Schnee! Schnee! der erste Schnee! --

In großen wäßrigen Flocken, dem Regen untermischt, schlägt er an die

Scheiben, grüßend wie ein alter Bekannter, der aus weiter Ferne nach

langer Abwesenheit zurückkommt. Schnell springe ich auf und ans Fenster.

Welche Veränderung da draußen! Die Leute, die eben noch mürrisch und

unzufrieden mit sich und der Welt umherschlichen, sehen jetzt ganz

anders aus. Gegen den Regen suchte jeder sich durch Mäntel und Schirme

auf alle Weise zu schützen, dem Schnee aber kehrt man lustig und

verwegen das Gesicht zu.

Der erste Schnee! der erste Schnee!

An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter, kleine Händchen

klatschen fröhlich zusammen: welche Gedanken an weiße Dächer und grüne

funkelnde Tannenbäume! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem

wirbelnden weißen Gestöber aussieht! Wie die wasserholenden

Dienstmädchen am Brunnen kichern! Der fatale Wind! --

»Gehorsamster Diener, Herr Professor Niepeguk! Auch im ersten Schnee?«

»Ärztliche Verordnung!« brummt der Weise und lächelt herauf zu mir, so

gut es Würde und Hypochondrie erlauben.

Auf der Sophienkirche schlägt's jetzt! -- Erst vier? und schon fast

Nacht! -- »Vier!« wiederholen die Glocken dumpf über die ganze Stadt.

Jetzt sind die Schulen zu Ende! Hurra -- hinaus in den beginnenden

Winter: die Buben wild und unbändig, die Mädchen ängstlich und

trippelnd, dicht sich an den Häuserwänden hinwindend.

Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf,

immer geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse.

Da kommt der Lehrer selbst, seine Bücher unter dem Arm; aufmerksam

betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen

schwarzen Rockärmel. Jetzt ist die Zeit für einen Märchenerzähler, für

einen Dichter. -- Ganz aufgeregt schritt ich hin und her; vergessen war

die böse Zeit; auch mir war, wie weiland dem ehrlichen Matthias, ein

großer Gedanke »aufs Herz geschossen«. »Ich führe ihn aus, ich führe ihn

aus!« brummte ich vor mich hin, während ich auf und ab lief; wie

verwundert mich auch alle meine Quartanten und Folianten

von den Büchergestellen anglotzten, wie spöttisch auch das

Allongeperückengesicht auf dem Titelblatt der dort aufgeschlagenen

Schwarte hergrinzte!

»Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse!«

»Eine _Chronik der Sperlingsgasse_!«

Ein Kinderkopf drückt sich drüben im Hause gegen die Scheibe, und der

Lampenschein dahinter wirft den runden Schatten über die Gasse in mein

dunkles Fenster und über die Büchergestelle an der entgegengesetzten

Wand. Ein gutes, ein glückliches Omen! Grinzt nur, ihr Meister in Folio

und Quarto, ihr Aldinen und Elzeviere! Ein Bilderbuch der

Sperlingsgasse; eine Chronik der Sperlingsgasse! Ich mußte mich wirklich

setzen, so arg war mir die Aufregung in die alten Beine gefahren, und

benutzte das gleich, um ein Buch Papier zu falzen für meinen großen

Gedanken und einen letzten Blick hinauszuwerfen in den ersten Schnee.

Bah! -- Wo war er geblieben? Wie ein guter Diener war er, nachdem er die

Ankunft seines Meisters, des gestrengen Herrn Winters verkündet hatte,

zurückgekehrt, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Ich bin ein einsamer alter Mann geworden! Die bunten, ewig wechselnden,

ewig neuen Bilder dieses großen Bilderbuches, _Welt_ genannt, werden

meinen alten Augen dunkler und dunkler; mehr und mehr verschwimmen sie,

mehr und mehr fließen sie ineinander. Ich bin mit meinem Leben da

angelangt, wo, wie in jenem Übergang vom Wachen zum Schlaf, die

Erlebnisse des Tages sich noch dumpf im Gehirn des Müden kreuzen, wo

aber bereits die dunkle, traum- und geistervolle Nacht über alles, Gutes

und Böses, ihren Schleier breitet. Ich bin alt und müde; es ist die

Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt.

