[_Pläne zu Gunsten der römisch-katholischen Religion._] Die beiden

erwähnten Pläne waren jedoch einem andren untergeordnet, an dem der

König mit ganzer Seele hing, der aber sowohl den Torygentlemen, welche

bereit waren, für seine Rechte mit ihrem Blute einzustehen, als auch der

Kirche, welche seit drei unter bürgerlichen Unruhen verflossenen

Menschenaltern in der treuen Anhänglichkeit an sein Haus nie gewankt

hatte, und selbst der Armee verhaßt war, auf die er im äußersten

Nothfalle rechnen mußte.

Seine Religion war noch immer geächtet, manch' strenges Gesetz gegen die

römischen Katholiken stand im Gesetzbuche und war vor nicht gar langer

Zeit mit rücksichtsloser Härte angewendet worden. Die Testacte schloß

alle der anglikanischen Kirche nicht Angehörenden von jedem bürgerlichen

und militairischen Amte aus, und eine spätere Verordnung, welche

erlassen worden war, als die Erdichtungen des Oates die Nation wüthend

gemacht hatten, bestimmte, daß in keinem der beiden Parlamentshäuser

Jemand sitzen dürfe, der nicht die Lehre von der Transsubstantiation

feierlich abgeschworen hatte. Es war natürlich und recht, daß der König

für die Kirche, der er angehörte, vollständige Duldung wünschte, und man

hat keinen Grund daran zu zweifeln, daß er mit ein wenig Geduld,

Klugheit und Billigkeit diese Duldung auch erlangt haben würde.

Der heftige Widerwille und die Furcht, womit das englische Volk den

Glauben des Königs betrachtete, durfte nicht ausschließlich und nicht

hauptsächlich theologischer Erbitterung zugeschrieben werden. Daß man

auch in der römischen Kirche selig werden könne, ja daß einzelne

Mitglieder dieser Kirche zu den ausgezeichnetsten Vorbildern

christlicher Tugend gehörten, wurde von allen Theologen der

anglikanischen Kirche wie von den angesehensten Nonconformisten

zugegeben. Dagegen ist es notorisch, daß die Strafgesetze gegen den

Papismus von Vielen, welche Arianismus, Quäkerthum und Judenthum vom

geistlichen Gesichtspunkte betrachtet für gefährlicher hielten als den

Papismus, deshalb aber doch nicht geneigt waren, ähnliche Gesetze gegen

Arianismus, Quäkerthum und Judenthum zu erlassen, energisch vertheidigt

wurden.

Es läßt sich leicht erklären, warum der römische Katholik mit weniger

Nachsicht behandelt wurde als Leute, die von der Lehre der nicäischen

Väter nichts wissen wollten, ja selbst als solche Leute, welche nicht

einmal durch die Taufe in den christlichen Bund aufgenommen waren. Es

herrschte unter den Engländern die feste Überzeugung, daß der römische

Katholik, sobald die Interessen seiner Religion im Spiele waren, sich

aller gewöhnlichen Regeln der Moral entbunden glaube, ja daß er es sogar

für verdienstlich halte, diese Regeln zu verletzen, wenn er dadurch eine

Benachtheiligung oder eine Schmach von der Kirche, deren Mitglied er

war, abwenden könnte. Diese Ansicht hatte auch wirklich einen Schein von

Begründung. Man konnte es unmöglich leugnen, daß ausgezeichnete

römisch-katholische Casuisten zur Verteidigung der Doppelsinnigkeit, des

stillschweigenden Vorbehalts, des Meineides und selbst des Mordes

geschrieben hatten. Auch waren, wie man sagte, die Theorien dieser

abscheulichen Sophistenschule nicht ohne praktische Resultate geblieben.

Das Blutbad der Bartholomäusnacht, die Ermordung des ersten Wilhelm von

Oranien, die Ermordung Heinrich's III. von Frankreich, die zahlreichen

Verschwörungen gegen das Leben der Königin Elisabeth und ganz besonders

die Pulververschwörung wurden beständig als Beweise für die enge

Beziehung zwischen verderblicher Theorie und verderblicher Praxis

angeführt. Man behauptete, daß jedes dieser Verbrechen von

römisch-katholischen Priestern angestiftet oder doch gebilligt worden

sei. Die Briefe, welche Eberhard Digby im Tower mit Citronensaft an

seine Gattin geschrieben, waren unlängst veröffentlicht worden und

wurden häufig angeführt. Er war ein Gelehrter und ein Gentleman, im

gewöhnlichen Leben durchaus rechtschaffen und von dem Gefühle der

Pflichten gegen Gott durchdrungen. Dennoch, war er tief in den Anschlag

verwickelt, den König, die Lords und die Gemeinen in die Luft zu

sprengen, und hatte am Rande der Ewigkeit erklärt, daß es ihm

unbegreiflich sei, wie ein römischer Katholik einen solchen Plan für

sündhaft halten könne. Aus allen diesen Dingen zog das Volk den Schluß,

daß der allgemeine Character eines Papisten noch so tadellos sein könne,

er doch jeder Arglist und Grausamkeit fähig sei, wenn das Wohl und die

Ehre seiner Kirche in's Spiel komme.

Der außerordentliche Erfolg der Fabeln des Oates ist namentlich dem

Vorherrschen dieser Ansicht zuzuschreiben. Umsonst berief sich der

angeklagte römische Katholik auf die Rechtschaffenheit,

Menschenfreundlichkeit und Loyalität, die er während seines ganzen

Lebens bewiesen habe; umsonst berief er sich auf zahlreiche achtbare

Zeugen seines Glaubens, um die abenteuerlichen Romane zu widerlegen,

welche der ehrloseste aller Menschen erdichtet; umsonst rief er noch mit

dem Stricke um den Hals die ganze Rache des Gottes, vor dem er in

wenigen Augenblicken erscheinen sollte, auf sich herab, wenn er irgend

etwas Böses gegen seinen Fürsten oder seine protestantischen Landsleute

beabsichtigt hätte. Die Zeugen, die er zu seiner Entlastung aufrief,

bewiesen nur, wie wenig ein Papisteneid werth war; gerade seine Tugenden

erweckten den Verdacht seiner Schuld, und der Umstand, daß er den Tod

und das jüngste Gericht vor Augen sah, machte es nur um so

wahrscheinlicher, daß er leugnen werde, was er nicht gestehen konnte,

ohne der heiligsten Sache zu schaden. Unter den Unglücklichen, die wegen

der Ermordung Godfrey's verurtheilt wurden, befand sich auch ein

Protestant von nicht sehr achtungswerthem Character, Namens Heinrich

Berry. Es ist ein bedeutungsvoller und authentisch erwiesener Umstand,

daß Berry's letzte Worte mehr dazu beitrugen, den Glauben an das Complot

zu erschüttern, als die Erklärungen, welche die frommen und ehrenwerthen

römischen Katholiken, die das nämliche Loos traf, in der Todesstunde

abgaben[6].

Und nicht allein von dem unwissenden Pöbel, nicht allein von den

Eiferern, in denen der Fanatismus alle Vernunft und Menschenliebe

erstickt hatte, wurde der Katholik als ein Mensch betrachtet, den gerade

die Zartheit seines Gewissens zum falschen Zeugen, zum Brandstifter und

zum Mörder machen konnte, als ein Mensch, der vor keiner Schandthat

zurückbebte und sich durch keinen Eid gebunden glaubte, sobald seine

Kirche im Spiele war. Wenn es damals zwei Männer gab, die ihr Verstand

wie ihr Gemüth zur Duldsamkeit geneigt machte, so waren es gewiß

Tillotson und Locke. Dennoch sagte Tillotson, den seine Nachsicht gegen

verschiedene Klassen von Schismatikern und Ketzern den Vorwurf der

Heterodoxie zugezogen hatte, dem Hause der Gemeinen auf der Kanzel, daß

es ihre Pflicht sei, wirksame Maßregeln gegen die Verbreitung einer

Religion zu treffen, welche verderblicher sei als völlige

Irreligiosität, einer Religion, die von ihren Bekennern Dienste fordere,

welche den ersten Grundsätzen der Moral zuwiderliefen, sein Herz,

versicherte er aus aufrichtiger Überzeugung, sei zur Milde geneigt, aber

seine Pflicht gegen die Gesammtheit zwinge ihn, in diesem einen Punkte

streng zu sein. Er erklärte, daß seiner Ansicht nach Heiden, welche den

Namen Christi nie gehört hätten und nur durch das Licht der Natur

geleitet würden, vertrauenswürdigere Mitglieder der bürgerlichen

Gesellschaft seien, als Menschen, die in der Schule der papistischen

Casuisten gebildet wären[7]. Locke behauptete in der berühmten Schrift,

durch die er zu beweisen versuchte, daß selbst die rohesten Formen des

Götzendienstes nicht durch Strafbestimmungen verboten werden dürften,

daß eine Kirche, welche die Menschen lehre, Ketzern gegenüber ihr Wort

nicht zu halten, keinen Anspruch auf Duldung habe[8].

Unter solchen Umständen konnte ein englischer Katholik seinen

Glaubensgenossen gewiß keinen größeren Dienst erzeigen, als wenn er das

Publikum überzeugte, daß seine Kirche, was auch einige heftige Männer in

Zeiten stürmischer Aufregung geschrieben oder gethan haben mochten,

keineswegs der Ansicht huldige, daß irgend ein Zweck mit der

Sittlichkeit unvereinbare Mittel heiligen könne. Und es stand in Jakob's

Macht, diesen großen Dienst zu leisten. Er war König und mächtiger als

irgend ein englischer König, dessen sich die ältesten Leute erinnern

konnten, gewesen war. Von ihm hing es ab, ob der Vorwurf, der auf seiner

Religion haftete, beseitigt oder verewigt werden sollte.

Hätte er sich den Gesetzen gefügt, hätte er seine Versprechungen

erfüllt, hätte er sich der Anwendung jedes unrechtmäßigen Mittels zur

Verbreitung seiner eigenen religiösen Glaubenssätze enthalten, hätte er

die Wirkung der Strafbestimmungen durch einen ausgedehnten Gebrauch

seines unbestreitbaren Begnadigungsrechtes aufgehoben, zu gleicher Zeit

aber sich sorgfältig vor jeder Verletzung der bürgerlichen oder

kirchlichen Verfassung des Reiches gehütet, so würde in den Gesinnungen

seines Volkes bald ein Umschwung eingetreten sein. Ein so sprechender

Beweis gewissenhafter Redlichkeit von Seiten papistischer Fürsten,

gegenüber einer protestantischen Nation, würde die allgemeinen

Befürchtungen bald beschwichtigt haben. Wenn das Volk gesehen hätte, daß

man einem Katholiken ohne alle Gefahr die Leitung der ganzen ausübenden

Verwaltung, den Oberbefehl über Armee und Flotte, die Einberufung und

Auflösung der gesetzgebenden Versammlung, die Ernennung der Bischöfe und

Dechanten der englischen Kirche anheim geben konnte, so würde es bald

von der Befürchtung zurückgekommen sein, daß Unheil daraus entstehen

könne, wenn ein Katholik als Hauptmann einer Compagnie oder als Alderman

eines Stadtbezirks fungirte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß binnen

wenigen Jahren die von der Nation so lange verabscheute Secte mit

allgemeinem Beifall zu Staatsämtern wie in's Parlament zugelassen worden

wäre.

Versuchte es dagegen Jakob, das Interesse seiner Kirche durch Verletzung

der Grundgesetze seines Reiches und der feierlichen Versprechungen, die

er wiederholt im Angesicht der ganzen Welt gegeben, zu fördern, so stand

kaum zu bezweifeln, daß die Beschuldigungen, welche gegen die

römisch-katholische Religion an der Tagesordnung waren, von allen

Protestanten für vollkommen begründet gehalten werden würden. Denn wenn

je ein römischer Katholik Ursache hatte, Ketzern sein Wort zu halten, so

hatte Jakob Ursache, der anglikanischen Geistlichkeit sein Wort zu

halten. Ihr verdankte er seine Krone, ohne ihre beharrliche Opposition

gegen die Ausschließungsbill würde er ein Verbannter gewesen sein. Er

hatte wiederholt und feierlich seine Verpflichtungen gegen sie anerkannt

und gelobt, daß er sie in allen ihren gesetzlichen Rechten schützen

werde. Wenn er sich durch solche Verpflichtungen nicht gebunden

erachtete, so war es klar, daß keine Pflicht der Dankbarkeit oder der

Ehre ihn binden konnte, wenn sein Aberglaube in's Spiel kam. Es war dann

unmöglich, daß sein Volk ihm traute, und wenn es ihm nicht trauen

konnte, welchem Mitgliede seiner Kirche sollte es dann trauen? Man hielt

ihn nicht für heimtückisch von Natur oder aus Gewohnheit. Seinem

gedankenlosen Wesen und seiner Rücksichtslosigkeit gegen die Gefühle

Anderer verdankte er einen viel höheren Ruf von Aufrichtigkeit, als er

ihn irgendwie verdiente. Seine Lobhudler pflegten ihn gern Jakob den

Gerechten zu nennen. Wenn es sich nun aber zeigte, daß er, indem er

Katholik wurde, zu gleicher Zeit auch ein Heuchler und Wortbrüchiger

geworden war, welche Folgerungen mußte dann wohl aus dem Allen eine

Nation ziehen, die ohnehin schon zu dem Glauben geneigt war, daß der

Papismus einen verderblichen Einfluß auf den sittlichen Character

ausübe?

[Anmerkung 6: +Burnet I. 447.+]

[Anmerkung 7: Tillotson's Predigt vor dem Hause der Gemeinen am 5.

Nov 1678.]

[Anmerkung 8: +Locke, First Letter on Toleration.+]

[_Verletzung der Testacte._] Aus diesen Gründen waren viele der

vornehmsten Katholiken jener Zeit, unter ihnen der Papst selbst, der

Meinung, daß das Interesse ihrer Kirche auf unsrer Insel durch eine

gemäßigte und der Verfassung entsprechende Politik am wirksamsten

gefördert werden würde. Aber solche Argumente machten keinen Eindruck

auf den beschränkten Verstand und den herrschsüchtigen Character des

Königs. In seinem Eifer, die gesetzlichen Ausschließungen aufzuheben,

unter denen die Bekenner seiner Religion litten, schlug er ein Verfahren

ein, welches die aufgeklärtesten und tolerantesten Protestanten seiner

Zeit überzeugte, daß solche Ausschließungen für das Wohl des Staates

nothwendig waren. Die englischen Katholiken verdankten seiner Politik

drei Jahre eines rechtswidrigen und übermütigen Triumphes, und

hundertvierzig Jahre der Unterjochung und Erniedrigung.

Viele Mitglieder seiner Kirche bekleideten Offiziersstellen in den neu

errichteten Regimentern. Diese Verletzung des Gesetzes ließ man eine

Zeit lang ungerügt hingehen, weil man nicht Lust hatte, jede

Regelwidrigkeit von Seiten eines Königs zu moniren, der sich plötzlich

genöthigt sah, seine Krone und sein Leben gegen Rebellen zu

vertheidigen. Jetzt aber war die Gefahr vorüber, die Aufrührer waren

besiegt und bestraft, ihr mißlungener Versuch hatte die Regierung, die

sie zu stürzen hofften, nur noch mehr gekräftigt. Dennoch vergab Jakob

noch immer Stellen an unbefähigte Personen, und bald ging die Rede, daß

er beschlossen habe, sich nicht mehr an die Testacte zu binden, daß er

hoffe, das Parlament zur Aufhebung dieses Gesetzes zu bewegen, daß er

aber, wenn das Parlament sich widerspenstig zeigen sollte, dennoch

seinen Willen durchsetzen werde.

[_Halifax fällt in Ungnade._] Sobald dies bekannt wurde, mahnte ihn ein

dumpfes Murren, der Vorläufer eines Gewittersturmes, daß der Geist, dem

sein Großvater, sein Vater und sein Bruder hatten weichen müssen, nur

schlummere, aber noch nicht erloschen sei. Der Widerstand zeigte sich

zuerst im Kabinet. Halifax versuchte es gar nicht, seinen Unmuth und

seine Besorgniß zu verhehlen; im geheimen Rathe sprach er furchtlos die

Gefühle aus, von denen, wie es sich sehr bald zeigte, die ganze Nation

durchdrungen war. Da keiner seiner Collegen ihn unterstützte, ließ man

den Gegenstand fallen. Nach der Sitzung aber wurde er in's königliche

Kabinet berufen und er hatte zwei lange Conferenzen mit seinem Gebieter.

Jakob versuchte die Wirkung von Schmeicheleien und Complimenten, aber

vergebens, Halifax weigerte sich auf das Bestimmteste zu versprechen,

daß er im Hause der Lords für die Abschaffung der Testacte oder der

Habeas-Corpus-Acte stimmen werde.

Einige Männer aus der Umgebung des Königs riethen ihm, am Vorabende der

Einberufung des Parlaments nicht den beredtesten und vollendetsten

Staatsmann des Jahrhunderts in das Lager der Opposition zu treiben. Sie

stellten ihm vor, daß Halifax die Ehre und das Einkommen seines Amtes

liebe, daß, so lange er Lordpräsident sei, er schwerlich mit seiner

ganzen Kraft gegen die Regierung auftreten werde, daß aber die

Entlassung von seinem hohen Posten so viel heiße, als ihn aller

Rücksichten entbinden. Der König aber beharrte auf seinem Vorsatze,

Halifax wurde benachrichtigt, daß man seiner Dienste nicht mehr bedürfe,

und sein Name in dem Geheimrathsbuche gestrichen[9].

