Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tisch des Meister
Frey genommen, der eben unter schallendem Gelächter eine Schnurre aus
seinem italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet über die
Wirkungen des Weißbieres auf seine Konstitution, während Petrus und
Paulus, seine Sprößlinge, sich unter dem Tisch wälzen und balgen und die
Frau Domprediger sich darüber aufhält, daß die Kellner sich mit der Hand
schneuzen.
»Es ist immer noch besser als in die Serviette!« sagt der Rektor
Dippelmann, eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante
Helene anbietend. An ein und demselben Punkte werden nun zwei Gespräche
angeknüpft: die Weiber plumpsen in die große Wäsche, und der Domprediger
mit dem Rektor Dippelmann in die -- Theologie.
»Kommen Sie, Wachholder,« sagt der Professor Frey, »wir wollen lieber
den Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wässerig und schwül zugleich.«
Da ich wirklich etwas Ähnliches in mir spüre, nehme ich den Vorschlag
mit Freuden an, und wir wandeln durch die Gänge mit den bunten Lampen
und Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.
»Welche prächtigen Reflexe!« ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert.
»Sehen Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz
seiner sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen _echten_
Künstler mache. Nun ^fanello^,« wendet er sich an den Herbeieilenden,
»ich hoffe, Ihr werdet meine Mädchen nicht >dörren< lassen -- wie sie
sagen!«
Der denkende Künstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:
»Wir tun unser möglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter
Laar! Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Fräulein Julie dahin?
Hier können Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, daß er keine
Fortschritte mache. Sehen Sie nur, wie er weiter kommt. Sehen Sie, wie
-- buff! Dacht' ich's doch! Da bohrt er den Auskultator Krippenstapel
mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter! das gibt Skandal! Da muß ich
retten!«
»Herr!« schreit der königliche Auskultator wütend aufspringend und seine
Tänzerin trostlos-lächerlich auf ihrem »^séant^« sitzen lassend. »Herr,
können Sie nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie ...«
»Halt, Krippenstapel!« fällt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des
Juristen aufhebend. »Sie sollen fürchterlich gerächt werden, ich gebe
Ihnen mein Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetüm! ein
schreckliches Los harrt morgen Deiner! -- Mein Fräulein, Sie haben sich
doch nicht weh getan? Wollen Sie eine kalte Messerklinge auflegen, das
soll gut sein gegen Beulen? -- Fräulein Julie, geben Sie doch gefälligst
dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen tüchtigen Nasenstüber als
Vorgeschmack! -- Krippenstapel, sei'n Sie ein guter Kerl und fangen Sie
keinen Lärm an; kommen Sie, lassen Sie sich von Ihrer Dame eine
Stecknadel geben, ehe Sie weiter schweben. Vergessen Sie's nicht, es ist
wichtig; ich als Ästhetiker muß das wissen!«
Ein allgemeines Gelächter löst die Sache in Wohlgefallen auf.
Krippenstapel schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebüsch;
seine Dame verkündet hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge
anwenden zu wollen; Peter Holzmann stolpert mit Fräulein Julie zu einem
Sitz, und alle übrigen Paare ordnen sich zu einem neuen Tanz.
Schon während des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert,
nirgends Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles
Lachen zu hören; als nun ein neuer Tanz beginnt, und sie auch jetzt
nicht erscheint, wird mir die Sache bedenklich.
»Gustav, heda hier! Wo hast Du denn meine Lise gelassen?«
»Ich? -- Onkel, fragen Sie lieber: wo hat Dich die Lise gelassen. Sie
behauptet böse zu sein und ist mit Fräulein Henriette Frey weggelaufen,
nachdem sie mich einen -- einen -- >Teekessel< genannt hat.«
»So? -- was habt Ihr denn wieder vorgehabt?«
»Ich kann mich auf weiteres nicht einlassen!« sagt der »denkende
Künstler«, zieht ein wehmütig-seinsollendes Gesicht und verschwindet
unter der Menge.
»Wenn die Sachen so stehen,« lacht der alte Frey, »so werden die Mädchen
jetzt wohl bei der Wäsche und Theologie sitzen. Kommen Sie, wir müssen
uns doch erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache
nicht prächtig?) da für Unheil und Unfrieden angestiftet hat?«
»Ich kann's mir schon vorstellen,« brumme ich in den Bart, und so
schlagen wir uns seitwärts ins Gebüsch und gelangen zu unserm Tisch
zurück.
»Richtig, da sitzen die Turteltäubchen!« ruft der Professor. »Wie
andächtig sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhören scheinen und doch ganz
wo anders sind! Kurre, kurre, kurre, Fräulein Elise, mein Täubchen, was
hat Ihnen denn ein gewisser -- hm -- gewisser >Teekessel< getan?«
»Wer?« fragt Lischen, die sich dicht an die Tante gedrängt hat und von
ihr mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, während Henriette an ihrer
andern Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschäftigt.
»Wer? fragst Du!« nehme ich das Wort. »Nun wir begegneten eben jemand,
der ziemlich nahe am -- >Überkochen< war.«
»Ach, Du meinst den Vetter! -- Pah -- _Der_!«
»Nun, was hat's gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon
ihr Herz ausgeschüttet?«
»Nein!« sagt die Tante. »Haben sie sich wieder gezankt?«
»Es scheint so! Fräulein Henriette, Sie wissen gewiß etwas Näheres
davon?«
»Soll ich's sagen, Lischen?« fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am
Ohr zupfend.
»Meinetwegen!« sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenhaß und Reue
einen Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und
mit aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will.
»Er hat -- Herr Gustav hat gesagt: -- wenn er ihr nicht die Tänzer
schicke und Propaganda (ich glaube so heißt's) für sie mache, so würde
sie -- ihr Lebtag außer ihm keinen kriegen. Sie müsse daher hübsch
dankbar und zuvorkommend gegen ihn sein und« -- --
Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.
»Abscheulich!« ruft die Tante Berg. »^Finis mundi!^« lacht der Rektor
Dippelmann. »Schändlich!« ächzt die Frau Rektorin; »Gräßlich!« die Frau
Dompredigerin. »Beim Himmel, das ist stark!« meint ihr Gemahl. »Das
hätte ich nicht gedacht!« brumm' ich. »_Das_ soll er büßen,« ruft der
Professor Frey, »und« ...
»Er büßt es schon!« sagt eine Stimme, und der Übeltäter guckt durch das
Gebüsch hinter Elisens Platze. »Teilweise hat er es sogar schon gebüßt!«
Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt
sich ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der
andern Seite rückt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie
legend, hält er folgende Rede: »Lischen, englische Cousine Ralff, ich
beschwöre Dich, höre mich! -- Glaubst Du etwa, ich habe, nachdem Du
jenem Schauplatz eitler Freuden den Rücken gewandt, weiter gewalzt? Du
irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan, meine Schuld zu sühnen: den
edlen Holzmann, -- Holzmann, komm mal her und gib mir die Schachtel mit
den feurigen Tränen! -- den edlen Holzmann habe ich aus den Klauen des
racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; Fräulein Thekla Stichel habe
ich aus der amüsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen,
emporgezogen; als mitten im Kontertanz dem Freiwilligen Breimüller der
Steg riß und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich
ihm eine Droschke herbeigepfiffen; kurz überall, wo Tränen zu trocknen
waren, war auch ich -- wie gesagt, nur um meine Schuld zu büßen. Und
hier, Lischen (Holzmann, gib mir die Schachtel), nicht allein getrocknet
habe ich Tränen, auch gesammelt habe ich welche! -- Sieh, Lischen!«
Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stößt Elise trotz ihrem Groll
aus, als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoß
schüttet, und unzählige, funkelnde, leuchtende Johanniswürmer um sie
herum kriechen und schwirren.
Die Lampen sind weit genug entfernt, daß die Tierchen in ihrem ganzen
Glanz erscheinen können, und es ist wirklich ein hübscher Anblick --
diese besternte Elise!
»Das sind meine Reuetränen, und Du -- kriegst Tänzer leider zu viel --
ohne mich! -- und ich _bin_ ein Teekessel und ^et cetera^ -- Lischen?!
-- Lischen, gucke _mich_ mal an!«
»Taugenichts!« sagt Elise, dem Sünder in die Haare greifend, und -- der
Friede ist geschlossen! --
War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band?
Auf einmal verkündete er, daß er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es
war der letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen
Gelegenheiten das Improvisieren den wahren Genuß und Jubel hervorbringe.
Das halbe Atelier machte er halb betrunken, die ganze weibliche Welt
ganz angeheitert. Ein Kranz wurde ihm aufgesetzt trotz allem Sträuben,
-- ein Kranz, der nur so sein mußte. Der Domprediger hielt eine Rede,
die »verehrter Greis« anfing und ähnlich endete, und Reden wurden
losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr. Dann erhob sich das
alte bekränzte Geburtstagskind, beklagte sich über Nachtkühle und
Nachtfeuchte, und -- das Fest war vorbei.
* * * * *
Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?
Tot ist der alte Meister Frey, zerstreut in alle Welt sind seine
Schüler. Peter Holzmann, genannt Peter van Laar, oder auch Bamboccio,
ist 1849 in einer römischen Villa von französischen Plünderern
erstochen, als er eine Raphaelsche Madonna vor ihrer Zerstörungswut
schützen wollte. Der Domprediger ist noch immer nicht zum Mormonentum
übergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier hat Fräulein Julie Frey
geheiratet und steht, -- »mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der
schöne Wahn entzwei,« -- fürchterlich unter dem Pantoffel. Die Frau
Rektor Dippelmann knüpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die
Halsbinde um, steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung
gewickelt, in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster,
wie er über die Friedensbrücke nach dem Schimmelstädtischen Gymnasium
wandelt.
