Ken und Turner waren mit seiner Gemüthsverfassung nicht viel

zufriedener. Die Lehre von der Verwerflichkeit des Widerstandes war nach

ihrer eigenen wie nach der Ansicht ihrer Berufsgenossen das

unterscheidende Merkmal der anglikanischen Kirche. Die beiden Bischöfe

drangen in Monmouth, er solle zugestehen, daß er durch seine bewaffnete

Auflehnung gegen die Regierung eine große Sünde begangen habe; aber sie

fanden ihn in diesem Punkte entschieden heterodox. Und dies war nicht

seine einzige Ketzerei. Er behauptete, sein Verhältniß mit Lady

Wentworth sei in den Augen Gottes tadellos. Er sei schon als Knabe

vermählt worden und habe sich nie um die Herzogin gekümmert; er habe

daher das Glück, das er in seiner Häuslichkeit nicht gefunden, in einer

Reihenfolge lockerer Liebschaften gesucht, welche die Religion und die

Moral verdammten. Henriette habe ihn seinem lasterhaften Lebenswandel

entrissen, ihr sei er beständig treu geblieben. In gemeinschaftlichem

Gebet hätten sie den Himmel um seine göttliche Leitung angefleht und

nach solchem Gebet hätten sie ihre gegenseitige Zuneigung jedesmal

stärker gefunden, so daß sie nicht länger hätten zweifeln können, daß

ihre Verbindung in den Augen Gottes so gut wie eine gesetzliche Ehe sei.

Die beiden Bischöfe waren so entrüstet über diese Auffassung des

ehelichen Verhältnisses, daß sie sich weigerten, dem Gefangenen das

Abendmahl zu reichen. Alles, was sie von ihm erlangen konnten, war das

Versprechen, daß er in der letzten Nacht, die er noch zu leben hatte,

den Himmel um Erleuchtung bitten wolle, wenn er im Irrthum sei.

Am Mittwoch Morgen kam auf sein besonderes Ansuchen +Dr.+ Thomas

Tenison, welcher damals Vikar zu St. Martin war und sich in diesem

wichtigen Amte die hohe Achtung des Publikums erworben hatte, in den

Tower. Der Herzog erwartete von Tenison, dessen gemäßigte Ansichten

bekannt waren, mehr Nachsicht als Ken und Turner gegen ihn zu üben

geneigt waren. Welcher Ansicht aber Tenison auch in Betreff des

Nichtwiderstandes sein mochte, den letztem Aufstand hielt er für

übereilt und strafbar, und Monmouth's Begriff von der Ehe betrachtete er

als einen höchst gefährlichen Irrwahn. Monmouth blieb jedoch hartnäckig

bei seiner Meinung. Er habe Gott gebeten, daß er ihn erleuchten möge,

sagte er; aber seine Ansichten seien unverändert geblieben, und er könne

daher nicht zweifeln, daß es die richtigen seien. Tenison's Ermahnungen

waren indessen in einem milderen Tone gehalten als die der Bischöfe.

Aber auch er war, gleich ihnen, der Meinung, daß er es nicht

verantworten könne, wenn er einem Manne, dessen Bußfertigkeit so

unbefriedigend sei, das Abendmahl reichte.[112]

Die Stunde rückte immer näher heran, jede Hoffnung war geschwunden, und

Monmouth's kleinmüthige Angst hatte sich in gefühllose Verzweiflung

verwandelt. Seine Kinder wurden in Begleitung ihrer Mutter bei ihm

eingeführt, damit er Abschied von ihnen nehme. Er sprach freundlich,

aber ohne Rührung mit seiner Gemahlin. Obgleich sie eine Frau von großer

Seelenstärke war und wenig Ursache hatte, ihn zu lieben, so war ihr

Schmerz doch so heftig, daß keiner der Umstehenden sich der Thränen

enthalten konnte. Er allein blieb ungerührt.[113]

[Anmerkung 109: +Burnet I. 644+; +Evelyn's Diary, July 15.+; +Sir

J. Bramston's Memoirs+; +Reresby's Memoirs+; Jakob an den Prinzen

von Oranien vom 14. Juli 1685; Barillon, 16.(26.) Juli; +Buccleuch

MS.+]

[Anmerkung 110: Jakob an den Prinzen von Oranien vom 14. Juli

1685; Holländische Depesche von dem nämlichen Datum; Luttrell's

Tagebuch; Dartmouth's Anmerkung in Burnet I. 646.]

[Anmerkung 111: +Buccleuch MS.+; +Clarke's Life of James the

Second, II. 37+; +Orig. Mem.+; Citters, 14.(24.) Juli 1685;

+Gazette de France, Aug. 1.(11.)+]

[Anmerkung 112: +Buccleuch MS.+; +Clarke's Life of James the

Second, II. 37. 38+; +Orig. Mem.+; +Burnet, I. 645+; Tenison's

Bericht in Kennet III. 432, Ausg. v. 1719.]

[Anmerkung 113: +Buccleuch MS.+]

[_Seine Hinrichtung._] Es war zehn Uhr. Der Wagen des Gouverneurs vom

Tower stand bereit. Monmouth bat seine geistlichen Beistände, daß sie

ihn auf den Richtplatz begleiten möchten; sie willigten ein, sagten ihm

aber, daß er, ihrer Überzeugung nach, dem Tode in einem gefährlichen

Seelenzustande entgegengehe und daß es ihre Pflicht sei, bis zum letzten

Augenblicke Ermahnungen an ihn zu richten. Als er durch die Reihen der

Garden fuhr, begrüßte er sie mit einem Lächeln und bestieg mit festem

Schritte das Schaffot. Tower Hill war bis zu den Spitzen der

Schornsteine mit einer unzähligen Zuschauermenge bedeckt die in

ehrerbietiger, nur durch Weinen und Schluchzen unterbrochener Stille den

letzten Worten des Lieblings des Volkes lauschten. »Ich werde wenig

sagen,« hob er an. »Ich komme hierher, nicht um zu sprechen, sondern um

zu sterben. Ich sterbe als Protestant der englischen Kirche.« Die

Bischöfe unterbrachen ihn, indem sie sagten, daß er kein Mitglied ihrer

Kirche sei, wenn er nicht den Widerstand als sündhaft anerkenne. Er

sprach nun von seiner Henriette. Sie sei eine tugendhafte und

ehrenwerthe junge Dame, sagte er; er liebe sie bis zum letzten

Augenblicke und könne nicht sterben, ohne seine Gefühle zu äußern. Die

Bischöfe unterbrachen ihn abermals und baten ihn, keine solche Sprache

zu führen. Es entspann sich ein kurzer Wortwechsel. Man hat den

Geistlichen zu große Härte gegen den Sterbenden vorgeworfen; aber sie

entledigten sich nur einer ihrer Überzeugung nach heiligen Pflicht.

Monmouth kannte ihre Grundsätze, und wenn er ihre lästige Zusprache

nicht wünschte, so hätte er ihre Begleitung ablehnen sollen. Ihre

gewöhnlichen Argumente für die Verwerflichkeit des Widerstandes äußerten

keine Wirkung auf ihn. Als sie ihn aber an das Unglück erinnerten, das

er über seine wackeren und ihn liebenden Anhänger gebracht, an das

vergossene Blut und an die vielen Seelen, welche unvorbereitet vor den

höchsten Richterstuhl gesandt worden, da ward er tief ergriffen und

sagte mit sanfter Stimme: »Ja, ich gestehe es, es thut mir leid, daß es

geschehen ist.« Sie beteten hierauf lange und inbrünstig mit ihm, und er

stimmte in ihre Gebete ein, bis sie für den König des Himmels Segen

erflehten. Hier schwieg er. »Betet Ihr nicht mit uns für den König,

Sir?« fragte einer der Umstehenden. Monmouth schwieg noch eine Weile und

nach einem heftigen inneren Kampfe sagte er: »Amen«. Vergebens aber

forderten die Prälaten ihn auf, an die Soldaten und das versammelte Volk

einige Worte über die Pflicht des Gehorsams gegen die Regierung zu

richten. »Ich will keine Rede halten,« rief er aus; »nur zehn Worte,

Mylord.« Er wendete sich um, rief seinen Diener und händigte ihm eine

Zahnstocherbüchse ein, das letzte Unterpfand einer unglücklichen Liebe.

»Dies gieb jener Person,« sagte er zu ihm. Hierauf wendete er sich zu

Johann Ketch, dem Scharfrichter, einem Elenden, der schon manch muthiges

und edles Opfer hingeschlachtet und dessen Namen das Volk noch ein und

ein halbes Jahrhundert lang Allen, die ihm in seinem widerlichen Amte

folgten, beilegte[114]. »Hier,« sagte der Herzog, »sind sechs Guineen

für Euch. Aber hackt mich nicht, wie Ihr es bei Lord Russel gethan habt.

Ich habe gehört, daß Ihr drei- oder viermal nach ihm schluget. Mein

Diener soll Euch noch etwas Geld geben, wenn Ihr Eure Sache gut macht.«

Er entkleidete sich sodann, untersuchte die Schneide des Beils, äußerte

die Besorgniß, daß es wohl nicht scharf genug sei, und legte endlich das

Haupt auf den Block. Währenddem riefen die Geistlichen beständig mit

großem Eifer aus: »Gott nehme Eure Reue an! Gott nehme Eure

unvollkommene Reue an!«

Der Henker schickte sich an, sein Geschäft zu verrichten; aber die Worte

des Herzogs hatten ihn aus der Fassung gebracht. Der erste Hieb brachte

ihm nur eine leichte Wunde bei. Der Herzog erhob sich schwankend von dem

Blocke und sah den Scharfrichter vorwurfsvoll an. Dann ließ er das Haupt

wieder auf den Block sinken. Der Scharfrichter schlug noch einmal und

noch einmal; aber noch war der Kopf nicht vom Rumpfe getrennt, der sich

aufs neue bewegte. Ein Geschrei des Entsetzens und des Unwillens erhob

sich unter der Menge. Mit einem Fluche warf Ketch das Beil zu Boden.

»Ich kann es nicht thun«, sagte er, »das Herz bricht mir!« -- »Hebe das

Beil auf, Mensch!« rief der Sheriff. »Werft ihn über das Geländer!«

brüllte der Pöbel. Endlich wurde das Beil wieder aufgehoben und zwei

neue Schläge verlöschten den letzten Lebensfunken; aber der Kopf mußte

noch mit einem Messer vollends von den Schultern getrennt werden. Das

Volk war so außer sich vor Wuth, daß der Scharfrichter in Gefahr war, in

Stücke zerrissen zu werden und daß er unter starker Bedeckung abgeführt

werden mußte[115].

Inzwischen wurden viele Tücher in das Blut des Herzogs getaucht, denn

ein großer Theil der Menge betrachtete ihn als einen Märtyrer, der für

den protestantischen Glauben gestorben war. Kopf und Rumpf wurden in

einen mit schwarzen Sammet bedeckten Sarg gelegt und in aller Stille

unter dem Abendmahlstische der St. Peterskapelle im Tower beigesetzt.

Vier Jahre später wurden die Steinplatten des Altarplatzes wieder

aufgehoben und dicht neben Monmouth's Hülle die Überreste Jeffreys'

gelegt. Es giebt in Wahrheit keine traurigere Grabstätte in der Welt als

dieser kleine Platz. Die dort liegenden Todten erinnern nicht, wie in

der Westminsterabtei und in der Paulskirche, an Genie und Tugend, nicht,

wie in unseren bescheidensten Kirchen und Gottesäckern, an Alles, was

der gesellschaftlichen und häuslichen Liebe am theuersten ist, sondern

an die dunkelsten Seiten des menschlichen Characters und Schicksals, an

den wilden Triumph unerbittlicher Feinde, an die Unbeständigkeit,

Undankbarkeit und Feigheit treuloser Freunde, an all' das Elend

gefallener Größe und verblichenen Glanzes. Dorthin wurden Jahrhunderte

hindurch auf den Schultern rauher Kerkerknechte, ohne Trauergeleite, die

blutenden Überreste von Männern getragen, welche Befehlshaber von

Armeen, Führer von Parteien, Orakel von Senaten und Zierden souverainer

Höfe gewesen waren. Dorthin wurde, unter dem Fenster vorüber, an welchem

Johanna Grey betete, der zerrissene Leichnam Guildford Dudley's

getragen. Dort ruht Eduard Seymour, Herzog von Somerset und Protector

des Reiches, an der Seite des Bruders, den er ermordet. Dort modert der

kopflose Rumpf Johann Fisher's, Bischofs von Rochester und Cardinals von

St. Vitalis, eines Mannes; der zu einer besseren Zeit zu leben und für

eine bessere Sache zu sterben verdient hätte. Dort liegen Johann Dudley,

Herzog von Northumberland und Lordgroßadmiral, und Thomas Cromwell, Earl

von Essex und Lordoberschatzmeister. Dort liegt auch noch ein andrer

Essex, an den die Natur und das Glück ihre herrlichsten Gaben umsonst

verschwendet hatten, den Tapferkeit, Anmuth, Genie, königliche Gunst und

Beifall des Volks zu einem frühzeitigen und schmachvollen Untergange

führten. Nicht weit davon ruhen zwei Oberhäupter des großen Hauses

Howard, Thomas, vierter Herzog von Norfolk, und Philipp, elfter Earl von

Arundel. Zwischen den zahlreichen Gräbern unruhiger und ehrgeiziger

Staatsmänner zerstreut schlummern daselbst auch zartere Dulder:

Margarethe von Salisbury, die letzte des stolzen Namens Plantagenet, und

die beiden schönen Königinnen, welche Heinrich's eifersüchtiger Wuth zum

Opfer fielen. Mit solchem Staub ward Monmouth's Staub vermischt.[116]

Noch wenige Monate, und das friedliche Dorf Toddington in Bedfordshire

sah ein noch erschütternderes Leichenbegängniß. Unweit dieses Dorfes

stand ein altes, stattliches Schloß, der Stammsitz der Wentworth. Das

Querschiff der Pfarrkirche war seit langer Zeit ihr Begräbnißplatz. In

dieser Grabstätte ward im ersten Frühling nach Monmouth's Tode der Sarg

der jungen Baronesse Wentworth von Nettlestede getragen. Ihre Familie

ließ ihr ein prächtiges Mausoleum errichten; aber ein viel einfacheres

Erinnerungszeichen an sie wurde lange mit weit größerer Theilnahme

betrachtet. Ihr Name, von der Hand des Mannes eingeschnitten, den sie

nur zu sehr liebte, war noch mehrere Jahre nachher an einem Baume des

anstoßenden Parkes zu erkennen.

[Anmerkung 114: Der Name Ketch's wurde in den Spottgedichten jener

Zeit oft mit dem Namen Jeffreys' in Verbindung gebracht:

»Jeffreys sitzt auf der Bank, Ketch auf dem Galgen,«

sagt ein Dichter. Das Jahr darauf nach Monmouth's Hinrichtung

wurde Ketch seines Amtes entsetzt, weil er einen der Sheriffs

beleidigt hatte, und ihm folgte ein Metzger, Namens Rose. Aber

schon nach vier Monaten wurde Rose selbst in Tyburn gehängt und

Ketch wieder in seine Stelle eingesetzt. +Luttrell's Diary, Jan.

20. & May 28. 1686.+ Siehe auch eine interessante Note von Dr.

Grey im Hudibras, Th. II. Ges. 2, Zeile 1534.]

[Anmerkung 115: Bericht über die Hinrichtung Monmouth's,

unterzeichnet von den Geistlichen, die ihn begleiteten. +Buccleuch

MS.+; +Burnet, I. 646+; Citters, 17.(27.) Juli 1685; +Luttrell's

Diary+; +Evelyn's Diary, July 15+; Barillon, 19.(29.) Juli.]

[Anmerkung 116: Ich kann nicht umhin, hier meine Entrüstung über

die barbarische Thorheit auszusprechen, welche diese höchst

interessante Kirche in ein Gebäude verwandelt hat, das dem

Versammlungshause in einer Fabrikstadt ähnlich sieht.]

[_Wie das niedere Volk sein Andenken ehrte._] Lady Wentworth war nicht

die Einzige, die das Andenken des Herzogs mit abgöttischer Liebe ehrte.

Er lebte fort in den Herzen des Volks, bis das Geschlecht, das ihn

gesehen hatte, verschwunden war. Bänder, Schnallen und andere

geringfügige Kleinigkeiten, die er an sich getragen, wurden von Denen,

welche bei Sedgemoor unter ihm gefochten hatten, wie kostbare Reliquien

aufbewahrt. Alte Leute, die ihn lange überlebten, sprachen in ihrer

Sterbestunde den Wunsch aus, daß man ihnen diese Kleinigkeiten mit in's

Grab geben möchte. Ein Knopf von Goldlahn, der mit Mühe diesem

Schicksale entging, ist noch in einem Hause zu sehen, von welchem aus

man das Schlachtfeld überblickt. Das Volk hing mit einer solchen

Zärtlichkeit an seinem unglücklichen Lieblinge, daß trotz der

augenfälligsten Beweise, die seinen Tod betätigten, Viele noch immer die

Hoffnung hegten, daß er lebe und bald wieder bewaffnet erscheinen werde.