[Anmerkung 9: Geheimrathsbuch. Der Name wurde gestrichen am 21.

Oct. 1685. Halifax an Chesterfield; Barillon, 19.(29.) Oct.]

[_Allgemeine Unzufriedenheit._] Seine Entlassung machte nicht allein im

England, sondern in Paris, in Wien und im Haag großes Aufsehen, denn es

war wohl bekannt, daß er stets darauf hingearbeitet hatte, den Einfluß

des Hofes von Versailles auf die Angelegenheiten Englands zu

neutralisiren. Ludwig freute sich über die Nachricht; die Gesandten der

Vereinigten Provinzen und des Hauses Österreich dagegen priesen die

Weisheit und die Tugenden des entlassenen Staatsmannes in einer Weise,

welche in Whitehall großes Ärgerniß erregte. Ganz besonders aufgebracht

war Jakob gegen den Sekretär der kaiserlichen Gesandtschaft, der sich

nicht scheute zu sagen, daß die wichtigen Dienste, welche Halifax in der

Debatte über die Ausschließungsbill geleistet habe, mit grobem Undanke

vergolten würden[10].

Es zeigte sich bald, daß Halifax viele Nachfolger haben werde. Ein Theil

der Tories, mit ihrem alten Führer Danby an der Spitze, begann eine

whiggistische Sprache zu führen; selbst die Prälaten gaben nicht

undeutlich zu verstehen, daß es einen Punkt gebe, wo die dem Fürsten

schuldige Loyalität höheren Rücksichten weichen müsse. Die

Unzufriedenheit der Generäle war noch größer und besorgnißerregender.

Schon zeigten sich die ersten Symptome jener Stimmung, welche drei Jahre

später so viele hohe Offiziere antrieb, die königliche Fahne zu

verlassen. Männer, welche sich sonst aus nichts ein Gewissen machten,

wurden jetzt mit einem Male auffallend bedenklich. Churchill äußerte

schüchtern, daß der König doch etwas zu weit gehe. Kirke, der eben von

seiner Schlächterei im Westen zurückgekehrt war, schwur, daß er am

protestantischen Glauben festhalten werde, und selbst wenn er den

Glauben, in welchem er erzogen worden, abschwören sollte, so werde er

doch nie ein Papist werden. Er habe sich bereits vergeben; wenn er

überhaupt seinem Glauben je entsage, so sei er durch ein dem Kaiser von

Marokko gegebenes feierliches Versprechen verbunden, Muselmann zu

werden[11].

[Anmerkung 10: Barillon, 26. Oct, (5. Nov.) 1685; Ludwig an

Barillon 27. Oct, (6. Nov.) und 6/16. Nov.]

[Anmerkung 11: Ein interessanter Bericht über das erste Erscheinen

der Symptome von Unzufriedenheit unter den Tories findet sich in

einem Briefe von Halifax an Chesterfield, geschrieben im October

1635. +Burnet I. 684.+]

[_Verfolgung der französischen Hugenotten._] Während die schon in

mannichfacher Beziehung aufgeregte Nation mit ängstlicher Spannung dem

Wiederzusammentritt der Parlamentshäuser entgegensah, kamen Nachrichten

aus Frankreich, welche die Aufregung noch vermehrten.

Der lange und heldenmüthige Kampf, den die Hugenotten gegen die

französische Regierung bestanden hatten, war durch Richelieu's

Geschicklichkeit und Energie zu einem endlichen Schlusse gebracht

worden. Dieser große Staatsmann besiegte sie, sicherte ihnen aber die

ihnen durch das Edict von Nantes verliehene Gewissensfreiheit zu. Es

wurde ihnen unter einigen leichten Beschränkungen gestattet, Gott nach

ihrem Ritual zu verehren und zur Vertheidigung ihrer Lehre zu schreiben.

Alle Civil- und Militairämter standen ihnen offen und geraume Zeit

hindurch war ihre Ketzerei kein praktisches Hinderniß für sie, um sich

in der Welt emporzuschwingen. Einige von ihnen befehligten Armeecorps,

Andere standen an der Spitze wichtiger Zweige der Civilverwaltung.

Endlich aber trat eine Veränderung ein. Ludwig XIV. hegte schon seit

langer Zeit eine politische und religiöse Abneigung gegen die

Calvinisten. Als eifriger Katholik verabscheute er ihre theologischen

Dogmen, und als Fürst, der die Willkürherrschaft liebte, verabscheute er

die republikanischen Theorien, welche in die Genfer Theologie verwoben

waren. Er verkürzte nach und nach alle Rechte, welche die Schismatiker

genossen. Er mischte sich in die Erziehung der protestantischen Kinder,

confiscirte Besitzungen, welche protestantischen Consistorien durch

Erbschaft zugefallen waren, und schloß unter nichtigen Vorwänden

protestantische Kirchen. Die protestantischen Geistlichen wurden von den

Steuereinnehmern gequält, den protestantischen Magistratspersonen die

Adelstitel entzogen, und den protestantischen Hofbeamten angekündigt,

daß Seine Majestät ihrer Dienste nicht mehr bedürfe. Es wurde Befehl

gegeben, daß kein Protestant mehr im Justizfache angestellt werden

solle. Die unterdrückte Secte ließ einige schwache Anzeichen von dem

Geiste blicken, der im vorhergehenden Jahrhundert der ganzen Macht des

Hauses Valois Trotz geboten hatte. Es erfolgten Metzeleien und

Hinrichtungen. In die Städte, wo sich viele Ketzer befanden und auf die

Güter des ketzerischen Adels wurden Dragoner gelegt, und die Grausamkeit

und Zügellosigkeit dieser rohen Missionare wurde von der Regierung

gutgeheißen oder doch nur sehr mild getadelt. Indessen war das Edict von

Nantes, obgleich es in seinen wesentlichsten Punkten factisch verletzt

wurde, nicht förmlich aufgehoben, und der König erklärte wiederholt in

feierlichen öffentlichen Erlassen, daß er entschlossen sei, es aufrecht

zu erhalten. Aber die Fanatiker und Schmeichler, denen er ein geneigtes

Ohr lieh, gaben ihm Rathschläge, die er zu befolgen nur zu bereit war.

Sie stellten ihm vor, daß seine strenge Politik außerordentlich

erfolgreich gewesen sei, daß sein Wille wenig oder gar keinen Widerstand

gefunden habe, daß schon Tausende von Hugenotten bekehrt worden seien,

und wenn er noch den letzten entscheidenden Schritt thue, so würden sich

die bis jetzt noch hartnäckig Widerstrebenden bald fügen, Frankreich von

dem Flecken der Ketzerei vollkommen gereinigt sein und sein Beherrscher

sich eine himmlische Krone verdienen, nicht minder ruhmvoll als die des

heiligen Ludwig. Diese Gründe schlugen durch. Der letzte Streich wurde

geführt, das Edict von Nantes wurde widerrufen und eine Menge

Verordnungen gegen die Sectirer erschienen in rascher Aufeinanderfolge.

Knaben und Mädchen wurden ihren Eltern entrissen und in Klöster

geschickt, um dort erzogen zu werden. Alle calvinistischen Geistlichen

wurden aufgefordert, entweder ihren Glauben abzuschwören, oder binnen

vierzehn Tagen das Land zu verlassen. Den anderen Bekennern, des

reformirten Glaubens wurde verboten, das Königreich zu verlassen, und um

ihre Flucht zu verhindern, wurden die Häfen und Grenzen streng bewacht.

Man glaubte, daß die auf solche Art von ihren gefährlichen Hirten

getrennten Heerden bald in ihre wahre Hürde zurückkehren würden. Aber

trotz aller Wachsamkeit der militairischen Polizei fand eine bedeutende

Auswanderung statt; es wurde berechnet, daß binnen wenigen Monaten

funfzigtausend Familien Frankreich für immer verließen. Auch waren diese

Flüchtlinge keineswegs Leute, die ein Land leicht entbehren kann, denn

die Mehrzahl von ihnen waren Personen von aufgeklärter Bildung, von

großer Betriebsamkeit und von strengen Sitten. Es befinden sich Namen

darunter, die in Krieg, Wissenschaft, Literatur und Kunst eine

hervorragende Stellung einnahmen. Einige von den Verbannten boten

Wilhelm von Oranien ihre Schwerter an und zeichneten sich durch die

Erbitterung aus, mit der sie nachher gegen ihren Unterdrücker kämpften.

Andere rächten sich durch noch furchtbarere Waffen und reizten durch die

holländische, englische und deutsche Presse dreißig Jahre lang die

öffentliche Meinung Europa's gegen die französische Regierung auf. Ein

friedlicher gesinnter Theil errichtete in der östlichen Vorstadt Londons

Seidenmanufacturen; ein andrer Theil unterrichtete die Sachsen in der

Verfertigung von Stoffen und Hüten, für welche Frankreich bis dahin das

Monopol gehabt hatte. Noch Andere pflanzten die ersten Weinstöcke in der

Nähe des Caps der guten Hoffnung[12].

Unter gewöhnlichen Umständen würden die Höfe von Spanien und Rom einem

Fürsten, der so nachdrücklich gegen die Ketzerei zu Felde zog, den

lebhaftesten Beifall gezollt haben. Aber die Ungerechtigkeit und der

Hochmuth Ludwig's hatten einen solchen Haß erregt, daß, als er zum

Verfolger wurde, die Höfe von Spanien und Rom für die religiöse Freiheit

Partei nahmen und laut die Grausamkeit mißbilligten, eine wilde und

freche Soldateska gegen ein harmloses Volk zu hetzen[13]. Das ganze

protestantische Europa brach in einen Schrei des Schmerzes und der Wuth

aus. Nach England kam die Nachricht von der Zurücknahme des Edicts von

Nantes ungefähr eine Woche vor dem Tage, bis zu welchem das Parlament

vertagt war. Es wurde nun klar, daß der Geist Gardiner's und Alba's noch

immer der Geist der römisch-katholischen Kirche war. Ludwig stand Jakob

an Hochherzigkeit und Humanität nicht nach und war ihm in allen

Fähigkeiten und Kenntnissen eines Staatsmannes jedenfalls weit

überlegen. Wie Jakob, hatte auch Ludwig zu wiederholten Malen

versprochen, die Rechte seiner protestantischen Unterthanen zu achten.

Dennoch trat Ludwig jetzt ganz offen als Verfolger des reformirten

Glaubens auf. Konnte man wohl zweifeln, daß Jakob nur auf eine günstige

Gelegenheit wartete, um dieses Beispiel nachzuahmen? Schon bildete er,

dem Gesetz zum Hohn, eine Militairmacht, die zum großen Theile von

römisch-katholischen Offizieren befehligt ward. Lag wohl etwas

Unvernünftiges in der Befürchtung, daß diese Armee zu gleichen Zwecken

verwendet werden sollte, wie die fränzösischen Dragoner?

[Anmerkung 12: Die damals in verschiedenen Sprachen erschienenen

Schriften über diese Verfolgung sind unzählig. Eine ungemein

klare, elegante und geistvolle Übersicht findet sich in Voltaire's

Zeitalter Ludwigs XIV.]

[Anmerkung 13: +»Misionarios embotados«+, sagt Ronquillo.

+»Apostoli armati«+, sagt Innocenz. In der Mackintosh-Sammlung

befindet sich ein interessanter Brief über diesen Gegenstand von

Ronquillo, d. d. 26. März (5. April) 1686. Siehe +Venior,

Relatione di Francia+, 1689, angeführt von Prof. Ranke in seinen

»Römischen Päpsten«, Buch VIII.]

[_Eindruck dieser Verfolgung in England._] Jakob war über das Verfahren

des Hofes von Versailles fast eben so erstaunt als seine Unterthanen. Es

schien in der That als hätte dieser Hof es darauf abgesehen gehabt, ihn

in Verlegenheit zu setzen und ihm zu schaden. Er war eben im Begriff,

von einer protestantischen gesetzgebenden Versammlung volle Duldung für

die Katholiken zu verlangen, und es konnte ihm daher nichts

unwillkommener sein, als die Nachricht, daß die Regierung eines

Nachbarstaates so eben den Protestanten die Duldung entzogen habe. Sein

Verdruß wurde noch vermehrt durch eine Rede, die der Bischof von Valence

zur selben Zeit im Namen der gallikanischen Geistlichkeit an Ludwig XIV.

richtete. Der gottesfürchtige Souverain von England, sagte der Redner,

blicke auf den allerchristlichsten König und hoffe auf seine

Unterstützung gegen eine ketzerische Nation. Es wurde bemerkt, daß

namentlich die Mitglieder des Hauses der Gemeinen sich bemühten,

Exemplare dieser Rede zu erlangen und daß sie von alten Engländern mit

Unwillen und Besorgniß gelesen wurde[14]. Jakob wünschte sehr, den

Eindruck, den diese Dinge gemacht hatten, zu verwischen und ebenso wäre

es ihm durchaus nicht unlieb gewesen, wenn er bei dieser Gelegenheit

Europa hätte zeigen können, daß er nicht der Sklave Frankreichs sei. Er

erklärte daher öffentlich, daß er das Verfahren gegen die Hugenotten

mißbillige, gewährte den Verbannten eine Unterstützung aus seiner

Privatchatoulle und forderte durch ministerielle Ausschreiben seine

Unterthanen auf, seine Freigebigkeit nachzuahmen. In wenigen Monaten

zeigte es sich schon, daß all' dieses Mitleid nur erheuchelt war, um dem

Parlamente zu schmeicheln, daß er die Flüchtlinge mit tödtlichem Hasse

betrachtete und daß er nichts mehr bedauerte, als daß er nicht das

Nämliche thun konnte, was Ludwig gethan hatte.

[Anmerkung 14: +»Mi dicono che tutti questi parlamentarii ne hanno

voluto copia, il che assolutamente avrà causate pessime

impressioni.«+ Adda v. 9.(19.) Nov. 1685, Siehe auch +Evelyn's

Diary, Nov. 3.+]

[_Zusammentritt des Parlaments, Rede des Königs._] Am 9. November traten

die Häuser zusammen. Die Gemeinen wurden vor die Schranken der Lords

beschieden und der König hielt eine Thronrede, die er selbst verfaßt

hatte. Er wünschte seinen getreuen Unterthanen zu der Unterdrückung des

Aufstandes im Westen Glück, setzte aber hinzu, daß die Schnelligkeit,

mit der dieser Aufstand zu einer furchtbaren Ausdehnung angewachsen sei,

wie die lange Dauer desselben Jedermann überzeugen müsse, wie wenig man

sich auf die Miliz verlassen könne. Er habe daher die reguläre Armee

vergrößert, die Unterhaltungskosten derselben würden hinfüro mehr als

das Doppelte der bisherigen betragen und er hoffe, daß die Gemeinen ihm

die Mittel zur Bestreitung dieses Mehraufwandes bewilligen würden.

Hierauf kündigte er der Versammlung an, daß er einige Offiziere

angestellt habe, welche zwar den Testeid nicht geleistet hätten, die er

aber als des öffentlichen Vertrauens würdige Männer kenne. Er fürchte,

daß ränkesüchtige Menschen diese Unregelmäßigkeit benutzen möchten, um

das gute Einvernehmen zwischen ihm und seinem Parlamente zu stören; aber

er wolle ihnen offen sagen, daß er entschlossen sei, sich nicht von

Männern zu trennen, auf deren Treue er sich verlassen könne und deren

Hülfe er vielleicht bald bedürfen werde[15].

[Anmerkung 15: +Lords' Journals, Nov. 9. 1685. »Vengo

assicurato«+, sagt Adda, +»che S. M. stessa abbia composto il

discorso.«+ -- Depesche vom 16.(26.) Nov. 1685.]

[_Es bildet sich eine Opposition im Hause der Gemeinen._] Diese

deutliche Erklärung, daß er die Gesetze verletzt habe, welche die Nation

als die Hauptbollwerke der Staatsreligion betrachtete, und daß er

entschlossen sei, in der Verletzung dieser Gesetze zu beharren, war

nicht geeignet, die aufgeregte Stimmung seiner Unterthanen zu

beschwichtigen. Die Lords, welche selten geneigt sind, in der Opposition

gegen eine Regierung voranzugehen, beschlossen, ihm ihren förmlichen

Dank für die gesprochenen Worte auszudrücken; die Gemeinen aber zeigten

eine minder willfährige Stimmung. Als sie in ihren Saal zurückgekehrt

waren, trat eine lange andauernde Stille ein und tiefe Betrübniß sprach

aus den Zügen vieler der ehrenwerthesten Mitglieder. Endlich erhob sich

Middleton und trug darauf an, daß sich das Haus augenblicklich zu einem

Comité zur Berathung über die Thronrede constituiren solle; aber Sir

Edmund Jennings, ein eifriger Tory von Yorkshire, von dem man

vermuthete, daß er die Gesinnungen Danby's aussprach, protestirte gegen

diesen Schritt und verlangte Zeit zur Überlegung. Sir Thomas Clarges,

der Oheim des Herzogs von Albemarle von mütterlicher Seite und seit

langer Zeit im Parlament als geschäftskundiger Mann und wachsamer

Aufseher über die Verwendung der öffentlichen Gelder bekannt, trat auf

die nämliche Seite. Die Stimmung des Hauses war nicht zu verkennen. Sir

Johann Ernley, Kanzler der Schatzkammer, bestand darauf, daß der

Aufschub zweimal vierundzwanzig Stunden nicht übersteigen dürfe, aber er

wurde überstimmt und man beschloß, die Berathung drei Tage zu

verschieben[16].