Und _Gustav_ und _Elise_? -- -- -- Ich werde nachher dieses Blatt der
Chronik hinübertragen zu jener schönen ältlichen Frau in Nr. Zwölf der
Sperlingsgasse, deren Fortepianoklänge sich schon den ganzen Nachmittag
über in meine Gedanken verwoben haben. Dann werden wir von _Gustav_ und
_Elise_ sprechen!
Am 14. März.
»Hören Sie, Wachholder,« sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten
Bogen der Chronik aufs Knie schlagend, »wenn Ihnen einmal Freund Hein
das Lebenslicht ausgeblasen hat; irgend jemand unter Ihrem Nachlaß diese
Blätter aufwühlt, und er sich die Mühe gibt, hineinzugucken, ehe er sie
zu gemeinnützigen Zwecken verwendet, so wird er in demselben Fall sein,
wie der alte Albrecht Dürer, der ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich
beklagte: er könne nicht recht unterscheiden, was eigentlich die Hunde,
und was die Hasen sein sollten. Sie würfeln wirklich Traum und Historie,
Vergangenheit und Gegenwart zu toll durcheinander. Teuerster, wer
darüber nicht konfus wird, der ist es schon! Und wenn Sie noch Ihre
Bilder einfach hinstellten, wie ein alter, vernünftiger, gelangweilter
Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr Mitarbeitertum
der >Welken Blätter< zwischen die Beine, da putzen sie Ihre Erinnerungen
auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt; hängen hier ein Glöckchen
an und da eins, und ehe man's sich versieht, haben Sie ein Ding
hingestellt wie -- wie ein Gebäude aus den bunten Steinen eines
Kinderbaukastens. Das ist hübsch und bunt, aber -- es paßt nichts recht
zusammen, und wenn man es genau besieht -- puh! -- Nehmen Sie's nicht
übel; aber manchmal gleicht Ihre Chronik doch dem Machwerk eines
angehenden literarischen Lichts, das sich mit Rousseau getröstet hat:
^Avec quelque talent qu'on puisse être né, l'art d'écrire ne s'apprend
pas tout d'un coup.^«
Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehört,
jetzt sagte ich, während ich erbost meine Pfeife ausklopfte: »Sie haben
vor einiger Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu
wollen, ich nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik
sogleich beim Wort und -- lasse Sie mit Tinte, Feder und Papier allein,
daß Sie ihren Beitrag derselben auf der Stelle anhängen. Der einst
Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit aufwühlen. Guten Abend!«
Der Karikaturenmaler lachte, sagte »^fiat^« und begann eine Feder zu
schneiden, während ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefühl eines
Menschen, der eine belebte Straße hinabzieht unter der festen
Überzeugung, daß ihm hinten ein ungreifbares ellenlanges Band vom
Vorhemd über den Rockkragen baumelt. »Und recht hat er doch!« brummte
ich, indem ich die Treppe hinabstieg. »Wenn nur die Lise erst wieder da
wäre! Komm zurück, Schlingel von Gustav, und bringe sie mit, daß Euer
alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke ^de vanitate^ weiter schreiben
kann!«
Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuhe an, als sich
oben mein Fenster öffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf
heraussteckte und herunterrief:
»Hören Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen -- ich
habe Gewissensbisse und muß erst Öl in Ihre Wunden gießen! Hören Sie,
meine Tante teilt die Bücher in zwei Arten: gute, über welche sie nach
Tisch einschlafen kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre
Chronik würde sie unter die ersteren rechnen, wenn sie, aufgewühlt, ihr
in die Hände fallen sollte. Adieu!«
Ich wandte dem unverschämten Gesellen lachend den Rücken und marschierte
ab.
Am Abend.
Ich bin zurückgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein
und einsam vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik. Der
Karikaturenzeichner hat wirklich ein Blatt vollgekritzelt, alle meine
Federn verdorben, einen Tintenklex auf dem Fußboden gemacht, meinen
Siegellackvorrat zerbissen, zerdreht und zerbrochen und -- eine Ecke von
meinem Schreibtisch abgeschnitzelt. -- Er hat mir fast die Fortsetzung
der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet, und es war doch so süß,
wenn der Blick an irgend einen Gegenstand meines Zimmers, dort an jenes
kleine leere Messingbauer, an jenen Sessel vor dem Nähtischchen, an ein
altes Blatt, eine vertrocknete Blume, eine bunte Zeichnung in meiner
Mappe sich fest hing, und allmählich eine Erinnerung nach der andern
aufstieg und sich blühend und grünend darumschlang. Wir sind doch
törichte Menschen! Wie oft durchkreuzt die Furcht vor dem
Lächerlichwerden unsere innigsten, zartesten Gefühle! Man schämt sich
der Träne und -- spottet; man schämt sich des fröhlichen Lachens und --
schneidet ein langweiliges Gesicht; die Tragödien des Lebens sucht man
hinter der komischen Maske zu spielen, die Komödien hinter der
tragischen; man ist ein Betrüger und Selbstquäler zugleich! -- Mit einem
Kinderbaukasten verglich Strobel diese bunten Blätter ohne Zusammenhang?
Gut, gut, -- mag es sein, -- ich werde weiter damit spielen, weiter
lustige, tolle Gebäude damit bauen, da _die_ fern sind, welche mir die
farbigsten Steine dazu lieferten? Ich werde von der Vergangenheit im
Präsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen, ich werde Märchen
erzählen und daran glauben, Wahres zu einem Märchen machen, und zuerst
die bekritzelten Blätter des Meisters Strobel der Chronik anheften! Hier
sind sie:
#Strobeliana#
3 Uhr. Ich habe mir eine Zigarre angezündet, den Bogen neben mich ins
Fenster gelegt und beginne meine Beobachtungen. Zuerst bringe ich zu
Papier natürlich das Wetter: das holdseligste Himmelblau, den
prächtigsten Sonnenschein. Hätte ich nur einen Funken poetischen Feuers
in mir, so würde ich mir beide durch ein junges, schönes Paar
personifizieren, welches da hoch oben im Himmelszelt auf seinem weißen,
weichen Wolkendivan tändelt und kost und total vergessen hat, daß noch
so viel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf -- Märzschnee warten zum
Seifekochen! Wahrhaftig, da ist ja eine Fliege! Welch ein Fund für einen
Chronikschreiber! Summend stößt sie gegen die sonnenbeschienenen
Scheiben, die wir schnell schließen wollen, um das arme Tierchen zu
seinem Besten vor dem heuchlerischen Frühling da draußen zu bewahren.
Sie scheint auch jetzt ihre Torheit einzusehen, sie läßt ab und umfliegt
mich. Halt, jetzt setzt sie sich auf meine Knie, nach mehreren
vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze; sie nimmt den Kopf
zwischen beide Vorderbeine, kratzt sich hinter den Ohren und -- -- --
kleiner ...! -- Dahin geht sie, eine Spur hinterlassend auf meinem Knie
und -- in der Chronik der Sperlingsgasse. Ich wollte, es gäbe ein
Sprichwort: »Schämt Euch vor den Fliegen an der Wand.« Um wie viel
menschliche Tollheiten und Torheiten schnurren diese winzigen
Flügelwesen. Wer weiß, was der Punkt, den der kleine Tourist da eben
niedergelegt hat, eigentlich bedeutet? Wer weiß, ob es nicht ein
deponiertes Tagebuch ist, voll der geistreichsten Bemerkungen; ein
Tagebuch, das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte, wie einen
ägyptischen Papyrus um wunderbare, unerhörte Dinge zu erfahren. Welch
eine Revolution würde es hervorbringen, wenn dem so wäre; wenn man sich
vor den Fliegen an der Wand schämen müßte! Wie würden die
Fliegenklatschen in Gang kommen. Arme Fliegen! Kein »redlicher Greis in
gestreifter kalmankener Jacke« würde euch mehr verschonen »zur
Wintergesellschaft«. Wie den Vogel Dudu würde man euch ausrotten, und
höchstens -- einige in Uniform gesteckt, mit einer Kokarde auf jedem
Flügel, als Regierungsbeamte besolden. Es wäre schrecklich, und ich
breche ab. --
3¼ Uhr. -- Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir
erweckt! An solchen Vorfrühlingstagen, wo der Geist die Last des Winters
noch nicht ganz abgeschüttelt hat, ist's, wo die Sehnsucht nach der
Ferne uns am mächtigsten ergreift. Es ist ein sonderbares Ding um diese
Sehnsucht, die wir nie verlieren, so alt wir sein mögen. Da zupft etwas
an unserem tiefsten Innern: Komm heraus, komm heraus, was sitzest du so
still, du Tor, und hältst Maulaffen feil? Hier findest du nicht, worüber
du grübelst, wonach du dich sehnst, ohne es zu kennen. Sieh, wie blau,
wie duftig die Ferne! Viel, viel weiter liegt's! Komm heraus, heraus!
Bah, diese blaue, duftige Ferne; wie oft hab' ich mich von ihr verlocken
lassen. Die Erde läßt uns ja nicht los; wir sind ihre Kinder, und sie
ist nichts ohne uns, wir nichts ohne sie. -- Folge jetzt der lockenden
Stimme, deine Füße werden schon in dem weichen Boden versinken;
närrische Sprünge wirst du mit den Erdklößen an den Stiefeln machen!
