N.

^P. Scr.^ Nannette ist fort! Meine lieben Freunde, ich bin sehr

glücklich und fidel! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen.

Gruß und Brüderschaft!

Euer

_H. Wimmer._«

Welchen Jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in

der Sperlingsgasse erregt! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahre

1841, als er ankam, der Lehrer Roder mit der kleinen Elise im Zimmer

herum! Heute, wo ich ihn wieder hervorsuchte, ist weder Roder bei mir,

-- sie haben ihn im Jahr Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika

gejagt, _sie fürchteten_ sich gewaltig vor ihm -- noch guckt das kleine

Lischen, auf einem Stuhl stehend, mir über die Schulter. Aber allein bin

ich doch nicht beim Wiederlesen; trotz dem Regen hat sich der Zeichner

Strobel herausgewagt und ist, da das Glück dem Kühnen lächelt,

wohlbehalten, wenn auch etwas durchnäßt, bei mir angekommen.

»Es ist ein prächtiges Ehepaar geworden,« sagte er lächelnd, indem er

mir die Nadel einfädelte, mit welcher ich das Dokument der Chronik

anheften wollte. »Seit der Doktor den bösen politischen Husten, der ihn

sonst plagte, losgeworden ist, hat er einen Umfang gewonnen, dem nur das

Embonpoint der kleinen fidelen Frau Doktorin Nannerl nahe kommt. Und

diese kleinen fetten Wimmerleins: Hansl, Fritzl und Eliserl, »das

jüngste Wurm«, wie der Doktor sagt! -- Und diese Nachkommenschaft des

edeln Rezensent! -- Für jedes Wimmerlein ein Pudel, einer immer

schwärzer und schnurrbärtiger als der andere. Wie heißen sie doch?

Richtig: Stulpnas (gewöhnlich Stulp abgekürzt), Tinte und Quirl. Es ist

ein Schauspiel für Götter, die Familie spazieren gehen zu sehen. Voran

schreitet der Doktor mit dem alten Großvater Pümpel, dann folgen Tinte

und Quirl, die den Korbwagen ziehen, in welchem das »Kroop« Elise liegt.

Neben ihnen trabt Stulp mit des Doktors Hut und Stock, und zuletzt kommt

die Nannerl, an der Rechten den Hans, an der Linken den Fritz. Von Zeit

zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm das Paar der Zugtiere an oder

ruft dem Doktor zu:

»Wimmer, Du wirst gleich Dein Taschentuch verlieren!«

oder:

»Wimmer, renne nicht so mit dem Vater. Wir kommen halt nicht mit!«

oder:

»Wimmer, Stulp hat nur noch Deinen Stock!«

Dann dreht sich der Doktor gravitätisch um, wirft einen Feldherrnblick

über den langsam daher ziehenden Heereszug, pustet und fächelt, knöpft

die Weste auf, bindet das Halstuch ab, oder zieht wohl gar den Rock aus

und sagt:

»Schatz, das Spazierengehen müssen wir aufstecken. Beim Zeus! es wird zu

angreifend für unsereinen! -- Stulp, Schlingel, hol' meinen Hut -- dort

^allons^!«

Während nun der Zug so lange hält, bis Stulp mit dem Verlorenen

zurückkommt, sagt der Alte wohl:

»Heinerich, paß auf, das neue Komplimentierbuch geht nicht!«

»Weshalb nicht, Papa?«

»Wir sind hier zu Lande nicht recht daran gewöhnt!« lautete die Antwort.

»Das weiß ich schon aus den Nibelungen und dem Parcival,« sagt der

Doktor, eine gewaltige Rauchwolke auspuffend. »Es soll aber schon

>gehen<, Onkel und Schwiegerpapa Pümpel! Das Ungewohnte und

Ungewöhnliche macht am meisten Glück. Fritzl, laß den Frosch in Ruhe,

setz' ihn wieder ins Gras, sonst kriegst Du ihn gebraten zum Abendessen,

was keinem jungen Bayern angenehm sein kann! -- Vorwärts! ^Yankee doodle

doodle dandy^!« Damit setzt sich das Haus Pümpel & Komp. wieder in

Marsch.

Ich lachte herzlich über diese Schilderung. »Es wachse, blühe und grüne

das Haus Pümpel & Kompagnie wie -- wie -- --«

»Hopfen! -- Vivat hoch!« schrie der Zeichner, nahm den Hut und trabte

wieder davon. Wo er gesessen hatte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser:

einen Schirm brauchte ich ihm also nicht anzubieten.