Es hieß, ein Mann, der dem Herzoge auffallend ähnlich sähe, habe sich

selbst aufgeopfert, um den Helden des Protestantismus zu retten. Bei

jeder politischen Krisis von einiger Wichtigkeit flüsterte das gemeine

Volk sich zu, die Zeit sei nahe und König Monmouth werde sich bald

zeigen. Im Jahre 1686 wurde ein Betrüger, der sich für den Herzog

ausgegeben und in verschiedenen Dörfern von Wiltshire Gelder

eingesammelt hatte, eingefangen und von Newgate nach Tyburn gepeitscht.

Im Jahre 1698, nachdem England schon lange unter einem neuen

Herrscherstamme constitutionelle Freiheit genoß, gab sich der Sohn eines

Gastwirths bei den Freisassen von Sussex für ihren geliebten Monmouth

aus und täuschte Viele, die keineswegs der untersten Klasse angehörten.

Es wurden fünfhundert Pfund Sterling für ihn gesammelt, die Pächter

schenkten ihm ein Pferd, ihre Frauen schickten ihm ganze Körbe voll

Hühner und Enten und man sagte sogar, daß sie auch zärtlichere

Gunstbezeigungen an ihn verschwendeten, denn im Punkte der Galanterie

wenigstens war der Doppelgänger ein nicht unwürdiger Repräsentant des

Originals. Als dieser Mensch wegen seines Betrugs in's Gefängniß

geworfen wurde, verschafften ihm seine Anhänger dort alle möglichen

Genüsse. Viele erschienen bei den Sitzungen der Assisen von Horsham, um

ihn durch ihre Anwesenheit zu ermuthigen. Die Täuschung währte noch

immer fort als Georg III. bereits drei Jahre auf dem Throne saß, bis

Voltaire es endlich für nöthig hielt, allen Ernstes die Muthmaßung zu

entkräften, daß der Mann mit der eisernen Maske der Herzog von Monmouth

sei.[117]

Es dürfte keine minder auffallende Thatsache sein, daß bis auf den

heutigen Tag die Bewohner einiger westlichen Provinzen Englands, sobald

irgend eine ihre Interessen berührende Bill im Hause der Lords zur

Verlesung kommt, sich für berechtigt hielten, auf die Unterstützung des

Herzogs von Buccleuch, eines Nachkommen des unglücklichen Oberhauptes,

für den ihre Vorfahren bluteten, Anspruch zu machen.

Die Geschichte Monmouth's würde allein genügen, um den Vorwurf der

Unbeständigkeit zu widerlegen, der dem gemeinen Volke so oft gemacht

wird. Allerdings ist das niedere Volk zuweilen unbeständig, weil es eben

Menschen sind; daß es aber unbeständig sei im Vergleich zu den höheren

Klassen, zu dem Adel und zu den Fürsten, muß entschieden geleugnet

werden. Man könnte leicht Demagogen namhaft machen, deren Popularität

sich nicht vermindert hat, während Souveraine und Parlamente einer

langen Reihe von Staatsmännern ihr Vertrauen entzogen haben. Als Swift's

Geisteskräfte sich schon viele Jahre überlebt hatten, fuhr das irische

Volk noch immer fort, an seinem Geburtstage Freudenfeuer anzuzünden, zur

Erinnerung an die Dienste, die er, wie sie glaubten, dem Vaterlande zu

der Zeit geleistet hatte, da sein Geist noch in voller Kraft war.

Während sieben Ministerien zur Macht erhoben und in Folge von

Hofintriguen oder Gesinnungsveränderungen der höheren Klassen der

Gesellschaft wieder vertrieben wurden, behauptete der verworfene Wilkie

seine Herrschaft über einen Pöbel, den er brandschatzte und verhöhnte.

Politiker, welche 1807 sich bei Georg III. in Gunst zu setzen suchten,

indem sie Karolinen von Braunschweig vertheidigten, schämten sich nicht,

dreizehn Jahre später die nämliche Fürstin zu verfolgen, um sich bei

Georg IV. einzuschmeicheln. Die ganze Masse der arbeitenden Klassen aber

war im Jahre 1820 noch eben so für sie begeistert wie 1807. So war es

auch mit Monmouth. Im Jahre 1680 war er in gleichem Maße von der Gentry

wie von dem Landvolke des Westens verehrt worden, und als er im Jahre

1685 wieder erschien, war er für die Gentry ein Gegenstand der Abneigung

geworden, während das Landvolk ihm noch immer mit einer den Tod nicht

scheuenden Liebe zugethan war, mit einer Liebe, die weder Mißgeschick

und Fehler, noch die Flucht von Sedgemoor, noch der Brief von Ringwood,

noch die Thränen und schmachvollen Bitten in Whitehall zu ersticken

vermochten. Nicht Unbeständigkeit ist es, was man dem niederen Volke zum

Vorwurf machen kann, sondern nur, daß es in der Wahl seiner Lieblinge

fast stets so unglücklich ist, daß seine Beständigkeit ein Fehler und

keine Tugend wird.

[Anmerkung 117: +Observator, Aug. 1. 1685+; +Gazette de France,

Nov. 2. 1686+; Brief von Humphrey Wanley vom 25. Aug. 1698 in der

Aubrey'schen Sammlung; +Voltaire, Dict. Phil.+ In der Pepys'schen

Sammlung befinden sich mehrere nach Monmouth's Tode geschriebene

Balladen, in denen er als noch lebend dargestellt und seine

baldige Rückkehr prophezeit wird.]

[_Grausamkeiten der Soldaten im Westen._] Während Monmouth's Hinrichtung

die Gemüther der Londoner beschäftigte, mußten die Grafschaften, die

sich gegen die Regierung erhoben hatten, alle Unbilden ertragen, die

eine zügellose Soldateska nur ersinnen kann. Feversham war an den Hof

eingeladen worden, wo ihn Ehren und Gunstbezeigungen erwarteten, die er

wenig verdiente. Er wurde zum Ritter des Hosenbandordens ernannt und

erhielt den Befehlshaberposten über die erste und am besten besoldete

Abtheilung der Leibgarde; aber Hof und Stadt lachte über seine

militairischen Heldenthaten und Buckingham's Witz sprühte seine letzten

schwachen Funken gegen den General aus, der im Bett eine Schlacht

gewonnen hatte.[118]

[Anmerkung 118: +London Gazette, Aug. 3. 1685+; +The Battle of

Sedgemoor, a Farce.+]

[_Kirke._] Feversham übertrug das Commando in Bridgewater dem Obersten

Percy Kirke, einem Abenteurer, dessen Laster in der schlechtesten aller

militairischen Schulen, in Tanger, entwickelt worden waren. Kirke hatte

einige Jahre hindurch die Besatzung dieser Stadt commandirt und war

beständig in Feindseligkeiten mit fremden Barbarenstämmen verwickelt

gewesen, welche die Regeln und Gesetze der Kriegführung gebildeter und

christlicher Nationen nicht kannten. Innerhalb der Mauern seiner Festung

war er ein despotischer Fürst und seine Tyrannei wurde nur durch die

Furcht, von der entfernten und sorglosen Regierung zur Verantwortung

gezogen zu werden, einigermaßen in Schranken gehalten. Er konnte sich

daher ohne Gefahr die frechsten Ausschweifungen der Raubgier, der

Sittenlosigkeit und der Grausamkeit erlauben. Er lebte in zügelloser

Üppigkeit und Verschwendung und verschaffte sich durch Erpressungen die

Mittel, um seinen Lüsten zu fröhnen. Keine Waaren konnten verkauft

werden, ohne daß Kirke das Vorkaufsrecht geltend machte, keine

Rechtsfrage konnte entschieden werden, bevor Kirke bestochen war. Einst

ließ er aus bloßer übermüthiger Laune im Keller eines Weinhändlers alten

Fässern den Boden einschlagen; ein andermal vertrieb er alle Juden aus

Tanger und überlieferte zwei von ihnen der spanischen Inquisition, die

sie ohne weiteres verbrannte. Und unter dieser eisernen Herrschaft ward

kaum eine Klage laut, da der Haß durch die Furcht wirksam niedergehalten

wurde. Zwei Personen, die sich widersetzlich gezeigt hatten, wurden

ermordet gefunden, und man war allgemein der Überzeugung, daß sie auf

Kirke's Befehl umgebracht worden waren. Wenn er mit seinen Soldaten

nicht zufrieden war, peitschte er sie mit schonungsloser Strenge,

entschädigte sie aber wieder dafür, indem er ihnen erlaubte, auf der

Wache zu schlafen, betrunken durch die Straßen zu taumeln und Kaufleute

und Handwerker auszuplündern, zu prügeln und auf jede Weise zu quälen.

Als Tanger aufgegeben wurde, kehrte Kirke nach England zurück. Er

behielt das Commando über seine bisherigen Soldaten, welche zuweilen als

das erste Regiment von Tanger, zuweilen auch als das Regiment der

Königin Katharine bezeichnet wurden. Da diese Mannschaft zu dem Zwecke

ausgehoben war, um gegen eine ungläubige Nation Krieg zu führen, so

hatte sie ein christliches Emblem, das Osterlamm, auf ihrer Fahne. In

Anspielung auf dieses Zeichen und in einem bitter ironischen Sinne

wurden diese Leute, die rohesten und wildesten Soldaten der englischen

Armee, Kirke's Lämmer genannt. Das gegenwärtige zweite Linienregiment

führt noch heute dieses alte Fahnenzeichen, das aber durch ehrenvolle,

in Ägypten, Spanien und Asien verdiente Dekorationen in den Schatten

gestellt worden ist.[119]

Ein solcher Befehlshaber und solche Soldaten waren jetzt gegen die

Bevölkerung von Somersetshire losgelassen. Von Bridgewater marschirte

Kirke nach Taunton. Zwei Karren mit verwundeten Rebellen, deren Wunden

nicht verbunden waren, und ein langer Zug von Gefangenen, welche

paarweis zusammengefesselt zu Fuß gingen, begleiteten ihn. Sogleich nach

seiner Ankunft in Taunton ließ er mehrere von diesen ohne jede

gerichtliche Formalität hängen; sie durften nicht einmal von ihren

nächsten Verwandten Abschied nehmen. Der Pfahl, an welchem das Schild

des Gasthofes »zum weißen Hirsche« hing, diente als Galgen. Die

schauerliche Execution soll unter den Fenstern des Zimmers stattgefunden

haben, in welchem die Offiziere des Tanger'schen Regiments zechten, und

bei jedem Toaste soll ein Unglücklicher aufgeknüpft worden sein. Während

die Beine des Verscheidenden im letzten Todeskampfe zuckten, ließ der

Oberst die Trommeln rühren; er sagte, er wolle den Rebellen zu ihrem

Tanze Musik machen. Die Sage erzählt, daß einem der Gefangenen nicht

einmal die Vergünstigung eines schnellen Todes zu Theil wurde; zweimal

wurde er emporgezogen und zweimal wieder abgeschnitten; zweimal ward er

gefragt, ob er seinen Verrath bereue, und zweimal antwortete er, wenn es

noch einmal losginge, werde er das Nämliche thun. Dann wurde er endlich

zum letzten Male aufgeknüpft. Es wurden so viele Leichname geviertheilt,

daß der Henker bis an die Knöchel im Blute stand. Zur Beihülfe hatte er

einen armen Mann, dessen Loyalität verdächtig war und der sein Leben

dadurch loskaufen mußte, daß er die Überreste seiner Freunde in Pech

sott. Dieser Mann, der sich zu einer so grauenvollen Arbeit hergegeben

hatte, kehrte nachher zu seinem Pfluge zurück. Aber er behielt für seine

Lebenszeit ein Kainszeichen, indem er von Stund an im ganzen Dorfe Tom

Boilman (Siedemann) genannt wurde. Die Landleute der dortigen Gegend

erzählten sich noch lange nachher, daß er sich durch seine sündliche und

schändliche That zwar vor der Rache der »Lämmer« schützte, aber der

Rache einer höheren Gewalt nicht entging. Bei einem starken Gewitter

trat er unter eine Eiche und wurde vom Blitze erschlagen.[120]

Die Anzahl der Menschen, welche auf solche Art hingeschlachtet wurden,

läßt sich jetzt nicht mehr ermitteln; neun wurden in die Kirchenregister

von Taunton eingetragen, aber diese Register enthalten nur die Namen

Derer, welche ein christliches Begräbniß erhielten. Die Zahl Derjenigen,

die in Ketten gehängt oder deren Köpfe und Glieder in die umliegenden

Dörfer geschickt wurden, muß viel bedeutender gewesen sein. In London

glaubte man damals, daß Kirke in der Woche nach der Schlacht hundert

Gefangene hinrichten ließ.[121]

Die Grausamkeit war indessen nicht die einzige Leidenschaft dieses

Mannes; er liebte das Geld und war kein Neuling in Erpressungskünsten.

Ein sicheres Geleit mußte man ihm mit dreißig bis vierzig Pfund Sterling

bezahlen, und wenn ein solcher Geleitsbrief auch keine gesetzliche

Gültigkeit hatte, so setzte er den Inhaber wenigstens in den Stand, die

Posten der »Lämmer« ungehindert zu passiren und einen Seehafen zu

erreichen, um ins Ausland entfliehen zu können. Die nach Neuengland

bestimmten Schiffe waren zu jener Zeit so mit Flüchtlingen von Sedgemoor

angefüllt, daß sie Gefahr liefen, mit ihren Wasser- und

Lebensmittelvorräthen nicht auszureichen.[122]

Außerdem war Kirke auch in der ihm eigenen rohen und wilden Art ein

Freund der sinnlichen Genüsse, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er

seine Macht zur Befriedigung seiner zügellosen Begierden anwendete. Man

erzählte sich, daß er die Tugend eines schönen Mädchens durch das

Versprechen besiegte, das Leben eines Mannes schonen zu wollen, an dem

sie mit zärtlicher Liebe hing, daß er aber, nachdem sie sich ihm

hingegeben, ihr die leblose Hülle Dessen, dem sie ihre Ehre geopfert

hatte, am Galgen hängend zeigte. Diese Erzählung kann ein unparteiischer

Richter nicht glauben, und sie wird auch durch keine Beweise

unterstützt. Die früheste Autorität dafür ist ein Gedicht von Pomfret.

Die glaubwürdigen Geschichtschreiber jener Zeit erwähnen bei der

Schilderung der Greuelthaten Kirke's dieses scheußliche Verbrechen

entweder gar nicht, oder doch nur als unverbürgtes Gerücht, und

Diejenigen, welche die Geschichte ausführlich erzählen, erzählen sie so

verschiedenartig, daß sie dadurch allen Anspruch auf Glaubwürdigkeit

verliert. Nach Einigen soll sie in Taunton, nach Anderen in Exeter

geschehen sein; nach Einigen war die Heldin der Geschichte ein junges

Mädchen, nach Anderen eine verheirathete Frau, und der Verwandte, dem

sie das entehrende Opfer brachte, wird von Einigen als ihr Vater, von

Anderen als ihr Bruder, von noch Anderen als ihr Gatte bezeichnet.

Endlich ist die Anekdote schon ehe Kirke geboren war, vielen anderen

Unterdrückern zugeschrieben und ein Lieblingsthema für Romanschreiber

und Schauspieldichter geworden. Zwei Staatsmänner des fünfzehnten

Jahrhunderts, Rhynsault, der Günstling Karl's des Kühnen von Burgund,

und Olivier le Dain, der Günstling Ludwig's XI. von Frankreich, werden

des nämlichen Verbrechens beschuldigt. Cintio hat einen Roman daraus

gemacht, Whetstone hat Cintio's Roman als Stoff für das rohe Schauspiel

»Promos und Cassandra« benutzt, und Shakespeare hat die Intrigue der

herrlichen Tragikomödie »Maß für Maß« von Whetstone entlehnt. Wie Kirke

nicht der Erste war, so war er auch nicht der Letzte, dem das Volk diese

haarsträubende Schändlichkeit zur Last legt. Während der Reaction,

welche auf die Schreckensherrschaft der Jakobiner in Frankreich folgte,

wurde eine ganz ähnliche Beschuldigung gegen Joseph Lebon, eines der

abscheulichsten Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, erhoben; nach

erfolgter Untersuchung aber gestanden selbst seine Ankläger zu, daß sie

ungegründet sei.[123]

Die Regierung war mit Kirke unzufrieden, nicht wegen seiner barbarischen

Behandlung unbemittelter Gefangenen, sondern wegen der uneigennützigen

Milde, die er gegen reiche Delinquenten übte.[124] Er wurde daher bald

aus dem Westen zurückberufen und eine regelmäßigere und zugleich

grausamere Metzelei veranstaltet. Die Rache ward um einige Wochen

aufgeschoben, denn man hielt es für wünschenswerth, die Assisen im

Westen nicht eher beginnen zu lassen, bis die anderen beendigt waren.