Fühle, daß zur Zeit, wo die Sehnsucht am stärksten ist, auch die Fesseln
am stärksten sind; kehre um, ziehe Pantoffeln an und nimm die gestrige
Zeitung vor die Nase: das Glück liegt nicht in der Ferne, nicht über dem
wechselnden Mond! --
3½ Uhr. -- Da höre ich eben unten in der Gasse eine merkwürdige
Redensart aus dem Munde eines Tagelöhners, der einen andern, sehr
übelgelaunt Aussehenden, mit den Worten auf die Schulter klopft: »Man
muß nie verzweifeln; kommt's nicht gut, _so kommt's doch schlecht
heraus_!« In demselben Augenblick öffnet sich nebenan ein Fenster. Eine
beschmierte rote Sammetmütze auf einem Wald schwarzer Haare beugt sich
hervor; es ist mein würdiger Freund ^Monsieur Anastase Tourbillon^,
seines Zeichens ein französischer Sprachlehrer. Er scheint die Redensart
drunten auch gehört und -- verstanden zu haben und gähnt: »^Ah, ouf,
quelle bête allemande! Eh vogue la galère, jusqu'à la mort tout est
vie!^«
Da habt ihr die beiden Nationen und ...... Wetter! -- da gebe ich nicht
acht und -- meine Fliege von vorhin entschlüpft summend aus dem
wiedergeöffneten Fenster! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund
Wachholder umschwirren, nie mehr auf dem Rande der Zuckerdose
umherspazieren oder gegen die Scheiben stoßen! Sie hat, was sie wollte
-- unbegrenzte Freiheit, aber ach -- heute Abend -- keinen warmen Ofen
mehr, sich daran zu wärmen; in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse fließt
weder Milch noch Honig! -- Verflucht sei die Freiheit! Amen! --
3¾ Uhr. Die meisten Dichterwerke der neuesten Zeit gleichen dem Bild
jenes italischen Meisters, der seine Geliebte malte als Herodias, und
sich in dem Kopfe des Täufers auf der Schüssel porträtierte. Da pinseln
uns die Herren ein Weibsbild, Tendenz genannt, hin, welches anzubeten
sie heucheln, und welches auf dem Präsentierteller, hochachtungsvoll und
ergebenst, uns das verzerrte Haupt des werten Schriftstellers selbst
überreicht. Die Nützlichkeit solchen Treibens läßt sich nicht
abstreiten, also -- nur immer zu! -- Wie komm' ich _darauf_. --
4 Uhr. -- Es ist merkwürdig; seit ich dieses Blatt bemale, ist dieselbe
Traumseligkeit über mich gekommen, welche dieser Chronik ein so
zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben hat. Wachholder hat recht, es ist
ein eigentümlich behagliches Gefühl, seinen Gedankenspielen sich so ganz
und gar hinzugeben, ohne sich Geist-herausquälend im Kreise zu drehen,
wie ein hartleibiger Pudel.
Wo war ich eben, als das Kindergeschrei drunten auf der Straße mich
aufweckte? Ich will es versuchen, es der Chronik einzuverleiben, worin
zugleich für meinen ehrenwerten Freund Wachholder die größte Genugtuung
für meine vorigen Reden liegen wird.
Es war an einem Sonntagmorgen im Juli, als ich auf braunschweigschem
Grund und Boden am Uferrand der Weser lag und hinüberblickte nach dem
jenseitigen Westfalen. Früh vor Sonnenaufgang war ich, über Berg und Tal
streifend, mit dem ersten Strahl im Osten, in ein gleichgültiges Dorf
hinabgestiegen. Ich hatte Kaffee getrunken unter der Linde vor dem
Dorfkrug, hatte behaglich das Treiben des Sonntagsmorgens im Dorf
belauscht und andächtig der kleinen Glocke zugehört, die in dem spitzen,
schiefergedeckten Kirchturm läutete. Manchem hübschen, drallen,
niedersächsischen Mädchen, das sich über den sonderbaren, plötzlich ins
Dorf geschneiten Fremdling wunderte, hatte ich lächelnd zugenickt; ich
hatte Bekanntschaft mit der gesamten Kinder-, Hühner-, Gänse- und
Entenwelt des »Krugs« gemacht, dem weißen Spitz den Pelz gestreichelt
und manche Frage über »Woher und Wohin« beantwortet. Mit meinem Wirt
(der zugleich Ortsvorsteher war) hatte ich das Bienenhaus besucht;
darauf die Gemeinde, den Kantor und Pastor in die Kirche gehen sehen,
und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde gefunden, nur
umgeben von der quakenden, piepsenden, geflügelten Schar des Federviehs.
Aus diesem ^dolce far niente^ hatte mich plötzlich das Schreien eines
Kindes aufgeschreckt. Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich,
aufzustehen und in das niedere, vom Weinstock umsponnene Fenster zu
sehen. Eine alte Frau war eben beschäftigt, einen widerspenstigen,
heulenden, strampelnden Bengel von vier Jahren mit Wasser, Seife und
einem wollenen Lappen tüchtig zu waschen, welcher Prozedur drei bis vier
andere kleine »Blaen« angstvoll zusahen, wartend, bis die Reihe an sie
kommen würde.
»Nun, Mutter,« sagte ich, mich auf die Fensterbank lehnend; »und Ihr
seid nicht in der Kirche?«
Die Alte sah auf und sagte lachend: »Et geit nich immer; ek mott düsse
lüttgen Panzen waschen und antrecken -- Herre -- Kinderschrieen is ok
een Gesangbauksversch!«
Ich nahm den Hut ab und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Welch
eine wunderbar schöne Predigt lag in den fünf Worten des alten Weibes!
Eine Schwalbe beschrieb eben ihren Bogen um mich, ihrem Neste unter dem
niedrigen Dachrande zu, und klammerte sich, ihre Beute im Schnabel, an
die Tür ihrer kleinen Wohnung, begrüßt von dem jubelnden Gezwitscher der
federlosen Brut. Ich konnte der alten Frau kein Wort mehr sagen.
»Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!« murmelte ich leise, zu
meinem Tisch unter der Linde zurückgehend. Ich riß ein Blatt aus meiner
Brieftasche, schrieb darauf: Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch,
und zog es mit einem Strauß Waldblumen unter das Hutband.
Träumend schritt ich dann durch die Tür des Dorfkirchhofs, vorüber an
den bunten, geputzten Gräbern, zu dem offenen Kirchtor (auf dem Lande
braucht der Protestantismus seine Kirchen während des Gottesdienstes
noch nicht zu schließen) und lehnte andächtig an der Esche davor. Mit
großer Freude hörte ich, wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in
das Gleichnis aus dem fernen Orient schlang; während die Schwalben in
dem heiligen Gebäude hin und her schossen, und ein verirrter
Schmetterling seinen Weg durch die geöffnete Kirchtür eben wieder
zurückfand.
»Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!« rief ich, über die niedere
Mauer in das freie Feld springend, und durch die gelben Kornwogen mit
ihrem Kranz von Flatterrosen am Rande, der Weser zuwandernd. Da hatte
ich mich ins Gras unter einen Weidenbusch geworfen und träumte in das
Murren des alten Stromes neben mir hinein; während drüben im
katholischen Lande eine Prozession singend den Kapellenberg zu dem
Marienbild hinaufzog, und hinter mir die protestantischen Orgeltöne
leise verklangen. Welch ein wundervoller, blauer, lächelnder Himmel über
beiden Ufern, über beiden Religionen, welch eine wogende Gefühlswelt im
Busen, anknüpfend an die fünf Worte der alten Bäuerin! Ich war damals
jünger als jetzt und legte das Gesicht in die Hände:
»Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles« -- -- -- --
Ein näher kommender Gesang weckte mich plötzlich; ich blickte auf.
Brausend und schnaufend, die gelben Fluten gewaltig peitschend, kam der
»Hermann« die Weser herunter. Der Kapitän stand auf dem Räderkasten und
griff grüßend an den Hut, als das Schiff vorbeischoß. Hunderte von
Auswanderern trug der Dampfer an mir vorüber, hinunter den Strom, der
einst so viele Römerleichen der Nordsee zugewälzt hatte. Ein Männerchor
sang: »Was ist des Deutschen Vaterland,« und die alten Eichen schienen
traurig die Wipfel zu schütteln; sie wußten keine Antwort darauf zu
geben, und das Schiff flog weiter. Die Weser trägt keine fremden Leichen
mehr zur Nordsee hinab; wohl aber murrend und grollend ihre eigenen
unglücklichen Söhne und Töchter! -- Ich verließ meinen Ruheplatz und
ging durch den Buchenwald den nächsten Berg hinauf bis zu einer freien
Stelle, von wo aus der Blick weit hinausschweifen konnte ins schöne Land
des Sachsengaus. Welch eine Scholle deutscher Erde! Dort jene blauen
Höhenzüge -- der Teutoburger Wald! Dort jene schlanken Türme -- die
große germanische Kulturstätte, das Kloster Corvey! Dort jene Berggruppe
-- der Idth! ^cui Idistaviso nomen^ sagt Tacitus. Ich bevölkerte die
Gegend mit den Gestalten der Vorzeit. Ich sah die achtzehnte, neunzehnte
und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser ziehen
und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei. Ich sah den Germanicus
denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlärm am Idistavisus; bis
der große Arminius, der »^turbator Germaniae^« durch die Legionen und
den Urwald sein weißes Roß spornte, das Gesicht unkenntlich durch das
eigene herabrieselnde Blut, geschlagen, todmüde. Ich sah, wie er die
Cheruska von neuem aufrief zum neuen Kampf gegen die »^urbs^«; wie das
Volk zu den Waffen griff: ^pugnam volunt, arma rapiunt; plebes,
primores, juventus, senes^!
