Ich sah von meinem Fenster aus hier eine Gestalt im Zimmer auf und ab
gehen. Armer Franz! Armes kleines Kind! Armer -- Johannes! -- Sie war so
lieblich, so jungfräulich-frauenhaft mit ihrem Kindchen im Arm!
Da hängt im Museum der Stadt ein kleines Madonnenbild, wo die
»Unberührbare« den auf ihrem Schoß stehenden kleinen Jesus gar
liebend-verwundert und mütterlich-stolz betrachtet. Dem Bilde glich
_sie_, die eben so blondlockig, eben so heilig, eben so schön war, und
oft genug bleibe ich vor diesem Bilde, einem Werk des spanischen
Meisters Morales, den seine Zeitgenossen ^el divino^ nannten, stehen,
alter vergangener schöner Zeiten gedenkend.
O, ich liebte sie so, ich hatte so gelitten, als sie mich nur »Freund«
und ihn, meinen Freund Franz Ralff »Geliebter« nannte. Und jetzt war sie
tot; einsam hatte sie uns zurückgelassen! Der Abend sank tiefer herab,
und die Dämmerung legte sich zwischen mich und das Drüben. Ich hielt es
nicht mehr aus, ich mußte hinüber! Als ich eintrat, schritt Franz immer
noch auf und ab; er schien mich nicht zu bemerken, und still setzte ich
mich in den Winkel neben die Wiege, wo Martha die Wärterin über dem
Kinde wachte, welches ruhig schlief und die kleinen Hände zum Mündchen
hinauf gezogen hatte.
Ich weiß nicht, wie lange ich da gesessen habe, ich weiß von keinem
meiner Gedanken in jener Nacht Rechenschaft zu geben. Die tiefe Stille,
die auf der großen Stadt lag, ließ nur das Gefühl mich überkommen, als
ob das Leben auch dieses zuckende, bewegte Herz eines ganzen großen
Landes verlassen habe, als ob das leise Picken der Wanduhr das letzte
verklingende Getön des Weltrades sei, und die ewige Stille nun binnen
kurzem alles Leben zurückgeschlürft haben würde.
Das leise Weinen des Kindes neben mir erweckte mich endlich; Franz legte
mir die Hand auf die Schulter und fiel dann plötzlich erschöpft auf
einen Stuhl neben mir.
»Gute Nacht, Johannes,« sagte er, den Kopf an meine Brust legend,
»morgen wollen wir sie begraben!« --
Es waren die ersten Worte, die er an dem Tage sprach.
Am 3. Dezember.
^O cara, cara Maria vale!
Vale cara Maria!
Cara, cara Maria vale!^
Es war ein berühmter Dichter, welcher dies auf den Grabstein einer
geliebten Abgeschiedenen setzte, er hatte treffliche, herzerschütternde
Gesänge gesungen; _hier_ wußte er nichts weiter als diese drei Worte,
herzzerreißend wiederkehrend. Und jenes: Morgen! dämmerte. Das Leben der
großen Stadt begann wieder seinen gewöhnlichen Gang; der Reichtum gähnte
auf seinen Kissen, oder hatte auch wohl das Herz ebenso schwer als die
Armut, die jetzt aus ihrem dunkeln Winkel huschte, um einen neuen Ring
der Kette ihres Leidens, einen neuen Tag ihrem Dasein anzuschmieden. Die
Gewerbe faßten ihr Handwerkszeug; die großen Maschinen begannen wieder
zu hämmern und zu rauschen; die Wagen rollten in den Straßen, und der
Taufzug begegnete dem Totenwagen; denn es war nicht die einzige Leiche
drüben in der kleinen Kammer, welche in der menschenvollen Stadt im
letzten Schlaf ausgestreckt lag.
Ich ging hinüber. Der Kesselschmied Marquart -- er war damals noch
jünger und kräftiger als heute -- hatte sein Hämmern eingestellt und
lehnte traurig in der niedrigen Tür, die in seine unterirdische
Werkstatt hinabführt; er liebte die tote Marie so gut wie alle, die mit
ihr je in Berührung gekommen waren. Hatte sie nicht für jeden fremden
Schmerz eine Träne, für jede fremde Freude ein teilnehmendes Lächeln?
War sie nicht in der dunkeln Sperlingsgasse wie jene sonnige, gute,
kleine Fee, die überall wo sie hintrat, eine Blume aus dem Boden
hervorrief?
Auf dem Hausflur standen flüsternde Frauen, die mir traurig, als ich
vorüberging, zunickten, und auf einer Treppenstufe saß ein kleines
schluchzendes Mädchen, eine zerbrochene Puppe im Schoß. O, ich weiß das
alles noch! Und jetzt trat ich ein --
Da lag sie in ihrem weißen mit roten Schleifen besetzten Kleide, eine
aufgeblühte Rose auf der Brust, in ihrem schwarzen Sarge; die einst so
klaren und innigen Augen geschlossen, die ewige ernste Ruhe des Todes
auf der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge Nachbarinnen in
weißen Sonntagskleidern befestigten Guirlanden von Tannenzweigen und
Immergrün, aus denen hier und da eine einsame Blume hervorschaute, um
den schwarzen Schrein.
Ach, die Armut und der Winter erlaubten nicht, allzuviel:
»Süßes der Süßen«
zu streuen!
Der junge Tischler Rudolf unten aus dem Hause stand die Augen mit der
Linken bedeckend, Hammer und Nägel in der Rechten zur Seite; seine junge
Braut lehnte schluchzend das Haupt auf seine Schulter. O, ich weiß das
alles, alles noch! -- Einen letzten, langen langen Blick warf ich auf
die schöne, bleiche, stille Gespielin meiner Kindheit, die Heilige
meiner Jünglingsjahre, die Trösterin meines Mannesalters, dann hob ich
leise Franz von ihrer Brust, über die er hingesunken war, auf, und
führte ihn an die Wiege seines Kindes. -- Rudolf der Tischler begann
sein trauriges Werk. Unter dumpfen Hammerschlägen legte sich der Deckel
über dies Reliquarium eines Menschenlebens. Ein kalter Schauer überlief
mich! ^Vale, vale cara Maria!^
Die Träger kamen, hoben die leichte Last auf die Schultern und trugen
sie die schmale enge Treppe hinab; die Frauen schluchzten, Kinderköpfe
lugten verwundert ernst durch die Haustür und wichen scheu zur Seite,
als der traurige Zug hinaustrat auf die Straße. Freunde und Bekannte
hatten sich eingefunden, das Weib des Malers auf dem letzten Wege zu
begleiten; der Kesselschmied zog das Mützchen ab und strich mit seiner
schwarzen schwieligen Hand über die Augen. Den wie in einem bösen Traum
gehenden Franz führend, schritt ich dem Bretterhäuschen nach, welches
unser Liebstes barg. O, ich weiß das alles noch ganz genau. So ist das
Menschenherz! Viele Jahre sind vorübergegangen seit jenem traurigen
Tage, und heute noch erinnere ich mich an alle die finstern Gedanken,
die damals durch meine Brust zogen, während ich so manche jüngere Freude
vergessen habe!
Es lernt und sieht sich manches auf einem solchen Gange, für den,
welcher es versteht, auf den Gesichtern der Begegnenden und
Nachschauenden zu lesen.
Sieh dort an der Ecke die arme mit Lumpen bekleidete Frau aus dem Volk,
wie sie ihr Kind fester an sich drückt und flüstert: »Was sollte aus Dir
werden, mein kleines Herz, wenn ich heute so still läge wie die, welche
man da fortträgt.«
Dort kommt eine elegante Equipage, Kutscher und Bediente in prächtiger
Livree, mit Blumensträußen im Knopfloch. Bunte Hochzeitsbänder flattern
an den Kopfgeschirren der Pferde; der junge vornehme Mann führt seine
schöne Braut zur Trauung; ihr Auge trifft den Sarg, welcher langsam auf
den Schultern der Träger daher schwankt, und die junge Verlobte birgt
zitternd ihr juwelenblitzendes Haupt an der Brust neben ihr.
Sieh den Arbeiter, welcher dort das Beil sinken läßt und stier dem Zuge
des Todes nachsieht. Schaffe weiter, Proletarier, auch dein Weib liegt
zu Hause sterbend; schaffe weiter, du hast keine Zeit zu verlieren; der
Tod ist schnell; aber du mußt schneller sein, Mann der Arbeit, wenn du
sie in ihren letzten Stunden vor dem Hunger schützen willst.
Beugt das Haupt und tretet zur Seite, ihr kettenklirrenden Verbrecher!
Der Tod zieht vorüber! Er wird auch euch einst von euren Ketten
befreien!
Beugt das Haupt, ihr armen Geschöpfe der Nacht, der Tod zieht vorüber,
und auch euch hebt er einst, den erborgten Flitterputz, den armen
beschmutzten Körper, die Sünde der Gesellschaft euch abstreifend, rein
und heilig empor aus der Dunkelheit, dem Schmutz und dem Elend.
Von dir, du Spötter mit dem faden Lächeln auf den Lippen, fordere ich
nicht, daß du zur Seite tretest! Der Zug des Todes mag _dir_ ausweichen
-- du bist würdig, dein Leben doppelt und dreifach zu leben!
Es ist ein langer Weg aus der Mitte der großen Stadt bis zu dem
Johanniskirchhofe draußen, und nie ist mir ein Weg so lang und doch
zugleich so kurz vorgekommen. Ich dachte an den Verurteilten, welcher
dem Richtplatz näher und näher kommt, welchem jede Minute eine Ewigkeit
und der stundenlange Weg ein Augenblick ist. Ach wir armen Menschen, ist
nicht das ganze Leben ein solcher Gang zum Richtplatz? Und doch freuen
wir uns und jubeln über die Blumen am Wege und sehen in jedem
Tautropfen, der in ihnen hängt, Himmel und Erde! Armes glückliches
Menschenherz!
Die schweren, massigen Regenwolken wälzten sich dicht über der Erde weg,
als wir aus dem Tor traten. Grau in grau Himmel und Erde! Grau in grau
Herz und Welt!
Die Bäume streckten ihre leeren Äste wehmütig empor, eine Meise flog von
Ast zu Ast vor dem Zuge her.
Und jetzt waren wir angelangt vor der Pforte des Friedhofes. Langsam
wand der Zug sich den Weg entlang, an frischen und eingesunkenen Hügeln,
stolzen Monumenten und dürftig naivem Putz vorüber, der Stelle zu, wo
die Hülle der toten Marie ruhen sollte. Im folgenden Frühling machten
wir einen hübschen lieblichen Ort daraus, wo die Goldregenbüsche ihre
duftenden Trauben herabhängen ließen, und die Vögel in den
Rosensträuchern zwitscherten, heute jedoch war's ringsumher gar traurig
und unheimlich. Auf dem Grund der Grube, die unser Liebstes aufnehmen
sollte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser, in welchem sich aber
plötzlich eine lichte blaue Stelle, die oben am Himmel zwischen den
ziehenden Wolken durchlugte, widerspiegelte. -- -- Ich habe nichts,
nichts vergessen!
