Der Mann scheint ein Norddeutscher zu sein; der Sprache nach zu

schließen. Ein besserer Herr, der Kleidung nach zu schließen.

Was fällt ihm ein, die arme Frau aus dem Volke zu beleidigen?

Ein dicker Mann, dessen grünen Hut ein Gemsbart ziert, verleiht der

allgemeinen Stimmung Ausdruck.

»Warum soll denn dös arme Weiberl net da herin sitzen? Soll's

vielleicht draußen bleib'n und frier'n? Bloß weil's dem nobligen Herrn

net recht is? Wenn ma so noblig is, fahrt ma halt mit da Droschken!«

Der dicke Mann ist erregt. Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.

Einige Passagiere nicken ihm beifällig zu; andere murmeln ihre

Zustimmung.

Ein Arbeiter sagt:

»Ueberhaupt is de Tramway für an jed'n da. Net wahr? Und dera Frau ihr

Zehnerl is vielleicht g'rad so guat, net wahr, als wia dem Herrn sei

Zehnerl.«

Die Frau mit dem Bett sieht recht gekränkt aus. Sie schweigt; sie will

nicht reden; sie weiß schon, daß arme Leute immer unterdrückt werden.

Sie schnupft ein paarmal auf und setzt sich zurecht. Dabei fährt sie

mit dem Bett ihrem anderen Nachbarn ins Gesicht.

Der stößt das Bett unsanft weg und redet in soliden Baßtönen:

»Sie mit Eahnan dreckigen Bett brauchen S' mir fei's Maul net

abwisch'n! Glauben S' vielleicht, Sie müassen's mir unta d' Nasen

halt'n, weil S' as jetzt aus 'm Versatzamt g'holt hamm?«

Die Passagiere horchen auf.

Da ist noch einer, der die Frau aus dem Volke beleidigt; aber, wie es

scheint, ein süddeutscher Landsmann.

Die Stimmung richtet sich nicht gegen ihn. Uebrigens sieht er so aus,

als wenn ihm das gleichgültig sein könnte.

Er hat etwas Gesundes an sich, etwas Robustes, Hinausschmeißerisches.

Er imponiert sogar dem Herrn mit dem grünen Hute.

Und dann, alle haben es gesehen:

Die Frau ist ihm wirklich mit dem Federbette über das Gesicht

gefahren. So etwas tut man nicht. Der Mann selbst ist noch nicht fertig

mit seiner Entrüstung. Er wirft einen sehr unfreundlichen Blick auf die

Frau aus dem Volke und einen sehr verächtlichen Blick auf das Bett.

Er sagt:

»Ueberhaupt is dös a Frechheit gegen die Leut', mit so an Bett do

rei'geh'. Wer woaß denn, wer in dem Bett g'leg'n is? Vielleicht a

Kranker; und mir fahren S' ins G'sicht damit! Sie ausg'schamte Person!«

Einige murmeln beifällig.

Der Mann mit dem grünen Hute gerät wieder in Zorn.

Er sagt:

»Der Herr hat ganz recht. Mit so an Bett geht ma net in a Tramway. Da

kunnten ja mir alle o'g'steckt wer'n. Heuntzutag, wo's so viel Bazüllen

gibt!«

Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.

Alle Passagiere sind jetzt wütend über die Unverschämtheit der Frau.

Man ruft den Schaffner.

»De muaß außi!« sagt der Mann mit dem Gemsbart, »und überhaupts,

wia könna denn Sie de Frau da einaschiab'n? Muaß ma si vielleicht

dös g'fallen lassen bei der Tramway? Daß de Bazüllen im Wag'n

umanandfliag'n?«

Der Schaffner trifft die Entscheidung, daß die Frau sich auf die

vordere Plattform stellen muß.

Sie verläßt ihren Platz und geht hinaus.

»Dös war amal a freche Person!« sagt der Mann mit dem Gemsbart.