Abends 11 Uhr.

Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen

Tänzerin über mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiteten,

nicht erzählen aus Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu

schaffen, aber die unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Blätter des

Buches _Welt und Leben_, eins nach dem andern umwendet, mit ihren

zertretenen Generationen, gemordeten Völkern und gestorbenen Individuen,

will es anders, als der kleine nachzeichnende Mensch. Dunkel wird doch

dieses Blatt, dunkel -- wie der Tod!

»Herr Wachholder,« sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an

meine Tür klopfte. »Herr Wachholder, das Kind der Tänzerin stirbt in

dieser Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat's gesagt. Ist's

nicht schrecklich, daß die Mutter in diesem Augenblicke tanzen muß? Sie

haben ihr nicht erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben

diesen Abend: es wäre heute der Geburtstag der Königin, sie _müsse_

tanzen!«

Arme, arme Mutter! Ein hübscher, leichtsinniger Schmetterling,

gaukeltest du, bis die Verführung kam und siegte. Verlassen, verspottet,

suchtest du dein Glück nur in den Augen, in dem Lächeln deines Kindes

und jetzt nimmt dir der Tod auch das!

Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und dem Tod im Herzen zu

tanzen! Du hörst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hörst

nicht die rauschende Musik: das Ächzen des winzigen sterbenden Wesens in

der fernen Dachstube übertönt alles. -- Ich steige die enge, dunkle

Treppe hinauf, die zu der Wohnung der Tänzerin führt. Frau Anna und der

gute, alte Doktor Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes.

Eine verdeckte Lampe wirft ein trübes Licht über das kleine Zimmerchen!

hier und da liegt auf den Stühlen phantastischer Putz; eine schwarze

Halbmaske unter den Arzneigläsern auf dem Tische. Der Doktor legt das

Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht den schweren, ängstlichen

Atemzügen; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht hinaus. Der

Regen schlägt noch immer gegen die Scheiben; aus einem Tanzlokal der

niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Töne einer

Geige bis hier herauf. -- Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt

leise und ernst:

»Sie muß sich beeilen!«

Das Kind stöhnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drückt

schwer und schwerer auf das kleine, unwissende Herz, dem sich gleich ein

Geheimnis enthüllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos

steht.

Auf der Sophienkirche schlägt es dumpf Zehn. Der Wind macht sich

plötzlich auf und rüttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die

Februarnacht wird immer unheimlicher und düsterer.

Unter Blumenkränzen sich verneigend, steht jetzt im Theater die große,

berühmte Künstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der König,

die Königin, das Publikum haben sich erhoben; -- der schwere,

goldbesternte Vorhang rollt langsam nieder. Die bleiche Königin ist müde

in ihren Wagen gestiegen; die große Künstlerin nimmt die Glückwünsche

und Schmeicheleien der sie Umgebenden in Empfang; leer wird das eben

noch so menschengefüllte Opernhaus und -- die arme Choristin ist halb

bewußtlos an einer Kulisse zu Boden gesunken, um, wie aus wildem Traume

zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend, mit dem herzzerreißenden

Schrei: »mein Kind! mein Kind!« fortzustürzen. -- Wir in dem kleinen

Dachstübchen haben das nicht gesehen, nicht gehört, aber jeder kürzer

werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte uns, was dort in dem

lichterglänzenden, musikerfüllten Gebäude am anderen Ende der großen

Stadt geschehe.

Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hält drunten.

»Die Mutter,« sagt der Doktor aufstehend. »Es war Zeit!«

Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln

Mantel gehüllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tür. Sie läßt den

regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostüm der

Teufelinnen, wie wir es in Satanella sahen, stürzt sie auf das Bettchen

zu.

»Mein Kind! Mein Kind!« flüstert sie, in gräßlicher Angst den Doktor

ansehend. Sie beugt sich, sie hört den leisen Atem des Kindes: Es lebt

noch! -- Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten

und feuerroten Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen.

»Mama! liebe Mama!« stöhnt das sterbende Kind, mit dem kleinen

fieberheißen Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, daß

die Steine darin blitzen und funkeln. -- -- Jetzt läuft ein Schauer über

den kleinen Körper -- -- --

»Vorüber!« -- sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drückend.

Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen bewußtlosen

Mutter.

Am 7. März.

Gestern Nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang

über der großen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im

Norden wie ein Vorhang und wälzten sich langsam und schwerfällig dem

Süden zu. Ein Sonnenstrahl glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände

mir gegenüber, um ebenso schnell zu schwinden; ein anderer von etwas

längerer Dauer folgte ihm, und jetzt liegt der prächtigste

Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den Straßen der Stadt.

Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten

Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner besseren Hälfte, die nun ihre

Pflicht getan zu haben meint, erschöpft auf einen Stuhl zum

Kaffeetrinken niedersinkt und lispelt: »Puh! hab' ich mich abgequält,

aber Gottlob, nun ist's auch mal wieder rein!«

Ja, rein ist's! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu

grau und unansehnlich geworden war; viel mißmutige, verdrossene

Gesichter haben sich aufgehellt, und -- die kleine Leiche von oben ist

fort. Die alte Großmutter Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die

arme Mutter auf die Stirn geküßt, als man den Sarg hinabtrug, und hat,

gleichsam als wundere sie sich über etwas, lange das Haupt geschüttelt.

Wer weiß, wie viele jüngere Leben sie noch dahin schwinden sieht.

Ich habe diese Blätter, glaub' ich, einmal ein Traumbuch genannt; --

wahrlich, sie sind es auch.

Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und

traurig vorüber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablösen,

ganz bedeckt von Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche

finstere Folie auf. Die Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist

tote Nacht allenthalben, die nur dann und wann ein Klagelaut

unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so dunkel, ein Stern funkelt

stets hinein: Elise! -- Ich brauche nur in meine alten Mappen und

Erinnerungsbücher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen, die

Nebel sinken, und es wird wieder fröhlicher Tag in mir.

_Elise!_

Die Knospe, die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle

einschloß, entfaltet sich wie ein süßes, liebliches Geheimnis. Noch ein

warmer Kuß der Sonne, und die Centifolie, den reinen Tautropfen der

Jugend und der Unschuld im Busen, ist die schönste der Erdenblüten.

Ich glaube an keine Offenbarung, als an die, welche wir im Auge des

geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrüglich;

in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott »von Angesicht zu

Angesicht«. Die Zunge ist schwach, und des Menschen Sprache

unvollkommen; die Schrift ist noch schwächer und unvollkommener, und ein

Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu

wollen, ist ein arm töricht Beginnen. Ich drücke die Augen zu, und --

_sie_ ist vor mir mit ihrem süßen Lächeln, _sie_ schlägt sie auf, diese

großen, blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde. Elise, Elise,

nun bist du ein großes, schönes Mädchen geworden, und das Bild dort,

welches dein toter Vater von deiner toten Mutter malte, gleicht einem

Spiegel, wenn du so sinnend davor stehst und so süßtraurig lächelnd zu

ihm emporblickst. Die wilden Spiele, die tollen Streiche in dem Hause

und auf der Gasse sind vorüber (wenn auch noch nicht ganz, Schelm); wo

du sonst lachtest, Elise, lächelst du jetzt, wo du sonst weintest und

klagtest, senkst du jetzt die Augen und träumst: wo du sonst den

Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder die Ärmchen auf dem Rücken

ineinander wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot über deine Wangen, -- du

bist eine Jungfrau geworden in den Blättern der Chronik, Elise!

* * * * *

Oftmals lässest du, vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der

Efeulaube sitzend, die Arbeit lauschend in den Schoß sinken, das

Köpfchen in das dichteste Blätterwerk verbergend. Eine helle, frische

Stimme klingt dann von drüben herüber, ein Studentenlied anstimmend. Wo

will Flämmchen hin, Elise? -- Einen Augenblick sitzt es auf ihrer

Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es ihr ein wichtiges, ein

gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es aus dem

Fenster. Wo ist es geblieben?

Die Stimme drüben, die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt

Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verändertes, braunes Gesicht,

von dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. Zwölf am Fenster; es ist

der junge Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts

der Gasse, jetzt ein »denkender« Künstler und, wie man munkelt, oft

genug der »Taugenichts des Ateliers« beim Meister Frey in der

Rosenstraße.

»Cousine, Cousine Elise! Onkel Wachholder!« ruft er. »Die Mama ist außer

sich! Flämmchen hat ein Leinölglas umgestoßen, und -- Unordnung über

Unordnung -- nicht nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem

Fußboden, sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner

Zeichnung angebracht. Es ist keine Möglichkeit, weiter zu arbeiten! Wie

wär's mit einem Spaziergang?«

Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug

ähnliches von drüben herüber rief; die Chronik der Sperlingsgasse hat

ihre Wiederholungen, wie alles in der Welt. -- Elise setzt ihren

Strohhut auf, und wir gehen hinüber. Auf der Treppe schon empfängt uns

Gustav, noch im leichten farbebeschmutzten Malrock, den Kanarienvogel

auf dem Finger.