Und nun, ihr Männer, laßt den Sarg hinabgleiten; gebt der alten
schaffenden Mutter Erde ihr schönes Kind zurück! Und nun, Franz, wirf
drei Hände voll Erde auf die versinkende Welt deiner Freude! -- Ergreift
die Schaufeln, ihr Clowns, und vollendet euer Geschäft! Du alter
rotnäsiger Bursch, bemühe dich nicht, ein wehmütiges Gesicht zu ziehen,
winke nur deinem Gefährten, daß er die Flasche bei Yaughan füllen lasse,
und brumme dein altes Totengräberlied in den Bart!
Wie die Schollen dumpfer und dumpfer auf den Sarg poltern, und wie jeder
Ton das arme Herz erzittern läßt in seinen tiefsten Tiefen! Wie das Auge
sich anklammert an den letzten Schein des schwarzen Holzes, welcher
durch die bedeckende Erde schimmert, bis endlich jede Spur verschwindet,
die hinabgeworfene Erde nur noch Erde trifft, die Höhle sich allmählich
füllt, und endlich der Hügel sich erhebt, der von nun an mit dem
geliebten begrabenen Wesen in unsern Gedanken identisch ist!
Wunderliches Menschenvolk, so groß und so klein in demselben Augenblick!
Welch eine Tragödie, welch ein Kampf, welch ein -- Puppenspiel jedes
Leben; von dem des Kindes, welches vergeblich nach der glänzenden
Mondscheibe verlangt und verwelkt, ehe es das Wort »ich« aussprechen
kann, bis zu dem des grübelnden Philosophen, welcher in dasselbe
Wörtchen »ich« das Universum legt und zusammenbricht, ein körper- und
geistesschwacher Greis, der kaum noch das Gefühl für Wärme und Kälte
behalten hat.
Sieh um dich, Johannes: Verkehrt auf dem grauen Esel »Zeit« sitzend,
reitet die Menschheit ihrem Ziele zu. Horch, wie lustig die Schellen und
Glöckchen am Sattelschmuck klingen, den Kronen, Tiaren, phrygische
Mützen -- Männer- und Weiberkappen bilden. Welchem Ziel schleicht das
graue Tier entgegen? Ist's das wiedergewonnene Paradies; ist's das
Schafott? Die Reiterin kennt es nicht; sie will es nicht kennen! Das
Gesicht dem zurückgelegten Wege, der dunkeln Vergangenheit zugewandt,
lauscht sie den Glöckchen, mag das Tier über blumige Friedensauen traben
oder durch das Blut der Schlachtfelder waten -- sie lauscht und träumt!
Ja sie träumt. Ein Traum ist das Leben der Menschheit, ein Traum ist das
Leben des Individuums. Wie und wo wird das Erwachen sein?
Auf einem Berliner Friedhofe liegt über der Asche eines volkstümlichen
Tonkünstlers, der auch viel erdulden mußte in seinem Leben, ein Stein,
auf welchen eine Freundeshand geschrieben hat:
»Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid,
Sein Leben Kampf mit Not und Neid,
Das Leid flieht diesen Friedensort,
Der Kampf ist aus -- das Lied tönt fort! --«
Ich lege die Feder nieder und wiederhole leise diese Zeilen. Ich kann
heute nicht weiter schreiben.
Am 5. Dezember.
Meinem Versprechen gemäß hatte ich der Redaktion der _Welken Blätter_ --
Wimmerianischen Angedenkens -- einige der Federzeichnungen meines
Nachbars Strobel vorgeführt und konnte heute schon ihm seine Aufnahme
unter die Zeichner jenes witzigen Journals ankündigen. Da ich seine Nase
hinter den Scheiben seiner Fenster einigemal hatte hervorlugen sehen, so
machte ich mich auf den Weg hinüber zu meiner alten Wohnung, in der ich,
seit ich sie verlassen, so viele ein- und ausziehen gesehen habe.
Die dicke Madame Pimpernell hat es aufgegeben, in eigener, gewichtiger
Person über den Vorräten des Viktualienladens zu thronen, sie hat sich
in einen gewaltigen, ausgepolsterten Lehnstuhl hinter dem Ofen
zurückgezogen, von wo aus sie oft genug Dorette -- auch Rettchen genannt
-- ihre hagere Tochter und Nachfolgerin im Reich der Käse, der Butter
und der Milch zur Verzweiflung zu bringen vermag.
Das mittlere Stockwerk des Hauses Nr. Elf steht augenblicklich leer,
indem nach heftigen Kämpfen mit dem Parterre, treppauf und ab, die
letzten Einwohnerinnen: die verwitwete Geheime Oberfinanzsekretärin
Trampel und ihre zwei sehr ältlichen und sehr ansäuerlichen Töchter
Heloise und Klara -- Öllise und Knarre von der Madame Pimpernell genannt
-- abgezogen sind. Klavier, Harfe und Guitarre, die drei
Marterinstrumente der Sperlingsgasse, nahmen sie glücklicherweise mit,
sowie auch den edlen Kater Eros und den ebenso edlen, schiefbeinigen
Teckelhund Anteros -- Geschenke eines neuen und doch schon
antediluvianischen Abälards und Egmonts.
Wie oft bin ich einst diese steilen, engen Treppen hinauf- und
hinabgeklettert; jetzt einen Haufen Bücher unter dem Arm, jetzt einen,
wie ich glaubte, Furore machensollenden Leitartikel in der Rocktasche.
Wie oft haben Mariens kleine Füße diese schmutzigen Stufen betreten,
wenn sie mit Franz zu einem prächtigen Teeabend kam, dem ich immer mit
so untadelhafter, hausväterlicher Würde vorzustehen wußte! Wie ich dann
ihr helles Lachen, welches die feuchten, schwarzen Wände so fröhlich
wiedergaben, erwartete; wie sie so reizend über meine verwilderte Stube
spötteln konnte, und dann trotz aller meiner vorherigen stundenlangen
Bemühungen erst durch fünf Minuten _ihrer_ Anwesenheit einen
menschlichen Aufenthaltsort daraus machte! Wie ich dann später von der
kleinen Quälerin gezwungen wurde, eine unglückliche Flöte hervorzuholen
und steinerweichend eine klägliche Nachahmung von: »Guter Mond, du gehst
so stille« hervorzujammern, bis Franz Einspruch tat, oder mir der Atem
ausging, oder der kleinen Tyrannin die Kraft zu lachen! Es waren selige
Abende, und ich nahm das Andenken daran mit hinauf bis zur Tür des
Zeichners. Auf mein Anklopfen erschallte drinnen ein unverständliches
Gebrumme; ich trat ein.
Manche Junggesellenwirtschaft habe ich kennen gelernt und kann viel
vertragen in dieser Hinsicht. Den Doktor Wimmer, den Schauspieler
Müller, den Musiker Schmidt, den Kandidaten der Theologie Schulze habe
ich in ihrer Häuslichkeit gesehen, von meiner eigenen Unordnung nicht zu
sprechen, aber eine solche malerische Liederlichkeit war mir doch noch
nicht vorgekommen. Eine Phantasie, durch Justinus Kerners
kakodämonischen Magnetismus in Verwirrung geraten, könnte, gefroren,
versteinert, verkörpert in einem anatomischen Museum ausgestellt, keinen
tolleren Anblick gewähren! Auf einem unaussprechlich lächerlichen Sofa,
viel zu kurz für ihn, lag, den Kopf gegen die Tür, die Beine über die
Lehne weg gestreckt, und die Füße gegen die Fensterwand gestemmt, der
lange Zeichner, die Zigarre, die große Trostspenderin des neunzehnten
Jahrhunderts, im Munde, ein Zeichenbrett auf den Knieen und den Stift in
der Hand. Ein dreibeiniger Tisch, der ohne Zweifel einst unter die
Quadrupeden gehört hatte, war an diese Lagerstatt gezogen; ein leerer
Bierkrug, eine halbgeleerte Zigarrenkiste, Tuschnäpfchen, bekritzelte
Papiere und andre heterogene Gegenstände bedeckten ihn im reizendsten
Mischmasch. Drei verschiedengestaltete Stühle hatte die »Bude«
aufzuweisen; der eine aus der Rokokozeit diente als Bibliothek, der
andre, ein grünangestrichener Gartenstuhl, verrichtete die Dienste eines
Kleiderschranks, und der dritte, von dessen früherem Polster nur noch
der zerfetzte Überzug herabhing, war ^o horror!^ -- zur -- Toilette
entwürdigt, und ein Waschnapf, Seife, Kämme und Zahnbürsten machten sich
viel breiter auf ihm als irgend nötig war. In einer Ecke des Zimmers
lehnte der Ziegenhainer des wanderlustigen Karikaturenzeichners, und auf
ihm hing sein breitrandiger Filz. In einem andern Winkel hing eine
umfangreiche Reisetasche, und die Wände entlang war mit Stecknadeln eine
tolle Zeichnung neben der andern festgenagelt. Das Ganze ein wahres
Pandämonium von Humor und skurrilem Unsinn.
»Ah, mein Nachbar!« rief Meister Strobel, bei meinem Eintritt von seinem
Sofa aufspringend, mit der einen Hand das Zeichenbrett fortlehnend, mit
der andern den wackelnden Tisch am Fallen hindernd. »Das ist sehr edel
von Ihnen, daß Sie meinen Besuch so bald erwidern; seien Sie herzlich
gegrüßt und nehmen Sie Platz!« Mit diesen Worten ließ er die Last des
Bibliothekstuhls zur Erde gleiten und zog ihn an den Tisch, von dem er
ebenfalls die meisten Gegenstände an beliebige Plätze schleuderte.
»Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen, Herr Strobel, daß Ihre Blätter
großen Anklang bei der Redaktion der >Welken Blätter< gefunden haben,
und daß dieselbe stolz sein wird, Sie unter ihre Mitarbeiter zu zählen.«
»Sehr verbunden,« sagte der Zeichner, der sich auf mysteriöse Weise eben
am Ofen beschäftigte, »bitte, nehmen Sie eine Zigarre und erlauben Sie
mir, Ihnen eine Tasse Kaffee anzubieten.«
Er sah und roch in einen sehr verdächtig aussehenden Topf, den er aus
der Ofenröhre nahm. »O weh,« rief er, während ich alle Heiligen des
Kalenders anrief, »die Quelle ist versiecht!«
»Bitte, machen Sie keine Umstände, Ihre Zigarren sind ausgezeichnet!«
»Ja,« sagte Strobel, sich nun wieder auf sein Sofa setzend, »das ist der
einzige Luxus, den ich nicht entbehren könnte, und ich preise meinen
Stern, der mich in einer Zeit geboren werden ließ, wo man die Redensart:
Kein Vergnügen ohne die Damen --, in die jedenfalls passendere: Kein
Vergnügen ohne eine Zigarre, umgeändert hat.«
»Sind Sie ein solcher Weiberfeind?«
»Keineswegs; im Gegenteil, ich beuge mich ganz und gar dem französischen
Wort: ^Ce que femme veut, Dieu le veut^ und ziehe -- deshalb gerade, die
nicht so anspruchsvolle Zigarre vor, die für uns glüht, ohne das Gleiche
zu verlangen, die interessant ist, ohne interessiert sein zu wollen, und
so weiter, und so weiter!«
»Sie sind wirklich ein echtes Kind unserer Zeit, die durch zu viele und
zu verschiedenartige Anspannungen im ganzen bei dem einzelnen das
Gehenlassen, die Athaumasie, die Apathie zur Gottheit gemacht hat.«
»Puh,« sagte der Zeichner, eine gewaltige Dampfwolke fortblasend, »ich
konnt's mir denken, da sind wir schon in einem solchen Gespräche, wie
sie alles Zusammenleben jetzt verbittern: übrigens ist unsere Zeit
durchaus nicht apathisch, aber der einzelne fängt an, das wahre Prinzip
herauszufinden, daß nämlich die Sache durch die Sache gehen muß. --
Nicht jeder erste und ^taliter qualiter^ beste soll sich fähig glauben,
den Wegweiser spielen zu können, den Arm ausstrecken und schreien:
Holla, da lauft, dort geht der rechte Weg, dorthin liegt das Ziel!«
»Und die seitwärts abführenden Holzwege?...«
»Laufen alle der großen Straße wieder zu, nachdem sie an irgend einer
schönen, merkwürdigen, lehrreichen Stelle vorübergeführt haben. Ich, der
Fußwanderer, habe nie so viel Erfahrungen für den Geist, so viel Skizzen
für meine Mappe heimgebracht, als wenn ich mich verirrt hatte.«
»Sie müssen ein eigentümliches Leben geführt haben und führen!« sagte
ich, den sonderbaren Menschen vor mir ansehend. Er strich mit der Hand
über das sonnverbrannte, verschrumpfte Gesicht und lächelte.