Die Zwischenzeit wurde von den leitenden Gegnern des Hofes wohl

angewendet. Sie hatten in der That kein leichtes Stück Arbeit zu

bewältigen: in drei Tagen sollte eine Vaterlandspartei organisirt

werden. Die Schwierigkeit dieser Aufgabe kann in unsrer Zeit nicht

gehörig gewürdigt werden, denn man darf sagen, daß in unsrer Zeit die

ganze Nation bei jeder Berathung der Lords wie der Gemeinen zugegen ist.

Was die Häupter der Ministerialpartei und der Opposition nach

Mitternacht sagen, wird von der ganzen Hauptstadt bei Tagesanbruch, von

den Bewohnern von Northumberland und Cumberland am Nachmittag und in

Irland und den schottischen Hochlanden am andren Morgen gelesen. Daher

sind in unseren Tagen die Stadien der Gesetzgebung, die Regeln der

Debatte, die Taktik der Factionen, die Ansichten, der Character und die

Ausdrucksweise jedes thätigen Mitgliedes der beiden Häuser

Hunderttausenden bekannt. Jeder, der jetzt ins Parlament kommt, besitzt,

was man im siebzehnten Jahrhundert einen reichen Schatz

parlamentarischer Kenntnisse genannt haben würde. Diese Kenntnisse

konnte man sich damals nur durch praktische parlamentarische Thätigkeit

erwerben. Der Unterschied zwischen einem alten und einem neuen Mitgliede

war daher eben so groß als zwischen einem Veteranen und einem eben vom

Pfluge kommenden Rekruten, und Jakob's Parlament enthielt eine ganz

ungewöhnliche Menge neuer Mitglieder, welche keine politische

Kenntnisse, wohl aber eine Menge leidenschaftlicher Vorurtheile von

ihren Landsitzen mit nach Westminster gebracht hatten. Diese Herren

haßten die Papisten, aber nicht minder haßten sie die Whigs und

betrachteten den König mit einer abergläubischen Ehrfurcht. Aus solchen

Elementen eine Opposition zu bilden, war eine Aufgabe, welche die größte

Geschicklichkeit und zarteste Schonung erforderte. Einige Männer von

großem Gewicht nahmen jedoch das schwierige Werk in Angriff und führten

es mit gutem Erfolge durch. Mehrere erfahrene whiggistische

Staatsmänner, welche keinen Sitz in diesem Parlamente hatten, gaben

nützliche Winke und Rathschläge; an dem Tage vor der Eröffnung der

Debatte wurden viele Versammlungen gehalten, in denen die Leiter die

Neulinge instruirten, und es zeigte sich bald, daß diese Bemühungen

nicht vergebens gewesen waren[17].

[Anmerkung 16: +Commons' Journals+; +Bramston's Memoirs+; Jakob

von Leeuwen an die Generalstaaten, 10.(20.) Nov. 1685. Leeuwen war

Sekretär bei der holländischen Gesandtschaft und führte in

Citters' Abwesenheit die Correspondenz. In Betreff Clarges' siehe

Burnet I. 98.]

[Anmerkung 17: Barillon, 16.(26.) Nov. 1685.]

[_Ansichten auswärtiger Regierungen._] Die fremden Gesandtschaften waren

alle in heftiger Aufregung. Sie erkannten sehr wohl, daß wenige Tage die

große Frage entscheiden würden, ob der König von England der Vasall des

Königs von Frankreich war oder nicht. Die Gesandten des Hauses

Österreich wünschten sehnlich, daß Jakob sein Parlament zufrieden

stellen möchte. Innocenz hatte zwei Männer nach London geschickt, welche

beauftragt waren, durch Zureden und gutes Beispiel auf Mäßigung zu

dringen. Einer von diesen war Johann Leyburn, ein englischer

Dominikaner, der Sekretär beim Cardinal Howard gewesen war und der bei

einiger Gelehrsamkeit und einem reichen Schatze natürlichen Verstandes

der besonnenste, geschickteste und verschwiegenste Mann war, den es

geben konnte. Er war unlängst zum Bischof von Adrumetum geweiht und zum

apostolischen Vikar in Großbritannien ernannt worden. Ferdinand, Graf

von Adda, ein Italiener von nicht gerade ausgezeichneten Geistesgaben,

aber von sanftem Character und einnehmendem Wesen, war zum Nuntius

ernannt worden. Jakob nahm diese Würdenträger sehr freundlich auf. Seit

mehr als einem halben Jahrhundert hatte kein römisch-katholischer

Bischof geistliche Functionen auf der Insel verwaltet, und während der

hundertsiebenundzwanzig Jahre seit dem Tode Maria's war kein päpstlicher

Nuntius bei uns empfangen worden. Leyburn erhielt eine Wohnung in

Whitehall und einen Jahrgehalt von tausend Pfund. Adda nahm noch keinen

öffentlichen Character an, galt für einen vornehmen Fremden, der zu

seinem Vergnügen nach London gekommen war, erschien täglich bei Hofe und

wurde mit großer Auszeichnung behandelt. Beide päpstliche Gesandte

thaten ihr Möglichstes, um das Gehässige, das von ihrer amtlichen

Stellung unzertrennlich war, zu mildern und den unbesonnen Eifer Jakob's

zu dämpfen. Der Nuntius insbesondere erklärte, daß nichts der römischen

Kirche nachtheiliger sein könne, als ein Bruch zwischen dem Könige und

dem Parlamente[18].

Barillon war auf der entgegengesetzten Seite thätig. Die Instructionen,

welche er bei dieser Gelegenheit von Versailles erhielt, verdienen

aufmerksam studirt zu werden, denn sie geben den Schlüssel zu der

Politik, die sein Gebieter während der letzten zwanzig Jahre vor unsrer

Revolution systematisch gegen England verfolgte. Die Nachrichten von

Madrid, schrieb Ludwig, lauteten sehr beunruhigend; man hege dort die

sichere Hoffnung, daß Jakob sich mit dem Hause Österreich eng verbinden

werde, sobald er die Gewißheit habe, daß sein Parlament ihm nicht zu

schaffen machen werde. Unter diesen Umständen lag es augenscheinlich im

Interesse Frankreichs, daß das Parlament sich widerspenstig zeigte, und

Barillon erhielt daher Befehl, mit aller möglichen Vorsicht gegen

etwaige Entdeckung die Rolle eines Friedensstörers zu spielen. Bei Hofe

sollte er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um den religiösen Eifer

und den Herrscherstolz Jakob's aufzustacheln, zu gleicher Zeit aber

dürfte es auch wünschenswerth sein, daß er geheime Verbindungen mit den

Mißvergnügten unterhalte. Allerdings seien diese Verbindungen gefährlich

und erforderten die äußerste Gewandtheit; aber es werde dem Gesandten

auf diese Weise vielleicht gelingen, ohne sich und seine Regierung zu

compromittiren, den Eifer der Opposition für die Gesetze und Freiheiten

Englands zu beleben und dabei zu verstehen zu geben, daß diese Gesetze

und Freiheiten von seinem Gebieter nicht mißfällig betrachtet

würden[19].

[Anmerkung 18: +Dodd's Church History+; Leeuwen, 17.(27.) Nov.

1685; Barillon, 24. Dec. 1685. Barillon sagt von Adda: +»On

l'avoit fait prévenir que la sureté et l'avantage des Catholiques

consistoient dans une réunion entière de Sa Majesté Britannique et

de son parlement.«+ Briefe von Innocenz an Jakob vom 27. Juli

(6. Aug.) und 23. Sept. (3. Octbr.) 1685; Depeschen von Adda vom

9.(19.) u. 16.(26.) Nov. 1685. Die höchst interessante

Correspondenz Adda's, aus den päpstlichen Archiven abgeschrieben,

befindet sich im Britischen Museum, nachträgliche Handschriften

Nr. 15395.]

[Anmerkung 19: Diese höchst merkwürdige Depesche trägt das Datum

vom 9.(19.) Nov. 1685 und findet sich im Anhange zu Fox'

Geschichte.]

[_Comité der Gemeinen wegen der Thronrede._] Als Ludwig diese

Instructionen ertheilte, ahnete er gewiß nicht, wie bald und vollständig

seine Befürchtungen durch Jakob's Hartnäckigkeit und Dummheit gehoben

werden würden. Am 12. November trat das Haus der Gemeinen zu einem

Comité zur Berathung der Thronrede zusammen. Der Staatsanwalt Heneage

Finch nahm den Präsidentenstuhl ein. Die Debatte wurde von den

Oberhäuptern der neuen Vaterlandspartei mit seltenem Takt und Geschick

geleitet. Niemandem entschlüpfte ein Ausdruck, der Mangel an Achtung vor

dem Souverain oder Sympathie für die Rebellen verrathen hätte. Der

Aufstand im Westen wurde stets mit Abscheu erwähnt und von Kirke's oder

Jeffreys' Grausamkeiten kein Wort gesagt. Es wurde zugegeben, daß die

durch die letzen Unruhen verursachten bedeutenden Ausgaben den König

berechtigten, eine fernerweite Creditbewilligung zu verlangen, gegen die

Vermehrung der Armee und die Verletzung der Testacte aber wurden sehr

ernste Einwürfe erhoben.

Den Gegenstand der Testacte übergingen die Höflinge mit geflissentlichem

Stillschweigen, dagegen aber hoben sie mit ziemlichem Nachdrucke die

großen Vorzüge eines stehenden Heeres vor einer Miliz hervor. Einer von

ihnen fragte höhnisch, ob die Vertheidigung des Königs etwa den

Rindfleischessern überlassen bleiben solle. Ein Andrer äußerte, daß er

wohl wissen möchte, wie sich die Milizen von Devonshire, welche vor

Monmouth's Sensenmännern in wilder Verwirrung geflohen seien, den

Haustruppen Ludwig's gegenüber Stand gehalten haben würden. Diese

Argumente aber machten auf Kavaliere, die sich noch immer mit bittrem

Grolle des strengen Regiments des Protectors erinnerten, wenig Eindruck.

Der vornehmste toryistische Landedelmann Englands, Eduard Seymour, gab

dem allgemeinen Gefühle energischen Ausdruck. Er gestand zu, daß sich

die Miliz nicht in einem befriedigenden Zustande befinde, behauptete

aber, daß sie reorganisirt werden könne. Allerdings würde diese

Reorganisation Geld kosten, aber er für seine Person wolle lieber eine

ganze Million zum Unterhalte eines Heeres geben, von dem er nichts zu

fürchten habe, als eine halbe Million für eine Armee, von der er

jederzeit Schlimmes befürchten müsse. Führe man eine gute Disciplin bei

der Miliz ein und verstärke die Flotte, so werde das Land vollkommen

geschützt sein. Ein stehendes Heer sei im besten Falle nichts als ein

Blutegel der Staatseinkünfte, der Soldat werde jeder nützlichen Arbeit

entzogen, er producire nichts, sondern verzehre nur die Früchte des

Gewerbfleißes Anderer und dominire dabei über Diejenigen, die ihn

erhalten müßten. Unter jetzigen Umständen aber drohe der Nation nicht

nur ein stehendes Heer, sondern ein papistisches stehendes Heer, ein

stehendes Heer, das von Männern commandirt werde, welche sehr

liebenswürdige und achtbare Leute sein könnten, aber grundsätzlich

Feinde der Verfassung des Reiches seien. Sir Wilhelm Twisden,

Abgeordneter für die Grafschaft Kent, sprach in gleichem Sinne mit

großer Energie und unter lautem Beifalle. Sir Richard Temple, einer von

den wenigen Whigs, die in jenem Parlamente saßen, paßte seine Rede

geschickt der vorherrschenden Stimmung seiner Zuhörer an und machte sie

darauf aufmerksam, daß ein stehendes Heer nach den gemachten Erfahrungen

der rechtmäßigen Autorität der Fürsten eben so gefährlich sei als der

Freiheit der Völker. Sir Johann Maynard, der gelehrteste Jurist der

damaligen Zeit, nahm ebenfalls an der Debatte Theil. Er war jetzt über

achtzig Jahre alt und konnte sich noch sehr gut der politischen

Zwistigkeiten unter der Regierung Jakob's I. erinnern. Er hatte im

Langen Parlamente gesessen und auf der Seite der Rundköpfe gestanden,

hatte aber stets zur Milde und Mäßigung gerathen und sich bemüht, eine

allgemeine Aussöhnung herbeizuführen. Seine vom Alter noch nicht

geschwächten ausgezeichneten Fähigkeiten und seine juristischen

Kenntnisse, durch die er lange Zeit ganz Westminsterhall imponirt hatte,

sicherten ihm eine sehr gewichtige Stimme im Hause der Gemeinen. Auch er

erklärte sich gegen die Vermehrung des stehenden Heeres.

Nach lebhaften Debatten wurde beschlossen, der Krone einen Credit zu

bewilligen, zu gleicher Zeit aber auch eine Bill zur zweckmäßigeren

Organisirung der Miliz einzubringen. Dieser letzte Beschluß war

gleichbedeutend mit einer Erklärung gegen das stehende Heer. Der König

war höchst unzufrieden, und man sprach schon davon, daß, wenn es so

fortgehe, die Session nicht von langer Dauer sein werde[20].

Am nächsten Morgen begann der Kampf von neuem. Die Sprache der

Vaterlandspartei war auffallend kühner und schärfer als am vorigen Tage.

Der die Geldbewilligung betreffende Paragraph in der Thronrede des

Königs ging dem auf den Test bezüglichen voraus. Aus diesem Grunde

schlug Middleton vor, den auf die Geldbewilligung bezüglichen zuerst im

Comité zu berathen. Die Opposition verlangte die umgekehrte Reihenfolge;

sie behauptete, das vernünftige, und verfassungsmäßige Verfahren sei,

erst dann Geld zu bewilligen, wenn den Beschwerden abgeholfen worden,

diesem Gebrauche aber würde man untreu, wenn man sich sklavisch an die

Reihenfolge binde, in der der König die Gegenstände in der Thronrede

erwähnt habe.

Es wurde nun über die Frage abgestimmt, ob Middleton's Antrag angenommen

werden solle. Der Präsident ersuchte die mit »Nein« Stimmenden, sich in

das Vorzimmer zu begeben. Dies verdroß sie heftig und sie beschwerten

sich laut über seine Servilität und Parteilichkeit, da sie wußten, daß

sie nach der damals geltenden verwickelten und subtilen Regel, welche in

unsrer Zeit durch einen verständigeren und zweckmäßigeren Gebrauch

ersetzt worden ist, berechtigt waren, auf ihren Plätzen zu bleiben. Auch

waren überhaupt alte parlamentarischen Taktiker jener Zeit der Ansicht,

daß die im Saale zurückbleibende Partei einen Vortheil gegen die sich

entfernende voraus hatte, denn die Einrichtung mit den Bänken war damals

noch so mangelhaft, daß Niemand, der so glücklich gewesen war, einen

guten Platz zu erlangen, ihn gern einbüßte. Trotzdem sah man zum großen

Ärger der Minister viele Mitglieder, auf deren Stimme der Hof

zuversichtlich gerechnet hatte, auf die Thür zu gehen. Unter ihnen

befand sich der Kriegszahlmeister Karl Fox, Sohn des Sekretärs beim

Hofmarschallgericht, Sir Stephan Fox. Der Zahlmeister hatte sich durch

seine Freunde überreden lassen, während eines Theils der Debatte

hinauszugehen; aber es quälte ihn eine unerträgliche Angst. Er kehrte

daher in das Präsidentenzimmer zurück, hörte einen Theil der Debatte mit

an, entfernte sich dann wieder, und nachdem er eine oder zwei Stunden

zwischen seinem Gewissen und seinem Jahrgehalt von fünftausend Pfund

geschwankt hatte, faßte er einen mannhaften Entschluß und eilte gerade

noch zur rechten Zeit, um seine Stimme abzugeben, in den Saal zurück.

Zwei Offiziere von der Armee, der Oberst Johann Darey, Sohn des Lord

Conyers, und der Hauptmann Jakob Kendall, begaben sich ebenfalls ins

Vorzimmer. Middleton ging an die Schranke hinab und setzte sie heftig

zur Rede, wobei er sich vorzugsweise an Kendall wendete, einen

unbemittelten Anhänger des Hofes, der auf Befehl des Königs von einem

bestochenen Wahlkörper in Cornwall ins Parlament geschickt worden war

und kürzlich hundert zur Deportation verurtheilte Rebellen zum Geschenk

erhalten hatte. »Sir«, fragte Middleton, »commandiren Sie nicht eine

Abtheilung Reiterei in Seiner Majestät Diensten?« -- »Allerdings,

Mylord«, antwortete Kendall, »aber mein älterer Bruder ist eben

gestorben und hat mir siebenhundert Pfund jährlich hinterlassen.«

[Anmerkung 20: +Commons' Journals, Nov. 12. 1685+; Leeuwen,

13.(23.) Nov.; Barillon, 16.(26.) Nov.; +Sir John Bramston's

Memoirs+. Der beste Bericht über die Verhandlungen des Hauses der

Gemeinen vom Nov. 1685 hat eine ziemlich merkwürdige Geschichte.

