»So is nix, Deandl. Da muaß ma beinand hocka.«

»Ja freili!«

»Herrgottsakrament! Geh, tua net so lang umanand und laß mi eini! Du

hast ma's ja vasprocha.«

»Dös hab i Dir net vasprocha.«

»No, balst net willst, nacha konn i aa nix macha. I ho ma denkt, Du

bist a Madl, de wo ihr Wort halt. Balst Du a solchene bist, und 's Wort

brichst, dös hätt' i net glaabt vo Dir. Dös is net schö.«

»I hob Dir gar nix vasprocha.«

»Jo! G'wiß is wahr. Deandl, i tat's net sag'n, bal's net a so waar.

Lüag'n, dös gibt's net bei mir. Durchaus net. Da kennst mi schlecht.«

»Ja, und wann i Di einalaß, nacha woaß i's scho.«

»I tua Dir nix; g'wiß net. I rühr Di net o.«

»Is dös wahr?«

»No, wann i's amol sag.«

»Nacha wart a bissei, i kimm glei oba.«

»Is scho recht. Tummel Di a wengl, Deanei.«

Die Sennerin trat vom Fenster zurück, und der Anderl schob den Hut in

den Nacken und pfiff leise vor sich hin.

»I hab mir's do glei denkt.«

Jetzt wurde die Türe zögernd geöffnet; Anderl half nach und schlang

eine Minute später seinen Arm um das vollbusige Frauenzimmer.

»O'schaug'n derfst mi net, Anderl! I hab grad an Unterkittel o.«

»Na, na! I schaug di net o. Geh' ma'r aufi; daherunten kunnt's da

z'kalt sei, und droben, da könna ma leichter dischkrieren.«

Sie stiegen die hölzerne Stiege hinauf und es war oben leichter zu

diskurieren.

Die Stunden vergingen.

Volles Mondlicht lag auf den Bergwiesen; auch in die Kammer der

Sennerin stahlen sich die hellen Strahlen.

Aber die zwei achteten nicht darauf.

»Magst mei Schatz bleib'n, Anderl?«

»Freili mag i.«

»Ja, dös sagst jetzt, und morgen denkst nimma dro.«

»Wia ko'st dös glaab'n, Deandl?«

»Oes Jaga seid's alle so.«

»De andern vielleicht; aba i net.«

»Kimmst nacha oft zu mir aufa?«

»So oft als 's geht. Am liabsten jeden Tag.«

Sie schwiegen wieder.

Draußen rauschte der Brunnen; sonst tiefe Stille.

Auch der Bergwind hatte ausgesetzt, und schweigend stand der Wald wie

eine dunkle Mauer hinter den hell beleuchteten Matten.

Da!

Ein scharfer Knall und rollender Donner die Berge entlang.

»Herrgottsackerament! A Schuß! Dös war a Schuß!«

Im Nu stand Anderl auf den Füßen.

»Wo is mei Büchs? Wo hab' i's denn?«

Das Mädel richtete sich erschrocken auf.

»Was hast denn?«

»Hast as net g'hört, g'schossen hat's. Und i bin do herin! Mei Büchs

will i.«

»De hast ja drunt lassen.«

»Nacha muaß i abi! Wo is denn d'Stiag'n? G'schwind, sag i!«

»Oho! Pressiert's denn gar a so? Sagst ma net amal pfüat Good?«

»I ho koa Zeit. An andersmal.«

Rasch war er unten, riß die Türe auf und faßte nach dem Gewehr.

Dann eilte er in mächtigen Sprüngen über die Wiese, so schnell es ging,

in das Hochholz.

Im Dunkeln ging es weiter; immer bergab.

Dort stand die Fichte, unter der er gesessen war.

Aber es war nicht ratsam, über die freie Wiese zu laufen. In dem Lichte

konnte er weithin gesehen werden. Von den Lumpen, oder auch vom alten

Sprengelsperger.