Mittlerweile füllten sich die Gefängnisse von Somersetshire und

Dorsetshire mit Tausenden von Gefangenen. Der hauptsächlichste Freund

und Beschützer dieser Unglücklichen in ihrer Bedrängniß war ein Mann,

der ihre religiösen und politischen Ansichten verabscheute, dessen Stand

sie haßten und dem sie ohne Veranlassung von seiner Seite Böses zugefügt

hatten, der Bischof Ken. Dieser menschenfreundliche Prälat bot seinen

ganzen Einfluß auf, um die Kerkermeister zur Milde zu stimmen und

beschränkte seinen bischöflichen Aufwand, damit er im Stande war, die

schlechte und dürftige Kost der Unglücklichen, die seine geliebte

Kathedrale entweiht hatten, einigermaßen zu verbessern. Sein Benehmen

bei dieser Gelegenheit entsprach seinem ganzen Lebenswandel. Allerdings

war sein Verstand durch manchen Aberglauben und manche Vorurtheile

verdunkelt, sein sittlicher Character aber hält bei unparteiischer

Betrachtung einen Vergleich mit jeder Persönlichkeit der

Kirchengeschichte aus und kommt der idealen Vollkommenheit der

christlichen Tugend so nahe, als menschliche Schwäche es immer

gestattet.[125]

[Anmerkung 119: +Pepys's Diary, kept at Tangier+; +Historical

Records of The Second or Queen's Royal Regiment of Foot.+]

[Anmerkung 120: +Bloody Assizes+; +Burnet, I. 647+; +Luttrell's

Diary, July 15. 1685+; +Locke's Western Rebellion+; +Toulmin's

History of Taunton, edited by Savage.+]

[Anmerkung 121: +Luttrell's Diary, July 15. 1685+; +Toulmin's

History of Taunton.+]

[Anmerkung 122: +Oldmixon, 705+; +Life and Errors of John Danton,

chap. VII.+]

[Anmerkung 123: Das Stillschweigen Oldmixon's und der Herausgeber

der +Western Martyrologie+ entscheidet meiner Ansicht nach allein

schon die Frage. Außerdem verdient bemerkt zu werden, daß die

Geschichte von Rhynsault in Nr. 491 des »Spectator« von Steele

erzählt wird. Es ist gewiß kaum anzunehmen, daß wenn eine dem

Verbrechen Rhynsault's so ähnlich sehende Schandthat innerhalb

Menschengedenkens von einem Offiziere Jakob's II. in England

verübt worden wäre, Steele, ein sehr vorlauter und ostensibler

Whig, davon gesprochen haben sollte. In Betreff Lebon's siehe den

Moniteur vom 4. Messidor des Jahres III.]

[Anmerkung 124: Sunderland an Kirke vom 14. & 28. Juli 1685.

»Seine Majestät«, sagte Sunderland, »beauftragt mich, Ihnen sein

Mißfallen an diesem Verfahren auszudrücken und befiehlt Ihnen,

darauf bedacht zu sein, daß keine bei der Rebellion betheiligte

Person übergangen wird.« Um gerecht zu sein, muß hinzugefügt

werden, daß Kirke in dem nämlichen Schreiben getadelt wird, weil

er seinen Soldaten erlaube, sich umsonst einzuquartieren.]

[Anmerkung 125: Es würde mich freuen, wenn ich der im Volke

verbreiteten Erzählung Glauben schenken könnte, daß Ken

unmittelbar nach der Schlacht von Sedgemoor die Befehlshaber der

königlichen Armee auf die Ungesetzlichkeit militairischer

Hinrichtungen aufmerksam machte. Wäre er zugegen gewesen, so würde

er ohne Zweifel seinen ganzen Einfluß zu Gunsten des Rechts und

der Nachsicht geltend gemacht haben; aber es giebt keinen

glaubwürdigen Beweis dafür, daß er damals überhaupt im Westen war.

Aus den Protokollen des Hauses der Lords geht hervor, daß er sich

am Donnerstag vor der Schlacht in Westminster befand. Eben so

gewiß ist es, daß er am Montag nach der Schlacht Monmouth im Tower

besuchte.]

[_Jeffreys reist zu den westlichen Assisen ab._] Sein Liebeswerk war

jedoch nicht von langer Dauer; eine schnelle und wirksame Entleerung der

Gefängnisse stand nahe bevor. Anfangs September trat Jeffreys in

Begleitung von vier anderen Richtern die Assisen-Rundreise an, deren

Andenken so lange unter uns fortleben wird, als unsre Nation und unsre

Sprache existiren. Die commandirenden Offiziere in den Bezirken, durch

die sein Weg ihn führte, waren angewiesen, ihm jeden militairischen

Beistand zu leisten, den er verlangte. Obgleich sein hämischer Character

keines Spornes bedurfte, so wurde doch ein solcher angewendet. Die

Gesundheit und die Geisteskräfte des Lordsiegelbewahrers waren

geschwächt. Die Kälte des Königs und der Übermuth des Lordoberrichters

hatten ihn tief gekränkt, und der Rückblick auf seine Vergangenheit, die

zwar mit keinem abscheulichen Verbrechen geschändet, aber doch durch

Feigheit, Selbstsucht und Servilität befleckt war, konnte ihm nur

geringen Trost gewähren. Der unglückliche Mann fühlte sich so tief

gedemüthigt, daß er bei seinem letzten Erscheinen in Westminsterhall

einen Blumenstrauß mitgebracht hatte, um sein Gesicht dahinter zu

verbergen, weil er, wie er später gestand, die Blicke der Richter und

der Zuhörer nicht ertragen konnte. Die Aussicht auf sein nahes Ende

scheint ihn mit ungewöhnlichem Muthe erfüllt zu haben. Er beschloß, sein

Herz zu erleichtern, bat den König um eine Audienz, sprach in ernstem

Tone von den von heftigen und unwillkürlichen Rathschlüssen

unzertrennlichen Gefahren, und tadelte auf das Entschiedenste die

gesetzwidrigen Grausamkeiten, welche die Soldaten in Somersetshire

verübt hatten. Bald darauf verließ er London und starb. Er verschied

wenige Tage nach der Abreise der Richter nach dem Westen. Sofort wurde

Jeffreys gemeldet, daß er als Lohn für treue und energische Dienste das

große Siegel erwarten dürfe.[126]

[Anmerkung 126: +North's Life of Guildford+, 260. 263. 273;

+Mackintosh's View of the Reign of James the Second, p. 16, note+;

Brief von Jeffreys an Sunderland vom 5. Sept. 1685.]

[_Prozeß der Alice Lisle._] In Winchester öffnete der Oberrichter zum

ersten Male seine richterlichen Vollmachten. Hampshire war zwar nicht

der Kriegsschauplatz gewesen, aber viele von den besiegten Rebellen

hatten sich, wie ihr Oberhaupt, dahin geflüchtet. Zwei von ihnen, Johann

Hickes, ein nonconformistischer Geistlicher, und Richard Nelthorpe, ein

wegen seiner Betheiligung an dem Ryehousecomplot geächteter Advokat,

hatten in dem Hause einer gewissen Alice Lisle, der Wittwe Johann

Lisle's, eine Zufluchtsstätte gefunden. Johann Lisle war Mitglied des

Langen Parlaments und des Hohen Gerichtshofes, in den Tagen der Republik

Commissar für das Große Siegel gewesen und war von Cromwell zum Lord

erhoben worden. Die von dem Protector verliehenen Titel waren von keiner

seit dem Sturze seines Hauses ans Ruder gekommenen Regierung anerkannt

worden, wenn sie auch, selbst von Roylisten, im gewöhnlichen Gespräch

angewendet wurden. Die Wittwe Johann Lisle's wurde daher fast allgemein

Lady Alice genannt. Sie war mit mehreren angesehenen und sogar mit

einigen adeligen Familien verwandt und genoß einer allgemeinen Achtung,

selbst bei den toryistischen Gentlemen ihrer Grafschaft, denn es war

ihnen wohlbekannt, daß sie manche Gewaltthätigkeiten, an denen ihr Gatte

Theil genommen, schmerzlich bedauerte, daß sie um Karl I. bittere

Thränen vergossen und viele Kavaliere in ihrer Noth unterstützt und

getröstet hatte. Die nämliche weibliche Herzensgüte, die sie früher

bewogen hatte, sich bedrängter Royalisten anzunehmen, gestattete ihr

nicht, auch den Unglücklichen, die sie jetzt um Schutz baten, ein Mahl

und eine Freistätte zu verweigern. Sie nahm sie in ihr Haus auf, reichte

ihnen Speise und Trank und gewährte ihnen ein Nachtlager. Am nächsten

Morgen war ihre Wohnung von Soldaten umstellt, es wurde strenge

Haussuchung vorgenommen und Hickes im Malzhause, Nelthorpe im Kamin

versteckt gefunden. Wenn Lady Alice wußte, daß ihre Gäste an dem

Aufstande Theil genommen hatten, so war sie allerdings im strengen Sinne

eines Kapitalverbrechens schuldig, denn das Gesetz über die Hauptschuld

und Mitschuld beim Hochverrath war damals und ist heute noch in einem

der englischen Jurisprudenz nicht zur Ehre gereichendem Zustande. In

Fällen der Felonie wird nach vollbrachter That ein auf Recht und

Vernunft begründeter Unterschied zwischen dem Hauptverbrecher und dem

Mitschuldigen gemacht. Wer Jemanden, den er als Mörder kennt, vor der

Justiz verbirgt, ist zwar straffällig, hat aber nicht die auf einen Mord

gesetzte Strafe verwirkt; Derjenige aber, der Jemanden bei sich

aufnimmt, den er als Hochverräther kennt, ist nach allen unseren

Juristen des Hochverraths schuldig. Es ist überflüssig, die

Ungereimtheit und Grausamkeit eines Gesetzes nachzuweisen, welches

Vergehen, die an den entgegengesetzten Endpunkten der Stufenleiter der

Strafbarkeit liegen, unter der nämlichen Definition begreift und mit der

nämlichen Strafe belegt. Das Gefühl, welches auch den loyalsten

Unterthan es nicht über sich gewinnen läßt, den besiegten und halb todt

gehetzten Rebellen, der ihn um ein Stück Brod und um einen Trunk Wasser

bittet, einem schimpflichen Tode preiszugeben, mag eine Schwäche sein,

aber gewiß ist es eine Schwäche, die mit der Tugend sehr nahe verwandt

ist, eine Schwäche, die wir Menschen, wie wir nun einmal beschaffen

sind, schwerlich aus dem Herzen reißen können, ohne zu gleicher Zeit

viele andere edle und humane Gefühle zu ersticken. Ein weiser und guter

Regent mag es nicht für recht halten, diese Schwäche zu sanctioniren;

aber er wird sie in der Regel hingehen lassen, oder sie doch nur sehr

mild bestrafen. In keinem Falle aber wird er sie als ein Verbrechen der

schwärzesten Art betrachten. Ob Flora Macdonald recht daran that, daß

sie den geächteten Erben der Stuart verbarg; ob ein wackerer Soldat

unsrer Zeit recht daran that, daß er Lavalette bei seiner Flucht

behülflich war, dies sind Fragen, über welche die Casuisten

verschiedener Meinung sein können; solche Handlungen aber in eine

Kategorie mit den Verbrechen eines Guy Faux oder Fieschi zu werfen, ist

ein Frevel an der Humanität und an dem gesunden Menschenverstande.

Gleichwohl sind sie in unsrem Gesetz so klassificirt. Es ist klar, daß

ein solches Gesetz nur durch milde Ausführung desselben erträglich

werden kann, und um gerecht zu sein, muß man sagen, daß seit vielen

Menschenaltern keine englische Regierung, eine einzige ausgenommen,

gegen Personen, die sich der bloßen Aufnahme geschlagener und flüchtiger

Insurgenten schuldig gemacht, mit Strenge verfahren ist. Besonders den

Frauen ist durch eine Art von stillschweigender Bewilligung das Recht

zugestanden, inmitten der Zerstörung und Rache das Mitleid zu üben,

welches die schönste Zierde ihres Characters ist. Seit dem Beginn des

großen Bürgerkrieges sind eine Menge Rebellen, die zum Theil viel

bedeutender waren als Hickes und Nelthorpe, durch weibliche Klugheit und

Hochherzigkeit vor der Strenge siegreicher Regierungen geschützt worden.

Aber kein auf diese Weise hintergangener englischer Regent, mit

alleiniger Ausnahme des gefühllosen und unerbittlichen Jakob, ist so

barbarisch gewesen, nur daran zu denken, eine Dame wegen eines so

verzeihlichen und liebenswürdigen Vergehens einem schmerzvollen und

schimpflichen Tode zu überantworten.

So gehässig das Gesetz an sich schon war, es wurde auf die Spitze

getrieben, um Alice Lisle zu verderben. Sie konnte nach dem von der

höchsten Autorität festgestellten Grundsatze erst nach erfolgter

Überführung der Rebellen, die sie beherbergt hatte, überwiesen

werden.[127] Dennoch wurde sie vor Gericht gestellt, ehe weder Hickes

noch Nelthorpe nur verhört waren. Es war kein leichtes Ding, in einem

solchen Falle ein Verdict im Sinne der Krone zu erlangen. Die Zeugen

machten Ausflüchte und die Jury, welche aus den vornehmsten Gentlemen

von Hampshire bestand, bebten zurück vor dem Gedanken, einen

Nebenmenschen einer Handlung, die ihrer Ansicht nach eher Lob als Tadel

verdiente, auf das Schaffot zu senden. Jeffreys war wüthend. Es war der

erste Fall von Hochverrath auf seiner Rundreise und es hatte ganz den

Anschein, als ob seine Beute ihm entschlüpfen würde. Er raste und

fluchte und schwur in einer Sprache, der sich ein gebildeter Mann nicht

bei einem Wettrennen oder bei einem Hahnenkampfe bedient haben würde.

Ein Zeuge Namens Dunne verlor theils aus Mitleid mit Lady Alice, theils

aus Angst vor den Drohungen und Verwünschungen des Oberrichters völlig

den Kopf und antwortete gar nicht mehr. »Wie schwer es doch hält,« sagte

Jeffreys, »aus einem solchen lügenhaften presbyterianischen Schurken die

Wahrheit heraus zu bekommen!« Nach einer Pause stammelte der Zeuge

einige unzusammenhängende Worte hervor. »Hat die Erde jemals einen

solchen Buben getragen?« rief der Oberrichter mit einem Fluche. »Glaubst

Du, daß es einen Gott giebt? glaubst Du an das Feuer der Hölle? Noch nie

in meinem Leben ist mir ein solcher Zeuge vorgekommen wie Du!« Der arme

Mann war ganz verdutzt und schwieg noch immer. »Ich hoffe, meine Herren

Geschwornen,« donnerte Jeffreys weiter, »daß Sie sich das verruchte

Benehmen dieses Burschen merken werden. Ist es wohl anders möglich, als

daß man diese Menschen und ihre Religion verabscheuen muß? Ein Türke ist

ein Heiliger gegen einen solchen Buben, ein Heide würde sich solcher

Schurkerei schämen. Altmächtiger Jesus, unter was für einem

Otterngezücht leben wir doch!« -- »Ich weiß nicht, was ich sagen soll,

Mylord,« stammelte Dunne. Der Richter brach aufs neue in einen Strom von

Flüchen und Verwünschungen aus. »Kann es wohl je einen frecheren

Hallunken gegeben haben?« brüllte er wieder. »Haltet ihm ein Licht vor,

damit wir sein schamloses Gesicht sehen! Meine Herren Kronanwälte, Sie

werden dafür sorgen, daß eine Anklage auf Meineid gegen diesen Schurken

erhoben wird.« Nach einer solchen Zeugenvernehmung wurde Lady Alice

aufgefordert, sich zu vertheidigen. Sie begann mit der Versicherung, die

auch wahr sein konnte, sie habe zwar gewußt, daß Hickes verfolgt werde,

als sie ihn bei sich aufgenommen, aber weder gewußt noch geahnet, daß er

bei dem Aufstande betheiligt gewesen sei. Er sei ein Geistlicher, ein

Mann des Friedens, es sei ihr daher nicht entfernt in den Sinn gekommen,

daß er gegen die Regierung die Waffen getragen haben könnte, und sie

habe geglaubt, er wolle sich deshalb verbergen, weil wegen Feldpredigens

Verhaftbefehle gegen ihn erlassen worden seien. Der Oberrichter begann

aufs neue zu donnern: »Ich will's Euch besser sagen. Es ist nicht einer

unter diesen lügnerischen, näselnden, scheinheiligen Presbyterianern,

der nicht auf eine oder die andre Art bei der Rebellion die Hand im

Spiele gehabt hätte. Der Presbyterianismus vereinigt alle Schurkereien

in sich, nur der Presbyterianismus hat Dunne zu einem solchen Schufte

machen können. Ein Presbyterianer sein heißt soviel als ein lügenhafter

Bube sein.« In dem nämlichen Style faßte er das Resumé der Anklage

zusammen, tobte noch eine Stunde lang gegen Whigs und Dissenters und gab

der Jury zu bedenken, daß der Gatte der Gefangenen Antheil an der

Ermordung Karl's I. genommen habe, eine Beschuldigung, welche durch

nichts bewiesen war und die, selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, mit

der vorliegenden Sache gar nichts zu thun hatte. Die Geschwornen zogen

sich zurück und blieben lange in Berathung. Der Richter wurde

ungeduldig. Er könne nicht begreifen, sagte er, wie sie in einem so

klaren Falle nur den Gerichtssaal hätten verlassen können. Er schickte

ihnen einen Boten und ließ ihnen sagen, daß, wenn sie nicht

augenblicklich zurückkämen, er die Sitzung aufheben und sie die ganze

Nacht einschließen werde. So gedrängt, kamen sie zurück, aber nur um zu

sagen, daß sie zweifelten, ob die Anklage begründet sei. Jeffreys machte

ihnen die heftigsten Vorwürfe und nach einer nochmaligen kurzen

Berathung sprachen sie mit Widerstreben das Schuldig aus.