Aber wo ist denn die Puppe? kam mir damit plötzlich in den Sinn. Ich
schleuderte den Tacitus ins Gras, stellte mich auf die Zehen, reckte den
Hals aus, so lang als möglich, und schaute hinüber nach dem Teutoburger
Walde. Da eine vorliegende »Bergdruffel« (wie Joach. Heinr. Kampe sagt)
mir einen Teil der fernen blauen Höhen verbarg, gab ich mir sogar die
Mühe, in eine hohe Buche hinaufzusteigen, wo ich auch das Fernglas zu
Hilfe nahm. Vergeblich; -- nirgends eine Spur vom Hermannsbild! Alles,
was ich zu sehen bekam, war der große Christoffel bei Kassel, und mit
einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter von meinem luftigen
Auslug. Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von mir gegeben,
so ließ ich jetzt einen um so lauteren los. Ich sah schön aus! »Das hat
man davon,« brummte ich, während ich mir das Blut aus dem aufgeritzten
Daumen sog, »das hat man davon, wenn man sich nach deutscher Größe
umguckt: einen Dorn stößt man sich in den Finger, die Hosen zerreißt
man, und zu sehen kriegt man nichts als -- den großen Christoffel.«
Ärgerlich schob ich mein Fernglas zusammen, steckte den Tacitus zurück
in die Tasche und ging hinkend den Berg hinunter, wieder der Weser zu.
Ärgerlich warf ich mich, am Rande des Flusses angekommen, abermals ins
Gras. Was hatte sich alles zwischen die gefühlsselige Stimmung von
vorhin und den jetzigen Augenblick gedrängt! Der Himmel war noch ebenso
blau, die Berge noch ebenso grün, der Papierstreifen von vorhin steckte
noch neben den Waldblumen an meinem Hute, und doch -- wie verändert
blickte mich das alles an! Hätte das Dampfschiff mit seinen Auswanderern
nicht später kommen können, da es doch sonst immer lange genug auf sich
warten läßt! Hätte ich Narr nicht unterlassen können, nach dem
Hermannsbild auszuschauen? Wie ruhig könnte ich dann jetzt im Grase
meinen Mittagsschlaf halten, ohne mich über den großen Christoffel, den
so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben, zu ärgern! -- Ich
versuchte mancherlei, um meinen Gleichmut wieder zu gewinnen; ich
kitzelte mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel, ich porträtierte einen
dicken, gemütlichen Frosch, der sich unter einem Klettenbusch sonnte, --
es half alles nichts! -- Der Dämon Mißmut ließ mich nicht los, wütend
sprang ich auf, schrie: Hole der Henker die Wirtschaft! und marschierte
brummend auf Rühle zu -- -- -- -- -- -- Wetter, was ist das für ein Lärm
in der Sperlingsgasse?! Heda, -- da ist ein Hundefuhrwerk in einen
Viktualienkeller hinabgepoltert, und ich -- ich, der Karikaturenzeichner
Ulrich Strobel, sitze hier und schmiere Unsinn zusammen! Hol' der Henker
auch die Chronik der Sperlingsgasse! -- Adieu, Wachholder!
Am 21. März. Abend.
Es gibt ein Märchen -- ich weiß nicht, wer es erzählt hat -- von einem,
der nach großem Unglück sich wünschte, die Erinnerung zu verlieren, und
dem in einer dunkeln Nacht sein Wunsch gewährt ward. Er empfand von da
an keinen Schmerz, keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu
lachen; es ward ihm einerlei, ob er Blumenknospen oder Menschenherzen
zertrat: alles das hübsche Spielzeug, welches das Leben seinen Kindern
mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum Grabe, zerbrach ihm in den
Händen mit der Erinnerung. Das ist eine schreckliche Vorstellung! Ihr
Weisen und Prediger der Völker, nicht der Gedanke an Glück oder Unheil
in der Zukunft ist's, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser
Gedanke rein von Egoismus, und über jede Blüte, die das Menschenherz
treiben soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre, lautere
Quelle jeder Tugend, jeder wahren Aufopferung, ist die traurig süße
Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb
verklungenen Taten und Träumen. Wer könnte ein Kind beleidigen, der
daran denkt, daß er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt, daß
ein Mutterauge auf ihn herabgelächelt hat? Die Erinnerung ist das
Gewinde, welches die Wiege mit dem Grabe verknüpft, und mag das dunkle
stachlichte Grün des Leidens, des Irrtums, noch so vorwaltend sein;
niemals wird's hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen, bei
welcher wir verweilen und flüstern können: »Wie lieblich und heilig ist
diese Stätte!«
Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den
Blättern meiner Chronik. Das, was die ältliche, freundlich-schöne Frau,
die mir heute den Strauß junger Veilchenknospen herüberbrachte, auf den
Wogen ihrer Melodien sich schaukeln läßt, kann ich ja nur auf diese
Weise festhalten. -- Ich habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer
Kinder Kinderleben, heute will ich ein andres farbiges Blatt malen, wie
ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens, voll süßen Flüsterns, voll
träumenden Sehnens und lächelnden Träumens, -- ein einziges Blatt aus
der vollen Pracht des Herzensfrühlings, ein einziges Blatt aus der Zeit
der jungen Liebe!
»O, daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!«
sang der Dichter, und überall treffen wir den Spruch an auf
Kaffeetassen, in Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen. Das soll kein Spott
sein! Was das Volk erfaßt hat, will es auch vor sich sehen, es spielt
mit ihm, es spricht den gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum
gemacht hat, oft zwar mit einem Lächeln auf den Lippen aus, aber es
trägt ihn darum doch tief im Herzen. Das Volk steigt nicht zu dem Wahren
und Schönen hinauf, sondern zieht es zu sich herab; aber nicht, um es
unter die Füße zu treten, sondern um es zu herzen, zu liebkosen, um es
im ewig wechselnden Spiel zu drehen und sich über seinen Glanz zu
wundern und zu freuen. Über der Wiege des ewigen Kindes »Menschheit«
schweben die guten Genien, die großen Weltdichter, schütten aus ihren
Füllhörnern die goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren
Wiegenliedern stets da, wenn häßliche, schwarze Kobolde erschreckend
dazwischen gelugt haben.
Schön ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendämmerung,
wo der Himmel im Osten leise sich rötet, wo Knospen, Blumen und alles
Leben dem kommenden Tage in die Arme schlummern, und nur hin und wieder
eine Lerche, den Tau von den Flügeln schüttelnd, jubelnd,
glückverkündend emporsteigt. Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft,
geheimnisvoll alle Abgründe und öden Stellen des Lebens; die jungen
Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge und bunte
nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen.
»Süßes Geliebtsein, süßeres Leben!« hat ein anderer Dichter einmal
ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der
Hand, denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern
meiner Jugend: »Maria!« -- -- -- -- -- -- -- -- Würde ich diese
Erinnerung mit all ihrem Schmerz für der ganzen Welt Macht, Reichtum,
Weisheit lassen? -- -- -- -- Ich glaube nicht. --
Der Mond kommt wieder hervor über die Dächer und vermischt sein weißes
Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe; über und durch den alten
immergrünen Efeu aus dem Ulfeldener Walde schießt er seine blanken
Strahlen, seltsame Schatten auf den Fußboden und an die Wände werfend.
Mit sich bringt er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse.
* * * * *
Dort auf dem Stühlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche
Gestalt Elisens dunkel in der Monddämmerung eines lange vergangenen
Abends ab; während auf einem anderen Stuhl niedriger neben ihr eine
andere Gestalt sitzt. Was haben die beiden so heimlich, so leise sich
zuzuraunen, was haben sie zu kichern? Ein Garnknäuel, der von Lischens
Nähtisch fällt und, über den Boden rollend, um Stuhl- und andere Beine
sich schlingt, ein verirrter Nachtschmetterling, eine vorbeischießende
Fledermaus, ein Ball, welcher von der Straße ins Zimmer fliegt und über
dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert,
alles, alles wird in dieser Mondscheindämmerung zu einem Märchen, zu
einem Traum. Ist nicht die Dämmerung die Zeit der Märchen; ist nicht die
Zeit der jungen Liebe die Zeit des Traums? --
»Liebe kleine Elise!« flüstert Gustav, in das mondbeglänzte zu ihm sich
herabbeugende Gesicht schauend.
»Lieber großer Junge!« lächelt Elise, indem sie dem vormaligen
Taugenichts der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen
einander weiter nichts, aber diese abgebrochenen Worte enthalten alles,
was das Menschenherz in seinen heiligsten Augenblicken bewegt.
»Ich liebe Dich so!« flüstert Gustav wieder, worauf Elise nichts
erwidert, sondern den Kopf in die Blätter ihres Efeus verbirgt. Der Mond
kann sich in diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden
Perlentröpfchen, das in einem blauen Auge hängt, spiegeln, und als das
Köpfchen sich wieder erhebt aus dem grünen Blätterwerk, ist an Gustav
die Reihe, Elise die Locken aus der Stirn zu streichen.
»Sieh, wie der Mond da oben schwimmt,« sagt Elise. »Warum macht er uns
oft so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu
Hause wären, Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern,
mutterseelenallein, wie ein goldener Funken. Sieh, -- rechts vom Monde!«
»Ich sehe noch zwei!« sagt Gustav. »Ganz nah', und habe darum auch gar
kein Heimweh und -- willst Du wohl wieder die Augen aufmachen,
Blondkopf! -- Sieh, das hast Du davon; was ich noch Weises sagen wollte,
hab' ich nun rein vergessen!«
»Dann war's gewiß eine Lüge, Braunkopf!« meint Elise lachend. »Und nun
steh' auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im
Dunkeln; -- es ist sehr unrecht, daß wir uns gar nicht um sie bekümmern.
Komm, wir müssen wirklich zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind.«
Gewiß waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Martha
hatte aufgehört zu schnurren, und schlummernd saß sie in ihrem Winkel.
»Soll ich Euch Licht anzünden, oder -- sollen wir wieder einmal einen
Mondscheingang machen?« fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend.