Schaue ich auf aus meinen Träumen, so sehe ich zwar dasselbe Lächeln,

dasselbe Schmerzenszucken auf den Menschengesichtern um mich her, wie

vor langen blühenderen Jahren, aber wenn auch Freude und Leid dieselben

geblieben sind auf der alten Mutter Erde: die Gesichter selbst sind mir

fremd -- ich bin allein! -- Allein -- und doch nicht allein. Aus der

dämmerigen Nacht des Vergessens taucht es auf und klingt es; Gestalten,

Töne, Stimmen, die ich kannte, die ich vernahm, die ich einst gern sah

und hörte in vergangenen bösen und guten Tagen, werden wieder wach und

lebendig; tote, begrabene Frühlinge fangen wieder an zu grünen und zu

blühen; vergessener Kindermärchen entsinne ich mich; ich werde jung und

-- fahre auf und -- erwache!

Versunken ist dann die Welt der Erinnerung, mich fröstelt in der kalten

traurigen Gegenwart, drückender fühle ich meine Einsamkeit, und weder

meine Folianten, noch meine andern mühsam aufgestapelten gelehrten

Schätze vermögen es, die aufsteigenden Kobolde und Quälgeister des

Greisenalters zu verscheuchen. Sie zu bannen schreibe ich die folgenden

Blätter, und ich schreibe, wie das Alter schwatzt. Für einen Freund will

ich diese Bogen ansehen, für einen Freund, mit dem ich plaudere, der

Geduld mit mir hat und nicht spöttelt über Wiederholungen -- ach, das

Alter wiederholt ja so gern -- der nicht zum Aufbruch treibt, wo die

vertrocknete Blume irgend einer süßen Erinnerung mich fesselt, der nicht

zum Bleiben nötigt, wo ein trübes Angedenken unter der Asche der

Vergessenheit noch leise fortglimmt. Eine _Chronik_ aber nenne ich diese

Bogen, weil ihr Inhalt, was den Zusammenhang betrifft, gar sehr jenen

alten naiven Aufzeichnungen gleichen wird, welche in bunter Folge die

Begebenheiten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen; die

jetzt eine Schlacht mitliefern, jetzt das Erscheinen eines wundersamen

Himmelszeichens beobachten, die bald über den nahen Weltuntergang

predigen, bald wieder sich über ein Stachelschwein, welches die deutsche

Kaiserin im Klostergarten vorführen läßt, wundern und freuen. Und wie

die alten Mönche hier und da zwischen die Pergamentblätter ihrer

Historien und Meßbücher hübsche, farbige, zierlich ausgeschnittene

Heiligenbilder legten, so will auch ich ähnliche Blätter einflechten und

durch die eintönigen farblosen Aufzeichnungen meiner alten Tage

frischere blütenvollere Ranken schlingen.

Ich, der Greis -- der zweiten Kindheit nahe, will von einem Kinde

erzählen, dessen Leben durch das meinige ging wie ein Sonnenstrahl, den

an einem Regentage Wind und Wolken über die Fluren jagen; der im

Vorbeigleiten Blumen und Steine küßt, und in derselben Minute das

glückliche Gesicht der Mutter über der Wiege, die heiße Stirn des

Denkers über seinem Buche und die bleichen Züge des Sterbenden streifen

kann. Ich schreibe keinen Roman und kann mich wenig um den

schriftstellerischen Kontrapunkt bekümmern; was mir die Vergangenheit

gebracht hat, was mir die Gegenwart gibt, will ich hier, in hübsche

Rahmen gefaßt, zusammenheften, und bin ich müde -- nun so schlage ich

dieses Heft zu, wühle weiter in meiner schweinsledernen Gelehrsamkeit

und kompiliere lustig fort an meinem wichtigen Werke ^De vanitate

hominum^, einem ausnehmend -- dicken Gegenstande.

Am 20. November.