»Ein Leben, das gern auf Irrwegen geht, ist stets eigentümlich!« sagte
er. »Übrigens wird jeder Mensch mit irgend einer Eigentümlichkeit
geboren, die, wenn man sie gewähren läßt -- was gewöhnlich nicht
geschieht -- sich durch das ganze Leben zu ranken vermag, hier Blüten
treibend, dort Stacheln ansetzend, dort -- von außen gestochen --
Galläpfel. Was mich betrifft, so bin ich von frühester Jugend auf mit
der unwiderstehlichsten Neigung behaftet gewesen, mein Leben auf dem
Rücken liegend hinzubringen und im Stehen und Gehen die Hände in die
Hosentaschen zu stecken. Sie lächeln -- aber was ich bin, bin ich
dadurch geworden.«
»Ich lächelte nur über die Richtigkeit Ihrer Bemerkung. Wir alle sind
Sonntagskinder, in jedem liegt ein Keim der Fähigkeit, das Geistervolk
zu belauschen, aber es ist freilich ein zarter Keim, und das Pflänzchen
kommt nicht gut fort unter dem Staub der Heerstraße und dem Lärm des
Marktes.«
»Holla,« rief der Zeichner, plötzlich aufspringend und nach dem Fenster
eilend, »sehen Sie, welch ein Bild!«
In der Dachwohnung über der meinigen drüben hatte sich ein Fenster
geöffnet. Die kleine Ballettänzerin, welche dort wohnt, ließ ihr
hübsches Kindchen nach den leise herabsinkenden Schneeflocken greifen.
Das Kind streckte die Ärmchen aus und jubelte, wenn sich einer der
großen weißen Sterne auf seine Händchen legte oder auf sein Näschen. Die
arme, ohne die Schminke der Bühne so bleiche Mutter sah so glücklich
aus, daß niemand in diesem Augenblick die traurige Geschichte des jungen
Weibes geahnt hätte.
»Ich habe auf Ihrem Schreibtische Blätter gesehen mit der Überschrift:
_Chronik der Sperlingsgasse_,« sagte Strobel, »das Bild da drüben gehört
hinein, wie es in meine Skizzenmappe gehört.«
»In meinen Blättern würde es eine dunkle Seite bilden,« antwortete ich,
»und die Chronik hat deren genug. Wie wär's aber, wenn Sie Mitarbeiter
dieser Chronik der Sperlingsgasse würden; Sie haben ein gar glückliches
Auge!«
»Glauben Sie?« fragte der Karikaturenzeichner, welcher den
Kleiderschrankstuhl an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem
Papier kritzelte. »Sie wollen keine dunkeln Blätter; kennen Sie
vielleicht die Geschichte jenes englischen Zerrbildzeichners, der vor
dem Spiegel an seinem eigenen Gesichte die Fratzen der menschlichen
Leidenschaften studierte?«
»Nein, ich kenne die Geschichte nicht, was ward mit ihm?«
»Er -- schnitt sich den Hals ab,« sagte der Zeichner dumpf, seine
vollendete Skizze fortlegend.
Verwundert schaute ich auf. Das Gesicht Strobels hatte einen Ausdruck
von Trübsinn angenommen, der mich fast erschreckte. Er sprach nicht
weiter, und es trat eine Pause ein, während welcher drüben das Kind
lachte und jubelte, und die Tänzerin den Spatzen, die sich zwitschernd
auf die Dachrinne setzten, Brotkrumen streute. Ich sah, daß der Zeichner
allein sein wollte und ging; der sonderbare Mensch begleitete mich bis
zur Treppe. Dort sagte er, mir die Hand drückend und lächelnd:
»Ich will aber doch Mitarbeiter Ihrer Chronik werden, Signor!«
So endete mein erster Besuch bei dem Karikaturenzeichner Ulrich Strobel.
Am 10. Dezember.
Es ist jetzt vollständig Winter geworden; der Schnee liegt zu hoch in
den Straßen, als daß man den Schritt der verspäteten Fußgänger, das
Rollen der Wagen hören könnte. Es ist tiefe Nacht.
Was ist das für ein bleiches, verfallenes Gesicht, welches da vor mir
auftaucht? Ist das Franz -- der lebensmutige, lebensglühende Franz
Ralff, den ich einst kannte?
Drei Monate waren hingegangen, seit man die tote Marie zu ihrer stillen
Ruhestätte hinausgetragen hatte. Ich saß neben meinem Freunde, der, auf
die graugrundierte Leinwand vor ihm starrend, plötzlich begann:
»Höre, Johannes, ich muß Dir eine Geschichte erzählen. Es wird gut sein,
daß Du sie kennst; auch könnte wohl der Fall eintreten, daß mein Kind
sie erfahren müßte. Letzteres will ich dann Dir überlassen, Johannes.
Ich muß weit dazu ausholen, ich muß in unsere früheste Jugendzeit
zurückgehen, wo wir glückliche, ahnungslose Kinder waren. O Johannes,
laß mich sie zurückrufen, diese seligen Tage! Klingt es Dir nicht auch
bei jeder Erinnerung daran, wie das Läuten jener im Wald verlorenen
Kirche? O, mein Jugend-Waldleben! -- Wie ich es jetzt vor mir sehe,
dieses alte, braune, verfallende Jägerhaus, mitten in der grünen,
duftenden Einsamkeit! Vorbei plätschernd der klare Bach, der dann tiefer
im Walde den stillen Teich bildet, welchen die Sage so wundersam
umschlungen hat! Wie oft bin ich, das Kinderherz voll geheimnisvollen
Bebens, an funkelnden Mondscheinabenden, wenn die Bewohner des
Jägerhauses vor der Tür saßen und der alte Burchhard das Waldhorn -- Du
weißt wie schön -- blies, dem durch das Dunkel glitzernden Bach
nachgeschlichen, dem stillen Wasser zu, das Treiben der Nixen und Elfen
zu belauschen. Wie fuhr ich zusammen, wenn eine Eidechse im Grase
raschelte, oder ein Nachtvogel schwerfälligen Flugs über den glänzenden
Spiegel des Teichs hinflatterte, indem ich dachte, jetzt müsse das
wundersame Geheimnis ans Licht treten und sein Wesen und Weben beginnen
um die volle Scheibe des Mondes, die in der klaren, stillen Flut
widergespiegelt lag. Erst später erfuhr ich, woher der tiefe, geheime
Zug in mir nach diesem Waldwasser stamme.
Wie oft bin ich, wenn der Sturm in den Bäumen rauschte, hinaufgestiegen
in eine hohe Tanne, um mich, die Arme fest um den rauhen, harzigen Stamm
geschlungen, das Herz gepreßt von Angst und unsäglicher Seligkeit -- hin
und her schleudern zu lassen vom Winde.
Und dann, wenn draußen die heiße Julisonne, die in diese Waldnacht nur
vorsichtig neugierig hinein zu lugen wagte, auf der Welt lag: welch ein
Träumen war das! Welch eine Wonne war's, im Grase zu liegen, während der
Rauhbach an meiner Seite rauschte und murmelte und seine Kiesel langsam
weiterschob, während die Sonnenlichter an den schlanken Buchenstämmen
oder über den Wellchen des Baches spielten und zitterten; die
Wasserjungfer über mich hinschoß; ringsumher die Glockenblumen ihre
blauen Kelche der Erde zuneigten, und der stolze Fingerhut sich trotzend
in seiner Pracht erhob, als spreche er jeden verirrten Strahl der Sonne
für sein Eigentum an.
Welche Winterabende waren das, wenn ich dem alten weißbärtigen Mann, den
ich Oheim nannte, auf dem Knie saß, mit den Quasten seiner kurzen
Jägerpfeife spielte und seinen Geschichten und Sagen lauschte, während
die Hunde zu unsern Füßen schliefen und träumten und nur von Zeit zu
Zeit aufhorchten, wenn der alte Karo draußen anschlug.
Es war ein glückliches Leben, dieses Leben im Walde, und es ist von
großem Einfluß auf meine spätere, künstlerische Entwickelung gewesen.
Noch gar gut erinnere ich mich des Tages, an welchem ich mein erstes
Kunstwerk an der Stalltür zustande brachte. Es war ein Porträt unseres
alten Burchhards und seines treuen Begleiters, des kleinen Dachshundes,
der die Eigentümlichkeit hatte, gar keinen Namen zu besitzen, sondern
nur auf einen besonderen Pfiff seines Herrn hörte.
Der folgende Zeitraum meiner Geschichte, Johannes, ist Dir fast so gut
als mir bekannt, und ich könnte schneller darüber weggehen, wenn es mich
nicht überall, wo _ihr_ Bild auftaucht, so gewaltig festhielte.
Wie viele heimliche Tränen -- der Oheim liebte das Weinen nicht --
wischte ich mir aus den Augen, als der Tag kam, an welchem ich meiner
grünen Waldesnacht Ade sagen mußte. Gern hätte ich mich an jeden Baum,
an jeden Strauch, an welchem der Weg aus dem Walde heraus vorbeiführte,
festgeklammert. Wie unermeßlich weit und groß kam mir die Welt vor. Wie
eine Eule, die man aus ihrer dunkeln Höhle in den Sonnenschein gezerrt
hat, schien ich mir anfangs in Ulfelden. Ich war unglücklich, wie ein
Kind von zwölf Jahren es nur sein kann, ehe ich mich in das ungewohnte
Leben hineinfand.
Wie deutlich steht mir der erste Abend in unserer Kindheitsstadt noch
vor dem Gedächtnis! Der Oheim war zurückgekehrt in sein einsames
Waldhaus, die Frau Rektorin wirtschaftete in der Küche, der alte Rektor
saß oben in seinem kleinen Studierstübchen über dem Tacitus, seinem
Lieblingsschriftsteller, wie ich später erfuhr, und -- ich kauerte
einsam mit verquollenen tränenden Augen auf der grünen Bank vor dem
Hause und blickte in dumpfem Hinbrüten den vorbeischießenden Schwalben
nach: als auf einmal ein kleines, etwas schmutziges Händchen mir einen
angebissenen rotbäckigen Apfel hinhielt, ein Lockenköpfchen sich unter
meine Nase drängte und ein feines Stimmchen sagte:
»Nicht weinen ... Junge ... Mama auch Eierkuchen backen.«
Ich hatte damals große Lust, die kleine Trösterin zurückzustoßen, sie
ließ sich aber nicht abweisen, und als ich über ihr Mitgefühl stärker zu
schluchzen anfing, fing auch sie an zu weinen. Unter diesem Tränenstrom
wurden wir von dem alten Rektor überrascht, welcher plötzlich in seinem
rotgeblümten Schlafrock -- ein Porträt von ihm gibt es dort unter meinen
Skizzen -- und mit der langen Pfeife im Munde hinter uns stand.