Und der sollte es doch nicht wissen, daß er vom Posten gegangen war,

wegen dem Weibsbild.

Er umging den Platz und pürschte von unten im Schatten herauf.

Da rührte sich etwas neben dem Baume. Der Anderl stutzte einen

Augenblick und schlich näher.

Das war ja der Pürschei! Und der Sprengelsperger stand unter der Fichte.

Der Alte sagte mit leiser Stimme: »Jetzt kimmst daher? Wo warst denn

Du?«

»I bin a bissei da abi pürscht,« antwortete Anderl.

»Pst! Staad sei! Hast den Schuß net g'hört?«

»Freili, deswegen bin i glei wieder aufa.«

Der Alte sah den Anderl prüfend an; er glaubte ihm die Ausrede nicht,

aber es war nicht Zeit, darüber zu reden.

»Der Schuß is am Buachwieser Eck g'fallen. Mir müassen umi. Wenn'st net

wegg'laffen warst, kunnt'n ma scho bald drent sei.«

* * * * *

Hälftewegs zwischen Ehrwald und Griesen liegt die Schanz; ein gutes

Wirtshaus, bei dem alle Fuhrleute anhalten. Es war daher nichts

Auffallendes, daß der Schreinermeister Holzweber den Feiertag benützte,

um dort einen Schoppen Landwein zu trinken. Er saß im Freien mit

anderen Honoratioren aus Ehrwald, redete anständig und gesetzt von

allerlei Dingen und lobte auch den schönen Abend.

Zwischenhinein fragte er seinen Nachbar: »Du, Seppel, wer isch der

selle Grenzaufseher, der dort sitzt?«

»Der? Des ischt ein neuer; Redenbacher oder so heißt 'r. Er ischt no

nit lang in Griesen.«

»So? I han mir's denkt, daß er neu ischt, weil i 'n no gar nie g'wahrt

hab.«

Er sagte es recht gleichgültig und redete wieder von etwas anderem.

Nach kurzer Zeit meinte er, es sei nun spät geworden, und er wolle

sich auf den Heimweg machen. Er bezahlte seine Zeche und ging gegen

Ehrwald zu. Aber nur so lange, bis ihn eine Biegung des Weges den

Blicken der Wirtshausgäste entzog. Da blieb er stehen und sah sich

vorsichtig um. Als er weit und breit niemand sah, ging er von der

Straße ab in den Wald hinein. Hinter einem Gebüsche machte er wieder

Halt und hielt Ausschau.

Jetzt war er überzeugt, daß ihm niemand nachgegangen war; er schritt

rüstig bergauf und kam bald an eine Waldlichtung, in deren Mitte eine

alte Lärche stand.

Er hielt die Hand an den Mund und ahmte den Taubenruf nach. Von drüben

kam Antwort, dreimal in langgezogenen Tönen, und Holzweber nickte

befriedigt mit dem Kopfe.

Er trat in die Lichtung hinaus und stand gleich darauf bei seinen

Kameraden Josef und Kaspar Gfeiler.

»So isch recht,« sagte er, »ihr seid's pünktlich g'west. Jetzt wart'n

mir no auf'n Peter; der hat no mit dem Redenbacher z' reden.«

Es dauerte nicht lange, dann kam auch Peter Hosp und brachte Nachricht

von dem Grenzaufseher.

»Also, die Jäger sein heut am Sunkerberg oder am Schell-Eck; alle

drei.«

»Woher weiß der Redenbacher?« fragte Holzweber.

»Er hat's mit eigene Ohren g'hört, wie der Förschter mit'm Praxenthaler

g'red't hat. Er hat woltern g'flucht über die Lumpen, weil s' ihm unter

der roten Wand a Gambs g'schossen haben, und er vermeint, daß mir

wiederkommen.«

»Vielleicht hat er's bloß g'sagt; i kann's nit recht glauben, daß alle

drei dort sein.«

»Es isch a so, Jakele. Der Redenbacher hat guat achtgeben und hat

g'wahrt, wie der Sprengelsperger und der jung Hohenreiner hinter sein.