»Da ist der Verbrecher,« lacht er. »Sieh, Lischen, wie unschuldig er

aussieht, gerade wie Du, die doch auch um kein Haar breit besser ist als

er.«

»Was? -- Was hab' ich denn verbrochen?« fragt Elise.

»Höre nicht auf den bösen Menschen,« sagt die Tante Helene, die jetzt in

der Tür erscheint.

»So; -- das ist ja prächtig, Mama! höre nicht auf den bösen Menschen!

Das ist himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hängt wie Pech

zusammen; ich rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die

Sache ist zu wichtig, als daß man sie auf der Treppe abmachen könnte.«

Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz und Gustav beginnt:

»Hören Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe

unter dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorsätze und

Gesinnungen bewegten meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich für

den immensen Fleiß, den ich heute beweisen wollte, verschiedene

Bummeleien zugute. Ich wollte, ich hätte das Selbstgespräch, welches ich

hielt, stenographieren können, es würde mir jetzt von großem Nutzen

sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine guten Vorsätze sonst

dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal glücklich vorbei

gesegelt. Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster anbrüllte, hatte

ich mich taub gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir

zuwinkte, hatte ich mich blind gestellt; gefühllos zu sein, hatte ich

geheuchelt, als Richard Breimüller mich in die Seite stieß und mir den

Arm fast ausrenkte, um mich mit zu einem großartigen Frühstück zu

ziehen, welches die unmoralischen Menschen, die Freiwilligen von den

Zweiunddreißigern, gaben. Ich entwickelte eine riesige Moral! Da biege

ich im vollen Gefühl meiner Sittlichkeit um die Ecke, die auf den

Gemüsemarkt führt und -- renne gegen einen Korb oder vielmehr eine

Korbträgerin, welche mir entgegen kommt und mir ohne weiteres mit ihrem

Sonnenschirm den Weg versperrt ...«

»Oh, dieser Lügner!« fällt hier Elise ein. »Wer hat Dir den Weg

versperrt? Hast Du mich nicht angehalten? Hast Du mir nicht einen Korb

weggenommen! Du ...«

... »Die mir also den Weg versperrt und ...«

»Verleumder! -- Hast Du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die

größte Mohrrübe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit dem Messer ...«

... »Die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: Sieh, das ist

prächtig, Gustav; jetzt sollst Du wider Deinen Willen einmal zu etwas

nützlich sein; hier, nimm meinen Korb! -- Kannst Du das leugnen, Lise?«

»Onkel, er lügt entsetzlich,« sagt Elise, »er verdreht die ganze

Geschichte. Ich hätte _ihn_ doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war

es, der ihn nicht wieder herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem

Biß, den er an seine Mohrrübe tat, an einem Rosenstrauß roch, welchen er

ebenfalls herausgewühlt hatte, so sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr

und ...«

»Onkel Wachholder,« unterbricht jetzt Gustav, »ich verband das Schöne

mit dem Nützlichen! Mama, sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen --

gegen alles Mögliche?«

... »Ich habe keine Zeit mehr, und wenn Du den Korb einmal nicht wieder

herausgeben willst, so behalte ihn und schleppe ihn, meinetwegen!«

»Siehst Du! Seht Ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein.

Denken Sie, Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon

wie eine Gazelle und läßt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen

mit Rosen von Schiras und Gemüse aus dem Tal von Schâm. Elise, Lischen,

Cousine Ralff! rufe ich aus vollem Halse; Lise, mit dem Korb kann ich

doch nicht ins Atelier gehen! Himmlische Cousine Lischen, befreie mich

von diesem Stilleben! -- Wer aber nicht hört, ist Elise. Was war zu tun?

