flogen, einmal rechts, einmal links, und der Anderl rief ihr nach:
»Laß mi net z'lang warten bei der Nacht! Es is no kalt.«
Und sie antwortete mit einem fröhlichen Lachen.
Jetzt machte der Anderl kehrt und eilte dem Sprengelsperger nach.
Den hatte die Begegnung nicht gestört in seinen Gedanken; er zog noch
grimmig an seiner Pfeife und sagte nach einiger Zeit:
»Oan leg' i um von dena Herrgottsaggerament. Dös woaß i g'wiß.«
Der Anderl hörte es nicht; er dachte an etwas anderes.
»Schön hoch is am Berg, und eb'n is am Land, Und a almerisch Deandl hat
Holz bei der Wand.«
»Dös hot's aber aa,« wiederholte er in Gedanken, und griff mit seinen
langen Beinen aus.
Da schimmerte rechts vom Wege etwas Weißes aus dem Walde heraus. Es war
das Forsthaus Griesen, welches außen so freundlich und sauber erschien
wie innen.
Hier grüßte von allen Wänden des edle Weidwerk. Im Hausflur der
Gewehrrahmen mit einer stattlichen Reihe von Büchsen; daneben
Schneereifen, Tellereisen und Entenfallen; in den Zimmern hing ein
Hirschgeweih neben dem andern; dazwischen Rehgewichtel und Gamskrikeln,
die meisten gut; nur selten ein geringes darunter.
Ausnehmend behaglich war die Wohnstube. Der gescheuerte Tisch, die
kleinen schneeweißen Vorhänge gaben der Frau Förster kein schlechteres
Zeugnis als die wohlgepflegten Blumenstöcke an den Fenstern.
Doch wer ihr Schaffen recht würdigen wollte, mußte in die Küche gehen
und das blinkende Geschirr sehen.
Da hing alles am rechten Platze, Kessel und Pfannen, und vor dem
reinlichen Herde stand eine kleine Frau, aus deren Gesichte ein Paar
blanke ehrliche Augen sahen.
Die Haare waren schon grau, aber die flinken Hände ließen nicht an
Alter und Gebrechlichkeit denken.
Es war ihr gut zusehen beim Arbeiten; und das mochte auch der Herr
Förster denken, welcher breitbeinig unter der Türe stand und die Hände
hinter dem Rücken zusammenlegte.
Er hatte eine behagliche Müdigkeit und einen scharfen Hunger
heimgebracht.
»So is recht, Muatta,« sagte er aufmunternd, »koch ma no an großen
Teller voll Voressen; i wer scho firti damit.«
»Kimmt der Anderl net hoam?« fragte seine Frau entgegen.
»I denk wohl. An Schuß hab i aa g'hört. Dös muaß er g'wesen sei. Ach,
do is er scho.«
»No, was is?« wandte er sich an den Anderl, der eben eintrat und Hut
und Büchse an den Rahmen hing.
»Grüaß Gott, Vata! A Bock is, aba z'erscht müaß'n ma'n suacha. Grüaß Di
Gott, Muatta! Was kochst denn auf?«
»Dös is bei Dir allaweil 's erst,« erwiderte die Alte und gab dem
Burschen lachend die Hand.
»No, und warum hast den Bock net kriagt?« mischte sich der Vater wieder
ein. »Wo hast'n denn hi'g'schossen?«
Der Anderl kratzte sich verlegen hinter dem Ohre.
»I glaab schier gar, a bissel woadwund.«
»Bist halt a Patzer, solang'st warm bist. Hast Da halt wieder amal net
Zeit lassen?«
»I hab scho koa Zeit g'habt. Dös hat g'schwind geh' müassen. Aber da
Sprengelsperger moant aa, mir hamm an schnell mit'n Hund.«
»Is denn da Sprengelsperger bei Dir g'wen?«
»Na, aba 'r an Schuß is er nachganga.«
»So, is er jetzt dahoam?«
»Ja, drent in sein Stübl. Er wird glei umakemma.«
Der Anderl winkte seinem Vater verstohlen mit den Augen. Er durfte vor
der Mutter nichts erzählen von den Wilderern.
