»Grüaß Di Good, Jaga! Wo kimmst denn Du scho so zeiti her?«
»Vo da Pürsch halt. Magst ma koa Milisuppen kocha?«
»Jo. Hock Di eina!«
Sprengelsperger trat ein und sah zu, wie das rüstige Frauenzimmer am
Herd hantierte.
»Saggera Hosenzwickel,« dachte er, »der Anderl is no lang net der
Dümmst'. De hat Holz bei da Hütten!«
Die Sennerin drehte sich um und fragte:
»Gel, Du bist vo Griesen?«
»Ja.«
»Habt's ös mit de Schützen was z'toa g'habt?«
»Wer 'ös'?«
»No, Du halt, und .. der Anderl.«
»Der Anderl? Der is ja gar net do. Der is, glaab i, am Sunkenberg
hint.«
»Na, der is da heroben!«
»So? Da woaß i gar nix. Hast'n denn Du g'sehg'n, Madel?«
»Ja,« gab sie zögernd zur Antwort, »vo weiten hon i 'n geh sehg'n.«
»Vo weiten host 'n g'sehg'n?« fragte er und verzog keine Miene dabei,
»no, wenn a herob'n is, wer' i 'n vielleicht treffa. Soll i eahm was
ausrichten?«
»Na. I hab bloß g'moant, ös seid's mit Schützen z'sammkemma.«
»Mit die Schützen hamm mir 's ganze Jahr nix z'toa,« erwiderte
Sprengelsperger treuherzig. »De Lumpen kemma Gott sei Dank net zu uns
eina.«
»I hab aber bei der Nacht schiaßen hören.«
»Dös hat Di höchstens täuscht. Oder es san Leut g'wen, de an Feiertag
no a wengl o'g'schossen hamm. Aba koane Lumpen hamm mir net do herin.«
Die Sennerin fragte nicht weiter und stellte einen Weidling warme Milch
auf den Tisch.
Sprengelsperger schnitt sich Brot hinein und aß.
Hie und da blinzelte er vergnügt auf das Weibsbild hinüber, welches am
Herde arbeitete.
»Mei liaba Anderl,« dachte er, »auf de Spur bin i Dir schnell kemma.
Dös muaß i Dir amol unter d' Nasen reib'n.«
Er blieb noch eine Weile, bis er den Förster über die Wiese
herüberkommen sah. Da stand er auf und nahm kurzen Abschied. Unter der
Türe blieb er stehen und sagte: »Du, Madel, balst an Anderl wieder amol
vo weiten siechst, nacha kochst eahm an Schmarren auf. Den ißt er oamal
z'gern.«
Draußen ging er auf Hohenreiner zu und grüßte ihn. Dabei blinzelte
er mit den Augen; der Förster kehrte um, und sie schritten ruhig und
unauffällig nebeneinander her.
»Was is, Lenz?«
»Oan hat's scho g'rissen.«
»Wo is der Anderl?«
»Hoam, daß er d' Kommission in Garmisch b'stellt.«
»Hast Du g'schossen?«
»Ja.«
»Hast 'n g'scheit aufi brennt?«
»Sell wohl. Im Scharer Graben flackt a.«
Er erzählte den Hergang.
Hohenreiner hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und sparte nicht mit
seinem Beifalle.
Als Sprengelsperger fertig war, fragte er ihn:
»Woaßt g'wiß, daß der Kerl hin is?«
»Ja freili woaß i's. I hab's gnau gnua g'sehg'n.«
»Na laß' ma'n liegen und gengan abi. I bin aa de ganz Nacht auf g'wen,
und morg'n hamm ma de Lauferei mit der Kommission. Da is g'rad recht,
wenn man a wengl schlafen könna.«
* * * * *
Den andern Tag kam die Kommission nach Griesen; der Herr Oberförster
Hofer, der Herr Landrichter Weiß, der Herr Bezirksarzt Steiger und ein
Gerichtsschreiber. Sprengelsperger und Anderl wurden sogleich in der
Wohnstube des Forsthauses vernommen. Beide sagten, daß sie überzeugt
seien, die vier Wilderer hätten nur Deckung gesucht, um dann auf sie zu
schießen. Keiner hätte das Gewehr weggeworfen oder sei auf den Anruf
stehen geblieben.