Ich liebe in großen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen,

krummen, dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen

hineinzublicken wagt; ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und

wundersamen Dachtraufen, mit ihren alten Kartaunen und Feldschlangen,

welche man als Prellsteine an die Ecken gesetzt hat. Ich liebe diesen

Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um welchen sich ein neues Leben in

liniengraden, parademäßig aufmarschierten Straßen und Plätzen angesetzt

hat, und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse biegen, ohne den

alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589, der dort lehnt, liebkosend

mit der Hand zu berühren. Selbst die Bewohner des ältern Stadtteils

scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Völkchen zu sein, als die

Leute der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das

Volk des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernstes, und der

zusammengedrängtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren,

ergötzlicheren Szenen aneinander, als in den vornehmeren, aber auch

öderen Straßen. Hier gibt es noch die alten Patrizierhäuser, -- die

Geschlechter selbst sind freilich meistens lange dahin -- welche nach

einer Eigentümlichkeit ihrer Bauart, oder sonst einem Wahrzeichen unter

irgend einer naiven merkwürdigen Benennung im Munde des Volkes

fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der alten

gewichtigen Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und

Dachwohnungen. Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere

Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als

anderswo. Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das

Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das

Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender -- man

möchte sagen dem Ort angemessener, als hier in diesen engen Gassen,

zwischen diesen hohen Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder

Vorsprung den Ton auffängt, bricht und verändert zurückwirft! --

Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in

jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden,

an diesem Ort wahrhaftig melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und

Rollen der Arbeit hinwälzt! -- Die Stimme Gottes spricht zwar

vernehmlich genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im

Donner; aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen,

welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt. Ich behaupte, ein

angehender Dichter oder Maler -- ein Musiker, das ist freilich eine

andre Sache -- dürfe nirgends anders wohnen als hier! Und fragst du

auch, wo die frischesten, originellsten Schöpfungen in allen Künsten

entstanden sind, so wird meistens die Antwort sein: in einer

_Dachstube_! -- In einer Dachstube im Wine-office Court war es, wo

Oliver Goldsmith, von seiner Wirtin wegen der rückständigen Miete

eingesperrt, dem Dr. Johnson unter alten Papieren, abgetragenen Röcken,

geleerten Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein besudeltes

Manuskript hervorsuchte mit der Überschrift: Der Landprediger von

Wakefield.

In einer Dachstube schrieb Jean Jacques Rousseau seine glühendsten,

erschütterndsten Bücher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den

Armenadvokat Siebenkäs zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das

Leben Fibels!

* * * * *

Die Sperlingsgasse ist ein kurzer enger Durchgang, welcher die

Kronenstraße mit einem Ufer des Flusses verknüpft, der in vielen Armen

und Kanälen die große Stadt durchwindet. Sie ist bevölkert und lebendig

genug, einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und

ihn im Irrenhause enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren

eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und

Glück, Hunger und Überfluß, alle Antinomien des Daseins sich

widerspiegeln.

In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist

konzentriert sich das Universum in einem Punkt, dozierte einst mein

alter Professor der Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach

in meinem Heft, bekümmerte mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses

Satzes. Damals war ich jung, und Marie, die niedliche kleine

Putzmacherin, wohnte mir gegenüber und nähte gewöhnlich am Fenster,

während ich, Kants Kritik der reinen Vernunft vor der Nase, die Augen --

nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese

Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker

zuzulegen, war ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heißt: Alles

liegt ins Unendliche auseinander.

Da stand ich eines schönen Nachmittags wie gewöhnlich am Fenster, die

Nase gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem

lustigen, hellen Sonnenstrahl, saß meine, in Wahrheit ^ombra adorata^.

Was hätte ich darum gegeben, zu wissen, ob sie herüberlächele!

Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich

oft in den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch, nach

meiner kleinen Putzmacherin, und -- ich begriff, daß das Universum sich

in einem Punkt konzentrieren könne.

So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die

Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können

sie eine Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber, und

eine Welt von Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, welchem

einmal diese Blätter in die Hände fallen sollten.

Am 30. November.