Er hat no a zwei Schtund g'wartet, bis der Förschter selber fort isch.

Und er isch links nüber am Nudelwald; genau wie er's an Praxenthaler

ang'sagt hat.«

Der Holzweber zweifelte noch immer.

»Der Förschter hat do nix g'merkt, daß ihm der Redenbacher abpaßt?«

fragte er.

»Sell isch do gar nit menschenmöglich,« versicherte der Jakele eifrig,

»der Redenbacher sagt, daß der Förschter ganz vertraut ischt mit ihm.

Und nachher, er hat ja gar nit g'wußt, daß der Redenbacher alles hört;

sell war grad unter'm Fenschter, und er hat no recht heimli g'redt

mit'n Praxenthaler.«

»Und die zwei andere hat 'r auch g'sehen?«

»Ja; sie sein schnurgrad am Sunkenberg hinter; sie können nirgends

anderscht hin sein.«

»Also guet!« sagte der Holzweber, »nachher probieren mir's heut am

Miesing; i weiß an gueten Platz und find an Weg bei der Nacht. Mir

müessen zwei Schtund gehen; es isch jetzt acht; bis zehn sein mir g'wiß

dort. I schtell Euch an und geh hernach von hint aufer; da komm i mit'n

schlechten Wind runter und mach di Hirsch geh'n. Ihr habt a leicht's

Schiaßen; es isch a freie Wies da, und 's Mondlicht wird hell.«

»So isch guet, Jakele,« sagte Hosp.

»Und es werd uns scho wieder recht nausgeh,« fügte Kaspar hinzu, »i

hab a Wallfahrt zur Muetter Gottes von Hinterriß verschprochen und der

Pater Benno hat mir a g'weihtes Bild mitgeben; das hilft gegen Pulver

und Blei. I trag's alleweil bei mir, wenn grad wirkli amal a Jager

kemmen tät.«

So machten sie sich auf den Weg über den Scharberg gegen den Miesing zu.

Holzweber führte, denn er kannte alle Steige von Jugend auf und fand

sich im Dunkeln zurecht.

Er ging schnurgerade auf die Stelle zu, wo er in einem hohlen Baume

sein Gewehr versteckt hatte, und mit derselben Sicherheit fand er die

Schießwaffen seiner Gefährten.

Er hatte die Schuhe ausgezogen und schlich wie eine Wildkatze durch den

Bergwald; kaum einmal knackte ein dürrer Ast unter seinen Füßen.

Als sie nach ermüdender Wanderung ankamen, wiederholte er flüsternd

seinen Plan und stellte jeden an seinen Platz.

»Schieß nit zu früh, Kaschper,« sagte er, »und tu g'nau, was i Dir sag.

Wann Du nit folgst, kannst uns no alle ins Unglück bringen.«

Als die drei auf ihren Posten standen, pürschte er zurück.

Es war spät geworden.

Ueber dem Zimmerskopfe lag schon ein heller Schein und bald schob sich

in majestätischer Ruhe die Scheibe des Mondes über die Felsen herauf.

Silbernes Licht fiel auf die Almwiese und schob die Dunkelheit zurück,

immer weiter, bis sie an den hochragenden Fichten hängen blieb.

Und so still war es, wie in der Kirche; so still, daß der Gfeiler

Kaspar schon von weitem den Hirsch trappen hörte und sich zum Schusse

bereit machen konnte.

Auf zwei Zimmerlängen kam er ihm, blieb stehen und sicherte nach

rückwärts.

Kaspar hatte das Gewehr an der Backe und zielte.

Es schießt sich verdammt schwer im Mondlicht. Einmal sieht man das

Korn, einmal nicht.

Neben dem Hirsche glitzerte ein heller Fleck. Ein Wassertümpel.

Auf den zielte er und schaute sich das Visier zusammen; jetzt ein wenig

höher und rechts fahren.