Der Herr mit dem Zwicker meint:

»Eigentlich war sie ganz anständig. Nur mit dem Bette ...«

»Was?!« schreit sein robuster Nachbar. »Sie woll'n vielleicht dös

Weibsbild in Schutz nehma? Gengan S' außi dazua, wann's Eahna so guat

g'fallt!«

Alle murmeln beifällig.

Und der Arbeiter sagt:

»Da siecht ma halt wieda de Preißen!«

* * * * *

Ein kalter Wintertag.

Die Passagiere des Straßenbahnwagens hauchen große Nebelwolken vor sich

hin. Die Fenster sind mit Eisblumen geziert, und wenn der Schaffner die

Türe öffnet, zieht jeder die Füße an; am Boden macht sich der kalte

Luftstrom zuerst bemerklich.

Die Passagiere frieren, nur wenige sind durch warme Kleidungen

geschützt, denn der Wagen fährt durch eine ärmliche Vorstadt.

Da kommt ein Herr in den Wagen, er trägt einen pelzgefütterten

Ueberrock; eine Pelzmütze, dicke Handschuhe.

Er setzt sich, ohne seiner Umgebung einen Blick zu schenken, zieht eine

Zeitung aus der Tasche und liest.

Die anderen Passagiere mustern ihn; das heißt seine untere Partie. Die

obere ist hinter der Zeitung versteckt.

Die größte Aufmerksamkeit schenkt ihm ein behäbiger Mann, der ihm

gerade gegenübersitzt.

Er biegt sich nach links und rechts, um hinter die Zeitung zu schauen.

Es geht nicht.

Er schiebt mit der Krücke seines Stockes das hemmende Papier weg und

fragt in gemütlichem Tone:

»Sie, Herr Nachbar, wissen Sie, aus welchan Pelz Eahna Hauben is?«

Der Herr zieht die Zeitung unwillig an sich.

»Lassen Sie mich doch in Ruhe!«

»Nix für ungut!« sagt der Behäbige.

Nach einer Weile klopft er mit seinem Stocke an die Zeitung, die der

Herr noch immer vor sich hinhält.

»Sie, Herr Nachbar!«

»Waßß denn?!«

»Sie, dös is fei a Biberpelz, Eahna Haub'n da.«

»So lassen Sie mich doch endlich meine Zeitung lesen!«

»Nix für ungut!« sagt der Mann und wendet sich an die anderen

Passagiere.

»Ja, dös is a Biberpelz, de Haub'n. Dös is a schön's Trag'n und kost'

a schön's Geld, aba ma hat was, und es is an oanmalige Anschaffung. De

Haub'n, sag' i Eahna, de trag'n noch amal de Kinder von dem Herrn. De

is net zum Umbringa. Freili, billig is er net, so a Biberpelz!«

Die Passagiere beugen sich vor. Sie wollen auch die Pelzmütze sehen.

Aber man sieht nichts von ihr; der Herr hat sich voll Unwillen in seine

Zeitung eingewickelt.

Da wird sie ihm wieder weggezogen. Von dem behäbigen Manne, mit der

Stockkrücke.

»Sie, Herr Nachbar ...«

»Ja, was erlauben Sie sich denn ...?!«

»Herr Nachbar, was hat jetzt de Haub'n eigentlich gekostet?«

Der Herr gibt keine Antwort.

Wütend steht er auf, geht hinaus und schlägt die Türe mit Geräusch zu.

Der Behäbige deutet mit dem Stock auf den leeren Platz und sagt:

»Der Biberpelz, den wo dieser Herr hat, der wo jetzt hinaus is, der hat

ganz gewiß seine zwanz'g Markln kost'; wenn er net teurer war!«

* * * * *

Der alte Professor Spengler fährt jeden Morgen gegen acht Uhr vom

großen Wirt in Schwabing bis zur Universität.

Er fällt auf durch seine ehrwürdige Erscheinung; lange, weiße Locken

hängen ihm auf die Schultern, und er geht gebückt unter der Last der

Jahre.

Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet ihn längere Zeit

durch das Fenster.

Er wendet sich an den Schaffner.

»Wer ist denn eigentlich der alte Herr? Den habe ich schon öfter

gesehen.«

»Der? Den kenna Sie nöt?«

»Nein.«

»Dös is do unsa Professa Spengler.«

»So? so? Spengler. M--hm.«

»Professar der Weltgeschüchte,« ergänzt der Schaffner und schüttet eine

Prise Schnupftabak auf den Daumen.

»Mhm!« macht der Herr. »So, so.«

Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und schaut den Herrn

vorwurfsvoll an.

»Den sollten S' aba scho kenna!« sagt er. »Der hat vier solchene Büacha

g'schrieb'n.«

Er zeigt mit den Händen, wie dick die Bücher sind.

»So ... so?«

»Lauter Weltgeschüchte!«

»Ich bin nicht von hier,« sagt der Herr und sieht jetzt mit sichtlichem

Respekt auf den Professor.

»Ah so! Nacha is 's was anders, wenn Sie net von hier san,« erwidert

der Schaffner.

Er öffnet die Türe.

»Universität!«

Professor Spengler steigt ab. Der Schaffner ist ihm behilflich; er gibt

acht, daß der alte Herr auf dem glatten Asphalt gut zu stehen kommt.

Dann klopft er ihm wohlwollend auf die Schulter.

»Soo, Herr Professa! Nur net gar z' fleißig!«

Er pfeift, und es geht weiter.

Der Schaffner wendet sich nochmal an den Herrn:

»Alle Tag, punkt acht Uhr, fahrt dös alte Mannderl auf d' Universität.

Nix wia lauta Weltgeschüchte!«

* * * * *

In =Berlin=. Der Straßenbahnwagen fährt durch den Tiergarten. Seitab

werden Bäume gefällt, und es ist ein sonderbarer Anblick, mitten in der

Großstadt Waldarbeit zu sehen.

Der Schaffner wendet sich an einen Herrn, der Aehnlichkeit mit dem

Kaiser hat. Die man in Norddeutschland so häufig trifft. Starkes Kinn.

Habyschnurrbart.

Der Schaffner sagt: »Das geht nun schon so vier Wochen.«

Er deutet auf die Holzarbeiter.

Der Doppelgänger Kaiser Wilhelms schweigt.

»Wenn sie nur nich den ganzen Tiergarten umschlagen!« sagt der

Schaffner.

Keine Antwort.

Der Schaffner versucht es noch einmal.

»Den ganzen Tiergarten! Es wär doch jammerschade!«

Jetzt blickt ihn der Doppelgänger Kaiser Wilhelms an; strenge und

abweisend.

Und er sagt:

»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen in eine Konversation

einzulassen.«

Der Klient

Aus: Pistole oder Säbel. Verlag Albert Langen, München

Der Rechtsanwalt Isak Tulpenstock war nach einigen Vermahnungen an das

Kanzleipersonal soeben im Begriffe, sich in das Landgerichtsgebäude zu

begeben, als ihm der Besuch des Oekonomen Mathias Salvermoser gemeldet

wurde.

»Was für ein Volk, diese Bauernlümmel! Immer in der letzten Minut!

Immer zu spät! Gerad' als ob ... lassen S' ihn rein!«

Salvermoser hatte auf die Erlaubnis nicht gewartet, sondern war schon

hinter dem Schreiber eingetreten.

»Nu, was wollen Sie?« fragte Tulpenstock immer noch ärgerlich.

»A Frag hätt i, Herr Dokta.«

»Wenn's ein gescheite Frag is, kommen Sie später. Ich muß zum Gericht.«

Salvermoser verlor seine Ruhe nicht.

»Nacha geh' i halt mit,« sagte er, »i ko Eahna ja auf'm Weg aa frag'n.«

Tulpenstock bedachte, daß ein unangenehmer Klient besser ist als

keiner, und ließ es zu, daß der Oekonom neben ihm her ging.