Die Frauenzimmer sind immer gleich ängstlich, und dann können sie ein
Geheimnis erst recht nicht halten.
»Ja, geh ma'r in d' Stuab'n,« sagte der Förster, »d' Muatta bringt uns
nacha 's Essen eini.«
Er ging voran und gab acht, daß Anderl die Türe hinter sich schloß.
»Was gibt's?« fragte er dann kurz.
»Der Sprengelsperger hat auf an Lumpen g'schossen.«
»Hat er'n umg'legt?«
»Na; es is viel z'weit g'wen.«
»Wo hat er'n auftroffa?«
»Beim Holzer Schlag. Es san eahna mehra g'wen.«
»Beim Holzer Schlag? Mitten im Revier hierin? Ja, da soll ja do scho
glei ...«
»Sei staad, Vata! D' Muatta kimmt.«
Die Frau Förster brachte das Essen herein und stellte es auf den Tisch.
Es entging ihr nicht, daß mit dem Alten eine Veränderung vorgegangen
war.
»Was machst denn auf oamal für a G'sicht?« fragte sie.
»Ah was! Wenn der Kamerad an Bock wieder woadwund schießt! Konn i mi
scho ärgern!«
»So, wegen dem Bock?« Sie sah ihren Mann mißtrauisch an.
Der zog den Teller näher zu sich und fing recht unbefangen das Löffeln
an.
Die Frau Förster wußte, daß sie mit Fragen zu nichts komme, und ging
zur Türe.
»Der Sprengelsperger is draußen,« sagte sie.
»Soll a no glei einakemma!« rief der Förster eifrig.
»Aha! Jetzt woaß i, daß wieder was los is,« meinte die Alte.
»Ah, was Da Du allaweil ei'bildst! Nix is los. He, Lenzei, kimm eina!«
Der Sprengelsperger erschien unter der Türe, und als ihn der Förster
so auffällig vor seiner Frau fragte, was er zu melden habe, da wußte er
gleich Bescheid.
Und auf eine Lüge hatte er sich nie besinnen müssen, solange er reden
konnte. Er stellte sich hin und sagte mit einem recht überzeugenden
Pflichteifer:
»Herr Förster, einen recht einen schönen Gruß soll ich ausrichten vom
Herrn Oberförster. Und ob der Herr Förster net mit'n Herrn Oberförster
morgen z'sammkomma will am Oachlköpfi hint', weil der Herr Oberförster
einen Bock schießen möcht, hat er g'sagt.«
»Dös is aba fad!« meinte der Förster, »grad morg'n is ma z'wida. Wo hat
denn Di der Teufi mit'n Oberförster z'sammbracht?«
Er durfte die Frage riskieren, denn er kannte seinen Sprengelsperger
und wußte, daß den kein Beichtvater in Verlegenheit bringen konnte.
»Beim Buachwiaser Eck hab' i 'n troffa. Er is vo Grainau kemma. 'Dös
is g'scheit,' hat er g'sagt, wia 'r a mi g'sehg'n hat, 'daß ich Ihnen
treff, Sprengelsperger,' sagt er, 'jetzt können glei Sie die Botschaft
übernehmen. Sunst hätt ich ein von meine Leut nach Griesen schicken
müssen,' hat er g'sagt.«
»So, so!« brummte der Förster, »wenn's eahm an andersmal ei'g'fallen
waar, hätt' i 's liaba g'habt.«
»Hast für'n Sprengelsperger net aa 'r an Teller voll?« fragte er seine
Frau.
»I glaub, es is no was da,« antwortete sie und ging zögernd hinaus.
So ganz traute sie der Geschichte nicht, aber zu machen war da nichts.
Das sah sie wohl ein.