Am folgenden Morgen wurde das Urtheil gefällt. Jeffreys sprach sich

dahin aus, daß Alice Lisle noch denselben Nachmittag lebendig verbrannt

werden sollte. Dieses Übermaß von Barbarei erregte das Mitleid und den

Unwillen selbst derjenigen Klasse, die der Krone am ergebensten war. Die

Geistlichen der Kathedrale von Winchester machten dem Oberrichter

Vorstellungen und er wagte es bei all' seiner Brutalität nicht, sich

über einen solchen Gegenstand in einen Streit mit einer Körperschaft

einzulassen, die bei der Torypartei in so hohem Ansehen stand. Er

willigte ein, daß die Hinrichtung fünf Tage verschoben wurde. Während

dieser Zeit boten die Freunde der Gefangenen Alles auf, um von Jakob

ihre Begnadigung zu erwirken; sehr vornehme Damen verwendeten sich für

sie, und auch Feversham, dessen letzter Sieg seinen Einfluß bei Hofe

vergrößert hatte und der, wie man sagte, sich zum Mitleid hatte

bestechen lassen, sprach zu ihren Gunsten. Sogar Clarendon, der Schwager

des Königs, nahm sich ihrer Sache an. Aber es war Alles vergebens. Das

Höchste, was man erlangen konnte, war die Umwandlung des Feuertodes in

Enthauptung. Auf einem auf dem Marktplatze zu Winchester errichteten

Schaffot wurde sie hingerichtet, und sie ertrug ihr Schicksal mit

heiterem Muthe.[128]

[Anmerkung 127: Siehe die Einleitung zu der Parlamentsacte, welche

das Urtel umstieß.]

[Anmerkung 128: Prozeß der Alice Lisle in der +Collection of State

Trials+; +Stat. 1 Gul. & Mar.+; +Burnet, I. 649+; +Caveat against

the Whigs.+]

[_Die blutigen Assisen._] In Hampshire war Alice Lisle das einzige

Opfer; aber den Tag nach ihrer Hinrichtung begab sich Jeffreys nach

Dorchester, der Hauptstadt der Grafschaft, in welcher Monmouth gelandet

war, und hier begann das richterliche Gemetzel.

Der Gerichtssaal war auf Befehl des Oberrichters mit rothem Tuche

ausgeschlagen, und die Menge erblickte in dieser Neuerung ein Anzeichen

von blutigen Absichten. Auch erzählte man sich, Jeffreys' blutdürstiger

Mund habe sich zu einem unheilverkündenden Grinsen verzogen, als der

Geistliche, der die Assisenpredigt hielt, den Richtern die Pflicht der

Milde ans Herz legte. Alle diese Umstände erweckten schlimme Ahnungen

hinsichtlich dessen, was folgen sollte.[129]

Es waren mehr als dreihundert Gefangene abzuurteilen. Dies schien ein

schweres Stück Arbeit, aber Jeffreys wußte es sich leicht zu machen. Er

gab zu verstehen, daß die Angeklagten nur dann Aussicht hatten,

Begnadigung oder Strafaufschub zu erlangen, wenn sie ihre Schuld

eingestanden. Neunundzwanzig Personen, die sich für nicht schuldig

erklärten, aber schuldig befunden wurden, ließ Jeffreys sofort

aufknüpfen. Die übrigen Gefangenen bekannten, sich nun massenweise für

schuldig. Zweihundertzweiundneunzig wurden zum Tode verurtheilt. Die

Anzahl Derer, welche in Dorsetshire gehängt wurden, belief sich im

Ganzen auf vierundsiebzig.

Von Dorchester zog Jeffreys weiter nach Exeter. Der Bürgerkrieg hatte

kaum die Grenzen von Dorsetshire berührt und es wurden deshalb hier

verhältnißmäßig nur wenige Personen mit dem Tode bestraft.

Somersetshire, der Hauptsitz des Aufstandes, war für die letzte und

furchtbarste Rache aufgespart. In dieser Grafschaft wurden binnen

wenigen Tagen zweihundertdreiunddreißig Gefangene gehängt, geschleift

und geviertheilt. An jeder Stelle, wo zwei Straßen sich kreuzten, auf

jedem Marktplatze, und auf der Gemeindewiese jedes großen Dorfes, das

Monmouth Soldaten geliefert hatte, verpesteten gefesselte Leichname, die

sich klirrend im Winde schaukelten, oder auf Pfähle gespießte Köpfe und

Glieder die Luft und erfüllten den Reisenden mit Grauen und Entsetzen.

In manchen Dörfern konnten die Leute sich nicht im Gotteshause

versammeln, ohne über dem Portale das gespensterhafte Antlitz eines

Nachbarn grinsen zu sehen. Der Oberrichter war in seinem Element. Je

weiter das Mordwerk gedieh, um so heiterer und lebhafter wurde er. Er

lachte, jubelte, scherzte und schwur in solchem Maße, daß viele Leute

ihn vom Morgen bis zum Abend für betrunken hielten. Aber bei ihm war es

nicht leicht, den durch wilde Leidenschaften erregten Wahnsinn von dem

durch den Branntwein hervorgerufenen zu unterscheiden. Ein Gefangener

behauptete, die gegen ihn aufgetretenen Zeugen verdienten keinen

Glauben, indem einer von ihnen Papist, der andre prostituirt sei. »Wie,

frecher Rebell?« rief der Oberrichter, »Du wagst es, des Königs Zeugen

zu verwerfen? Ich sehe Dich schon mit dem Stricke um den Hals, Schurke!«

Ein Andrer bewies durch Zeugnisse, daß er ein guter Protestant sei.

»Protestant?« rief Jeffreys, »Presbyterianer wollt Ihr sagen! Ich biete

Euch eine Wette darauf an, daß ich einen Presbyterianer vierzig Meilen

weit wittere.« Ein Unglücklicher erweckte selbst das Mitleid erbitterter

Tories. »Mylord,« sagten sie, »dieser arme Mann wird auf Gemeindekosten

unterhalten.« »Seid unbesorgt,« entgegnete der Oberrichter, »ich will

die Gemeinde von der Last befreien.« Seine Wuth richtete sich nicht

gegen die Gefangenen allein. Gentlemen und Adelige von hohem Ansehen und

fleckenloser Loyalität, die es wagten, ihn auf einen mildernden Umstand

aufmerksam zu machen, konnten fast mit Gewißheit darauf rechnen, daß sie

eine Antwort von ihm erhielten, die er in der gemeinen Sprache, welche

er sich in den Bierhäusern von Whitechapel angeeignet hatte, einen

Schlag mit der rauhen Seite seiner Zunge nannte. Lord Stawell, ein

toryistischer Peer, der seinen Abscheu vor der Gewissenlosigkeit, mit

der seine unglücklichen Nachbarn hingeschlachtet wurden, nicht verhehlen

konnte, wurde dadurch bestraft, daß man über seinem Parkthore einen

Leichnam in Ketten aufhängte.[130] Aus derartigen Schauspielen

entsprangen manche schauerliche Geschichten, die sich die Landleute von

Somersetshire noch lange nachher am Weihnachtsfeuer beim Äpfelwein

erzählten. Noch in den letzten vierzig Jahren kannten in einigen

Districten Manche die verwünschten Stellen genau und gingen des Abends

nur mit Widerstreben an denselben vorüber.[131]

Jeffreys rühmte sich mehr Verräther gehängt zu haben, als alle seine

Vorgänger seit der Eroberung. Es ist gewiß, daß die Anzahl der Personen,

die er in einem Monate und in einer Grafschaft hinrichten ließ, bei

weitem die Zahl aller politischen Verbrecher übersteigt, welche seit der

Revolution auf unsrer Insel hingerichtet worden sind. Die Aufstände von

1715 und 1745 waren von längerer Dauer, von größerer Ausdehnung und viel

drohenderem Aussehen als der, welcher bei Sedgemoor niedergeworfen

wurde, und man war nicht allgemein der Ansicht, daß das Haus Hannover

sowohl nach der Rebellion von 1715 als auch nach der von 1745 in der

Milde zu weit gegangen sei. Gleichwohl muß die Anzahl der Hinrichtungen

von 1715 und 1745 zusammengenommen, im Vergleich mit denen, welche die

blutigen Assisen geschändet haben, gering erscheinen. Die Gesammtzahl

der Rebellen, welche Jeffreys auf dieser Rundreise hängen ließ, belief

sich auf dreihundertzwanzig.[132]

Ein solches Gemetzel hätte selbst dann Abscheu erregen müssen, wenn die

Verurtheilten im Allgemeinen hassenswerth gewesen wären. Aber sie waren

zum größten Theil Leute von tadellosem Wandel und wahrer Religiosität.

Sie betrachteten sich selbst und wurden auch von einem großen Theile

ihrer Nachbarn nicht als Missethäter, sondern als Märtyrer betrachtet,

welche die Wahrheit des protestantischen Glaubens mit ihrem Blute

besiegelten. Nur sehr wenige von den Verurtheilten legten Reue über das,

was sie gethan, an den Tag. Viele, die von dem alten puritanischen

Geiste beseelt waren, gingen dem Tode nicht nur standhaft, sondern sogar

freudig entgegen. Vergebens hielten ihnen die Diener der Staatskirche

Sermone über die Sündhaftigkeit des Aufruhrs und über die Wichtigkeit

der priesterlichen Absolution. Der Anspruch des Königs auf unbeschränkte

Autorität in weltlichen Dingen, und der Anspruch des Klerus auf die

geistliche Gewalt, zu verbinden und aufzulösen, erregten den bitteren

Spott der unerschrockenen Sectirer. Einige von ihnen componirten im

Gefängnisse Hymnen, die sie dann auf der verhängnißvollen Schleife

sangen. Christus, riefen sie aus, während sie sich zu dem Gemetzel

entkleideten, werde bald kommen, um Zion zu erlösen und Babylon zu

bekriegen; er werde sein Banner aufpflanzen, in seine Trompete stoßen

und seinen Feinden zehnfältig all' das Böse vergelten, das sie seinen

Dienern zugefügt. Die letzten Worte dieser Leute wurden aufgezeichnet,

ihre Abschiedsbriefe wie kostbare Schätze aufbewahrt, und so entstand

mit Hülfe einiger Erdichtung und Übertreibung ein umfänglicher Nachtrag

zur Marianischen Martyrologie.[133]

[Anmerkung 129: +Bloody Assizes.+]

[Anmerkung 130: +Locke's Western Rebellion.+]

[Anmerkung 131: Dies kann ich aus meinen eigenen

Jugenderinnerungen bestätigen.]

[Anmerkung 132: Lord Lonsdale sagt siebenhundert, Burnet

sechshundert. Ich habe die Listen zu Grunde gelegt, welche die

Richter an das Schatzamt einsandten und die noch daselbst aus dem

Briefbuche zu ersehen sind. Man sehe auch die +Bloody Assizes+;

+Locke's Western Rebellion+; +the Panegyric on Lord Jeffreys+;

+Burnet I. 648+; +Eachard III. 775+; +Oldmixon, 705.+]

[Anmerkung 133: Einige Gebete, Ermahnungen und Hymnen dieser

Dulder findet man in den +Bloody Assizes+.]

[_Abraham Holmes._] Einige Fälle verdienen noch besondere Erwähnung.

Abraham Holmes, ein verabschiedeter Offizier von der Parlamentsarmee und

einer von den Zeloten, welche keinen andren König als den König Jesus

anerkannten, wurde bei Sedgemoor gefangen genommen. Sein Arm war in der

Schlacht furchtbar verstümmelt und zerschmettert worden, und da kein

Wundarzt zur Hand war, schnitt der muthige alte Soldat ihn sich selbst

ab. Er wurde nach London abgeführt und vom Könige selbst im Rathe

verhört, wollte sich aber zu keiner Demüthigung erniedrigen. »Ich bin

ein alter Mann« sagte er, »und die kurze Spanne Zeit, die ich noch zu

leben habe, ist keiner Lüge oder Erniedrigung mehr werth. Ich war stets

ein Republikaner und bin es noch.« Er wurde nach dem Westen

zurückgesandt und gehängt. Das Volk bemerkte mit ängstlicher Scheu und

Verwunderung, daß die Thiere, die ihn zum Galgen schleppen sollten,

störrig wurden und umkehren wollten. Holmes selbst zweifelte nicht

daran, daß der Engel des Herrn, wie vor alter Zeit, mit dem Schwert in

der Hand im Wege stehe, dem menschlichen Auge unsichtbar, aber dem

niederen Thiere sichtbar. »Halt, Ihr Herren!« rief er aus, »laßt mich zu

Fuß gehen. Die Sache hat mehr zu bedeuten als Ihr glaubt. Erinnert Euch,

daß der Esel Den sah, den der Prophet nicht sehen konnte.« Mit festem

Schritte ging er zum Galgen, hielt lächelnd eine Ansprache an das Volk,

betete inbrünstig, Gott möge die Vernichtung des Antichrist und die

Befreiung Englands beschleunigen, und stieg die Leiter hinauf mit der

Entschuldigung, daß er es so ungeschickt mache. »Ihr seht« sagte er,

»daß ich nur einen Arm habe.«[134]

[Anmerkung 134: +Bloody Assizes+; +Locke's Western Rebellion+;

+Lord Lonsdale's Memoirs+; Bericht über die Schlacht von Sedgemoor

in den +Hardwicke Papers+.

Die Erzählung in +Clarke's life of James the Second+ ist nicht den

königlichen Handschriften entnommen und widerlegt sich selbst

hinlänglich.]

[_Christoph Battiscombe._] Nicht weniger muthig starb Christoph

Battiscombe, ein junger Templer von guter Familie und Vermögen, der in

Dorchester, einer freundlichen Provinzialstadt, die auf ihren guten

Geschmack und auf ihre Bildung stolz war, allgemein für das Muster eines

feinen Gentleman galt. Es wurde Alles aufgeboten, um ihn zu retten. Man

glaubte im Westen Englands, er sei mit einer jungen Dame von edlem

Geblüt, der Schwester des Sheriffs, verlobt, diese habe sich Jeffreys zu

Füßen geworfen und ihn um Gnade gebeten, Jeffreys aber habe sie mit

einem abscheulichen Witze von sich gestoßen, den zu wiederholen eine

Verletzung des Anstandes und der Menschlichkeit sein würde. Ihr

Geliebter erlitt in Lyme gläubig und standhaft den Tod.[135]

[Anmerkung 135: +Bloody Assizes+; +Locke's Western Rebellion+;

+Humble Petition of Widows and fatherless Children in the West of

England+; +Panegyric on Lord Jeffreys.+]

[_Die Gebrüder Hewling._] Noch größere Theilnahme erweckte das Schicksal

zweier tapferen Brüder, Wilhelm und Benjamin Hewling. Sie waren beide

jung, hübsch, gebildet und aus anständiger Familie. Ihr Großvater von

mütterlicher Seite hieß Kiffin, war einer der ersten Kaufleute in London

und wurde allgemein als das Oberhaupt der Baptisten betrachtet. Der

Oberrichter benahm sich beim Verhör gegen Wilhelm Hewling mit der ihm

eigenen Rücksichtslosigkeit. »Ihr habt einen Großvater,« sagte er zu

ihm, »der es eben so reichlich verdiente, gehängt zu werden wie Ihr.«

Der arme junge Mann, der erst neunzehn Jahr alt war, ertrug den Tod mit

solcher Ergebung und Standhaftigkeit, daß ein bei der Hinrichtung

anwesender Offizier von der Armee, der sich durch Rohheit und Härte

ausgezeichnet hatte, tief ergriffen wurde und äußerte: »Ich glaube

nicht, daß der Lordoberrichter selbst dabei ungerührt bleiben würde,«

Man hatte gehofft, Benjamin's Begnadigung zu erlangen. _Ein_ so

jugendliches Opfer war sicherlich genug für eine Familie. Jeffreys

selbst war zur Milde geneigt oder stellte sich wenigstens so. Der Grund

davon war der, weil einer seiner Verwandten, von dem er viel zu erwarten

hatte und den er daher nicht so behandeln konnte, wie er derartige

Bittsteller gewöhnlich behandelte, sich für die schwergeprüfte Familie

angelegentlich verwendete. Es wurde ein Aufschub bewilligt, um in London

anzufragen; und die Schwester des Gefangenen begab sich selbst mit einer

Bittschrift nach Whitehall. Viele Hofleute wünschten ihr glücklichen

Erfolg, und Churchill, zu dessen zahlreichen Fehlern wenigstens die

Grausamkeit nicht gehörte, verschaffte ihr eine Audienz. »Ich wünsche

Ihnen von ganzem Herzen den besten Erfolg,« sagte er, während sie sich

zusammen im Vorzimmer befanden, »aber schmeicheln Sie sich nicht mit

Hoffnungen. Dieser Marmor, setzte er hinzu, indem er die Hand auf den

Kaminsims legte, ist nicht härter als der König.« Seine Vermuthung

bestätigte sich, Jakob war unerbittlich. Benjamin Hewling starb mit

unerschrockenem Muthe unter lautem Wehklagen, in welches die um den

Galgen Wache haltenden Soldaten unwillkürlich einstimmten.[136]

Die zum Tode verurtheilten Rebellen waren indessen weniger zu beklagen

als manche von den Überlebenden. Verschiedene Gefangene, welche Jeffreys

des Hochverraths nicht überführen konnte, wurden geringerer Vergehen

schuldig befunden und zu nicht minder furchtbarer Auspeitschung

verurtheilt, als sie früher dem Oates zuerkannt worden war. Eine Frau

ward einiger geringfügiger Worte halber, wie sie in den Bezirken, wo der

Krieg gewüthet hatte, von der Hälfte der Frauen geäußert wurden, dazu

verurtheilt, durch alle Marktorte der Grafschaft Dorset gepeitscht zu

werden. Sie erlitt einen Theil ihrer Strafe noch vor Jeffreys' Rückkehr

nach London; als er aber den Westen verlassen hatte, nahmen die

Kerkerknechte unter stillschweigender Einwilligung der Behörden es auf

sich, sie mit weiteren Qualen zu verschonen.

