155. Auflage

G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung

Berlin 1922

Alle Rechte, besonders das

der Übersetzung in fremde

Sprachen, vorbehalten.

Druck von Fischer & Wittig

in Leipzig.

Die

Chronik der Sperlingsgasse

^Pro domo^

Vorrede zur dritten Auflage

Wenn es gewittert, verkriechen sich die Vögel unter dem Busch. Das wäre

fast als ein gutes und warnendes Beispiel auch für dieses kleine Buch zu

nehmen; es will sich aber nicht warnen lassen, und vielleicht darf es

auch nicht.

Als vor zehn Jahren hinten in der Türkei die Völker aufeinanderschlugen,

da regte es zum ersten Male seine Flügel und flatterte unbesorgt aus,

wie finster auch der Himmel sein mochte. Mancherlei Wechsel der Zeit

erfuhr es, und es wäre kein Wunder, wenn so viele fallende Trümmer es

längst mit tausend Genossen unter berghohem Schutt begraben hätten; aber

es fand seinen Weg, kam zu vielen Leuten, und sie nahmen es gut auf mit

allen seinen Fehlern und Wunderlichkeiten.

Wenn es aber auch nur unter _einem_ Dach eine trübe Stunde verscheucht,

eine schwere Stunde sanfter gemacht hätte, wie Herr Hartmann von der Aue

sagt; wenn es nur ein Lächeln, nur eine Träne hervorgerufen hätte, so

wäre sein Wirken und Sein nicht vergeblich gewesen.

Nun hängen wieder die Wolken drohend herab; der Krieg schlägt mit

gewappneter Faust dröhnend an die Pforten unseres eigenen Volkes, und es

ist niemand, so hoch oder niedrig ihn das Leben gestellt habe, der sagen

kann, welch ein Schicksal ihm die nächste Stunde bringen werde. Es steht

zu keiner Zeit ein Glück so fest, daß es nicht von einem Windhauch oder

dem Hauch eines Kindes umgestürzt werden könnte; wieviel weniger jetzt!

In solcher Zeit ständen die Menschen am liebsten mit leeren, müßigen

Händen, horchend und wartend; aber das ist nicht das Rechte. Es soll

niemand sein Handwerksgerät, die Waffen, mit welchen er das Leben

bezwingt, in dumpfer Betäubung fallen lassen. Ein Geschlecht gebe seine

Arbeit an das folgende ab, und, gottlob, jener Epochen, in welchen die

Menschheit ihre Mühen ganz von neuem aufnehmen mußte, weil die Sturmflut

alles vorige fortgespült hatte, sind wenige.

Auch in diesem Sinne ist nichts zu hoch und nichts zu gering, und in

diesem Sinne finden auch diese Blätter die Berechtigung, ihren Flug

durch die stürmische Welt abermals vertrauensvoll zu beginnen. Mögen sie

neue Freunde zu den alten gewonnen haben, wenn wieder zehn Jahre ihres

flüchtigen Daseins dahingegangen sind!

_Stuttgart_, im Februar 1864.

#Der Verfasser.#

Am 15. November.

Es ist eigentlich eine böse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der

Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig

dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit,

Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt; -- es ist eine böse

Zeit! Dazu ist's Herbst, trauriger, melancholischer Herbst, und ein

feiner kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die

große Stadt; es ist eine böse Zeit! Die Menschen haben lange Gesichter

und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte begegnen, zucken sie die

Achsel und eilen fast ohne Gruß aneinander vorüber; -- es ist eine böse

Zeit! -- Mißmutig hatte ich die Zeitung weggeworfen, eine frische Pfeife

gestopft und ein Buch herabgenommen und aufgeschlagen. Es war ein

einfaches altes Buch, in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hübsche

Bilder gezeichnet hatte: ^Asmus omnia sua secum portans^, der prächtige

Wandsbecker Bote des alten Matthias Claudius, weiland ^Homme de lettres^

zu Wandsbeck, und recht ein Tag war's, darin zu blättern. Der Regen, das

Brummen und Poltern des Feuers im Ofen, der Widerschein desselben auf

dem Boden und an den Wänden, -- alles trug dazu bei, mich die Welt da

draußen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die Welt von Herz und

Gemüt auf den Blättern vor mir zu versenken.

Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf: Sieh! -- da ist der

herbstliche Garten zu Wandsbeck. Es ist ebenso nebelig und trübe wie

heute; leise sinken die gelben Blätter zur Erde, als bräche eine

unsichtbare Hand sie ab, eins nach dem andern. Wer kommt da den Gang

herauf im geblümten bunten Schlafrock, die weiße Zipfelmütze über dem

Ohr? -- Er ist's -- Matthias Claudius, der wackere Asmus selbst! --

Bedächtiglich schreitet er einher, von Zeit zu Zeit stehenbleibend;

jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geäder desselben

betrachtend; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend. Er scheint in

Gedanken versunken zu sein. Denkt er vielleicht an den Vetter oder den

Freund Hain, an den Invaliden Görgel mit der Pudelmütze und dem neuen

Stelzbein; denkt er an die neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen

Hofmarschalls Albiboghoi? Wer weiß! -- Sieh! wieder bleibt er stehen.

Was fällt ihm ein?! Lustig wirft er die weiße Zipfelmütze in die Luft

und tut einen kleinen Sprung: ein großer Gedanke ist ihm »aufs Herz

geschossen« -- das große neue Fest _der Herbstling_ ist erfunden -- der

Herbstling, so anmutig zu feiern, wenn der _erste Schnee fällt_, mit

Kinderjubel und Bratäpfeln und Lächeln auf den Gesichtern von jung und

alt! --

Wenn der erste Schnee fällt -- -- -- wie ich in diesem Augenblick wieder

einmal einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe, da -- kommt er

herunter -- wirklich herunter, _der erste Schnee_!

Die Chronik der Sperlingsgasse · 第 2 / 13 题