Als sie draußen war, sagte der Förster: »I kimm nacha zu Dir umi, Lenz.«
Der Sprengelsperger nickte zustimmend, setzte sich neben den Anderl
hin und nahm mit Dank das Voressen in Empfang, welches ihm die
Försterin brachte.
Er aß mit vielem Appetit und rief einen schönen Gruß und nochmal ein
Vergelt's Gott in die Küche hinein, als er ging.
Eine gute Stunde später kam der Förster zu ihm und ließ sich den
Vorgang haarklein erzählen.
»Tiroler san's g'wen; dös is g'wiß,« meinte er, »aba wia sie de Lumpen
so weit eina trau'n, des sell vasteh i net. An Tag ehnder, wenn s'
rüber waaren, hätten s' ma in d'Händ einalaffen müassen, an der
brennten Wand droben. Aba grad gestern bin i auf der drentern Seit'
g'wen. Und der Anderl hat nach Partenkirchen eini müassen.«
Der Sprengelsperger pfiff leise durch die Zähne und fragte:
»So, der Anderl war z'Partenkircha? Dös hat a ma no net g'sagt. Herr
Förster, is über dös g'redt wor'n, daß er eini muaß?«
»Net, daß i 's woaß. Warum fragst, Lenz?«
»I moa grad.«
»Halt!« sagte plötzlich der Förster, »oana hat's do g'wißt. Der
Oberaufseher hat eahm an Brief mitgeben. Aba vo dem hört's do koa Lump!«
»Von eahm net, aba vielleicht von an andern.«
»Lenz, Du hast an Vadacht. Ruck außa damit!«
»Herr Förschter, zu 'r an Vadacht g'langt's no net, aba 'r im Wind hab
i a bissei was.«
»Red halt!«
Der Sprengelsperger sah nachdenklich auf den Boden und dann sagte er
bedächtig:
»Vor a Wochen a fünf is bei die Oesterreicher a neuer Grenzer
ei'g'stellt wor'n, net wahr?«
»Ja. Der Redenbacher oder wia 'r a hoaßt.«
»Der is a Tiroler. Vo Leermoos is a, hamm s' mir g'sagt.«
»Und nacha?«
»Dem sellen trau i net, Herr Förschter, daß i 's glei schnurgrad sag!
Dem trau i net weiter, als i 'n siech.«
»Da muaßt do an Grund dafür hamm?«
»Dös ko ma net allaweil so sag'n. Wenn i an ganz an g'wissen Grund
hätt', nacha hätt' i scho lang mit Eahna g'redt. Aba zu dem hat's net
g'langt.«
Der Sprengelsperger machte eine kleine Pause. Dann fuhr er fort:
»Sehg'n's, Herr Förschter, wia 'r i den schelchaugeten Kerl zum
erschtenmal g'sehg'n hab, da hon i mir glei denkt: Manndei, du g'fallst
ma net. Und dös is blieben. No, nacha is ma 'r aufg'fallen, daß der
Mensch an Aug auf ins hat. I ko bei 'n Tag und auf 'n Abend net kumma
und net furtgeh', daß der Kamerad net beim Zollhäusl heraus steht oder
sunst um an Weg is. Und nacha grüaßt a so freundli, und is ma 'r aa
schon vorkemma, daß er mi g'fragt hat: 'Wo gehen S' heut no hi, Herr
Sprengelsperger?'«
»Lenz,« sagte der Förster nachdenklich, »jetzt fallt's ma selber auf,
daß ma den so oft siecht; viel öfter wia 'r an jeden von de andern.«
»Ja, passen S' no auf; der Ostler Hans is de vorig Woch in da Schanz
drin g'wen. Wia 'r a in d' Stuben nei kimmt, siecht er den Kerl da, den
Redenbacher, bei a paar Tiroler am Tisch hocken. Es waar eahm weiter
net aufg'fallen, wann de Kameraden net auf oamal so mäuserlstaad g'wen
waaren. Der Grenzer hat sie glei drauf am Weg g'macht, und d' Wirtin
fragt 'n, ob's eahm denn gar a so pressiert. 'Heut scho,' sagt er und
is außi. Wia 'r aba der Ostler Hans a guate Viertelstund spater amol
außi geht, siecht er'n hinterm Haus stehn und mit oan von dena Tiroler
reden. Und grad notwendi hat er's g'habt. Des sell is an Hans so
g'spaßi fürkemma, daß er ma's glei am nächsten Tag vazählt hat.«
»Da schau her, a so a Schlaucher is dös!« brummte der Förster vor sich
hin.
