Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goethe im >Faust<
unsterblich gemacht? »Der Weg dahin ist gar nicht schön.« Welcher Weg um
diese Stadt ist schön? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und
kühle Lauben am Tage; Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswürmer
am Abend; da gibt es Kellner mit einst weißen Servietten, die in der
rechten Hosentasche stecken; da gibt es vor allem einen -- prächtigen
Tanzplatz im Grünen!
»Lischen, heute Morgen hast Du mir einen Korb gegeben; ich will Dir das
verzeihen, wenn Du mir jetzt keinen anhängen willst: Mein Fräulein, darf
ich um den ersten Walzer bitten?«
»Laß uns erst ankommen, Vetter!« sagt Lischen, die auf dem ganzen Wege
stets die Vorderste wäre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr
hielte. -- --
Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen
Pfeife hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben
zuschauend, und lächelnd das schwarze Käppchen auf den langen, weißen
Haaren hin und her schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir
uns durch die Menge drängen, und ruft uns sein »Willkommen« entgegen.
Hurra, da ist das »Atelier mit seinen Schwestern«, wie Gustav sagt, und
die sechs Nichten des Professors. Eine lustige Gruppe: lange Haare,
schwarze Sammetröcke, Kalabreser mit gewaltigen Troddeln; dann wieder
weiße Kleider, bunte Bänder, Strohhüte; und Gustav und Elise natürlich
sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen Vocabulus, ist das nicht der
lange Oberlehrer Besenmeier, der da, ^aptus adliciendis feminarum
animis^, der dicken Frau Rektorin Dippelmann einen Stuhl erobert?
Wahrlich, er ist's, und da ist der Rektor selbst, der Ruten und Beile so
vollständig abgelegt hat, daß ihn in diesem Augenblick jeder Sekundaner,
ohne böse Folgen, um -- Feuer für seine Zigarre bitten könnte. Wen haben
wir hier? Darf ich meinen Augen trauen! der königliche Professor der
Gottesgelahrtheit, Hof- und Domprediger Dr. Niepeguck!? -- Wirklich, er
ist's; mit Frau und Kindern steuert er durch die Menge. »Weg die
Dogmatik!« lautet das Studentenlied: warum sollte der alte Hallenser das
an einem solchen prächtigen Abend nicht auch noch einmal in -- das
Doppelkinn summen dürfen? Wie die Universität vertreten ist!
Professoren! Privatdozenten und Studenten von allen Fakultäten und
Verbindungen! Dacht' ich mir's doch, da sind die »unmoralischen
Menschen«, die Freiwilligen! Natürlich durften sie nicht fehlen! --
»Guten Abend, Cäcilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klärchen,
Josephine! Das ist ja prächtig, daß Ihr auch da seid!« schwirrt und
summt das durcheinander!
»Gott, wo bleibt mein Tänzer! der abscheuliche Mensch wird mich doch
nicht >_sitzen_< lassen?!«
»Auf keinen Fall, mein Fräulein!« sagt der Auskultator Krippenstapel,
sein ambrosisches Haupt über die Schulter der erschrockenen Sprecherin
streckend und etwas von »nur Personalarrest« murmelnd.
»Lischen, keinen Korb -- bitte!« ruft Gustav, ein Paar wundersame
Handschuhe anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend.
»Nun, Vetter, -- wenn's denn nicht anders sein kann -- so komm' schnell,
die Musik fängt schon an.«
»Höre, Peter van Laar,« sagte Gustav, schon im Rennen, zu einem
wohlbeleibten Kunstjünger, »wenn Du mich wieder auf den Fuß trittst, wie
neulich, stecke ich Dich morgen mit der Nase in Dein Terpentinfaß! Komm,
Lischen!« --