Es war ihm peinlich, weil die Leute sich nach ihnen umsahen und weil

Salvermoser mit seinen Stiefeln auf dem Bürgersteige einen sehr

unfeinen Lärm machte.

»Nu, rücken Sie halt emal raus mit der Sprach!« sagte er ungnädig; »was

haben Sie für eine Frag?«

Mathias Salvermoser blinzelte ein wenig mit dem linken Auge, dann stieß

er den kleinen Rechtsgelehrten mit dem Ellenbogen an und sagte:

»Sie, Herr Dokta, was kost' des, bal ma oan mit an kloan Stecken am

Kopf aufi haut?«

»Was das kost? Das kost emal viel, emal weniger. Da gibt's keinen

Tarif.«

»Des woaß i scho. Aba unser Burgermoasta hat g'sagt, nach dem neuen

G'setz werd's billiger.«

»Nach was für en neuen Gesetz?«

»No, halt nach dem preußischen G'setz, wo's jetzt eig'führt hamm.«

»Ach so! Das Bürgerliche Gesetzbuch! Da steht nix drin von Strafen

wegen Körperverletzung.«

Salvermoser zeigte sich erstaunt.

»Des kon i do scho net glaab'n,« sagte er, »daß de G'setzmacher auf des

vergessen hamm. Da hätt's es ja überhaupt net braucht, daß ma was Neu's

kriag'n. Des glaab i scho ganz und gar durchaus net.«

»Glaubst Du nicht? Brauchst Du nicht zu glauben,« sagte Tulpenstock

sehr ärgerlich.

»Guten Morgen, Herr Kollega!« rief er einem Vorübergehenden zu, »lassen

Sie mich mitkommen, ich begleite Sie.«

Salvermoser ließ sich nicht abschütteln.

»Halten S' a wengl, Herr Dokta! I bin no net firti. Moana S', es ko

mir was g'schehg'n? I ko hundert Eid schwör'n, daß i in einer Notwehr

befunden g'wen bin. Ueberhaupts hob i eahm bloß mit an kloan Steckerl

am Kopf aufi g'haut.«

»Nu, um so besser för Sie. Ich hab' jetzt kei Zeit mehr.«

»Sie, Herr Dokta, mit an ganz kloan Steckerl. Es is net dicker g'wen

als wia mei Finga.«

»Was reden Sie dann? Wenn er nicht krank war, gibt es vielleicht gar

keinen Prozeß.«

»Jaa, krank war er scho.«

»So?«

Tulpenstock interessierte sich doch etwas für den Fall.

»Wann war die Sache?« fragte er.

»Vor a sechs, an acht Wocha, beim Unterwirt.«

»Also eine Wirtshausgeschichte. Mhm! Wie lange war der Mann krank? Hat

er sich ins Bett gelegt?«

»Jaa, sell scho.«

»Nu, wie lang is er gelegen?«

Salvermoser blinzelte wieder mit dem linken Auge.

»Er liegt no,« sagte er.

»Was? Das ist ja ernsthaft! Ich kann nicht länger auf der Straße

bleiben, kommen Sie ins Bureau!«

»Sie, Herr Dokta ...!«

»Später, später!« Der Rechtsanwalt betrat schleunig das Gerichtsgebäude

und ließ seinen Begleiter stehen. Als er nach drei Stunden wieder

herauskam und eben daran ging, seinem verehrten Herrn Kollega

Schiedermann einen verwickelten Rechtsfall klar zu machen, wurde er

jählings unterbrochen.

Mathias Salvermoser rief ihn mit lauter Stimme an.