»Ja, schlauch!« sagte der Sprengelsperger, »der kimmt mir net schlauch
vor. A recht a dumma Teufi is, sinscht waar er net nach fünf Wocha
vadächti. Den kriag i leicht g'nua dro, den Tiroler Spitzbuam, den ganz
miserabligen.«
»Hm, ja. Vielleicht is was dro, Lenz.«
»I moa scho. Und hat uns der Bazi oamal auf'n Weg paßt, nacha tuat as
öfta.«
Der Förster stand auf und schaute nachdenklich zum offenen Fenster
hinaus. Nach einiger Zeit drehte er sich um und sagte in seiner
ruhigen, bedächtigen Weise:
»So weit rei ins Revier trau'n si de Lumpen de erst Zeit nimma,
weil'st g'schossen hast, aba um d' Grenz rum is koan Tag net sauba.
Du und der Anderl, ös zwoa geht's heut nach 'n Essen in d' Roaner
Leiten hintri und schaugt's, daß den Bock kriagt's. Bal's 'n habt's,
brecht's 'n auf und versteckt's 'n guat. Auf 'n Abend kemmt's uma ins
Buachwieser G'steig. Da halt's Enk heut amol, und bal nix B'sonders net
is, morgen in der Fruah aa no. I kimm um a zehni auf d' Buachwieser
Alm. Notabene, koana schießt, außer es geht auf an Lumpen. Hast mi guat
vastanden?«
»Jawohl, Herr Förschter.«
»Nacha is recht. I wer jetzt a bissel zum Oberaufseher in Hoamgarten
nüber geh'. Vielleicht is der Herr Redenbacher wieder um an Weg. Mit 'm
Anderl red i no. Du holst 'n um zwoa ab; ös geht's aba net hint' außi,
sondern auf da Straßen, daß enk a jeder sehg'n ko.«
»Jawohl, Herr Förster.«
»So, nacha pfüat Di! Und no was. Bal'st an Anderl abholst, gehst
z'erscht zu uns nei, und wann grad mei Alte da waar, nacha verzählst
ihr, daß ös zwoa den Rehbock suacht's.«
Damit ging der Förster.
Eine halbe Stunde später schlenderte er gemächlich zum
österreichischen Zollhaus hinüber.
Das lag friedlich da im warmen Sonnenschein und zeigte die behagliche
Ruhe, welche allen k. k. Amtsgebäuden eigentümlich ist.
Auf der Bank, die neben der kleinen Freitreppe stand, lag eine Katze
und blinzelte in die Sonne hinein; drei oder vier Hühner gruben sich in
den heißen Sand.
Sonst war weit und breit nichts zu sehen.
Im kühlen Amtszimmer saß ein Grenzer und blies nachdenklich den
Tabakrauch vor sich hin.
Von Zeit zu Zeit nahm er die Pfeife aus den Zähnen und spuckte im
weiten Bogen vor sich hin.
Dieser beschauliche Mensch war Josef Redenbacher, und als der Förster
ihn sah, war er angenehm überrascht.
Er grüßte ihn freundlich und fragte nach dem Oberaufseher.
»Der wird wohl oben sein,« antwortete Redenbacher. »Warten S' ein
wenig, ich hol 'n gleich herunter.«
Nach einiger Zeit erschien der Stationsvorsteher Praxenthaler, ein
kleiner, dicker Mann, mit einer sehr fetten Stimme. Jedes Wort klang,
als wäre es in Schmalz gebacken.
