Anna knüpfte den Faden auf ein neues an. Sie habe gemeint, der Herr

Spanninger kenne sie noch, denn er habe ihr neulich nachgeschaut.

Das sei nicht darum gewesen, sagte Peter, sondern weil ihm das hübsche

Fräulein aufgefallen sei.

Das könne sie aber gewiß nicht glauben, erwiderte Anna, und sie sähe

deutlich, daß der Herr Spanninger sie verspotte. Denn es gäbe Schönere

als sie in Dürnbuch.

Es sei keine so hübsch, versicherte Peter.

O, da müsse sie lachen, sagte Anna, denn er sei ein galanter Herr, der

solche Dinge allen Mädchen sage. Aber sie wisse recht gut, daß vornehme

Leute gerne ihren Scherz trieben.

Peter schwieg und horchte mit Unbehagen auf Schritte, die vom untern

Ende der Gasse her klangen.

Das sei der Schuhmacher Brummer, flüsterte Anna, und Herr Spanninger

möge in das Haus eintreten. Sie nahm ihn bei der Hand und schlich auf

den Zehenspitzen voran.

Peter konnte nicht widerstreben, da die Schritte näher kamen. Es war

ihm jedoch in dem engen Hausgange keineswegs wohl zumute, und er

beschloß, baldigst Abschied zu nehmen.

Anna lehnte die Türe zu und lugte durch die Spalte hinaus.

Der nächtliche Spaziergänger kam vorbei, und es war wiederum stille.

Jetzt gab Peter kund, daß er nicht mehr länger bleiben könne; aber

das Mädchen ließ ihn nicht ziehen. Er müsse noch warten, denn der

Schuhmacher Brummer könne umkehren. Bei den Worten schmiegte es sich an

den jungen Mann; er fühlte ihre Schulter und roch den Duft ihrer Haare,

aber er rührte sich nicht.

Anna seufzte.

Was sich der Herr Spanninger denken müsse, daß sie jetzt so

mutterseelenallein im Dunkeln bei ihm stände?

Peter sagte, sie könne nichts dafür, daß sie sich verbergen müßten, und

es dauere nicht mehr lange.

Nein, nein! erwiderte Anna, so leicht sei es nicht zu nehmen, alle Welt

sei dabei, von einem Mädchen immer das Schlechteste zu denken, und der

Herr Spanninger habe gewiß eine schlimme Meinung von ihr.

Er habe eine gute Meinung von ihr, sagte Peter.

Anna seufzte wieder.

Das hoffe sie fest. Denn sonst müsse es sie bitter gereuen, daß

sie den Brief geschrieben habe. Und eigentlich, sie könne es nicht

begreifen, wie sie den Mut gefunden habe.

Es sei nichts weiter dabei, sagte Peter.

Für ihn nicht, erwiderte Anna. Aber was würden die Leute von ihr sagen,

wenn sie es erführen? Sie könnte sich nicht mehr auf der Straße blicken

lassen, so würden alle über sie herfallen.

Das erfahre niemand, sagte Peter.

Ja, das müsse der Herr Spanninger versprechen, das Geheimnis müsse

er wahren. Er dürfe nicht sagen, daß sie ihm geschrieben habe, und

er dürfe nicht sagen, daß er in ihrem Hause gewesen sei in der

stockfinsteren Nacht und ganz allein.

Er werde nie davon sprechen, sagte Peter.

Sie habe jedoch davon gehört, erwiderte Anna, daß die Vornehmen sich

darüber lustig machen, wenn sie einem Mädchen den Kopf verdrehen. Und

der Herr Spanninger habe gewiß viele Abenteuer gehabt und lache über

die Mädchen, die ihm Glauben schenkten.

Er werde gewiß nichts verraten, versicherte Peter, und überdem, jetzt

wolle er gehen.

Anna öffnete zögernd die Tür und schloß sie hastig wieder.

Denn auf ein neues klangen Schritte in der engen Gasse.

Es waren feste, grob aufgesetzte Tritte. Eilige Tritte.

Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen.

»Jesus! Der Vater!« flüsterte sie.

Peter fühlte sein Herz stille stehen. Er wollte hinaus in das Freie.