»Des is g'scheit, daß i Eahna siech. Jetzt hab i Eahna do no derwarten

kinna. I bin beim Wirt g'sessen neben an Landg'richt.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie in die Kanzlei kommen sollen.«

»Scho. Aba, i hab leicht g'wart; i hab halt a paar Halbe mehra trunken.«

Diese Versicherung war überflüssig, denn Salvermoser roch so stark

nach Bier, daß man es weithin merken konnte. Er hielt sich mit einiger

Mühe aufrecht und faßte beim Reden den Sachwalter am Rock, um sich zu

stützen.

Tulpenstock war sehr peinlich berührt. Da er jedoch dem Volke, welches

Rechtshilfe sucht, im allgemeinen geneigt war und sich nur ungern dazu

verstand, seinen Schutz zu verweigern, beschloß er, den Oekonomen zwar

anzuhören, aber möglichst schnell abzufertigen.

»Erzählen Sie mir halt, was Sie auf dem Herzen haben, und später kommen

Sie in mein Bureau.«

»Sehg'n S', des is a Wort,« lallte Salvermoser; »i hab's glei g'sagt,

der Tulpenstock, hab i g'sagt, des is halt a Mo, der wo ... sag' i.

Han?«

»Schon gut, schon gut! Erzählen Sie nur rasch! Ich habe noch nicht zu

Mittag gegessen.«

»Ah, des macht nix. Passen S' auf, i erzähl's Eahna ganz g'nau. Also

i geh beim Unterwirt außa, net? Und da steht a Holzhaufa, net? Oha!«

Salvermoser stolperte nach vorwärts und mußte sich wieder an dem

Rechtsvertreter einhalten.

»Mein Lieber, gehen Sie jetzt und erholen Sie sich.«

»Na, na, Herr Dokta. Sehg'n S', Sie san a so g'führiger Mo, i muß 's

Eahna glei verzählen. I kimm nacha viel liaba.«

»Also meinetwegen; nur rasch, rasch!«

»Ja, und da bin i beim Unterwirt außa und da steht a Holzhaufa, net?

Ja, und des han i o'gschaugt. A schön's Holz is g'wen, lauter feichtene

und buachene Scheiteln. Do hob i mir denkt, was werd jetzt dös Holz

kosten, net? Sie, Herr Dokta! Oha!«

Tulpenstock wurde nervös.

»Entweder erzählen Sie mir den Vorfall, oder ...«

»Es kimmt scho. Passen S' nur auf, Herr Dokta. Alsa, i ziag a Scheitel

außa, und wia'r i 's o'schaug, geht g'rad der Brunner Peter daher. Ja,

und nacha hat er g'sagt: 'Was tuast denn Du do?' 'Nix,' hab i g'sagt,

und nacha hab i eahm a bisserl am Kopf aufi g'haut.«

»Mit dem Holzscheit? So? Und warum?«

»Ja, es is ganz kloa g'wen. Und überhaupts hon i eahm gar net treffen

wollen. I ho mir denkt, i hau in d'Luft, daß er derschrickt. Aba, er

muaß g'rad neig'rennt sei. I glaab, daß er des mit Fleiß to hat. Sie,

Herr Dokta, oha! Moana S', daß i freig'sprocha wer?«

Tulpenstock war über diese Frage etwas erstaunt; aber da er einem

Klienten nicht gerne die Stimmung verdarb, sagte er: »Freigesprochen?

Hm, ja, wer weiß? Wir müssen eben abwarten.«

»Ja, passen S' auf, Herr Dokta. Mir macha de G'schicht a so: bal i

frei wer, zahl i Eahna, und bal i g'straft wer, nacha kriag'n Sie nix.«

»Was fällt Ihnen ein? Ich lasse mir doch keine Bedingungen stellen.«

»So, Sie mögen des net?« fragte Mathias Salvermoser und blinzelte

wieder mit dem linken Auge, »jetzt kenn i mi scho aus. Bal Sie a

richtige Fiduz auf mein Prozeß hätt'n, nacha redeten Sie ganz anderst.