[Anmerkung 136: In Bezug auf die Gebrüder Hewling habe ich mich an

Kiffin's Memoiren und an Mr. Hewling Luson's Erzählung in der

zweiten Ausgabe der +Hughes Correspondence vol. II. Appendix+

gehalten. Die Berichte in +Locke's Western Rebellion+ und in dem

+Panegyric on Jeffreys+ sind voll falscher Angaben. Der Bericht in

den +Bloody Assizes+ ist zum großen Theile von Kiffin verfaßt und

stimmt wörtlich mit seinen Memoiren überein.]

[_Tutchin's Strafe._] Eine noch fürchterlichere Strafe wurde über einen

jungen Menschen, Namens Tutchin, verhängt, der ebenfalls wegen

aufrührerischer Reden zur Untersuchung gezogen war. Er wurde, wie

gewöhnlich, in seiner Verteidigung durch gemeine und rohe Scherze vom

Richterstuhle herab unterbrochen. »Ihr seid ein Rebell und Eure ganze

Familie hat seit Adam's Zeiten aus Rebellen bestanden. Wie ich höre,

seid Ihr ein Dichter; ich will um die Wette Verse mit Euch machen.« Das

Urtel gegen den jungen Menschen lautete auf sieben Jahr Gefängniß,

während welcher Zeit er jedes Jahr durch alle Marktorte der Grafschaft

gepeitscht werden sollte. Die Frauen auf den Galerien brachen in Thränen

aus; der Gerichtsschreiber erhob sich in großer Aufregung und sagte:

»Mylord, der Gefangene ist noch sehr jung und es giebt viele Marktorte

in unsrer Grafschaft. Nach diesem Urtel wird er sieben Jahre lang alle

vierzehn Tage ausgepeitscht werden.« »Ein junger Mensch mag er sein,«

erwiederte Jeffreys, »aber nichts desto weniger ist er ein alter

Schurke. Meine Damen, Sie kennen den Buben nicht so wie ich. Die Strafe

ist eigentlich noch lange nicht hart genug für ihn; keine Macht Englands

soll sie abändern.« Tutchin bat in seiner Verzweiflung, und

wahrscheinlich im vollen Ernst, um die Gunst gehängt zu werden. Zu

seinem Glück erkrankte er an den Pocken und wurde von den Ärzten

aufgegeben. Da es sehr zweifelhaft war, ob das Urtel würde vollzogen

werden können, so ließ sich der Oberrichter durch eine Bestechungssumme,

die dem Gefangenen zum armen Manne machte, zur Zurücknahme desselben

bewegen. Der von Haus aus nicht sehr sanfte Character Tutchin's wurde

durch dieses Erlebniß bis zur Überspanntheit verbittert und er machte

sich späterhin als einer der heftigsten und unversöhnlichsten Feinde des

Hauses Stuart und der Torypartei bemerkbar.[137]

[Anmerkung 137: Siehe Tutchin's eigne Erzählung seines Prozesses

in den +Bloody Assizes.+]

[_Deportation von Rebellen._] Die Anzahl der Gefangenen, welche Jeffreys

zur Deportation verurtheilte, belief sich auf achthunderteinundvierzig.

Diese Leute, die noch viel unglücklicher waren als ihre dem Tode

überantworteten Leidensgefährten, wurden in Trupps abgetheilt und

Personen verliehen, welche bei Hofe in Gunst standen. Die Bedingungen

der Verleihung waren, daß die Verurtheilten als Sklaven über's Meer

transportirt würden, daß sie vor Ablauf von zehn Jahren nicht

freigelassen werden dürften, und daß der Ort der Verbannung irgend eine

westindische Insel sein müßte. Dieser letzte Punkt war mit raffinirter

Bosheit hinzugefügt worden, um das Elend der Gefangenen zu vermehren. In

Neuengland oder Neujersey würden sie eine ihnen freundlich gesinnte

Bevölkerung und ein der Gesundheit nicht nachtheiliges Klima gefunden

haben. Daher beschloß man, sie nach solchen Kolonien zu senden, wo ein

Puritaner keine besondere Theilnahme erwarten durfte und ein in der

gemäßigten Zone geborner Arbeiter für seine Gesundheit nicht viel Gutes

zu hoffen hatte. Der Stand des Sklavenmarktes war aber von der Art, daß

diese Unglücklichen trotz der langen Seereise und obgleich sie

voraussichtlich bald krank wurden, immer noch einen bedeutenden Werth

hatten. Nach Jeffreys' Schätzung war jeder von ihnen, nach Abzug aller

Unkosten, im Durchschnitt zehn bis fünfzehn Pfund Sterling werth. Es

fanden sich daher viele Bewerber für die Verleihung dieser Sklaven.

Einige Tories im Westen waren der Meinung, daß sie sich durch ihre

Leiden und Drangsale während der Insurrection gegründete Ansprüche auf

einen Antheil an dem Nutzen, der ihnen von den Schmarotzern zu Whitehall

gierig weggefischt worden sei, erworben hätten. Die Höflinge aber trugen

den Sieg davon.[138]

Das Elend der Verbannten kam dem der Negersklaven, welche jetzt von

Congo nach Brasilien verschifft werden, vollkommen gleich. Aus den

besten jetzt noch zugänglichen Quellen geht hervor, daß mehr als ein

Fünftel von den Deportirten vor Beendigung ihrer Reise den Haifischen

vorgeworfen wurden. Die Menschenladungen waren in den Kielräumen kleiner

Schiffe dicht zusammengedrängt, und die Unglücklichen, von denen viele

noch an ungeheilten Wunden litten, hatten so wenig Spielraum, daß sie

sich nicht alle zu gleicher Zeit niederlegen konnten, ohne auf einander

zu liegen. Auf das Verdeck durften sie niemals kommen; die Luken

waren beständig von Schildwachen besetzt, die mit Seitengewehr und

Muskete bewaffnet waren. Unten im Kerker herrschte Finsterniß,

pestilentialischer Geruch, Jammer, Krankheit und Tod. Von neunundneunzig

Verurtheilten, die auf einem Schiffe transportirt wurden, starben

zweiundzwanzig vor der Ankunft in Jamaika, obgleich die Reise

ungewöhnlich rasch von Statten ging, und als die Überlebenden den Ort

ihrer Bestimmung erreichten, waren sie nur noch Skelette. Mehrere Wochen

lang hatten sie so kärgliche Rationen von grobem Schiffszwieback und

fauligem Wasser bekommen, daß Einer mit leichter Mühe fünfmal so viel

hätte zu sich nehmen können. Sie kamen daher in einem solchen Zustande

an, daß der Kaufmann, an den sie consignirt waren, es für nöthig hielt,

sie erst zu mästen, bevor er sie verkaufte.[139]

[Anmerkung 138: Sunderland an Jeffreys, 14. Sept. 1685; Jeffreys

an den König, 19. Sept. 1685, im Staatsarchive.]

[Anmerkung 139: Die beste Schilderung der Leiden der zur

Deportation verurtheilten Rebellen findet sich in einer

interessanten Erzählung, geschrieben von Johann Coad, einem

rechtschaffnen und gottesfürchtigen Zimmermanne, der sich Monmouth

angeschlossen hatte, bei Philips Norton schwer verwundet, von

Jeffreys verurtheilt und nach Jamaika transportirt wurde. Das

Originalmanuscript ward mir von Herrn Phippard, dem es gehört,

freundlichst geliehen.]

[_Confiscationen und Erpressungen._] Unterdessen wurde das Eigenthum

sowohl der hingerichteten Rebellen, als auch der noch unglücklicheren,

die unter der tropischen Sonne dahinwelkten, von einer Menge gieriger

Kläger in Beschlag genommen und zerstückelt. Nach dem Gesetz ist ein

wegen Hochverraths verurtheilter Unterthan seines ganzen Vermögens

verlustig, und dieses Gesetz wurde nach Beendigung der blutigen Assisen

mit einer eben so grausamen als lächerlichen Strenge durchgeführt. Die

gebeugten Wittwen und die verlassenen Waisen der Arbeiter, deren

Leichname noch an den Kreuzwegen am Galgen hingen, wurden von den

Agenten des Schatzamtes aufgefordert, Rechenschaft darüber abzulegen,

wohin ein Korb, eine Gans, eine Speckseite, ein Fäßchen Äpfelwein, ein

Sack Bohnen oder ein Bündel Heu gekommen sei.[140] Während die niederen

Beamten der Regierung die Familien der hingeschlachteten Landleute

ausplünderten, sammelte der Oberrichter durch Ausplündrung einer höheren

Klasse von Whigs bedeutende Schätze. Er trieb einen ausgedehnten Handel

mit Begnadigungen. Das einträglichste Geschäft dieser Art machte er mit

einem Gentleman, Namens Edmund Prideaux. Es steht fest, daß Prideaux

nicht gegen die Regierung gekämpft hatte, und sein einziges Verbrechen

bestand wahrscheinlich in der Ererbung eines großen Vermögens, das ihm

sein Vater, ein ausgezeichneter Jurist, der unter dem Protector ein

hohes Amt bekleidet, hinterlassen hatte. Der Unglückliche schmachtete

lange im Kerker und verstand sich endlich aus Furcht vor dem Galgen

dazu, für seine Freilassung fünfzehntausend Pfund Sterling zu bezahlen.

Diese bedeutende Summe eignete sich Jeffreys zu. Er kaufte sich dafür

ein Landgut, welches das Volk nach jenem verfluchten Acker, der um den

Preis unschuldigen Blute's erkauft ward, Hakeldama nannte.[141]

In diesem Erpressungsgeschäft wurde er von dem Schmarotzerschwarm, der

mit ihm zu schwelgen und zu jubeln pflegte, wacker unterstützt. Das Amt

dieser Menschen bestand darin, daß sie den Verurtheilten, die von der

Angst vor dem Tode gequält wurden, und den Ältern, welche für das Leben

ihrer Kinder zitterten, als Unterhändler ansehnliche Geldversprechungen

zu erpressen suchten. Einen Theil der Beute überließ Jeffreys seinen

Agenten. Einem seiner Zechgenossen soll er, wie man sagt, die

Begnadigung eines reichen Hochverräthers bei einem Gelage über den Tisch

zugeworfen haben. Es war nicht rathsam, sich einer andren Fürsprache als

der seiner Creaturen zu bedienen, denn er war sehr eifersüchtig auf die

Erhaltung seines einträglichen Begnadigungsmonopols. Man vermuthete

sogar, daß er einige Personen lediglich deshalb an den Galgen schickte,

weil sie sich auf von ihm unabhängigen Wegen an die königliche Gnade

gewendet hatten.[142]

[Anmerkung 140: Unter den Papieren des Schatzamtes vom Herbst 1685

befinden sich mehrere Briefe, welche Nachforschungen nach

derartigen Kleinigkeiten anbefehlen.]

[Anmerkung 141: +Commons' Journals, Oct. 9., Nov. 10. & Dec. 26.

1690+; +Oldmixon, 706+; +Panegyric on Jeffreys.+]

[Anmerkung 142: +Life and Death of Lord Jeffreys+; +Panegyric on

Jeffreys+; +Kiffin's Memoirs.+]

[_Habgier der Königin und ihrer Hofdamen._] Einige Höflinge fanden

dessenungeachtet Mittel und Wege, um einen kleinen Gewinnantheil von dem

Handel zu ziehen, und ganz besonders zeichneten sich die Hofdamen der

Königin durch ihre Geldgier und Hartherzigkeit aus. Die Schuld an dieser

Schmach fällt zum Theil auf ihre Gebieterin, denn sie wurden lediglich

durch ihre Stellung an deren Hofe in den Stand gesetzt, sich durch einen

so abscheulichen Handel zu bereichern, und es unterliegt keinem Zweifel,

daß die Königin demselben durch ein Wort oder einen Wink hätte Einhalt

thun können. Allein sie bestärkte sie vielmehr darin durch ihr eignes

Beispiel, wenn nicht durch ausdrückliche Ermächtigung. Sie scheint der

zahlreichen Klasse von Menschen angehört zu haben, die im Unglück besser

sind als im Glück. So lange ihr Gemahl ein Unterthan und ein Verbannter

war, von jedem Staatsamte ausgeschlossen und in dringender Gefahr,

seines Geburtsrechts beraubt zu werden, gewannen ihr die

Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit ihres Auftretens selbst die Herzen

Derer, die ihren Glauben am meisten verabscheuten. Als aber ihr

Glücksstern aufging, verschwand ihre Gutherzigkeit. Die sanfte und

leutselige Herzogin wurde eine lieblose und hochmüthige Königin.[143]

Das Mißgeschick, das in der Folge über sie kam, hat zwar einige

Teilnahme für sie erweckt; aber diese Theilnahme würde viel größer sein,

wenn es sich nachweisen ließe, daß sie in den Tagen ihrer Größe nur ein

einziges Opfer von der schrecklichsten Proscription, die England je

gesehen hat, rettete, oder nur zu retten versuchte. Leider aber that

sie, so viel bekannt ist, für die Rebellen nichts weiter, als daß sie

darum anhielt, daß ihr von den zur Deportation Verurtheilten Hundert

geschenkt werden möchten.[144] Der Gewinn, den ihr diese Menschenladung

abwarf, kann nach reichlichem Abzug für Diejenigen, welche auf der

Überfahrt vor Hunger und an Krankheiten starben, auf mindestens tausend

Guineen angeschlagen werden. Wir dürfen uns demnach nicht wundern, daß

ihre Hofdamen das Beispiel ihrer unfürstlichen Habgier und ihrer

unweiblichen Grausamkeit nachahmten. So erpreßten sie tausend Pfund von

einem Kaufmanne in Bridgewater, Namens Roger Hoare, der einen Beitrag

zur Kriegskasse der Rebellenarmee gegeben hatte. Die Beute aber, nach

der sie sich am gierigsten zeigten, war eine, von der man hätte denken

sollen, daß auch der unedelste Character sie verschonen würde. Von den

Mädchen, welche Monmouth in Taunton eine Fahne überreichten, hatten

schon einige ihr Vergehen schwer büßen müssen. Eine von ihnen war in ein

Gefängnis geworfen worden, in welchem eine ansteckende Krankheit

wüthete. Sie ward von derselben ergriffen und starb. Eine Andre kam in

den Gerichtssaal, um Jeffreys um Gnade zu bitten. »Fort mit ihr,

Kerkermeister!« brüllte der Richter mit seiner finstren Miene, die schon

stärkere Gemüther als das ihrige mit Schrecken erfüllt hatte. Sie brach

in Thränen aus, zog ihre Haube über das Gesicht, verließ mit dem

Kerkermeister den Gerichtssaal, wurde krank von dem Schrecken und war in

wenigen Stunden eine Leiche. Die meisten der jungen Mädchen, die an dem

Zuge Theil genommen hatten, waren jedoch noch am Leben. Einige davon

waren unter zehn Jahr alt; alle hatten auf Befehl ihrer Lehrerinnen

gehandelt, ohne zu wissen, daß sie etwas Unrechtes thaten. Die

Ehrendamen der Königin baten ihre Gebieterin um die Erlaubniß, den

Eltern der armen Kinder Geld erpressen zu dürfen, und sie wurde ihnen

bewilligt. Es wurde der Befehl nach Taunton geschickt, alle diese jungen

Mädchen zu verhaften und ins Gefängniß zu werfen. Sir Franz Warre von

Hestercombe, der toryistische Abgeordnete für Bridgewater, wurde mit der

Eintreibung der Lösegelder beauftragt. Er sollte mit Entschiedenheit

erklären, daß die Ehrenfräulein keinen Aufschub gestatten könnten,

sondern entschlossen seien, die Sache bis zur Ächtung zu treiben, wenn

nicht eine angemessne Summe erlegt werde, und daß unter dieser

angemessnen Summe siebentausend Pfund zu verstehen seien. Warre lehnte

jedoch jede Theilnahme an einer so schmachvollen Unterhandlung ab. Die

Ehrendamen wendeten sich nun an Wilhelm Penn, und dieser übernahm den

Auftrag. Ein wenig von der starrsinnigen Scrupulosität, die er oft in

Betreff des Hutabnehmens gezeigt hatte, würde bei dieser Gelegenheit

nicht am unrechten Orte gewesen sein. Wahrscheinlich beschwichtigte er

die Mahnungen seines Gewissens dadurch, daß er sich einredete, es werde

von dem zu erpressenden Gelde nichts in seine eigne Tasche fließen, daß

die Damen leicht einen weniger humanen Diener finden würden, wenn er

sich weigerte, ihren Auftrag zu übernehmen, und daß er endlich durch

Willfährigkeit einen größren Einfluß bei Hofe erlangen werde, welcher

Einfluß ihn schon in den Stand gesetzt hatte und auch fernerhin in den

Stand setzen konnte, seinen unterdrückten Brüdern viel zu nützen. Die

Ehrendamen mußten sich übrigens schließlich mit weniger als einem

Drittel der verlangten Summe begnügen.[145]

Kein andrer englischer Souverain hat so starke Beweise von einer

grausamen Natur gegeben, als Jakob II. Seine Grausamkeit war jedoch

nicht gehässiger als seine Gnade, oder vielleicht richtiger gesagt,

seine Gnade und seine Grausamkeit waren von der Art, daß sie einander

gegenseitig schändeten. Unser Entsetzen über das Schicksal der einfachen

Bauern, der jungen Burschen und zarten Frauen, gegen die er mit

unerbittlicher Strenge verfuhr, steigert sich noch, wenn wir sehen, wem

und aus welchen Rücksichten er Verzeihung gewährte.

