heftigkeit. »Lassen Sie mich!« rief

sie aus, »Sie haben Ihre Dirne zur Gräfin gemacht, machen Sie sie auch

zur Königin, setzen Sie ihr meine Krone aufs Haupt. Nur gestatten Sie

mir, mich in einem Kloster zu verbergen, damit ich sie nicht mehr sehe.«

Dann fragte sie ihn ein wenig ruhiger, wie er sein Benehmen mit seinen

religiösen Ansichten vereinigen könne. »Sie sind bereit«, sagte sie, »um

Ihres Seelenheils willen Ihr Königreich aufs Spiel zu setzen, und doch

werfen Sie Ihre Seele um eines solchen Geschöpfes willen weg.« Pater

Petre stimmte auf den Knieen liegend in diese Vorstellungen ein. Dies

war seine Pflicht, und er erfüllte sie nur um so eifriger, da sie mit

seinem Interesse zusammenfiel. Der König fuhr noch eine Zeit lang fort

zu sündigen und zu bereuen. In seinen Stunden der Zerknirschung legte er

sich strenge Bußübungen auf. Marie bewahrte die Geißel, mit der er das

ihr zugefügte Leid an seinen eigenen Schultern schonungslos gerächt

hatte, sorgfältig auf bis an ihr Ende und vermachte sie dem Kloster von

Chaillot. Nur Katharinen's Entfernung konnte diesem Kampfe zwischen

schmachvoller Liebe und schmachvollem Aberglauben ein Ziel setzen. Jakob

bat sie und befahl ihr schriftlich, abzureisen. Er leugnete es nicht,

daß er ihr versprochen habe, persönlich Abschied von ihr zu nehmen.

»Aber«, setzte er hinzu, »ich weiß nur zu gut, welche Gewalt sie über

mich ausüben. Ich werde nicht Seelenstärke genug haben, um meinen

Vorsatz auszuführen, wenn ich Sie sehe.« Er bot ihr eine Yacht an, damit

sie mit allen Ehren und Bequemlichkeiten nach Flandern gehen könne, und

drohte ihr, daß er sie mit Gewalt entfernen lassen werde, wenn sie nicht

gutwillig gehe. Einmal suchte sie ihn dadurch zu erweichen, daß sie sich

krank stellte. Dann nahm sie die Miene einer Märtyrin an und nannte sich

unverschämterweise eine Dulderin für die protestantische Religion. Dann

sprach sie wieder in dem Style Johann Hampden's. Sie forderte den König

heraus, sie fortbringen zu lassen, sie werde den Rechtsweg gegen ihn

einschlagen, so lange die Magna Charta und die Habeas-Corpus-Acte im

Lande Gesetzeskraft hätten, werde sie leben, wo es ihr gefalle. »Und

vollends nach Flandern!« rief sie, »dahin gehe ich nimmermehr! Eines

habe ich von meiner Freundin, der Herzogin von Mazarin gelernt, und das

ist, mich nie einem Lande anzuvertrauen, wo es Klöster giebt.« Endlich

wählte sie Irland als Verbannungsort, wahrscheinlich, weil der Bruder

ihres Gönners Rochester dort Vicekönig war. Nach langem Zögern reiste

sie endlich ab und räumte so der Königin das Feld.[68]

Die Geschichte dieser merkwürdigen Intrigue würde unvollständig sein,

wenn wir nicht hinzusetzten, daß noch eine religiöse Betrachtung

existirt, die der Lordschatzmeister mit eigner Hand an dem Tage

niederschrieb, an welchem sein Versuch, den König durch eine Concubine

am Gängelbande zu führen, von Bonrepaux nach Versailles berichtet wurde.

Kein Werk Ken's oder Leighton's athmet den Geist einer glühenderen und

exaltirteren Frömmigkeit als diese Herzensergießung. Heuchelei kann man

hier nicht vermuthen, denn der Aufsatz war offenbar nur für den

Verfasser selbst bestimmt und wurde erst veröffentlicht, als dieser

schon über hundert Jahre im Grabe lag. So viel wunderbarer als Dichtung

ist oft die Geschichte, so wahr ist es, daß die Natur Launen hat, welche

die Kunst nicht nachzuahmen wagt. Ein dramatischer Dichter würde es

schwerlich wagen, einen am Abend seines Lebens stehenden ernsten Fürsten

auf die Bühne zu bringen, der bereit wäre, seine Krone den Interessen

seines Glaubens zu opfern, der unermüdlich dahin wirkte, Proselyten zu

machen, und der bei alledem eine Gemahlin, mit Jugend und Schönheit

begabt, um einer verworfenen Maitresse willen, die keines von beiden

besitzt, verließe und beleidigte. Womöglich noch weniger würde ein

dramatischer Dichter es wagen, einen Staatsmann auf der Bühne

darzustellen, der sich zu dem gemeinen und entehrenden Amte eines

Kupplers hergäbe, sich in diesem schmachvollen Geschäft durch seine

Gattin unterstützen ließe und sich dabei doch in seinen Mußestunden in

ein stilles Kämmerlein zurückzöge, um hier im Verborgenen sein Herz in

reuigen Thränen und frommen Stoßseufzern gegen Gott auszuschütten.[69]

[Anmerkung 68: Die Hauptquellen für die Geschichte dieser Intrigue

sind die Depeschen von Barillon und Bonrepaux vom Anfang des

Jahres 1686. Siehe Barillon, 25. Jan. (4. Febr.), 28. Jan. (7.

Febr.), 1.(11.) Febr., 8.(18.) Febr. u. 19.(29.) Febr., und

Bonrepaux unter den vier erstgenannten Daten. Ferner +Evelyn's

Diary, Jan. 19+; +Reresby's Memoirs+; +Burnet, I. 682+; +Sheridan

MS.+; +Chaillot MS.+ und Adda's Depeschen vom 22. Jan. (1. Febr.)

u. 29. Jan. (8. Febr.) 1686. Adda schreibt wie ein frommer, aber

schwacher und unwissender Mann. Er kannte jedenfalls Jakob's

vergangenes Leben nicht.]

[Anmerkung 69: Die Betrachtung ist datirt vom 25. Jan. (4. Febr.)

1685/86. Bonrepaux sagt in seiner Depesche von dem nämlichen Tage:

+»L'intrigue avoit été conduite par Milord Rochester et sa femme

... Leur projet étoit de faire gouverner le Roy d'Angleterre par

la nouvelle comtesse. Ils s'étoint assurés d'elle.«+ Während

Bonrepaux dies schrieb, schrieb Rochester Folgendes: »O Gott,

lehre mich meine Tage so zählen, daß ich mein Herz zur Weisheit

lenke. Lehre mich die Tage zählen, die ich in Eitelkeit und

Müßiggang vergeudet, und lehre mich die zählen, die ich in Sünde

und Schmach verbracht habe. O Gott, lehre mich auch die Tage

meiner Trübsal zählen und Dir für Alles danken, was mir von Deiner

Hand zugekommen ist. Lehre mich aber auch die Tage der irdischen

Größe zählen, von der mir ein so großes Theil geworden ist, und

lehre mich sie als Tage der Eitelkeit und der Seelenpein

betrachten.«]

[_Sinken von Rochester's Einfluß._] Der Schatzmeister überzeugte sich

bald, daß er durch Anwendung schimpflicher Mittel zur Erreichung eines

lobenswerthen Zweckes nicht nur ein Verbrechen, sondern auch einen

Fehler begangen hatte. Die Königin war jetzt seine Feindin. Sie stellte

sich zwar als höre sie die Hyde, die ihr Benehmen so gut als möglich zu

entschuldigen suchten, freundlich an und behauptete sogar, daß sie zu

Gunsten derselben ihren Einfluß verwende; aber sie hätte mehr als ein

Weib oder weniger sein müssen, um wirklich die Verschwörung verzeihen zu

können, welche die Familie der ersten Gemahlin ihres Gatten gegen ihre

Ehre und ihr häusliches Glück angestiftet hatte. Die Jesuiten stellten

dem Könige auf das Eindringlichste vor, welcher Gefahr er mit genauer

Noth entgangen war. Sie sagten, sein Ruf, sein Frieden, sein Seelenheil

sei durch die Ränke seines Premierministers gefährdet worden. Der

Nuntius, welcher gern dem Einflusse der heftigen Partei

entgegengearbeitet und sich den gemäßigten Mitgliedern des Kabinets

angeschlossen hätte, konnte sich ehrenhafter und schicklicher Weise bei

dieser Gelegenheit nicht von Pater Petre trennen. Jakob selbst konnte,

als das Meer zwischen ihm und den Reizen lag, die ihn so unwiderstehlich

bezaubert hatten, nur mit Unwillen und Verachtung auf Diejenigen

blicken, die ihn vermittelst seiner Laster hatten leiten wollen. Das

Geschehene mußte nothwendig die Wirkung haben, seine eigne Kirche in

seiner Achtung zu erhöhen, die englische Kirche dagegen zu erniedrigen.

Die Jesuiten, die man als die unsichersten aller geistlichen Führer

darzustellen gewohnt war, als Sophisten, welche das ganze System der

evangelischen Moral hinweg philosophirten, als Speichellecker, die ihren

Einfluß hauptsächlich der Nachsicht verdankten, mit der sie die Sünden

der Großen behandelten, hatten ihn durch so scharfen und kühnen Tadel,

wie ihn David von Nathan, und Herodes von dem Täufer hören mußte, von

einem schuldvollen Leben zurückgebracht. Dagegen hatten eifrige

Protestanten, deren Lieblingsthema die Lockerheit der papistischen

Casuisten und die Verwerflichkeit des Grundsatzes war, Böses zu thun,

damit Gutes daraus hervorgehe, es versucht, auf einem Wege, den alle

Christen für höchst strafbar hielten, Vortheile für ihre Kirche zu

erlangen. Der Sieg der Cabale und der bösen Rathgeber war daher

vollkommen. Der König wurde kalt gegen Rochester; die Höflinge und die

fremden Gesandten bemerkten bald, daß der Lordschatzmeister nur noch dem

Namen nach Premierminister war. Er bot nach wie vor noch täglich seinen

Rath an, und erfuhr die Kränkung, ihn täglich zurückgewiesen zu sehen.

Dennoch konnte er sich nicht entschließen, den äußeren Schein von Macht

und die Einkünfte, welche er unmittelbar und mittelbar aus seinem hohen

Amte zog, aufzugeben. Er bemühte sich daher nach Kräften, seinen Verdruß

vor den Blicken des Publikums zu verbergen. Aber seine heftigen

Leidenschaften und seine Unmäßigkeit machten ihn für die Rolle eines

Heuchlers untauglich. Sein finstres Gesicht, wenn er aus dem

Geheimrathszimmer kam, verrieth deutlich seine Unzufriedenheit mit dem,

was in der Sitzung vorgegangen war, und wenn die Flasche einigemale die

Runde gemacht hatte, entschlüpften ihm Worte, aus denen man seinen Ärger

leicht errathen konnte.[70]

Er hatte auch in der That Ursache, sich unbehaglich zu fühlen.

Unbesonnene und unpopuläre Maßregeln folgten rasch auf einander, jeder

Gedanke, zur Politik der Tripleallianz zurückzukehren, war aufgegeben.

Der König erklärte den Gesandten der Continentalmächte, mit denen er

sich noch kürzlich zu verbinden beabsichtigt hatte, ausdrücklich, daß

alle seine Ansichten sich geändert hätten und daß England auch

fernerhin, wie unter seinem Großvater, seinem Vater und seinem Bruder,

von keiner Bedeutung für das übrige Europa sein solle. »Ich bin nicht in

der Lage,« sagte er zu dem spanischen Gesandten, »mich um das, was

auswärts vorgeht, zu kümmern. Ich habe beschlossen, die fremden

Angelegenheiten ihren eigenen Gang gehen zu lassen, meine Macht im

Inlande zu befestigen und etwas für meine Religion zu thun.« Einige Tage

darauf kündigte er die nämlichen Entschließungen auch den Generalstaaten

an.[71] Von diesem Augenblicke an bis ans Ende seiner schmachvollen

Regierung machte er keinen ernsten Versuch mehr, sich der Abhängigkeit

zu entreißen, obgleich er bis zuletzt jedesmal in Wuth gerieth, wenn man

ihn einen Vasallen nannte.

Die beiden Ereignisse, welche dem Publikum bewiesen, daß Sunderland und

seine Partei gesiegt hatten, waren die Prorogation des Parlaments vom

Februar bis zum Mai und die Abreise Castelmaine's nach Rom mit dem

Gehalte eines Gesandten ersten Ranges.[72]

Bisher waren alle Geschäfte der englischen Regierung am päpstlichen Hofe

von Johann Caryl versehen worden. Dieser Gentleman war unter seinen

Zeitgenossen als ein vermögender und fein gebildeter Mann, so wie als

Verfasser zweier beifällig aufgenommenen Schauspiele bekannt, einer

Tragödie in Versen, welche durch Betterton's Spiel und Vortrag beliebt

geworden war, und eines Lustspiels, das seinen ganzen Werth einigen von

Molière entlehnten Scenen verdankt. Diese Stücke sind längst vergessen;

aber was Caryl selbst nicht für sich thun konnte, das hat ein

gewaltigeres Genie für ihn gethan. Eine halbe Zeile im »Lockenraub« hat

seinen Namen unsterblich gemacht.