Na, mei Liaba! Do geh i zua an andern.«

Die Familie in Italien

Hinter Ala wappnet sich die reisende deutsche Familie mit Mißtrauen

und wird sich recht ihrer Superiorität bewußt. Seit Archenholtz und

vielleicht noch länger beweist es Klugheit, jeden Italiener für einen

Spitzbuben zu halten und dieses südliche Völkchen für einen Schwarm

von Leuten, welche ausschließlich von dem guten Gelde der kunstfrohen

Deutschen leben.

Dieser Glaube äußert sich im aufbrausenden Zorne, im stirnrunzelnden

Unbehagen des so viel wertvolleren Nordeuropäers, und wieder

im väterlichen Wohlwollen, im verzeihenden Lächeln über diese

leichtsinnigen Naturkinder. Aber er äußert sich immer und überall.

Mama gibt auf das Gepäck acht, zählt zweimal und dreimal die Stücke

nach, wirft den Trägern durchbohrende Blicke zu; die beiden Töchter

bewachen mit Argusaugen ihre Hutschachteln oder was ihnen sonst auf

Erden teuer ist und sie beweisen durch hastige Zurufe, durch Mienen und

Gebärden, daß sie absolut nicht in Vertrauen einzulullen sind.

Papa umschreitet die Gruppe, vielleicht nicht ganz so aufgeregt, aber

doch mit dem Ausdrucke nicht zu täuschender Vorsicht und auch einer ihm

wohlanstehenden Energie.

Dieser Camillo, Miltiade oder Marcello ist wirklich ein guter

Kerl, weil er heiter und gelassen alle diese Zweifel an seiner

Rechtschaffenheit erträgt.

Er lächelt milde über die stechenden Blicke, die ihm zugeworfen

werden, er ist höflich, er will Ruhe einflößen in die Herzen

dieser aufgeregten Famiglia, er beteuert mit Worten und mit jenen

unnachahmlichen Gesten, daß er ein Ehrenmann ist.

Er schleppt eifrig die Stücke ins Coupé, ist hilfsbereit und

liebenswürdig und beschwichtigend. Es ist nichts weggekommen, alles ist

unversehrt da; Camillo weist mit einer triumphierenden Handbewegung auf

die Gepäckstücke, Mama zählt nach, die Töchter zählen nach.

_Ecco!_

Wie kann man so hastig, zufahrend, taktlos und beleidigend sein?

Aber das denkt Camillo nicht einmal, er lächelt noch immer, nimmt die

doppelte Taxe und dreht beim Wechseln dem mit unbesieglichem Mißtrauen

gewappneten Papa einige minder gute Geldstücke an.

* * * * *

Mama hat sich das Wort »Hain« angeeignet. Kurz vor Florenz und im

Anblicke der schönen Hügel ist es ihr eingeschossen.

Olivenhain, Pinienhain, Zypressenhain.

Sie spricht es mit Wohllaut und Schmelz, so daß der Hörer merkt und

auch merken soll, wieviel tiefes Empfinden für eine toskanische

Landschaft in ihr wohnt und aufquillt.

Vermischt mit Erinnerung an etwas Gelesen-Habendes oder im Theater

Gesehen-Habendes; vermischt mit dunklen Ahnungen von etwas Poetischem,

von etwas als Mädchen Geschwärmt-Habendem.

In Zypressenhainen gehen gelockte Jünglinge umher, an denen

weiße Gewänder in malerischen Faltenwürfen herunterfließen, in

Zypressenhainen tremolieren die Carusi, in Zypressenhainen schwelgt

überhaupt die Phantasie.

Die Wirklichkeit sitzt daneben, hat drei Knöpfe der Weste offen und

raucht eine Zigarre.

Wenn man Papa ansieht, müßte man eigentlich an dem Worte »Hain«

ersticken.

Mama schließt die Augen und träumt von Gestalten, die sich besser für

diese Landschaft eignen.

* * * * *

So!

Da wäre man nun glücklich in Florenz!