Der Landrichter nahm ihre Aussagen mit Wohlwollen auf und sagte, daß er
ihre Befürchtungen ganz begründet fände.
Außerdem sei ihm vom Herrn Oberförster der Sprengelsperger als sehr
ruhiger und pflichttreuer Mann geschildert worden, der gewiß seine
Befugnisse niemals überschreiten würde.
Soweit war es gut gegangen, und der alte Lenz rauchte nach der
Vernehmung seine Pfeife mit größerem Behagen als den Abend vorher.
Die Herren von der Kommission frühstückten und machten sich dann unter
Führung des Hohenreiner sowie des Anderl und Sprengelsperger auf den
Weg zum Tatorte. Außerdem nahm man zwei Holzknechte zur Bergung der
Leiche mit.
Auf Ersuchen des Herrn Landrichters, welcher an einer Herzverfettung
litt, wurde der Aufstieg zum Scharer Graben langsam gemacht; endlich
kam man an, und Sprengelsperger bezeichnete zuerst die Stelle, an
welcher er geschossen hatte.
Man sah die Leiche unten im Graben liegen.
Der Landrichter erklärte, daß er die Stellung des Toten auch von
oben mit genügender Sicherheit konstatiert habe, und daß er es für
überflüssig halte, selbst hinunterzusteigen.
Dies sollte der Herr Bezirksarzt in Begleitung Sprengelspergers tun.
Die beiden schritten abwärts und näherten sich dem Toten.
Aber was war das?
Da lag der Wilderer, just so, wie er hingefallen war, doch der Kopf
fehlte.
Der Kopf war kurzweg abgeschnitten.
Ein grausiger Anblick.
Der Bezirksarzt untersuchte die Leiche; er fand keine Wunde. Die Kugel
mußte durch den Kopf gedrungen sein, wenn sie den Toten überhaupt
getroffen hatte.
Auf die sonderbare Meldung hin erklärte der Herr Landrichter, daß die
Untersuchung damit beendigt sei; man könne nur feststellen, daß der
Rumpf einer männlichen Leiche gefunden worden sei. Trotz genauester
Visitation derselben habe sich über die Herkunft nicht das geringste
ergeben; ebensowenig könnte die Todesursache festgestellt werden.
Die Holzknechte erhielten den Auftrag, den verstümmelten Rumpf
einzuscharren, und die Kommission begab sich mit den Forstleuten nach
Griesen.
Man machte in der damaligen Zeit nicht viele Umstände.
* * * * *
Nun will ich allen gläubigen Christen sagen, daß sie nicht Angst
haben sollen um das Seelenheil des Josef Gfeiler, weil sein Körper in
ungeweihter Erde begraben liegt.
Ein jeder Tiroler weiß, und die anderen Leute sollen es erfahren, daß
die Seele des Menschen im Kopfe wohnt.
Darum ging der fromme Jakob Holzweber zur Nachtzeit mit Peter Hosp in
den Graben zurück, und darum trennten sie dem toten Kameraden das Haupt
vom Leibe und brachten es heim nach Biberwiehr.
Hier legten sie eine schwarzgekleidete Strohpuppe in den Sarg und
setzten den Kopf darüber.
Alle teilnehmenden Freunde und Verwandten glaubten, daß sie die
sterbliche Hülle des so plötzlich verunglückten Josef Gfeiler vor sich
hätten, und verrichteten die gebräuchliche Andacht vor der Leiche.
Am Sonntage nach Fronleichnam war das Begräbnis.
Und als der Pfarrer die Trauerversammlung aufforderte, ein Vaterunser
für den Abgestorbenen zu beten, da tat es der Herr Schreinermeister
Holzweber mit einer solchen Inbrunst, daß es allen Gläubigen zum
erhebenden Beispiele gereichte.
Inhalt
Seite
Der Postsekretär im Himmel 5
Die Hinterseer 27
Peter Spanningers Liebesabenteuer 39
Der Kohlenwagen 83
Auf Reisen 93
Auf der Elektrischen 111
Der Klient 129
Die Familie in Italien 141
Die Interviewer 161
Die Halsenbuben 173
Schneehendlpfeifen 197
Die Wilderer 215
FUSSNOTEN
[A] Pürschmann, ein Hundename.
[B] Schelte.
Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Text,
der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt
war, wurde mit _ markiert.
Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen nur
offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.