»Um Gottes willen nicht!« sagte das aufgeregte Mädchen. »Es ist zu

spät! Da hinein! Sie müssen da hinein!« Hastig zog sie ihren Besucher

in den Gang zurück, bis sie an eine Türe kam, die sie aufriß. Ein

dumpfer Kellergeruch schlug Peter entgegen, aber Anna ließ ihm keine

Zeit zur Besinnung. Sie gab ihm einen heftigen Ruck, also daß er

stolpernd nachfolgen mußte. Dann stand er schwer atmend in einem

moderigen Gewölbe und horchte. Die Haustüre wurde geöffnet. Eine rauhe

Stimme fluchte über die Nachlässigkeit, daß um diese Stunde nicht

abgesperrt sei. Dann rief die Stimme Anna beim Namen, mehrmals, und

mit jedem Male lauter. Dann klangen schwer genagelte Stiefel gegen die

Treppenstufen. Fröschl wollte über die Stiege hinaufgehen, um seine

faule Tochter zu wecken. In diesem Augenblicke machte Peter in seiner

Angst eine Bewegung und schlug mit dem Gewehrkolben heftig gegen die

Gießkanne, die hinter ihm stand. Der Schlag tönte laut durch den Gang,

und Fröschl schrie, was das sei? Hallo, was das sei?

Anna kam hervor und sagte, daß sie es wäre, und was der Vater wolle.

Fröschl herrschte sie an, was sie in der Kammer um diese Zeit zu tun

habe, und das wolle er gleich sehen.

Peter hörte, wie der grimmige Mensch mit einer Zündholzschachtel

hantierte, und dann sah er Licht aufblitzen.

Schreckliche Gedanken bestürmten ihn. Erinnerungen an teuflische

Geschichten von Menschen, die in verborgenen Kellern umgebracht

wurden, von Totengerippen, die erst nach vielen Jahren bei baulichen

Veränderungen gefunden wurden; von jungen Männern, die spurlos

verschwanden. Er warf sein Gewehr von sich, denn er dachte, daß der

Anblick der Waffe die Roheit seines Feindes steigern würde. Und er

schrie mit heiserer Stimme: »Schonen Sie mich! Ich bin der Sohn

achtbarer Bürgersleute!«

Was und wie? grollte Fröschl.

Und Peter wiederholte es:

»Halten Sie ein! Hier steht der Sohn ehrbarer Leute!«

»So, so, der Herr Spanninger!« höhnte Fröschl, indem er den

todbleichen Jüngling beleuchtete. Dann wandte er sich um gegen seine

Tochter, und als er merkte, daß sie über die Stiege eilte, folgte er

ihr mit schrecklichen Worten.

Peter tastete sich die Mauer entlang bis zur Haustüre. Er riß sie

auf und stürmte hinaus und lief mit tollen Sprüngen durch die

Kreuzgasse. Er lief bis in die Mitte des Stadtplatzes und machte erst

am Marienbrunnen Halt, um Atem zu schöpfen. Als er wieder zu sich kam,

hielt er Umschau.

Von drüben, wenige Schritte entfernt, blinkte das Licht über dem

goldenen Stern, dem ehrenvollen Wahrzeichen seines Hauses. Nie hatte es

ihm freundlicher gelacht.

Es überkam ihn wie Dankbarkeit gegen den Schöpfer, der es nicht

zugelassen hatte, daß ein Spanninger sein junges Leben verlor in den

schmutzigen Kellern des Fröschlhauses.

Dann ging Peter heim.

Er wartete die Gelegenheit ab, daß er unbemerkt auf sein Zimmer

schleichen konnte, und kleidete sich um. Seine Joppe und den Hut mit

der verwegenen Feder warf er beiseite, und als er gleich darauf in

der väterlichen Wirtsstube saß, fühlte er kräftiges Wohlbehagen und

herzliche Freude an der bürgerlichen Ehrbarkeit.

Er hoffte zuversichtlich, daß sein Abenteuer geheim bleiben würde.

Fröschl hatte guten Grund, über seine Mordpläne zu schweigen, und das

Mädchen nicht weniger. Denn sicherlich war das ein abgemachtes Spiel

gewesen.

Die Nacht schlief Peter unruhig. Arge Träume quälten ihn. Er sah einen

wilden Menschen und eine üppige Weibsperson in einem Keller schwere

Verbrechen begehen. Sie pökelten einen Leichnam in das riesige Krautfaß

ein; und der Tote trug die Züge des Peter Spanninger.