Das muß woltern das Wildbret sein.

Pum!

Dem Schützen gab es eine Ohrfeige, und der Hirsch brach zusammen; hob

schwerfällig den Grind und brach wieder zusammen.

Da zeigte es sich, daß Kaspar ein dummer Kerl war, der im Eifer

allemal die Lehren des Herrn Schreinermeister Holzweber vergaß.

In seiner Freude über den Schuß trat er auf die Wiese heraus und ging

auf das verwundete Stück zu.

Er meinte wohl, das bleibe so liegen und er könnte es recht mit

Vergnügen betrachten.

Aber wie ihn der Hirsch sah, nahm er die letzte Kraft zusammen, raffte

sich auf und sprang in wilden Sätzen den Hang hinunter.

Im Augenblicke nahm ihn der Wald in seinen Schutz auf; man hörte Aeste

krachen, Steine poltern; dann war es ruhig.

Da stand jetzt der Kaspar Gfeiler und schaute. Und wäre er nicht ein

gottesfürchtiger Tiroler gewesen, hätte er wohl abscheulich geflucht.

Sein Bruder und der Peter waren schnell bei ihm und sagten ihre Meinung

ohne Ehrfurcht.

Was war jetzt zu machen?

Auf alle Fälle warten, bis der Jakele kam.

»Sell hascht wieder amol sauber angangen; a so a Malefizpatzerei! Der

Hirsch hat unser g'hört, wenn D' no grad a Viertelstund auf'm Schtand

blieben wärscht!«

Der Holzweber hatte sich leise herangepürscht.

»Was isch?«

»Der Kaschper hat ...«

»Nit so laut! Und geht von der Wies' weg! Ihr schtellt Euch grad ins

Licht.«

Sie traten in den Schatten zurück, und Peter erzählte leise den Hergang.

»I kenn Di ja, Kaschper,« sagte Holzweber, »i weiß, wie D' as alleweil

machscht! Sell weiß i ja schon lang. Nit acht geben, nit Zeit lassen!«

»Was tun mir jetzt, Jakele?« fragte Hosp.

»Ja, was tun mir jetzt? Des Allerbescht wär', mir geh'n heim.«

»Aber mir lassen do den Hirsch nit hint!« sagte Kaspar.

»Wärscht ihm halt völlig nachg'laufen; vielleicht hätt'scht ihn

derwischt. Bei der Nacht können mir ihn doch nit suchen!«

»Weit kann er nit sein.«

»Weit oder nah, sell isch gleich. Mir können nix machen.«

Der Gfeiler Josef kam seinem Bruder zu Hilfe.

»I mein,« sagte er, »mir warten, bis es hell wird. In aller Früh können

mir den Hirsch noch suachen.«

»Sell isch ganz g'fährlich,« erwiderte Holzweber, »wenn die Jäger den

Schuß g'hört haben, gehen s' ihm nach, und mir laufen ihnen grad in

d'Händ'.«

»Den Schuß haben sie nit g'hört; sie sein zu weit weg.«

»Sell weiß man nit.«

»Jakele, ganz leer sollen mir nit heim,« riet jetzt auch Hosp, »mir

können noch bei der Dämmerung den Hirsch suachen. I sag, mir haben ihn

schnell; aft brechen mir ihn auf und verschtecken ihn, und holen ihn

morgen bei der Nacht.«

Holzweber gab nach, wenn auch mit Widerstreben. Er sagte immer wieder,

daß solche Wagnisse zur Entdeckung führten, und daß ihn sein Vater oft

und oft davor gewarnt habe, anders als bei Nacht zu wildern.

Seine Kameraden blieben fest, und er wußte, daß sie ohne seinen

Beistand wenig ausrichten würden.

Zuletzt reizte ihn auch der erhoffe Gewinn, und er blieb bei den andern.

Sie gingen tiefer in das Holz hinein und warteten unter einer mächtigen

Rottanne auf das Tagesgrauen.