Das Verfahren, welches ein Fürst nach Unterdrückung eines Aufstandes bei

der Auswahl der zu bestrafenden Rebellen beobachten muß, ist vollkommen

klar. Die Rädelsführer, die Männer von Ansehen, Vermögen und Bildung,

welche durch ihre Macht und ihre Kunstgriffe die Menge verführten, sind

Diejenigen, über welche strenges Gericht zu halten ist. Das getäuschte

Volk kann, nachdem das Blutbad auf dem Schlachtfelde vorüber ist, kaum

zu mild behandelt werden. Diese Regel aber, welche doch augenfällig der

Gerechtigkeit und Menschlichkeit entspricht, wurde nicht allein nicht

befolgt, sondern sogar umgekehrt. Während Die, welche hätten verschont

werden sollen, zu Hunderten hingeschlachtet wurden, verschonte man die

Wenigen, die man gerade der äußersten Strenge des Gesetzes hätte

überlassen sollen. Diese verkehrte Milde hat manche Schriftsteller in

Verwunderung gesetzt, andere zu lächerlichen Lobhudeleien verleitet. Sie

war weder unerklärlich, noch lobenswerth; sie konnte in jedem einzelnen

Falle ganz leicht auf einen schmutzigen oder einen boshaften Beweggrund,

entweder auf Geldgier oder auf Blutdurst zurückgeführt werden.

[Anmerkung 143: +Burnet I. 368+; +Evelyn's Diary, Feb. 4.

1684--85, July 13. 1686.+ In einer damaligen Satire kommen die

Zeilen vor:

Als Herzogin sie sanft und mild sich zeigte,

Als Königin sie einem Teufel glich.]

[Anmerkung 144: Sunderland an Jeffreys, 14. Septbr. 1685.]

[Anmerkung 145: +Locke's Western Rebellion+; +Toulmin's History of

Taunton, ed. by Savage+; Briefe des Herzogs von Somerset an Sir F.

Warre; Brief Sunderland's an Penn vom 13. Febr. 1685--86 aus dem

Staatsarchive in Mackintosh's Sammlung.]

[_Verfahren gegen Grey, Cochrane, Storey, Wade, Goodenough und

Ferguson._] Bei Grey war kein mildernder Umstand vorhanden. Seine

Talente und Kenntnisse, der erbliche Rang, den er im Staate einnahm, und

der hohe Befehlshaberposten, den er in der Rebellenarmee bekleidet

hatte, würden ihn einer gerechten Regierung als viel straffälliger

bezeichnet haben als Alice Lisle, Wilhelm Hewling oder irgend einen von

den Hunderten unwissender Landleute, deren Köpfe und Glieder in

Somersetshire ausgestellt wurden. Aber Grey's Besitzungen waren groß und

unveräußerliches, erbliches Eigenthum seiner Familie. Er bezog nur den

Nießbrauch seiner Güter auf Lebenszeit und mehr als diese Rente konnte

er nicht verwirken. Starb er, so fiel Alles seinem nächsten Erben zu.

Wenn er begnadigt wurde, konnte er ein bedeutendes Lösegeld bezahlen,

und man gestattete ihm daher, sich dadurch loszukaufen, daß er dem

Lordschatzmeister eine Verschreibung auf vierzigtausend Pfund und

anderen Höflingen kleinere Summen einhändigte.[146]

Sir Johann Cochrane hatte unter den schottischen Rebellen die nämliche

Stellung eingenommen, wie Grey im Westen Englands. Es schien

unglaublich, daß Cochrane von einem so beispiellos rachsüchtigen Fürsten

Verzeihung erhalten würde. Aber er war der jüngere Sohn einer reichen

Familie, und man konnte daher nur wenn man ihn verschonte, Geld für ihn

erlangen. Sein Vater, Lord Dundonald, bot den Priestern des königlichen

Hauses ein Geschenk von fünftausend Pfund an und die Begnadigung wurde

ihm dafür bewilligt.[147]

Samuel Storey, ein bekannter Aufwiegler, welcher Kriegscommissar bei der

Rebellenarmee gewesen war und das unwissende Volk von Somersetshire

durch heftige Reden aufgestachelt hatte, in denen Jakob als Brandstifter

und Giftmischer dargestellt war, wurde ebenfalls begnadigt, denn Storey

konnte Jeffreys bei der Erpressung der fünfzehntausend Pfund von

Prideaux wichtige Dienste leisten.[148]

Von allen Verräthern waren Wade, Goodenough und Ferguson am wenigsten

berechtigt, Gnade zu erwarten. Diese drei Häupter des Aufstandes waren

zusammen vom Schlachtfelde von Sedgemoor geflohen und hatten glücklich

die Küste erreicht. Aber in der Nähe des Ortes, wo sie sich

einzuschiffen gedachten, hatten sie eine kreuzende Fregatte gefunden.

Sie hatten sich hierauf getrennt und Wade und Goodenough waren bald

entdeckt und nach London gebracht worden. Obgleich sie aber tief in das

Ryehousecomplot verwickelt und unter den Häuptern des Aufstandes im

Westen eine hervorragende Stellung eingenommen hatten, wurde ihnen

dennoch das Leben geschenkt, weil sie Aufschlüsse geben konnten, welche

den König in den Stand setzten, einige Personen, die er haßte, die er

aber noch nie eines Verbrechens hatte bezichtigen können, zum Tode zu

verurtheilen und auszuplündern.[149]

Auf welche Weise Ferguson davon kam, war und ist noch jetzt ein

Geheimniß. Er war von allen Feinden der Regierung ohne allen Zweifel der

strafbarste. Er war der erste Anstifter des Planes zur Ermordung der

königlichen Brüder; er hatte ferner die Erklärung verfaßt, die an

Frechheit, Gehässigkeit und Lügenhaftigkeit selbst unter den

Schmähschriften jener stürmischen Zeit ihres Gleichen nicht hatte, und

endlich war er Derjenige, der den Herzog von Monmouth erst zu dem

Einfalle in England und dann zu der Usurpation der Krone aufreizte. Es

ließ sich wohl erwarten, daß man auf den Erzverräther, wie er oft

genannt wurde, mit ganz besondrem Eifer fahnden werde, und einer

sorgfältigen Nachforschung konnte ein Mann von so auffallendem Äußeren

und Sprachdialecte schwerlich entgehen. In den Kaffeehäusern von London

erzählte man als ganz gewiß, daß Ferguson festgenommen sei, und diese

Nachricht fand bei Männern Glauben, welche die beste Gelegenheit hatten,

die Wahrheit zu erfahren. Das Nächste was man von ihm hörte, war, daß er

unangefochten auf dem Continent lebe. Man hatte ihn stark in dem

Verdachte, daß er eine regelmäßige Verbindung mit der Regierung

unterhalten, gegen die er gleichwohl beständig complotirte, daß er von

den Unternehmungen seiner Genossen, die er fortwährend zu den

übereiltesten Schritten drängte, gerade so viel nach Whitehall

berichtete, damit sein Hals nicht in Gefahr kam, und daß daher Befehl

gegeben wurde, ihn entschlüpfen zu lassen.[150]

Jetzt hatte Jeffrey's sein Werk beendigt und er kehrte zurück, um seinen

Lohn zu verlangen. Er kam wieder in Windsor an, nachdem er im ganzen

Westen Haufen von Leichen, und Trauer und Schrecken zurückgelassen

hatte. Der Haß, den die Bevölkerung von Somersetshire gegen ihn hegte,

hat in unsrer Geschichte nicht seines Gleichen. Weder die Zeit, noch

politische Veränderungen vermochten denselben zu ersticken, er pflanzte

sich fort von Geschlecht zu Geschlecht und wüthete noch heftig gegen

seine unschuldigen Nachkommen. Viele Jahre nach seinem Tode, als sein

Name und Titel längst erloschen waren, wurde seine Enkelin, die Gräfin

von Pomfret, auf einer Reise im Westen vom Pöbel insultirt und sah, daß

sie sich nicht mit Sicherheit unter die Nachkommen Derer wagen konnte,

welche die blutigen Assisen erlebt hatten.[151]

Am Hofe aber fand Jeffreys die herzlichste Aufnahme. Es war ein Richter

ganz nach dem Sinne seines Gebieters. Jakob hatte seine Rundreise mit

Interesse und mit großem Vergnügen verfolgt; in seinem Empfangzimmer und

an seiner Tafel hatte er oft von dem Gemetzel, das gegenwärtig unter

seinen mißvergnügten Unterthanen angerichtet wurde, mit einer

Schadenfreude gesprochen, über welche die fremden Gesandten erstaunten.

Er hatte mit eigner Hand Berichte über seines Lordoberrichters Feldzug

im Westen, wie er es scherzend nannte, aufgezeichnet. Einige hundert

Rebellen, schrieb Se. Majestät in den Haag, seien verurtheilt werden;

einige davon seien bereits gehängt, eine größere Anzahl sollte dies noch

werden, und der Rest solle nach den Kolonien geschickt werden. Umsonst

wendete sich Ken schriftlich an ihn, um Gnade für das irregeleitete Volk

zu erflehen, und schilderte mit ergreifender Beredtsamkeit die

entsetzliche Lage seines Sprengels. Er sagte, man könne auf keiner

Heerstraße gehen, ohne ein schreckliches Schauspiel zu erblicken, und

die Luft von Somersetshire sei mit Todesdünsten geschwängert. Der König

las das Schreiben, blieb aber so hart, wie der marmorne Kaminsims in

Whitehall, wie Churchill gesagt hatte.

[Anmerkung 146: +Burnet, I. 646+, und Sprecher Onslow's Note;

Clarendon an Rochester vom 8. Mai 1686.]

[Anmerkung 147: +Burnet, I. 634.+]

[Anmerkung 148: +Calamy's Memoirs+; +Commons' Journals, Dec. 26.

1690+; Sunderland an Jeffreys vom 14. Sept. 1685; Protokolle des

Geheimen Raths vom 26. Febr. 1685--86.]

[Anmerkung 149: +Lansdowne MS. 1152+; +Harl. MS. 6845+; +London

Gazette, July 20. 1685.+]

[Anmerkung 150: Viele Schriftsteller haben ohne den mindesten

Grund behauptet, daß Ferguson von Jakob einen Pardon erhalten

habe. Einige sind sogar so weit gegangen, diesen Pardon, der

übrigens, wenn er wirklich ertheilt worden wäre, nichts weiter

beweisen würde, als daß Ferguson ein Spion des Hofes war, als

Beleg für die Großmuth und Nachsicht des Fürsten anzuführen,

der Alice Lisle enthaupten und Elisabeth Gaunt verbrennen ließ.

Ferguson wurde nicht allein nicht speziell begnadigt, sondern

sogar von der im nächsten Frühjahr verkündeten Amnestie

ausdrücklich ausgeschlossen. (London Gazette vom 15. März

1685/86.) Wenn Jakob, wie das Publikum vermuthete und wie es

auch wahrscheinlich ist, stillschweigend Nachsicht gegen Ferguson

übte, so schämte er sich derselben nicht ohne Grund und hielt sie

möglichst geheim. Die damals in London umlaufenden Gerüchte werden

im Observator vom 1. August 1685 erwähnt.

Sir Johann Reresby, der gut unterrichtet sein konnte, behauptet

mit Bestimmtheit, daß Ferguson drei Tage nach der Schlacht von

Sedgemoor eingefangen wurde. Aber Reresby irrte sich ganz gewiß im

Datum und er kann sich daher wohl auch in der ganzen Geschichte

geirrt haben. Aus der London Gazette und aus Goodenough's

Geständniß (+Lansdowne MS. 1152.+) geht klar hervor, daß Ferguson

vierzehn Tage nach der Schlacht noch nicht gefangen war und daß

man vermuthete, er halte sich noch irgendwo in England verborgen.]

[Anmerkung 151: +Granger's Biographical History, »Jeffreys'«.+]

[_Jeffreys zum Lordkanzler ernannt._] In Windsor wurde das große Siegel

den Händen Jeffreys' übergeben, und in der nächsten Nummer der London

Gazette feierlich verkündet, daß diese Ehre eine Belohnung für die

vielen ausgezeichneten und treuen Dienste sei, die er der Krone

geleistet.[152]

Später, als die Leute aller Parteien mit Schaudern von den blutigen

Assisen sprachen, versuchten der schändliche Richter und der gottlose

König sich dadurch zu rechtfertigen, daß Jeder die Schuld auf den Andren

schob. Jeffreys versicherte im Tower, daß er selbst bei dem grausamsten

Verfahren nie die ausdrücklichen Befehle seines Gebieters überschritten

habe, ja sogar noch hinter denselben zurückgeblieben sei. Ebenso hätte

Jakob in St. Germain gern glauben gemacht, daß er selbst zur Milde

geneigt gewesen sei und daß die Gewaltthätigkeiten seines Dieners ihm

unverdienten Tadel zugezogen hätten. Doch keiner der beiden hartherzigen

Männer kann auf Kosten des Andren freigesprochen werden. Die

Vertheidigung Jakob's kann durch Dokumente von seiner eignen Hand als

thatsächlich falsch nachgewiesen werden, und Jeffreys' Vertheidigung

ist, selbst wenn sie sich auf wahre Thatsachen gründete, völlig

werthlos.