Der Regen schlägt leise an meine Scheiben. Was und wer der sonderbare

lange Gesell ist, der vorgestern da drüben in Nr. Elf eingezogen ist, in

jene Wohnung, wo auch ich einmal hauste, wo einst auch der Doktor Wimmer

sein Wesen trieb, hab ich noch nicht herausgebracht. -- Es ist recht

eine Zeit, zu träumen. Ich sitze, den Kopf auf die Hand gestützt, am

Fenster und lasse mich allmählich immer mehr einlullen von der monotonen

Musik des Regens da draußen, bis ich endlich der Gegenwart vollständig

entrückt bin. Ein Bild nach dem andern zieht wie in einer Laterna magica

an mir vorbei, verschwindend, wenn ich mich bestrebe, es festzuhalten.

O, es ist wahrlich nicht das, was mich am meisten fesselt und hinreißt,

was ich auf das Papier festbannen kann; ein ganz anderer Maler müßte ich

sein, um das zu vermögen.

Das verschlingt sich, um sich zu lösen; das verdichtet sich, um zu

verwehen; das leuchtet auf, um zu verfliegen, und jeder nächste

Augenblick bringt etwas Anderes. Oft ertappe ich mich auf Gedanken,

welche aufgeschrieben, kindisch, albern, trivial erscheinen würden, die

aber mir, dem alten Mann, in ihrem flüchtigen Vorübergehen so süß, so

heimlich, so beseligend sind, daß ich um keinen Preis mich ihnen

entreißen könnte.

Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten, und diesmal

sind es Bilder aus meinem eigenen Leben, welche ich hier dem Papier

anvertraue.

* * * * *

Was ist das für eine kleine Stadt zwischen den grünen buchenbewachsenen

Bergen? Die roten Dächer schimmern in der Abendsonne; da und dort laufen

die Kornfelder an den Berghalden hinauf; aus einem Tal kommt rauschend

und plätschernd ein klarer Bach, der mitten durch die Stadt hüpft, einen

kleinen Teich bildet, bedeckt am Rande mit Binsen und gelben

Wasserlilien, und in einem andern Tal verschwindet. Ich kenne das alles;

ich kann die Bewohner der meisten Häuser mit Namen nennen; ich weiß, wie

es klingen wird, wenn man in dem spitzen schiefergedeckten Turm jener

hübschen alten Kirche anfangen wird zu läuten. Habe ich nicht oft genug

mich von den Glockenseilen hin und her schwingen lassen?

Das ist Ulfelden, die Stadt meiner Kindheit -- das ist meine Vaterstadt!

Und schau, dort oben in dem Garten, der sich von jenem zerbröckelnden,

noch stehenden Teil der Stadtmauer aus den Berg hinanzieht, gelagert,

unter einem blühenden Holunderstrauch, die drei Kinder. Da sitzt ein

kleines Mädchen mit großen glänzenden Augen, dem wilden Franz aus dem

Walde zuhörend. Franz Ralff, aufgewachsen im Wald und jetzt in der Zucht

bei dem Vater der kleinen Marie, dem strengen lateinischen Stadtrektor

Volkmann, erzählt, ein gewaltiges angebissenes Butterbrot in der Hand,

kauend und zugleich durch seinen eigenen Vortrag gerührt, eine seiner

wunderbaren Geschichten, die er aus der Waldeinsamkeit mitgebracht hat,

und mit denen er uns kleines Volk stets zum »Gruseln« brachte oder zu

bringen versuchte.

Und nun sieh da, im Grase ausgestreckt, da bin auch ich, der kleine Hans

Wachholder, der Sohn aus dem Pfarrhause; blinzelnd zu dem blauen Himmel

hinaufschauend und den kleinen weißen »Schäfchen« in der reinen Luft

nachträumend.

Die Glocken der heimkehrenden Herden erklingen zwischen den Bergen,

ringsumher summt und tönt unendliches Leben, im Gras, in den Bäumen, in

der Luft; und das Kinderherz versteht alles, es ist ja noch eins mit der

Natur, eins mit -- Gott!