»_Euch_?« fragt die Tante Helene. »Warum denn nur >_Euch_< Licht
anzünden?«
»Das will ich Dir sagen, Mama,« mischt sich Gustav ein. »Du kannst
bekanntlich keine Mäuse _sehen_, und da es seit einiger Zeit hier beim
Onkel Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir Deinetwegen
so aufopfernd, im Dunkeln zu sitzen.«
»Waren das etwa Mäuse, was wir da am Fenster knuspern und pispern
hörten?« frage ich.
»Ich habe nichts gehört!« sagt Lischen treuherzig, während Gustav:
»Versteht sich!« ruft und den Inhalt eines Obstkörbchens in seine Tasche
ausleert.
»Was machst Du da, Mäusekönig?« fragt seine Mutter.
»Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lischens
Frage war natürlich höchst überflüssig. Da, Lise, nimm den Rest -- ich
kann nicht mehr lassen.«
Elise läßt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre
Frage für unnötig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen
kalter Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die
Sommermondscheinnacht!
Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Häuserwänden, das
Glitzern der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am
dunkeln Nachthimmel, die flüsternden Gruppen in den Haustüren und an den
Straßenecken, alles wird nun zu einem Bild für Gustav, zu einem Märchen
für Elise. Da beleben sich die Straßen, Gassen und Plätze mit den
wundersamsten Gestalten; auf den Ecksteinen lauern, zusammengekauert,
grimmbärtige Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten Patrizierhäuser
treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten Mänteln, und
schöne Damen besteigen weiße Zelter, in die Nacht davonreitend; Söldner
im Harnisch, die Partisanen auf den Schultern, ziehen über den Markt;
Prozessionen vermummter Mönche winden sich langsam aus dem Domportal,
und alles liegt morgen, in den hübschesten Skizzen festgebannt, auf
Elisens Nähtischchen oder treibt sich auf dem Fußboden umher.
Natürlich sind Gustav und Elise uns immer einige Schritte voraus, und
nur von Zeit zu Zeit kann ich abgerissene Sätze ihrer Unterhaltung
erfassen. Ich denke an Paul und Virginie unter den Palmbäumen von ^Isle
de France^; ich denke an die beiden süßeren Gestalten des deutschen
Märchens, an Jorinde und Joringel, von denen es heißt: »Sie waren in den
Brauttagen, und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern.« --
Nachdem wir manche Straße durchstreift und vor dem erleuchteten
Opernhause die ein- und ausströmende Menge, die harrenden Equipagen, die
Blumen und Zuckerwerk verkaufenden Kinder betrachtet haben, finden wir
uns zuletzt auf dem Schloßplatz, an dem Becken des lustig im Mondschein
sprudelnden Springbrunnens zusammen. Von den Rasenplätzen bringt ein
warmer Luftzug den Duft der Nachtviolen, der Hollunder- und
Goldregenbüsche zu uns herüber; am südlichen Himmel wetterleuchtet eine
dunkle Wolke prächtig in die Mondnacht hinein, und neben uns plätschert
und murmelt -- als wolle er sich selbst in den Schlaf sprechen -- der
Springbrunnen. Es ist eine herrliche Sommernacht!
Woran denkt Elise? Wie nachdenklich sie, das Kinn in die Hand gelegt,
dem schwatzenden Wasserspiel zuschaut!
»Lischen, woran denkst Du?« fragt die Tante Helene.
»Ihr würdet lachen,« antwortet Elise. »Es ist ein Traum und ein
Märchen.«
»Erzählen! erzählen!« ruft Gustav, den Arm ihr um die Hüfte legend.
* * * * *
Was soll ich anfangen heute an diesem einsamen Abend? ich ergreife ein
Heftchen von blaßrotem Papier, bedeckt mit mädchenhaft zierlichen
Schriftzügen, durchwoben mit hübschen feinen Federzeichnungen. Da ist's!
So erzählte Elise an jenem fernen Abend, als der Brunnen neben uns
plätscherte:
»Ich saß neulich des Abends ganz allein. Du warst ausgegangen, Onkel;
Gustav war am Morgen schon mit seiner großen Mappe abgezogen, um Bäume
und Bauernhäuser zu zeichnen; wo die Tante war, weiß ich nicht; kurz,
ich war mutterseelenallein, und nur mein guter, dicker Kater schnurrte
auf der Fußbank neben mir und putzte sich den Schnauzbart. Ich hatte
eine Menge Augen an meinem Strickzeug fallen lassen und durchaus keine
Lust, sie wieder aufzunehmen. So schrob ich denn die Lampe tief herunter
und blickte aus dem Fenster in den Mond, der nicht ganz so voll wie
heute über die Dächer und Schornsteine heraufkam. Es war ganz dämmerig
in der Stube, und nur zuweilen tanzte ein Lichtschein aus den Fenstern
drüben über die Wände. Da plötzlich war der Mond hoch genug gestiegen,
ein glänzender lustiger Strahl schoß wie ein weißer Blitz über meinen
Topf mit Nachtviolen und ein Glas mit Waldblumen, welches neben mir
stand und -- mit ihm kam mein Märchen oder mein Traum. Es war zu hübsch!
-- Zuerst guckte ich eine ganze Weile in die glänzende Straße auf dem
Boden, die immer weiter rückte, als -- auf einmal -- Ihr glaubt's gewiß
nicht, -- der ganze Strahl von unzähligen, kleinen, zierlichen,
durchsichtigen Flügelgestalten lebte, die darin auf- und abschwebten und
durch ihren Glanz selbst die Bahn bildeten. Halb erschrocken und halb
erfreut, sah ich diesem wundersamen Weben zu, als plötzlich das
Blumenglas im Fenster einen schrillen, langanhaltenden Ton, wie er
entsteht, wenn man mit dem Finger um den Rand eines Glases streicht, von
sich gab. Das Wasser darin hob und senkte sich, blitzte, funkelte und
bewegte die Waldrosen hin und her; die Blüten der Nachtviolen öffneten
sich, und aus jeder schwebte ebenfalls ein zierlich geflügeltes Wesen,
fast noch feiner als die Lichtgeisterchen. Nach allen Seiten flatterten
sie, den köstlichsten Duft verbreitend. Währenddessen tönte der schrille
Ton des Glases fort, bis er mit einem Male aufhörte, gleich einem Faden
durchschnitten, worauf eine tiefe Stille eintrat. -- Jetzt hatte der
Mondstrahl Deinen Schreibtisch erreicht, Onkelchen; das kleine
Geistervolk tanzte lustig über Deinen Büchern und Papieren, und soweit
hatte ich mich schon von meiner Verwunderung erholt, daß ich herzlich
über die sonderbaren Kapriolen einiger der winzigen Dingerchen lachen
konnte, die auf alle Weise sich bemühten, in unser großes Tintenfaß zu
gucken, ohne den Mut zu haben, sich in die Nähe zu wagen. Andere wieder
schwebten über den Federn, und noch andere machten sich um einen recht
dicken, abscheulichen Tintenklecks zu schaffen, welcher nicht trocknen
wollte; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht ausblasen zu
wollen. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen zauberischen Wesen
zugesehen hatte, als eine Menge feiner Stimmchen: Folge! folge! rief,
und ich, immer kleiner werdend, endlich selbst als ein solches
geflügeltes Figürchen in den Tanz gezogen wurde und mit den Geistern des
Mondlichts und den Duftgeistern der Waldblumen und der Nachtviolen
langsam dem Fenster zuschwebte. Denn wie der Mond noch höher stieg, zog
sich auch der Strahl mit seinen glänzenden Bewohnern wieder zurück und
lief hinab an der Hauswand, um in die Gasse hinunter zu steigen. -- Ich
hatte durchaus keine Furcht, trotzdem daß es da draußen wie eine
verzauberte Welt war. -- Die ganze Gasse war ein Gewirr von Tönen und
Licht, und nichts von dem Leben und Weben des Geistervolks war mir mehr
verborgen, und von Geistervolk lebte und webte alles! Dabei hatte ich
auch nicht die Fähigkeit verloren, die gröbere, gewöhnliche Welt zu
schauen und zu vernehmen; ich kannte und belauschte die Leute in den
Haustüren, die Kinderköpfe in den Fenstern, die schlafenden Sperlinge
und Schwalben in ihren Nestern; es war wunderhübsch! -- Jetzt zog der
Strahl mit seinen Bewohnern schräg über unsere Wand fort und glitt auf
die Fenster unserer Nachbarn zu. Halb zehn Uhr hörte ich's schlagen, als
der Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart, die mit ihrem kranken
Kind da wohnt, ankam, und zitternd über einen knospenden Rosenbusch in
das kleine Zimmer glitt. Leise singend schwebten die Geisterchen des
Lichts, und ich mit ihnen, über den Fußboden hin, jagten sich um den
Schatten des Rosenbusches auf dem Boden, küßten das bleiche
Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen Züge der darüber
hingebeugten, armen, sorgenvollen Mutter. Wir bringen Hoffnung, wir
bringen Genesung, wir bringen Leben! flüsterten die Geister. Das kranke
Kind legte seine mageren Händchen lächelnd in den zitternden Strahl auf
seinem Kissen. Wir bringen Hoffnung Genesung, wir bringen Leben, sang
ich mit im Chor, und fast widerstrebend folgte ich dem zurückweichenden
Strahl. Noch einen letzten Blick konnte ich zurück ins Zimmer werfen,
und im nächsten Augenblick schwebte ich schon wieder in der Gasse. Die
Tante aber mußte jetzt wohl nach Haus gekommen sein, denn plötzlich
mischten sich die Töne ihres Flügels in den Reigen; ich hörte, wie der
alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen zur Ruhe ermahnte.
Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende. Wir waren jetzt vor dem
Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses; ein heller
Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor, und über ein Glas mit
Goldfischen und das Strickzeug in den Händen der Frau Hofrätin Zehrbein
schwebten wir hinein, lustig und glänzend, ohne eine Ahnung des
Schrecklichen, welches uns bevorstand. Mein Fräulein, lispelte eine
Stimme, in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn erkannte. Mein
Fräulein, inkommodiert Sie diese abominable schwüle Luft nicht zu sehr,
bitte, so lassen Sie uns noch einmal jene köstliche Barcarole aus Haydée
hören. -- Um Gottes willen! dachte ich, aber schon war's zu spät, meinen
winzigen Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu
raten; schon hatte Eulalia begonnen:
Das Lido-Fest ist heute
Lust und Vergnügen ringsum lächelt ...
Entsetzen faßte die Geisterschar; ihre schillernden, glänzenden Farben
verblichen; von dem Resonanzboden des ächzenden Musikkastens (wie Gustav
sagt), und zwischen den Lippen der Sängerin entwickelte sich eine
mißgestaltete Gnomenschar, die, gespenstisch kreischend und jammernd,
sich in der Luft überstürzte und überschlug und grimmig über die Geister
des Lichts herfiel. Es war schrecklich! Schon fühlte ich mich von einem
koboldartigen ^C^, welches mich an dem Halse gepackt hielt, halb
erdrosselt, und zappelte wie eine unglückliche Mücke in den Krallen der
Spinne; da -- erhob sich die Frau Hofrätin; die weiße Gardine sank
herab: wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich und das ganze
Heer des Lichts! Gerettet! -- An der Außenseite des Tuchs hing der
Strahl mit seinen Kindern, bleich und angegriffen; drinnen aber tönte es
fort:
Ein schöner Herr, ein holder Jüngling,
Mit mildem, liebendem Aug',
Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge! ...
Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab, und eben berührte er
die Erde, da -- erwachte ich, und Gustav, dicht vor mir, den Kopf auf
beide Fäuste gestützt, grinste mich an. -- (Au! nein, Du hast mich nicht
angegrinst?) Eine dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond, und mein
Traum war zu Ende, mein Märchen ist zu Ende!«
* * * * *
Das Märchen war zu Ende, aber noch nicht unser Mondscheinabend damals.
»Und nun, Gustav, Quälgeist ... hier ... da« ...
Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbecken neben ihr und
schleudert eine Hand voll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden
Gefährten ins Gesicht. Erschrocken und pustend springt dieser zur Seite,
worauf die Übeltäterin, böse Folgen ahnend, sogleich, um das Becken
herum, die Flucht ergreift.
»Ihr seid Zeugen, daß _Sie_ angefangen hat!« ruft Gustav, ebenfalls die
Hand ins Wasser tauchend und Elisen nacheilend.
»Tante! Tante! -- Onkel, Hilfe!« schreit diese, mit der abgebundenen
Schürze den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der anderen freien
Hand unaufhörlich bespritzend.
»Warte, Wasserjungfer!« ruft Gustav und bemächtigt sich der Schürze.
»Das sollst Du büßen, Verräterin!«
Mit einem Schrei läßt Elise ihre Ägide fahren, und -- wie ein Reh ist
sie seitwärts im Gebüsch hinter den Hollundersträuchen verschwunden,
doch nicht, ohne ihren durchnäßten Verfolger auf den Fersen zu haben.
»Diese Wildfänge!« seufzt die Tante Helene, auf eine Bank sinkend;
während ich Taschentuch, Arbeitskörbchen und umherrollende Äpfel,
welches alles das Frauenzimmer, den Ausgang ihres Attentats
vorhersehend, sogleich zu Boden geworfen hat, aufsuche, wie es einem
guten Onkel und Vormund geziemt. »Hören Sie nur, wie das Mädchen
kreischt!«
Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den Büschen lauschen, belebt
sich plötzlich die Szene, und andere Figuren kommen durch die
Monddämmerung. Mädchen- und Männerstimmen, kichernd und summend und
Opernmelodien pfeifend! Jetzt treten die Kommenden aus dem Schatten in
den helleren Lichtkreis um das Fontainenbecken: »Der Onkel Wachholder!«
rufen verwundert mehrere Stimmen, und im nächsten Augenblick sind wir
von den Nachtschwärmern und Abendfaltern umgeben und erkennen in ihnen
wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise. Ein Gewirr
von Begrüßungen und Fragen erhebt sich nun. Wo ist Fräulein Ralff, wo
ist Lischen, wo ist die Lise, wo ist Herr Gustav, wo steckt der Mensch?
schwirrt das durcheinander und wird beantwortet; bis endlich Gustav und
Elise zurückkommen von ihrer wilden Jagd, keuchend und rot, die Haare in
Unordnung, Elise mit einem großen Riß im Kleide, aber beide Arm in Arm,
wie artige, verträgliche Kinder. -- Jetzt geht der Jubel erst recht an!
Das ist schön, das ist prächtig, das ist ausgezeichnet; guten Abend,
Natalie; guten Abend, Ida; ich grüße Sie, mein Fräulein; wo kommt ihr
her, ihr Herumtreiber usw. usw.
Wie ist doch die Jugend so schön; wie wenig bedarf sie, um glücklich zu
sein! Ein bißchen Mondschein, ein paar klingende Wassertropfen, die
Strophe eines Liedes, und die jungen Herzen fühlen Gedichte, wie sie
noch nie dem Papier anvertraut werden konnten. Ich, der alte Mann, welch
ein Dichter, welch ein Maler müßte ich sein, wenn ich alle diese
frischen, blühenden Gestalten, die da heute an diesem einsamen Abend
wieder um mich her auftauchen, mit ihrem fröhlichen Lachen, ihren
kleinen Sorgen und Freuden, ihren kleinen Sünden und Tugenden, mit ihren
verstohlenen Seufzern, noch verstohleneren Zärtlichkeiten und ihren
lauten Neckereien auf die Blätter dieser Chronik festbannen wollte. Wie
abgeblaßt und schal sieht alles aus, was ich bis jetzt zusammengetragen
und niedergeschrieben habe; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich!
Aber wo war auf einmal der Mond geblieben? Die dunkeln Wolkenmassen, die
im Süden lange genug gedroht hatten, hatten sich unbemerkt herangewälzt;
es grollte und murrte in der Ferne, und schwere, warme Regentropfen
schlugen vereinzelt in die ^lenes susurros sub noctem^, in das leise
Geflüster im Schatten der Nacht.
Kennt ihr das »Rette sich wer kann!« bei einem plötzlich
hereinbrechenden Gewitter in einer großen Stadt? Alle Gruppen lösen
sich; -- Schürzen werden über den Kopf, Taschentücher über die Hüte
gebunden; hier flüchtet ein Pärchen unter eine laubige Akazie, dort ein
dicker alter Herr unter den Vorsprung eines Hauses; hier schlüpft
leichtfüßig ein junges Mädchen dicht an den Häuserwänden hin, dort
wandelt langsam und gleichmütig ein Naturmensch daher, nichts vor dem
Regen schützend als seine glühende Zigarre.
Die Droschken scheinen sich zu vervielfältigen, und -- »süß ist's, vom
sichern Hafen Schiffbrüchige zu sehen«, an allen Fenstern erscheinen
lachende Gesichter. Studenten, Referendare, junge Theologen usw. wischen
ihre Brillen ab; Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und
machen Studien nach dem Leben; Tanten und Mütter schelten über Indezenz.
-- Platsch! platsch! alle Dachrinnen senden, wie hämische Ungeheuer,
ihre Wassergüsse der dahertrabenden Menschheit in den Nacken. Es ist
lächerlich-schrecklich bei Tage, schrecklich bei Nacht!
»Siehst Du, Lischen, das hast Du erst gewollt, -- so lange hast Du mit
dem Wasser gespielt! Das kommt davon!« ruft ärgerlich die Tante Helene.
Gustavs Jubel erreicht den höchsten Grad, und lachend schleppt er seine
Mutter nach, während diesmal ich mit Lisen vorauslaufe. Nach allen
Seiten haben sich unsere Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut.
Das Gewitter kommt immer näher, der Donner brummt ganz artig, und die
Blitze sind gar nicht übel. Selbst Gustav meint: »Gottlob, da ist die
Sperlingsgasse!« Welche Überschwemmung! -- Gute Nacht und keine langen
Worte! -- Gustav verschwindet mit seiner Mutter hinter ihrer Haustür,
und auch wir erreichen glücklich die unsrige.
»Gott, Herr Wachholder, was habe ich für 'ne Angst gehabt!« ruft die
alte Martha uns von der Treppe entgegen.
Lischen pustet und ächzt und lacht, hält Arme und Hände weit ab vom
Leibe und wird so schnell als möglich ins Bett geschickt. Gustav ruft
natürlich von drüben noch einige Fragen herüber, auf welche wir aber
nicht antworten, und der Mondschein-Spaziergang ist zu Ende.
Am 15. April.