Allmählich lichtete sich das dunkle Blau des Himmels, und die

flimmernden Lichter erloschen. Ein Flüstern ging durch die Baumkronen,

das stärker und stärker wurde und bald in volles Rauschen überging.

Ueber den Höhen tauchte der Morgenstern auf und zitterte heftig, als

machte ihn der frische Bergwind frösteln.

Eine Amsel pfiff.

Da stand der Holzweber auf und sagte, es wäre so weit, daß man

aufbrechen dürfte. Er schlich vorsichtig an den Waldrand vor und spähte

über die Wiese hinaus.

Nichts regte sich.

Er wandte den Kopf und schaute die Felsen hinauf.

Ein Stein polterte herunter und fiel mit dumpfem Schlage auf. Der

Holzweber blickte schärfer hin und gewahrte unter den Latschen einen

hellgelben Fleck.

Eine Gambs.

Und er sah auch, wie sich hoch oben auf die Wände des Wettersteins ein

leichter Schimmer legte, und wie sich der Schleier von den Felszacken

löste und langsam heruntersenkte.

Es war Zeit!

Also auf!

Seine Kameraden waren gerne bereit, zu gehen. Der Kaspar hauchte in die

Hände und steckte sie in die Hosentaschen; der Peter hob einen Fuß um

den andern in die Höhe, und der Seppel machte es ihm nach.

Es war ein frischer Morgen, und aus dem feuchten Waldmoos stieg es kalt

herauf.

»Mir bleiben beinander, und i geh voran,« sagte der Holzweber, »wo is

der Hirsch nei?«

»Sell unten, wo der Wald das Eck macht,« erwiderte Kaspar.

»Aft ist er eh'nder wie nit in Scharer Graben rei,« entschied

Holzweber und ging rüstig voraus.

Nach einiger Zeit blieb er stehen und deutete auf den Boden.

Richtig, da war eine Hirschfährte; und dort wieder.

Plötzlich kniete Holzweber nieder und bog mit der Hand einen Büschel

Farrenkraut zurück.

Schwerer Tau lag auf den zierlichen Blättern, aber dazwischen tauchten

rote Flecken auf, erst spärlich, dann reichlicher, und zuletzt zeigte

Holzweber den andern schmunzelnd ein Blatt, das über und über mit Blut

bespritzt war.

»Er hat woltern stark g'schweißt«, sagte er, »und muaß bald hergeh'n.«

Sie gingen weiter und kamen an einen langgestreckten Graben, der eine

Tiefe von etwa hundert Schuh hatte.

Die ziemlich abschüssigen Wände waren mit Steinen bedeckt, zwischen

denen der Huflattich seine Blätter ausbreitete.

Sie stiegen hinunter; Holzweber voran, die Blicke aufmerksam auf den

Boden gerichtet.

Mit einem Mal fuhr er auf, blieb kerzengerade stehen und lauschte.

»Was hoscht denn?« fragte Kaspar, der ihm zunächst folgte.

»Pst!« machte Jakele und sah ängstlich auf die andere Seite des Grabens

hinüber.

Was war das für ein Geräusch gewesen?

Ein klingender Ton; wie Eisen auf Stein. Als wenn einer mit dem

Bergstocke aufstößt.

Es rührte sich nichts.

»Geh do amol zua!« drängte Kaspar, »es isch ja nix!«

Holzweber wollte es glauben; er warf noch einen scharfen Blick hinüber,

dann stieg er weiter abwärts, fünf, sechs Schritte.

Aber er war unruhig geworden und schaute wieder zurück.

Rührte sich nicht ein Tannenboschen? Dort, wo das Jungholz an den Rand

des Grabens heranging?

Und wohl rührte es sich; recht heftig mit einem Mal.

Ein alter Kerl stand drüben, mit blitzenden Augen, das Gewehr im

Anschlag; und daneben noch einer.

Eine wütende Stimme.