Aber warum öffnet sich nicht dort unten die braune Tür, die aus dem

hübschen, vom Weinstock übersponnenen Hause mit den hellglänzenden

Fenstern in den Garten führt?

Wo ist der alte Mann mit den ehrwürdigen grauen Haaren, welcher da

allabendlich seine Blumen zu begießen pflegt?

Wo ist -- wo ist meine Mutter? Meine Mutter!

Keine freundliche Stimme antwortet! Ich selbst habe ja graue Haare.

Vater und Mutter schlummern lange in ihren vergessenen, eingesunkenen

Gräbern auf dem kleinen Stadtkirchhof zu Ulfelden. Jüngere Geschlechter

sind seitdem hinabgegangen.

Plötzlich verändert sich das sonnige, sommerliche Bild.

Da ist schon die große Stadt! Diesmal ist es nicht Frühling, nicht

blühender Sommer, sondern eine stürmische, dunkle Herbstnacht --

vielleicht wird eine ähnliche auf den heutigen Tag folgen. -- In dieser

Nacht sitzt hoch oben in einem kleinen, mehr drei- als viereckigen

Dachstübchen ein Student vor einem gewaltigen schweinsledernen

Folianten, über welchen er hinwegstarrt. Wo wandern seine Gedanken?

Draußen jagt der Wind die Wolken vor dem Monde her, rüttelt an den

Dachziegeln, schüttelt den zerlumpten Schlafrock, welchen der

erfinderische Musensohn, um sich und seine Studien ganz von der

Außenwelt abzusperren, vor dem Fensterkreuz festgenagelt hat -- kurz,

gebärdet sich so unbändig, wie nur ein Wind, der den Auftrag hat, das

letzte Laub von den Bäumen in Gärten und Wäldern zu reißen, sich

gebärden kann. Lange hat der Musensohn in tiefe Gedanken versunken

dagesessen; jetzt springt er plötzlich auf und dreht mir das Gesicht zu

-- -- -- das bin ich wieder: Johannes Wachholder, ein Student der

Philosophie in der großen Haupt- und Universitätsstadt. Sehr aufgeregt

scheint der Doppelgänger meiner Jugend zu sein; mit so gewaltigen

Schritten, als das enge, wunderlich ausstaffierte Gemach nur erlaubt,

rennt er auf und ab.

Plötzlich springt er auf das Fenster zu, reißt den improvisierten

Vorhang herunter und läßt einen prächtigen Mondstrahl, welcher in diesem

Augenblick durch die zerrissenen Wolken fällt, herein.

»Marie! Marie!« flüstert mein Schattenbild leise, die Arme gegen ein

schwach erleuchtetes Fenster drüben ausstreckend, gegen dessen

herabgelassene Gardine der kaum bemerkbare Schatten einer menschlichen

Gestalt fällt, und --

Es ist eine gefährliche Sache, in den Momenten ungewöhnlicher Aufregung

-- sei es Freude oder Schmerz, Haß oder Liebe -- sich dem klaren, weißen

Licht des Mondes auszusetzen. Das Volk sagt: Man wird dumm davon.

Wirklich, wunderliche Gedanken bringt dieser reine Schein mit sich;

allerlei tolles Zeug gewinnt Macht, sich des Geistes zu bemächtigen und

ihn unfähig zu machen, fürderhin gemütlich auf der ausgetretenen Straße

des Alltagslebens weiterzutraben. »Man wird dumm davon!« -- Zauberhafte

Aussichten in phantastische, nebelhafte Gründe öffnen sich zu beiden

Seiten; nie gehörte Stimmen werden wach, locken mit Sirenensang,

flüstern unwiderstehlich, winken dem Wanderer ab vom sicheren Wege, und

bald irrt der Bezauberte in den unentrinnbaren Armidengärten der Fee

Phantasie.