[Anmerkung 70: +»Je vis Milord Rochester comme il sortoit du

conseil fort chagrin; et, sur la fin du souper, il lui en

échappe quelque chose.«+ Bonrepaux, 18.(28.) Febr. 1686. Siehe

auch Barillon, 1.(11.) u. 4.(14.) März.]

[Anmerkung 71: Barillon, 22. März (1. April) u. 12.(22.) April

1686.]

[Anmerkung 72: +London Gazette, Feb. 11. 1685/86+; +Luttrell's

Diary, Feb. 8.+; Leeuwen, 9.(19.); +Clarke's Life of James the

Second, II. 75. Orig. Mem.+]

[_Castelmaine wird nach Rom gesandt._] Caryl, der wie alle übrigen

achtbaren Katholiken, ein Feind aller Gewaltmaßregeln war, hatte seine

schwierige Aufgabe in Rom mit großer Einsicht und richtigem Takt gelöst.

Er besorgte die ihm übertragenen Geschäfte vortrefflich, bekleidete aber

keine öffentliche Stellung und vermied sorgfältig allen Aufwand. Sein

Posten bürdete daher der Regierung fast gar keine pekuniäre Last auf und

erregte fast gar kein Murren. Jetzt wurde seine Stelle höchst

unklugerweise durch eine kostspielige und glänzende Gesandtschaft

ersetzt, die dem englischen Volke ein Dorn im Auge und dem römischen

Hofe durchaus nicht willkommen war. Castelmaine hatte den Auftrag, für

seinen Verbündeten Petre einen Cardinalshut zu verlangen.

[_Die Hugenotten werden von Jakob übel behandelt._] Um die nämliche Zeit

begann der König in unzweideutiger Weise seine wirklichen Gesinnungen

gegen die verbannten Hugenotten zu zeigen. So lange er noch gehofft

hatte, sein Parlament in Fügsamkeit hineinzuschmeicheln und das

Oberhaupt einer europäischen Coalition gegen Frankreich zu werden, hatte

er sich gestellt, als ob er die Widerrufung des Edicts von Nantes

tadelte und er die Unglücklichen bemitleidete, welche durch Verfolgung

aus ihrem Vaterlande vertrieben worden waren. Er hatte bekannt machen

lassen, daß mit seiner Genehmigung in allen Kirchen des Reichs eine

Collecte für sie veranstaltet werden solle. Die betreffende Ankündigung

war in Ausdrücken abgefaßt, die den Stolz eines weniger empfindlichen

und eitlen Fürsten als Ludwig verletzt haben würden. Aber jetzt war

Alles anders. Die Grundsätze des Vertrags von Dover waren wieder die

Grundsätze der auswärtigen Politik Englands. Man entschuldigte sich

demüthig wegen der Unhöflichkeit, der sich die englische Regierung durch

Begünstigung der verbannten Franzosen gegen Frankreich schuldig gemacht.

Der Aufruf, welcher Ludwig mißfallen hatte, ward widerrufen[73], und den

hugenottischen Geistlichen eingeschärft, in ihren öffentlichen Vorträgen

mit Ehrerbietung von ihrem Unterdrücker zu sprechen, indem man sie

widrigenfalls zur Verantwortung ziehen werde. Jakob zeigte nicht nur

keine Theilnahme mehr für die Dulder, sondern erklärte sogar, daß er

ihnen die schlimmsten Pläne zutraue und gestand, daß er sich durch

Unterstützung derselben eines Fehlers schuldig gemacht habe. Einer der

ausgezeichnetsten unter den Flüchtlingen, Namens Johann Claude, hatte

auf dem Festlande ein kleines Buch drucken lassen, in welchem er die

Leiden seiner Glaubensbrüder mit ergreifender Beredtsamkeit schilderte.

Barillon verlangte, daß diesem Buche irgend ein Schandmahl aufgedrückt

werde. Jakob willigte ein und erklärte in voller Staatsrathssitzung, es

sei sein Wille, daß Claude's Libell vor der königlichen Börse durch

Henkershand verbrannt werden solle. Darüber erschrak sogar Jeffreys und

wagte es, dem Könige vorzustellen, daß ein solches Verfahren ohne

Beispiel sei, daß das Buch in einer fremden Sprache geschrieben und auf

einer fremden Presse gedruckt sei, daß es lediglich Vorgänge bespreche,

die sich in einem fremden Lande zugetragen, und daß noch nie eine

englische Regierung von derartigen Schriften Notiz genommen habe. Jakob

wollte jedoch von einer weitläufigen Erörterung der Frage nichts wissen.

»Mein Entschluß steht fest,« sagte er. »Es ist Mode geworden, die Könige

unehrerbietig zu behandeln, und sie müssen einander beistehen. Ein König

sollte stets für den andren Partei nehmen, und ich habe besondere

Gründe, dem Könige von Frankreich diesen Beweis von Achtung zu geben.«

Die Räthe schwiegen nun still. Der Befehl wurde unverzüglich erlassen

und Claude's Flugschrift nicht ohne lautes Murren Vieler, welche stets

für unerschütterlich loyal gegolten hatten, den Flammen übergeben[74].

Die verheißene Collecte wurde unter verschiedenen Vorwänden lange

hinausgeschoben. Der König hätte gar zu gern sein Wort gebrochen, aber

es war so feierlich gegeben, daß er sich doch schämte, es

zurückzunehmen[75]. Es wurde indessen nichts versäumt, was den Eifer der

Gemeinden abkühlen konnte. Man hatte erwartet, daß das Volk, wie es in

solchen Fällen üblich ist, von den Kanzeln herab zur Mildthätigkeit

aufgefordert werden würde; aber Jakob war entschlossen, keine

Demonstrationen gegen seinen Glauben und gegen seinen Verbündeten zu

dulden. Der Erzbischof von Canterbury erhielt daher Befehl, die

Geistlichen in Kenntniß zu setzen, daß sie den Erlaß einfach vorzulesen

und sich alles Predigens über die Leiden der französischen Protestanten

zu enthalten hätten[76]. Dessenungeachtet gingen so reiche Beiträge ein,

daß nach Abzug aller Kosten die Summe von vierzigtausend Pfund Sterling

in die Londoner Kammer bezahlt wurde. Es hat vielleicht keine der

großartigen Sammlungen unsrer Zeit in einem ähnlichen Verhältniß zu dem

Nationalvermögen gestanden[77].

Der König ärgerte sich heftig über das glänzende Ergebniß der Sammlung,

die in Folge seines eignen Aufrufs veranstaltet worden war. Er sagte, er

wisse wohl, was diese Freigebigkeit zu bedeuten habe, es sei nichts als

whiggistischer Trotz gegen ihn und seine Religion[78]. Er hatte bereits

beschlossen, daß das Geld Denen, welche die Geber unterstützen wollten,

nicht zu Gute kommen solle. Schon seit mehreren Wochen verhandelte er

über diesen Gegenstand mit der französischen Gesandtschaft und hatte

sich unter Genehmigung des Hofes von Versailles zu einem Verfahren

entschieden, welches mit den Grundsätzen der Toleranz, deren Freund er

später zu sein behauptete, nicht wohl in Einklang zu bringen ist. Die

Flüchtlinge waren eifrig der calvinistischen Kirchenzucht und

Gottesverehrung zugethan. Jakob befahl daher, daß Keiner ein Stück Brod

oder einen Korb Kohlen erhalten solle, der nicht zuvor das Abendmahl

nach anglikanischem Ritus empfangen habe[79]. Es ist sonderbar, wie ein

Fürst, welcher vorgab, daß er die Testacte als eine gewaltsame

Verletzung der Gewissensfreiheit betrachte, eine so inhumane Verordnung

ersinnen konnte; denn so wenig es zu rechtfertigen sein mag, das

Sakrament zum Prüfstein der Tauglichkeit für Civil- und Militairämter zu

machen, ist es doch jedenfalls noch viel weniger zu rechtfertigen, eine

solche Bedingung vorzuschreiben, um danach zu bestimmen, wer in der

äußersten Bedrängniß der Mildthätigkeit würdig ist. Auch konnte Jakob

nicht den Grund für sich anführen, der zur theilweisen Entschuldigung

fast aller anderen Verfolger geltend gemacht werden kann, denn der

Glaube, dessen Bekenntniß er den Flüchtlingen bei Strafe des Verhungerns

anbefahl, war nicht sein eigner Glaube. Sein Verfahren gegen sie war

daher viel weniger zu rechtfertigen als das des Königs von Frankreich,

denn dieser unterdrückte sie in der Hoffnung, sie von verdammenswerther

Ketzerei zum wahren Glauben zurückzubringen, während Jakob sie nur in

der Absicht unterdrückte, um sie zum Übertritt von einer

verdammenswerthen Ketzerei zur andren zu zwingen.

Zur Vertheilung der eingegangenen Unterstützungsgelder wahren mehrere

Commissare ernannt worden, unter denen sich auch der Kanzler befand. Als

sie zum ersten Male zusammenkamen, kündigte ihnen Jeffreys den

königlichen Entschluß an. Die Flüchtlinge, sagte er, seien in zu großer

Mehrzahl Feinde der Monarchie und des Episcopats. Wenn sie Unterstützung

wünschten, so müßten sie Mitglieder der englischen Kirche werden und das

Abendmahl aus den Händen seines Kaplans empfangen. Viele Verbannte,

welche mit Gefühlen des innigsten Dankes und der Hoffnung gekommen

waren, um eine Unterstützung zu erbitten, vernahmen das harte Urtheil

und gingen mit gebrochenem Herzen wieder von dannen[80].

[Anmerkung 73: Leeuwen, 23. Febr. (5. März) 1686.]

[Anmerkung 74: Barillon, 26. April (6. Mai) u. 3.(13.) Mai 1686;

Citters, 7.(17.) Mai; +Evelyn's Diary, May 5+; +Luttrell's Diary+

unter demselben Datum; Geheimrathsbuch unterm 2. Mai.]

[Anmerkung 75: Lady Russell an Dr. Fitzwilliam, 22. Jan. 1686;

Barillon, 15.(25.) Febr. u. 22. Febr. (4. März) 1686. Barillon

sagt: +»Ce prince témoigne une grande aversion pour eux, et aurait

bien voulu se dispenser de la collecte, qui est ordonnée en leur

faveur: mais il n'a pas cru que cela fût possible.«+]

[Anmerkung 76: Barillon, 22. Febr. (4. März) 1686.]

[Anmerkung 77: Bericht der Commissare v. 15. März 1688.]

[Anmerkung 78: +»Le Roi d'Angleterre connait bien que les gens mal

intentionnés pour lui sont les plus prompts et les plus disposés à

donner considérablement... Sa Majesté Britannique connoit bien

qu'il auroit été à propos de ne point ordonner de collecte, et que

les gens mal intentionnés contre la réligion Catholique et contre

lui se servent de cette occasion pour témoigner leur zèle.«+

-- Barillon, 19.(29.) April 1686.]

[Anmerkung 79: Barillon, 15.(25.) Febr., 22. Febr. (4. März),

19.(29.) April 1686; Ludwig an Barillon, 5.(15.) März.]

[Anmerkung 80: Barillon, 19.(29.) April 1686; Lady Russell an Dr.

Fitzwilliam, 14. April. »Er schickte Viele mit gebrochenem Herzen

wieder fort,« schreibt sie.]

[_Das Dispensationsrecht._] Jetzt rückte der Monat Mai heran, der zum

Wiederzusammentritt der Kammern festgesetzt war; aber sie wurden aufs

neue bis zum November prorogirt[81]. Es war kein Wunder, daß der König

nicht wieder mit ihnen zu thun haben wollte, denn er hatte beschlossen,

hinfüro eine Politik zu befolgen, von der er wohl wußte, daß sie ihnen

im höchsten Grade zuwider war. Er hatte von seinen Vorgängern zwei

Hoheitsrechte geerbt, deren Grenzen nie mit strenger Genauigkeit

bestimmt worden waren und die, wenn sie unbeschränkt ausgeübt worden

wären, schon an sich hingereicht haben würden, die ganze Verfassung des

Staates und der Kirche umzustürzen. Dies waren das Dispensationsrecht

und das kirchliche Supremat. Kraft des Dispensationsrechts beabsichtigte

der König, römische Katholiken nicht allein zu bürgerlichen und

militairischen, sondern auch zu kirchlichen Ämtern zuzulassen; vermöge

des kirchlichen Supremats hoffte er die anglikanische Geistlichkeit zu

Werkzeugen der Vernichtung ihrer eigenen Religion zu machen.