Die Töchter sind selig darüber, daß alles so wahnsinnig italienisch

aussieht, der Himmel, die Stadt und die Leute.

An einer Straßenecke steht ein allerdings nicht malerisch aussehender

Mann, der auf der Mandoline spielt und etwas von _stella, bella_ und

_amore_ singt. Mit wahnsinnig echtem Tonfall.

Papa bemerkt überall die Beweise des südlichen Schlendrians und belehrt

seine Familie über die Segnungen deutscher Ordnung und deutschen

Fleißes.

Das sollte sich mal bei uns einer erlauben!

Wie hier das Fleisch in offenen Läden hängt, dem Straßenstaube

ausgesetzt, wie hier die Kerls herumstehen und nach rechts und links

ausspucken, wie hier die halbgewachsenen Bengels ... Was ist? Die

Signoria? So ... hm ... wie hier die halbgewachsenen Bengels einem

nachlaufen und betteln. Auf die Weise erzieht man doch ...

Mama erzwingt sich mit einem jener Blicke Stillschweigen und

Berücksichtigung des erhabenen Moments, in welchem man zum erstenmal an

dieser bedeutenden Stelle Bädekers sich befindet.

Loggia dei Lanzi ... m--hm ... Perseus von Benvenuto Cellini ...

m--hm ... eine Kopie des David von Michelangelo vor der Signoria ...

m--hm ... auf diesem Platze ist Girolamo Savonarola verbrannt

worden ... Wo? wo? Eine lebhafte Bewegung ist in die Familie gekommen,

selbst Papa zeigt Interesse.

Ein Kartenhändler, der sie beobachtet hat, eilt hinzu.

»Postkarten ... wollen Sie? Schäne Postkarten ... wollen Sie?«

Man antwortet ihm nicht, aber der Mann kennt die Wißbegierde der

Italienfahrer.

Er klopft mit dem Fuß auf das Pflaster.

»_Savonarola .. qui_ .. ist verbrunnen ... _qui Savonarola .. qui_ ...«

Die Familie gibt ihre Zurückhaltung auf, und Mama frägt mit

italienischem Akzent: »_Savonarola_ .. hier?« -- »_Si .. si .. in

questo punto ... qui_ .. ist verbrunnen.« Er zeigt mit lebhaften

Gebärden, wie man ein Zündholz anzündet, und beschreibt mit

ausholenden Armen Rauch und Flammen »_e combusto_ .. ist verbrunnen ..

_Savonarola .. qui_ ..«

Die Schauer der Weltgeschichte überkommen die Familie. Und Papa drückt

dem minderwertigen Sohne Italiens ein Trinkgeld in die Hand.