Schweißtriefend erwachte er. Es pochte heftig an die Türe; der

Hausknecht trat ein und brachte ein Gewehr. Der Fröschl habe es

abgegeben, sagte er und drückte sein linkes Auge bedeutsam zu und

lächelte.

Und dieses Gehaben mußte Peter durch mehrere Wochen sehen. Nämlich

alle Bräuburschen und alle Dienstboten und die Kellnerinnen und die

Gäste und der alte Sternbräu selber hatten es angenommen, mit den Augen

zu blinzeln, wenn sie Peter sahen.

Und noch viele Jahre später, als Herr Spanninger senior schon längst

von sämtlichen Vereinen zu Grabe geleitet war und Herr Spanninger

junior hinwiederum einen Sohn und künftigen Sternbräu erzeugt hatte,

erzählten sich die Dürnbucher, daß Peter gar seltsam hinter den schönen

Mädchen her gewesen sei.

Und auch dieses mehrte sein Ansehen.

Der Kohlenwagen

Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München

Ein großes, schwer beladenes Kohlenfuhrwerk fuhr auf dem

Tramwaygeleise, als eben ein Wagen der elektrischen Straßenbahn daher

kam.

Der Kutscher des Kohlenfuhrwerks sagte: »Wüst, ahö, wüst« und fuhr

so langsam aus dem Geleise, als wäre die elektrische Bahn nur eine

Straßenwalze.

Er bewerkstelligte auch, daß er gerade noch mit dem hinteren Rade an

den Wagen stieß.

Das Rad brach und der Kohlenwagen senkte sich krachend mitten in das

Geleise.

»Du Rammel, Du g'scherter, kannst net nausfahren?« schrie der

Kondukteur.

»Jetzt nimma, Du Rindviech!« antwortete der Kutscher. Und er hatte ganz

recht, denn eine Kohlenfracht kann man nicht auf drei Rädern wegbringen.

Der Kondukteur legte dem Fuhrmanne noch einige Fragen vor. Ob er

glaube, daß er das nächste Mal aufpassen wolle; ob er vielleicht

=nicht= aufpassen wolle und ob noch ein solcher dummer Kerl Fuhrmann

sei.

Dies alles brachte den Kutscher nicht aus seiner Ruhe.

Er stieg ab und stellte fest, daß das Rad vollständig kaputt sei.

Und da er infolge dieser Tatsache die Meinung gewann, daß sein

Aufenthalt von längerer Dauer sein werde, zog er die Tabakpfeife aus

der Tasche und begann zu rauchen.

Erst jetzt faßte er den Kondukteur näher ins Auge, und als er ihn

genug besichtigt hatte, erklärte er dem sich ansammelnden Publikum, daß

er =nicht= aufpasse, weder auf die Tramway, noch auf den Kondukteur.

Und dann lud er die Aktiengesellschaft sowie deren sämtliche

Bedienstete zu einer intimen Würdigung seiner Rückseite ein.

In diesem Augenblicke drängte sich ein Schutzmann durch die Menge und

stellte sich vor den Wagen hin.

»Was gibt's da? Was ist hier los?« fragte er.

»A hinters Radl is los,« sagte der Kutscher.

»So? Das wer'n wir gleich haben,« erwiderte der Schutzmann, und ich

glaubte, daß er ein Mittel angeben wolle, wie man umgestürzten Wägen am

schnellsten auf die Räder hilft.

Der Schutzmann zog ein dickes Buch aus der Brusttasche, öffnete es und

nahm einen Bleistift heraus, der an dem Deckel steckte.

Während er ihn spitzte, kam wieder ein elektrischer Wagen angefahren.

Der Lenker desselben machte großen Lärm, als er nicht vorwärts konnte,

und der Schaffner blies heftig in sein silbernes Pfeifchen.

»Was ist denn das für ein unverschämtes Gefeife? Wollen S' vielleicht

aufhören zu feifen?« fragte der Schutzmann und blickte den Schaffner

durchdringend an, während er den Bleistift mit der Zunge naß machte.