»Halt! oder i schiaß!«

Das ging ans Leben.

In mächtigen Sätzen sprang Holzweber abwärts; die andern hinterdrein.

Jetzt waren sie unten.

Zwanzig Schritte entfernt stand eine Fichte; die erste Deckung.

Ohne Besinnen eilte Jakele darauf zu; dicht neben ihm Kaspar.

Die anderen zwei flüchteten aufwärts.

Ein Schuß krachte.

Der Gfeiler Sepp hörte ihn nicht mehr. Er fiel vorneüber auf das

Gesicht, schlug mit den Armen ein paarmal um sich und blieb regungslos

liegen.

* * * * *

Sprengelsperger und Anderl waren so schnell, als es die Vorsicht

erlaubte, an das Buchwieser Eck geeilt und standen bald an der

Waldwiese, auf welcher Kaspar den Hirsch geschossen hatte. Wären sie

eine Viertelstunde früher angelangt, so hätten sie mit den Tirolern

zusammentreffen müssen; jetzt war es zu spät.

»Am End' is da Schuß gar net da g'fallen,« sagte Anderl; »mir is a so

fürkemma, als ob's weita weg g'wen waar. Es ko' Di halt täuscht ham,

Lenz.«

»Na, na, mei Liaba,« erwiderte Sprengelsperger, »do gibt's koa

Täuschung. Der Schuß is do g'wen, und es is aa gar net anderst mögli.

De Lumpen könna beim Mondliacht bloß auf an freien Platz schiaßen; im

Holz drin geht's net. Und von do bis zu da Kohlhütten hintri is koa

Wiesen mehr. Also hamm s' do g'schossen. I ho's aa so deutli g'hört,

daß koan Zweifi net gibt.«

»Nacha san ma z'spat kemma, Lenz.«

»Des sell woaß ma no net.«

»I moa do scho, wann d'Lumpen nimma da san.«

»Laß Da no Zeit, und red staader. De Spitzbuam könna vielleicht

z'nachst do sei.«

»Oder aa net.«

»Oder aa net, des is richti. Jetzt laß mi aba a wengl b'sinna, was ma

am g'scheitesten tean.«

Beide schwiegen und sahen auf die mondbeglänzte Wiese hinaus.

Nach einer Weile sagte Sprengelsperger:

»Anderl, jetzt woaß i's. Mir gengan in Scharergraben hintri.«

»Für was denn? Wann ma passen, nacha is do g'scheiter, mir bleib'n do,

wo ma'r alles seh'gn könna, wenn si was rührt.«

»Na, sag i, dös hat gar koan Wert net,« erwiderte der Alte

entschlossen. »De G'schicht is so. I glaab net, daß de Lumpen auf a

Reh g'schossen hamm; da is eahna da Platz z'guat, weil s' an Hirsch aa

leicht kriag'n. Bal's aba an Hirsch hamm, nachha san s' no net weit.

Als a ganzer bringa s' 'n net hoam, den müassen s' allawei z'legen, und

dös geht net so schnell, do könna ma'r eahna no leicht d'Reib o'lassen,

und über'n Scharer Graben müassen s' kemma. De gengan do mit dem

schwaren Wildpret an nächsten Weg und steig'n net z'erscht no a Stunden

weit auf'n Berg aufi. Und z' fürchten hamm s' eahna herunt aa net mehra

als wia drob'n. Bal's aba wirkli so waar, daß s' a Reh g'schossen hamm,

nacha san s' no net hoam. Dös g'langt eahna net; do san s' no weita ins

Revier eina. Und grad so is, wann s' vielleicht g'feit hamm; dös kunnt

ja aa sei. Also i sag, über'n Scharer Graben kemman s' uns allawei,

oder i müaßt schon gar nix vasteh.«

Der Anderl mußte ihm recht geben.

Sie gingen eine Strecke zurück, denn Sprengelsperger war der Ansicht,

daß sie Zeit genug hätten, und daß sie einen größeren Umweg machen

müßten, um ja nicht gehört zu werden.