Dieser Plan entwickelte sich ganz allmälig. Es wurde nicht für rathsam

gehalten, von allem Anfang an den Katholiken insgesammt eine

Dispensation von allen den Gesetzen, welche Strafen und Eide

auferlegten, zu gewähren, denn daß eine solche Dispensation gesetzwidrig

war, stand zu fest. Die Cabale hatte 1672 eine allgemeine

Indulgenzerklärung erlassen, gegen welche die Gemeinen bei ihrem

Zusammentritt sofort protestirt hatten. Karl II. hatte sie in seiner

Gegenwart kassiren lassen und die Häuser sowohl mündlich als durch eine

schriftliche Botschaft versichert, daß der Schritt, der zu so vielen

Klagen Anlaß gegeben habe, nie als geschehen betrachtet werden solle.

Man würde schwerlich an irgend einem Gerichtshofe einen renommirten

Anwalt gefunden haben, der die Vertheidigung eines Hoheitsrechtes

übernommen hätte, auf welches der Souverain wenige Jahre zuvor im vollen

Parlament auf seinem Throne feierlich verzichtet hatte. Weniger klar

aber war es, daß der König nicht aus besonderen Gründen Einzelnen eine

ausnahmsweise Dispensation bewilligen könne. Jakob strebte daher

zunächst danach, von den Gerichtshöfen des gemeinen Rechts die

Anerkennung zu erlangen, daß er wenigstens das Dispensationsrecht in

diesem Umfange besitze.

[Anmerkung 81: +London Gazette, May 13. 1685.+]

[_Absetzung widerspenstiger Richter._] Aber obwohl seine Forderungen im

Vergleich zu denen, die er wenige Monate später stellte, mäßig waren, so

sah er doch bald, daß er die Meinung von beinahe ganz Westminsterhall

gegen sich hatte. Vier von den Richtern gaben ihm zu verstehen, sie

könnten in diesem Falle seinen Wünschen nicht dienen, und es ist

bemerkenswerth, daß alle vier heftige Tories waren und daß sich Männer

unter ihnen befanden, welche Jeffreys auf seiner blutigen Rundreise

begleitet und für die Hinrichtung Cornish's und der Elisabeth Gaunt

gestimmt hatten. Jones, der Oberrichter der Common Pleas, ein Mann, der

noch nie vor irgend einer, wenn auch noch so grausamen und servilen

Beihülfe zurückgeschreckt war, führte jetzt im königlichen Kabinet eine

Sprache, deren sich die Lippen des makellosesten Magistratsbeamten

unsrer Geschichte nicht hätten zu schämen brauchen. Es wurde ihm kurz

und bündig erklärt, daß er entweder seine Ansicht oder seine Stelle

aufgeben müsse. »An meiner Stelle«, antwortete er, »ist mir wenig

gelegen. Ich bin im Dienste der Krone alt und schwach geworden, aber ich

sehe zu meiner tiefen Betrübniß, daß Eure Majestät mich für fähig

halten, ein Urtheil abzugeben, das nur ein unwissender oder ein ehrloser

Mann abgeben könnte.« -- »Ich bin überzeugt«, sagte der König, »daß ich

zwölf Richter finde, die in dieser Angelegenheit ganz meines Sinnes

sind.« -- »Zwölf Richter Ihres Sinnes mögen Eure Majestät wohl finden«,

erwiederte Jones, »schwerlich aber zwölf Rechtsgelehrte[82].« Er wurde

nebst Montague, erstem Baron der Schatzkammer, und zwei jüngeren

Richtern, Neville und Charlton, entlassen. Einer der neuen Richter war

Christoph Milton, der jüngere Bruder des großen Dichters. Man weiß von

diesem Christoph Milton wenig mehr, als daß er zur Zeit des

Bürgerkrieges Royalist gewesen war und sich jetzt auf seine alten Tage

zum Papismus hinneigte. Es ist nicht erwiesen, daß er sich je mit der

römischen Kirche völlig aussöhnte; gewiß aber ist es, daß er Bedenken

trug, sich der anglikanischen Kirche anzuschließen, weshalb er ein

starkes Interesse an der Aufrechthaltung des Dispensationsrechts

hatte[83].

Der König fand seine Rechtsbeistände ebenso widerspenstig als seine

Richter. Der erste Anwalt, welcher erfuhr, daß man von ihm die

Vertheidigung des Dispensationsrechts erwarte, war der Staatsprokurator

Heneage Finch. Er weigerte sich entschieden und wurde am folgenden Tage

seines Amtes entsetzt[84]. Der Generalfiskal Sawyer erhielt Befehl,

Vollmachten auszufertigen, kraft deren Mitglieder der römischen Kirche

Pfründen inne haben durften, welche der englischen Kirche gehörten.

Sawyer war bei einigen der härtesten und am wenigsten zu

rechtfertigenden Verfolgungen der damaligen Zeit stark betheiligt

gewesen, und die Whigs verabscheuten in ihm einen Mann, der sich mit dem

Blute Russell's und Sydney's befleckt hatte; bei dieser Gelegenheit aber

bewies er keinen Mangel an Ehrenhaftigkeit oder Characterstärke. »Sire«,

sagte er, »dies heißt nicht blos von einem Gesetze dispensiren, sondern

das ganze von der Thronbesteigung der Königin Elisabeth bis auf den

heutigen Tag gültige Gesetzbuch umstoßen. Ich darf es nicht thun und

bitte Eure Majestät zu erwägen, ob solch ein Angriff auf die Rechte der

Kirche mit Ihren neulichen gnädigen Versprechungen im Einklange

steht[85].« Sawyer würde so gut wie Finch augenblicklich entlassen

worden sein, wenn die Regierung einen Nachfolger für ihn hätte finden

können; allein dies war kein leichtes Ding. Es war für den Schutz der

Rechte der Krone nöthig, daß wenigstens einer ihrer Anwälte ein

gelehrter, fähiger und erfahrener Mann war; aber kein solcher ließ sich

bereit finden, das Dispensationsrecht zu vertheidigen. Der Generalfiskal

durfte daher seinen Posten noch einige Monate beibehalten. Thomas Powis,

ein unbedeutender Mann, der sich nur durch seine Servilität zu einem so

hohen Posten empfahl, wurde zum Staatsprokurator ernannt.

[Anmerkung 82: +Reresby's Memoirs+; +Eachard, III. 797+; +Kennet,

III. 451.+]

[Anmerkung 83: +London Gazette, Apr. 22. & 29. 1686+; Barillon,

19.(29.); +Evelyn's Diary, June 2.+; +Luttrell, June 8.+; +Dodd's

Church History.+]

[Anmerkung 84: +North's Life of Guildford, 288.+]

[Anmerkung 85: +Reresby's Memoirs.+]

[_Prozeß Sir Eduard Hales'._] Die einleitenden Anstalten waren nun alle

getroffen. Man hatte einen Generalprokurator, der das Dispensationsrecht

zu vertheidigen bereit war, und zwölf Richter, die sich zu Gunsten

desselben aussprechen wollten. Die Frage wurde daher eiligst zur

Verhandlung gebracht. Sir Eduard Hales, ein Gentlemen aus Kent, war zu

einer Zeit, da es für einen nur einigermaßen bekannten Mann nicht

gerathen war, sich offen für einen Papisten zu erklären, zum Papismus

übergetreten. Er hatte die Sache geheim gehalten, und, wenn er gefragt

wurde, stets mit einer Feierlichkeit, die seinem Character wenig Ehre

machte, versichert, daß er Protestant sei. Nachdem Jakob den Thron

bestiegen, war Verstellung nicht mehr nöthig. Sir Eduard Hales erklärte

öffentlich seinen Übertritt und wurde mit dem Commando eines

Infanterieregiments belohnt. Diese Stelle bekleidete er bereits drei

Monate, ohne den Eid geleistet zu haben, und er hatte dadurch eine

Geldstrafe von fünfhundert Pfund verwirkt, die ein Kläger durch eine

Schuldklage eintreiben konnte. Ein Bedienter wurde veranlaßt, eine Klage

auf diese Summe beim Gerichtshofe der Kings Bench anhängig zu machen.

Sir Eduard leugnete die ihm zur Last gelegten Facta nicht, berief sich

aber darauf, daß er Patente habe, die ihn zur Bekleidung seines Postens

trotz der Testacte ermächtigten. Der Kläger erhob dagegen einen

Rechtseinwand, das heißt, er gab die factische Richtigkeit von Sir

Eduard's Vertheidigungsgrund zu, leugnete aber, daß dies eine genügende

Antwort sei. So entstand eine einfache Rechtsfrage, welche der

Gerichtshof zu entscheiden hatte. Ein Advokat, der anerkanntermaßen ein

Werkzeug der Regierung war, trat für den Scheinkläger auf und erhob

einige schwache Einwendungen gegen den Vertheidigungsgrund des

Angeklagten. Der neue Generalprokurator replicirte. Der Generalfiskal

nahm keinen Theil an der Verhandlung. Das Urteil wurde von dem

Lordoberrichter, Sir Eduard Herbert, gefällt. Er erklärte, daß er die

Frage allen zwölf Richtern vorgelegt habe und daß nach der Meinung von

elfen der König in besonderen Fällen und aus besonderen hochwichtigen

Gründen von Strafgesetzen dispensiren dürfe. Der Einzige, welcher nicht

dieser Ansicht war, Baron Street, wurde seines Amtes nicht entsetzt. Er

war ein Mann von so schlechten Sitten, daß seine eigenen Verwandten

jeden Umgang mit ihm vermieden und daß dem Prinzen von Oranien zur Zeit

der Revolution gerathen wurde, ihn nicht vor sich zu lassen. Nach

Street's Character kann man unmöglich glauben, daß er gewissenhafter

gewesen sei als seine Collegen, und nach Jakob's Character kann man

unmöglich glauben, daß er einen widerspenstigen Baron der Schatzkammer

auf seinem Posten gelassen haben würde. Es kann also kaum einem Zweifel

unterliegen, daß der andersstimmende Richter ebenso wie der Kläger und

dessen Rechtsbeistand im Einverständniß mit der Regierung handelte. Es

war nöthig, ein großes Übergewicht an Autorität zu Gunsten des

Dispensationsrechts zu erlangen; nicht minder wichtig aber war es auch,

daß das für diesen Fall sorgfältig auserwählte Richtercollegium als

unabhängig erschien. Einem Richter, den am wenigsten achtungswerthen von

den zwölfen, gestattete man daher, oder befahl man wahrscheinlich, seine

Stimme gegen das Hoheitsrecht abzugeben.[86]

Die auf solche Weise von den Gerichtshöfen anerkannte Befugniß der Krone

durfte nun auch nicht müßig liegen. Innerhalb eines Monats nach

erfolgter Entscheidung der Kings Bench wurden vier römisch-katholische

Lords als Mitglieder des Geheimen Raths vereidigt. Zwei davon, Powis und

Bellasyse, gehörten zur gemäßigten Partei und nahmen ihre Sitze

wahrscheinlich mit Widerstreben und mit schlimmen Vorahnungen ein. Die

anderen beiden, Arunell und Dover, hegten keine derartigen

Besorgnisse.[87]

[Anmerkung 86: Siehe die Erzählung des Falles in der +Collection

of State Trials+; Citters, 4.(14.) Mai und 22. Juni (2. Juli)

1686; +Evelyn's Diary, June 27.+; +Luttrell's Diary, June 21.+

Hinsichtlich Street's sehe man +Clarendon's Diary, Dec. 27.

1688.+]

[Anmerkung 87: +London Gazette, July 19. 1686.+]

[_Römische Katholiken werden zum Besitz geistlicher Pfründen

ermächtigt._] Das Dispensationsrecht wurde zu gleicher Zeit auch zu dem

Zwecke benutzt, um römische Katholiken zu kirchlichen Ämtern zuzulassen.

Der neue Prokurator fertigte bereitwilligst die Vollmachten aus, von

denen Sawyer nichts hatte wissen wollen. Eine dieser Vollmachten wurde

zu Gunsten eines Elenden, Namens Eduard Sclater, ausgestellt, welcher

zwei Pfründen hatte, die er um jeden Preis und unter allen Umständen

behalten wollte. Am Palmsonntage des Jahres 1686 reichte er das

Abendmahl seinen Pfarrkindern nach dem Ritus der anglikanischen Kirche,

und am Ostersonntage, also nur sieben Tage später, war er in der Messe.