* * * * *

»Kinder!« sagt Papa, »Kinder, Bädeker ist ja ganz recht, und niemand

kann mehr Respekt vor der wahren Kunst haben als ich, aber nur nich

übertreiben! In gewissem Sinne muß man sich doch auch von Bädeker frei

machen können! Ich gebe ja zu, daß junge Kunstbeflissene hier einfach

die Pflicht haben, jede Einzelheit zu studieren, aber ich als Mann,

der im praktischen Leben steht, wie komme ich dazu, mir von Bädeker

vorschreiben zu lassen....«

»Nanu, halte keine Predigt!« erwidert Mama, »und wenn die Kinder daheim

was erzählen wollen von Italien, müssen sie eben auch ordentlich dazu

tun. Du kannst ja einstweilen in Dein Pilsner Bierlokal gehen, das Du

glücklich entdeckt hast....«

»Natürlich gehe ich hin, und wenn Ihr ehrlich sein wolltet, müßtet Ihr

zugeben, daß Euch die ewigen Lippi un Lippinos und wie die Kerle alle

heißen ...«

»Aber Otto!«

»Na ja, ich habe den pflichtschuldigen Respekt vor diesen Meistern der

Renäsanxe, aber macht mir keine Wippchen vor! Ihr habt die Kerls auch

über!«

»Tu mir den einzigen Gefallen, Otto -- ja? Tu mir den einzigen Gefallen

und sprich nich so! Ich kann das hier nich vertragen, das reißt einen

ja aus ... aus allen Illusionen! Ich meine, hier könntest Du wirklich

mal Deine prosaischen Ansichten ein bißchen vergessen!«

»Och! Och! Prosaisch! Nanu, Wilhelmine, ich will mich nich näher

ausdrücken, aber weißt Du, was Ihr hier für'n Theater spielt, Du un

die Mädels, so was von Verzückung, nee! Un gestern habt Ihr's vor'm

falschen Bild gemacht. Das mit'n Kreuz war hinter Euch an der Wand!«

»Also, Otto, ich erkläre Dir ein für allemal ..«

»Was erklärste?«

»Ich erkläre Dir ein für allemal, daß wir auf Deine Begleitung

verzichten. Ich will mir nicht jeden weihevollen Moment ...«

»Och! Och! ...«

»Jawohl, Otto, ich will mir nicht jede andächtige Stimmung zerreißen

lassen. Geh Du zu Deinem Pilsner ...«

»Mach ich auch ...«

»Ja, und uns zerstöre wenigstens hinterher nich den Eindruck, den wir

von allem Geschauten mitbringen. Alma war gestern förmlich bedeppert

über Deine Witze über die Sixtinische Madonna ...«

»Die ist ja jar nich hier, Wilhelmine ...«

»Das mußt Du ja wissen!«

»Weeß ich zufällig ... die is in Dräsen. Herjemmersch! Wenn mir's doch

gestern der blonde Professor eine geschlagene Stunde erzählt hat!..«

»Also gut, dann war's eine andre. Jedenfalls war das Mädchen aus allen

Himmeln gestürzt ...«

»Och.... och!«

* * * * *

Eigentlich hatte Papa ja recht.

Natürlich nicht mit seiner taktlosen Manier, fortwährend Witze zu

machen über das Kunstverständnis seiner Familie, aber so im allgemeinen

und überhaupt.

Wenn man es sich nur eingestehen wollte, war es nicht doch furchtbar

ermüdend, immer und immer diese Heiligenbilder zu sehen?

Der Kopf wurde einem wirblig davon, und dann, war eigentlich nicht eins

genau so wie's andere? Und sich förmlich die Beine in den Leib stehen

vor den ganz berühmten Gemälden!

Und dieser innerliche Zwang, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen

zu laufen, und eine förmliche Angst, seine Aufgabe für den Tag nicht

gemacht zu haben! Wie in der Schule!

Nee! Das reine Vergnügen war's gewiß nicht! Schön is anders!

* * * * *

Allmählich erst lebt man sich in einer fremden Stadt ein, aber dann

bemerkt man erstaunt, daß die Art, sich zu unterhalten, gewissermaßen

europäisches Gemeingut und darum auch hier eingebürgert ist. Papa

findet es in der _birreria_, wo man frisches Pilsner trinkt und sehr

lange sitzen bleiben kann; die Damen finden es im _tea-room_, wo alle

heimatlichen Genüsse sich darbieten. Winselnde Geigentöne und der

letzte Operettenkitsch, auch _one_ und _two step_, Süßigkeiten zu

essen -- _toltschi_, wie Mama mit täglich sich mehrender Kenntnis der

italienischen Sprache sagt -- junge, merkwürdig hübsche Offiziere, ganz

moderne, merkwürdig schicke Frühlingshüte, und kurz und gut, Klang und

Duft des internationalen _tea-room_, in dem Punkt 5 Uhr nunmehr wohl

das ganze faulenzende Europa sich begafft, anbietet und entgegennimmt.

Die Damen erholen sich von der Qual der Museumsbesuche und wiegen sich

in süße Träume bei den Klängen des letzten grauslichen Walzers.

Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten · 第 3 / 8 段