Der April, der einst ^mensis novarum^ hieß, ist der wahre Monat des
Humors. Regen und Sonnenschein, Lachen und Weinen trägt er in _einem_
Sack; und Regenschauer und Sonnenblicke, Gelächter und Tränen brachte er
auch diesmal mit, und manch einer bekam sein Teil. Ich liebe diesen
janusköpfigen Monat, welcher mit dem einen Gesichte grau und mürrisch in
den endenden Winter zurückschaut, mit dem anderen jugendlich fröhlich
dem nahen Frühling entgegenlächelt. Wie ein Gedicht Jean Pauls greift er
hinein in seine Schätze und schlingt ineinander Reif und keimendes Grün,
verirrte Schneeflocken und kleine Marienblümchen, Regentropfen und
Veilchenknospen, flackerndes Ofenfeuer und Schneeglöckchen,
Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken. Ich liebe den April,
welchen sie den Veränderlichen, den Unbeständigen nennen, und den sie
mit »Herrengunst und Frauenlieb« in einen so böswilligen Reim gebracht
haben. --
Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich früh durch das Geräusch des
Regens, der an meine Fenster schlug, erweckt, blieb aber noch eine
geraume Zeit liegen und träumte zwischen Schlaf und Wachen in diese
monotone Musik hinein. Das benutzte ein schadenfroher Dämon des
Trübsinns und des Ärgernisses, um mich in ein Netz trauriger,
regenfarbiger Gedanken einzuspinnen, welches mir Welt und Leben in einem
so jämmerlichen Lichte vorspiegelte und so drückend wurde, daß ich mich
zuletzt nur durch einen herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten
konnte. -- Aprilwetter! Die Hosen zog ich -- wie weiland Freund Yorick
-- bereits wieder als ein Philosoph an, und der erste Sonnenblick, der
pfeilschnell über die Fenster der gegenüberliegenden Häuser und die Nase
des mir zuwinkenden Strobels glitt, vertrieb alle die Nebel, welche auf
meiner Seele gelastet hatten. Frischen Mutes konnte ich mich wieder an
meine ^Vanitas^ setzen, und als ich gar in einem der schweinsledernen,
verstaubten Tröster, die ich gestern von der königlichen Bibliothek
mitgebracht hatte, eine alte vertrocknete Blume aus einem vergangenen
Frühling fand, konnte ich schon wieder die seltsamsten Mutmaßungen über
die Art und Weise, wie das tote Frühlingskind zwischen diese Blätter
kam, anstellen. Hatte sie vielleicht an einem lang vergangenen Feiertage
ein uralter, längst vermoderter Kollege mitgebracht von einem lustigen
Feldwege, oder hatte sie vielleicht eins seiner Kinder spielend in dem
Folianten des gelehrten Vaters gepreßt? Hatte sie etwa ein Student von
der Geliebten erhalten und hier aufbewahrt und vergessen? Welche
Vermutungen! hübsch und anmutig, und um so hübscher und anmutiger, als
sie nicht unwahrscheinlich sind.
O, versteht es nur, Blumen zwischen die öden Blätter des Lebens zu
legen; fürchtet euch nicht, kindisch zu heißen bei zu klugen Köpfen; ihr
werdet keine Reue empfinden, wenn ihr zurückblättert und auf die
vergilbten Angedenken trefft!
Sei mir gegrüßt, wechselnder April, du verzogenes Kind der alten Mutter
Zeit und -- --
»Beschütze Deinen Sohn Ulrich Georg Strobel! -- Guten Morgen, Meister
Wachholder!« sagte eine Stimme hinter mir.
Es war der Karikaturenzeichner, welcher, den grauen Filz auf dem Kopf,
die Reisetasche über der Schulter, den Eichenstock in der Hand, hinter
mir stand.
»Ach Gott, nun ist mein' Zeit vorbei!« fuhr er lachend fort. »Ich komme,
Ihnen Lebewohl zu sagen, alter Herr.«
»Was, Sie wollen fort? Was fällt Ihnen ein?«
»Kann Deutschland nit finden
Rutsch allweil drauf 'rum!«
sang der Zeichner und zeigte auf eine lustige blaue Stelle zwischen den
ziehenden Wolken. »Es ist nicht anders; haben Sie einen Gruß an die
freie, weite Welt zu bestellen, heraus damit! Oder noch besser; kommen
Sie -- dort steht Ihr Regenschirm -- begleiten Sie mich. Hören Sie, wie
lustig der Spatz da ins Fenster pfeift!«
Was sollte ich machen; ich schlug meinen Folianten zu, der tolle
Vagabonde bot mir seinen Arm, und wir traten hinaus in die Gasse.
»Leben Sie wohl, Mama; viel Glück, mein Fräulein!« rief der Zeichner
seiner Hausgenossenschaft zu, die ganz aufgeregt in der Tür stand. »Gott
grüß' Euch, Freund Marquart; lebt wohl, Mutter Karsten; lebt wohl,
Meister und Meisterin; lebt wohl, lebt wohl!« rief er nach rechts und
links hinüber. An der Ecke warf er noch einen letzten Blick hinauf nach
seiner verlassenen Wohnung, wo die Fenster offen standen und eine
zerrissene Gardine lustig im Frühlingswinde flatterte, und brummte: »Zum
Teufel, Du Nest!«
»Und wo wollen Sie nun hin?« fragte ich meinen wunderlichen Begleiter.
Der Zeichner lachte. »Was meinen Sie,« sagte er, »wenn ich mir das
Völkergewühl im Orient ein wenig ansähe, Kostüme zeichnete und über das
Bemühen lachte: einen neu eintretenden Faktor der Menschheitsentwicklung
durch Lancasterkanonen und Kriegsschiffe aufhalten zu wollen?«
»Was?!« rief ich mit offenem Munde.
»Wem gilt das >Was?<« lachte Strobel. »Meinem Vorhaben oder meiner
Meinung?«
»Sie glauben« ...
»Ich glaube, daß die Erde jung ist, alter Freund! Wir brauchen frisches
Blut und wollen nicht meinen, daß, weil man uns nur Geschichte der
Vergangenheit lehrt, es keine der Zukunft geben werde. Wir leben uns gar
zu gern in alles ein: in unseren Rock, in unseren Körper, in unsere
Familie, in unser Volk; wir freuen uns, wenn ein kleiner verwandter
Mitbürger das Licht der Welt erblickt; wir ärgern uns, wenn wir den Rock
zerreißen oder ein Krähenauge bekommen; wir betrüben uns, wenn unser
Vater, unsere Mutter stirbt; aber wir halten das alles für natürlich, --
bloß weil wir es leichter übersehen können. Soll nun auf einmal in dem
Krähenaugenkriegen, Geborenwerden und Sterben der großen Völkerfamilie
der Erde ein Stillstand eintreten; ein ^deus ex machina^ mit Manschetten
in das ewige Werden fahren und sagen: ^Stop!^ halt da; entwickelt euch
in euch selbst und -- entschlaft an Euthanasie? Bah!«
Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr
fort, während ich den Kopf bedachtsam schüttelte:
»Es hat den Griechen nichts geholfen, die besten Dichter, Bildhauer und
Maler zu sein, die geistreichsten philosophischen Systeme aufstellen zu
können: die eisernen Männer Roms klopften an, stellten die griechische
Bildung ^sub hasta^, spielten Würfel auf den Gemälden, fabrizierten
korinthisches Erz aus den Metall-Statuen, und -- die Weltgeschichte ging
einen Schritt vorwärts. Es hat den Römern nichts geholfen, die größten
Kriegs- und Verwaltungskünstler zu sein, -- Zündnadelgewehre und
Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf gegen die _eine_ Macht im
Weltall, welche die Gestirne treibt und die Wandervögel, und welche die
Völker bewegt zur rechten Zeit. Die Barbaren kümmerten sich nicht um
Kommandowörter; sie stürmten die Tore Roms und -- die Weltgeschichte
ging einen Schritt weiter!«
Ich schüttelte wieder das Haupt und brummte: »Immer zertrümmern,
zertrümmern!«
»Meine Mutter starb, indem sie mich gebar!« sagte der Zeichner grimmig
und stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein
kleiner Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den
Weg. »Jetzt will ich Ihnen auch sagen, wo ich _in der Tat_ hin will;
nicht wohin ich gehen _könnte_,« sagte Strobel. »Kommen Sie!«
Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden.
So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser
Gasse gewohnt, täglich fast war ich vor diesem Hause, vor diesen trüben
Fenstern vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier
wohnende Familie dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male die
feuchten Stufen hinab zu ihr. Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn
vor, dem Schuhmacher Burger, einem Manne, welchem eine ganze
Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen war. Heute Abend führt ihn und
die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von wo sie ein Schiff nach
einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen soll; und der
Zeichner -- will die Familie begleiten nach Hamburg.
Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der ärmlichen Wohnung
waren schon zusammengepackt; die bleichen, traurigen Gesichter der
Eltern, das teilnahmlose der alten Großmutter, die auch heute noch am
gewohnten Platz hinter dem Ofen spann, die Kinder, welche verwundert in
den Winkeln kauerten, alles machte einen tiefen, wehmütigen Eindruck auf
mich.
Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust, welche
das Volk forttreibt von Haus und Hof, aus den Städten und vom Lande;
welche den Köhler aus seinem Walde, den Bergmann aus seinem dunkeln
Schacht reißt, welche den Hirten herabzieht von seinen Alpenweiden, und
sie alle fortwirbelt, dem fernen Westen zu: Not, Elend und Druck sind's,
welche jetzt das Volk geißeln, daß es mit blutendem Herzen die Heimat
verläßt. Mit blutendem Herzen; denn trotz der Stammzerrissenheit, trotz
aller Biegsamkeit des Nationalcharakters, der so leicht sich fremden
Eigentümlichkeiten anschmiegt und unterwirft, -- worin übrigens in
diesem Augenblick vielleicht allein die welthistorische Bedeutung
Deutschlands liegt -- trotz alledem hängt kein Volk so an seinem
Vaterland als das deutsche.
In englischen Schriften läuft Deutschland öfters als »^the fatherland^«
[Griechisch: kat' exochên]. Das wird zwar mit einem gewissen »^sneer^«
gesagt, aber es ist eine Ehre für unsere Nation, und wir können stolz
darauf sein.
O, ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt
nichts, euer Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die
stolzesten Namen in Poesie und Wissenschaften führt, so oft geschieht!
Scheltet, spottet, geißelt, aber hütet euch, jene schwächliche
Resignation, von welcher der nächste Schritt zur Gleichgültigkeit führt,
zu befördern oder gar sie hervorrufen zu wollen.
Als die Juden an den Wassern zu Babel saßen und ihre Harfen an den
Weiden hingen, weinten sie, aber sie riefen:
»Vergesse ich Dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen!«
_Die_ Worte waren kräftig genug, selbst die zuckenden Glieder eines
Volkes durch die Jahrtausende zu erhalten.