»Nun, kleines Volk,« sagte er lächelnd, »das ist ja eine prächtige
Freundschaft zwischen Euch, die so mit Heulen anfängt! Wer hat denn dem
andern etwas zuleide getan?«
Diese diplomatische Wendung der Sache brachte auf einmal meinen
Tränenstrom zum Stehen, und auch die kleine Marie lächelte sogleich
wieder durch die hellen Tropfen, die ihr über beide Backen rollten.
»Wird schon gehen, wird schon gehen!« brummte der alte Scholarch, fuhr
mit der Hand über meine Haare und ging dann zurück ins Haus, um seiner
Frau beim Eierkuchenbacken zuzusehen.
Die kleine Marie aber führte mich zu ihrem Garten im Winkel, grub eine
keimende Bohne hervor, zeigte sie mir jubelnd und versprach mir ein
ähnliches Feld für meine Tätigkeit. Dann zogen wir uns in die
Geisblattlaube zurück, wo der Tisch gedeckt war. Da fand ich neben dem
Nähzeuge der Frau Rektorin ein Buch auf der Bank -- ein Bilderbuch,
welches mich den Wald, das Jägerhaus, den Ohm, den alten Burchhard, mein
ganzes Heimweh zuerst vergessen ließ. Es war ein zerlesener und
zerblätterter Band des welt- und kinderbekannten Bertuchschen Werks!
Welch eine neue Welt ging mir da auf! -- Und die kleine Marie lehnte
neben mir; lachte, erklärte und kitzelte mich mit Strohhalmen; dann kam
die Frau Rektorin mit dem Eierkuchen, und der Rektor verließ seinen
Tacitus; die Glocken der alten Stadtkirche läuteten den morgenden
Sonntag ein; -- ich hatte mich gefunden! -- Erinnerst Du Dich wohl noch,
Hans, dieses Sonntagmorgens, der auf meinen ersten Tag in Ulfelden
folgte? Weißt Du wohl noch, wie Du mir in der Kirche zunicktest, und
beim Nachhausegehen unsere Freundschaft ihren Anfang nahm durch eine
Handvoll Kletten, welche Du mir in die Haare warfest? Weißt Du wohl,
Johannes, wie ich aus dem blöden Waldjungen zu dem tollsten,
verwegensten Schlingel der ganzen Gegend heranwuchs und nur duckte, wenn
mich die kleine Marie aus ihren großen Augen so traurig ansah? Es war
eine prächtige Zeit, -- und das Latein war durchaus keine so böse
Krankheit wie das Scharlachfriesel; -- ich hatte diese Vorstellung aus
dem Walde mitgebracht -- sondern höchstens ein leichter Schnupfen, der
bald wieder auszuschwitzen war.
Dann kamen die Zeichenstunden bei dem alten Maler Gruner, der mir zuerst
die Welt des Schönen deutlicher vor die Augen legte, der in seiner
trockenen kaustischen Weise das Leben, welches er sehr wohl kannte, an
mir vorübergleiten ließ, daß ich verlangte und mich hinaussehnte in
diese so schön blühende Welt, wo man nur die Hand auszustrecken
brauchte, um Glück, Ruhm und Reichtum zu erfassen.
Den Wald hatte ich fast ganz vergessen; ich sehnte mich gar nicht
zurück; hinaus wollte ich in die Welt, Maler werden, tausend Träume
hatte ich, und in allen schwebte Mariens holdes Bild!
Da wurde ich eines Tags zurückgerufen in das einsame Jägerhaus und fand
meinen alten Oheim auf dem Sterbebette. Eine Erkältung, die er sich
zugezogen und nicht beachtete, hatte bei seinem vorgerückten Alter eine
tödliche Wendung genommen. Alle ärztliche und geistliche Hilfe
verschmähend, hatte er nur nach mir verlangt. Eine schreckliche
Enthüllung erwartete mich am Bette des Mannes, an dessen Seite ich nur
den alten Burchhard traf, während die Waldgrete, die bejahrte Magd des
Försterhauses, ab- und zuging.
Als ich -- jetzt ein neunzehnjähriger Jüngling -- an das Lager meines
Ohms trat, sah mich dieser, eben aus einem kurzen unruhigen Schlummer
erwachend, starr an.
»Er gleicht ihm immer mehr,« murmelte er. Als ich mich über ihn beugte,
küßte mich der alte strenge Mann und sagte mit erloschener Stimme:
»Franz, -- Du siehst, es ist vorbei mit mir: ich brauche den Jagdranzen
nicht zu füllen und nicht für Schießzeug zu sorgen für den Gang, den ich
jetzt gehen muß. Heule nicht, Junge; weißt, ich hab's nie leiden können.
Ist Weibermode! Ich möchte Dir aber noch etwas sagen, eh ich
abmarschiere vom Anstand; kannst dann daraus machen, was Du willst.
Setze Dich und höre zu! Schau, da hinten,« -- der Alte zeigte durch das
offene Fenster, in welches grüne Zweige schlugen, und die Abendsonne
zitterte, während ein Buchfink davor sang; -- »da hinten hinter dem
Walde kommst Du in die große Ebene, wo Du tagelang gehen kannst, ohne
einen Berg zu sehen. Die Leute nennen's ein schönes Land; -- mag sein,
hab's aber nie leiden können, und mag den Wald lieber. Einen Hügel
gibt's aber doch da, mitten in dem flachen Lande und den Kornfeldern,
mit einem Schloß, Seeburg geheißen, und am Fuße des Hügels ein Dorf
desselbigen Namens. Daher stammt unsere Familie, da bin ich geboren, da
ist auch Burchhard her.«
Der Letzterwähnte nickte hier mit dem Kopfe und brummte vor sich hin:
»Beides ne gute Art, die Ralffs und Burchhards!«
»Hast recht, Alter,« fuhr mein Oheim fort, »hoffe auch, der da (er wies
auf mich) soll nicht aus der Art schlagen, wenn er gleich unrecht Blut
in den Adern hat. Höre weiter, Junge: War ein stolz Volk, die Grafen
Seeburg, die da seit alter Zeit auf dem Neste saßen. Hab's gelesen in
alten Chroniken, wie sie die Leute plagten und die Kaufleute fingen.
Trieb's auch die neue Art, die damals in seidenen Strümpfen und Schuhen
ging, nicht viel besser, wenn auch anders. Halt's Maul, Burchhard, weiß,
was Du sagen willst. -- Ich war damals ein schmucker Bursch, wußte
trefflich mit der Büchse umzugehen, und war Andreas Ralff bekannt als
Meisterschütze auf Kirchweihen und Vogelschießen weit und breit, wie
Deine Mutter, Franz, meine Schwester, als das schönste Mädchen im Lande.
Sagte mir damals der junge Graf, der eben von Reisen zurückkam: >Hör',
Andreas, tritt in meinen Dienst, will Dich gut halten, und soll es Dein
Schaden nicht sein.< Da faßte mich der Satan, daß ich's für mein Glück
hielt und einschlug.«
Der Alte stöhnte hier laut auf und barg den Kopf in den Kissen, während
Burchhard aufstand und leise eine Jägerweise aus dem Fenster pfiff. Ich
beschwor den Ohm, seine Erzählung abzubrechen und zu verschieben.
»Hab das nie getan,« sagte der alte eiserne Mann, »ist nicht rechte
Jägermanier, eine Kreatur angeschossen umherlaufen zu lassen. Reine
Büchse, reiner Schuß. Schuf's der böse Feind, daß der Graf die Luise zu
sehen kriegte, und -- Burchhard, erzähl's dem Jungen weiter ...«
Dieser, der wieder neben dem Bette seines alten Freundes saß, nickte
finster und fuhr fort in der unterbrochenen Erzählung, den Blick auf den
Boden geheftet.
»Waren wir zusammen aufgewachsen, und hatte ich sie gar lieb die Luise
mit ihren schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Hatte aber nicht den
Mut, ihr zu sagen: Herzlieb, wolltest Du mich nicht zum Manne nehmen?
Wollte Dich auch auf'n Händen tragen! Stand ich also immer und guckte
ihr nach auf den Kirchwegen und allenthalben, wenn sie durch das Dorf
hüpfte, lachend und schäkernd, flink wie ein Reh, lustig wie eine Amsel!
...«
Der Kranke seufzte tief auf, Burchhard legte ihm das Kopfkissen zurecht
und schwieg dann, von seiner Erinnerung überwältigt, einige Minuten;
während draußen die Vögel gar lustig zwitscherten, und die Sonne immer
glühender dem Untergange zusank.
Plötzlich fuhr der Erzähler fast barsch auf:
»Was ist da weiter zu berichten! War sie ein jung Blut, und hatte ihr
der Pastor mehr Gutes als Böses von den Menschen erzählt ... Wurde
Andreas in den Wald geschickt auf Antrieb des Grafen; jubelte er
mächtig, denn von je war's sein Wunsch gewesen, ein Jägersmann zu sein,
und zog er sogleich fort von Seeburg, das alte verfallene Haus, so man
ihm gab, instand zu setzen, daß die Luise nachfolgen könne. War ich
damals nicht daheim, sondern im fremden Franzosenland, wo das Volk der
Plackerei und Adelswirtschaft müde geworden war und reinen Tisch
machte; schlug ich mich herum in der Champagne in dem Regiment
Weimar-Kürassiere, bis der Herzog von Braunschweig und die Preußen und
alle retirieren mußten durch Dreck und Regen. Kam ich zurück auf Urlaub,
putzte den Staub von den hohen Stiefeln, rieb den Harnisch so blank als
möglich, setzte den Dreimaster verwegen aufs Ohr und faßte mir ein Herz
-- war ich nicht Wachtmeister in der sechsten Schwadron? -- meinen
heimlichen Schatz zu bitten um seine hübsche weiße Hand. Sahen mich die
Leute so sonderbar an, als ich durch das Dorf schritt dem kleinen Häusel
zu, wo mein Schatz wohnte, und begegnete mir auch der Kastellan vom
Schloß, der mich nicht leiden konnte, und grinzte er mich so höhnisch
an, daß ich den Pallasch fester faßte und einen welschen Fluch brummte.
Ahnte ich aber nichts und schob alles auf die Verwunderung über mein
martialisch Ansehen und schritt mit einem Herzen, das halb freudig, halb
furchtsam klopfte, der kleinen Türe in dem Zaune zu, der das Ralffsche
Haus umgab. Hörte ich aus dem kleinen Stübchen eine Stimme singen, die
mir gar fremd und doch gar bekannt vorkam. Sang die Stimme immer nur den
Anfang eines alten Liedes:
>Es trägt mein Lieb ein schwarzes Kleid,
Darunter trägt sie groß Herzeleid
In ihren jungen Tagen ...<
Nahm ich den Hut ab und trat in die Hausflur: Grüß Gott, Jungfer
Lieschen, bin zurück aus Franzosenland, -- wollte ich sagen, sprach aber
kein Wort, sondern fiel mir der Hut zur Erde, und mußte ich mich am
Pfosten halten, um nicht selbst zu fallen. Da saß ein bleiches Wesen mit
eingefallenen Wangen im Winkel, hatte die Hände im Schoß gefaltet und
zitterte, als ob ein heftiger Frost es schüttle.