Es befinden sich zwei geschriebene Copien davon im Britischen

Museum (Harl. 7187 & Lansd. 253). In diesen Copien sind die Namen

der Sprecher ausgeschrieben. Der Verfasser der 1702 erschienenen

Lebensbeschreibung Jakob's, nahm diesen Bericht auf, gab aber nur

die Anfangsbuchstaben der Redner an. Die Herausgeber von

+Chandler's Debates+ und der +Parliamentary History+ riethen von

diesen Anfangsbuchstaben auf die Namen und riethen zuweilen

falsch. So schreiben sie eine ausgezeichnete Rede, welche später

erwähnt werden wird, Waller zu, während sie von Windham, dem

Abgeordneten von Salisbury, gehalten wurde. Zu meinem Bedauern

sah ich mich gezwungen, die Meinung aufzugeben, daß die letzten

öffentlich gesprochenen Worte Wallers so ehrenvoll für ihn waren.]

[_Niederlage der Regierung._] Als die Stimmenzähler ihr Geschäft beendet

hatten, ergaben sich hundertzweiundachtzig bejahende und

hundertdreiundachtzig verneinende Stimmen. Also in einem Unterhause,

welches durch gewissenlose Anwendung von Ränken, Bestechungen und

Gewaltmaßregeln zusammengebracht war und von dem Jakob gesagt hatte, daß

elf Zwölftel der Mitglieder so seien, wie er sie selbst gewählt haben

würde, in einem solchen Unterhause erfuhr der Hof in einer Lebensfrage

eine Niederlage[21].

In Folge dieser Abstimmung wurden die Ausdrücke, deren sich der König

rücksichtlich des Testes bedient hatte, am 13. November in Erwägung

gezogen. Nach einer langen Discussion wurde beschlossen, ihm eine

Adresse zu überreichen, worin er erinnert werden sollte, daß er dem

Gesetze nach hinfüro keine Beamten mehr anstellen dürfe, welche den

Zulässigkeitseid verweigerten und durch die er zugleich aufgefordert

werden sollte, Verfügungen zu treffen, welche geeignet wären, die

Besorgnisse und das Mißtrauen seines Volks zu zerstreuen[22].

Dann wurde der Antrag gestellt, daß die Lords ersucht werden sollten,

sich der Adresse anzuschließen. Ob dieser Antrag ehrlicherweise von der

Opposition gestellt wurde, in der Hoffnung, daß der Anschluß der Peers

der Gegenvorstellung mehr Gewicht geben werde, oder ob er

arglistigerweise von der Hofpartei ausging, welche hofften, dadurch

einen Bruch zwischen den beiden Häusern herbeizuführen, läßt sich nicht

mehr ermitteln. Der Antrag wurde indessen verworfen.[23]

Das Haus constituirte sich hierauf zu einem Comité, um über den Betrag

des zu bewilligenden Credits zu berathen. Der König brauchte

vierzehnhunderttausend Pfund, aber die Minister sahen wohl ein, daß sie

eine so große Summe vergebens fordern würden. Der Kanzler der

Schatzkammer sprach von zwölfhunderttausend Pfund. Die Häupter der

Opposition erwiederten, daß sie durch Bewilligung eine solchen Summe die

beständige Dauer des gegenwärtigen Militairetats votiren würden; sie

seien nicht geneigt, mehr zu geben, als hinreiche, um die regulären

Truppen so lange auf dem Kriegsfuße zu erhalten, bis die Miliz neu

organisirt werden könne, und schlügen deshalb vierhunderttausend Pfund

vor. Die Höflinge waren entrüstet über diesen Vorschlag, den sie als

unwürdig des Hauses und respectwidrig gegen den König bezeichneten; aber

sie stießen auf nachdrücklichen Widerstand. Einer der Abgeordneten aus

dem Westen, Johann Windham, der Salisbury vertrat, zeichnete sich

besonders aus. Er sagte, er habe die stehenden Heere von jeher mit

Besorgniß und Widerwillen betrachtet, und neuerdings gemachte

Erfahrungen hätten ihn in dieser Ansicht bestärkt. Dann wagte er es, ein

Thema zu berühren, das bis jetzt geflissentlich umgangen worden war. Er

schilderte die traurige Lage der westlichen Grafschaften. Das Volk,

sagte er, sei müde der Bedrückungen durch die Truppen, müde der freien

Einquartierungen, der Räubereien und der noch ruchloseren Vergehen,

welche das Gesetz Felonien nenne, gegen die man aber, wenn sie von

dieser Klasse von Verbrechern begangen würden, keine Abhülfe erlangen

könne. Die Diener des Königs hätten zwar dem Hause gesagt, daß

vortreffliche Verordnungen in Betreff des Benehmens der Armee erlassen

worden seien, allein Niemand könne behaupten, daß diese Verordnungen

auch befolgt würden. Was müsse man nothwendig daraus schließen? Beweise

nicht der Widerspruch zwischen den väterlichen Verordnungen des Thrones

und der unerträglichen Tyrannei der Soldaten, daß die Armee schon jetzt

für den Fürsten sowohl als für das Volk zu stark sei? Die Gemeinen

könnten also sicherlich, ohne sich selbst zu wiedersprechen, ihr volles

Vertrauen in die guten Absichten Seiner Majestät ausdrücken und dennoch

jede Vermehrung einer Armee verweigern, die Seine Majestät offenbar

nicht zu zügeln vermöchte.

[Anmerkung 21: +Common's Journals, Nov. 13. 1685+; +Bramston's

Memoirs+; +Reresby's Memoirs+; Barillon, 16.(26.) Nov.; Leeuwen,

13.(23.) Nov.; +Memoirs of Sir Stephen Fox, 1717+; +The Case of

the Church of England fairly stated+; +Burnet I. 666+, und

Präsident Onslow's Note.]

[Anmerkung 22: +Commons' Journals, Nov. 1685+; +Harl. MS. 7187+;

+Lansd. MS. 253.+]

[Anmerkung 23: Der Widerspruch zwischen den Zeugnissen über diesen

Gegenstand ist auffallend und nach reiflicher Erwägung muß ich

gestehen, daß sie einander die Wage zu halten scheinen. In Jakob's

Lebensbeschreibung (1702) wird der Antrag als vom Hofe ausgegangen

dargestellt, und diese Ansicht wird durch eine bemerkenswerthe

Stelle in den Stuart-Papieren bestätigt, welche von dem

Prätendenten selbst corrigirt wurde. (+Clarke's Life of James the

Second, II. 55.+) Dagegen stellen Reresby, der anwesend war, und

Barillon, der gut unterrichtet sein konnte, den Antrag als von der

Opposition ausgegangen dar. Die Harley- und Lansdowne-Manuscripte

differiren gerade in dem einzigen Worte, auf das Alles ankommt.

Bramston war leider an jenem Tage nicht in der Sitzung. Jakob Van

Leeuwen erwähnt zwar des Antrags und der Abstimmung, setzt aber

kein Wort hinzu, das auf den Stand der Parteien das mindeste Licht

werfen könnte. Auch muß ich gestehen, daß ich nicht im Stande bin,

aus den Namen der Stimmenzähler, Sir Joseph Williamson und Sir

Franz Russell für die Majorität, Lord Ancram und Sir Heinrich

Goodricke für die Minorität, einen irgend zuverlässigen Schluß zu

ziehen. Ich möchte es für wahrscheinlich halten, daß Lord Ancram

mit dem Hofe und Sir Heinrich Goodricke mit der Opposition

gegangen sind.]

[_Zweite Niederlage der Regierung._] Der Antrag, daß die zu bewilligende

Summe vierhunderttausend Pfund nicht übersteigen solle, fiel mit zwölf

Stimmen durch. Dieser Sieg der Minister war jedoch nicht viel besser als

eine Niederlage. Die Häupter der Vaterlandspartei, durchaus nicht

entmuthigt, zogen sich ein wenig zurück, hielten dann wieder Stand und

schlugen siebenhunderttausend Pfund vor. Das Comité schritt zur

Abstimmung und die Hofpartei wurde mit zweihundertzwölf Stimmen gegen

hundertsiebzig geschlagen[24].

[Anmerkung 24: +Commons' Journals, Novbr. 16, 1685+; +Harl. MS.

7187+; +Lansd. MS. 235.+]

[_Der König giebt den Gemeinen einen Verweis._] Am folgenden Tage

begaben sich die Gemeinen mit ihrer Adresse in Bezug auf den Test in

Prozession nach Whitehall. Der König empfing sie auf dem Throne. Die

Adresse war in ehrerbietiger und herzlicher Sprache abgefaßt, denn die

große Mehrheit Derer, die dafür gestimmt hatten, war eifrig und sogar

abergläubisch loyal und hatte schon zur Einflechtung einiger

schmeichelhaften Redensarten und zur Vermeidung jedes von den Höflingen

für anstößig gehaltenen Wortes bereitwilligst ihre Zustimmung gegeben.

Jakob's Antwort war ein kalter und mürrischer Verweis. Er sprach sein

entschiedenes Mißfallen und Erstaunen aus, daß die Gemeinen die

Ermahnungen, die er ihnen gegeben, so wenig berücksichtigt hätten. »Doch

was Sie auch thun mögen,« setzte er hinzu, »ich werde alle Ihnen

gegebenen Versprechungen unverbrüchlich halten.«[25]

Mißvergnügt, aber auch ein wenig eingeschüchtert, versammelten sich die

Gemeinen wieder in ihrer Kammer. Für die meisten von ihnen war der König

noch immer ein Gegenstand kindlicher Verehrung. Drei weitere Jahre voll

Ungerechtigkeiten und voll Beleidigungen, welche noch kränkender waren

als Ungerechtigkeiten, reichten kaum hin, das Band zu zerreißen, welches

die Kavaliergentry an den Thron fesselte.

Der Sprecher wiederholte den wesentlichen Inhalt der königlichen

Antwort. Es trat eine feierliche Stille ein, dann wurde, wie gewöhnlich,

die Tagesordnung verlesen und das Haus bildete sich zum Comité behufs

der Berathung der Bill wegen Reorganisation der Miliz.

[Anmerkung 25: +Commons' Journals, Nov. 17, 18. 1685.+]

[_Coke wird wegen Verletzung der dem Könige schuldigen Achtung von den

Gemeinen mit Gefängnißstrafe belegt._] In wenigen Stunden aber lebte der

Oppositionsgeist wieder auf. Als gegen das Ende der Sitzung der Sprecher

seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, stellte Wharton, der kühnste und

thätigste der Whigs, den Antrag, daß ein Tag bestimmt werden solle, um

die Antwort Seiner Majestät in Erwägung zu ziehen. Johann Coke,

Abgeordneter für Derby, unterstützte Wharton, obgleich er ein bekannter

Tory war. »Ich hoffe,« sagte er, »daß wir alle Engländer sind und uns

durch einige hohe Worte nicht von unsrer Pflicht zurückschrecken lassen

werden.«

Das war männlich, aber nicht klug gesprochen. Das ganze Haus gerieth in

stürmische Aufregung. »Schreibt seine Worte nieder!« »Vor die Barre!«

»In den Tower!« erscholl es von allen Seiten. Die Nachsichtigsten

schlugen vor, dem Beleidiger einen Verweis zu geben; die Minister aber

bestanden mit Heftigkeit darauf, daß er in Haft geschickt werden solle.

Das Haus, sagte er, möge Beleidigungen gegen sich selbst verzeihen, habe

aber nicht das Recht, eine Beleidigung der Krone zu vergeben. Coke wurde

in den Tower geschickt. Die Übereilung eines Einzelnen zerstörte das

ganze von den Häuptern der Opposition so geschickt entworfene

Operationssystem. Umsonst versuchte es in diesem Augenblicke Eduard

Seymour, seine Anhänger wieder zu sammeln, forderte sie auf, einen Tag

zur Berathung über die königliche Antwort zu bestimmen und sprach die

zuversichtliche Erwartung aus, die Discussion werde mit derjenigen

Achtung geführt werden, welche Unterthanen ihrem Herrscher schuldig

seien. Die Mitglieder waren durch das Mißfallen des Königs so sehr

eingeschüchtert und über Coke's Rücksichtslosigkeit so aufgebracht, daß

eine Abstimmung nicht rathsam gewesen wäre[26].

Das Haus vertagte sich und die Minister schmeichelten sich mit der

Hoffnung, daß der Geist der Opposition bezwungen sei. Aber am

nächstfolgenden Tage, dem 19. November, zeigten sich neue beunruhigende

Symptome. Die Zeit war gekommen, um die aus allen Theilen Englands

eingegangenen Petitionen gegen die letzten Wahlen in Erwägung zu ziehen.

Als Seymour sich in der ersten Zusammenkunft des Parlaments über die

Gewalt und Hinterlist beschwert, wodurch die Regierung die Wahlkörper in

dem freien Ausdrucke ihrer Meinung behindert habe, hatte er keine

Unterstützung gefunden. Viele aber, welche damals von seiner Seite

gewichen waren, hatten sich später ein Herz gefaßt und hatten mit Johann

Lowther, dem Abgeordneten von Cumberland, an der Spitze, vor dem

Auseinandergehen auf Untersuchung der Mißbräuche angetragen, welche das

Volk so heftig aufgeregt hätten. Jetzt war das Haus in einer viel

mißmuthigeren Stimmung und es erhoben sich zahlreiche Stimmen mit kühnen

Drohungen und Anklagen. Man sagte den Ministern, die Nation erwarte

kräftige Abhülfe und werde sie erlangen. Inzwischen wurde geschickt

darauf hingedeutet, daß die beste Genugthuung, welche ein durch

ordnungswidrige Mittel ins Parlament gewählter Gentleman dem Publikum

geben könne, darin bestehe, daß er seine übel erworbene Macht zur

Verteidigung der Religion und der Freiheiten seines Vaterlandes anwende.

Kein Mitglied, das in dieser Krisis seine Pflicht thue, habe etwas zu

fürchten. Es könne sein, daß man ihm seinen Sitz im Hause vorenthalten

müsse, aber der ganze Einfluß der Opposition werde dann aufgeboten

werden, um seine Wiedererwählung durchzusetzen.[27]

[Anmerkung 26: +Commons' Journals, Nov. 18. 1685+; +Harl. MS.

7187+; +Lansd. MS. 253+; +Burnet I. 667.+]

[Anmerkung 27: +Lonsdale's Memoirs.+ Burnet sagt uns (I. 667), daß

nach Coke's Verhaftung im Hause der Gemeinen eine heftige Debatte

über die Wahlen stattgefunden habe. Dies muß also am 19. November

gewesen sein, denn Coke wurde am Abend des 18. in den Tower

geschickt und am 20. wurde das Parlament prorogirt. Burnet's

Angabe wird auch durch die Protokolle bestätigt, aus denen

hervorgeht, daß am 19. über mehrere Wahlen debattirt wurde.]

[_Opposition gegen die Regierung im Hause der Lords. Der Earl von

Devonshire._] An dem nämlichen Tage zeigte es sich auch klar, daß der

Oppositionsgeist sich von den Gemeinen in das Haus der Lords und selbst

bis auf die Bank der Bischöfe verbreitet hatte. Wilhelm Cavendish, Earl

von Devonshire, stellte sich im Oberhause an die Spitze, und er war ganz

dazu geeignet. In Reichthum und Einfluß stand er keinem andren

englischen Edelmanne nach, und er galt allgemein für den feinsten

Gentleman seiner Zeit. Seine Prachtliebe, sein ausgezeichneter

Geschmack, seine Talente, seine klassische Bildung, seine Hochherzigkeit

und sein liebenswürdiges, herablassendes Benehmen wurden selbst von

seinen Feinden anerkannt; leider aber konnten seine Lobredner nicht

behaupten, daß seine Sittlichkeit von der damals so weit verbreiteten

Ansteckung frei geblieben sei. Obwohl ein Feind des Papismus und der

willkürlichen Gewalt, hegte er doch eine entschiedene Abneigung gegen

jede Überstürzung, war, als die Ausschließungsbill fiel, zu einem

Vergleiche bereit gewesen und hatte sich nie an den gesetzwidrigen und

übereilten Plänen betheiligt, welche die Whigpartei in einen so üblen

Geruch gebracht hatten. Aber wenn er auch das Verfahren seiner Freunde

zum Theil mißbilligte, so erfüllte er deshalb doch mit gewissenhaftem

Eifer die schwierigsten und gefährlichsten Pflichten der Freundschaft.

Er hatte neben Russell an den Schranken gestanden, hatte an dem

schauerlichen Morgen der Hinrichtung mit innigen Umarmungen und unter

heißen Thränen von ihm Abschied genommen und sich sogar erboten, ihm mit

Gefahr seines eignen Lebens zur Flucht zu verhelfen.[28] Dieser große

Edelmann trug jetzt darauf an, daß ein Tag zur Berathung über die

Thronrede festgesetzt werden sollte. Auf der andren Seite wurde

behauptet, die Lords hätten sich durch ihr Dankvotum für die Thronrede

bereits jede Möglichkeit, Beschwerden dagegen zu erheben, abgeschnitten.