Die königliche Dispensation ermächtigte ihn, die Einkünfte seiner

Pfründen fortzubeziehen. Auf die Vorstellungen der Gönner, denen er

seine Anstellung verdankte, antwortete er mit frechem Trotze, und

während der Katholicismus noch die Oberhand hatte, ließ er eine

abgeschmackte Schrift zur Rechtfertigung seines Abfalls erscheinen. Doch

wenige Wochen nach der Revolution sah eine zahlreiche Versammlung in der

Marienkirche im Savoy ihn wieder in den Schooß der verlassenen Kirche

aufnehmen. Er las seinen Widerruf unter strömenden Thränen ab und hielt

eine heftige Schmährede gegen die papistischen Priester, deren

Kunstgriffe ihn verführt hätten.[88]

Nicht weniger schmachvoll war das Verfahren Obadja Walker's. Er war ein

bejahrter Priester der anglikanischen Kirche und an der Universität

Oxford als gelehrter Mann bekannt. Unter der vorigen Regierung hatte man

ihn in dem Verdachte gehabt, daß er sich zum Papismus hinneige, er hatte

sich aber äußerlich der Staatsreligion gefügt und war daher endlich zum

Rector des Universitycollegiums ernannt worden. Bald nach Jakob's

Thronbesteigung entschloß sich jedoch Walker, die bisher getragene Maske

abzulegen. Er besuchte den öffentlichen anglikanischen Gottesdienst

nicht mehr und hörte mit einigen Fellows und Untergraduirten, die er

bekehrt hatte, täglich in seiner Privatwohnung die Messe. Eine der

ersten Amtshandlungen des neuen Staatsprokurators war die Ausstellung

einer Urkunde, welche Walker und seine Proselyten ermächtigte, ihre

Pfründen trotz ihres Abfalles beizubehalten. Es wurden sogleich

Bauhandwerker bestellt, um zwei Reihen Zimmer in eine Betkapelle

umzuwandeln, und nach wenigen Wochen wurde am Universitycollegium

öffentlich katholischer Gottesdienst gehalten. Ein Jesuit wurde als

Kaplan angestellt und mit königlicher Genehmigung eine Druckerei zur

Herausgabe katholischer Tractate errichtet. Zwei und ein halbes Jahr

lang fuhr Walker fort, mit der ganzen Erbitterung eines Renegaten gegen

den Protestantismus zu Felde zu ziehen; als sich aber das Glück wendete,

bewies er, daß er nicht den Muth eines Märtyrers besaß. Er wurde vor die

Schranken des Hauses der Gemeinen gestellt, um sich wegen seines

Benehmens zu verantworten, und war schamlos genug zu erklären, daß er

nie seinen Glauben gewechselt, daß er im Herzen die Glaubenslehren der

römischen Kirche nie gebilligt und nie den Versuch gemacht habe, irgend

einen Andren in den Schooß dieser Kirche zu ziehen. Es war gewiß nicht

der Mühe werth, die heiligsten Verpflichtungen und Versprechungen mit

Füßen zu treten, um solche Convertiten zu machen.[89]

[Anmerkung 88: Siehe die offenen Briefe in Gurch's +Collectanea

Curiosa+. Das Datum ist der 3. Mai 1686. +Sclater's Consensus

Veterum+; Gee's Erwiederung, betitelt: +Veteres Vindicati+; +Dr.+

Anton Horneck's Bericht über Sclater's Widerruf der Irrthümer des

Papismus vom 5. Mai 1689; +Dodd's Church History VIII. II. 3.+]

[Anmerkung 89: +Gutch's Collectanea Curiosa+; +Dodd, VIII. II.

3.+; +Wood, Ath. Ox.+; +Ellis's Correspondence, Feb. 27. 1686+;

+Commons' Journals, Oct. 26, 1689.+]

[_Die Dechanei von Christchurch wird einem Katholiken verliehen._] Bald

ging der König noch einen Schritt weiter. Sclater und Walker war nur

gestattet worden, die ihnen zu der Zeit, als sie noch für Protestanten

galten, verliehenen Anstellungen beizubehalten, nachdem sie Papisten

geworden waren. Aber ein hohes Amt der Staatskirche einem erklärten

Feinde derselben zu verleihen, war eine noch viel frechere Verletzung

der Gesetze und des königlichen Wortes. Jakob war aber nichts zu frech.

Die Dechanei des Christchurchcollegiums war erledigt. Dieses Amt war in

Rang und Einkünften eines der höchsten an der Universität Oxford. Der

Dechant hatte unter seiner Leitung eine größere Anzahl junger Leute mit

vornehmen Verbindungen und glänzenden Aussichten, als in irgend einem

andren Collegium zu finden waren. Außerdem war er erster Geistlicher an

einer Kathedrale. In beiden Eigenschaften hätte er nothwendig ein

Mitglied der Staatskirche sein sollen. Trotzdem wurde kraft des

Dispensationsrechts Johann Massey ernannt, der notorisch ein Mitglied

der römischen Kirche war und der keine andre Empfehlung für sich hatte

als eben diese. Bald war in den Räumen des Christchurchcollegiums ein

Altar errichtet, an welchem täglich Messe gelesen wurde.[90] Der König

sagte dem Nuntius, was in Oxford geschehen sei, solle bald auch in

Cambridge geschehen.[91]

[Anmerkung 90: +Gutch's Collectanea Curiosa+; +Wood's Athenae

Oxonienses+; +Dialogue between a Churchman and a Dissenter,

1689.+]

[Anmerkung 91: Adda, 9.(19.) Juli 1686.]

[_Besetzung von Bisthümern._] Doch selbst dies war nur ein kleines Übel

im Vergleich zu dem, welches die Protestanten mit gutem Grunde

befürchteten. Es war nur zu wahrscheinlich, daß die ganze Oberleitung

der anglikanischen Kirche binnen Kurzem in die Hände ihrer Todfeinde

übergehen werde. Drei wichtige Bischofssitze, der von York, der von

Chester und der von Oxford, waren unlängst zur Erledigung gekommen. Das

Bisthum von Oxford erhielt Samuel Parker, ein Schmarotzer, dessen

Glaube, wenn er überhaupt einen hatte, der römische war und der sich nur

deshalb einen Protestanten nannte, weil er eine Frau auf dem Halse

hatte. »Ich möchte einen erklärten Katholiken ernennen«, sagte der König

zu Adda; »aber es ist noch nicht die Zeit dazu. Parker ist uns zugethan,

seiner Gesinnung nach ist er einer der Unsrigen, und nach und nach wird

er seine Geistlichen herumbringen.«[92] Das Bisthum von Chester, welches

durch den Tod Johann Pearson's, eines in der Philologie und in der

Theologie berühmten Mannes, erledigt worden war, bekam Thomas

Cartwright, ein noch viel niedrigerer Schmarotzer als Parker. Das

Erzbisthum von York blieb mehrere Jahre unbesetzt. Da kein triftiger

Grund zu finden war, warum ein so wichtiger Posten unbesetzt gelassen

wurde, so argwöhnte man, daß der König die Ernennung nur bis zu einer

Zeit verschieben wolle, wo er es wagen durfte, die Mitra einem erklärten

Papisten aufs Haupt zu setzen. Es ist in der That sehr wahrscheinlich,

daß die anglikanische Kirche nur durch die Einsicht und den richtigen

Takt des Papstes vor dieser Schmach bewahrt wurde. Ohne besonderen

Dispens von Rom konnte kein Jesuit Bischof werden und Innocenz war durch

nichts zu bewegen, dem Pater Petre einen solchen Dispens zu ertheilen.

[Anmerkung 92: Adda, 30. Juli (9. Aug.) 1686.]

[_Entschluß Jakob's, sein kirchliches Supremat gegen die Kirche zu

gebrauchen._] Jakob machte gar kein Geheimniß aus seiner Absicht, alte

Befugnisse, die er als Oberhaupt der Staatskirche besaß, energisch und

systematisch zur Vernichtung derselben anzuwenden. Er sprach es

unverhohlen aus, daß nach einer weisen Fügung der Vorsehung die

Suprematsacte das Mittel sein werde, um den Bruch, den sie

herbeigeführt, wieder zu heilen. Heinrich und Elisabeth hätten sich eine

Herrschaft angemaßt, welche von Rechtswegen dem heiligen Stuhle zukomme.

Diese Herrschaft sei durch Erbfolge auf einen rechtgläubigen Fürsten

gekommen und dieser werde sie als ein anvertrautes Gut dem heiligen

Stuhle aufbewahren. Das Gesetz ermächtige ihn, kirchliche Mißbräuche zu

beseitigen, und der erste kirchliche Mißbrauch, den er beseitigen wolle,

sei die Freiheit, die sich die anglikanische Geistlichkeit anmaße, ihre

eigne Religion zu vertheidigen und die römischen Glaubenslehren

anzugreifen.[93]

[Anmerkung 93: +»Ce prince m'a dit que Dieu avoit permis que

toutes les loir qui ont été faites pour établir la réligion

Protestante, et détruire la réligion Catholique, servent

présentement de fondement à ce qu'il veut faire pour

l'établissement de la vraie réligion, et le mettent en droit

d'exercer un pouvoir encore plus grand que celui qu'ont les rois

Catholiques sur les affaires ecclésiastiques dans les autres

pays.«+ -- Barillon, 12.(22.) Juli 1686. Zu Adda sagte Seine

Majestät einige Tage später: +»Che l'autorità concessale dal

parlamento sopra l'Ecclesiastico senza alcun limite con fine

contrario fosse adesso per servire al vantaggio de' medesimi

Cattolici.«+ -- 23. Juli (2. Aug.).]

[_Die ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten._] Dabei stieß er jedoch auf

eine große Schwierigkeit. Die durch Erbschaft auf ihn gekommene

kirchliche Oberhoheit war keineswegs die große und furchtbare

Prärogative, welche Elisabeth, Jakob I. und Karl I. besessen hatten. Die

Verordnung, welche der Krone ein fast unbeschränktes Oberaufsichtsrecht

über die Kirche ertheilte, war zwar niemals förmlich aufgehoben worden,

hatte aber doch einen großen Theil ihrer Kraft verloren. Das Gesetz

selbst bestand noch, aber es war nicht mehr von einer achtunggebietenden

Sanction oder von einem wirksamen Procedursystem begleitet, und daher

war es wenig mehr als ein todter Buchstabe.

Das Gesetz, welches Elisabeth die geistliche Oberherrschaft wieder

verlieh, die ihr Vater sich angemaßt und ihre Schwester niedergelegt

hatte, enthielt eine Klausel, durch welche der Regent ermächtigt wurde,

ein Tribunal einzusetzen, das alle kirchlichen Vergehen untersuchen,

abstellen und bestrafen sollte. Kraft dieser Klausel war der Gerichtshof

der Hohen Commission errichtet worden. Dieser Gerichtshof war viele

Jahre lang der Schrecken der Nonconformisten und wurde unter Laud's

Verwaltung ein Gegenstand der Furcht und des Hasses selbst für

Diejenigen, welche die Landeskirche am meisten liebten. Als das Lange

Parlament zusammentrat, wurde die Hohe Commission allgemein als das

drückendste der vielen Joche betrachtet, unter denen die Nation seufzte.

Es wurde daher etwas hastig ein Gesetz erlassen, welches der Krone nicht

allein die Befugniß entzog, Visitatoren zur Beaufsichtigung der Kirche

zu ernennen, sondern auch alle geistlichen Gerichte ohne Unterschied

abschaffte.

Nach der Restauration erinnerten sich die Kavaliere, welche das

Unterhaus füllten, trotz ihrer Begeisterung für die Hoheitsrechte, doch

mit Bitterkeit der Tyrannei der Hohen Commission und waren durchaus

nicht geneigt, eine so verhaßte Einrichtung wieder ins Leben zu rufen.

Zu gleicher Zeit aber waren sie nicht ohne Grund der Meinung, daß das

Gesetz, das alle christlichen Gerichtshöfe beseitigt hatte, ohne etwas

Andres an deren Stelle zu setzen, doch ernste Einwendungen zulasse. Sie

hoben daher dieses Gesetz, mit Ausnahme des auf die Hohe Commission

bezüglichen Theiles, wieder auf. So wurden die Archidiakonalgerichte,

die Consistorialgerichte, der erzbischöfliche Gerichtshof, der

Gerichtshof der Privilegirten und der Gerichtshof der Delegirten wieder

eingeführt; das Gesetz aber, welches Elisabeth und ihre Nachfolger

ermächtigt hatte, Commissare mit visitatorischer Gewalt über die Kirche

zu ernennen, wurde nicht allein nicht wieder hergestellt, sondern sogar

in den bestimmtesten Ausdrücken für gänzlich abgeschafft erklärt. Es ist

daher so klar, als nur irgend ein Punkt des Verfassungsrechts sein kann,

daß Jakob II. nicht befugt war, eine Commission mit Visitations- und

Regierungsgewalt über die Kirche Englands zu ernennen.[94] Wenn dem aber

so war, so half es ihm wenig, daß die Suprematsacte ihn in hochtrabenden

Worten ermächtigte, vorhandene Mängel dieser Kirche zu verbessern. Nur

eine so gewaltige Maschine, wie die vom Langen Parlamente zerstörte war,

konnte die anglikanische Geistlichkeit zwingen, sein Werkzeug zur

Vernichtung der anglikanischen Glaubenslehre und Kirchenzucht zu werden.