[Anmerkung 152: +Burnet, I. 648.+ Jakob an den Prinzen von

Oranien, 10. u. 24. September 1685; +Lord Lonsdale's Memoirs+;

+London Gazette, Oct. 1. 1685.+]

[_Cornish's Prozeß und Hinrichtung._] Das Gemetzel im Westen war

vorüber; nun sollte es in London beginnen. Es war der Regierung

namentlich darum zu thun unter den großen whiggistischen Kaufleuten der

City Schlachtopfer zu finden. Diese hatten unter der letzten Regierung

einen sehr gefürchteten Theil der Opposition gebildet. Sie waren reich,

und ihr Reichthum war nicht, wie der vieler Edelleute und Landgentlemen,

durch Fideicommisse gegen Confiscation gesichert. Bei Grey und anderen

Männern von ähnlicher Stellung war es unmöglich, den Blutdurst und die

Habgier zugleich zu befriedigen; ein reicher Kaufmann konnte gehängt und

auch ausgeplündert werden. Obgleich aber die Handelsfürsten im

Allgemeinen dem Papismus und der Willkürherrschaft feind waren, so waren

sie doch zu gewissenhaft oder zu ängstlich gewesen, als daß sie sich

hätten des Hochverraths schuldig machen sollen. Einer der angesehensten

unter ihnen war Heinrich Cornish. Er war unter der früheren Verfassung

der City Alderman gewesen und hatte zu der Zeit, als die Angelegenheit

der Ausschließungsbill die öffentliche Meinung beschäftigte, das Amt

eines Sheriffs bekleidet. Seiner politischen Ansicht nach war er ein

Whig und in seinen religiösen Ansichten neigte er sich zum

Presbyterianismus hin; aber er war äußerst besonnen und gemäßigt. Es ist

kein irgend glaubwürdiger Beweis dafür vorhanden, daß er je auch nur die

Grenze des Hochverraths berührte. In der That hatte er als Sheriff sich

nur sehr ungern dazu verstanden, einen so heftigen und characterlosen

Menschen wie Goodenough als Bevollmächtigten zu gebrauchen. Nach der

Entdeckung des Ryehousecomplots hegte man in Whitehall große Hoffnung,

daß sich Cornish's Theilnahme an demselben herausstellen werde; aber

diese Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Einer der Mitverschworenen,

Johann Rumsey, war zwar bereit Alles zu beschwören; aber ein Zeuge

genügte nicht, und ein zweiter war nicht aufzutreiben. Seitdem waren

über zwei Jahre vergangen. Cornish glaubte sich vollkommen sicher; aber

der Tyrann hatte ein scharfes Auge auf ihn. Goodenough, den die nahe

Aussicht auf den Tod schreckte und der noch einen Groll gegen seinen

ehemaligen Vorgesetzten hegte, weil er bei diesem nie in besondrer Gunst

gestanden hatte, erklärte sich bereit, das noch fehlende Zeugniß zu

ergänzen. Cornish wurde auf der Börse, während er Geschäfte abschloß,

verhaftet, ins Gefängniß geworfen, daselbst einige Tage in Einzelhaft

gehalten und dann völlig unvorbereitet vor die Schranken der Old Bailey

geführt. Die Anklage gegen ihn stützte sich lediglich auf die Aussagen

Rumsey's und Goodenough's. Beide waren eingestandenermaßen in das

Complot verwickelt, als dessen Theilnehmer sie den Gefangenen

beschuldigten. Beide wurden durch die stärksten Motive der Hoffnung und

Angst angetrieben, ihn als schuldig darzustellen, und außerdem lagen

Beweise dafür vor, daß Goodenough auch unter dem Einflusse persönlicher

Feindschaft stand. Endlich widersprach Rumsey's Angabe der Geschichte,

die er erzählt hatte, als er gegen Lord Russell zeugte. Aber alle diese

Umstände wurden vergebens geltend gemacht. Auf der Richterbank saßen

drei Richter, welche mit Jeffreys im Westen gewesen waren, und Leute,

die ihr Verhalten beobachteten, hatten bemerkt, daß sie von dem Gemetzel

in Taunton in einer übermüthigen und gereizten Stimmung zurückgekehrt

waren. Es ist in der That nur zu wahr, daß die Neigung zum Blutvergießen

eine Neigung ist, die selbst solche Menschen, welche von Natur durchaus

nicht blutdürstig sind, durch die Gewohnheit sehr schnell annehmen

können. Anwälte und Richter vereinigten sich in dem Bemühen, den

unglücklichen Whig niederzuschmettern, die von einem höfischen Sheriff

ernannte Jury gab bereitwilligst ein »Schuldig« ab und trotz des

unwilligen Murrens von Seiten des Publikums erlitt Cornish am zehnten

Tage nach seiner Verhaftung den Tod. Damit kein entehrender Umstand

fehlte, wurde der Galgen an der Stelle errichtet, wo Kingstreet in

Cheapside einmündet, dem Hause gegenüber, in welchem Cornish lange in

allgemeiner Achtung gelebt hatte, angesichts der Börse, an der er stets

in hohem Ansehen gestanden, und Guildhall's, wo er sich als ein Führer

des Volks ausgezeichnet hatte. Er starb muthig und mit vielen Äußerungen

von Frömmigkeit, legte aber in Blicken und Geberden eine so heftige

Entrüstung über die barbarische Ungerechtigkeit, mit der man gegen ihn

verfahren war, an den Tag, daß seine Feinde ein verleumderisches Gerücht

über ihn aussprengten. Sie sagten, er sei betrunken, oder nicht bei

Sinnen gewesen, als er aufgeknüpft wurde. Wilhelm Penn aber, der nahe

bei dem Galgen gestanden und der entschieden für die Regierung

eingenommen war, versicherte nachher, er habe in Cornish's Benehmen

nichts weiter als den natürlichen Unwillen eines schuldlosen Mannes, der

unter der Form des Gesetzes ermordet wird, finden können. Der Kopf des

gemordeten Magistratsbeamten wurde über Guildhall aufgepflanzt.[153]

[Anmerkung 153: Cornish's Prozeß in der +Collection of State

Trials+; +Sir J. Hawles's Remarks on Mr. Cornish's Trial+;

+Burnet. I. 651+; +Bloody Assizes+; +Stat. 1. Gul. & Mar.+]

[_Prozeß und Hinrichtung Fernley's und der Elisabeth Gaunt._] So schwarz

dieser Fall auch war, es war noch nicht der schwärzeste, der die

damalige Herbstsession der Old Bailey schändete. Unter den bei dem

Ryehousecomplot Betheiligten war auch ein gewisser Jakob Burton. Er war

nach seinem eignen Geständniß dabei zugegen gewesen, als der Mordplan

von seinen Mitverschwornen berathen wurde. Nach Entdeckung des Complots

wurde auf seine Festnehmung eine Belohnung gesetzt. Eine alte Matrone,

baptistischen Glaubens, Namens Elisabeth Gaunt, rettete ihn vom Tode.

Diese Frau verband mit den eigenthümlichen Manieren und Redensarten,

durch welche sich damals ihre Secte auszeichnete, eine barmherzige

Menschenliebe. Der Zweck ihres ganzen Lebens war die Unterstützung der

Unglücklichen jedes Glaubensbekenntnisses, und sie war als eine

regelmäßige Besucherin der Gefängnisse allgemein bekannt. Ihre

politische und religiöse Meinung sowohl als ihr mitleidiges Herz trieben

sie an, Alles, was in ihren Kräften stand, für Burton zu thun. Sie

verschaffte ihm ein Boot, das ihn nach Gravesend mitnahm, wo er an Bord

eines nach Amsterdam bestimmten Schiffes ging. Im Augenblicke der

Abreise gab sie ihm noch eine für ihre Verhältnisse sehr bedeutende

Summe Geldes. Nachdem Burton einige Zeit in der Verbannung gelebt hatte,

kehrte er mit Monmouth nach England zurück, focht bei Sedgemoor und

flüchtete sich dann nach London in das Haus eines Barbiers in

Whitechapel, Namens Johann Fernley. Fernley war sehr arm, wurde von

Gläubigern gedrängt und wußte, daß auf Burton's Einlieferung von der

Regierung hundert Pfund Sterling ausgesetzt waren. Aber der wackere Mann

war nicht im Stande, einen Menschen zu verrathen, der in der äußersten

Gefahr unter sein schützendes Dach gekommen war. Unglücklicherweise

wurde es bald ruchbar, daß Jakob's Zorn weit heftiger gegen Diejenigen

entbrannt war, welche Rebellen beherbergten, als gegen die Rebellen

selbst. Er hatte öffentlich erklärt, daß das Verbergen von Verräthern

vor seiner Rache die unverzeihlichste Form des Hochverraths sei. Burton

wußte dies. Er stellte sich daher freiwillig der Regierung und

denuncirte Fernley und Elisabeth Gaunt. Sie wurden verhaftet, die

Untersuchung gegen sie eingeleitet, und der Schurke, dem sie das Leben

gerettet, hatte den Muth und die Frechheit, als Hauptzeuge gegen sie

aufzutreten. Sie wurden für schuldig befunden und Fernley zum Galgen,

Elisabeth Gaunt aber zum Scheiterhaufen verurtheilt. Selbst nach all'

den Gräuelscenen jenes Schreckensjahres hielten Viele es für unmöglich,

daß diese Urtheile vollzogen werden könnten. Aber der König kannte kein

Erbarmen. Fernley wurde gehängt und Elisabeth Gaunt an dem nämlichen

Tage, an welchem Cornish in Cheapside den Tod erlitt, in Tyburn lebendig

verbrannt. Sie hinterließ einige Aufzeichnungen, die zwar nicht in einem

eleganten Style, aber doch so geschrieben waren, daß viele Tausende sie

mit tiefer Rührung und zugleich mit Entsetzen lasen. »Mein Vergehen«,

sagte sie, »war eines, das ein Fürst wohl hätte verzeihen können. Ich

half nur einer unglücklichen Familie, und dafür muß ich nun sterben!«

Sie beklagte sich über die Rücksichtslosigkeit der Richter, über die

Härte des Kerkermeisters und über die Tyrannei des Größten von Allen,

der sie und so viele Andere dem Tode überliefert. Insofern diese

Menschen nur ihr persönlich Unrecht gethan hätten, vergäbe sie ihnen,

als unversöhnliche Feinde der guten Sache aber, die schon wieder

aufleben und gedeihen werde, überlasse sie sie dem Richterspruche des

Königs der Könige. Sie bewahrte bis zum letzten Augenblicke eine ruhige

Fassung, welche die Zuschauer an die heldenmüthigsten Beispiele von

Todesverachtung erinnerte, die sie in Fox gelesen hatten. Wilhelm Penn,

für den Schauspiele, welche zartfühlende Menschen in der Regel meiden,

einen ganz besondren Reiz gehabt zu haben scheinen, eilte von Cheapside,

wo er Cornish hatte hängen sehen, nach Tyburn, um Elisabeth Gaunt

verbrennen zu sehen. Er erzählte nachher, daß alle Umstehenden in

Thränen ausgebrochen seien, als sie ruhig das Stroh um sich herum so

ordnete, daß ihre Leiden möglichst abgekürzt werden möchten. Es wurde

viel davon gesprochen, daß, während der abscheulichste Justizmord verübt

ward, der jene Schreckenszeit schändete, ein Sturm losbrach, wie man ihn

seit dem großen Orkane, der um das Todesbett Oliver Cromwell's wüthete,

nicht wieder erlebt hatte. Die bedrückten Puritaner zählten nicht ohne

finstre Genugthuung die umgeworfenen Häuser und verschlagenen Schiffe

zusammen und fanden einigen Trost in dem Gedanken, daß der Himmel seinen

Zorn über die Ungerechtigkeiten, unter denen die Erde seufzte, so

sprechend äußere. Seit jenem fürchterlichen Tage hat in England kein

Weib wieder eines politischen Verbrechens wegen den Tod erlitten.[154]

[Anmerkung 154: Prozeß Fernley's und der Elisabeth Gaunt in der

+Collection of State Trials+; +Burnet I. 649+; +Bloody Assizes+;

+Sir J. Bramston's Memoirs+; +Luttrell's Diary, Oct. 23. 1685.+]

[_Prozeß und Hinrichtung Bateman's._] Man war der Meinung, daß

Goodenough's Begnadigung noch nicht hinreichend gesühnt sei. Die

Regierung wollte noch ein Opfer niederen Standes vernichten, einen

Wundarzt, Namens Bateman. Er war Arzt bei Shaftesbury und ein eifriger

Exclusionist gewesen; es ist möglich, daß er in das Whigcomplot

eingeweiht war, so viel aber steht fest, daß er nicht zu den leitenden

Häuptern der Verschwörung gehörte, denn in der großen Menge von

Aussagen, welche die Regierung veröffentlichte, war sein Name nur einmal

genannt, und zwar nicht in Verbindung mit irgend einem an Hochverrath

grenzenden Verbrechen. Aus seiner Anklageacte und den auf uns gekommenen

spärlichen Angaben über seinen Prozeß scheint klar hervorzugehen, daß er

der Betheiligung an dem Plane, die königlichen Brüder zu ermorden, nicht

einmal beschuldigt wurde. Die Gehässigkeit, mit der ein so unbedeutender

und eines so geringfügigen Vergehens schuldiger Mann dem Tode

überliefert wurde, während viel straffälligere und wichtigere

Hochverräther sich dadurch loskauften, daß sie als Zeugen gegen ihn

auftraten, schien einer Erklärung zu bedürfen, und man fand auch eine

solche, die aber schmachvoll genug war. Als Oates nach seiner

Auspeitschung besinnungslos und Aller Meinung nach schon halb todt nach

Newgate gebracht worden war, hatte Bateman ihn zur Ader gelassen und ihn

verbunden. Das war ein unverzeihliches Verbrechen. Bateman wurde

verhaftet und in Anklagestand versetzt. Die gegen ihn auftretenden

Zeugen waren ehrlose Menschen, die jeden möglichen Eid ablegten, wenn

sie dadurch ihr Leben retten konnten. Keiner von ihnen war schon

begnadigt, und das Volk pflegte zu sagen, daß sie wie abgerichtete

Seeraben mit dem Stricke um den Hals nach Beute fischten. Der durch

Krankheit geistig und körperlich angegriffene Gefangne war nicht im

Stande, vernehmlich zu sprechen, noch zu verstehen, was um ihn her

vorging. Sein Sohn und seine Tochter standen vor Gericht an seiner

Seite; sie lasen so gut sie konnten einige Angaben vor, die er

niedergeschrieben hatte, und befragten die Entlastungszeugen. Doch es

half ihnen nichts, ihr Vater wurde verurtheilt, gehängt und

geviertheilt.[155]

[Anmerkung 155: Bateman's Prozeß in der +Collection of State

Trials+; +Sir John Hawles's Remarks+. Es ist der Mühe werth,

Thomas Lee's Aussagen bei dieser Gelegenheit mit seinem früher

amtlich veröffentlichten Geständnisse zu vergleichen.]

[_Grausame Verfolgung der protestantischen Dissenters._] Noch nie,

selbst nicht unter Laud's tyrannischer Herrschaft, war die Lage der

Puritaner so traurig gewesen, als zu jener Zeit. Nie war so eifrig

spionirt worden, um religiöse Versammlungen zu entdecken, nie hatten

Behörden, Mitglieder der großen Jury, Pfarrer und Kirchenälteste eine

solche Wachsamkeit entwickelt. Viele Dissenters wurden vor die

geistlichen Gerichtshöfe geladen; Andere hielten es für nöthig, die

Nachsicht der Regierungsagenten durch Geschenke zu erkaufen, welche zum

Beispiel in Fässern Wein und in mit Guineen gefüllten Handschuhen

bestanden. Die Separatisten konnten nicht gemeinschaftlich beten, ohne

Vorsichtsmaßregeln zu beobachten, wie sie von Falschmünzern und

Diebshehlern angewendet werden. Die Versammlungsorte wurden häufig

gewechselt; der Gottesdienst wurde zuweilen kurz vor Tagesanbruch,

zuweilen mitten in der Nacht gehalten; um das Gebäude, in welchem die

kleine Heerde versammelt war, wurden Wachen ausgestellt, um sogleich

Lärm zu machen, wenn ein Unbekannter sich näherte. Der Geistliche wurde

verkleidet durch den Garten und durch eine Hinterthür eingeführt; in

einigen Häusern waren Fallthüren, durch die er bei vorkommender Gefahr

verschwinden konnte. Wo Nonconformisten nebeneinander wohnten, waren oft

die Wände durchbrochen und verborgene Communicationsthüren angebracht.

Kein Psalm wurde gesungen und allerhand künstliche Mittel angewendet, um

zu verhindern, daß die Stimme des Predigers in Momenten feuriger

Inbrunst außerhalb der Mauern gehört werden konnte. Doch bei aller

dieser Vorsicht war es oft unmöglich, die Wachsamkeit der Späher zu

täuschen. Besonders in den Vorstädten Londons wurde das Gesetz mit der

äußersten Strenge durchgeführt. Mehrere reiche Leute wurden angeklagt,

daß sie Conventikel hielten, ihre Häuser streng durchsucht und

sie mit Geldstrafen bis zu mehreren tausend Pfund belegt. Die

leidenschaftlicheren und furchtloseren Sectirer, welche so aus ihrem

schützenden Obdache vertrieben wurden, versammelten sich dann unter

freiem Himmel, und beschlossen, Gewalt mit Gewalt zu erwiedern. Ein

Richter von Middlesex, der erfahren hatte, daß in einer Sandgrube,

ungefähr zwei Meilen von London, eine nächtliche Betversammlung

stattfinden sollte, drang mit einer starken Abtheilung Constabler in die

Versammlung ein und verhaftete den Prediger. Aber die aus zweihundert

Köpfen bestehende Gemeinde befreite ihren Geistlichen wieder und schlug

den Beamten mit seinen Schergen in die Flucht.[156] Dies war jedoch ein

ungewöhnlicher Fall, denn im Allgemeinen schien der puritanische Geist

damals viel wirksamer eingeschüchtert, als zu irgend einer früheren oder

späteren Zeit. Die toryistischen Tagesschriftsteller rühmten sich, daß

nicht ein Fanatiker zur Vertheidigung seiner religiösen Ansichten die

Zunge oder die Feder zu rühren wage. Dissenterprediger vom tadellosesten

Lebenswandel und von ausgezeichneter Bildung und Gelehrsamkeit durften

es nicht wagen, auf die Straße zu gehen, wenn sie sich nicht

Beleidigungen und Mißhandlungen aussetzen wollten, welche von Denen,

deren Pflicht es war, Ruhe und Frieden aufrecht zu erhalten, nicht nur

nicht verhindert, sondern sogar begünstigt wurden. Einige berühmte

Theologen saßen im Gefängniß, unter ihnen Richard Baxter; Andere, die

ein Vierteljahrhundert lang die Unterdrückung ertragen hatten, verloren

endlich den Muth und verließen das Land. Unter diesen befand sich Johann

Howe. Eine Menge Leute, welche früher Conventikel zu besuchen pflegten,

gingen in die Pfarrkirchen. Man machte die Bemerkung, daß die

Schismatiker, welche durch die Angst angetrieben worden waren, sich

scheinbar der Staatskirche anzubequemen, leicht an der Schwierigkeit,

mit der sie die Collecte fanden, und an der linkischen Art zu erkennen

waren, mit der sie sich bei dem Namen Jesu verneigten.[157]

Noch viele Jahre lang erinnerten sich die Nonconformisten des Herbstes

1685 als einer Zeit der Noth und des Schreckens. Dennoch waren in jenem

Herbste schon die ersten schwachen Anzeichen eines Schicksalswechsels zu

bemerken, und noch vor Ablauf von achtzehn Monaten bewarben sich der

unduldsame König und die unduldsame Kirche eifrigst um die Unterstützung

der Partei, welche beide so tief gekränkt hatten.