Aber dieser Einwand wurde von Halifax mit Verachtung zurückgewiesen.

»Solche Dankesbezeigungen«, sagte er mit dem sarkastischen Scherze,

durch den er sich auszeichnete, »schließen keine Billigung in sich. Wir

sind unsrem gnädigen Herrn und Gebieter stets dankbar, wenn er mit uns

zu sprechen geruht, und ganz besonders dankbar sind wir ihm, wenn er,

wie im vorliegenden Falle, gerade heraus spricht und uns offen sagt, was

wir zu gewärtigen haben«.[29]

[Anmerkung 28: +Burnet, I. 560+; +Funeral Sermon of the Duke of

Devonshire, preached by Kennet, 1708+; +Travels of Cosmo III. in

England.+]

[Anmerkung 29: +Bramston's Memoirs+. Burnet irrt sich sowohl in

der Zeit, wo diese Bemerkung gemacht wurde, als auch in der

Person, von der sie herrührt. In Halifax' Brief an einen Dissenter

findet sich eine interessante Anspielung auf diese Discussion.]

[_Der Bischof von London._] Doctor Heinrich Compton, Bischof von

London, sprach nachdrücklich zu Gunsten des Antrags. Obgleich dieser

Mann nicht mit ausgezeichneten Fähigkeiten begabt, noch in seinen

Berufswissenschaften gründlich bewandert war, so wurde er doch stets

mit Ehrerbietung von dem Hause angehört, denn er war einer der wenigen

Geistlichen jener Zeit, die sich adeligen Blutes rühmen konnten. Er

selbst und seine ganze Familie hatten ausgezeichnete Beweise ihrer

Loyalität gegeben. Sein Vater, der zweite Earl von Northumberland, hatte

für König Karl I. tapfer gefochten und war, von Parlamentssoldaten

umzingelt, mit dem Schwerte in der Hand gefallen, weil er sich weigerte,

Pardon zu geben oder anzunehmen. Der Bischof selbst hatte vor seiner

Ordination in der Garde gedient, und obgleich er sich im Allgemeinen

nach Kräften bemühte, die einem Prälaten ziemende Würde und Ruhe zu

bewahren, so zuckten doch gelegentlich einige Blitze seines

militairischen Geistes hervor. Er hatte die religiöse Erziehung der

beiden Prinzessinnen geleitet und diese wichtige Aufgabe in einer Weise

gelöst, die alle guten Protestanten zufrieden stellte und ihm einen

bedeutenden Einfluß auf die Gemüther seiner Zöglinge, namentlich der

Prinzessin Anna sicherte. Jetzt erklärte er, er sei ermächtigt, die

Gesinnung seiner Amtsbrüder auszusprechen und ihrer wie seiner eignen

Ansicht nach sei die ganze bürgerliche und kirchliche Verfassung des

Reiches in Gefahr.[30]

[Anmerkung 30: +Wood, Ath. Ox.+; +Gooch's Funeral Sermon on Bishop

Compton.+]

[_Viscount Mordaunt._] Eine der merkwürdigsten Reden jenes Tages wurde

von einem jungen Manne gehalten, dessen excentrische Laufbahn später

ganz Europa in Erstaunen setzen sollte. Es war Karl Mordaunt, Viscount

von Mordaunt, viele Jahre später weit und breit bekannt als Earl von

Peterborough. Er hatte schon zahlreiche Beweise seines Muthes, seiner

Befähigung und jener sonderbaren Verschrobenheit des Geistes gegeben,

durch welche sein Muth und seine Fähigkeiten für sein Vaterland völlig

nutzlos wurden. Schon hatte er sich als Schöngeist und Gelehrter, als

Soldat und als Seemann ausgezeichnet, und er hatte sich sogar

vorgenommen, mit Bourdaloue und Bossuet in die Schranken zu treten.

Obgleich ein erklärter Freidenker, hatte er doch auf der See ganze

Nächte durchwacht, um Predigten auszuarbeiten, und war nur mit großer

Mühe daran gehindert worden, die Mannschaft eines Kriegsschiffes durch

seine frommen Vorträge zu erbauen.[31] Er sprach jetzt zum ersten Male

mit der ihm eigenen Beredsamkeit, Lebhaftigkeit und Keckheit zu den

Lords. Er tadelte die Gemeinen, daß sie nicht kühner aufgetreten seien.

»Sie haben nicht den Muth gehabt, mit der Sprache herauszugehen,« sagte

er. »Sie haben von Besorgnissen und Mißtrauen gesprochen. Was haben

Besorgniß und Mißtrauen hiermit zu thun? Besorgniß und Mißtrauen sind

Gefühle, mit denen wir zukünftigen und noch ungewissen Übeln

entgegensehen. Das Übel aber, mit dem wir es hier zu thun haben, ist

weder ein zukünftiges, noch ein ungewisses. Ein stehendes Heer existirt,

und es ist von Papisten befehligt. Wir haben keinen auswärtigen Feind,

auch keinen Aufstand im Lande. Wozu wird also diese Streitmacht anders

unterhalten als zu dem Zwecke, unsere Gesetze umzustoßen und jene

Willkürherrschaft einzuführen, welche die Engländer mit Recht

verabscheuen?«[32]

Jeffreys sprach gegen den Antrag in der rohen und gemeinen Sprache, in

der er Meister war; aber er überzeugte sich bald, daß es nicht so leicht

war, die stolzen und mächtigen Barone Englands in ihrem eigenen Saale

einzuschüchtern, als Advokaten, deren Existenz von seiner Gunst abhing,

und Gefangene, deren Kopf in seiner Gewalt war, niederzudonnern. Ein

Mann, der sein ganzes Leben damit hingebracht hat, anzugreifen und zu

dominiren, spielt in der Regel eine jämmerliche Figur, wenn er mit

energischem Nachdruck angegriffen wird, mögen seine Talente und sein

Muth noch so groß sein, denn da er nicht gewohnt ist, sich vertheidigen

zu müssen, wird er verlegen, und das Bewußtsein, daß Alle, die er

gekränkt und beleidigt hat, sich über seine Verlegenheit freuen,

verwirrt ihn immer mehr. Jeffreys wurde jetzt zum ersten Male, seit er

ein großer Mann war, auf gleichem Fuße von Gegnern angegriffen, die ihn

nicht fürchteten. Zum allgemeinen Ergötzen sprang er plötzlich vom

höchsten Übermuth zur tiefsten Erniedrigung über und konnte sich nicht

enthalten, aus Wuth und Ärger zu weinen.[33] Es fehlte in der That

nichts zu seiner Demüthigung, denn das Haus war mit etwa hundert Peers

gefüllt, eine größere Anzahl, als selbst an dem hochwichtigen Tage der

Ausschließungsbill abgestimmt hatten. Auch der König war anwesend. Sein

Bruder pflegte seiner Zeit den Sitzungen der Lords zum Vergnügen

beizuwohnen und sagte oft, eine parlamentarische Debatte sei eben so

unterhaltend wie eine Komödie. Jakob kam jedoch nicht, um sich zu

amüsiren, sondern in der Hoffnung, daß die Discussion durch seine

Anwesenheit in den Schranken der Mäßigung zurückgehalten werden würde.

Er sah sich aber getäuscht. Das Haus sprach seine Meinung so kräftig

aus, daß die Höflinge nach einer überaus kühnen Schlußrede von Halifax

es nicht wagten, eine Abstimmung zu verlangen. Einer der nächsten Tage

wurde zur Erwägung der Thronrede festgesetzt und der Wunsch

ausgesprochen, daß jeder nicht zu weit von Westminster entfernt wohnende

Peer auf seinem Platze sein möchte.[34]

[Anmerkung 31: +Teonge's Diary.+]

[Anmerkung 32: Barillon giebt uns die beste Auskunft über diese

Debatte. Ich will seinen Bericht über Mordaunt's Rede hier im

Auszuge anführen. +»Milord Mordaunt, quoique jeune, parla avec

éloquence et avec force. Il dit que la question n'étoit pas

réduite, comme la Chambre des Communes le prétendoit, à guérir des

jalousies et défiances, qui avoient lieu dans les choses

incertaines; mais que ce qui se passoit ne l'étoit pas, qu'il y

avoit une armée sur pied qui subsistoit, et qui étoit remplie

d'officiers Catholiques, qui ne pouvoit être conservée, que pour

le renversement des loix, et que la subsistance de l'armée, quand

il n'y a aucune guerre ni au dedans ni au dehors, étoit

l'établissement du gouvernement arbitraire, pour lequel les

Anglois ont une aversion si bien fondée.«+]

[Anmerkung 33: Er war sehr leicht zu Thränen zu rühren. »Wenn er

kühn angegriffen wurde,« sagt der Verfasser der +Panegyric+, »kann

er sich der Thränen nicht enthalten.« An einer andren Stelle heißt

es: »Man spricht immer von seinem trotzigen und anmaßenden Wesen;

konnte ein so hochstehender Mann seine Demuth besser beweisen als

durch Weinen und Schluchzen?« In der Antwort auf die Lobrede wird

gesagt: »Der Umstand, daß er seine Thränen nicht zurückhalten

konnte, machte ihn unfähig zum Heuchler.«]

[Anmerkung 34: +Lords' Journals, Nov. 19. 1685+; Barillon, 23.

Nov. (3. Dec.); Holländische Depesche vom 20.(30.) Nov.;

+Luttrell's Diary, Nov. 19.+; +Burnet, I. 665.+ Halifax'

Schlußrede wird von dem Nuntius in seiner Depesche vom 16.(26.)

Nov. erwähnt. Etwa einen Monat später stellt Adda dem Talent

Halifax' ein glänzendes Zeugniß aus: +»Da questo uomo che ha gran

credito nel parlamento, e grande eloquenza, non si possono

attendere che fieri contradizioni, e nel partito Regio non vi è un

uomo da contrapporsi.«+ 21.(31.) Dec.]

[_Prorogation des Parlaments._] Am folgenden Morgen kam der König in

seinen Staatskleidern in das Haus der Lords. Der Thürsteher mit dem

schwarzen Stabe beschied die Gemeinen vor die Schranken und der Kanzler

kündigte ihnen an, daß das Parlament bis zum 10. Februar prorogirt

sei.[35] Die Mitglieder, welche gegen den Hof gestimmt hatten, wurden

aus dem Staatsdienste entlassen; Karl Fox ward seines Zahlmeisteramtes

enthoben; der Bischof von London hörte auf, Dechant der königlichen

Kapelle zu sein und wurde aus der Liste der Geheimen Räthe gestrichen.

Durch diese Prorogation wurde ein Prozeß von der höchsten Wichtigkeit

beendigt. Thomas Grey, Earl von Stamford, der Sprosse eines der

vornehmsten Häuser Englands, war unlängst unter einer auf Hochverrath

lautenden Anklage verhaftet und im Tower in strenges Gewahrsam gebracht

worden. Er war der Betheiligung an dem Ryehousecomplot angeklagt. Die

große Jury der City von London hatte die Anklage begründet gefunden und

sie vor die Schranken der Lords gebracht, der einzige Gerichtshof, bei

dem ein weltlicher Peer während der Parlamentssession wegen eines

Verbrechens, das über einem gewöhnlichen Vergehen steht, angeklagt

werden kann. Der 1. December war zur Verhandlung anberaumt und schon

Befehl gegeben, daß Westminster mit Sitzen und Behängen versehen werden

sollte. In Folge der Prorogation aber wurde dieser Prozeß auf

unbestimmte Zeit vertagt und Stamford erlangte bald seine Freiheit

wieder.[36]

Außerdem waren beim Schlusse der Session noch drei andere hochangesehene

Whigs in Haft. Karl Gerard, Lord Gerard von Bramdon, der älteste Sohn

des Earl von Macclesfield, Johann Hampden, Enkel des berühmten Führers

des Langen Parlaments, und Heinrich Booth, Lord Delamere. Gerard und

Hampden waren der Theilnahme an dem Ryehousecomplot, Delamere der

Unterstützung des Aufstandes im Westen angeklagt.

[Anmerkung 35: +Lords'+ und +Commons' Journals, Nov. 20. 1685.+]

[Anmerkung 36: +Lords' Journals. Nov. 11, 17, 18. 1685.+]

[_Prozeß Lord Gerard's und Hampden's._] Es war nicht die Absicht der

Regierung, Gerard oder Hampden mit dem Tode zu bestrafen. Grey hatte

sich Schonung ihres Lebens ausbedungen, ehe er einwilligte, als Zeuge

gegen sie aufzutreten.[37] Aber man hatte einen noch gewichtigeren

Grund, um Nachsicht gegen sie zu üben. Sie waren die Erben großer

Besitzungen, aber ihre Väter lebten noch. Der Hof konnte daher durch

Confiscation sehr wenig gewinnen, um so mehr aber durch Auflegung eines

Lösegeldes. Gerard wurde verhört, und nach den dürftigen Nachrichten,

welche auf uns gekommen sind, scheint er sich mit viel Geist und

Nachdruck vertheidigt zu haben. Er berief sich auf die Anstrengungen und

Opfer, die seine Familie zu Gunsten Karl's I. aufgewendet habe und

bewies, daß Rumsey durchaus keinen Glauben verdiene, da er Russell und

Cornish durch zwei ganz von einander abweichende Aussagen gemordet habe.

Die Jury gab nach einigem Zögern ihr »Schuldig« ab. Nach langer Haft

durfte Gerard sich loskaufen.[38] Hampden hatte die politische Meinung

und einen großen Theil der Fähigkeiten seines Großvaters geerbt, in

Betreff der Biederkeit und des Muthes aber, durch welche Letzterer sich

ausgezeichnet hatte, war er aus der Art geschlagen. Man ließ den

Gefangenen mit raffinirter Grausamkeit lange in quälender Ungewißheit,

um seine Familie zur Bezahlung einer großen Summe für seine Begnadigung

zu bewegen. Die beständige Todesangst hatte seinen Muth völlig

gebrochen, und als er vor den Schranken der Old Bailey erschien,

bekannte er sich nicht nur für schuldig, sondern entehrte auch seinen

berühmten Namen durch kriechende Unterwürfigkeit und demüthige Bitten.

Er versicherte, daß er in den Mordplan nicht eingeweiht gewesen sei,

gestand aber, daß er Revolutionsideen gehegt habe, äußerte tiefe Reue

über sein Vergehen, erflehte die Fürsprache der Richter und gelobte,

daß, wenn die königliche Gnade ihm zu Theil würde, er während seines

ganzen Lebens seine Dankbarkeit für diese große Güte an den Tag legen

wolle. Die Whigs waren empört über seinen Kleinmuth und erklärten laut,

daß er weit mehr Tadel verdiene als Grey, der, obgleich er als

Königszeuge aufgetreten sei, doch einen gewissen Anstand dabei

beobachtet habe. Hampden's Leben wurde geschont, aber seine Familie

bezahlte dem Kanzler mehrere Tausend Pfund, und einige Höflinge niederen

Ranges erpreßten kleinere Summen von ihm. Der unglückliche Mann hatte

noch Ehrgefühl genug, um die Erniedrigung, zu der er sich herabgelassen,

schmerzlich zu empfinden. Er überlebte den Tag seiner Schande mehrere

Jahre. Er lebte noch so lange, um seine Partei triumphiren zu sehen,

noch einmal ein einflußreiches Mitglied derselben zu werden, eine hohe

Stellung im Staate einzunehmen und seine Verfolger vor sich zittern zu

sehen. Aber sein Glück wurde durch eine quälende Erinnerung verbittert.

Er erlangte nie seinen heiteren Sinn wieder und starb endlich von seiner

eignen Hand.[39]

[Anmerkung 37: +Burnet, I. 646.+]

[Anmerkung 38: +Bramston's Memoirs+; +Luttrell's Diary.+]

[Anmerkung 39: Der Prozeß in der +Collection of State Trials+;

+Bramston's Memoirs+; +Burnet, I. 647+; +Lords' Journals, Dec. 20.

1689.+]

[_Delamere's Prozeß._] Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß Delamere

die königliche Gnade erlangt haben würde, wenn er ihrer bedurft hätte.

Soviel ist wenigstens gewiß, daß jeder Vortheil, den der Buchstabe des

Gesetzes der Regierung gewährte, ohne Bedenken und ohne Scham gegen ihn

benutzt wurde. Er befand sich in einer ganz andren Lage als Stamford.

Die Anklage gegen Letzteren war während der Parlamentssession vor die

Schranken der Lords gebracht worden und konnte daher vor dem

Wiederzusammentritt des Parlaments nicht weiter verfolgt werden; dann

konnten alle Peers ihre Stimmen abgeben, um sowohl über das Rechtliche

als über das Thatsächliche zu entscheiden. Delamere's Anklage aber war

erst nach der Prorogation als begründet erkannt worden.[40] Er stand

daher unter der Jurisdiction des Gerichtshofes des Lordgroßrichters.

Dieser Gerichtshof, welcher, so lange das Parlament nicht versammelt

ist, über alle von weltlichen Peers begangenen Kapitalverbrechen

(+treasons and felonies+) zu erkennen hat, war damals so

zusammengesetzt, daß kein Gefangener, der eines politischen Vergehens

angeklagt war, ein unparteiisches Urtel zu erwarten hatte. Der König

ernannte den Lordgroßrichter und dieser ernannte nach seinem Gutdünken

gewisse Peers, welche über ihren angeklagten Collegen richten sollten.