Daher nahm er sich schon im April 1686 vor, einen neuen Gerichtshof der

Hohen Commission zu errichten. Der Plan wurde jedoch nicht sogleich

verwirklicht. Er stieß auf den Widerspruch jedes Ministers, der nicht

Frankreich und den Jesuiten ergeben war. Die Rechtsgelehrten

betrachteten ihn als eine rücksichtslose Verletzung des Gesetzes und die

Theologen als einen offnen Angriff auf die Kirche. Der Streit würde

vielleicht noch länger gedauert haben, wäre nicht ein Ereigniß

eingetreten, das den Stolz des Königs kränkte und seinen Zorn

entflammte. Er hatte als erster Bischof Verordnungen erlassen, die es

den Geistlichen der Landeskirche zur Pflicht machten, sich in ihren

Vorträgen jeder Berührung der streitigen Lehrpunkte zu enthalten. Also

während an jedem Sonn- und Festtage in allen königlichen Palästen zur

Vertheidigung des katholischen Glaubens gepredigt wurde, war es der

Landeskirche, der Kirche der großen Mehrheit der Nation, verboten, ihre

Grundsätze zu erörtern und zu vertheidigen. Der Geist des gesammten

Klerus empörte sich gegen diese Ungerechtigkeit. Wilhelm Sherlock, ein

ausgezeichneter Theolog, der mit scharfer Feder gegen die Whigs und

Dissenters geschrieben hatte und dafür von der Regierung mit dem

Vorsteheramte des Tempels und mit einem Jahrgehalte belohnt worden, war

einer der Ersten, der sich das königliche Mißfallen zuzog. Sein Gehalt

wurde ihm entzogen und er erhielt einen strengen Verweis.[95] Johann

Sharp, Dechant von Norwich und Rector von St. Giles in the Fields,

erregte bald darauf noch größeres Ärgerniß. Er war ein gelehrter und

wahrhaft gottesfürchtiger Mann, ein berühmter Kanzelredner und ein

musterhafter Seelenhirt. Seiner politischen Meinung nach war er, wie die

meisten seiner Amtsbrüder, ein Tory und war eben erst zum königlichen

Kaplan ernannt worden. Er erhielt einen anonymen Brief, dessen Schreiber

eines seiner Pfarrkinder zu sein vorgab und sagte, er sei durch die

Beweisgründe der katholischen Theologen so schwankend geworden, daß er

gern Gewißheit darüber erlangen möchte, ob die anglikanische Kirche

wirklich ein Zweig der wahren Kirche Christi sei. Kein Geistlicher, in

dem nicht jedes Gefühl für religiöse Pflicht und Amtsehre erstickt war,

konnte eine solche Anfrage unbeantwortet lassen. Am nächstfolgenden

Sonntage hielt Sharp eine lebendige Predigt gegen die hohen Prätensionen

des römischen Stuhles. Einige seiner Äußerungen wurden übertrieben und

verdreht von Ohrenbläsern nach Whitehall berichtet; es wurde fälschlich

behauptet, er habe verächtlich von den theologischen Untersuchungen

gesprochen, die in der Geldkasse des verstorbenen Königs gefunden und

von dem gegenwärtigen Könige veröffentlicht worden waren. Compton, der

Bischof von London, erhielt von Sunderland den Befehl, Sharp bis auf

weitere königliche Entschließung zu suspendiren. Der Bischof war in der

größten Verlegenheit. Sein kürzliches Auftreten im Hause der Lords hatte

ihm das entschiedene Mißfallen des Hofes zugezogen; schon war sein Name

aus der Liste der Geheimen Räthe gestrichen, schon war er seines Amtes

an der königlichen Kapelle entsetzt. Er wollte nicht gern neuen Anstoß

geben; aber der Act, der ihm anbefohlen wurde, war ein gerichtlicher

Act. Er erkannte die Ungerechtigkeit desselben, und die besten Rathgeber

versicherten ihm, daß es auch ungesetzlich sei, eine Strafe zu

verhängen, ohne daß dem Betroffenen Gelegenheit zu seiner Vertheidigung

gegeben worden war. Er stellte daher dem Könige diese Bedenken in den

bescheidensten Ausdrücken vor und ersuchte Sharp privatim, vorläufig

nicht zu predigen. So vernünftig jedoch Compton's Bedenken und so

demüthig seine Entschuldigungsgründe gehalten waren, Jakob war höchlich

entrüstet. Welche Unverschämtheit, die natürliche Gerechtigkeit und das

positive Gesetz einem ausdrücklichen Befehle des Souverains

gegenüberzustellen! Sharp wurde vergessen und die ganze Rache der

Regierung fiel auf den Bischof.[96]

[Anmerkung 94: Diese ganze Frage ist ausgezeichnet klar und

unwiderlegbar in einer damals unter dem Titel: +»The King's Power

in Matters Ecclesiastical fairly stated«+ erschienenen kleinen

Schrift abgehandelt. Siehe auch die kurze, aber kräftige

Beweisführung des Erzbischofs Sancroft in seiner Biographie von

Doyle, I. 229.]

[Anmerkung 95: Brief von Jakob an Clarendon v. 18. Febr. 1685/86.]

[Anmerkung 96: Den besten Bericht über diesen Vorgang findet man

in Sharp's Lebensbeschreibung, herausgegeben von seinem Sohne.

Citters, 29. Juni (9. Juli) 1686.]

[_Er errichtet einen neuen Gerichtshof der Hohen Commission._] Der König

vermißte schmerzlicher als je das gefürchtete Zwangsmittel, welches

ehedem die widerspenstigen Geistlichen gebändigt hatte. Er wußte

wahrscheinlich, daß der Bischof Williams wegen einiger Worte des

Unwillens gegen die Regierung seines Vaters durch die Hohe Commission

aller seiner kirchlichen Würden und Ämter enthoben worden war. Der Plan,

dieses furchtbare Tribunal wieder ins Leben zu rufen, wurde eifriger als

je betrieben. Im Juli wurde London plötzlich durch die Neuigkeit

erschreckt, daß der König in offenem Widerspruch mit zwei in den

bestimmtesten Ausdrücken abgefaßten Parlamentsverordnungen, das ganze

Kirchenregiment in die Hände von sieben Commissaren gelegt habe.[97] Die

Worte, in denen der Umfang der Gerichtsbarkeit dieser Beamten bezeichnet

war, waren unbestimmt und ließen sich fast zu jeder beliebigen Tragweite

ausdehnen. Alle Collegien und Bildungsanstalten, selbst die durch

Privatwohlthätigkeit gegründeten, wurden unter die Oberaufsicht dieser

neuen Behörde gestellt. Alle Diejenigen, deren Lebensunterhalt von

Stellen bei der Kirche oder an akademischen Anstalten abhing, vom

Erzbischof bis herab zum jüngsten Curaten, vom Vicekanzler von Oxford

und Cambridge bis herab zum bescheidensten Lehrer, der den Corderius

las, waren nun der königlichen Gnade preisgegeben. Stand einer von

diesen vielen Tausenden in dem Verdacht irgend einer der Regierung

mißfälligen Handlung oder Äußerung, so konnte die Commission ihn vor

sich laden. Ihr Verfahren gegen ihn war durch keine Vorschriften

geregelt, sie war zu gleicher Zeit Ankläger und Richter. Der Angeklagte

erhielt keine Abschrift von der Anklage, er wurde nur verhört, und waren

seine Antworten nicht befriedigend, so konnte er seines Amtes entsetzt,

davon vertrieben und zu jeder ferneren Anstellung unfähig erklärt

werden. Zeigte er sich widerspenstig, so konnte er excommunicirt, das

heißt mit anderen Worten aller bürgerlichen Rechte beraubt und auf

Lebenszeit eingesperrt werden. Auch konnte er nach Belieben des

Gerichtshofes in alle Kosten des Prozesses verurtheilt werden, der ihn

zum Bettler machte. Von einer Appellation war keine Rede. Die Commission

hatte Befehl, sich bei der Ausübung ihrer Functionen durch kein Gesetz,

das mit diesen Anordnungen unvereinbar war oder zu sein schien, irre

machen zu lassen. Damit endlich Niemand zweifeln konnte, daß man

beabsichtigte, den gefürchteten Gerichtshof wieder einzuführen, von dem

das Lange Parlament die Nation befreit hatte, sollte das neue Tribunal

sich eines Siegels bedienen, das genau die nämliche Devise und die

nämliche Umschrift hatte wie das Siegel der ehemaligen Hohen

Commission.[98]

Der oberste Commissar war der Kanzler. Seine Anwesenheit und seine

Zustimmung waren zu jedem gerichtlichen Schritte erforderlich. Jedermann

wußte, wie ungerecht, rücksichtslos und unmenschlich er sich bei

Gerichtshöfen gezeigt hatte, wo er bis zu einem gewissen Grade durch die

bekannten Gesetze Englands beschränkt worden war. Es war daher unschwer

vorauszusehen, wie er sich in einer Stellung zeigen würde, in der es ihm

völlig freistand, sich seine eigenen Procedurformen und Beweisregeln

nach Belieben zu bilden.

Von den anderen sechs Commissaren waren drei Prälaten und drei Laien.

Obenan stand der Name des Erzbischofs Sancroft. Dieser war jedoch der

festen Überzeugung, daß das ganze Gericht ungesetzlich sei, daß alle

Aussprüche desselben nichtig seien und daß er sich durch Theilnahme an

demselben eine schwere Verantwortlichkeit aufbürden werde. Er beschloß

daher, dem königlichen Rufe nicht Folge zu leisten. Allerdings handelte

er bei dieser Gelegenheit nicht mit dem Muthe und der Aufrichtigkeit,

die er zwei Jahre später bewies, als er aufs Äußerste getrieben wurde.

Er entschuldigte sich mit Geschäften und angegriffener Gesundheit und

setzte hinzu, die übrigen Mitglieder des Collegiums seien zu tüchtige

Männer, als daß sie seines Beistandes bedürfen könnten. Diese leeren

Ausflüchte ziemten sich in einer so hochwichtigen Angelegenheit nicht

für den Primas von ganz England; auch schützten sie ihn nicht vor der

königlichen Ungnade. Sancroft's Name wurde zwar nicht aus der Liste der

Geheimen Räthe gestrichen, aber zum großen Verdruß der Freunde der

Kirche wurde er nicht mehr zur Teilnahme an den Staatsrathssitzungen

aufgefordert. »Wenn er zu kränklich oder zu beschäftigt ist, um in die

Commission gehen zu können«, sagte der König, »so ist es nicht mehr als

billig, ihn auch von dem Besuche des Geheimen Raths zu befreien.«[99]

Auf keine derartigen Schwierigkeiten stieß die Regierung bei Nathaniel

Crewe, Bischof des großen und reichen Bisthums Durham, ein Mann von

adeliger Abkunft, der in seinem Berufe so hoch gestiegen war, daß er

kaum wünschen konnte, noch höher zu steigen, aber gemeinen Sinnes, eitel

und feigherzig. Er war zum Dechant der königlichen Kapelle ernannt

worden, als der Bischof von London aus dem Palaste verbannt wurde. Die

Ehre, ein Mitglied der Hohen Commission zu werden, verrückte Crewe den

Kopf. Umsonst machten ihn einige seiner Freunde darauf aufmerksam,

welchen Gefahren er sich durch Betheiligung an einem gesetzwidrigen

Gerichtshofe aussetzte. Er schämte sich nicht zu antworten, daß er ohne

das königliche Lächeln nicht leben könne, und sprach frohlockend die

Hoffnung aus, sein Name werde in der Geschichte fortleben, eine

Hoffnung, die allerdings zum Theil in Erfüllung gegangen ist.[100]

Der dritte geistliche Commissar war Thomas Sprat, Bischof von Rochester.

Er war ein Mann, dessen Talenten die Nachwelt kaum hat Gerechtigkeit

widerfahren lassen. Zum Unglück für seinen Ruhm sind seine Verse

gewöhnlich in die Sammlungen britischer Dichter aufgenommen worden,

und wer ihn nach seinen Versen beurtheilt, muß ihn für einen

sklavischen Nachbeter halten, der, ohne einen Funken von Cowley's

bewunderungswürdigem Genie zu besitzen, gerade das in Cowley's Manier

am wenigsten Empfehlenswerthe nachahmte; wer aber Sprat's prosaische

Schriften kennt, wird eine ganz andre Meinung von seinem Talent haben.

Er war in der That ein großer Meister unsrer Sprache und besaß zu

gleicher Zeit die Beredtsamkeit des Redners, des Polemikers und des

Historikers. Sein sittlicher Character würde wenig Tadel erfahren haben,

hätte er einem weniger heiligen Stande angehört; aber das Schlimmste,

was man ihm nachsagen kann, ist, daß er gleichgültig, genußsüchtig und

weltlich war. Doch solche Fehler werden zwar bei Männern weltlichen

Berufs gewöhnlich nicht für so schlimm gehalten, sind aber bei einem

Prälaten sehr anstößig. Das Erzbisthum York war erledigt; Sprat hoffte

es zu erhalten, und dies bewog ihn, einen Sitz bei der neuen geistlichen

Behörde anzunehmen. Aber er war viel zu gutherzig, um Härte zu üben, und

viel zu klug, um nicht einzusehen, daß ihn in Zukunft ein Parlament zur

ernsten Rechenschaft ziehen konnte. Er nahm daher die Stelle an, bemühte

sich aber, so mild als möglich aufzutreten und sich so wenig als möglich

Feinde zu machen.[101]

Die anderen drei Commissare waren der Lordschatzmeister, der

Lordpräsident und der Oberrichter der Kings Bench. Rochester mißbilligte

die Sache und murrte dagegen, verstand sich aber dennoch zur Mitwirkung,

so viel er auch am Hofe ertragen mußte, konnte er sich doch nicht

entschließen, denselben zu verlassen. So sehr er der Kirche zugethan

war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, ihr seinen weißen Stab,

sein Patronat, seinen Gehalt von achttausend Pfund und die noch viel

bedeutenderen Nebeneinkünfte seines Amtes aufzuopfern. Er entschuldigte

sein Benehmen gegen Andere und vielleicht auch gegen sich selbst damit,

daß er sagte, er könne als Mitglied der Hohen Commission viel Schlimmes

verhüten und es werde sich, wenn er die Stelle ablehne, anstatt seiner

leicht ein der protestantischen Kirche weniger ergebener Mann finden.