>Luise, Luise!< schrie ich auf, in die Knie vor ihr stürzend, in
unmenschlicher Angst.
Die Gestalt erhob sich, kam schwankend auf mich zu und sagte, indem sie
mit eiskalter Hand mir über die Stirne strich:
>Ei, mein schön's Lieb, bist zurück aus fremdem Land? Hab lange auf dich
gewartet, mein blankes Herz!<
Schlug mir das Herz, daß mir der Harnisch zu springen drohte, den
betastete sie, und über dessen Glanz schien sie sich zu freuen.
Was weiter vorging, weiß ich nicht; noch eine Zeitlang hörte ich den
Gesang wie aus weiter Ferne:
>Es trägt mein Lieb ein schwarzes Kleid,
Darunter trägt sie groß Herzeleid<
-- dann vergingen mir die Sinne, -- das war meine Heimkehr aus dem
Franzosenkrieg. Ich erwachte am Abend in meinem eigenen Häuschen, das
ich vermietet hatte, und die alte Frau, die damals drinnen wohnte, saß
neben mir. Glaubte ich geträumt zu haben, -- einen bösen, bösen Traum;
besann mich erst allmählich wieder, und fügte es Gott, daß ich weinen
konnte. Erzählte mir die gute Frau den Eingang und Ausgang des Leidens,
und schaute ich nach meinen Pistolen, den bübischen Grafen hinzuschicken
vor Gottes Richterstuhl; erfuhr aber, daß er auf und davon sei in ferne
Länder; habe es ihn nicht mehr rasten und ruhen lassen, und sei er auf
einmal spurlos verschwunden gewesen, ohne über sein Verbleiben etwas zu
hinterlassen ...«
»Und hat ihn Gott davor behütet, uns vor die Augen zu kommen,« fiel mein
Oheim mit abgewandtem Gesicht ein.
»Schrieb ich dem Andreas am andern Morgen das Geschehene, denn er wußte
noch nichts davon; es war ein feiges Volk, so ihm auf vier Meilen Weges
nichts vermeldet hatte.«
Der Kranke im Bett stöhnte, als ob ihm das Herz zerbreche, während ich
schwindelnd und wortlos dasaß ...
»Verkauften wir unsere Liegenschaften und brachten wir die Luise und
Dich, Franz, ihr kleines Kind, hierher in den grünen Wald, allwo uns des
Fürsten Durchlaucht einen Unterschlupf gab. Die Luise war immer still
vor sich hin und ward immer stiller; sie sang nicht mehr ihre alten
Liederverse und saß am liebsten in der Sonne und hielt ihre armen
mageren Finger gegen das Sonnenlicht. Dann lachte sie wohl und sagte:
>Noch immer, -- noch immer, -- wie es rinnt, rinnt!<
Und eines Morgens -- -- -- Ja, wie war's denn, was ich einmal im
Franzosenland von einem den Offizieren vorlesen hörte, als ich Wache vor
dem Zelt stand. Ich glaube, Herr Goethe oder so nannten sie ihn, der es
las (er zog mit des Herzogs Durchlaucht) und es handelte von einer
dänischen Prinzessin, die wahnsinnig wurde, weil ihr Liebster sich
wahnsinnig gestellt hatte ...«
»Bleib bei der Stange, Burchhard,« rief mein Oheim plötzlich, sich
aufrichtend, -- »eines Morgens lag sie am Rande des Hungerteiches
ertrunken im Wasser!«
Laut aufschreiend stürzte ich auf die Knie und verbarg den Kopf in dem
Kissen des alten sterbenden Mannes. Dieser saß jetzt auf den Ellenbogen
gelehnt aufrecht, unterstützt von der weinenden Waldgrete, seine Augen
funkelten; er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte leise:
»Er war jünger als Burchhard und ich; er wird leben; -- -- -- such ihn!«
Damit sank er erschöpft zurück, während ich betäubt liegen blieb.
Endlich legte mir der alte Burchhard die Hand auf die Schulter und
führte mich hinaus.
»Ich will Dir ein Wahrzeichen geben,« sagte er, als wir unter den grünen
Bäumen waren, die auf jene Tragödie ebenso grün und lustig herabgesehen
hatten. Wieder einmal folgte ich dem Laufe des Baches durch die freudige
Wildnis. Mit welchen Gefühlen?! -- Jetzt wußte ich, woher der tiefinnere
Zug nach dem stillen Waldteiche in mir kam! Da lag die klare Fläche in
der Abendglut vor uns, der leise Wind flüsterte in den Binsen, schlug
die gelben Irisglocken aneinander und schaukelte die auf ihren breiten
saftigen Blättern schwimmenden Wasserrosen; das war alles so friedlich,
so heimlich, so schön, und doch -- welch unnennbares Grauen gewährte mir
der Anblick!
»Als ich sie da fand,« sagte Burchhard, »hielt sie die eine Hand fest
zu, und das Gold eines Ringes schimmerte durch die starren Finger. Komm
mit!«
Der Alte führte mich seitab in den Wald, wo ein Stein mit einem Kreuz
bezeichnet im Moose lag. Er kniete nieder, hob ihn weg und wühlte eine
Zeitlang in der Erde.
»Da!« rief er plötzlich und schleuderte den kleinen goldenen Reif, als
habe er eine Schlange berührt, ins Gras. Es war auch eine Schlange, die
einen wappengeschmückten Rubin mit Kopf und Schweifende umschlang. Du
wirst ihn in diesem Kästchen finden, Johannes!
An jenem Abend noch starb mein Oheim, und ich führte seine Leiche, wie
Du weißt, Johannes, nach Ulfelden. Ich weiß nicht, der Tod des alten
Mannes erschien mir als gleichgültig im Vergleich mit dem Schrecklichen,
welches mir enthüllt war. -- Es war übrigens ein seltsamer Zug; wir
hatten den schwarzen Sarg auf einen niedern Wagen, mit Zweigen und
Waldblumen geschmückt, gestellt; die Holzhauer mit ihren Äxten, die
umwohnenden Köhler mit ihren Schürstangen gaben ihm das Geleit. Dicht
hinter dem Sarge schritt der alte Burchhard, die Büchse und das Waldhorn
über der Schulter, die Hunde um ihn her. Von Zeit zu Zeit blies er eine
lustige schmetternde Jägerweise, welche er dann ergreifend und seltsam
in einen Choral übergehen ließ. Unter den letzten Bäumen hielt er an,
die Holzhauer und Köhler um ihn her; noch einmal blies er einen
fröhlichen Jagdgruß, dann drückte er mir schweigend die Hand und sagte
dumpf: Lebe wohl, Franz Ralff! und schritt langsam in den Wald zurück,
und immer ferner hörte ich die Töne seines Hornes verklingen. Der Ohm
wurde auf dem Ulfeldener Kirchhof, dicht neben seiner Schwester, meiner
Mutter, begraben. Den alten Burchhard habe ich nicht wieder gesehen; ich
hielt's nun gar nicht mehr aus in der engen Welt um mich her, ich ging
nach Italien. Burchhard aber zog nach dem Harz, wo Verwandte von ihm
lebten, und wo er auch bald gestorben ist.
Das, Johannes, ist _der_ Teil meiner Geschichte, welchen selbst Du, mein
_Freund_, nicht kanntest. Ich überlasse Dir nun, welche Anwendung Du
davon einst für mein Kind wirst machen können; von _jenem_ Mann habe ich
nie eine Spur entdecken können. Versunken und vergessen! Das Schloß
Seeburg ist jetzt eine Fabrik!«
Da liegt das alte vergilbte Heft vor mir, aus welchem ich diese Bogen
der Chronik der Sperlingsgasse abgeschrieben habe. Lange saß ich noch an
jenem Tage neben meinem Freunde; er sprach viel von seinem Tode und
lächelte oft trübe vor sich hin. Während seiner Erzählung hatte er mit
der Reißkohle die Umrisse eines Kopfes auf der Leinwand vor ihm gezogen.
»_Das_ Bild male ich Dir erst noch, Johannes,« sagte er. Ich kannte die
milden Züge zu wohl, um sie nicht selbst in diesen leichten Linien zu
erkennen.
Und so geschah es! Je heller und sonniger die Farben auf der Leinwand
aufblühten, je lieblicher der Lockenkopf Mariens aus dem Grau
auftauchte, desto bleicher wurden die Wangen meines Freundes, und eines
Morgens -- war er ihr hinabgefolgt und hatte sein kleines Kind und
seinen Freund allein zurückgelassen.
^Have, pia anima!^
Am 24. Dezember.
Weihnachten! -- Welch ein prächtiges Wort! -- Immer höher türmt sich der
Schnee in den Straßen; immer länger werden die Eiszapfen an den
Dachtraufen; immer schwerer tauen am Morgen die gefrorenen
Fensterscheiben auf! Ach in vielen armen Wohnungen tun sie es gar nicht
mehr. -- Hinter den meisten Fenstern lugen erwartungsvolle
Kindergesichter hervor; da und dort liegt auf der weißen Decke des
Pflasters ein verlorner Tannenzweig. Es wird viel Goldschaum verkauft,
und bedeckte Platten von Eisenblech, die vorbeigetragen werden,
verbreiten einen wundervollen Duft.
»Was ist ein echter Hamburger Seelöwe?« fragte Strobel, der bei mir
eintrat und beim Abnehmen des Hutes ein Miniaturschneegestöber
hervorbrachte.
»Ein Hamburger Seelöwe?« fragte ich verwundert. »Doch nicht etwa ein
Mitglied des Rats der Oberalten?«
»Beinahe!« lachte der Zeichner. »Ein Hamburger Seelöwe ist eine
Hasenpfote, auf welche oben ein menschenähnliches Gesicht geleimt ist.
Ein solches Individuum versteht an einem Tischrande gar anmutige
Bewegungen zu machen. Sehen Sie hier!«
Dabei zog er den Gegenstand unseres Gesprächs hervor, hing ihn an meinen
Schreibtisch und brachte ihn durch eine Art Pendel in Bewegung.
»Ist das nicht eine wundervolle Erfindung?«
»Prächtig,« sagte ich, »in meiner Jugend brachte man aber denselben
Effekt durch den abgenagten Brustknochen eines Gänsebratens, in welchen
man eine Gabel steckte, hervor; aber die Kultur muß ja fortschreiten.«
»Ja, die Kultur schreitet fort!« seufzte der Zeichner. »Sogar die
einfachen Tannen machen allmählich diesen Pyramiden von bunten
Papierschnitzeln Platz. Papier, Papier überall! Aber was ich sagen
wollte: wäre es nicht eigentlich die Pflicht zweier Mitarbeiter der
>Welken Blätter<, jetzt auf die Weihnachtswanderung zu gehen?«
»Auch ich wollte Sie eben dazu auffordern,« sagte ich.