Die Zahl derselben war unbestimmt und eine Appellation gegen ihren

Ausspruch nicht statthaft. Eine einfache Majorität, vorausgesetzt, daß

sie aus zwölf Personen bestand, genügte zur Schuldigerklärung. Über die

Rechtsfrage entschied nur der Lordgroßrichter, und die beisitzenden

Lords bildeten eine bloße Jury, die über den Thatbestand zu entscheiden

hatte. Jeffreys wurde zum Lordgroßrichter ernannt. Er wählte dreißig

Peers und seine Wahl war für den Mann wie für seine Zeit bezeichnend.

Alle Dreißig waren entschiedene politische Gegner des Gefangenen.

Fünfzehn davon waren Regimentsobersten und konnten vom Könige nach

Belieben ihres einträglichen Commando's enthoben werden. Unter den

übrigen Fünfzehn befanden sich der Lordschatzmeister, der erste

Staatssekretär, der Obersthofmeister, der Haushofmeister, der Hauptmann

der königlichen Leibgarde, der Kammerherr der Königin und andere

Personen, welche durch starke Bande des Interesses an den Hof geknüpft

waren. Dessenungeachtet hatte Delamere einige große Vortheile über die

untergeordneteren Angeklagten, welche vor die Old Bailey gefordert

waren. Hier waren die Geschwornen heftige Parteigänger, welche von

höfischen Sheriffs auf einen Tag aus der Masse der Gesellschaft genommen

wurden, um sogleich darauf wieder unter dieser Masse zu verschwinden,

durch keine Rücksichten des Schamgefühls gebunden, und da sie wenig

daran gewöhnt waren, Beweise sorgfältig zu erwägen, so folgten sie

unbedenklich den Weisungen der Richter. Beim Gerichtshofe des

Lordgroßrichters dagegen war jeder beisitzende Lord ein Mann von einiger

Geschäftserfahrung. Jeder von ihnen nahm eine hohe Stellung in der

Gesellschaft ein, jeder mußte einzeln aufstehen und vor einem

zahlreichen Zuhörerkreise auf Ehre und Gewissen sein Urtheil abgeben,

und dieses Urtheil wurde mit seinem Namen versehen, der ganzen Welt

bekannt gemacht und lebte in der Geschichte fort. Dazu kam noch, daß,

obgleich die ausgewählten Adeligen sämmtlich Tories und fast

durchgehends öffentliche Beamte waren, doch schon viele von ihnen

angefangen hatten, mit Besorgniß die Schritte des Königs zu betrachten

und zu fürchten, daß sie wohl bald in den nämlichen Fall kommen könnten

wie Delamere.

Jeffreys benahm sich wie gewöhnlich übermüthig und ungerecht. Allerdings

hatte er einen alten Groll, der seinen Eifer aufstachelte. Er war

Oberrichter von Chester gewesen, als Delamere, damals Mr. Booth, diese

Grafschaft im Parlamente vertrat. Booth hatte sich bei den Gemeinen

bitter beschwert, daß die theuersten Interessen seiner Wähler einem

trunksüchtigen Narren anvertraut seien.[41] Der rachsüchtige Richter

schämte sich nun nicht, Kunstgriffe zu Hülfe zu nehmen, die selbst bei

einem gewöhnlichen Advokaten strafbar gewesen wären. Er erinnerte die

beisitzenden Lords in sehr bezeichnender Sprache daran, daß Delamere im

Parlamente sich der Verurtheilungsbill gegen Monmouth widersetzt habe,

eine Beschuldigung, die weder bewiesen war, noch bewiesen werden konnte.

Doch Jeffreys war nicht der Mann, der eine Versammlung von Peers

einschüchtern konnte, wie er gewöhnliche Geschworne einzuschüchtern

pflegte. Der Beweis für die Krone würde auf der Rundreise im Westen oder

in den Assisenverhandlungen der City wahrscheinlich für vollkommen

genügend erachtet worden sein, konnte aber nicht einen Augenblick

Männern imponiren wie Rochester, Godolphin und Churchill, die überdies

auch, bei allen ihren Fehlern, noch nicht so verdorben waren, daß sie

den einfachsten Regeln der Gerechtigkeit zuwider einen Nebenmenschen

hätten zum Tode verurtheilen können. Grey, Wade und Goodenough wurden

als Zeugen vorgeführt, konnten aber nur das wiederholen, was sie

Monmouth und Wildman's Emissären hatten sagen hören. Der Hauptzeuge für

die Anklage, ein Schurke, Namens Saxton, der an dem Aufstande Theil

genommen hatte, und sich jetzt bemühte, seine Begnadigung zu erlangen,

indem er gegen alle der Regierung mißliebige Personen eidliches Zeugniß

ablegte, war durch eine Menge unverwerflicher Beweise überführt, eine

Reihe von Lügen ausgesagt zu haben. Sämmtliche beisitzende Lords, von

Churchill an, der als jüngster Baron zuerst sprach, bis hinauf zu dem

Lordschatzmeister, erklärten bei ihrer Ehre, daß Delamere nicht schuldig

sei. Der Ernst und das Gepränge des ganzen Gerichtsverfahrens machte

selbst auf den Nuntius, der an die Ceremonien Roms gewöhnt war, welche

an Feierlichkeit und Glanz Alles übertreffen, was die übrige Welt

aufweisen kann, einen tiefen Eindruck.[42] Der König, welcher anwesend

war und gegen ein so offenbar gerechtes Urtheil nichts einwenden konnte,

gerieth in Wuth gegen Saxton und gelobte, daß der Schurke zuerst wegen

Meineids vor Westminsterhall an den Pranger gestellt und dann in den

Westen geschickt werden solle, um wegen Verraths gehängt, gcschleift und

geviertheilt zu werden.[43]

[Anmerkung 40: +Lords' Journals, Nov. 9, 10, 16. 1685.+]

[Anmerkung 41: Siehe über die Verderbtheit der Richter in Lord

Delamere's Werken, 1694.]

[Anmerkung 42: +»Fa una funzione piena di gravità, di ordine, e di

gran speciosità.«+ Adda vom 15.(25.) Jan. 1686.]

[Anmerkung 43: Der Prozeß in der +Collection of State Trials+.

Leeuwen, 15.(25.) und 19.(29.) Januar 1686.]

[_Eindruck seiner Freisprechung._] Die Freude des Publikums über

Delamere's Freisprechung war groß. Die Schreckensherrschaft war also

vorüber, die Unschuldigen begannen wieder freier zu athmen und die

falschen Ankläger zu zittern. Einen bei dieser Gelegenheit geschriebenen

Brief kann man kaum lesen, ohne zu Thränen gerührt zu werden. Russell's

Wittwe erfuhr in ihrer Abgeschiedenheit die frohe Nachricht mit

verschiedenartigen Gefühlen. »Ich danke Gott,« schrieb sie, »daß er dem

Blutvergießen in diesem unglücklichen Lande Einhalt gethan hat. Aber

während ich mich mit den Fröhlichen freuen sollte, suche ich einen

einsamen Winkel auf, um darin zu weinen. Ich fühle, daß ich keiner

Freude mehr fähig bin, denn jeder neue Umstand, und gerade die

Vergleichung meiner kummervollen Nacht nach solch' einem Tage, mit ihren

Tagen der Freude, zerreißt mein gebrochenes Herz, ich mag die Sache

betrachten, von welcher Seite ich will. Obwohl ich weit entfernt bin,

ihren Tagen ein Ende zu wünschen, wie das der meinigen, so kann ich doch

nicht umhin, es zuweilen zu beklagen, daß das meinige nicht war wie das

ihrige«.[44]

Jetzt trat ein entscheidender Wendepunkt ein. Der Tod Stafford's, den

das gemeine Volk, dessen Wuth er geopfert worden war, mit Äußerungen der

innigsten Theilnahme und Reue angesehen hatte, bezeichnet das Ende der

einen Proscription, die Freisprechung Delamere's bezeichnet das Ende der

andren. Die Verbrechen, welche Shaftesbury's stürmisches Tribunat

geschändet hatten, waren furchtbar gesühnt, das Blut unschuldiger

Papisten war mehr als zehnfältig durch das Blut eifriger Protestanten

gerächt. Auch eine andre große Reaction hatte begonnen. Die Parteien

erfuhren eine schnelle Umgestaltung, alte Verbündete trennten sich und

alte Feinde verbanden sich. Unzufriedenheit verbreitete sich rasch durch

alle Reihen der unlängst noch herrschenden Partei; eine allerdings noch

schwache und unbestimmte Hoffnung auf Sieg und Rache beseelte die andre,

welche kurz zuvor schon vernichtet zu sein schien. Unter solchen

Umständen ging das ereignißvolle und sturmbewegte Jahr 1685 zu Ende und

das Jahr 1686 begann.

[Anmerkung 44: Lady Russell an +Dr.+ Fitzwilliam vom 15. Jan.

1686.]

[_Parteien am Hofe._] Die Prorogation hatte den König von den sanften

Vorstellungen der beiden Häuser befreit, aber er mußte noch andere

Vorstellungen anhören, welche Ähnliches bezweckten, wenn sie auch in

einem noch vorsichtigeren und unterwürfigeren Tone ausgesprochen wurden.

Einige Männer, die ihm mit einem nur zu großen, ihrem eigenen Rufe wie

dem öffentlichen Wohle nachtheiligen Eifer gedient hatten, begannen von

schlimmen Ahnungen ergriffen zu werden und wagten es bei Gelegenheit,

einen kleinen Theil ihrer Gefühle schwach anzudeuten.

[_Stimmung der protestantischen Tories._] Seit vielen Jahren waren der

Eifer des englischen Tory für die erbliche Monarchie und sein Eifer für

die Staatskirche nebeneinander aufgewachsen und hatten sich gegenseitig

gekräftigt. Nie war es ihm in den Sinn gekommen, daß diese beiden

unzertrennlich und sogar identisch scheinenden Gefühle sich eines Tages

nicht nur als verschieden, sondern sogar als unverträglich erweisen

könnten. Seit dem Beginn des Streites zwischen den Stuarts und den

Gemeinen waren die Sache der Krone und die Sache der Hierarchie allem

Anscheine nach Eins gewesen. Die Kirche hatte Karl I. als ihren Märtyrer

betrachtet. Wenn Karl II. gegen sie complottirt hatte, so hatte er es

nur im Geheimen gethan. Öffentlich hatte er sich stets als ihren

dankbaren und ergebenen Sohn erklärt, hatte an ihren Altären gekniet und

es war ihm bei aller seiner Sittenlosigkeit gelungen, der großen Masse

ihrer Anhänger einzureden, daß er eine aufrichtige Vorliebe für sie

hege. Welche Kämpfe der ehrliche Kavalier daher auch gegen Whigs und

Rundköpfe zu bestehen gehabt hatte, er war bisher wenigstens nicht durch

Kämpfe in seiner eigenen Brust beunruhigt worden. Er hatte den Pfad der

Pflicht klar vor sich gesehen. Er mußte im Glück wie im Unglück der

Kirche und dem Könige treu bleiben. Wenn nun aber diese beiden erhabenen

und ehrwürdigen Mächte, welche bisher so eng mit einander verbunden zu

sein schienen, daß wer der einen treu war, der andren nicht untreu

werden konnte, durch tödtliche Feindschaft getrennt wurden, welchen Weg

sollte dann der orthodoxe Royalist gehen? Konnte es eine schwerere

Prüfung für ihn geben, als die ihm dann bevorstehende: zwischen zwei

gleich heiligen Pflichten, zwischen zwei gleich starken Sympathien hin

und her geworfen zu werden? Wie sollte er dem Kaiser geben was des

Kaisers war, ohne Gott einen Theil dessen zu entziehen, was Gottes war?

Wer diese Gefühle hegte, konnte den Streit zwischen dem Könige und dem

Parlamente in der Testfrage nicht ohne tiefe Betrübniß und düstere

Ahnungen verfolgt haben. Wenn Jakob wenigstens jetzt noch bewogen werden

konnte, sein Verfahren zu überlegen, die Häuser wieder einzuberufen und

sich ihren Wünschen zu fügen, so konnte noch Alles gut gehen.

Dies waren die Gedanken zweier Verwandten des Königs, der Earls von

Clarendon und von Rochester. Die Macht und die Gunst dieser beiden

Edelleute schienen in der That groß zu sein. Der jüngere Bruder war

Lordschatzmeister und Premierminister, der ältere war, nachdem er einige

Monate das Geheimsiegel verwahrt hatte, zum Lordlieutenant von Irland

ernannt worden. Der ehrwürdige Ormond trat auf die nämliche Seite.

Middleton und Preston, welche als Führer des Hauses der Gemeinen

neuerdings aus Erfahrung gelernt hatten, wie theuer die Staatskirche der

loyalen Gentry Englands war, stimmten ebenfalls für gemäßigte

Beschlüsse.

Gleich zu Anfang des neuen Jahres erfuhren diese Staatsmänner und die

große Partei, die sie repräsentirten, eine tiefe Kränkung. Daß der

verstorbene König im Herzen ein Katholik gewesen, war zwar seit einigen

Monaten vermuthet und leise angedeutet, aber doch noch nicht förmlich

angekündigt worden. Allerdings mußte diese Eröffnung auch großes

Ärgerniß erregen. Karl hatte sich unzählige Male für einen Protestanten

erklärt und hatte das Abendmahl stets von Bischöfen der Staatskirche

empfangen. Diejenigen Protestanten, die im Unglück treu zu ihm gehalten

und ihm noch immer ein liebevolles Andenken bewahrten, mußten mit Scham

und Unwillen erfüllt werden, wenn sie erfuhren, daß sein ganzes Leben

eine Lüge gewesen war, daß er, während er vorgab, ihrem Bunde

anzugehören, in Wirklichkeit sie als Ketzer betrachtete, und daß die

Demagogen, die ihn als einen verkappten Papisten dargestellt, die

Einzigen gewesen waren, die seinen Character richtig beurtheilt hatten.

Selbst Ludwig begriff den Stand der öffentlichen Meinung Englands

hinreichend, um einzusehen, daß die Enthüllung der Wahrheit schaden

könne und hatte daher aus eigenem Antriebe versprochen, Karl's Übertritt

streng geheim zu halten.[45] So lange Jakob's Macht noch neu war, hatte

er es für rathsam gehalten, in diesem Punkte vorsichtig zu sein, und es

nicht gewagt, seinen Bruder nach dem Gebrauche der römischen Kirche

begraben zu lassen. Eine Zeit lang stand es daher einem Jeden frei, zu

glauben, was er wollte. Die Papisten nahmen den verewigten Fürsten als

ihren Proselyten in Anspruch, die Whigs verwünschten ihn als einen

Heuchler und Renegaten, die Tories hielten das Gerücht von seinem Abfall

für eine Verleumdung, deren Verbreitung aus verschiedenen Gründen im

gemeinschaftlichen Interesse der Papisten und der Whigs lag.

[Anmerkung 45: Ludwig an Barillon, 10.(20.) Febr. 1685/86.]

[_Veröffentlichung hinterlassener Papiere Karl's II._] Jakob that nun

einen Schritt, der die ganze anglikanische Partei bestürzt machte. In

Karl's Cassette hatten sich zwei Aufsätze gefunden, in denen in

gedrängter Kürze die Gründe entwickelt waren, welche die Katholiken in

ihrer Polemik gegen die Protestanten geltend zu machen pflegten, und sie

waren als von Karl eigenhändig geschrieben erkannt worden. Diese Papiere

zeigte Jakob triumphirend mehreren Protestanten und erklärte, daß seines

Wissens sein Bruder als Katholik gelebt habe und gestorben sei.[46]

Einer der Männer, denen die Handschriften vorgelegt wurden, war der

Erzbischof Sancroft. Er las sie tief bewegt und sagte nichts. Dieses

Stillschweigen war einzig und allein die natürliche Wirkung eines

Kampfes zwischen Respect und Verdruß. Jakob aber glaubte, der Primas sei

vor der unwiderstehlichen Gewalt der angeführten Gründe verstummt und

forderte Se. Gnaden dringend auf, mit Hülfe der ganzen Bischofsbank eine

befriedigende Antwort zu entwerfen. »Legen Sie mir eine gründliche, in

schicklichem Tone gehaltene Antwort vor,« sagte er, »und sie kann die

von Ihnen so sehr gewünschte Wirkung haben, mich zum Übertritt in den

Schooß Ihrer Kirche zu bestimmen.« Der Erzbischof entgegnete gelassen,

daß seiner Meinung nach eine solche Antwort leicht zu schreiben sei,

lehnte aber die Polemik unter dem Vorwande der Ehrfurcht vor dem

Gedächtniß seines entschlafenen Gebieters ab. Diesen Grund hielt der

König für die Ausflucht eines geschlagenen Disputanten.[47] Wäre er mit

der polemischen Literatur der letzten hundertfünfzig Jahre vertraut

gewesen, so würde er gewußt haben, daß die Aufsätze, auf die er so

großes Gewicht legte, von jedem fünfzehnjährigen Knaben des Gymnasiums

von Douay hätten verfaßt werden können, und daß sie nichts enthielten,

was nach der Überzeugung aller protestantischen Geistlichen nicht schon

zehntausendmal widerlegt und entkräftet war. In seinem unwissenden

Enthusiasmus befahl er, daß diese Abhandlungen mit der prächtigsten

typographischen Ausstattung gedruckt werden sollten, und fügte

denselben, eine durch seine eigenhändige Unterschrift bekräftigte

Erklärung bei, daß die Originale von seines Bruders eigener Hand seien.