Sunderland war der Repräsentant der jesuitischen Cabale. Herbert's

kürzlicher Ausspruch in der Frage des Dispensationsrechts ließ erwarten,

daß er sich keiner Dienstleistung, die der König von ihm verlangen

könnte, entziehen werde.

[Anmerkung 97: Barillon, 21. Juli (1. Aug.) 1686; Citters,

16.(26.) Juli; +Privy Council Book, July 17.+; +Ellis

Correspondence, July 17.+; +Evelyn's Diary, July 14.+; +Luttrell's

Diary, Aug. 5. 6.+]

[Anmerkung 98: Die Devise war eine Rose und eine Krone. Vor der

Devise stand der Anfangsbuchstabe des königlichen Namens, dahinter

der Buchstabe +R.+ Die Umschrift lautete: +»Sigillum

commissariorum regiae mejestatis ad causas ecclesiasticas.«+]

[Anmerkung 99: Anhang zu Clarendon's Tagebuch; Citters, 8.(18.)

Oct. 1686; Barillon, 11.(21.) Oct.; +Doyle's Life of Sancroft.+]

[Anmerkung 100: +Burnet, I. 676.+]

[Anmerkung 101: +Burnet, II. 629+; Sprat's Briefe an Dorset.]

[_Verfahren gegen den Bischof von London._] Sobald die Commission

eröffnet war, wurde der Bischof von London vor das neue Tribunal

geladen. Er erschien. »Ich bitte Sie«, sagte Jeffreys, »um eine directe

und bestimmte Antwort: warum haben Sie +Dr.+ Sharp nicht suspendirt?«

Der Bischof verlangte die schriftliche Vollmacht der Commission zu

sehen, um zu erfahren, auf welche Autorität hin er so gefragt werde.

»Wenn Sie unsre Autorität in Zweifel ziehen«, erwiederte Jeffreys, »so

werde ich einen andren Weg mit Ihnen einschlagen. Was unsre Vollmacht

betrifft, so bin ich überzeugt, daß Sie dieselbe bereits gesehen haben.

Jedenfalls können Sie sie im ersten besten Kaffeehause für einen Penny

lesen.« Diese unverschämte Antwort des Kanzlers erregte den Unwillen der

anderen Commissare und er war genöthigt, einige ungeschickte

Entschuldigungen vorzubringen. Dann kehrte er zu dem Punkte zurück, von

dem er ausgegangen war. »Dies«, sagte er, »ist kein Gerichtshof, bei dem

schriftliche Anklagen niedergelegt werden. Unser Verfahren ist

summarisch und mündlich. Die Frage ist einfach die: warum haben Sie dem

Könige nicht gehorcht?« Nicht ohne Schwierigkeit erlangte Compton einen

kurzen Aufschub und die Gestattung eines Rechtsbeistandes. Nachdem der

Fall vorgetragen war, sah Jedermann ein, daß der Bischof nur seine

Pflicht gethan hatte. Der Schatzmeister, der Oberrichter und Sprat waren

für die Freisprechung. Darüber gerieth der König in Zorn. Es schien, als

ob die Hohe Commission ihn ebenso im Stiche lassen werde, wie ihn sein

toryistisches Parlament im Stiche gelassen hatte. Er stellte daher

Rochester die einfache Alternative, daß er entweder den Bischof für

schuldig zu erklären oder das Schatzamt zu verlassen habe. Rochester war

erbärmlich genug nachzugeben. Compton wurde aller seiner geistlichen

Functionen entsetzt und die Verwaltung seines großen Sprengels seinen

Richtern, Sprat und Crewe, übertragen. Er bewohnte jedoch nach wie vor

seinen Palast und bezog seine Einkünfte fort, denn man wußte sehr wohl,

daß, wenn man den Versuch gemacht hätte ihn seiner Emolumente zu

berauben, er sich unter den Schutz des gemeinen Rechts begeben haben

würde, und Herbert selbst erklärte, daß nach diesem Rechte das Urtheil

gegen die Krone ausfallen müßte. Diese Erwägung bestimmte den König inne

zu halten. Nur wenige Wochen waren verflossen, seitdem er die

Gerichtshöfe von Westminsterhall neu zusammengesetzt hatte, um eine

Entscheidung zu Gunsten seines Dispensationsrechts zu erlangen, und er

überzeugte sich jetzt, daß er ohne eine nochmalige Sichtung nicht im

Stande sein würde, einen Ausspruch zu Gunsten des Verfahrens seiner

kirchlichen Commission zu erlangen. Er beschloß daher, die Einziehung

der Revenuen widerspenstiger Geistlicher kurze Zeit aufzuschieben.[102]

[Anmerkung 102: +Burnet I. 677.+; Barillon, Sept. 6.(16.) 1686.

Der öffentliche Prozeß befindet sich in der +Collection of State

Trials+.]

[_Die öffentliche Schaustellung römisch-katholischer Gebräuche und

Trachten erregt Unzufriedenheit._] Die Stimmung der Nation war

allerdings auch von der Art, daß sie ihn wohl zum Einhalten bestimmen

konnte. Seit einigen Monaten war die Unzufriedenheit in fortwährendem

und reißend schnellem Wachsen begriffen. Die Feier des katholischen

Gottesdienstes war lange Zeit durch eine Parlamentsacte verboten

gewesen. Seit mehreren Generationen hatte kein römisch-katholischer

Geistlicher es wagen dürfen, sich mit den Zeichen seines Amtes

öffentlich blicken zu lassen. Gegen die Ordensgeistlichen und

insbesondere gegen die nie ruhenden und verschmitzten Jesuiten war eine

Reihe strenger Verordnungen erlassen worden. Jeder Jesuit, der dieses

Land betrat, setzte sich der Gefahr aus, gehängt, geschleift und

geviertheilt zu werden. Auf seine Entdeckung war eine Belohnung

ausgesetzt; auf ihn fand die allgemeine Regel, daß Niemand sein eigner

Ankläger sein könne, keine Anwendung. Wer in dem Verdachte stand, ein

Jesuit zu sein, konnte befragt, und wenn er sich zu antworten weigerte,

auf Lebenszeit eingesperrt werden.[103] Obgleich nun diese Gesetze nur

in solchen Fällen, wo man eine besondere Gefahr vermuthete, streng

gehandhabt worden waren und die Jesuiten keineswegs von England fern

gehalten hatten, so hatten sie doch die größte Vorsicht nöthig gemacht.

Jetzt aber wurde jede Verstellung bei Seite geworfen. Unverständige

Mitglieder der Kirche des Königs suchten, durch ihn ermuthigt, etwas

darin, Gesetzen, welche noch unbestreitbare Gültigkeit hatten, und

Gefühlen, welche jetzt im Geiste der Nation tiefer wurzelten als je

zuvor, Hohn zu sprechen. In allen Gegenden des Landes entstanden

römisch-katholische Kapellen; Mönchskutten, Gürtelschnuren und

Rosenkränze zeigten sich fortwährend auf den Straßen und setzten eine

Bevölkerung in Erstaunen, deren älteste Leute noch nie eine

Klostertracht, außer auf der Bühne, gesehen hatten. In Clerkenwall wurde

auf der Stelle des ehemaligen Klosters St. Johann ein neues Kloster

erbaut; die Franziskaner bezogen ein Haus in Lincoln's Inn Fields, die

Carmeliter eins in der City; eine Gesellschaft Benedictinermönche

quartierte sich im St. Jamespalast ein und im Savoy wurde ein geräumiges

Haus mit Kirche und Schule für die Jesuiten erbaut.[104] Die

Geschicklichkeit und Sorgfalt, mit der diese Väter seit mehreren

Generationen die Erziehung, der Jugend geleitet, hatte selbst die

weisesten Protestanten wider ihren Willen zu lobender Anerkennung

genöthigt. Bacon hatte die in den Jesuitencollegien angewendete

Unterrichtsmethode für die beste erklärt, die man bis jetzt kenne und

sein lebhaftes Bedauern darüber ausgesprochen, daß ein so vorzügliches

System geistiger und sittlicher Erziehung den Interessen einer

verderbten Religion diene.[105] Es war nicht unwahrscheinlich, daß die

neue Akademie im Savoy unter königlichem Patronate eine gefährliche

Nebenbuhlerin für die großen Anstalten von Eton, Westminster und

Winchester wurde. In der That zählte die Schule kurz nach ihrer

Eröffnung bereits vierhundert Knaben, von denen ungefähr die Hälfte

Protestanten waren. Die protestantischen Zöglinge hatten nicht nöthig

die Messe zu besuchen, aber es unterlag keinem Zweifel, daß der Einfluß

tüchtiger, der römisch-katholischen Kirche ergebener und mit allen

Künsten, welche das Vertrauen und die Zuneigung der Jugend gewinnen,

vertrauter Lehrer viele Convertiten machen werde.

[Anmerkung 103: +27 Eliz. c. 2.+; +2 Jac. 1. c. 4.+; +3 Jac. 1. c.

5.+]

[Anmerkung 104: +Clarke's Life of James the Second, II. 79, 80.

Orig. Mem.+]

[Anmerkung 105: +De Augmentis, I. VI. 4.+]

[_Tumulte._] Diese Dinge riefen eine große Aufregung unter dem niederen

Volke hervor, auf welches sinnliche Wahrnehmungen stets einen größeren

Eindruck machen als Einwirkungen auf den Verstand. Tausende von

einfachen und unwissenden Leuten, für welche die Dispensationsgewalt und

die kirchliche Commission Worte ohne Bedeutung waren, sahen mit

Besorgniß und Unwillen an den Ufern der Themse ein Jesuitencollegium

sich erheben, Mönche in Kutte und Kaputze am Strande umhergehen und

Schaaren von Andächtigen nach den Tempeln strömen, in denen geschnitzte

Bilder angebetet wurden. Es brachen in verschiedenen Gegenden des Landes

Aufstände aus. In Coventry und Worcester wurde der katholische

Gottesdienst gewaltsam unterbrochen.[106] In Bristol führte der

angeblich von der Behörde unterstützte Pöbel ein gottloses und

unschickliches Schauspiel auf, in welchem die Jungfrau Maria durch einen

Hanswurst dargestellt und eine karrikirte Hostie in Prozession

umhergetragen wurde. Die Garnison mußte ausrücken, um den Pöbel zu

zerstreuen. Dieser aber, schon damals, wie noch heute einer der

wildesten des ganzen Reichs, leistete Widerstand, so daß es zu

Thätlichkeiten kam und schwere Verletzungen vorfielen.[107] In der

Hauptstadt war die Aufregung groß, und in der eigentlichen City größer

als in Westminster, denn die Bewohner von Westminster waren an den

Anblick der Privatkapellen der römisch-katholischen Gesandten gewöhnt,

die City aber war seit Menschengedenken durch keine götzendienerische

Schaugebung befleckt worden. Jetzt aber errichtete der Gesandte des

Kurfürsten von der Pfalz auf Anregung des Königs in Lime Street eine

Kapelle. Die Oberhäupter der Korporation, obgleich Männer, die wegen

ihres bekannten Toryismus zu ihren Ämtern erwählt waren, protestirten

gegen dieses Verfahren, das, wie sie sagten, von den gelehrtesten Herren

von der langen Robe für ungesetzlich erklärt würde. Der Lordmayor wurde

vor den Geheimen Rath gefordert. »Bedenkt wohl was Ihr thut«, sagte der

König zu ihm: »gehorcht mir und kümmert Euch weder um die Herren von der

langen Robe noch um die Herren von der kurzen Robe.« Hierauf nahm der

Kanzler das Wort und gab dem unglücklichen Mayor mit der ächten

Beredtsamkeit der Old-Bailey-Barre einen Verweis. Die Kapelle wurde

geöffnet, und bald gerieth die ganze Nachbarschaft in Aufruhr. Große

Volkshaufen rotteten sich in Cheapside zusammen, um das neue Meßhaus

anzugreifen. Die Priester wurden insultirt, ein Kruzifix wurde aus der

Kapelle geholt und auf den Gemeindebrunnen gepflanzt. Der Lordmayor kam

herbei, um den Aufstand zu dämpfen, wurde aber mit dem Geschrei: »Keine

hölzernen Götter!« empfangen. Jetzt wurde die Miliz aufgeboten, um den

Haufen zu zerstreuen, aber sie theilte die Ansichten des Volks und man

hörte in ihren Reihen Äußerungen wie diese: »Wir können mit gutem

Gewissen nicht für den Papismus kämpfen.«[108]

Der Kurfürst von der Pfalz war, wie Jakob, ein eifriger Katholik und,

ebenfalls wie Jakob, Beherrscher eines protestantischen Volks; aber in

Character und Verstand glichen sie einander nur wenig. Der Kurfürst

hatte versprochen, die in seinen Besitzungen anerkannte Landeskirche zu

achten. Er hatte gewissenhaft Wort gehalten und sich durch die

übereilten Reden von Predigern, welche in ihrem Haß gegen seinen Glauben

gelegentlich die seiner Person schuldige Achtung aus den Augen setzten,

nie zu irgend einer Gewaltthätigkeit hinreißen lassen.[109] Er vernahm

mit Bedauern, daß die unverständige Handlungsweise seines Vertreters die

Londoner heftig verdrossen hatte, und erklärte, was ihm sehr zur Ehre

gereichte, daß er lieber dem ihm als souverainen Fürst zustehenden

Vorrechte entsagen, als den Frieden einer großen Stadt gefährden wolle.