Im weiten Bogen umgingen sie das Buchwieser Eck und kamen an den

Scharer Graben. Schritt für Schritt stiegen sie abwärts und gaben wohl

acht, daß sie nicht in das Mondlicht hinaus traten.

Als sie auf der gegenüberliegenden Seite die Höhe wieder erreicht

hatten und den Graben entlang schlichen, rumpelte unter ihnen ein Wild

auf und sprang weg.

Die Jäger blieben stehen und horchten.

Sie hörten die dumpfen Tritte; kurze Zeit, dann war es still.

»Es is net aufwärts,« flüsterte Sprengelsperger, »und muaß si scho

wieder niederto hamm. Jetza moan i, kemma ma de Lumpen auf d'Spur.«

Sie pürschten vorwärts, so zweihundert Schritte.

Und wieder hörten sie deutlich, wie unten im Graben das Wild wegsprang.

»Jetzt is de G'schicht oafacher wor'n,« sagte Sprengelsperger, »des

hamm de Lumpen o'gflickt. Jetz wissen ma's g'wiß.«

Er hatte recht. Es war der Hirsch, den Kaspar angeschossen hatte.

»Soll ma glei do bleiben?« fragte Anderl.

»Na, mir gengan an Büchsenschuß weiter z'ruck, bis zu'n Jungholz. Da

hamm ma'r a guate Deckung.«

»Moanst, daß s' ins kemman?«

»G'wiß aa no. De Tropfen suachen des Stückl, und bal s' auf der Spur

nachgengan, lassen s' ins schnurgrad ani.«

Sie versteckten sich im Dickicht und saßen hart am Rande des Grabens

auf Baumstöcken. Von ihrem Platz aus hatten sie einen guten Ausblick

nach links und rechts; sie selbst waren durch ein paar junge Fichten

gedeckt.

Sie horchten schweigend in die Nacht hinaus; hie und da ertönte der

klagende Ruf einer Eule; sonst war nichts zu hören, als der tiefe

Atemzug des Waldes.

Anderl kämpfte mit dem Schlafe; er war am frühen Morgen zur Pürsche

hinaus, war den ganzen Tag herumgelaufen, und hatte obendrein seinen

Besuch auf der Buchwieser Alm gemacht.

Jetzt packte ihn die Müdigkeit, und so oft er sich auch zusammenriß,

der Kopf sank immer tiefer herunter, und die Augen fielen ihm zu.

Und dann sah er freundliche Bilder.

Den Sechserbock im Frühlicht, der stattlich über die Schneise

herüberwechselte; ein kapitaler Kerl.

Und das Weibsbild mit den lustigen Augen. Wie sie den Riegel

zurückschob und gleich so vertraut war.

»Jetzt muaßt aba mei Schatz wer'n, Anderl, gelt?«

Und eine Hand faßte nach der seinen; er wollte sie zärtlich drücken.

Aber das waren harte, knochige Finger. Er fuhr auf und sah den

Sprengelsperger neben sich, der ihn geweckt hatte.

Der Morgen brach an.

Anderl setzte sich gerade und rieb sich die Augen. Er wollte in seiner

Verlegenheit etwas sagen, aber bei der ersten Silbe warf ihm der Alte

einen grimmigen Blick zu und legte den Finger auf den Mund.

Dann beugte er sich vor und horchte.

Kam jemand?

Nein.

Und doch!

Da krachte wieder ein dürrer Ast; eine Krähe flatterte auf und flog

kreischend davon.

Und drüben trat ein Mensch aus dem Hochholze heraus, ein Gewehr in der

linken Hand, vorsichtig nach allen Seiten hinspähend.

Hinter ihm -- einer -- zwei -- drei.

Herrgottsackerament!

Vier Lumpen, und nicht weiter weg wie achtzig Schritt!

Der vorderste stieg jetzt in den Graben herein.