»Vorwärts!« rief Strobel und stülpte seinen Filz wieder auf, während ich
meinen Mantel und roten baumwollenen Regenschirm hervorsuchte.
Wir gingen. Den Hamburger Seelöwen ließen wir ruhig am Tische
fortbaumeln, nachdem ihm Strobel noch einen letzten Stoß gegeben hatte.
Zur Weihnachtszeit habe ich gern ein solches Spielzeug in der Nähe;
erfreute sich doch auch der alt und grau gewordene Jean Paul zu solcher
Zeit gern an dem Farbenduft einer hölzernen Kindertrompete.
Welch ein Gang war das, den ich mit dem tollen Karikaturenzeichner in
der Dämmerung des Abends machte! In wie viel Keller- und andere Fenster
mußte der Mensch gucken; in wie viel kleine frostgerötete Hände, die
sich an den Ecken und aus den Torwegen uns entgegenstreckten, ließ er
seine Viergroschenstücke gleiten! Welch ein Gang war das! Die Geister,
die den alten Scrooge des Meisters Boz über die Weihnachtswelt führten,
hätten mich nicht besser leiten können, als Herr Ulrich Strobel. Jetzt
betrachteten wir die phantastische Ausstellung eines Ladens, jetzt die
staunenden, verlangenden Gesichter davor; jetzt entdeckte Strobel eine
neue Idee in der Anfertigung eines Spielzeugs, jetzt ich; es war
wundervoll!
An der Ecke des Weihnachtsmarktes blieben wir stehen, in das fröhliche
Getümmel, welches sich dort umhertrieb, hineinblickend. Im
ununterbrochenen Zuge strömte das Volk an uns vorbei: Väter, auf jedem
Arme und an jedem Rockschoß ein Kind; Handwerksgesellen mit dem Schatz,
den sie aus der Küche der »Gnädigen« weggestohlen hatten; ehrliche,
unbeschreiblich gutmütig und dumm lächelnde Infanteristen, feine,
schmucke Garde-Schützen, schwere Dragoner und »klobige« Artillerie. --
Hier und da wanden sich junge Mädchen zierlich durch das Getümmel; jedes
Alter, jeder Stand war vertreten, ja sogar die vornehmste Welt
überschritt einmal ihre närrischen Grenzen und zeigte ihren Kindern die
-- Freude des Volks.
Der Zeichner war auf einmal sehr ernst geworden. »Sehen Sie,« sagte er,
»da strömt die Quelle, aus welcher die Kinderwelt ihr erstes Christentum
schöpft. Nicht dadurch, daß man ihnen von Gott und so weiter
Unverständliches vorräsoniert, sie Bibel- oder Gesangbuchverse auswendig
lernen läßt; nicht dadurch, daß man sie -- wo möglich in den Windeln --
in die Kirche schleppt, legt man den Keim der wunderbaren Religion in
ihre Herzen. An das Gewühl vor den Buden, an den grünen funkelnden
Tannenbaum knüpft das junge Gemüt seine ersten, wahren -- und was mehr
sagen will, wahrhaft kindlichen Begriffe davon!«
Ich wollte eben darauf etwas erwidern, als plötzlich eine Gestalt in
einen dunkeln Mantel gehüllt, ein Kind auf dem Arme tragend, an uns
vorbeischlüpfen wollte. Ein Strahl der nächsten Gaslaterne fiel auf ihr
Gesicht, es war die kleine Tänzerin aus der Sperlingsgasse. Ich freute
mich über die Begegnung und rief sie an:
»Das ist prächtig, Fräulein Rosalie, daß wir Sie treffen. Vielleicht
werden Sie uns erlauben, daß wir Sie begleiten; denn um die Mysterien
eines Weihnachtsmarktes zu durchdringen, ist es jedenfalls nötig, ein
Kind bei sich zu haben.«
Die Tänzerin knixte und sagte: »O, Sie sind zu gütig, meine Herren;
Alfred hat mir den ganzen Tag keine Ruhe gelassen, und da kein Theater
ist, so mußte ich ihm doch die Herrlichkeit zeigen.«
»Ja Mann,« -- sagte Alfred unter einer dicken Pudelmütze gar verwegen
hervorschauend -- »mitgehen!«
Ich stellte der Tänzerin den Nachbar Zeichner vor, und das vierblättrige
Kleeblatt war bald in der Stimmung, die ein Weihnachtsmarkt erfordert.
Was für ein Talent, Kinder vor Entzücken außer sich zu bringen,
entwickelte jetzt der Karikaturenzeichner. Er hatte der Mutter den
dicken Bengel sogleich abgenommen, ließ ihn nun gar nicht aus dem
Aufkreischen herauskommen und schleppte ihn hoch auf der Schulter durch
das Gewühl voran. »O ich bin Ihnen so dankbar, so dankbar, Herr
Wachholder,« flüsterte die kleine Tänzerin, zu deren Beschützer ich mich
sehr gravitätisch aufwarf.
»Liebes Kind,« sagte ich, »ein paar solcher Junggesellen wie ich und
mein Freund würden solche Abende wie dieser sehr übel zubringen, wenn
nicht dann ausdrücklich eine Vorsehung über sie wachte. Sie sollen
einmal sehen, wie prächtig wir heute Abend noch Weihnachten feiern
werden; -- hören Sie nur, wie Alfred jubelt; sehen Sie, wie stolz und
glücklich er unter der Pickelhaube vorguckt, die ihm eben der Herr
Strobel übergestülpt hat!«
Der Karikaturenzeichner hätte sich in diesem Augenblick sehr gut selbst
abkonterfeien können -- er tat es auch, aber später. Wundervoll sah er
aus. Im Knopfloche baumelte ein gewaltiger Hampelmann, in der rechten
Hand hatte er eine große Knarre, die er energisch schwenkte; während auf
seinem linken Arm Alfred mit aller Macht auf eine Trommel paukte.
»Kleine Dame,« sagte der Zeichner jetzt zu unserer Begleiterin, »stecken
Sie mir doch einmal jene Tüte in die Rocktasche, ich komme nicht dazu!
Heda, alter Wachholder,« schrie er dann mich an, »gleiche ich nicht aufs
Haar einer Kammerverhandlung? Rechts Geknarre, links Getrommel, und für
das Fassen und Einsacken der begehrten Süßigkeiten weder Kraft noch
Platz!«
»Mama, _der_ Onkel aber mal rechter Onkel!« rief der Kleine entzückt von
seiner Höhe herab, als Rosalie der Anforderung Strobels nachkam, und ich
ebenfalls die Tasche mit allerlei füllte.
So ging es weiter, bis uns endlich die Kälte zu heftig wurde. Der
Zeichner löste sich auf -- wie er's nannte -- und überlieferte mir die
spielzeugbehangene Linke, behielt jedoch die Knarre in der Rechten, und
nun ging's durch die menschen- und lichterfüllten Straßen nach Hause.
Wie glänzte heute abend die alte dunkle Sperlingsgasse! Von den Kellern
bis zum sechsten Stock, bis in die kleinste Dachstube war die
Weihnachtszeit eingekehrt; freilich nicht allenthalben auf gleich
»fröhliche, selige, gnadenbringende« Weise. Welch einen Abend feierten
wir nun! Wir ließen unsere kleine Begleiterin natürlich nicht zu ihrem
kaltgewordenen Stübchen hinaufsteigen. War ich nicht schon auf der
Universität meines famosen Punschmachens wegen berühmt gewesen? (eine
Kunst, die mir mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte). Der
Karikaturenzeichner holte einen Tannenzweig, den er auf der Straße
gefunden hatte, hervor und hielt ihn ins Licht.
»Das ist der wahre Weihnachtsduft,« sagte er, »und in Ermangelung eines
Bessern muß man sich zu helfen wissen.«
Horch! was trappelt da draußen auf einmal auf der Treppe? Ein leises
Kichern erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe höher
steigen zu wollen. »Zu mir?« sagt Rosalie und springt verwundert nach
der Tür.
»Ach, da ist sie?!« schallt es draußen, und auch ich stecke meinen Kopf
heraus.
»Guten Abend, alter Herr! Guten Abend, Rosalie! Guten Abend, Röschen!«
erschallt ein Chor heller lustiger Stimmen.
»Wo ist Alfred, wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum!«
»Hurra, das ist's, was wir eben brauchen!« schreit der Zeichner, seine
Knarre schwingend. »Schönen guten Abend, meine Damen, und fröhliche
Weihnachten!«
Aus dunkeln Mänteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein
halbes Dutzend kleiner Theaterfeen, die alle jubelnd und lachend meine
Stube füllen, und -- auf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument
hervorholen, welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben. Ein
Heidenlärm bricht los; das knarrt und quiekt und plärrt und klappert,
daß die Wände widerhallen, und Rosalie, welche beschwörend von einer der
kleinen Ratten zur andern läuft, zuletzt die Ohren zuhaltend in dem
fernsten Winkel sich verkriecht.
Endlich legt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der
ausgehenden Kraft des Karikaturenzeichners, der vor Wonne über das
Pandämonium kaum noch seine Knarre schwingen kann.
Welch ein Punsch war das! welche Gesundheiten wurden ausgebracht! welche
Geschichten wurden erzählt! Vom Souffleur Flüstervogel bis zum
Ballettmeister Spolpato, ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn
Intendanten hinauf.
Heute abend malte Strobel keine Karikaturen, aber _sich_ selbst machte
er oft genug zu einer. Beim Versuch, sich auf einer mit dem Halse auf
der Erde stehenden Flasche sitzend zu drehen, beim Zuckerreiben, beim
Versuch, den glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichts wieder
anzublasen und bei andern Kunststücken.
Alfred, der durch Unterlegung von Pfuffendorfs und Bayles
schweinslederner Gelehrsamkeit und durch Auftürmung verschiedener
dickbändiger Erziehungstheorien dazu gebracht war, neben seiner kleinen
Mutter sitzend, über den Tisch blicken zu können, jubelte mit, bis ihm
die Augen zufielen, und er auf meinem Sofa ein- und weiterschlief bis
elf Uhr, wo das Fest endete, die kleinen Gäste wieder in ihre Mäntel
krochen, mich für einen »gottvollen alten Herrn« erklärten, Röschen
küßten und nach einem vielstimmigen »gute Nacht« die Treppe
hinabtrippelten. Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe
höher (wozu ich leuchtete) und -- auch dieser Weihnachtsabend der
Sperlingsgasse war vorbei.
Am 1. Januar.
Neujahrstag! -- Ich habe einen Brief bekommen aus dem fernen Italien;
ein köstliches Neujahrsgeschenk. Er spricht von der alten dunkeln
Sperlingsgasse und Glück und Wiedersehen, und eine Frauenhand hat diese
feinen, zierlichen Buchstaben gekritzelt. Den Namen der Schreiberin
nenne ich aber noch nicht, sondern fahre in meinem Gedenkbuch fort, wozu
ich diesmal eine neue Mappe hervorsuchen muß.