Ihr habt die Gewohnheit, ihr Prediger und Vormünder des Volkes, den
Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatsdorfes zu
schreiben; schreibt:
»Vergesse ich Dein, Deutschland großes Vaterland: so werde meiner
Rechten vergessen!«
Der Spruch in aller Herzen, und -- das Vaterland ist ewig!
Das letzte Hausgerät war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in
der Gasse gelegt. Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer
verödeten Wohnung, die alle Leiden und Freuden der Familie gesehen
hatte, um.
»'s ist 'n hart Ding, 's ist 'n hart Ding!« sagte seufzend der Meister,
und Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter.
»Es ist Zeit, Mann! Faßt Euch ein Herz, geht Eurer Frau mit einem guten
Beispiel voran.«
»Der Totengräber hat versprochen, er will unseres Fritzen Hügel draußen
nicht verrotten lassen!« schluchzte die Frau.
Burger wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, erhob sich aus seinem
Hinbrüten und ging, seine alte Mutter hinaufzuführen auf die Gasse;
seine Frau weinte laut, brach einen Zweig von der verkümmerten Myrte im
Fenster, legte ihn in ihr Gebetbuch und nahm ihr jüngstes Kind auf den
Arm, während sich die anderen an ihre Schürze und ihren Rock hingen. Die
Familie stieg die enge schwarze Treppe, welche auf die Straße führt,
hinauf, -- sie hatte ihren langen Weg begonnen!
Draußen wechselte Regen mit Sonnenschein, wie der April es mit sich
brachte. Der Meister zog seinen Wagen voraus, wir anderen folgten. Einen
letzten Blick werft zurück in die enge, dunkle, arme Sperlingsgasse --
ihr werdet wohl oft genug an sie denken -- und dann hinaus in die weite
Welt, ihr Wanderer!
Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schützlinge. Ein
letzter Händedruck, ein letzter Gruß! Wer weiß, ob wir nicht noch einmal
uns wieder sehen, Strobel! Lebt wohl! lebt wohl! -- Und wieder einmal
konnte ich einsam und allein zurückkehren, einsam und allein dies Blatt
der Chronik der Sperlingsgasse aufzuzeichnen.
Am 1. Mai. Abend.
Ich saß heute Nachmittag draußen im Park in den warmen Sonnenstrahlen,
die hell und lustig durch die noch kahlen Zweige der höheren Bäume und
durch das mit zartem, frischem Grün bedeckte niedere Gesträuch fielen.
Kinder mit Sträußen von Frühlingsblumen zogen an mir vorüber; ein
Maikäfer, mit einem Zwirnfaden am Bein, hing schlaftrunken an einem
Zweige mir zur Seite, und ein stubengesichtiger junger Mann, dem ein
Buch hinten aus der Rocktasche guckte, grub sorgsam eine Pflanze aus. Es
war ein prächtiger Frühlingsnachmittag. Da begannen auf einmal in der
Stadt die Glocken zu läuten, den morgenden Sonntag zu verkünden, und
wieder schwebte, von den »Himmelstönen« getragen, eine süße Erinnerung
heran.
Es war auch ein erster Mai. Da war der Frühling gekommen mit jungem
Grün, bauenden Schwalben und einem -- Hochzeitstage in der alten,
dunklen Sperlingsgasse. Sie hatten Blumen gestreut, und mit Blumen und
Laubkränzen die Pfosten umwunden; sie hatten Sonntagskleider angezogen
in der Sperlingsgasse, und alle hatten fröhliche, fröhliche Gesichter.
Und der Himmel war blau, und die Sonne schien strahlend durch den Efeu,
welchen vor so langen Jahren Marie Ralff im Ulfeldener Walde ausgegraben
hatte; aber weder Himmelsblau noch Sonnenschein kamen an heiliger
Reinheit dem Gesichtchen gleich, das sich an jenem ersten Mai an meine
Schulter schmiegte und durch Tränen lächelnd zu mir aufschaute. Das Bild
der Mutter sah aus seinem Rahmen und den Kränzen, die es heute umwanden,
ebenfalls lächelnd auf uns herab. Lächeln, Lächeln überall! Und als das
junge Herzchen an meiner Brust pochte, auf der anderen Seite Gustav mir
den Arm um die Schulter legte; als Helene weinend der jungen Braut den
Kranz in die Locken drückte, da war es mir, als sei nun ein lange
dunkles Rätsel gelöst, und ich senkte das Haupt vor der geheimnisvollen
Macht, welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat für das Kind in der
Wiege und die Nation im Todeskampf. Wie die Fäden laufen mußten, um hier
in der armen Gasse sich zusammen zu schürzen zu einem neuen Bunde! Wie
so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glück aufsprießen zu
lassen! Das ist die große, ewige Melodie, welche der Weltgeist greift
auf der Harfe des Lebens, und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes,
der Denker in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt. --
Wir sprachen an jenem Tage nicht viel! Das Glück ist stumm, und was die
Liebe -- die wahre Offenbarung Gottes -- sich zuflüstert, hat noch kein
Dichter auf Papyrus, Pergament oder Papier festgehalten. Die kleine
Kirche war gar feierlich heilig, als der junge Maler -- er dachte in dem
Augenblick gewiß nicht an sein gefeiertes Bild, Milton, den Galilei im
Gefängnis zu Rom besuchend -- als der junge Maler seine schöne Braut
hineinführte an den geschmückten, lichterglänzenden Altar. Und niemand
fehlte in dem Kreise teilnehmender Gesichter umher! Da war das Atelier,
da waren Elisens Freundinnen, da war vor allem die alte Martha und die
Hausgenossenschaft und Nachbarschaft der Sperlingsgasse. Die Orgel
begann den Choral -- und die Jungfrau Elise Johanna Ralff und Herr
Gustav Theodor Maximilian Berg wurden durch ein ganz leises, leises Ja
und ein anderes viel lauteres, auf eine gar verfängliche Frage, Mann und
Frau! --
* * * * *
Die Chronik der Gasse nähert sich ihrem Ende. Was sollte ich auch noch
vieles erzählen? Unsere Kinder sind glücklich in dem schönen Italien;
die alte Martha schläft nicht weit von Mariens Grabe auf dem
Johanniskirchhofe; ich bin alt und grau. Wenn ein Paket von Rom gekommen
ist, so gehe ich hinüber zu der freundlichen, schönen, weißhaarigen
Frau, die da drüben in Nr. Zwölf gewöhnlich strickend am Fenster sitzt,
und unsere alten Herzen schlagen höher bei dem frischen Lebensglück,
welches uns aus den engbeschriebenen Bogen entgegenleuchtet. Wir folgen
den Kindern durch alle die alten und neuen Herrlichkeiten, wir stehen
mit ihnen vor dem Laokoon, wir steigen mit ihnen zum Kapitol hinauf,
unsere Schritte hallen an ihrer Seite in den Sälen des Vatikans, in den
Loggien Raffaels wider. Wie eine reizende Märchenarabeske ist jeder
Brief: blauer Himmel und Sonne und ein fröhliches Lachen auf jeder
Seite!
Es ist spät in der Nacht, als ich dieses schreibe; tiefe Dunkelheit
herrscht in der Gasse; kein einziges erhelltes Fenster ist zu erblicken.
Der einzige Laut, den ich vernehme, ist das Schlagen der Turmuhren oder
der Pfiff des Nachtwächters. Da liegen alle die bekritzelten Bogen vor
mir! bunt genug sehen sie aus! --
Was sollte ich noch viel hinzufügen? Wenn die alten Chronikenschreiber
ihre Aufzeichnungen bis zu ihren Tagen fortgeführt und ihr Werk beendet
hatten, hefteten sie noch einige weiße Bogen hinten an, damit der
künftige Besitzer die »wenigen« Ereignisse, welche vor dem Untergang der
Welt noch geschehen würden, darauf nachtragen könne. Das nachzuahmen
habe ich nicht im Sinn. Diese Erde wird sich noch lange drehen, in
dieser engen Gasse wird noch manches Kind geboren werden, manche Leiche
wird man hinaustragen, und unter den letzteren vielleicht in nicht
langer Zeit auch den, welchen sie Johannes Wachholder nannten. -- Was
die paar Tage, die mir noch übrig sind, bringen werden, will ich in Ruhe
erwarten; viel Neues können sie mir nicht zeigen. --
Ich öffne das Fenster und blicke in die dunkle, stille, warme Nacht
hinaus. Hier und da flimmert ein einsamer Stern an der schwarzen
Himmelsdecke. Wie feierlich der Glockenton in der Nacht klingt! Zwölf
Uhr. In wie viele Träume mag sich dieser Schall verschlingen? Der
grübelnde Gelehrte wird von seinem Buche verwirrt aufsehen, das junge
Mädchen wird von Tanz- und Ballmusik träumen, der arme Kranke wird von
dem kommenden Tage Genesung erflehen, die Mutter wird im Schlaf ihr
kleines Kind fester an sich drücken, und der Herrscher, die Stirn wund
vom Druck einer Krone des Zeitalters der Revolution, wird das Haupt in
die Kissen senken und seufzen: Ein neuer Tag! --
Meine Lampe flackert und ist dem Erlöschen nahe. Mit müder Hand schließe
ich das Fenster und schreibe diese letzten Zeilen nieder:
Seid gegrüßt, alle ihr Herzen bei Tag und bei Nacht; sei gegrüßt, du
großes, träumendes Vaterland; sei gegrüßt, du kleine, enge, dunkle
Gasse; sei gegrüßt, du große, schaffende Gewalt, welche du die ewige
_Liebe_ bist! -- Amen! Das sei das Ende der Chronik der Sperlingsgasse!