Sprengelsperger spannte ruhig den Hahn und fuhr langsam auf.

Anderl griff hastiger nach seinem Gewehr; der Bergstock rutschte aus

und stieß mit der eisernen Spitze an einen Stein.

Wie vom Blitz getroffen blieb der vorderste Wilderer stehen und sah

herüber; die zwei Jäger rührten sich nicht. Da ging er weiter, und die

anderen folgten.

Sprengelsperger und Anderl standen auf, jeder die Büchse im Anschlag.

Und der Alte schrie:

»Halt oder i schiaß!«

Teufel! Wie es die Tiroler zusammenriß! Wie sie hinuntersprangen! Und

drunten erst eine wilde Jagd! Die einen geradeaus, die andern den

Graben hinauf.

Anderl ließ die Büchse sinken. Sollte er schießen? Er schaute den

Sprengelsperger an. Der stand im Anschlage und zielte. Da blitzte es

auf, und einer von den Lumpen stürzte im Feuer zusammen.

Sprengelsperger setzte ruhig ab und sagte: »Den hat's g'wiß. Grad

am Rucksackbutzen is ma da Schuß brochen. Warum hast denn Du net

g'schossen?«

»Ja, i ho ma denkt ... i woaß net, weil s' davo g'loffen san.«

»Waar net schad' g'wen, bal no oaner hi g'wen waar. Aber jetzt is a so

aa recht,« sagte der Alte, und keine Miene an ihm verriet Erregung.

»Soll'n ma net abi zu dem Kerl?« fragte Anderl.

»Freili! Daß oaner aus'n Dickat rausschiaßt auf ins! Na, mei Liaba, den

laß ma flacken; weh tuat eahm aa so nix mehr. Mir gengan z'ruck. I muaß

auf d' Buachwieser Alm, wia's Dei Vata o'gschafft hat, und Du muaßt

glei hoam und auf Garmisch eini schicken, daß a Kommission kimmt.«

»Ja, i kunnt aa 'r auf d' Buachwieser Alm, balst Du vielleicht liaba

hoamgangst,« erwiderte Anderl.

»I dank Dir recht schö, aba so is g'scheiter; Dei Muatta werd a so a

bissel Angst hamm und is froh, bal s' Di siecht. Und i möcht Dein Vata

die Meldung glei selm macha,« sagte der Alte.

Sie kehrten um und gingen in guter Deckung zurück.

Nach einiger Zeit trennten sie sich; Anderl ging bergab gegen Griesen

zu.

Der Sprengelsperger sah ihm nach und stopfte sich eine Pfeife.

»Auf da Buachwieser Alm muaß er was hamm,« brummte er, »heut nacht moan

i, is er aa drent g'wen.«

Er stieg langsam bergauf, und seine Gedanken wandten sich dem letzten

Vorfalle zu.

Aber es waren nicht etwa Gewissensbisse, die sich in ihm regten. Er

war durchaus zufrieden damit, daß einer von den dreimal verdammten

Spitzbuben ins Gras gebissen hatte; er hätte es jetzt nicht anders

gemacht.

Er überlegte nur, ob nicht etwa die Herren vom Gericht sich über den

Schuß Gedanken machen würden, weil der Lump von hinten geschossen war.

Aber es konnte nicht schief gehen.

Wenn vier beinander sind, kann man nicht warten, bis sie in Sicherheit

sind und dann vielleicht den Stiel umkehren.

Und nicht einer hatte das Gewehr weggeworfen.

»Feit si nix,« sagte der Sprengelsperger und ging auf die Buchwieser

Alm zu.

Es war noch früh, aber die Sennerin war schon auf.

Als der Alte sie sah, stieß er einen leisen Pfiff aus und drückte das

linke Auge zu.

»Dös is ja de, wo ma gestern g'sehg'n hamm. Aha! Jetzt woaß i, wo der

Schlauberger g'wen is.«

Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten · 第 7 / 8 段