[Anmerkung 156: Citters, 13.(23.) Oct. 1685.]

[Anmerkung 157: +Neal's History of the Puritans, Calamy's Account

of the ejected ministers+, und +The Nonconformist Memorial+

enthalten zahlreiche Beispiele von der Härte dieser Verfolgungen.

Howe's Abschiedsbrief an seine Gemeinde findet man in der

interessanten Lebensbeschreibung dieses großen Mannes von Rogers.

Howe beklagt sich darin, daß er es nicht wagen dürfe, sich auf den

Straßen Londons zu zeigen und daß der Mangel an frischer Luft und

Bewegung seine Gesundheit angegriffen habe. Die lebendigste

Schilderung des Elends der Nonconformisten aber giebt ihr Todfeind

Lestrange im Observator vom September und October 1685.]

* * * * *

* * * *

Sechstes Kapitel.

Jakob II.

=Inhalt.=

Seite

Jakob's Macht auf dem höchsten Gipfel 5

Seine auswärtige Politik 6

Seine Pläne in Betreff der inneren Verwaltung 6

Die Habeas-Corpus-Acte 6

Das stehende Heer 6

Pläne zu Gunsten der römisch-katholischen Religion 8

Verletzung der Testacte. -- Halifax fallt in Ungnade 11

Allgemeine Unzufriedenheit 12

Verfolgung der französischen Hugenotten 13

Eindruck dieser Verfolgung in England 15

Zusammentritt des Parlaments, Rede des Königs 15

Es bildet sich eine Opposition im Hause der Gemeinen 16

Ansichten auswärtiger Regierungen 17

Comité der Gemeinen wegen der Thronrede 18

Niederlage der Regierung 21

Zweite Niederlage der Regierung 22

Der König giebt den Gemeinen einen Verweis 22

Coke wird wegen Verletzung der dem Könige schuldigen

Achtung von den Gemeinen mit Gefängnißstrafe belegt 23

Opposition gegen die Regierung im Hause der Lords.

Der Earl von Devonshire 24

Der Bischof von London 25

Viscount Mordaunt 25

Prorogation des Parlaments 27

Prozeß Lord Gerard's und Hampden's 27

Delamere's Prozeß 28

Eindruck seiner Freisprechung 30

Parteien am Hofe 31

Stimmung der protestantischen Tories 31

Veröffentlichung hinterlassener Papiere Karl's II. 32

Stimmung der achtungswerthen Katholiken 33

Cabale heftiger Katholiken 34

Castelmaine 34

Jermyne. -- White. -- Tyrconnel 35

Gesinnung der fremden Gesandten 37

Spaltung zwischen dem Papste und der Gesellschaft Jesu 38

Der Jesuitenorden 39

Pater Petre 43

Stimmung und Ansichten des Königs 43

Sunderland bestärkt den König in seinen Irrthümern 45

Treulosigkeit Jeffreys'. -- Godolphin und die Königin 47

Liebeshändel des Königs 48

Katharine Sedley 48

Intriguen Rochester's zu Gunsten der Katharine Sedley 49

Sinken von Rochester's Einfluß 52

Castelmaine wird nach Rom gesandt 53

Die Hugenotten werden von Jakob übel behandelt 53

Das Dispensationsrecht. -- Absetzung widerspenstiger

Richter 56

Prozeß Sir Eduard Hales' 58

Römische Katholiken werden zum Besitz geistlicher

Pfründen ermächtigt 59

Die Dechanei von Christchurch wird einem Katholiken

verliehen 60

Besetzung von Bisthümern 60

Entschluß Jakob's, sein kirchl. Supremat geg. die Kirche

zu gebrauchen 61

Die ihm entgegenstehenden Schwierigkeiten 51

Er errichtet einen neuen Gerichtshof der Hohen Commission 63

Verfahren gegen den Bischof von London 66

Die öffentliche Schaustellung römisch-katholischer

Gebräuche und Trachten erregt Unzufriedenheit 67

Tumulte 68

Es wird bei Hounslow ein Lager gebildet 69

Samuel Johnson 70

Hugo Speke 71

Prozeß gegen Johnson 72

Eifer der anglikanischen Geistlichkeit gegen den Papismus 73

Streitschriften 73

Die römisch-katholischen Theologen besiegt 74

Zustand Schottlands. -- Queensberry 76

Abfall Perth's und Melfort's 77

Begünstigung der katholischen Religion in Schottland 78

Aufstände in Edinburg 78

Zorn des Königs 79

Seine Pläne in Betreff Schottlands 79

Eine Deputation schottischer Geheimräthe begiebt sich

nach London 80

Ihre Unterhandlungen mit dem Könige 81

Zusammentritt der schottischen Stände 81

Sie zeigen sich widerspenstig 81

Sie werden vertagt. -- Willkürherrschaft in Schottland 84

Irland. -- Zustand des irischen Rechts in Glaubenssachen 86

Feindseligkeit der Stämme 86

Das eingeborne Landvolk. -- Der eingeborne Adel 87

Zustand der englischen Colonie 89

Verfahren, welches Jakob hätte beobachten sollen 90

Seine Fehlgriffe 92

Clarendon's Ankunft in Irland als Lordlieutenant 93

Seine Kränkungen. -- Schrecken unter den Colonisten 94

Tyrconnel's Ankunft in Dublin als General 96

Seine Parteilichkeit und Willkür 97

Er sucht die Ansiedlungsacte aufzuheben 98

Er kehrt nach England zurück 98

Der König ist unzufrieden mit Clarendon 98

Angriff der jesuitischen Cabale gegen Rochester 99

Jakob's Versuche, Rochester zu bekehren 101

Rochester's Entlassung 104

Entlassung Clarendon's 105

Tyrconnel Lordstellvertreter 105

Besorgnisse der englischen Ansiedler in Irland 107

Eindruck des Sturzes der Hyde 107

[_Jakob's Macht auf dem höchsten Gipfel._] Jakob stand jetzt -- 1685 --

auf dem Gipfel der Macht und des Glücks. Er hatte seine Feinde in

England und in Schottland besiegt und sie mit einer Strenge bestraft,

die sie zwar zum bittersten Haß gereizt, aber doch zu gleicher Zeit

ihren Muth wirksam gebrochen hatte. Die Whigpartei schien erloschen zu

sein und die Bezeichnung »Whig« wurde nur noch in tadelndem Sinne

gebraucht. Das Parlament war dem Könige ergeben und es stand in seiner

Macht, dieses Parlament bis ans Ende seiner Regierung beizubehalten. Die

Kirche versicherte ihn lauter als je ihrer Anhänglichkeit und hatte

während des letzten Aufstandes diesen Versicherungen entsprechend

gehandelt. Die Richter waren seine Werkzeuge, und wollten sie es nicht

mehr sein, so konnte er sie nach Belieben absetzen. Alle

Staatskörperschaften waren mit seinen Kreaturen angefüllt, seine

Einkünfte überstiegen bei weitem die seiner Vorgänger. Sein Stolz hob

sich gewaltig. Er war nicht mehr der nämliche Mann, der wenige Monate

zuvor aus Besorgniß, daß sein Thron in einer Stunde umgestürzt werden

könnte, mit unköniglichem Flehen auswärtige Hülfe erbeten und mit

Thränen des Dankes angenommen hatte. Visionen von Herrschaft und Ruhm

zogen an seiner Seele vorüber, er sah sich schon im Geiste als den

Schiedsrichter Europa's, als Beschützer vieler durch eine allzumächtige

Monarchie unterdrückter Staaten. Schon im Monat Juni hatte er die

Vereinigten Provinzen versichert, daß, sobald die Angelegenheiten

Englands geordnet seien, er der Welt zeigen werde, wie wenig er

Frankreich fürchte. In Übereinstimmung mit diesen Versicherungen schloß

er kaum einen Monat nach der Schlacht von Sedgemoor mit den

Generalstaaten einen Defensivvertrag, der ganz im Geiste der

Tripelallianz gefaßt war. Es wurde im Haag sowohl wie in Versailles als

ein bedeutungsvoller Umstand betrachtet, daß Halifax, der stete Todfeind

des französischen Übergewichts, der seit dem Beginn der gegenwärtigen

Regierung nicht ein einziges Mal in einer wichtigen Angelegenheit zu

Rathe gezogen worden war, bei dieser Gelegenheit die Hauptrolle spielte

und das Organ des Königs zu sein schien. Nicht minder bedeutsam war der

Umstand, daß Barillon nicht vorher benachrichtigt worden war, so daß

sowohl diesen als seinen Gebieter die Mittheilung nicht wenig

überraschte. Ludwig war sehr betroffen und äußerte große und

wohlbegründete Besorgnisse wegen der ferneren Pläne eines Fürsten, der

noch vor Kurzem sein Söldling und Vasall gewesen war. Es ging stark die

Rede, daß Wilhelm von Oranien damit beschäftigt sei, ein großes Bündniß

zu Stande zu bringen, welches beide Linien des Hauses Österreich, die

Vereinigten Provinzen, das Königreich Schweden und das Kurfürstenthum

Brandenburg umfassen sollte. Jetzt schien es, als würde der König und

das Parlament von England an der Spitze dieses Bündnisses stehen[1].

[Anmerkung 1: +Avaux Neg. Aug. 6.(16.) 1685+; Depesche von Citters

an seine Collegen vom 14.(24.) August, den Vertrag enthaltend;

Ludwig an Barillon, 14.(24.) und 20.(30.) August.]

[_Seine auswärtige Politik._] Es wurden auch in der That Unterhandlungen

eröffnet, die auf ein solches Resultat hinzielten. Spanien schlug ein

enges Bündniß mit Jakob vor, und er lieh diesem Vorschlage ein geneigtes

Ohr, obwohl es auf der Hand lag, daß ein solches Bündniß gleichbedeutend

mit einer Kriegserklärung gegen Frankreich gewesen wäre. Er verschob

jedoch seine definitive Entscheidung bis nach der Wiedereinberufung des

Parlaments. Das Schicksal der ganzen Christenheit hing von der Stimmung

ab, in der er das Haus der Gemeinen finden würde. Waren sie geneigt auf

seine Ideen bezüglich der inneren Verwaltung einzugehen, so hinderte ihn

nichts, sich mit Energie und Nachdruck in den großen Streit zu mischen,

der auf dem Continent bald zur Entscheidung kommen mußte; zeigten sie

sich dagegen widerspenstig, so mußte er jeden Gedanken daran, als

Schiedsrichter zwischen streitende Nationen zu treten, aufgeben, mußte

aufs neue den Beistand Frankreichs erbitten und sich dessen Vorschriften

unterwerfen, mußte zu einem Potentaten dritten oder vierten Ranges

herabsinken und sich für die Verachtung, mit der das Ausland auf ihn

niederblickte, durch Triumphe über das Gesetz und die öffentliche

Meinung im eigenen Lande entschädigen.

[_Seine Pläne in Betreff der inneren Verwaltung._] Es hatte in der That

den Anschein, als ob es nicht leicht sein würde, mehr zu verlangen, als

die Gemeinen zu bewilligen geneigt waren. Sie hatten schon genugsam

bewiesen, daß sie seine Prärogative ungeschmälert aufrecht zu erhalten

wünschten und daß sie es mit seinen Eingriffen in die Rechte des Volks

nicht so genau nehmen würden. Elf Zwölftel der Mitglieder waren entweder

vom Hofe abhängig oder eifrige Kavaliere vom Lande. Es gab nur Weniges,

was eine solche Versammlung dem Souverain beharrlich verweigern konnte,

und zum Glück für die Nation war dieses Wenige gerade das, auf was Jakob

sich capricirte.

[_Die Habeas-Corpus-Acte._] Einer seiner Hauptzwecke war die Aufhebung

der Habeas-Corpus-Acte, die er haßte, wie ein Tyrann naturgemäß den

stärksten Zügel hassen mußte, den je eine Gesetzgebung der Tyrannei

anlegte. Dieser Gedanke beschäftigte seinen Geist bis zum letzten

Augenblicke und ist auch in den Instructionen ausgesprochen, die er in

der Verbannung für seinen Sohn niederschrieb[2]. Aber obgleich die

Habeas-Corpus-Acte während der Herrschaft der Whigs erlassen war, so war

sie doch den Tories nicht weniger theuer als jenen. Es ist auch in der

That nicht zu verwundern, daß dieses große englische Gesetz von allen

Engländern ohne Unterschied der Partei hoch geschätzt wird, denn es ist

ein Gesetz, das nicht auf Umwegen, sondern unmittelbar die Sicherheit

und das Glück jedes Bewohners des Königreichs erhöht[3].

[Anmerkung 2: Instructionen mit der Überschrift: »Für meinen Sohn,

den Prinzen von Wales, 1692« in den Stuart-Papieren.]

[Anmerkung 3: »Die Habeas-Corpus-Acte,« sagte Johnson, der

eingefleischteste Tory, zu Boswell, »ist der einzige Vorzug, den

unsre Verfassung vor den Verfassungen anderer Staaten hat.«]

[_Das stehende Heer._] Jakob hatte noch einen andren Plan, welcher der

Partei, die ihn auf den Thron erhoben und auf demselben erhalten hatte,

verhaßt war: die Bildung eines großen stehenden Heeres. Er hatte den

letzten Aufstand benutzt, um die ihm von seinem Bruder hinterlassene

Streitmacht bedeutend zu verstärken. Die Truppentheile, welche jetzt

als die sechs ersten Regimenter Gardedragoner bezeichnet werden,

so wie das dritte und vierte Dragonerregiment und die neun

Linieninfanterieregimenter, vom siebenten bis fünfzehnten

einschließlich, waren eben erst errichtet worden[4]. Durch diese

Vermehrungen, verbunden mit der Zurückberufung der Garnison von Tanger,

war die Stärke der regulären Truppen Englands binnen wenigen Monaten

von sechstausend auf nahe an zwanzigtausend Mann gestiegen. Noch kein

englischer König hatte in Friedenszeiten über eine solche Heeresmacht zu

verfügen gehabt, dennoch aber war Jakob noch nicht damit zufrieden. Er

äußerte sehr oft, daß man sich auf die Treue der Milizen nicht verlassen

könne, daß sie mit allen Leidenschaften des Standes, dem sie angehörten,

sympathisirten, daß bei Sedgemoor in dem Rebellenheere sich mehr Miliz

als im königlichen Lager befunden hätte und daß, wenn der Thron nur

durch das Aufgebot der Grafschaften vertheidigt worden wäre, Monmouth im

Triumph von Lyme nach London marschirt sein würde.

So groß auch die Einkünfte im Vergleich mit denen früherer Könige waren,

so reichten sie doch kaum hin, um diesen neuen Mehraufwand zu

bestreiten. Ein großer Theil des Ertrags der neuen Abgaben wurde durch

den Bedarf der Flotte absorbirt. Am Ende der vorigen Regierung hatte der

Gesammtaufwand für die Armee, mit Einschluß der in Tanger stehenden

Regimenter, nicht ganz dreihunderttausend Pfund betragen; jetzt wollten

dazu sechshunderttausend noch nicht ausreichen[5]. Sollte eine weitere

Vermehrung erfolgen, so mußte man einen neuen Credit vom Parlament

verlangen, und es war nicht wahrscheinlich, daß dieses sich dazu geneigt

zeigte. Schon der Ausdruck »stehendes Heer« war der ganzen Nation

verhaßt, und Niemandem mehr als den Kavalieren, welche das Unterhaus

füllten. Nach ihren Begriffen war das stehende Heer gleichbedeutend mit

Rumpfparlament, mit Protector, mit Beraubung der Kirche, Säuberung der

Universitäten, Abschaffung der Pairie und der Ermordung des Königs, mit

dem unheimlichen Regimente der Heiligen, mit Frömmelei und Ascetik, mit

Geldstrafen und Sequestrationen, mit den Insulten, die sich

Generalmajore, welche aus der Hefe des Volks hervorgegangen waren, gegen

die ältesten und vornehmsten Familien des Reichs erlaubt hatten.

Überdies gab es kaum einen Baronet oder Squire im Parlamente, der nicht

einen Theil des Ansehens, das er in seiner Grafschaft genoß, seiner

Stellung in der Miliz verdankt hätte. Wenn diese Nationalstreitmacht

beseitigt wurde, so mußte die englische Gentry nothwendig viel von ihrem

Ansehen und ihrem Einflusse verlieren. Es war daher wahrscheinlich, daß

es dem Könige schwerer werden würde, die Mittel zum Unterhalt seiner

Armee, als die Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte zu erlangen.

[Anmerkung 4: Siehe die +Historical Records of Regiments+,

herausgegeben unter der Oberleitung des Generaladjutanten.]

[Anmerkung 5: Barillon, 3.(13.) Dec. 1685. Er hatte den Gegenstand

gründlich studirt. +»C'est un detail,«+ schreibt er, +»dont j'ai

connoissance.«+ Aus den Rechnungsbüchern des Schatzamts ergiebt

sich, daß der Aufwand für die Armee auf das Jahr 1687 am 1. Januar

auf 623,104 L. 9 s. 11 d. angeschlagen war.]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Dritter Band · 第 5 / 11 题