So war ich denn allein mit der kleinen Elise, die unbewußt ihres
Waisentums und des unbehülflichen Pflegevaters, auf Marthas Schoß
tanzte, als ich auch von _dem_ Begräbnisse zurückkehrte in diese vor
kurzem noch so fröhliche, jetzt so öde Wohnung in Nr. Sieben der
Sperlingsgasse. Da stand -- es steht noch da -- auf dem Fenstertritt
Mariens kleines Nähtischchen mit unvollendeten Arbeiten, Zwirnknäulchen,
Nadeln und Bändern, wie sie es an _jenem_ Abend, über Kopfweh klagend,
verlassen hatte, um nicht wieder davor zu sitzen, nicht wieder durch die
Rosen- und Resedastöcke und das Efeugitter in die dunkle Gasse hinaus zu
sehen. Da waren noch allenthalben die Spuren ihrer zierlichen
Geschäftigkeit. Franz hatte die letzten drei Monate wie ein Argus über
ihre Erhaltung gewacht. -- Dort auf jenem Stuhl hing noch ihr Hütchen,
dort das Handkörbchen, welches sie bei ihren Einkäufen mit sich führte.
Im zweiten Fenster stand Franzens Staffelei; das vollendete Bild
Mariens, lächelnd, wie sie nur lächeln konnte, -- darauf lehnend. Seine
farbenbedeckte Palette hing daneben, seine Skizzenmappen und Rollen
lehnten und lagen allenthalben. Hinter der Tür hing sein zerdrückter
Biber, den wir so oft auf unsern Spaziergängen mit Blumen und
Laubgewinden umkränzten, und der Marien, seines jämmerlichen, manchen
sturmdurchlebten Aussehens wegen, ein solcher Dorn im Auge war.
Kein Fleckchen, kein Gerät ohne seine traurig süße Erinnerung.
Zerbrochenes Kinderspielzeug auf dem Boden ...... und ich allein mit dem
Kinde in dieser kleinen Welt eines verlornen Glücks, -- Erbe von so viel
Schmerz und Tränen und Verlassenheit!
Aber jetzt galt es zu handeln, nicht zu träumen. Ich mußte mich
aufraffen. Ich nahm der Wärterin das kleine Lischen aus den Armen, küßte
es und versprach mir leise dabei, dem Kinde meiner Freunde ein treuer
Helfer zu sein im Glück und Unglück, bei Nacht und bei Tage, und ich
glaube den Schwur gehalten zu haben. Das Kind sah mich mit seinen großen
blauen -- denen der Mutter so ähnlichen -- Augen lächelnd an, griff mit
beiden Händen mir in die Haare und begann lustig zu zausen, wobei die
alte Martha mit gefalteten Händen zusah. Martha war schon Mariens
Wärterin im Rektorhause zu Ulfelden gewesen, war mit ihr zur Stadt
gekommen und hatte sie nicht verlassen bis an ihren Tod.
Da meine Wohnung drüben in Nr. Elf zu beschränkt war, um die ganze
kleine Welt dahin überzusiedeln, so hielt ich zuerst mit Martha einen
Rat, dessen Resultat war, daß ich meine Bücher, Herbarien, Pfeifen und
unleserlichen Manuskripte nach Nr. Sieben herüber holte, worauf Martha
alles aufs beste einrichtete. Indem ich alle Liebe für die Eltern nun in
dem Kinde konzentrierte, hoffte ich, auf den Trümmern des
zusammengestürzten Glücks ein neues hervorblühen sehen zu können. Drüben
blieb die Wohnung nicht lange leer; mein dicker Freund, der Doktor
Wimmer, zog ein und spielte eine geraume Zeit den Haupthelden und
Faxenmacher der Sperlingsgasse.
Am 5. Januar.
Elise! -- So oft ich diesen Namen niederschreibe, klingt es wider in der
immer dunkler herabsinkenden Nacht meines Alters wie ein Kindermärchen,
wie Lerchenjubel und Nachtigallenklage, umgaukelt es mich so duftig, so
leicht, so elfenhaft ...... Elise, Elise, komm zurück! Sieh, ich bin alt
und einsam! Weißt du nicht, daß ich dich auf den Armen schaukelte, daß
ich über dir wachte in langen Nächten, wie nur eine Mutter über ihrem
Kinde wachen kann? -- Und aus weiter Ferne glaube ich oft eine zärtliche
wie Musik tönende Stimme zu vernehmen: Ich komme! ich komme! Geduld, nur
noch eine kurze Zeit!
Und ich warte und hoffe und fülle diese Blätter mit dem Namen meines
Kindes Elise.
So tauche denn auf aus dem Dunkel, du Idyll, bringe mit dir deine
Märchenwelt, dein Lächeln durch Tränen! Komm, mein kleines Herz; -- aus
den schweinsledernen Folianten lassen sich so hübsche Puppenstuben
bauen; schau einmal her, was für ein prächtiges Bett gibt mein
Papierkorb ab für die Jungfern Anna, Laura, Josephine und wie die
kleiegefüllten Donnen sonst heißen! Einen niedlichen goldgelben
Kanarienvogel schenke ich dir, wenn du nicht weinen willst und hübsch
herzhaft den Löffel voll brauner Medizin herunterschluckst! -- Weine
nicht, Liebchen, sieh wie der Efeu aus deiner Mutter Heimatswalde
Blättchen an Blättchen ansetzt und immer höher an der Fensterwand sich
emporrankt. Schau, wie der Sonnenschein hindurchzittert und auf dem
Fußboden tanzt und flimmert; es ist wie im grünen Wald -- Sonnenschein
und blauer Himmel! Du mußt aber auch lächeln!
Und wie der Efeu höher und höher emporsteigt, so wächst auch du, mein
kleines Lieb; schon umgeben ebenso feine lichtbraune Locken, wie die auf
jenem Bilde, dein Köpfchen. Wer hat dich gelehrt, dieses Köpfchen so
hinüber hängen zu lassen nach der linken Seite, wie _sie_ es tat?
Schüttle die Locken nicht so und gucke mich nicht so schelmisch an aus
deinen großen glänzenden Augen! Soll das ein R sein, dieses Ungetüm? O,
welch ein Klecks, Schriftstellerin! Welche Tintenverschwendung von den
Händen bis auf die Nasenspitze! Wie wird die alte Martha waschen müssen!
Du sagst: du habest nun genug Buchstaben gemalt, du müssest jetzt
hinunter in die Gasse; du meinst: sogar die Fliegen hielten es nicht
mehr aus in der Stube, du sähest wohl, wie sie mit den Köpfen gegen die
Scheiben stießen?!
Nun so lauf und fall nicht, Wildfang; ich sehe ein, wir müssen dich doch
wohl zu dem Herrn Roder in die Schule schicken, damit du das Stillsitzen
lernst.
Was ist das auf einmal für ein helles Stimmchen, welches drüben aus dem
Fenster meiner alten Wohnung in Nr. Elf ruft:
»Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! Ausgehen, ausgehen!«
Quält die kleine Hexe nicht schon wieder den Doktor der Philosophie
Heinrich Wimmer, der da drüben seine guten Leitartikel und schlechten
Romane schreibt? Wirklich, es ist so. Eine Baßstimme brummt herüber:
»Wachholder, 's ist ne absolute Unmöglichkeit, bei dem Heidenlärm, den
Euer Mädchen hier mit dem Buchdruckerjungen und dem Rezensenten --
(Rezensent heißt der Hund des Doktors, ein ehrbarer, schwarzer Pudel)
treibt, weiter zu schreiben. Ich bin mitten in einer der sentimentalsten
Phrasen abgeschnappt, -- die kleine Range ist aus Rand und Band, und
dabei grinst der Lümmel Fritze im Winkel und will Manuskript für die
morgende Nummer.«
»Schicken Sie doch das Mädchen fort, Doktor, und riegeln Sie Ihren
Musentempel hinter ihr zu!« lache ich hinüber.
»Dummes Zeug,« brummt der Doktor, der eine echte zeitungsschreibende
Bummelnatur ist, und dem die Störung durchaus nicht mißfällt. »Dummes
Zeug; ich schreibe >Fortsetzung folgt<, und wir führen die Dirne in
Schreiers Hunde- und Affenkomödie; der Rezensent hat's auch nötig, daß
seine ästhetische Bildung aufgefrischt werde, wie ein Pack verflucht
sonderbar riechender Zeitungsnummern in der Ecke zur Genüge beweist.
Machen Sie sich fertig, Verehrtester!«
Damit verschwindet der Doktor vom Fenster; ich höre drüben auf der
Treppe ein Getrappel kleiner Füßchen, und Lise erscheint, begleitet vom
Rezensenten, in der Haustür. Mit einem Satz ist sie über die Gasse,
ebenso schnell bei mir und im Handumdrehen fertig, wenn's sein müßte,
eine Reise um die Welt anzutreten.
Einige Minuten später stürzt Fritze, der Druckerjunge, aus der Tür von
Nummer Elf mit einem Blatt Papier, welches noch sehr naß zu sein
scheint, denn er trägt es gar vorsichtig und hält es mit beiden Händen
weit von sich ab. Jetzt erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse, den
österreichischen Landsturm pfeifend, die Zigarre im Munde und mit dem
Hakenstock sehr burschikose Fechterübungen gegen einen eingebildeten
Gegner machend. Er brüllt herauf:
»Wetter, edler Philosoph, lassen Sie die deutsche Presse nicht zu
unvernünftig lange warten.«
Halb gezogen von Lischen, halb umgeworfen vom Rezensenten, der wie es
scheint, seiner höheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht,
stolpere ich die Treppe hinunter, über Eimer und Besen, über Kinder und
Körbe. Aus allen Türen blicken alte und junge, männliche und weibliche
Köpfe, die alle der kleinen Lise Ralff freundlich zunicken. Und
wirklich, sie ist auch -- wie einst ihre Mutter, nur jetzt noch auf
andre Weise -- das bewegende Prinzip der ganzen Hausgenossenschaft. Auf
der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner Höhle auf und erhält
von der Lise Gruß und Handschlag, nicht aber vom Rezensenten, der den
Feuerarbeiter haßt, und, wie es so oft in der Welt geschieht, das
Werkzeug für die Ursache nimmt. Hat nicht Marquart auf hohe polizeiliche
Anordnung ihm, dem ehrbaren, soliden Rezensenten, dem Muster aller
Pudel, den Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete Schnauze
geschlossen? Wer verdenkt es dem braven Köter, wenn er wehmütigwütig vor
dem Keller den husarenfederbuschartig zugeschnittenen Schwanz zwischen
die Beine zieht und seitwärts schielend vorbeischleicht, »sich in die
Büsche schlägt« wie Seume und mein Freund Wimmer sagen? Und nun durch
die Gassen! Himmel, was sollen wir der Kleinen nicht alles versprochen
haben! Da eine »reizende« Gliederpuppe mit Wachsgesicht, an jenem Laden
wieder ein »wonniges« kleines Puppenservice von gemaltem Porzellan und
so fort, daß der Doktor ganz wehmütig den Hut auf die Seite schiebt und
sich hinter dem Ohr kratzt.
»Ja, gucke nur, Onkel Wimmer, hast Du nicht gesagt, Du wolltest mir
solch ein hübsches Kaffeegeschirr kaufen, wenn ich nicht wieder aus
Deinen alten, schmutzigen Schreibbüchern dem Rezensenten einen Federhut
machen wolle?«
»Denken Sie, Wachholder« -- sagt der Doktor zu mir -- »da hatte die
Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze
zwanzigste Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwähnten Zwecke
vermißbraucht! Denken Sie sich meine Verblüfftheit, als der Köter so
geschmückt aus seinem Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir
gegenüber springt und einen verachtenden Blick über den Schreibtisch und
die noch übrigen Bogen wirft, als wolle er sagen: Pah, aus dem andern
Schund machen wir eine ganz famose Jacke!«
»Kriege ich mein Geschirr?« ruft der kleine Verzug zwischen uns
ungeduldig.