»Ah, der Hohenreiner! Mit was kann ich dienen?«
»I hab Di grad frag'n wollen, ob ma net zum Kaffee a kloans Tarökerl
machen? Mei Alte spielt aa mit.«
»Warum denn nicht? Da bin ich allemal dabei.«
»Aba recht lang konn i net spielen; um a vieri muaß i ins Revier.«
»Da fang'n mir halt ein bissel früher an; glei nach 'm Essen.«
»Gilt scho,« sagte der Förster, und trat mit seinem Freunde vor das
Haus. Er bemerkte, daß die Fenster offen standen, und war überzeugt,
daß Herr Redenbacher sich in ihrer Nähe aufhielt. Er redete nun in
gedämpftem Ton, daß es den Anschein hatte, als wollte er etwas Geheimes
verhandeln.
»Praxenthaler,« sagte er, »mir hamm wieda Lumpen im Revier.«
»Ah!«
»Der Sprengelsperger hat a Gambsgoaß g'funden, erscht vor a paar Tag.«
»Hat er s' nit derwischt?«
»Na, dösmal san s' auskemma. Aber woaßt, allemal geht's net so.«
»Wo is denn das passiert? An der Grenz?«
»Na, beim Holzer Schlag. Aber, Praxenthaler,« sagte der Förster leise,
»vielleicht probieren's de Tropfen und holen de Gambsgoaß.«
Dabei blinzelte er seinen Freund an.
Der Herr Oberaufseher machte ein pfiffiges Gesicht und lachte herzhaft.
»Das mag leicht sein,« schrie er mit seiner Trompetenstimme, »das mag
leicht sein, und wenn s' kommen, finden s' vielleicht auch was? Mußt
wahrscheinli deswegen schon fort um vier Uhr?«
»Pst!« machte der Förster, »Du muaßt über dös net reden. Aber sei
kunnt's, daß de Lumpen kemma, weil Feiertag is.«
Ein Fensterflügel rührte sich, fast unmerklich, aber Hohenreiner hatte
es blitzschnell gesehen.
Er wußte, daß der Lauscher genug gehört hatte, wenn der Verdacht
Sprengelspergers begründet war, und dachte, daß ein längeres Reden ihn
stutzig machen konnte. Deswegen nahm er Abschied von dem ehrlichen
Praxenthaler, der sich in das Amtszimmer begab und gemeinschaftlich mit
Herrn Redenbacher k. k. Kommißtabak verbrannte.
* * * * *
Es war ein paar Stunden später, gegen zwei Uhr mittag.
Der alte Sprengelsperger holte seine Büchse vom Nagel herunter
und prüfte das Schloß. Er stach mit einer Nadel durch die beiden
Zündlöcher, um sich zu vergewissern, daß sie nicht durch Staub oder
sonstwie verstopft seien; dann setzte er neue Zündhütchen auf und
sicherte die Hähne.
Als er damit fertig war, pfiff er dem Hunde, der freudig an ihm
heraufsprang, und ging.
Vor dem Forsthause wartete er auf den Anderl und grüßte die Frau
Förster, welche sich im Garten an den Blumenbeeten zu schaffen machte.
Sie winkte ihm und trat selbst an den Zaun heran.
»Sprengelsperger,« sagte sie, »ich hab's schon kennt, daß was los is.
Mei Mann will mir's ausreden, aber i kenn Euch alle gut g'nug.«
»Aba, Frau Förschterin, wia S' no solchene Aengsten hamm mögen.
Der Anderl hat halt an Bock ang'schossen, und den derf'n ma do net
verfaul'n lassen.«
»Ja, ja; is scho recht. Du redst halt, was Dir ang'schafft is.