»So,« sagte er dann, indem er sich wieder zu dem Kutscher wandte,

»jetzt sagen Sie mir, wie Sie heißen tun.«

»Matthias Küchelbacher.«

»Mat-thi-as Kü-chel-bacher. Wo tun Sie geboren sein?«

»Han?«

»Wo Sie geboren sein tun?«

»Z' Lauterbach.«

»So? In Lau-ter-bach. Glauben S' vielleicht, es gibt bloß =ein=

Lauterbach? Wollen S' vielleicht sagen, wo das Höft ist? Tun S' ein

bissel genauer sein, Sie!«

Inzwischen hatte sich die Menge, welche den Wagen umstand, immer mehr

vergrößert.

Ein Herr in der vordersten Reihe untersuchte mit sachverständiger Miene

den Schaden.

Er bückte sich und sah den Wagen von unten an; dann ging er vor und

faßte die lange Seite scharf ins Auge, und dann bückte er sich wieder

und klopfte mit seinem Stocke auf die drei ganzen Räder.

Und dann sagte er, es sei bloß eines kaputt, und wenn es wieder ganz

wäre, könne man sofort wegfahren.

Die Umstehenden gaben ihm recht. Ein Arbeiter sagte, man müsse

versuchen, ob man den Wagen nicht wegschieben könne. Er spuckte in die

Hände und stellte sich an das hintere Ende des Wagens.

Dann sagte er: »öh ruck! öh ruck!« und schüttelte den Wagen, und

spuckte immer wieder in seine Hände, bis ihn die Schutzleute

zurücktrieben. Diese entwickelten jetzt eine große Tätigkeit. Sie gaben

acht, daß die Zuschauer sich anständig benahmen und in einer geraden

Linie standen. Das war nicht leicht. Wenn sie oben fertig waren,

drängten unten die Neugierigen wieder vor, und deshalb liefen sie hin

und her und wurden ganz atemlos dabei.

Noch dazu mußten sie acht geben, daß jeder Schutzmann, der hinzukam,

seinen Platz erhielt, wenn ein Vorgesetzter erschien, mußten sie ihm

alles erzählen, und wenn ein neuer Tramwaywagen daherfuhr, mußten

sie dem Kondukteur einschärfen, daß er nicht durch die anderen Wägen

durchfahren dürfe.

Ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen ist, weil ich nach zwei

Stunden zum Abendessen gehen mußte. Aber ich las am nächsten Tage mit

Befriedigung in den Blättern, daß der Polizeidirektor, der Minister des

Innern und unsere zwei Bürgermeister am Platze erschienen waren.

Auf Reisen

Aus: Pistole oder Säbel. Verlag Albert Langen, München

Ich fuhr nach Tirol. Das Coupé zweiter Klasse war gut besetzt. Neben

mir saß ein würdig aussehender Herr mit langen Koteletten, offenbar der

Gatte der beleibten Dame, welche so stark transpirierte und wie eine

Moschusseife roch.

Die drei jungen Mädchen, welche aus ihren Reisetäschchen

Ansichtspostkarten hervorholten und abwechselnd Lachkrämpfe bekamen,

schienen die Töchter des Ehepaares zu sein. Der Herr mit den Koteletten

versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln.

Ich muß hier eine Eigentümlichkeit meines Charakters erwähnen.

Ich besitze ein überaus sanftes Temperament. Wenn mich aber im

Friseurladen oder in der Eisenbahn ein Fremder anspricht, verspüre

ich ein sonderbares Prickeln in der Kopfhaut. Ich begreife in solchen

Augenblicken, daß es Kannibalen gibt, welche ihre Mitmenschen

auseinandersägen lassen.

Ja, ich beneide sie um die Macht hiezu.

Wenn der Herr mit den Koteletten eine Ahnung gehabt hätte, wie ich in

Gedanken mit jedem Gliede seines Körpers verfuhr, er würde geschwiegen

haben, er würde nicht den Mut gefunden haben, mir zu erzählen, daß es

warm mache und daß eine Reise im Winter verhältnismäßig angenehmer sei,

weil man sich gegen Kälte leichter schützen könne als gegen Hitze.

Er ahnte nichts und übersah es, daß in der Art, wie ich ihm den

Zigarrenrauch in das Gesicht blies, etwas Gefahrdrohendes lag.

Er übersah es so vollständig, daß er mir versprach, aus seinen

Reiseerlebnissen Beispiele anzuführen, welche die Richtigkeit seiner

Behauptung klarlegen sollten.