»Ja,« sagte der Doktor gravitätisch; »mit der zweiten Auflage der
Flodoardine!«
»Ach,« mault die Kleine, wehmütig über diese dunkle, ihr unverständliche
Vertröstung, »ich sehe schon, Du hast wieder mal kein Geld!«
Lachend marschierte ich weiter, während der Doktor ebenfalls etwas
Unverständliches in den Bart brummte.
Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmückten Bude angekommen und
einen Augenblick darauf auch drinnen. Affen und Äffinnen, Hunde und
Hündinnen machten ihre Kunststücke, und die Bretter bedeuteten auch hier
eine Welt, und Affe und Äffin, Hund und Hündin betrugen sich wie
Menschen. Die kleine Elise jauchzte, und Rezensent starrte verwundert
seinen Stammesgenossen auf der Bühne zu. Er schien ganz perplex, und von
Zeit zu Zeit stieß er einen heulenden Laut aus, den der Doktor
verdolmetschte:
»Berichterstatter war außer sich vor Entzücken.«
Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das
bedeute:
»Berichterstatter war außer sich über die Insolenz eines so
unreifen Künstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum,
wie das unserer Residenz, zu erscheinen.«
Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hieß das:
»Diese junge Künstlerin verdient alle Ermunterung. Bei
fortgesetztem, fleißigem Studium verspricht sie etwas Großes zu
leisten.«
Gähnte der Köter, so sagte der Doktor:
»Berichterstatter rät dem Verfasser dieses geistvollen Stücks,
sein elendes Machwerk nicht für dramatische Poesie auszugeben.
Mit einer Tragödie hat es nichts gemein als fünf Akte!«
Als am Schluß der Vorstellung das große und kleine Publikum sich erhob
und Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer großen
Verpflichtung befreit, unter die Bank sprang, erklärte der Doktor, das
bedeute:
»Gottlob, daß die Geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch
mit Gemütsruhe eine Zigarre anzünden und zu Butter und Wagener am
Gänsemarkt gehen.«
Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu
sich empor und gab ihr -- wie sehr sie sich auch sträubte -- einen
tüchtigen Schmatz.
»Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues
Teeservice an,« sagte er lachend.
Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu sein, welcher von beiden
Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an
Wurstschelle und so weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach.
Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gänsemarkt. Wir kaufen
noch Obst von der alten Hökerfrau an der Ecke, und kehren glücklich --
das kleine Herz voll vom Affen Kätz mit der Laterne und dem Spitz
Hudiwudri, der lustigen Madame Pompadour und all den andern Wundern,
zurück in unsere Sperlingsgasse und schlafen, müde vom Gehen, Lachen und
Jubeln, schon beim Auskleiden ein.
Dann steigt der volle reine Mond über den Dächern auf. Der Abendwind
weht frischere Lüfte über die große Stadt. Der Lärm des Tages ist
vorbei; manche bedrückte Brust atmet leichter in der dämmerigen Kühle.
Mancher sehnige Mannesarm, welcher den Tag über den Hammer, das Beil,
die Feile regierte, legt sich sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm
neuen Mut im harten Kampf gegen die Materie gibt; manche harte Hände
heben kleine, schlaftrunkene Kindchen aus den ärmlichen Bettchen, um an
den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen zu saugen! Und
auch ich beuge mich dann über meine schlafende Pflegetochter, den
leisen, ruhigen Atemzügen der kleinen Brust lauschend, während die alte
Martha am Fußende des Bettes strickt.
Das Lockenköpfchen des Kindes liegt auf dem rechten Ärmchen, das
Gesichtchen ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen,
reinen Züge nicht sehen.
* * * * *
Da sieh! Plötzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das
Gesicht zu -- es murmelt etwas. »Mama!« flüstert es leise, und ein
heiliges, glückseliges Lächeln gleitet über das Gesichtchen.
Wer raunt der Waise das süße Wort zu? -- Die alte Martha hat die Hände
gefaltet und betet leise. -- »Mama, liebe, liebe Mama!« flüstert das
Kind wieder, das Ärmchen ausstreckend.
Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurück, über ihrem
Kinde zu schweben?
Dann fällt wohl ein Mondstrahl glänzend durch das Efeugitter auf das
Bild Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine
Wolke legt sich vor den Mond, der Strahl verschwindet, -- das Kind
versenkt, sich umdrehend, das Köpfchen wieder in die Kissen.
»Gute Nacht, Elise! ^Felicissima notte^, sagen sie in dem schönen
Italien, wo Du heute weilst, eine glückliche, liebende Frau:
^Felicissima notte^, Elise!«
Am 10. Januar.
Seit ich jene Mappe, überschrieben: Ein Kinderleben, -- hervorgenommen
habe, ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause
eingetreten. Es soll draußen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet
es, auch Rosalie ist nicht dagegen. Ich kann nicht sagen, daß ich viel
davon wüßte. In diesen vergilbten Blättern hier vor mir ist es sonniger
Frühling und blühender Sommer. Es macht mir Freude, mich darin zu
verlieren, und ich erzähle deshalb weiter.
Da ist so ein altes Blatt:
Wir sind sehr ungnädig. Ein alter, dicker, lächelnder Herr ist
dagewesen, hat uns den Puls gefühlt, noch mehr gelächelt, einigemal mit
seinem spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berührt, hat Tinte
und Papier gefordert und kurze Zeit auf einem länglichen
Papierstreifchen gekritzelt. Martha hat diesen Zettel darauf
fortgetragen, der Alte hat uns auf das Köpfchen geklopft und gesagt:
»Schwitzen, schwitzen!«
»Brr!« -- --
Mühe genug hat's dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen
strampelnden Wildfang zur Räson und ins Bett zu bringen. 'S ist auch
zuviel verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur
den Kopf frei zu haben. -- Himmel, was bringt Martha da für einen
kleinen braunen Kerl an! Er gleicht fast: dem Sem, dem Ham oder dem
Japhet aus dem Noahkasten, trägt ein rotes Mützchen über das Gesicht
gezogen und mit einem Faden umbunden, und schleppt hinter sich her einen
langen papiernen Zopf. Was ist's für ein Glück, daß wir noch nicht
imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:
Fräulein Elise Ralff.
Alle 2 St. einen Eßlöffel voll.
Wir sehen den Burschen aber doch mißtrauisch genug aus unserm Bettchen
an, und der Doktor Wimmer, der zur Hilfe herübergekommen ist (natürlich
begleitet vom Rezensenten), meint gegen mich gewandt:
»Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird's nicht abgehen. Das
Volk hat sich erkältet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen!
Schweiß und Blut! ^Probatum est.^«
Martha kommt nun mit einem Löffel, einem Glas Wasser und einem Stück
Zucker, während die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird, und
Rezensent immer gespannter auf die Entwicklung der Dinge zu warten
scheint.
»Ich mag nicht einnehmen!« wehklagt jetzt Lise, als ich dem Meister Sem
die rote Mütze abziehe -- »es schmeckt so scheußlich!«
»Aha,« lacht der Doktor Wimmer -- »die oktroyierte Verfassung!«
Während ich mich mit dem Löffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer
weiter zurückzieht, nähere, suche ich vergeblich alle möglichen Gründe
für das schnelle Herunterschlucken hervor.
»Gib's dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen!« ruft Lischen
endlich weinerlich.
»Ja, das ist auch wahr; kommen Sie, Onkel Wachholder! Der
Redaktionspudel soll's wenigstens kosten, damit die Lise sieht, daß es
den Hals nicht gilt.«
Und der Doktor nimmt, den Rücken der Kleinen zukehrend, den Köter
zwischen die Kniee, tut als ob er ihm einen Löffel voll Mixtur eingösse
und liebkost den Pudel dabei, daß dieser freudig aufspringt und lustig
bellt.
»Siehst Du, Jungfer, wie prächtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine
Donna! Frisch herunter! -- -- -- Eins! zwei! drei! und« ...
Herunter war's. Schnell das Glas Wasser und das Stück Zucker
dahinterher!
»Du häßlicher Hund!« sagt die Kleine ärgerlich, den Mund in dem Deckbett
abwischend, während die alte Martha sie fester wieder zudeckt.
Der Doktor geht nun zurück zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund
begleitet ihn diesesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem
Bettchen seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie
herab.
»Ja, gucke mich nur so an und lecke Deinen Schnurrbart,« sagt Lischen.
»Es schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem
Bette darf.«
Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich für ihn das Wort:
»Vielleicht freute sich das arme Tier nur, daß es nun auch bald wieder
gesund werden könne, es war doch ebenso naß geworden wie Du und hat
gewiß auch die ganze Nacht hindurch gehustet.«
»Nein,« sagte die Kleine, »er tat's nur, weil ich ihm meine Schürze über
den Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen
Schnurrbart leckt!«
Dagegen läßt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich
mit ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die
moralische Seite herauszukehren.
»Das war aber auch sehr unrecht von Dir, Elise! Was hatte Dir denn das
arme Tier getan? Eigentlich dürfte ich Dir nun die schöne Geschichte,
die ich weiß, gar nicht erzählen.«
»Wir wollen uns wieder vertragen,« sagt Elise wehmütig und nickt dem
Pudel zu. »Nicht wahr, Du?«
Glücklicherweise legt Rezensent gravitätisch seine schwarze Pfote auf
die Bettdecke, und so nehme ich den Frieden für geschlossen an.
»Gut denn, wenn Du hübsch artig und still liegen bleiben und weder
Händchen noch Füßchen hervorstrecken willst, so werde ich Dir eine
wunderbare Geschichte erzählen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.
Höre:
Es war einmal ein -- Küchenschrank: ein sehr vortrefflicher, alter,
ehrenfester Küchenschrank, und er stand und steht -- draußen in unserer
Küche, wo wir ihn uns morgen ansehen wollen! -- Er war fest
verschlossen, welches von zwei sehr wichtigen und angesehenen Personen,
die davor standen, für das einzige Übel an ihm erklärt wurde. Martha
hatte aber die Schlüssel in ihrer Tasche, und beide Personen, die ich
Dir sogleich näher beschreiben will, erklärten das einstimmig -- sie
waren sonst selten _einer_ Meinung -- für sehr unangenehm, sehr unrecht
und sehr Mißtrauen und Verachtung erregend.
Ich habe schon gesagt, daß beide davor sitzende Personen von großem
Ansehen und Gewicht waren, sowohl in der Küche wie auf dem Hofe und dem
Boden. Beide machten sich oft nützlich, oft aber auch sehr unnütz. Jede
hatte ein Amt zu verwalten und verwaltete es auch -- das war ihre
Pflicht; jede mischte sich aber auch nur zu gern in Dinge, die sie
durchaus nichts angingen, und das -- war sehr unartig. Vor dem
Küchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick durchaus
nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter,
guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor!
Die eine dieser Personen war mit einem schönen weißen Pelz bekleidet,
einen kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnäschen und schritt ganz
leise, leise auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schönen,
langen, spitzen Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem
Augenblick heftig hin und her, denn sie ärgerte sich eben sehr und zwar
über drei Dinge:
erstens: über den verschlossenen Schrank,
zweitens: über die andre Person,
drittens: über sich selbst.