Aba glaubst denn, i hab's net g'merkt, daß Du wegen was B'sondern
rüberkommen bist, und daß mei Mann bei Dir drent war? Und daß i heut
nach 'm Essen mit 'n Oberaufseher hätt' taroken sollen, des hat do aa
sein Grund g'habt.«
»Ja, aba wenn i Eahna sag ...«
»Geh, sei staad! Sag'n tuast ma's ja do net; aba des muaßt ma
wenigstens versprechen, gib mir acht auf'n Buab'n.«
»Jetzt, Sie san g'spaßig, Frau Förschterin. I woaß net, was i da sagen
soll.«
»Nix, weil'st mi ja do bloß o'lüagst. Aba gib acht auf'n Anderl. I bin
in der größt'n Angst dahoam.«
Sie reichte ihm die Hand über den Zaun, und Sprengelsperger drückte
sie mit einer verlegenen Gebärde. Er war froh, daß Anderl endlich aus
der Türe trat und dem Gespräche ein Ende machte. Dieser grüßte die
Mutter flüchtig, wie er es sonst gewohnt war, und trieb zur Eile an.
Die alte Frau wollte nicht zeigen, daß sie eine schwere Sorge bewegte.
Sie trat darum in das Haus, mit einer Hast, die dem Anderl auffiel.
»Was hat denn d'Muatta?« fragte er.
»De hat's guat g'spannt, daß heut was net sauber is,« gab der
Sprengelsperger zur Antwort. »Mi hat's anderst in d'Eng trieben, mei
Liaba! Dei Muatta waar guat zum Beichtsitzen. Sappera no amol!«
»Ja no,« sagte der Anderl gleichmütig, »mir könnan ihr net helfa,
wann's as aa g'neißt hat. Aba jetzt mach, daß ma weita kemman!«
Sie setzten sich frisch in Gang. Nach ein paar Schritten blieb der
Sprengelsperger stehen und bückte sich zu seinem Hunde nieder. Er tat
so, als richtete er etwas am Halsbande; dabei warf er einen forschenden
Blick zum Zollhause zurück, und bemerkte Herrn Redenbacher, der
zufällig seinen Kopf zum Fenster herausstreckte.
Der Alte richtete sich auf und schritt mit einem heimlichen Lachen um
die Mundwinkel dem Anderl nach.
»Den Fuchs kriag'n ma,« sagte er zu sich selber. »I wett an
Kaisergulden, daß er in a paar Stund bei de Lumpen is und was
ausplaniert.«
Er ging schweigend neben seinem Begleiter her, in langen, zügigen
Schritten, und überdachte sorgfältig, wie die Lumpen ihren Pürschgang
anstellen könnten, und wo sie am ehesten zu fangen wären.
Anderls Gedanken waren nicht so strenge auf einen Gegenstand
gerichtet. Der Vater hatte ihm den Plan mitgeteilt, und er war als
richtiger Jäger mit Eifer bei der Sache. Daneben hatte er doch
herausgehört, daß die Zusammenkunft auf der Buchwieser Alm sein sollte.
Er mußte an das Weibsbild denken, dem er heute begegnet war, und er
dachte gern daran. Bei der brauchte es keine langen Reden; und ein
schlechter Brocken wäre sie auch nicht. Teuflisch gut gestellt; wie ihr
die Röcke um die Beine schlugen, war es zu sehen. Vielleicht konnte er
in der Nacht auf die Alm; das wäre nicht zuwider.
So schritten die zwei auf der schattenlosen Landstraße dahin, und
keiner redete ein Wort.
Nach einer halben Stunde bogen sie links ein und stiegen bergauf, bis
sie zur Anschußstelle kamen.
»Anderl,« sagte Sprengelsperger, »halt Du an Hund und laß mi suacha.«
Er blickte scharf auf den Boden und sah bald genug die Rehfährte.
»Da is da Bock uma; wo hast'n g'schossen, Anderl?«
»Geh no an Schritt, a zwoa weita füri, Lenz; halt! Jetzt bleib steh'!
Da muaß g'wen sei.«
Sprengelsperger kniete nieder und breitete mit der Hand das Gras
auseinander.