»Ich liebe Dich,« flüstert mein Schattenbild, »ich will Dich reich, ich

will Dich glücklich, ich will Dich berühmt machen, ich will« -- der

schreibende Greis kann jetzt nur lächeln -- »die Welt für Dich gewinnen,

Marie!«

Mehr noch flüstert mein Doppelgänger, die Stirn an die Scheiben

drückend, hinüber nach dem kleinen Stübchen, wo die Jugendgespielin,

fortgerissen von dem kalten Arm des Lebens aus der waldumgebenen

friedlichen Heimat, einsam in der dunkeln, stürmischen Nacht arbeitet,

als ein anderer Schatten seine Träume von Glück und Ruhm durchkreuzt.

Da ist eine andere Gestalt; schwarze, dichte Locken umgeben ein

sonnverbranntes Gesicht, die Augen blitzen von Lebenslust und

Lebenskraft, es ist der Maler Franz Ralff, der aus Italien

zurückkehrend, voll der göttlichen Welt des Altertums und voll der

großen Gedanken einer ebenso göttlichen jüngern Zeit, den Freund umarmt.

Und weiter schweift mein Geist. -- Ich sehe noch immer die junge Waise

in ihrem kleinen Stübchen unter Blumen arbeitend. Ich sehe zwei Männer

im Strom des Lebens kämpfen, ein Lächeln von ihr zu gewinnen; und ich

sehe endlich den einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den

schönen Preis erfassen, während der andere weiter getrieben, willenlos

und wissenlos auf einer kahlen, skeptischen Sandbank sich wiederfindet.

-- Ich sehe _mich_, einen blöden Grübler, der sich nur durch erborgte

und erheuchelte Stacheln zu schützen weiß, bis er endlich, nach langem

Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein ernster

sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes.

Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich süßem Glück; ich sehe während

dieser Jahre eine feine, blondlockige Gestalt lächelnd, wie unser guter

Genius, Franz und mich umschweben und ihre schützende Hand ausstrecken

über seine leicht auflodernde Wildheit und meine hinbrütende Traurigkeit

-- ich sehe bald ein kleines Kind -- Elise genannt in den Blättern

dieser Chronik -- des Abends aus den Armen der Mutter in die des Vaters

und aus den Armen des Vaters in die des Freundes übergehen, mit großen,

verwunderten Augen zu uns aufschauend -- -- -- --

Plötzlich hört der Regen auf, an die Fenster zu schlagen; ich schrecke

empor -- es ist späte Nacht. Einen letzten Blick werfe ich noch in die

Gasse hinunter. Sie ist dunkel und öde; der unzureichende Schein der

einen Gaslaterne spiegelt sich in den Sümpfen des Pflasters, in den

Rinnsteinen wider. Eine verhüllte Gestalt schleicht langsam und

vorsichtig dicht an den Häusern hin. Von Zeit zu Zeit blickt sie sich

um. Geht sie zu einem Verbrechen, oder geht sie ein gutes Werk zu tun?

Eine andre Gestalt kommt um die Ecke -- ein leiser Pfiff --

»Du hast mich lange warten lassen, Riekchen!«

»Ich konnte nicht eher, die Mutter ist erst eben eingeschlafen« ...

Ein in der Ferne rollender Wagen macht das Übrige unhörbar. Die Figuren

treten aus dem Schatten; ich sehe Ballputz unter den dunkeln Mänteln.

Sie verschwinden um die Ecke, und ich schließe das Fenster.

So endet das erste Blatt der Chronik, die wie die Geschichte der

Menschheit, wie die Geschichte des einzelnen beginnt mit -- einem

_Traume_.

Am 2. Dezember.

Es ist heute für mich der Jahrestag eines großen Schmerzes, und doch

trat heute Morgen der Humor auf meine Schwelle, schüttelte seine

Schellen, schwang seine Pritsche und sagte:

»Lache, lache, Johannes, Du bist alt und hast keine Zeit mehr zu

verlieren.«

Jener sonderbare lange Mensch von drüben, im abgetragenen grauen

Flausrock, einen ziemlich rot und schäbig blickenden Hut unter dem Arme,

klopfte an meine Tür, kündigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich

Strobel an, breitete eine Menge der tollsten Blätter auf dem Tische vor

mir aus und verlangte: ich solle ihm für den Winter -- den Sommer über

bummele er draußen herum -- eine Stelle als Zeichner bei einem der

hiesigen illustrierten Blätter verschaffen. Er behauptete, meinen dicken

Freund, den Doktor Wimmer in München, sehr gut zu kennen, und malte

wirklich als Wahrzeichen das heitere Gesicht des vortrefflichen

Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des Deckels eines

daliegenden Buches. Ich versprach dem wunderlichen Burschen, dessen

Federzeichnungen wirklich ganz prächtig waren, von meinem geringen

Ansehen in der Literatur hiesiger Stadt für ihn den möglichst besten

Gebrauch zu machen, und er schied, indem er in der Tür mir die Hand

drückte, mich süß-säuerlich anlächelte und sagte:

»Sie tun sehr wohl, mich so zu verbinden, verehrtester Herr, denn als

braver Nachbar würde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken,

die, zu Papier gebracht, sich sehr gut ausnehmen könnte. Gute Nachbarn

werden wir übrigens diesen Winter hindurch wohl sein, teuerster Herr

Wachholder! denn -- Sie sehen gern aus dem Fenster, eine

Eigentümlichkeit aller der Leute, mit welchen sich auf die eine oder die

andere Weise leicht leben läßt. Guten Morgen!«

Um eine originelle Bekanntschaft reicher, kehrte ich zu meiner Chronik

zurück, mit der Gewißheit, dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin

wieder zu begegnen.

Am Nachmittag.

Es ist heute Jahrestag. Ich werde die Erinnerung nicht los; sie verfolgt

mich, wo ich gehe und stehe.

Es war ein eben so trüber, regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt, als

ich traurig dort drüben in jenem Fenster saß -- vor langen Jahren --

dort drüben in jenem Fenster, von welchem aus mir eben der Zeichner

Strobel zunickt, und traurig hinaufblickte zu der grauen eintönigen

Himmelsdecke. Die Gasse sah damals wohl nicht viel anders aus als heute;

doch sind viele Gesichter, deren ich mich noch gar gut erinnere,

verschwunden und haben andern Platz gemacht, und nur einzelne, wie zum

Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller drunten, der heute

wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hämmert, haben sich erhalten

in diesem ununterbrochenen Strome des Gehens und Kommens. Diese sind

denn auch mit die Anhaltepunkte, an welche ich bei meinem Rückgedenken

den stellenweis unterbrochenen Faden meiner Chronik wieder anknüpfe.

Einem Wässerchen will ich diese Chronik vergleichen, einem Wässerchen,

welches sich aus dem Schoß der Erde mühevoll losringt und, anfangs

_trübe_, noch die Spuren seiner dunklen, schmerzvollen Geburtsstätte an

sich trägt. Bald aber wird es in das helle Sonnenlicht sprudeln, Blumen

werden sich in ihm spiegeln, Vögelchen werden ihre Schnäbel in ihm

netzen. An dieser Stelle werdet ihr es fast zu verlieren glauben, an

jener wird es fröhlich wieder hervorhüpfen. Es wird seine eigene Sprache

reden in wagehalsigen Sprüngen über Felsen, im listigen Suchen und

Finden der Auswege, -- Gott bewahre es nur vor dem Verlaufen im Sande!

So fahre ich fort:

Es war, wie gesagt, ein trauriger unheimlicher Tag, aber nicht er war

es, welcher damals so schwer auf meine Seele drückte. An jenem Tage sah

ich von dem Fenster dort drüben die Fenster der Kammer meiner jetzigen

Wohnung weit geöffnet trotz der Kälte, trotz dem Regen. Die weißen

Vorhänge waren herabgelassen und an den Seiten befestigt, damit der

Wind, welcher sie heftig hin und her bewegte, sie nicht abreiße.

Der Tod hatte seine finstere kalte Hand trennend auf ein glückliches

Zusammenleben gelegt; der kleine Stuhl dort unter dem Efeugitter auf dem

Fenstertritt vor dem Nähtischchen war leer geworden.

Die Chronik der Sperlingsgasse · 第 3 / 13 题