In diesem Augenblicke erinnerte ich mich, daß ich meine

schwergenagelten Bergschuhe angezogen hatte; ich wartete, bis er den

ersten Satz seiner Erzählungen begonnen hatte, und stieß ihm dann gegen

das linke Schienbein, daß ihm die Augen naß wurden.

Wenn er glaubte, daß ich mich nach seinem Befinden erkundigen würde,

täuschte er sich.

Ich verhielt mich schweigend und bemerkte mit Genugtuung, daß ihn die

Roheit meines Benehmens verstimmte.

Er wandte sich an seine Gemahlin.

»Bei dieser Hitze hätten wir auch was Besseres tun können, als reisen.«

»Dir zuliebe können wir nicht im Winter nach Tirol fahren,« erwiderte

die beleibte Dame ziemlich gereizt.

»Tja! Aber 'n Vergnügen is es nun gerade nich.«

»Otto, willst Du den Mädchen auch =diesen= Genuß verderben?«

Die Frage klang so drohend, daß niemand gewagt hätte, sie mit »ja« zu

beantworten. Der Herr mit den Koteletten auch nicht. Er setzte sich

zurück, rieb das Schienbein und las die Annoncen.

Vielleicht dachte er darüber nach, weshalb seine Meinungsäußerungen so

geringen Beifall fanden.

Die beleibte Dame warf ihm noch einen feindseligen Blick zu, welcher

genügte, den Mann auf eine halbe Stunde totzumachen. Dann ließ sie über

ihre Züge den Ausdruck mütterlichen Wohlwollens gleiten und schenkte

ihre Aufmerksamkeit den Töchtern.

»Ella! Hilde! Kinder, was habt Ihr?«

Die ältere, eine Blondine von knospendem Embonpoint, unterdrückte ihren

beängstigenden Lachanfall.

»Ach, Mama! Die Karte von Rudolf!«

»Zeig sie mal!«

Ella reichte eine bunte Ansichtskarte herüber. Ich saß so nahe, daß ich

das Bild sehen konnte. Ein dicker Student, auf einem Bierfasse sitzend,

in der einen Hand die Pfeife, in der andern den Maßkrug.

Die Mama las halblaut vor:

Ihr kneipt Natur

In Wald und Flur;

Ich kneipe hier

Bei Wurst und Bier.

Es war schrecklich, wie die Mädchen aufs neue kichern mußten; sie

hielten ihre Taschentücher vor, bissen darauf und ließen die Augen in

Tränen schwimmen.

Die beleibte Dame lächelte gütig und streifte mich mit einem Blick, in

welchem viel Mutterstolz lag.

Ich sah deutlich, daß sie mich auf Umwegen zum Sprechen bringen wollte,

und beschloß, ihr für diesen Fall auf den Fuß zu treten; es war ein

Glück für sie, daß der Zug hielt und die Coupétür aufgerissen wurde.

Ein Herr wollte einsteigen, aber die beleibte Dame erklärte energisch,

daß kein Platz frei sei.

Es entspann sich ein lebhafter Wortwechsel, in welchen auch der Mann

mit den Koteletten eingriff. Er schöpfte Mut aus der Gewißheit, auf der

gleichen Seite zu stehen wie seine Frau, und seine Haltung gewann an

Festigkeit mit jedem Satze, welcher von ihr beifällig aufgenommen wurde.

Anfänglich sekundierte er, dann übernahm er die Führung, und zuletzt

gehabte er sich so schrecklich zornig, daß ihm die Gemahlin ängstlich

abwehrte.

»Aber Männchen, beruhige Dich doch! Du bist ja entsetzlich in Deiner

Wut ...«

»Nein, Mausi, laß mich! Ich dulde nicht, daß man Euch zu nahe tritt.«

Und er brüllte wieder zur Coupétüre hinaus:

»Was glauben Sie eigentlich? Was fällt Ihnen ein? Sehen Sie nicht, daß

hier Damen sitzen? Diese Damen stehen unter =meinem= Schutze, haben Sie

mich verstanden? Unter =meinem= Schutze! Ich dulde absolut nicht ...«

»Aber Männchen!«

Die beleibte Dame klammerte sich ängstlich an ihn, als fürchte sie, daß

er im nächsten Augenblicke etwas sehr Unbesonnenes tun würde.