Plötzlich stieß er einen leichten Pfiff aus und rief:
»Hat 'n scho! Ah, do schau her! Du hast eahm durch d'Leber g'schossen.«
Anderl trat heran und betrachtete die dunkeln Schweißtropfen, welche an
den Grashalmen hingen.
Sprengelsperger ging einige Schritte weiter.
»Da geht scho wieda a Lack'n Schwoaß her,« rief er, »der hat ja damisch
g'schwoaßt, Anderl. I moan, den hamm ma schnell. Gib ma'r amol an
Pürschei her!«
Er führte den Hund, welcher schon unruhig an der Leine zog, zur
Anschußstelle.
Pürschei schnupperte gierig am Boden, und als ihn Sprengelsperger
losließ, verschwand er rasch im Dickicht.
»Der hat 'n bald, Anderl, werst as sehg'n,« sagte der Alte.
»Moanst net, mir sollen eahm nachgeh?«
»Ah, g'wiß net. Der verbellt 'n so schö, daß 's nix zwoat's gibt. Der
Bock liegt koane hundert Schritt weit drin, paß amol auf.«
Er zündete bedächtig seine Pfeife an, während Anderl gespannt horchte.
Plötzlich tönte helles, scharfes Bellen aus dem Hochwalde herüber; der
Hund gab Laut; wenn er in gleichmäßigen Pausen absetzte, gab das Echo
deutlich die Töne zurück.
Sprengelsperger verzog sein Gesicht zu einem freundlichen Lachen.
»Hörst'n? Ja, da Pürschei! I kenn' an ja!«
»Laß Da no Zeit, Anderl; dös pressiert gar net; und an Hund müassen ma
'r an Bock no a bissel verbellen lassen. I hör's oamal z'gern.«
Seine Augen schauten vergnügt darein, und er nickte jedesmal zustimmend
mit dem Kopfe, wenn der Hund in gleichmäßigen Absätzen anschlug,
kräftig und voll.
»So, jetzt geh ma umi!« sagte er nach einer Weile und schritt dem
Anderl voran über die Lichtung.
Sie umgingen das Dickicht und näherten sich von oben der Stelle, an der
Pürschei Laut gab.
Sprengelsperger blieb stehen und deutete mit dem Bergstocke nach unten.
Da lag unter einer mächtigen Tanne der Bock verendet, und vor ihm stand
der Hund; ein erfreuliches Bild für einen Jägersmann.
Sie stiegen rasch hinunter. Sprengelsperger lockte den Hund herein
und lobte ihn für sein braves Verhalten. Inzwischen musterte Anderl
vergnügt den stattlichen Bock.
»Der hat sauber auf; wia 'r a ma 's denkt hab. Handbroat über d'
Luser; schau her, Lenz!«
»A schöne G'wichtel,« sagte der Alte, »da ko'st Dei Freud dro hamm. Und
a guata Bock; achtadreiß'g Pfund hat a g'wiß.«
Sie suchten nach dem Schusse.
»Stimmt scho,« meinte Anderl, »i hab eahm durch d'Leber g'schossen. Is
no besser ausg'fallen, als i g'moant hab.«
Dann brach er den Bock auf, weidgerecht, ohne die Aermel aufzustülpen
oder die Joppe auszuziehen. In der damaligen Zeit hielt man darauf, daß
ein Jäger nicht wie ein Metzger hantierte.
Als er fertig war, zog er den Bock in das Dickicht und bedeckte ihn mit
Fichtenzweigen.
»Steig' i aufi auf d'Alm,
Ja da werd ma's Herz weit -- und
Siech ich d' Senndrin geh',
Tuat s' mi grüaß'n schö',
Ko's nit sag'n, wie's mi freut.«
(Altes Lied)
Die Nacht kam heran; eine helle, warme Sommernacht. Blaue Schatten
kamen die Felsen herunter und senkten sich in das Tal; an den steilen
Wänden verglühte langsam das Licht der scheidenden Sonne, und über
ihnen wölbte sich der dunkle Himmel.