Er vertheilte die ganze Auflage unter seine Höflinge und unter die

geringeren Leute, die sich um seinen Wagen drängten. Ein Exemplar

schenkte er einem jungen Frauenzimmer niederen Standes, von der er

glaubte, daß sie seine religiöse Überzeugung theile, und versicherte

sie, daß sie durch die Lectüre höchlich erbaut und getröstet werden

würde. Zum Lohn für seine Güte überreichte sie ihm einige Tage darauf

einen Brief, durch den sie ihn beschwor, das mystische Babylon zu

verlassen und den Becher der Hurerei von seinen Lippen zu stoßen.[48]

[Anmerkung 46: +Evelyn's Diary, Oct. 2. 1685.+]

[Anmerkung 47: +Clarke's Life of James the Second, II. 9. Orig.

Mem.+]

[Anmerkung 48: Leeuwen, vom 1.(11.) und 12.(22.) Jan. 1686. So

lang und abgeschmackt der Brief auch war, hielt man ihn doch für

werth, als ein Zeichen der Zeit den Generalstaaten übersandt zu

werden.]

[_Stimmung der achtungswerthen Katholiken._] Diese Dinge machten die der

Staatskirche angehörenden Tories sehr besorgt; nicht weniger unzufrieden

damit war der achtungswerthere Theil des katholischen Adels. Es wäre in

der That zu entschuldigen gewesen, wenn die Leidenschaft sie bei dieser

Gelegenheit taub gemacht hätte gegen die Stimme der Klugheit und

Gerechtigkeit, denn sie hatten viel gelitten. Die Eifersucht der

Protestanten hatte sie des Ranges entsetzt, zu dem sie geboren waren,

hatte den Erben von Baronen, welche die Magna Charta unterzeichnet die

Thüren des Parlamentshauses verschlossen, hatte das Commando über eine

Compagnie Infanterie als einen zu hohen Posten für die Nachkommen von

Generälen erklärt, welche bei Flodden und Saint-Quentin gesiegt hatten.

Es gab kaum einen dem alten Glauben anhängenden vornehmen Peer, dessen

Ehre, Vermögen und Leben nicht in Gefahr gewesen wäre, der nicht Monate

lang im Tower zugebracht, der nicht oft das Schicksal Stafford's für

sich selbst gefürchtet hätte. Männern, die so lange und so herzlos

unterdrückt worden waren, hätte man es wohl verzeihen können, wenn sie

die erste Gelegenheit, um zu gleicher Zeit Ansehen zu erlangen und Rache

zu üben, begierig ergriffen hätten. Aber weder Fanatismus, noch Ehrgeiz,

weder der Groll wegen früher erlittenen Unrechts, noch der durch

plötzliches Glück verursachte Rausch konnte den ausgezeichnetsten

Katholiken die Einsicht nehmen, daß das Glück, dessen sie sich endlich

erfreuten, nur vorübergehend war und daß es ihnen verderblich werden

könnte, wenn sie nicht einen weisen Gebrauch davon machten. Schmerzliche

Erfahrungen hatten sie belehrt, daß die Abneigung der Nation gegen ihren

Glauben nicht eine bloße Laune sei, die der Befehl eines Fürsten

vertreiben könne, sondern vielmehr ein tiefwurzelndes Gefühl, das

Erzeugniß von fünf Generationen, durch alle Klassen und Parteien

verbreitet und mit den Grundsätzen der Tories nicht minder eng

verflochten, als mit denen der Whigs. Allerdings lag es in der Macht des

Königs, durch Ausübung seines Begnadigungsrechts die Wirkung des

Strafgesetzes zu suspendiren. Es konnte ihm durch behutsames Verfahren

mit der Zeit gelingen, vom Parlamente die Aufhebung der Gesetze zu

erwirken, welche die Bekenner seines Glaubens für nicht zulässig zu

öffentlichen Ämtern erklärten. Aber wenn er es versuchte, die

protestantische Gesinnung Englands durch rohe Gewaltmittel zu ersticken,

so ließ sich leicht voraussehen, daß dem heftigen Drucke auf eine so

starke und elastische Feder ein eben so heftiger Rückschlag folgen

werde. Durch voreilige Versuche, den Weg in den Geheimen Rath und in das

Haus der Lords zu erzwingen, konnten die katholischen Peers ihre

Schlösser und ihre großen Besitzungen verlieren und in die Lage kommen,

daß sie ihr Leben als Verräther auf Towerhill oder als Bettler an den

Thüren italienischer Klöster enden mußten.

So dachte Wilhelm Herbert, Earl von Powis, welcher damals allgemein als

das Haupt der römisch-katholischen Aristokratie betrachtet wurde und

der, nach Oates' Aussage, für den Fall des Gelingens der papistischen

Verschwörung zum Premierminister bestimmt war. Johann Lord Bellasyse

hatte ganz die nämliche Ansicht von der Sache. Er hatte in seiner Jugend

tapfer für Karl I. gefochten, war nach der Restauration mit hohen

Ehrenstellen und Commandos belohnt worden und hatte diese nach Erlassung

der Testacte niedergelegt. Mit diesen ausgezeichneten Führern stimmten

alle vornehmsten und reichsten Mitglieder ihrer Kirche überein,

ausgenommen Lord Arundell von Wardour, ein alter Mann, der schon anfing

kindisch zu werden.

[_Cabale heftiger Katholiken._] Es gab jedoch am Hofe eine kleine Anzahl

Katholiken, an deren Herzen vergangene Unbill nagte, denen ihre

neuerliche Erhebung den Kopf verrückt hatte, die es nicht erwarten

konnten, die höchsten Ehrenstufen im Staate zu erklimmen und denen der

Gedanke an einen Tag der Wiedervergeltung wenig Sorge machte, da sie

nicht viel zu verlieren hatten.

[_Castelmaine._] Einer von diesen war Roger Palmer, Earl von Castelmaine

in Irland, Gemahl der Herzogin von Cleveland. Es war notorisch, daß er

seinen Titel mit seiner eignen und seiner Gemahlin Entehrung erkauft

hatte. Er besaß nur ein unbedeutendes Vermögen und sein von Natur

unfreundlicher Character war durch häusliche Zwistigkeiten, durch

öffentliche Vorwürfe und durch die in den Tagen des papistischen

Complots erduldeten Leiden noch mehr verbittert worden. Nachdem er lange

in Gefangenschaft zugebracht, war ihm endlich der Prozeß auf Tod und

Leben gemacht worden. Zu seinem Glück wurde er erst als die Wuth des

Volks sich einigermaßen gelegt hatte und der Credit der falschen Zeugen

erschüttert war, vor Gericht gestellt. So war er mit knapper Noth dem

Tode entgangen.[49]

[Anmerkung 49: Siehe seinen Prozeß in der +Collection of State

Trials+ und sein 1681 gedrucktes merkwürdiges Manifest.]

[_Jermyn._] Mit Castelmaine eng befreundet war einer der bevorzugtesten

von den hundert Liebhabern seiner Frau, Heinrich Jermyn, den Jakob

kürzlich mit dem Titel Lord Dover zum Peer erhoben hatte. Jermyn hatte

sich vor mehr als zwanzig Jahren durch seine Liebeshändel und

verzweifelten Duelle ausgezeichnet, war jetzt durch das Spiel zu Grunde

gerichtet und strebte eifrig danach, seinen zerrütteten Finanzen durch

einträgliche Stellen, von denen ihn das Gesetz ausschloß, wieder

aufzuhelfen.[50]

[Anmerkung 50: +Mémoires de Grammont+; +Pepys's Diary, Aug. 19.

1662+; Bonrepaux an Seignelay, 1.(11.) Febr. 1686.]

[_White._] Zu der nämlichen Partei gehörte ein ränkevoller

unternehmender Irländer, Namens White, der viel im Auslande zugebracht,

dem Hause Österreich als ein Zwitterding von Gesandten und Spion gedient

hatte und für seine Dienste mit dem Titel eines Marquis von Albeville

belohnt worden war.[51]

[Anmerkung 51: Bonrepaux an Seignelay, 1.(11.) Febr. 1686.]

[_Tyrconnel._] Bald nach der Prorogation erhielt diese verwegene Partei

eine wichtige Verstärkung. Richard Talbot, Earl von Tyrconnel, der

Heftigste und Unbeugsamste von Allen, welche die Freiheiten und die

Religion Englands haßten, kam von Dublin am Hofe an. Talbot stammte aus

einer alten normännischen Familie, die lange in Leinster ansässig

gewesen, dort in Verfall gerathen war, die Sitten der Celten angenommen

hatte, gleich diesen der alten Religion anhing und sich bei dem

Aufstande von 1641 denselben angeschlossen hatte. In seiner Jugend war

er einer der bekanntesten Schwindler und Raufbolde Londons gewesen. Als

Karl und Jakob in Flandern in der Verbannung lebten, war er ihnen als

ein Mann vorgestellt worden, der zu dem abscheulichen Dienste, den

Protector zu ermorden, geschickt und bereit war. Bald nach der

Restauration versuchte es Talbot, durch einen noch schändlicheren Dienst

die Gunst der königlichen Familie zu erlangen. Man bedurfte eines

Vorwandes, um den Herzog von York deshalb zu rechtfertigen, daß er das

Eheversprechen brach, durch welches er von Anna Hyde den höchsten Beweis

von weiblicher Liebe erlangt hatte. Talbot unternahm es in Verbindung

mit einigen seiner ausschweifenden Genossen, einen solchen Vorwand zu

liefern. Es wurde verabredet, die junge Dame als ein Geschöpf ohne

Tugend, Scham und Ehrgefühl darzustellen und einen langen Roman von

zärtlichen Zusammenkünften und heimlichen Gunstbezeigungen zu erdichten.

Talbot insbesondere erzählte, wie er bei einem seiner heimlichen Besuche

so unglücklich gewesen sei, das Dintenfaß des Kanzlers über einen Stoß

von Papieren zu schütten und wie geschickt sie der Entdeckung dadurch

vorgebeugt habe, daß sie die Schuld an dem Unfalle auf ihren Affen

schob. Diese Geschichten, die, selbst wenn sie wahr gewesen wären, nur

über die Lippen des gemeinsten Menschen hätten kommen können, waren

reine Erfindungen. Talbot war auch bald genöthigt, dies einzugestehen,

und er that es ohne zu erröthen. Die verleumdete Dame wurde Herzogin von

York. Wäre ihr Gemahl ein wirklich rechtschaffener und ehrenwerther Mann

gewesen, so würde er die Schurken, die sie verleumdet hatten, mit

Entrüstung und Verachtung aus seiner Nähe verbannt haben. Aber es war

eine characteristische Eigenheit Jakob's, daß er eine auch noch so

schändliche und gemeine Handlung nicht für verwerflich hielt, wenn sie

in der Absicht begangen war, seine Gunst zu gewinnen. Talbot hatte nach

wie vor Zutritt bei Hofe, erschien täglich mit frecher Stirn vor der

Fürstin, die er hatte ins Verderben stürzen wollen und erhielt bald den

einträglichen Posten eines Hauptkupplers ihres Gemahls. Nicht lange

darauf wurde Whitehall plötzlich durch die Nachricht erschreckt, daß

Dick Talbot, wie er gewöhnlich genannt wurde, einen Plan zur Ermordung

des Herzogs von Ormond geschmiedet habe. Der Bravo wurde in den Tower

geschickt, aber schon nach wenigen Tagen stolzirte er wieder in den

Galerien umher und beförderte Briefchen zwischen seinem Gebieter und den

schamlosesten Hoffräuleins. Vergebens drangen ergraute und besonnene

Rathgeber in die königlichen Brüder, diesen abscheulichen Menschen nicht

zu begünstigen, dessen einzige Empfehlung sein einnehmendes Äußere und

sein guter Geschmack in der Kleidung sei; Talbot war nicht nur

willkommen im Palaste, wenn die Flasche oder der Würfelbecher die Runde

machten, sondern er wurde auch in Staatsangelegenheiten aufmerksam

angehört. Er spielte die Rolle eines irischen Patrioten und vertheidigte

mit großer Unverschämtheit und zuweilen mit Erfolg die Sache seiner

Landsleute, deren Vermögen confiscirt worden war, ließ sich aber

jederzeit seine Dienste gut bezahlen und erwarb sich theils durch den

Handel mit seinem Einflusse, theils durch das Spiel, theils durch

Kuppelei ein Vermögen von dreitausend Pfund jährlicher Einkünfte. Denn

unter dem äußeren Scheine des Leichtsinns, der Verschwendung, der

Sorglosigkeit und der maßlosesten Unverschämtheit, war er der feilste

und schlaueste Mensch, den es geben konnte. Jetzt war er nicht mehr jung

und büßte mit schweren körperlichen Leiden die Ausschweifungen seiner

Jugend; aber weder Alter noch Krankheit hatten eine wesentliche Änderung

in seinem Character und in seinen Sitten hervorgebracht. So oft er den

Mund öffnete, tobte, fluchte und schwur er noch immer mit so rasender

Heftigkeit, daß flüchtige Beobachter ihn für den unbändigsten Wüstling

hielten. Der große Haufe begriff nicht, daß ein Mann, der selbst im

nüchternen Zustande sich prahlerischer und wüthender geberdete, als

Andere in der Trunkenheit, und der vollkommen unfähig zu sein schien,

irgend eine Gefühlsregung zu verbergen oder ein Geheimniß zu bewahren,

in der Wirklichkeit ein kaltherziger, weitsehender und wohlberechnender

Speichellecker sein könne. Gleichwohl war Talbot solch ein Mensch. Seine

Heuchelei war von weit höherer und seltenerer Art als die, welche in

Barebone's Parlament florirt hatte. Denn nicht Derjenige ist ein

vollendeter Heuchler, der seine Lasterhaftigkeit hinter einem Schein von

Tugend zu verbergen weiß, sondern Der, welcher das Laster, das er sich

nicht scheut offen zur Schau zu tragen, als Larve zur Verhüllung

schwärzerer und einträglicherer Laster benutzt, welche zu verbergen in

seinem Interesse liegt.

Nachdem Talbot von Jakob zum Earl von Tyrconnel erhoben war, hatte er

während der neun Monate zwischen dem Tode Karl's und dem Beginn der

Lordstatthalterschaft Clarendon's die Truppen in Irland befehligt. Als

der neue Lordlieutenant im Begriff war, sich von London nach Dublin zu

begeben, wurde der General von Dublin nach London berufen. Dick Talbot

war lange Zeit wohlbekannt gewesen auf dem ganzen Wege, den er

zurückzulegen hatte; es gab zwischen Chester und der Hauptstadt kein

Gasthaus, in welchem er nicht Händel gehabt hätte. Wohin er kam, preßte

er dem Gesetze zum Hohn Pferde, fluchte über die Köche und Postillone,

und veranlaßte durch seine unverschämten Rodomontaden fast Aufläufe. Die

Reformation, sagte er zu dem Volke, habe Alles ruinirt, aber es würden

schon wieder gute Zeiten kommen, die Katholiken würden bald wieder

obenauf sein und dann sollten die Ketzer für Alles bezahlen. So

unaufhörlich tobend und lästernd wie ein Besessener kam er am Hofe

an.[52] Sobald er angelangt war, verband er sich auf das Engste mit

Castelmaine, Dover und Aldeville. Diese Leute schrieen einstimmig nach

Krieg gegen die Kirchen- und Staatsverfassung. Sie sagten ihrem

Gebieter, daß er es seiner Religion und der Würde seiner Krone schuldig

sei, sich durch das Geschrei der ketzerischen Demagogen nicht irre

machen zu lassen und dem Parlament gleich anfangs zu verstehen zu geben,

daß er trotz aller Opposition der Herr zu bleiben gedenke und die

Opposition nichts Andres bewirken werde, als ihn zu einem harten Herrn

zu machen.

[Anmerkung 52: +Mémoires de Grammont+; +Life of Edward, Earl of

Clarendon+; Correspondenz Heinrich's Earl von Clarendon an

mehreren Stellen, besonders der Brief vom 29. Dec. 1685; Sheridan

Mspte. unter den Stuart-Papieren; Ellis' Correspondenz vom 12.

Jan. 1686.]