»Auch ich«, schrieb er an Jakob, »habe protestantische Unterthanen, und

ich weiß, wie vorsichtig und rücksichtsvoll ein katholischer Fürst in

solcher Stellung handeln muß.« Anstatt dieses menschenfreundliche und

besonnene Benehmen lobend anzuerkennen, spöttelte Jakob in Anwesenheit

des Gesandten über den Brief. Es wurde beschlossen, daß der Kurfürst in

der City eine Kapelle haben solle, mochte er wollen oder nicht, und daß,

wenn die Milizen sich weigerten ihre Pflicht zu thun, sie durch die

Garden ersetzt werden sollten.[110]

Diese Ruhestörungen übten einen ernsten Einfluß auf den Handel aus. Der

holländische Gesandte schrieb an die Generalstaaten, daß die

Börsengeschäfte stockten. Die Zollcommissare berichteten dem Könige, daß

in dem auf die Eröffnung der Kapelle in Lime Street folgenden Monate die

Einnahme im Themsehafen sich um einige tausend Pfund verringert

habe.[111] Mehrere Aldermen, welche zwar entschiedene Royalisten und

unter der neuen Gemeindeverfassung angestellt, aber an der commerciellen

Wohlfahrt ihrer Vaterstadt ein starkes Interesse hatten und weder den

Papismus noch das Kriegsgesetz liebten, reichten ihre Entlassung ein.

Aber der König war entschlossen nicht nachzugeben.

[Anmerkung 106: Citters, 14.(24.) Mai 1686.]

[Anmerkung 107: Citters, 18.(28.) Mai 1686; Adda, 19.(29.) Mai.]

[Anmerkung 108: +Ellis Correspondence, April 27. 1686+; Barillon,

19.(29.) April; Citters, 20.(30.) April; +Privy Council Book,

March 26.+; +Luttrell's Diary+; Adda, 26. Feb. (8 März), 26. März

(5. April), 2.(12.) April u. 23. April (3. Mai).]

[Anmerkung 109: +Burnet's Travels.+]

[Anmerkung 110: Barillon, 27. Mai (6. Juni) 1686.]

[Anmerkung 111: Citters, 25. Mai (4. Juni) 1686.]

[_Es wird bei Hounslow ein Lager gebildet._] Er bildete auf der Haide

von Hounslow ein Lager und zog daselbst auf einem Umkreis von ungefähr

dritthalb Meilen vierzehn Infanteriebataillone und zweiunddreißig

Reiterschwadronen, in Summa etwa dreizehntausend Mann, zusammen.

Sechsundzwanzig Geschütze und eine Menge mit Waffen und Munition

beladene Wagen fuhren vom Tower durch die City nach Hounslow.[112] Die

Londoner betrachteten diese in ihrer Nähe versammelte große Truppenmacht

anfangs mit Entsetzen, das sich jedoch bei genauerem Bekanntwerden mit

derselben bald verminderte. Ein Ausflug nach Hounslow wurde ihr

Lieblingsvergnügen an Sonn- und Feiertagen. Das Lager gewährte den

Anblick eines großen Jahrmarkts. In buntem Gemisch mit den Musketieren

und Dragonern wogten eine Menge eleganter Herren und Damen von Soho

Square, Gauner und geschminkte Dirnen von Whitefriars, Kranke in

Sänften, Mönche in Kutte und Kaputze, Lakaien in glänzenden Livreen,

Hausirer, Apfelsinenmädchen, muthwillige Lehrbuben und gaffende Bauern

beständig in den langen Zeltgassen auf und ab. In einigen Zelten hörte

man den Lärm wüster Trinkgelage, in anderen die Flüche von Spielern. Der

Platz war eigentlich nur eine heitere Vorstadt von London. Der König

hatte sich, wie es sich zwei Jahre später genugsam zeigte, vollständig

verrechnet. Er hatte vergessen, daß die Nachbarschaft verschiedene

Wirkungen ausübt. Er hatte gehofft, seine Armee werde London Schrecken

einjagen, und das wirkliche Resultat seiner Maßregel war, daß die

Gefühle und Ansichten der Londoner sich vollständig auch seiner Armee

bemächtigten.[113]

Das Lager war in der That kaum gebildet, so hörte man auch schon von

Schlägereien zwischen den protestantischen und papistischen

Soldaten.[114] Eine kleine Schrift, betitelt: »Ergebene und herzliche

Ansprache an alle englischen Protestanten in der Armee«, war eifrig in

den Reihen verbreitet worden. Der Verfasser ermahnte die Truppen auf das

Nachdrücklichste, daß sie ihre Waffen nicht zur Vertheidigung des

Meßbuches, sondern der Bibel, der Magna Charta und der Bitte um Recht

gebrauchen sollten. Er war ein Mann, der schon dem Zorne der Gewalt

anheim gefallen war. Sein Character war interessant und seine Geschichte

ziemlich lehrreich.

[Anmerkung 112: +Ellis Correspondence, June 26. 1686+; Citters,

2.(12.) Juli; +Luttrell's Diary, July 19.+]

[Anmerkung 113: Siehe die damals erschienenen Gedichte: +Hounslow

Heath+ und +Caesar's Ghost+; +Evelyn's Diary, June 2. 1686.+ Eine

Ballade in der Pepys'schen Sammlung enthält folgende Zeilen:

Der Platz gefiel mir gar zu schön,

Nie sah ein Lager ich so fein,

Kein Mädchen durft' vorübergeh'n,

Gleich schenkt' man ihr ein Gläschen Wein.]

[Anmerkung 114: +Luttrell's Diary, June 18. 1686.+]

[_Samuel Johnson._] Er hieß Samuel Johnson, war Priester der

anglikanischen Kirche und Kaplan bei Lord Russell gewesen. Johnson

gehörte zu den Leuten, die von ihren Gegnern tödtlich gehaßt und von

ihren Verbündeten mehr geachtet als geliebt werden. Seine Sitten waren

tadellos, seine Religiosität tief und glühend, seine Gelehrsamkeit und

seine Talente nicht zu verachten, sein Urtheil schwach und sein

Character gallig, unruhig und unbeugsam starrsinnig. Er war den eifrigen

Anhängern der Monarchie besonders seines Standes wegen verhaßt, denn ein

republikanischer Geistlicher war ein seltsames, fast unnatürliches

Wesen. Unter der vorigen Regierung hatte Johnson ein Werk herausgegeben,

betitelt: +Julian the Apostate+. Der Zweck dieses Buches war zu

beweisen, daß die Christen des vierzehnten Jahrhunderts den Grundsatz

der Verwerflichkeit des Widerstandes nicht befolgten. Es ließen sich

leicht aus Chrysostomus und Hieronymus Stellen anführen, die in einem

von dem Geiste der gegen die Ausschließungsbill predigenden

anglikanischen Theologen völlig verschiedenen Sinne geschrieben waren.

Johnson ging indessen noch weiter. Er suchte die gehässige Beschuldigung

wieder hervor, welche Libanius aus leicht erklärlichen Gründen gegen die

Soldaten Julian's erhoben hatte, und gab zu verstehen, daß der

Wurfspieß, der den kaiserlichen Renegaten tödtete, nicht von einem

Feinde, sondern von einem Rumbold oder Ferguson aus den eigenen Reihen

der Römer geschleudert worden sei. Dies führte eine heftige Polemik

herbei. Whiggistische und toryistische Disputanten stritten sich heftig

über eine dunkle Stelle, in der Gregor von Nazianz einen frommen Bischof

lobt, der im Begriff stand, Jemanden zu prügeln. Die Whigs behaupteten,

der heilige Mann habe den Kaiser schlagen wollen, die Tories meinten, er

habe es höchstens auf einen Hauptmann der Garde abgesehen gehabt.

Johnson schrieb nun eine Replik gegen seine Angreifer, worin er eine

sehr geistreich durchgeführte Parallele zwischen Julian und Jakob,

welcher damals Herzog von York war, zog. Julian hatte sich mehrere Jahre

gestellt als ob er den Götzendienst verabscheute, während er im Herzen

selbst ein Götzendiener war. Julian hatte, wenn es seinem Interesse

entsprach, gelegentlich Achtung vor den Rechten der Überzeugung

geheuchelt. Julian hatte Städte, welche der wahren Religion aufrichtig

zugethan waren, durch Entziehung ihrer Municipalfreiheiten bestraft. Und

Julian war von seinen Schmeichlern der Gerechte genannt worden. Jakob

fühlte sich schwer beleidigt. Johnson wurde als Pasquillant verfolgt,

schuldig befunden und zu einer Geldbuße verurtheilt, die er nicht

bezahlen konnte. Er wurde daher eingesperrt und es hatte ganz den

Anschein, als ob seine Haft nur mit seinem Leben enden werde.[115]

[Anmerkung 115: Siehe Johnson's Denkwürdigkeiten als Einleitung zu

der Folioausgabe seiner Lebensbeschreibung, seinen »Julian« und

seine Antworten an seine Gegner. Außerdem auch +Hickes's Jovian+.]

[_Hugo Speke._] Über der Zelle, die er im Kingsbenchgefängnisse

bewohnte, saß ein andrer Verbrecher, dessen Character wohl verdient

studirt zu werden. Dies war Hugo Speke, ein junger Mann aus guter

Familie, aber von merkwürdig verderbten und gemeinem Character. Seine

Neigung zu Unfug und zu dunklen, krummen Wegen war fast eine krankhafte

Manie. Unheil zu stiften, ohne entdeckt zu werden, war sein Geschäft und

sein Vergnügen, und er besaß ein seltenes Geschick darin, ehrliche

Fanatiker zu Werkzeugen seiner kaltblütigen Bosheit zu benutzen. So

hatte er vermittelst einer seiner Strohmänner den Versuch gemacht, Karl

und Jakob des Verbrechens zu beschuldigen, Essex im Tower ermordet zu

haben. Bei dieser Gelegenheit war man dem Treiben Speke's auf die Spur

gekommen, und obgleich es ihm gelang, den größten Theil der Schuld auf

den von ihm Bethörten zu wälzen, kam er doch nicht ungestraft davon. Er

saß jetzt im Gefängniß, aber sein Vermögen erlaubte ihm anständig zu

leben und seine Haft war so mild, daß er mit einem seiner Genossen, der

eine geheime Druckerei betrieb, einen regelmäßigen Verkehr unterhalten

konnte.

Johnson war ganz der Mann, wie Speke ihn für seine Zwecke brauchen

konnte: eifrig und furchtlos, ein gelehrter und gewandter Polemiker, und

dabei einfältig wie ein Kind. Es bildete sich ein intimes

Freundschaftsverhältniß zwischen den beiden Gefangenen. Johnson schrieb

eine Reihe bitterer und heftiger Artikel, welche Speke zum Druck

beförderte. Als das Lager von Hounslow gebildet war, drang Speke in

Johnson, eine Ansprache zu schreiben, welche die Truppen zur Meuterei

reizen könne. Die Schrift wurde sogleich verfaßt und in vielen tausend

Exemplaren gedruckt, welche in Speke's Zelle gebracht wurden, der sie

von hier aus durch das ganze Land und namentlich unter die Soldaten

verbreitete. Eine solche Herausforderung würde selbst eine mildere

Regierung als die damals in England herrschende war, zu heftigem Zorne

gereizt haben. Es wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet und ein

untergeordneter Agent, der zur Verbreitung der Ansprache verwendet

worden war, rettete sich dadurch, daß er Johnson denuncirte, der aber

nicht der Mann war, sich durch Denuncirung Speke's zu retten.