Er machte sich sanft aus der Umarmung los und schrie, daß seine Ohren

sich blau färbten.

»In Deutschland nimmt man Rücksicht auf Damen. Da könnte so etwas nicht

passieren, verstanden! Haben Sie in Oesterreich noch nicht gelernt, wie

man sich gegen Damen zu benehmen hat? Aber Sie irren sich, wenn Sie

glauben. Ich dulde absolut nicht ...«

»Männchen, setze Dich zurück! Ich bitte Dich ...«

»Nein, Mausi! Ich will mal sehen, ob man ...«

In diesem Augenblicke kam der Schaffner und erkundigte sich nach der

Ursache des Lärmes.

Der Herr draußen sagte sie ihm.

Der Schaffner konstatierte, daß nur sechs Personen im Coupé seien,

während vorschriftsmäßig acht Platz hätten.

Er schob den Herrn zur Türe herein, schlug zu und pfiff, worauf sich

der Zug in Bewegung setzte.

Der Mann mit den Koteletten beugte sich zum Fenster hinaus und rief dem

Beamten mit der roten Mütze zu:

»Natürlich! Das sind österreichische Zustände! Das sind echt

österreichische Zustände!«

Als keine Antwort erfolgte, zog er sich endlich zurück und sah so

martialisch um sich, als hätte ich ihm niemals in das Schienbein

getreten.

Ich beobachtete den neuen Fahrgast. Ein fetter, blonder Herr mit

Gesichtspickeln. Seine wasserblauen Augen sahen verständnislos in

die Welt; an seinen dicken, runden Fingern glänzten fünf oder sechs

Brillantringe.

Ich mußte sie bemerken, weil er häufig die rechte Hand mit einer

schönen Geste an den Mund führte und sich räusperte.

Er versuchte, der Reihe nach die drei Mädchen anzulächeln, aber er

begegnete sehr abweisenden Mienen.

Die beleibte Dame schoß ihm Blicke zu, welche ihm durch und durch

gingen.

Er fühlte sich sehr unbehaglich und wollte das eisige Schweigen brechen.

»Entschuldigen Sie, meine Herrschaften, aber ich bin sehr gegen meinen

Willen hier eingedrungen und bedaure lebhaft die Störung.«

Niemand schenkte ihm Gehör.

»Sie dürfen mir glauben, daß ich lieber in einem leeren Coupè fahre als

in einem vollen. Noch dazu, wenn geraucht wird. Ich bin Tenor.«

Die Wirkung seiner Worte war großartig.

Die drei jungen Damen wandten sich ihm lebhaft zu, und die Mama

glättete sämtliche Falten, welche ihre Stirn durchfurcht hatten.

»Sie sind Berufssänger?« fragte sie.

»Aber ja,« antwortete der Herr mit den Gesichtspickeln, »ich bin

Mitglied der Wiener Hofoper, wann Sie gestatten. Sperlbauer Pepi is

mein Name.«

»Sie sind hier zum Sommeraufenthalt?« fragte die beleibte Dame wieder.

»Ja; ich erhole mich etwas von den Bayreuther Strapazen.«

»Sie haben bei den Festspielen mitgewirkt?«

»Aber ja; ich habe im Ring mitg'sungen, wann Sie gestatten.«

Ein betäubender Lärm erhob sich.

»Elsa! Mama! Hilde! Im 'Ring'! Das ist ja gottvoll! Und wie er das

sagt! Ist er nicht süß? O, er muß uns etwas in das Album schreiben!«

»Kinder! Wir dürfen doch den Herrn nicht plagen.«

»Ach, Mamachen!« schmollte die Aelteste, »denk nur, was für Augen sie

bei Röpkes machen werden, wenn wir einen Vers von einem echten Sänger

haben. Bitte! Bitte! Mein Herr!« fügte sie schmelzend hinzu und sah den

Tenor seelenvoll an.

»Können Sie grausam sein?« fragte die Mutter.

»Aber bitte, wie können Sie glauben?« erwiderte Pepi Sperlbauer,

»ich schätze mich glücklich, wann ich so hübschen, jungen Damen eine

Gefälligkeit erweisen darf.«

Er sah dabei jede mit seinen wasserblauen Augen an und lächelte

gewinnend.