[_Gesinnung der fremden Gesandten._] Jede der beiden Parteien, in die

der Hof gespalten war, hatte eifrige ausländische Verbündete. Die

Gesandten Spaniens, des deutschen Reichs und der Generalstaaten waren

jetzt eben so eifrig bemüht, Rochester zu unterstützen, wie sie früher

Halifax unterstützt hatten. Barillon bot seinen ganzen Einfluß in

entgegengesetzter Richtung auf, und er wurde darin von einem im Range

unter ihm stehenden, in Talenten aber ihm weit überlegenen andren

französischen Agenten unterstützt: von Bonrepaux. Barillon war zwar

nicht ohne diplomatische Befähigung und besaß in hohem Grade die

Liebenswürdigkeit und die feine Bildung, durch die sich der damalige

französische Adel auszeichnete. Aber sein Verstand war den Anforderungen

seines wichtigen Postens nicht gewachsen. Er war phlegmatisch und bequem

geworden, liebte gesellige Vergnügungen und Tafelfreuden mehr als die

Geschäfte und entwickelte bei wichtigen Vorgängen gewöhnlich erst dann

eine energische Thätigkeit, wenn er Ermahnungen und selbst Verweise aus

Versailles erhalten hatte.[53] Bonrepaux hatte sich durch die Umsicht

und Thätigkeit, die er als Sekretär bei der Marineverwaltung gezeigt,

aus der Dunkelheit emporgeschwungen und er galt für eingeweiht in die

Geheimnisse der Handelspolitik. Zu Ende des Jahres 1685 wurde er mit

mehreren besonderen Aufträgen von hoher Wichtigkeit nach London

geschickt. Er sollte einen Handelsvertrag anbahnen, sollte den Zustand

der englischen Flotten und Werfte ermitteln und darüber berichten, und

endlich den hugenottischen Flüchtlingen, von denen man voraussetzte, sie

würden durch Mangel und Verbannung so zahm geworden sein, daß sie fast

jede Bedingung der Wiederaussöhnung dankbar annehmen würden, gewisse

Vorschläge machen. Der neue Gesandte war plebejischen Ursprungs, seine

Gestalt war zwergartig, sein Gesicht lächerlich häßlich und sein Dialect

der seiner gascognischen Heimath; aber sein heller Verstand, sein

seltener Scharfblick und sein witziger Geist befähigten ihn ganz

vorzüglich für seinen Posten. Trotz seiner niederen Herkunft und seines

abstoßenden Äußeren war er sehr bald als ein höchst angenehmer

Gesellschafter und gewandter Diplomat bekannt. Während er mit der

Herzogin von Mazarin scherzte, mit Waller und St. Evremond

wissenschaftliche Fragen erörterte und mit La Fontaine correspondirte,

wußte er sich eine genaue Kenntniß der englischen Staatsangelegenheiten

zu erwerben. Seine Geschicklichkeit im Seewesen empfahl ihn Jakob, der

schon seit vielen Jahren den Geschäften der Admiralität eine große

Aufmerksamkeit zugewendet hatte und diese Geschäfte so gut verstand, als

er überhaupt etwas zu verstehen fähig war. Sie unterhielten sich Tag für

Tag offen über den Zustand der Schiffe und der Werfte. Das Resultat

dieses intimen Verkehrs war, wie es sich erwarten ließ, daß der kluge

und wachsame Franzose Jakob's Fähigkeiten und Character gründlich

verachten lernte. Er sagte, die Welt habe seine Großbritannische

Majestät weit überschätzt, denn sie besitze weniger Befähigung und nicht

mehr Tugenden als Karl.[54]

Obgleich die beiden Gesandten Ludwig's den nämlichen Zweck verfolgten,

so schlugen sie doch wohlweislich verschiedene Wege ein. Sie theilten

sich in den Hof; Bonrepaux verkehrte hauptsächlich mit Rochester und

dessen Umgebungen, Barillon stand namentlich mit der entgegengesetzten

Partei in Verbindung. Die Folge davon war, daß sie zuweilen das nämliche

Ereigniß von verschiedenen Gesichtspunkten betrachteten. Die besten

Aufschlüsse, die es über den Streit giebt, welcher damals Whitehall

bewegte, findet man in ihren Depeschen.

[Anmerkung 53: Siehe seine spätere Correspondenz an mehreren

Stellen; St. Evremond desgl.; die Briefe der Frau von Sévigné zu

Anfang des Jahres 1689. Auch vergleiche man die Instructionen für

Tallard nach dem Frieden von Ryswick, in den französischen

Archiven.]

[Anmerkung 54: Memoiren St. Simon's, 1697, 1719; St. Evremond; La

Fontaine; Bonrepaux an Seignelay, 28. Jan. (7. Febr.) und 8.(18.)

Febr. 1686.]

[_Spaltung zwischen dem Papste und der Gesellschaft Jesu._] Wie jede der

beiden Parteien am Hofe Jakobs an auswärtigen Fürsten eine Stütze hatte,

so wurde auch jede von ihnen durch eine kirchliche Autorität, vor der

Jakob große Achtung hatte, unterstützt. Der Papst war für ein

gesetzliches und gemäßigtes Verfahren und die Organe seiner Ansichten

waren der Nuntius und der apostolische Vikar.[55] Auf der andren Seite

stand eine Körperschaft, deren Gewicht sogar dem Gewichte des Papstthums

gleichkam: der mächtige Jesuitenorden.

Daß sich bei dieser Gelegenheit diese beiden großen geistlichen Mächte,

welche einst untrennbar verbunden zu sein schienen, feindlich

gegenüberstanden, ist ein sehr wichtiger und bemerkenswerther Umstand.

Während eines Zeitraums von mehr als tausend Jahren war die

Ordensgeistlichkeit die Hauptstütze des heiligen Stuhles gewesen. Dieser

Stuhl hatte sie gegen bischöfliche Einmischung beschützt und den ihnen

gewährten Schutz hatten sie reichlich vergolten. Ohne ihre Anstrengungen

wäre der Bischof von Rom wahrscheinlich nur das Ehrenoberhaupt einer

großen Prälaten-Aristokratie gewesen. Mit Hülfe der Benedictiner war

Gregor VII. im Stande, zu gleicher Zeit die fränkischen Kaiser und die

weltliche Priesterschaft zu bekämpfen. Mit Hülfe der Dominikaner und

Franziskaner vernichtete Innocenz III. die albigensischen Sectirer.

[Anmerkung 55: Adda, 16.(26.) Nov., 7.(17.) Dec. und 21.(31.) Dec.

1685. Adda giebt in diesen Depeschen gewichtige Gründe für einen

Vergleich durch Abschaffung der Strafgesetze und Beibehaltung des

Eides. Er nennt den Streit mit dem Parlamente eine +»gran

disgrazia«+, und deutet wiederholt an, der König habe durch ein

verfassungsgemäßes Verfahren für die Katholiken viel erlangen

können, der Versuch aber, ihre Lage durch gesetzwidrige Mittel zu

verbessern, werde wahrscheinlich großes Unheil über sie bringen.]

[_Der Jesuitenorden._] Im sechzehnten Jahrhundert wurde das Papstthum,

das damals von neuen und furchtbareren Gefahren als je zuvor bedroht

war, durch einen neuen religiösen Orden gerettet, der mit glühender

Begeisterung erfüllt und mit außerordentlichem Geschick organisirt war.

Als die Jesuiten zur Rettung des Papstthums erschienen, schwebte es in

der größten Gefahr, aber von diesem Augenblicke an wendete sich das

Glück. Der Protestantismus, der während eines ganzen Menschenalters

Alles mit sich fortgerissen hatte, wurde in seinem Fortschreiten

gehemmt, und mit reißender Schnelligkeit vom Fuße der Alpen bis an die

Küsten der Ostsee zurückgetrieben. Der Orden bestand noch keine hundert

Jahre, so hatte er schon die ganze Welt mit Denkmalen großer Thaten und

Leiden für den Glauben erfüllt. Keine religiöse Gemeinschaft konnte eine

Liste so mannigfach ausgezeichneter Männer aufweisen, keine andre hatte

das Feld ihrer Thätigkeit zu solchem Umfange erweitert und doch hatte in

keiner jemals eine so vollkommene Einheit des Denkens und Handelns

geherrscht. Es gab keine Gegend des Erdballs, kein Gebiet des

wissenschaftlichen oder praktischen Lebens, auf dem nicht Jesuiten zu

finden waren. Sie leiteten die Beschlüsse der Könige; sie entzifferten

lateinische Inschriften; sie beobachteten die Bahnen der Trabanten des

Jupiter; sie gaben ganze Bibliotheken heraus: Polemik, Casuistik,

Geschichte, Werke über Optik, alcäische Oden, Ausgaben der Kirchenväter,

Madrigals, Katechismen und Libelle. Die höhere Erziehung der Jugend fiel

fast ausschließlich in ihre Hände und wurde von ihnen mit

ausgezeichnetem Geschick geleitet. Sie hatten genau den Punkt entdeckt,

bis zu welchem man mit der geistlichen Bildung gehen kann, ohne geistige

Emancipation fürchten zu müssen. Selbst ihre Feinde mußten zugestehen,

daß sie in der Kunst, das jugendliche Gemüth zu leiten und zu bilden

nicht ihres Gleichen hatten. Daneben pflegten sie auch mit großem Eifer

und Erfolg die Kanzelberedtsamkeit. Mit noch größerem Eifer und noch

größerem Erfolge aber widmeten sie sich dem Dienste des Beichtstuhls.

Durch das ganze katholische Europa waren sie im Besitz der Geheimnisse

jeder Regierung und fast jeder hochstehenden Familie. Unter zahllosen

Gestalten, als elegante Kavaliere, als einfache Landleute und als

puritanische Prediger, schlichen sie aus einem protestantischen Lande in

das andre. Sie wanderten nach Ländern, zu deren Erforschung weder

merkantilische Habsucht noch wissenschaftliche Neugierde je einen

Fremden veranlaßt hatte. Man fand sie in Mandarinentracht in Peking als

Aufseher der Sternwarte; man fand sie mit dem Spaten in der Hand in

Paraguay, wo sie den Wilden in den Anfangsgründen des Ackerbaues

unterrichteten. Doch wo sie auch sein und was sie auch treiben mochten,

ihr Geist war stets und überall der nämliche: unbegrenzte Hingebung für

die gemeinsame Sache und unbedingter Gehorsam gegen die Centralgewalt.

Keiner von ihnen hatte seinen Aufenthaltsort oder seinen Beruf selbst

gewählt. Ob der Jesuit unter dem Polarkreis oder unter dem Äquator

leben, ob er seine Tage damit hinbringen sollte, im Vatikan Gemmen zu

ordnen und Handschriften zu vergleichen, oder damit, die Wilden der

südlichen Hemisphäre zu bitten, daß sie einander nicht auffressen

mochten, dies waren Fragen, deren Entscheidung er mit tiefster

Unterwürfigkeit Anderen überließ. Brauchte man ihn in Lima, so schwamm

er mit der nächsten Flotte auf dem Atlantischen Meere; wurde er in

Bagdad gebraucht, so watete er mit der nächsten Karawane durch den Sand

der Wüste. Bedurfte man seiner Dienste in einem Lande, wo sein Leben

unsicherer war als das eines Wolfes, wo es ein Verbrechen war, ihn zu

beherbergen, und wo die auf den öffentlichen Plätzen aufgesteckten Köpfe

und Glieder seiner Brüder ihm sagten, was er zu gewärtigen habe, so ging

er ohne Murren und ohne Zaudern seinem Schicksale entgegen. Dieser

heldenmüthige Geist der Aufopferung ist noch jetzt nicht erloschen. Als

in unseren Tagen eine neue und furchtbare Seuche die Runde um die Welt

machte, als in mehreren großen Städten die Furcht alle Bande, die eine

Gesellschaft zusammenhalten, zerrissen, als die weltlichen Geistlichen

ihre Heerden verlassen hatten, als ärztlicher Verstand nicht mit Geld zu

erkaufen war und selbst die stärksten natürlichen Neigungen der Liebe

zum Leben gewichen waren, fand man den Jesuiten an dem Krankenlager, das

Bischof und Pfarrer, Arzt und Wärterin, Vater und Mutter verlassen

hatten, zu den verpesteten Lippen herabgeneigt, um den schwachen Hauch

der letzten Beichte zu erhaschen und dem verscheidenden bußfertigen

Sünder das Bild des sterbenden Erlösers bis zum letzten Augenblicke

vorzuhalten.

Aber mit der der Gesellschaft Jesu eigenen bewundernswerthen Energie,

Uneigennützigkeit und Selbstverleugnung waren große Fehler vermischt. Es

wurde, und nicht ohne Grund, behauptet, daß der glühende Gemeinsinn, der

den Jesuiten gleichgültig gegen seine Ruhe, seine Freiheit und sein

Leben machte, ihn auch eben so gleichgültig gegen Wahrheit und Mitleid

mache, daß kein Mittel ihm unerlaubt scheine, wenn es das Interesse

seiner Religion fördern konnte, und daß er unter dem Interesse seiner

Religion nur zu oft das Interesse seines Ordens verstehe. Es wurde

behauptet, daß seine Mitwirkung bei den abscheulichsten Intriguen und

Verschwörungen, von denen die Geschichte erzählt, deutlich zu erkennen

sei, daß er, nur in der Anhänglichkeit an seine Gesellschaft

unwandelbar, in manchen Ländern der gefährlichste Feind der Freiheit, in

anderen der gefährlichste Feind der Ordnung gewesen sei. Die großen

Siege, die er in der Sache der Kirche errungen zu haben sich rühmte,

waren nach der Meinung vieler ausgezeichneter Mitglieder dieser Kirche

mehr scheinbar als wirklich. Er hatte sich zwar mit anscheinend

wundervollem Erfolge bemüht, die Welt ihren Gesetzen zu unterwerfen,

aber indem er dies gethan, hatte er zugleich die Gesetze gelockert, um

sie dem Geiste der Welt anzupassen. Anstatt sich zu bestreben, die

menschliche Natur auf die hohe, durch göttliche Lehre und göttliches

Beispiel bezeichnete Stufe zu erheben, hatte er diese Stufe erniedrigt,

bis sie sich unter dem Durchschnittsniveau der menschlichen Natur

befand. Er prahlte mit Massen von Bekehrten, welche in den fernen

Gegenden des Ostens getauft worden waren; aber es wurde berichtet, daß

Vielen dieser Bekehrten die Facta, auf die sich die ganze Glaubenslehre

des Evangeliums gründet, arglistig verschwiegen worden seien und daß

Andere sich dadurch vor Verfolgung schützen könnten, daß sie vor den

Bildern falscher Götter niederknieten, während sie im Stillen

Paternosters und Ave-Marias beteten. Und solche Kunstgriffe sollten

nicht blos in heidnischen Ländern angewendet worden sein. Es war kein

Wunder, daß Leute aller Stände, und besonders die der höchsten, sich zu

den Beichtstühlen der jesuitischen Tempel drängten, denn Niemand verließ

diese Beichtstühle unbefriedigt. Hier war Allen der Priester Alles. Er

zeigte eben nur so viel Strenge, damit die vor seinem geistlichen

Richterstuhle Knieenden nicht in eine Dominikaner- oder

Franziskanerkirche getrieben wurden. Wenn er ein wahrhaft frommes Gemüth

vor sich hatte, sprach er in dem heiligen Tone der ersten Kirchenväter;

aber bei dem sehr großen Theile der Menschen, welche Religion genug

haben, damit sie sich ängstigen, wenn sie etwas Böses gethan haben, aber

nicht genug, um das Böse zu meiden, befolgte er ein ganz andres System.

Da er sie nicht von der Schuld freisprechen konnte, so war es sein

Geschäft, sie vor der Reue zu bewahren. Er verfügte über einen

unerschöpflichen Vorrath schmerzstillender Mittel für verwundete

Gewissen. In den casuistischen Werken, die von seinen Brüdern

geschrieben und mit Bewilligung seiner Vorgesetzten gedruckt waren,

fanden sich Tröstungen für Sünder jeder Gattung. Der Bankerottirer wurde

belehrt, wie er, ohne eine Sünde zu begehen, sein Vermögen vor seinen

Gläubigern verheimlichen könne. Der Dienstbote wurde belehrt, wie er,

ohne eine Sünde zu begehen, mit dem Silberzeuge seines Herrn durchgehen

könne. Der Kuppler wurde versichert, daß ein Christ sich ohne Schuld

seinen Lebensunterhalt verschaffen könne, indem er zwischen einer

verheiratheten Frau und ihren Liebhabern Briefe und Aufträge befolgte.

Der stolze und empfindliche französische Edelmann wurde durch eine

Entscheidung zu Gunsten des Zweikampfes beruhigt. Der an eine gemeinere

und mehr im Dunklen schleichende Rache gewöhnte Italiener erfuhr zu

seiner Freude, daß er, ohne ein Verbrechen zu begehen, aus dem

Hinterhalte auf seinen Feind schießen könne. Dem Betruge war ein

Spielraum gelassen, der groß genug war, um den ganzen Werth menschlicher

Verträge und menschlichen Zeugnisses zu vernichten. In der That, die

menschliche Gesellschaft hielt nur deshalb noch zusammen, das Leben und

Eigenthum genoß nur deshalb noch einige Sicherheit, weil die gesunde

Vernunft und das natürliche Humanitätsgefühl die Menschen abhielt, das

zu thun, was sie nach den Versicherungen der Gesellschaft Jesu mit gutem

Gewissen hätte thun können.

Der Character dieser berühmten Brüder war ein wunderliches Gemisch von

Gutem und Bösem und in dieser Mischung lag das Geheimniß ihrer

gigantischen Macht. Eine solche Macht hätten bloße Heuchler eben so

wenig als strenge Moralisten je erlangen können. Sie war nur Männern

erreichbar, die für die Verfolgung eines großen Zieles wahrhaft

begeistert und dabei gewissenlos in der Wahl der Mittel waren.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band · 第 6 / 11 题