Ich setze mich in Trab; mit Korb und Mappe, mit Rüben und Rosen hinter

ihr her. Solch eine Jagd! -- Von Zeit zu Zeit sehe ich ihren Strohhut

oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-, Herings-, Butter- und

Käsehandel -- ich glaube sie zu haben, -- Täuschung, da ist sie wieder

hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und

verkaufenden Publikum sehr lächerlich zu werden mit meiner Mohrrübe, die

ich noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen

Eierkorb! Riesiger Skandal! -- Die Polizei erscheint! >Verkoofen Se Ihr

Grünkraut sachte,< sagt grinsend Polizeimann Nr. 69, >immer langtemang!<

-- Ich bezahle für den Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben

Stiefeln; von Elise keine Spur! -- Neue Jagd, -- ich glitsche über einen

Kohlstrunk aus, -- baff, da liege ich mit Korb und Mappe; Kohlrüben,

Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im

malerischen Durcheinander um mich her. >O Jotte, det arme Kind,< sagt

eine dicke Gemüsefrau, >ebent in die Eier und nu in den D...! Soll ich

Se ufhelfen, Männeken?< -- >Immer langtemang,< grinst wieder Polizeimann

Nr. 69, der mir wie mein böses Prinzip gefolgt ist. -- Ich suche meine

Schätze, die ich zu allen Teufeln wünsche, gleich im Liegen auf und

erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung. Außer Atem und

hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an

derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle den Korb

zwischen die Beine und starre mit äußerst bitterem Gefühl hinein. Soll

ich das Ungetüm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorüber

an der Kaserne der Zweiunddreißiger und an Schnollys Konditorei? --

Einen Spitznamen hätte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg -- drei

Ellen lang! Mein innerster Mensch sträubt sich zu mächtig dagegen. Eine

Droschke konnte ich nicht nehmen, denn meinen Geldvorrat hatte das

Eierunglück aufgefressen, es blieb mir nichts anderes übrig, als eine

neue Mohrrübe abzukratzen, meine Verzweiflung an ihr zu verbeißen. Das

kommt davon, wenn man mit soliden Vorsätzen von Hause weggeht! Wie

gemütlich hätte ich in dem Augenblick, statt auf diesem fatalen

Eckstein, bei dem Frühstück der Freiwilligen sitzen können! Ich weiß

nicht, wie lange ich so brütend dagekauert habe, als ich plötzlich, um

zum Himmel zu schauen, meinen Blick aufschlage, aber ihn halbwegs

erstarrt ruhen lasse! -- -- _Da saß sie_! -- Kichernd lehnt sie an dem

Eckstein der anderen Straßenecke, mir gegenüber, eine große, grüne,

angebissene Birne in der Hand! >Guten Morgen, Vetter!< lacht sie, ohne

sich vom Fleck zu rühren. >Könntest Du mir jetzt vielleicht meinen Korb

geben? Ich muß wirklich nach Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu

essen!< -- Ich fahre mit der Hand über die Stirn, ich muß wirklich erst

meine Sinne zusammensuchen: ich stoße einen tiefen Seufzer aus, -- da

erhebt sie sich, als schicke sie sich an, wieder fortzurennen. In

Todesangst springe ich auf, bin mit einem Satz mit dem verdammten Korb

an ihrer Seite, hänge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf den Eckstein

neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. -- >Hab' ich Dich

aber gesucht, Gustav!< hohnlächelt die Boshafte. >Gott, wie siehst Du

aus? Wo hast Du denn gesteckt?< -- >[Griechisch: Daimoniê]!< murmele ich

dumpf, während es noch dumpfer auf der unierten Kirche Elf schlägt, und

die Atelierszeit ihrem Ende naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise

immer kichernd voran, ich hinkend hinter ihr her, meine Rockschöße

vorsichtig zusammenhaltend. Eine derangierte Toilette, ein leerer

Geldbeutel, müde Beine, ein gräßlicher Nachgeschmack von den fatalen

Mohrrüben, und das bodenlose Gefühl, mich unendlich lächerlich gemacht

zu haben, das waren die Ergebnisse dieses Morgens! Und nun richten Sie,

Onkel Johannes!«

»Onkel, laß das Richten nur sein,« sagt Elise. »Er hat sich schon selbst

gerichtet. Hat er nicht?«

»Ich glaube auch,« sagt die Tante Berg.

»Ich desgleichen,« gebe ich mein Verdikt ab.

»Das dachte ich wohl,« brummt der denkende Künstler. »Wann hätte je die

Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird's nun mit unserem Spaziergang?«

»Ja, wo wollen wir hin?« ruft Elise, und Gustav meint:

»Ein Vorschlag zur Güte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist ^bal

champêtre^! Was meinst Du, Lischen?«

»_Kann_ man da hingehen?« fragt die Tante Berg bedenklich.

»Warum nicht? Sind _wir_ doch dabei!« sagt der denkende Künstler,

gravitätisch den Halskragen in die Höhe zupfend »Übrigens ist heute auch

das Atelier mit seinen Schwestern da; ebenso der Professor Frey mit

seinen sechs Nichten, und ...«

»Nach dem Wasserhof!« rufe ich elektrisiert. »Tante Berg, man _kann_

dahin gehen!«

Die Chronik der Sperlingsgasse · 第 9 / 13 题