Fräulein Ella reichte ihm errötend ihr Album und einen Bleistift.

Er netzte ihn und sah zur Decke hinauf.

»Wann ich nur wüßte, was ich Ihnen schreiben soll.«

»O bitte! Irgend etwas. Eine Zeile. Einen Vers.«

»Vielleicht etwas von Wagner?«

Pepi Sperlbauer sprach den Namen aus, als wenn er mit drei a

geschrieben würde.

»Entzückend! Ja, das wäre herrlich!«

Der Sänger schrieb und überreichte mit einem innigen Blicke das Album

der Besitzerin.

»Ich bedaure nur,« sagte er, »daß ich bei der nächsten Station mich von

der liebenswürdigen Gesellschaft trennen muß. Aber freilich, Sie werden

froh sein, wann der Eindringling fort ist.«

»O, wie schade! Mama! Ach Gott, wie können Sie denken!«

»Eine gewisse Störung habe ich doch verursacht,« meinte der Tenor mit

einer kleinen Verbeugung gegen den Herrn mit den Koteletten.

Dieser fühlte, daß er etwas sagen sollte.

»Na, pardong! Ich hatte natürlich keine Ahnung, verehrter Meister,

aber ...«

Er kam nicht weiter, weil seine Frau ihn durch einen fürchterlichen

Blick in die Kissen zurückwarf.

Und weil der Zug hielt. Pepi Sperlbauer erhob sich und verabschiedete

sich mit vielen Verbeugungen und herzlichen Händedrücken.

Er winkte leutselig mit dem Hute, als wir weiter fuhren. Fräulein

Ella ließ ihr Taschentuch wehen und trat erst nach geraumer Weile vom

Fenster zurück.

»Wie schade, daß er schon aussteigen mußte!«

»Er wäre vielleicht geblieben, wenn nich jemand so roh gegen ihn

gewesen wäre,« sagte die Mama mit scharfer Betonung.

Der Herr mit den Koteletten vertiefte sich anscheinend in die Zeitung,

die ihn vor den Blicken der Gattin schützte.

»Was hat er nur in das Album geschrieben?« fragte Hilde.

»Ach ja, das Album!« Ella öffnete es hastig und las vor:

»Ehrt Eure deutschen Meister,

So bannt Ihr gute Geister.

=Pepi Sperlbauer.=«

»Wie hübsch! Wie geistvoll!« riefen die Töchter.

»Es ist aus den 'Meistersingern',« erklärte ihr Vater und sah über die

Zeitung herüber.

»Und es ist offenbar eine Anspielung, daß man sich gegen gottbegnadete

Künstler nicht so roh benehmen soll,« sagte die Mama.

Auf der Elektrischen

Aus: Nachbarsleute. Verlag Albert Langen, München

In München. Der schwere Wagen poltert auf den Schienen; beim Anhalten

gibt es einen Ruck, daß die stehenden Passagiere durcheinandergerüttelt

werden.

Ein Schaffner ruft die Station aus.

»Müliansplatz!«

Heißt eigentlich Maximiliansplatz.

Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft und kann die langen Namen

nicht leiden.

Ein Student steigt auf. Er trägt eine farbige Mütze, und der Schaffner

salutiert militärisch.

Er weiß: das zieht bei den Grünschnäbeln. Sie bilden sich darauf was

ein.

Und wenn sich Grünschnäbel geschmeichelt fühlen, geben sie Trinkgelder.

Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getäuscht.

Der junge Herr mit der großen Lausallee gibt fünf Pfennig.

Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht gleichgültig ins Leere;

er zeigt, daß er dem Geschenke keine Bedeutung beimißt. Der Schaffner

salutiert wieder.

Wumm! Prr!

Der Wagen hält.

»Deonsplatz!« schreit der Schaffner.

Heißt eigentlich Odeonsplatz.

Eine Frau, die ein großes Federbett trägt, schiebt sich in den Wagen.

Ein Sitzplatz ist noch frei.

Die Frau zwängt sich zwischen zwei Herren. Sie stößt dem einen den

Zylinder vom Kopfe.

Das ärgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker fester auf die Nase und

blickt strafend auf das Weib.

»Aber erlauben Sie!« sagt er.

-- ?! --

»Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!«

Die Leute im Wagen werden aufmerksam.

Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten · 第 2 / 8 段