Da und dort blitzte unruhig flimmernd ein Stern auf und sah dann mit
ruhigem Scheine herab.
Der Bergwind fuhr in die Gipfel der Tannen, und sie rauschten so
feierlich, daß es klang wie voller Orgelton.
Alle Dinge, in der Ferne und Nähe, nahmen große, seltsame Formen
an; drohend streckten die Bäume ihre riesigen Aeste aus; Gesträuche
und Stockwurzeln zeigten verzerrte Gestalten. Der Wald war lebendig
geworden.
Ein Schatten löste sich von seinem Rande los; nun stand er im hohen
Grase. Eine Hirschkuh, die erschrocken den Grind emporhielt und nach
einer mächtigen Fichte äugte.
Unter der saß Anderl und zog unruhig die Füße an sich. Seit vier
Stunden war er auf dem Posten; nichts Verdächtiges hatte sich geregt,
und nun kam die Dunkelheit.
Was wollte jetzt noch ein Wilderer tun? Auf fünf Schritte hätte man
nicht schießen können. Er visierte gegen das Stück hin; das Korn war
nicht mehr zu sehen. Da wurde er ungeduldig, und so leise auch das
Geräusch war, im Augenblicke hatte das Tier es vernommen, warf den
Grind auf und setzte in den Wald zurück.
»Geh zu'n Teufi!« brummte der Anderl mißmutig.
Himmelseiten, war das langweilig! Gibt's ja gar nicht, daß Lumpen
kommen. Und der Sprengelsperger wollte auf das Mondlicht warten, also
noch zwei Stunden. Zu was denn da heraußen?
Das könnte man doch leichter auf der Hütte. In einer Viertelstunde wäre
man drüben, und wenn ein Schuß fiel, den hörte man dort auch. Und von
der Hütte wären es nicht mehr wie tausend Schritte zur Buchwieser Alm.
Und wie das Mensch sauber gestellt war! Und das Lachen. Die hielt die
Türe nicht zu, wenn er klopfte. Der Anderl zog wieder die Uhr heraus.
Ah was! Vor zwei, drei Stunden rührt sich nichts. Und derweil war er
lang zurück; eine Viertelstund hin, eine Viertelstund her. Und dann war
es mondlicht und viel besser zum Passen als jetzt.
Er stand auf und rückte den Hut von einem Ohr auf das andere. Dann
blickte er gegen die Stelle hin, wo der Sprengelsperger paßte;
achthundert Schritt weiter oben.
Der bleibt hocken, und wenn es drei Tage dauert. Eigentlich sollte er
auch ... Aber was liegt daran!
Und rasch, damit ihn der Entschluß nicht reute, machte sich der Anderl
auf den Weg.
Mit langen Schritten ging es bergauf, viel schneller als sonst; durch
das Hochholz und über die Almwiese.
Da lag die Hütte im Dunkeln.
Die Läden waren geschlossen, und nichts war zu hören.
Der Anderl stolperte über ein Holzscheit und trat in eine Pfütze.
Er hatte es eilig.
Ein leiser Pfiff.
»Deanei!«
Nichts rührte sich.
»Deanei, mach auf! I bin's!«
Und wieder ein Pfiff.
Dann wartete der Anderl und horchte gespannt hinauf.
Nichts.
Jetzt nahm er den Bergstock, langte in die Höhe und klopfte an den
Laden.
Es dauerte eine Weile, dann hörte man ein Geräusch.
Der Laden kreischte in den Angeln, und eine weibliche Stimme fragte:
»Was is?«
»I bin's, der Anderl.«
»Ja, was willst denn Du no um de Zeit?«
»Geh, frag net lang! Hoamgarten möcht i.«
»Hoamgarten? Jetzt no? Zu was denn?«
»A so, halt!«
»I hon aba Schlaf, schaug! Und morgen muaß i beizeiten außa.«
»Dös macht ja nix. I halt Di net lang auf. Grad a bissei dischkrier'n
möcht i mit Dir.«
»Dös könna ma ja so aa.«