[_Prozeß gegen Johnson._] Man machte Johnson den Prozeß und erlangte

ohne Schwierigkeit seine Schuldigerklärung. Julian Johnson, wie er

gewöhnlich genannt wurde, ward verurtheilt, dreimal am Pranger

ausgestellt und von Newgate nach Tyburn gepeitscht zu werden. Der

Richter, Sir Franz Withins, sagte dem Verurtheilten, er solle dem

Generalfiskal für seine große Nachsicht danken, denn er habe das

Vergehen als einen Hochverrath behandeln können. »Ich bin ihm keinen

Dank schuldig«, erwiederte Johnson furchtlos. »Soll ich, dessen einziges

Verbrechen darin besteht, die Kirche und die Gesetze vertheidigt zu

haben, mich noch dafür bedanken, daß ich wie ein Hund gepeitscht werden

soll, während papistische Scribenten täglich ungestraft die Kirche

beleidigen und die Gesetze übertreten dürfen?« Er sprach mit einer

solchen Energie, daß die Richter sowohl als die Kronanwälte es für

nöthig hielten, sich zu vertheidigen, indem sie versicherten, sie wüßten

von keinen solchen papistischen Schriften, deren der Gefangene erwähnt

habe. Augenblicklich brachte er einige römisch-katholische Bücher und

Zierrathen zum Vorschein, welche damals mit königlicher Bewilligung

überall frei verkauft wurden, las die Titel der Bücher laut vor und warf

dem Kronanwalt einen Rosenkranz über den Tisch zu. »Und jetzt«, rief er

dann mit lauter Stimme, »erhebe ich diese Anklage vor Gott, vor diesem

Gerichtshofe und vor dem englischen Volke. Wir werden bald sehen, ob der

Herr Generalfiskal seine Pflicht thut.«

Es wurde beschlossen, daß Johnson vor der Vollziehung der Strafe seiner

Priesterwürde entkleidet werden sollte. Die Prälaten, denen die

Verwaltung der Londoner Diöcese von der hohen Commission übertragen war,

forderten ihn vor sich in das Kapitelhaus der St. Paulskathedrale. Sein

Benehmen während der Ceremonie machte einen tiefen Eindruck auf alle

Anwesenden. Als ihm sein heiliges Gewand ausgezogen wurde, rief er aus:

»Ihr nehmt mir meinen Rock, weil ich mich bemüht habe, Euch den Eurigen

zu erhalten.« Das Einzige was ihn bei der ganzen Ceremonie wirklich zu

betrüben schien, war der Augenblick als man ihm die Bibel aus der Hand

riß. Er sträubte sich schwach das heilige Buch herzugeben, küßte es und

brach in Thränen aus. »Die Hoffnungen, die ich ihm verdanke«, sagte er,

»könnt Ihr mir nicht rauben.« Es wurden einige Versuche gemacht, um den

Erlaß der Peitschenstrafe für ihn zu erwirken. Ein römisch-katholischer

Priester bot für die Summe von zweihundert Pfund seine Fürsprache an.

Das Geld würde aufgebracht und der Priester that sein Möglichstes, aber

vergebens. »Mr. Johnson«, sagte der König, »hat den Muth eines

Märtyrers, und er soll deshalb auch einer werden.« Wilhelm III. sagte

einige Jahre später von einem der giftigsten und unerschrockensten

Jakobiten: »Er hat sich vorgenommen ein Märtyrer zu werden, und ich habe

mir vorgenommen, seine Hoffnung zu vereiteln.« Diese beiden Äußerungen

würden allein hinreichen, um den großen Unterschied in dem Geschick der

beiden Fürsten zu erklären.

Der für die Auspeitschung festgesetzte Tag erschien. Man bediente sich

einer neunschwänzigen Katze und der Verurtheilte erhielt mit derselben

dreihundertsiebzehn Hiebe, ohne eine Miene zu verziehen. Er sagte

nachher, der Schmerz sei fürchterlich gewesen, aber er habe sich,

während er von dem Karren fortgezogen wurde, der Geduld erinnert, mit

der das Kreuz einst den Calvarienberg hinauf getragen ward, und dieser

Gedanke habe ihn so gestärkt, daß er, wenn er nicht befürchtet hätte,

sein Benehmen könnte als eitle Prahlerei ausgelegt werden, mit eben so

fester und freudiger Stimme als ob er sich im Kreise seiner Gemeinde

befände, einen Psalm gesungen haben würde. Man kann sich des Wunsches

nicht enthalten, daß ein solcher Heldenmuth weniger mit

Leidenschaftlichkeit und Unduldsamkeit hätte gepaart sein sollen.[116]

[Anmerkung 116: Johnson's Lebensbeschreibung als Einleitung zu

seinen Werken; +Secret History of the happy Revolution+, von Hugo

Speke; +Collection of State Trials+; Citters, 23. Nov. (3. Dec.)

1686. Citters giebt die beste Darstellung des Prozesses. Ich habe

einen Bogen gesehen, der seine Erzählung bestätigt.]

[_Eifer der anglikanischen Geistlichkeit gegen den Papismus._] Unter den

anglikanischen Geistlichen fand Johnson keine Theilnahme. Er hatte den

Aufruhr zu rechtfertigen versucht, er hatte sogar eine Billigung des

Königsmordes angedeutet, und so viel sie auch beleidigt und gereizt

wurden, hielten sie doch noch immer fest an der Lehre vom

Nichtwiderstande. Aber sie sahen mit Schmerz und Besorgniß die

Fortschritte der Religion, die sie als einen schädlichen Aberglauben

betrachteten, und während sie jeden Gedanken an eine Vertheidigung ihres

Glaubens durch das Schwert aufgaben, griffen sie mannhaft zu Waffen

andrer Art.

[_Streitschriften._] Gegen die Irrthümer des Papstthums zu predigen,

betrachteten sie jetzt als eine Pflicht und eine Ehrensache. Die

Londoner Geistlichkeit, welche damals in Hinsicht des Talents und des

Einflusses obenan stand, gab ein Beispiel, das von ihren weniger

gebildeten Amtsbrüdern im ganzen Lande wacker nachgeahmt wurde. Hätten

nur einzelne kühne Männer sich diese Freiheit herausgenommen, so würden

sie wahrscheinlich sofort vor die kirchliche Commission citirt worden

sein; aber es war kaum möglich ein Vergehen zu bestrafen, das jeden

Sonntag von Tausenden von Geistlichen, von Barwick bis Penzance,

begangen wurde. Die Pressen von London, Oxford und Cambridge ruhten

keinen Augenblick. Das Gesetz, welches die literarischen Erscheinungen

einer Censur unterwarf, war kein ernstes Hinderniß für die Anstrengungen

der protestantischen Polemiker, denn es enthielt eine Ausnahmsbestimmung

zu Gunsten der beiden Universitäten und gestattete die Veröffentlichung

aller theologischen Werke, die der Erzbischof von Canterbury genehmigt

hatte. Es stand daher nicht in der Macht der Regierung, den

Vertheidigern der Staatskirche Schweigen zu gebieten. Sie bildeten eine

zahlreiche, unerschrockene und wohlgeordnete Schaar von Streitern und es

befanden sich unter ihnen ausgezeichnete Redner, erfahrene Dialectiker

und in den Schriften der Kirchenväter wie in allen Theilen der

Kirchengeschichte gründlich bewanderte Gelehrte. Einige von ihnen

kehrten später die furchtbaren Waffen, die sie gegen den gemeinsamen

Feind geschwungen hatten, gegen einander und brachten durch ihr heftiges

Streiten und ihr übermüthiges Triumphiren Schmach über die Kirche, die

sie gerettet hatten. Gegenwärtig aber bildeten sie eine fest

zusammenhaltende Phalanx. In erster Linie erblickte man eine Reihe

standhafter und geschickter Veteranen: Tillotson, Stillingfleet,

Sherlock, Prideaux, Whitby, Patrick, Tenison und Wake. Die

ausgezeichnetsten Baccalaureen der Philosophie, deren Studienziel die

Diakonatsweihe war, bildeten die Nachhut. Unter den Kämpfern, welche

Cambridge ins Feld stellte, ragte einer der vorzüglichsten Schüler des

großen Newton hervor, Heinrich Wharton, der einige Monate früher der

beste Disputant seines Jahrescursus gewesen war und dessen bald darauf

erfolgender frühzeitiger Tod von allen Parteien als ein unersetzlicher

Verlust für die Wissenschaft beklagt wurde.[117] Oxford war nicht minder

stolz auf einen jungen Mann, der sein großes Talent in diesem Streite

zum ersten Male versuchte und der nachher vierzig ereignisvolle Jahre

hindurch Kirche und Staat beunruhigte: Franz Atterbury. Von solchen

Männern wurde jede Streitfrage zwischen den Papisten und den

Protestanten bald in einem populären Style, den jeder Knabe und jede

Frau verstehen konnte, bald mit der scharfsinnigsten Logik, bald mit

einem ungeheuren Aufwand von Gelehrsamkeit erörtert. Die Anmaßungen des

heiligen Stuhles, die Autorität der Überlieferungen, das Fegefeuer, die

Transsubstantiation, das Meßopfer, die Anbetung der Hostie, die

Verweigerung des Kelches an Laien, die Beichte, die Buße, der Ablaß, die

letzte Ölung, die Anrufung der Heiligen, die Anbetung von Bildern, der

Cölibat der Geistlichen, die Klostergelübde, die Anwendung einer dem

Volke nicht verständlichen Sprache beim öffentlichen Gottesdienste, die

Verderbtheit des römischen Hofes, die Geschichte der Reformation, der

Character der wichtigsten Reformatoren: dies Alles wurde ausführlich

erörtert. Eine große Anzahl abgeschmackter Sagen von Wundern, welche

Heilige und Reliquien bewirkt, wurden aus dem Italienischen übersetzt

und als Belege für den Pfaffentrug, der den größten Theil der

Christenheit genarrt, veröffentlicht. Von den Schriften, welche von

anglikanischen Geistlichen während der kurzen Regierung Jakob's II.

erschienen, sind wahrscheinlich viele verloren gegangen. Diejenigen, von

denen sich in unseren großen Bibliotheken noch Exemplare befinden,

bilden eine Masse von nahe an zwanzigtausend Seiten.[118]

[Anmerkung 117: Siehe die Vorrede zu Heinrich Wharton's

hinterlassenen Predigten.]

[Anmerkung 118: Dies kann ich aus meinen eigenen Nachforschungen

bestätigen. Im Britischen Museum befindet sich eine vorzügliche

Sammlung. Birch sagt uns in seiner Lebensbeschreibung Tillotson's,

daß der Erzbischof Wake nicht einmal im Stande gewesen sei, einen

vollständigen Katalog aller in dieser Streitsache erschienenen

Schriften anzufertigen.]

[_Die römisch-katholischen Theologen besiegt._] Die römischen Katholiken

ließen sich nicht ohne Widerstand besiegen. Einer von ihnen, Namens

Heinrich Hill, war zum Buchdrucker des königlichen Hauses und der

Hofkapelle ernannt und vom Könige an die Spitze einer großen Officin in

London gestellt worden, aus der Hunderte von theologischen Abhandlungen

hervorgingen. Obadja Walker's Presse in Oxford war nicht weniger thätig.

Aus diesen Anstalten ging jedoch außer einigen schlechten Übersetzungen

der herrlichen Werke Bossuet's nichts hervor, was nur den geringsten

Werth gehabt hätte. Kein verständiger und wahrheitsliebender Katholik

konnte in der That leugnen, daß die Vorkämpfer seiner Kirche in jedem

Talent und Wissen vollständig besiegt waren. Den fähigsten von ihnen

würde von der andren Seite kaum der dritte Rang eingeräumt worden sein.

Viele von ihnen wußten das was sie sagen wollten, nicht auf die rechte

Weise zu sagen. Sie waren wegen ihres Glaubens von den englischen

Schulen und Universitäten ausgeschlossen gewesen und hatten bis zur

Thronbesteigung Jakob's England nie als einen angenehmen oder auch nur

sicheren Aufenthalt betrachtet. Daher hatten sie den größten Theil ihres

Lebens auf dem Continente zugebracht und ihre Muttersprache fast völlig

verlernt. Wenn sie predigten, erregte ihr ausländischer Accent das

spöttische Lächeln der Zuhörer und ihre Orthographie glich der der

Waschweiber. Ihre Sprache war durch ausländische Redensarten entstellt

und wollten sie einmal recht beredtsam sein, so ahmten sie so gut sie

konnten den Styl nach, der auf den italienischen Akademien, deren

Rhetorik den höchsten Grad der Verderbtheit erreicht hatte, für schön

galt. Disputanten, welche mit solchen Nachtheilen zu kämpfen hatten,

würden selbst wenn sie die Wahrheit auf ihrer Seite gehabt hätten, kaum

im Stande gewesen sein, Männern die Spitze zu bieten, deren Styl sich

durch einfache Reinheit und Eleganz in hohem Grade auszeichnete.[119]

Die Lage Englands im Jahre 1686 kann nicht besser geschildert werden,

als mit den Worten des französischen Gesandten. »Die Unzufriedenheit,«

schrieb er, »ist groß und allgemein, aber die Furcht vor noch

schlimmeren Übeln hält Jeden zurück, der etwas zu verlieren hat. Der

König äußert unverhohlen seine Freude darüber, daß er sich in der Lage

befindet, kühne Streiche führen zu können. Er hört es gern, wenn man ihm

dazu gratulirt. Er hat mit mir darüber gesprochen und mir versichert,

daß er nicht nachgeben wird.«[120]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band · 第 7 / 11 题